Skip to main content

Full text of "Die Theater Wiens"

See other formats



p'l 



TP 



4 



TP 



ü 






~^N. 


1 




*L» 


t 




^ A 





DIE 



THEATER WIENS. 



ZWEITER BAND. 



ERSTER HALBBAND. 




WIEN. 

GESELLSCHAFT FÜR VERVIELFÄLTIGENDE KUNST. 



DAS 



K. K. HOFBURGTHEATER 



SEIT SEINER BEGRÜNDUNG. 



INHALT DES ZWEITEN BANDES. 



ERSTER HALBBAND. 



TEXT 



Seite 

Einleitung 1 

I. Der Wiener Hof und die höfliche Kunft vor Maria Therefia . 5 

II. Vom Kärntnerthor- zum Burgtheater 18 

III. Maria Therefia und das Theater 37 

IV. Die Hofdirettion und das erfte Theatre francais in der Burg 

(1752—1765) 66 

V. Das deutfche Schaufpiel während der erften Hofdireclion. — 

Durazzo's Ende. (1752 — 1765) 80 

VI. Die Herrfchaft des Ballets. Hilverding und Noverre. 

(1766-1776.) 104 



Seite 
VII. Jofeph von Sonnenfels' erfter Feldzug für die gereinigte Bühne. 

(1766—1768) 122 

VIII. Giufeppe d'Afflifio als Theater-Souverän im Reiche der 
Menschen und Thiere. — Kaunitz und Afflifio — Bender 

und Heufeld 135 

IX. Gluck, Kaunitz und Kohary als Bühnenleiter. — Afflifio's 
Ende. — Die letzten Tage der Burleske und der fran- 

zöfifchen Komödie 150 

X. Sonnenfels, Gebier und Leffing, und die Begründung des 

Nationaltheaters durch Kaifer Jofeph II 172 

Anhang. Anmerkungen zum ersten Halbbande I 



ABBILDUNGEN IM TEXT: 



Seite 

Randzeichnung von H. Lefler. Photogravure 1 

Suivant de Zephire. Nach einem Originalftiche von J. B. Martin 6 

Neptune. Stich von Gaillard nach J. B. Martin 7 

II Pomo d'oro. Stich nach L. Burnacini 9 

Das alte Kärntnerthortheater. Nach einem Stiche 31 

Das ältefte Burgtheater. Nach einer Zeichnung von A.Steininger 35 

Caterina Gabrieli. Nach einem Stiche 43 

Friedrich Wilh. Weiskern. Nach Jofeph Hi ekel 49 

Heinrich Gottfried Koch / von E. G. Hausmann. Nach den ( . 52 

Chriftiana Henriette Koch )' Stichen von J. B. Bernigeroth ( . 53 

Demoifelle Lorenz (nachmals Huberin und Weidnerin) 55 

Carl Gottlob Heydrich. Von Lange. Nach einem Stiche von 

J. E. Mansfeld 56 

Franz Graf Eszterhazy, erfter Oberdireftor der Wiener Speclakel. 

Zeichnung von H. Lefler 67 

M. Dugazon als »Cliton« im »Lügner«. Von H. Lefler 74 

Logenplan des Burgtheaters um 1760 77 

Friederike Caroline Neuber in der Rolle der Elifabeth. Nach dem 

Bilde von Hausmann 82 

Kopfleifte (Ch. G. Stephanie — Marie Anna Gottlieb — Karl 

Jacquet). Von H. Lefler 83 

Chriftian Gottlob Stephanie der Ältere. Stich von J. E. Mansfeld 84 
Johann Heinrich Friedrich Müller. Zeichnung von H. Lefler nach 

dem Bilde von Jofef Hickel in der Burgtheater-Gallerie . 85 

Madame Mecour. Nach einem Stiche 87 

Charles Goldoni. Nach einem Stiche 89 

Das alte Kärntnerthortheater 91 

Plan des Kämtnerthorlheaters 92 



Seite 

Das »neue« Kärntnerthortheater. Stich von J. E. Ma nsfeld . . . 99 

Mr. Garrick und Mademoifelle Violetti 110 

Anficht des alten Burgtheaters. Zeichnung von J. Urban . ... 113 

SignorR. Veltris fen. (1781). Stich von T. Miller 115 

Jean Georges Noverre. Stich von Saunders 117 

Aus dem Ballet »Alexander und Campaspe«. Stich von J. Mans- 
feld nach einerZeichnung von Lange (Aus dem Almanach 

des Theaters in Wien 1774) 118 

Aus dem Ballet »Adelheid von Ponthieu«. Stich von J. Mansfeld 
nach einer Zeichnung von Lange. (Aus dem Almanach des 

Theaters in Wien 1774) 119 

F. Heufeld. Stich von J. E. Mansfeld 123 

Titelblatt zu dem Luftfpiel »Der grüne Hut« 128 

Der Kranke in der Einbildung 131 

Baron Bender. Stich von J. E. Mansfeld 144 

Conrad Steigentefch. Von H. Lefler nach dem Porträt von Hickel 

in der Ehrengallerie des Burgtheaters 145 

Stephanie der Jüngere. Stich von J. E. Mansfeld nach Lange . 146 

Madame Abt. Stich von Ch. Geyser 148 

Tobias Philipp Freiherr von Gebier. Stich von J. E. Mansfeld . 157 

Oreft und Elettra. Aft. V. Sc. 9 165 

Eva König. Nach einem Stiche 180 

Jofef Lange als Hamlet — Therefia Brokmann — Friderike Weid- 
ner. Von H. Lefler • 189 

Koftümftudien. Von H. Lefler 193 

Hamlet. Afl. V. Sc. 9 194 

Chr. F. Weidner als Königin Elifabeth in »Gunft des Fürften«.Von 

H. Lefler 19S 



Titel- und Schlussvignetten, sowie Initial-Zeichnungen von H. Lefler. 



KÜNSTBEILAGEN AUSSER TEXT 



Titelblatt: Das k. k. Hofburgtheater feit feiner Begründung. 
Von H. Lefler. Photogravure. 

Giardini reali de' Tarquinj nel Gianicolo. Von Jofeph Galli- 
Bibiena. Photogravure nach einem Stiche von 
J. J. Lidl und J. \V. Heckenauer Nach Seite 8 

Kaiferin Maria Therefia. Holzfchnitt von Th. Hack nach 

unbekanntem Meifter „ „ 36 

Theater bei Hof 1765. Photogravure nach dem Stiche von 

Mine. Lefueur , „ 44 

Scene aus dem Schäferfpiel »Atalanta«. Von J. Chr. Gott- 
feh ed. Photogravure nach dem Stiche von Joh. 
EfaiasXilfon „ „ 48 

Chriftine Henriette Koch. Von Anton Graff. Photogravure 

nach dem Stiche von J. F. Baufe ,, „56 

Jacob Graf Durazzo, Oberdireclor der Wiener Theater 
(nachmals General-Spectakel-Direclor). Von M. van 
Meytens. Photogravure nach dem Stiche von 
Schmu tzer und Wagner , „68 

Charles Simon Favart, franzöfifcher Operndichter, Parifer 
Vertreter der Wiener Hofdirection. Von de Lorme. 
Zinkographie nach dem Stiche von de Lorraine ,, ., 72 

Marie Juftine Favart-Du Ronceray, Operndichterin, Schau- 
fpielerin und Sängerin. Von C. Vanloo. Zinko- 
graphie nach dem Stiche von J. D au lle ,72 

Madame Geoffroy-Bodin. Erfte Tänzerin und Sängerin 
des Theätre francais in der Burg. Photogravure 
nach einem Stiche von J. Seh mutz er ,, „ 76 

Johann Chriftoph Gottlieb (Bauern-Darfteller und Schöpfer 
der Jakerl-Figur). Von F. Oellenhainz. Photo- 
gravure nach einem Schabkunftblatte von A. 0. 
L'Allee „ 84 

Le Türe genereux (1758). Von Canaletto. Photogravure 

nach einem Stiche „ „112 

Jofeph von Sonnenfels. Von Lampi. Photogravure ... ,, „124 

Gluck. Von J. S. Duplessis. Photogravure 152 



Wenzel Anton Graf von Kaunitz - Rietberg. Von 
L. Tocque. Photogravure nach dem Stiche von 
J. Schmutzer NachSeitel60 

Kaifer Jofeph II. Holzfchnitt von W. Hecht nach unbe- 
kanntem Meifter 1 70 

Jofeph Lange als Albrecht in »Agnes Bernauerinn«. Von 
Jofeph Wolf. Photogravure nach dem Stiche von 
Carl Pfeiffer ( t) \~Q 

Die Mausfalle (Hamlet III. Aufzug, 2. Auftritt). Von 
D. C h o d o \v i e c k i. Photogravure nach dem Stiche 
vonD. Berger „196 

Innenansicht des alten Burgtheaters. Von F. Matsch. 

Photogravure 200 



Refolution der Kaiferin Maria Therefia, betreffend die neue Theater- 
Norma 1752. (Facsimile nach der Original-Handschrift der 
Kaiserin) 41 

Theaterzettel aus der Bernardon-Zeit. Facfimile-Reprodu<5tion . . 47 
Reglemens pour la Danse des Theatres de Vienne. Facfimile- 

Reproduclion 105 

Theater-Contract. Facfimile-Reproduftion 109 

Caffenrapporte und Caffenberechnungen aus dem Jahre 1770. 

Facfimile-Reproductionen 139 

Billet d'Afflifio's an Kaunitz (Handfchrift). Facfimile-Reprodudtion . 159 
Precis des Etats de la Depense du Theätre de Vienne. 1770 et 
1771. — Pränumeration des Places au Theätre pres de la 
Cour. Facfimile-Reprodu6tionen 163 

Depenses Generales du Theätre Francois de Vienne. 1769. 

Facfimile-Reproduclion 167 

Entwurf eines Theater-Memoires (von Kaunitz' Hand?). Facfimile- 

Reprodu&ion 199 




^ <?■■■.] 





-m I 







, ■ 



.-*** 



J/' 



\ 




THEUER ift dem Wiener fein Burgtheater. Er liebt 
es als den frifch fprudelnden Quell, aus welchem Gene- 
rationen lebensfroher Menfchen künftlerifche Labung 
gefchöpft haben ; er ehrt es als ein hochragendes, 
herrliches Wahrzeichen deutfcher Kunft und deutfchen 
Schriftthums in der öfterreichifchen Kaiferftadt. Mehr 
als eine räumliche Stätte, mehr als ein fchlichtes 
Komödienhaus bedeutet ihm das, was er fein Burg- 
theater nennt. Diefes Wort ift ihm die Bezeichnung 
für all' das Grofse und Schöne, das feit Menfchen- 
gedenken auf dem Boden der darfteilenden Kunft und 
des deutfchen Dramas in Wien erwachfen ift. 

In der Burg feines Kaifers war dem Wiener fein 
erftes wahres Volkstheater erftanden; ein neues Band 
knüpfte es zwifchen Herrfcher und Volk, es war der 
bleibende und lebendige Zeuge der nicht gewöhnlichen 
Thatfache, dafs fich die Entfaltung des deutfchen 
Schaufpiels und der Schaufpielkunft in Wien unter dem 
unmittelbaren Schutze und mächtigen Einflufse der 
angeftammten Dynaftie vollzogen hat. So war das 
»Hofburgtheater« in Wien dem Bürger niemals eine 
halb fremde, eine rein höfifche Sache. Wohl war das 
Mufenhaus, das man mit diefem Namen belegte, ein 
Theil des kaiferlichen Schloffes, ein Haus des Fürften- 
hofes; gleichzeitig aber war es allezeit ein Haus des 
öfterreichifchen Volkes, in welchem fich der Bürger 
ebenfo heimifch fühlte wie fein Kaifer. Es ift eben 



franzöfifche Komödie werden die weiteren Capitel des Werkes fchildern; dem luftigen Reiche des Hans 
Wurft, das der Vorgefchichte des Burgtheaters angehört, widmen wir hier nur jene Beachtung, welche 
die Darfteilung feines Unterganges, des Triumphes der fogenannten reinen und gelitteten Komödie 
fordert. 

Es wäre kühn, zu fagen, dafs diefe Gefchichte in jeder Hinficht vollftändig ift. Ich zweifle nicht 
daran, dafs mir manch werthvoller Beitrag zu meiner Arbeit unzugänglich oder unbekannt geblieben 
ift; an dem ehrlichen Willen aber, jede Quelle zu erforfchen und zu erfchliefsen, hat es nicht gefehlt, 
und fchon in der Gefchichte des »Alterthums« unferes Burgtheaters glaube ich viele dunkle und 
intereffante Partien aufgehellt zu haben. In der Folge fliefsen wohl die Quellen reicher, deutlicher aber 
tritt auch, namentlich in der gedruckten Zeitgefchichte, der Parteien Hafs und Gunft hervor, und 
mühiam mufs fich der Hiftoriograph, in fteter Berührung mit dem Aclenmaterial, mitten durch die 
Schaaren der ftreitbaren Burgtheater-Chroniften den Weg des Gerechten bahnen, bis er vorfichtig in 
das Reich der Lebenden tritt und endlich die Grenze zwifchen Vergangenheit und Gegenwart zieht. Um 
der guten Sache willen verzeihe man die Mängel des Werkes; reichbelohnt wüfste fich der Verfaffer, 
wenn man es gelten liefse als ein mit Pietät und ernfter Mühe aufgerichtetes, durch des Künftlers Hand 
reichgefchmücktes Denkmal unferes geliebten, alten Burgtheaters. 



WIEN, am 18. Auguft 1895. 



Oscar Teuber. 






ÄHREXD fich in den fächfifchen Gauen des heiligen römifchen Reiches 
deutfcher Nation jene grofse Reform der deutfchen Schaubühne vorbereitete, 
welche man mit dem Namen Johann Gottfried Gottfched verknüpft, während 
der gelehrte Leipziger Profeffor im Bunde mit der genialen, thatkräftigen 
Komödiantin Friederike Caroline Weifsenborn, genannt die Neuberin, der 
verfallenen und verwilderten deutfchen Bühne Rettung und Erhebung 
ankündigte, ftörte keine revolutionäre Regung das luftige Theater-Idyll in 
der Kaiferftadt Wien. Tiefer Friede herrfchte in allen Regionen diefer 
Theaterftadt. Hier fafsen alle Profefforen-Perücken ruhig auf den Häuptern, 
im Volke der Komödianten gehorchte man freudig undforgenlos dem Scepter 
des mächtigen Königs Hans Wurft, und die Verehrer einer geläuterten Kunft 

| fanden auf dem Gebiete der Mufik Anregung und Erhebung in reichem Mafse. 



Unfruchtbar war der Boden Wiens niemals für die Kunft gewefen. Unfere Stadt lag keineswegs 
abfeits von den Pfaden, welche die dramatifche Kunft bisher befchritten hatte. Die Myfterien und 
Moralitäten — die geiftlichen Komödien des Mittelalters — die Faftnachtsfpiele, Schul- und Bürger- 
Komödien gediehen in der alten Öfterreicher-Stadt ebenfowohl als in den Städten des »Reiches«. Die 
mächtigen Ordenshäufer, welche fich hier die Gefellfchaft Jefu errichtet hatte, waren bis zur Aufhebung 
der Gefellfchaft die fruchtbarften Stätten für die »Jefuiten-Komödie«, welche ja ihren befonderen Platz 
unter den Schulkomödien errang und fich in fcenifcher Hinficht fchwierige Aufgaben ftellte und ftarke 
Effecte erzielte. Die deutfche Schulkomödie hatte dem Wienerifchen Hans Sachs, Wolfgang Schmelzl, 
dem erfindungsreichen Schulmeifter bei den Schotten, im fechzehnten Jahrhundert eine Blüthezeit zu 
danken; Schmelzl's biblifche Komödien fanden nicht allein Zutritt in die hochragenden Stifte 
Öfterreichs, fie wurden auch hoffähig und erwarben dem deutfchen Idiom zum erften Male Geltung im 
Theaterfaale. 

Mächtig aber war der Einflufs eines kunftfinnigen und kunftbegeifterten Hofes im Reiche des 
mufikalifchen Dramas. Bis auf Maximilian I. führt man das erfte höfifche Theaterfpiel zurück; denn 
er war es, der dem »niederländifchen Spielmanne Paul v. Anntorf fammt feinen 3 Gefellen« die angeblich 
erfte Theatervorftellung übertrug. Die ganze Entwicklung der italienifchen Oper aber vollzog fich unter 
fteter Theilnahme und aufmerkfamer Förderung von Seite des Kaiferhofes. Schon als fich Rudolph II. 



6 



im Prager Königsfchlofse feine kaiferliche Einfiedelei fchuf, bildete eine von einem oberften Hofcapell- 
meifter und drei Yicecapellmeiftern geleitete impofante Hofcapelle mit weifchen Spielleuten und Sängern 
einen wefentlichen Beftandtheil feines prunkvollen Hofftaates. 

Ferdinand III. brachte die Capelle auf 80 Mufiker; die Productionen diefer erlefenen Künftler 
bereiteten ihm, dem erlauchten Jünger der holden Frau Mufica, die fchönften und edelften Freuden des 
Tages. Er beeilte fich auch, die aufserordentliche Entfaltung der jungen Oper in Italien in feinen 
Reichen zur Anfchauung zu bringen. Man weifs, dafs er auf dem Regensburger Reichstage (1653) die 
von feinem Hofcapellmeifter Bertali componirte Oper »L' Inganno amore« (Text von B. Ferrari) mit 
befonderem Glänze ausführen liefs. Die Mufik wurde zur nie fehlenden Begleiterin der Hoffefte: felbft 
Carrouffels wurden nicht infcenirt, ohne dafs für eine dem feftlichen Charakter entfprechende Begleit- 
mufik geforgt worden wäre. Wiederholt bewunderte man bei den Hoffeften jene Schäferfpiele, welche 
die übertreibende Empfindfamkeit und verfchwommene Poefie der Zeit hervorgebracht hatte; man hörte 
am Kaiferhofe prächtige »Paftoral-Komödien, die mit fehr lieblichen und hellklingenden Stimmen, Alles 
fingend, neben eingefchlagenen Inftrumenten und anmuthigen Saitenfpielen, nach dem ordentlichen 
Muficaltact in toscanifcher Sprach von Manns- und Weibsperfonen agiret wurden«. 

Diefer innige Zufammenhang des Kaiferhofes mit der Entwicklung der italienifchen Oper lockerte 
fich auch unter den folgenden Trägern der römifchen Kaiferkrone keineswegs; er offenbarte fich 
vielmehr immer erfreulicher und belebte und befruchtete das ganze mufikalifche Leben im Reiche, das 
ja doch wie ganz Europa in jener Zeitepoche feine künftlerifchen Anregungen, feine mufikalifche Nahrung 
und Bildung aus den wälfchen Landen erhielt. Die Italiener hatten in der Mufik in Wien, wie in 
ganz Deutfchland und England die fouveräne Herrfchaft erobert. Sie errangen diefe Stellung durch 
eine feltene Vereinigung glücklicher Umftände. War ihr Land vor allen anderen fruchtbar an 
Gefangskünftlern, fo war es ebenfo reich an poetifchen Talenten, welche die in trefflicher Schule 

gebildeten Meifter zu begeiftern wufsten, und 
ihren Melodieen fchmiegte fich die hochentwickelte, 
anderen Idiomen in ihrer Veredlung vorangeeilte 
Sprache innig an. Als eine »italienifche Erfindung« 
blieb die Oper noch lange Zeit italienifch, ja, man 
vermochte fie kaum von diefer Sprache und diefer 
Nation zu trennen. 

War aber Italien die Heimat und die Schule des 
einfach fchönen, des verzierten und des drama- 
tifchen Gefanges, der Compofition und Dichtung 
der Oper, fo war es nur natürlich, dafs die Kaiferftadt 
Wien, welche fozufagen an der Pforte des Südens 
lag und deutfches Wefen mit dem romanifchen in 
vielfacher Berührung zeigte, zur zweiten Heimat 
diefer edlen Künfie wurde. Die Regenten aus Habs- 
burgs Stamme, denen fich die Liebe zur Kunft treu 
vererbte, waren mehr als alle Fürflen bemüht, die 
liebliche Mufik mit ihren würdigen Interpreten aus 
der italienifchen Heimat in ihre Refidenz zu ver- 
pflanzen; unter Kaifer Leopold I. blühte fie üppig 
empor und konnte in diefer Blüthe felbft von den 
rivalifirenden Kunfthöfen zu Dresden und München 
nicht erreicht werden. Dort blitzte zwar mancher 




mufikalifche Stern blen- 
dend auf, mancher Meifter 
und manches Werk er- 
warb in köftlicher Aus- 
führung die Bewunde- 
rung der Welt, aber die 
emfige, verftändige Pflege 
durch dieMächtigften des 
Reiches und die frifche 
Empfänglichkeit des Pu- 
blicums ficherten. bei 
einer nahezu grenzen- 
lofen Munificenz der 
fürftlichen Protektoren, 
der italienifchen Mufik 
und Oper in Wien den 
erften Platz aufserhalb 
der italienifchen Heimat. 
Und war auch diefe Kunft 
nicht auf öfterreichifchem 
Boden erwachlen, lag 
auch die höfifche Oper 
abfeits von dem frifch 



- .--- =-- :- 


-------- - _ 






_ __^m^iis^ 






■HM 




B 1 . -VflHllIHll 
























"~'Mf " 


gMJ 


4** 


=, ^%_. '-; ^=111^111^= 






tt£ . : '/VI 


.^ r -- =l_ --= rr^2= 


111111h 




^jHfe 


*I%-mR^ 


^^P^^- TSE?! 


= ^--^-JC 


r-- -_ " " 




? -^Sb 


Eg^ -Sgl 




























= • =^t~>-.3 


"7 






^=^T=TT ( _T====^^== 


=■ ..% =--,-- -"i 


^=— ---i.-— ^4 






tS\Sp *i JEur" ** -^Nj^=. — 




P=H=^~. 3 






^ggZJirTf- ^ft^= 


" " .- 


1- 4* 


& 


^*'->- m ' 


^^"~ 


f" - ■ ' 


l t jS(r^ 








- "^jBi 


- 


: 


B'^V: tlflfl 






fj# gjjg § 


TS ;^S 


FvMs! 






















Mdf&J&r- ■■' :» " 




l^y - .■ ■ 






f$$$\; \ 


- 


■ - 


\ w 


äf? 


1 .**1V 




■--^= 




&f* ? 


.---Jv'% 


fjDKKg, 


-- 




ite 


ÄP' 




"_■ 




ÖS^»3? 


^2^E^2Ü*£Stf* 




■ ■ 






Br ffi- 




■ 






iSv Wf* 




Mji 




fcftl 


mkM< 


- 










jpyigfefe^rt^lt^ifcfe^r g -T»rga=^ j 






?*Ti"rj"TT i'f^ \*$&F 










J ß . Krim /^ 








öatiiartt Jajp 



'//(/IC-- 



fprudelnden Quell vater- 
ländifcher Mufik, einen 
tiefen und nachhaltigen 
Einflufs hat gerade fie 
auf die Heranbildung und 
Veredlung heimifcherTa- 
lente, auf die Läuterung 
desKunftgefchmacksund 
die Vorbereitung grofser 
Thaten aus dem eigenen 
Volke heraus geäufsert, 
und darum verdient fie 
jenen Ehrenplatz in der 
Wiener Theatergefchich- 
te, den ihr äufserer Glanz 
und künftlerifche Bedeu- 
tung gefichert haben. 

Wenn man erfährt, dafs 
in dem Zeiträume der 
Regierung Leopolds I. 
mehr als 400 Opern, 
Theaterfeftfpiele und Ora- 
torien in Wien aufgeführt 

wurden, fo ermifst man die rege künftlerifche Thätigkeit am Kaiferhofe. Und konnte es anders fein 
unter der Herrfchaft eines Kaifers, welcher fich felbft, als Schöpfer kirchlicher und dramatifcher 
Compofitionen, der Kunft zugehörig fühlte? »Wo etwas in der Welt gewefen, fo dem Kaifer Vergnügung 
gemacht, fo war es unfehlbar eine gute Mufik«, — fchreibt Eucharius Gottlieb Rink 1 . »Seine Capelle kann 
wohl die vollkommenfte in der Welt genannt werden, da der Kaifer allemal felbft das Examen angeftellt 
und wenn einer follte angenommen werden, blofs nach Meriten, nicht nach Neigungen geurtheilt ward. 
Der Kaifer war nicht nur ein Kenner der Mufik und Künftler auf mehreren Inftrumenten, fondern er war 
auch in der Compofition wohl bewandert. Es ift feiten in Wien eine Oper gefpielt worden, wozu der 
Kaifer nicht einzelne Nummern componirt hätte. . . .« Der Kaifer fühlte fich am wohlften im Kreife feiner 
Hofmufici, welche denn auch von ihrer Wichtigkeit im Hofftaate der Majeftät durchdrungen waren. Stolz 
und drohend rief einft einer diefer italienifchen Tonkünftler auf einem Hoffefte den Cavalieren, die ihm 
den Weg verfperrten, die hochtönenden Worte zu: »Ego sum Antonius Manna, Muficus facrae Caefareae 
Majeftatis — ich bin Antonius Manna, Hofmufiker der geheiligten kaiferlichen Majeftät« — und mit 
ironifcher Ehrfurcht gaben die Hofcavaliere freie Bahn für den ftolzen Sohn der edlen Frau Mufica. 
Die Achtung, welche des Reiches Oberhaupt echten Künftlern offen zollte, adelte den ganzen 
Mufikerfiand. Wir fehen das Wunderbare, dafs zu einer Zeit, da der deutfehe Komödiant noch in tiefer 
Erniedrigung, von der gefitteten Gefellfchaft gemieden, feine Kunft ausübte, der Kaifer und die Mitglieder 
feiner Familie, die höchften Cavaliere und vornehmften Damen des Hofes bei den grofsen Opernfeften 
felbft mitzuwirken nicht unter ihrer Würde fanden. Wir fehen, dafs fich im Jahre 1659 der Kaifer in 
»Re Gelidoro« perfönlich an die Spitze eines prachtvollen Ritterzuges fetzt; in »Elice« tanzen anno 
1666 die Erzherzoginnen Leonore und Marianne; Erzherzogin Marianne übt diefe Kunft in mehreren 



ll r 



i Leopolds des Grofsen, Rom. Kayfers wunderwürdiges Leben und Thaten aus geheimen Nachrichten eröffnet und in 4 Theile getheilet 



Cöln 1707. 



8 

Hoffeflfpielen aus, in »Palladio di Roma« (1685) tanzen neben Grafen. Die Cavalier-Spiele bilden 
ebenfo wie die Produktionen berühmter Virtuofen einen feften Programmpunkt in der Reihe der Hoffefte. 
Zu den markanteften Figuren des Hofftaats gehören aufser den Meiftern und Mufikern der Hofcapelle 
die zumeift italienifchen Hofpoeten, denen die Verfertigung der Texte für die grofsen Feftopem (»feste 
teatrale«), die kleineren (Buffo-) Opern, Oratorien und Cantaten obliegt. Sanceo, Bertaldi, Amalteo di 
Uderzo, Sbarra, Xicolo conte Minato, Cupeda, der berühmte Franciscaner und Tenorift Antonio Cefti 
u. A. zählten zu den Zierden der kaifeiiichen Poeten-Schaar. Von den Mufikem gewann der fruchtbare 
Antonio Draghi (geboren 1642 zu Ferrara, geftorben 1700 zu Wien) als Capellmeifter der Kaiferin 
Eleonore und Intendant der Hofmufiker des Kaifers (»intendente delle musiche Teatrale di S. M. C.) 
einen grofsen Einflufs auf das mufikalifche Leben Wiens. Er hat nicht weniger als 161 Opern und 
Theater-Feftfpiele und 29 Oratorien gefchaffen; feine mufikalifchen Scherzfpiele (»La Risa di Democrito«, 
»La Laterna di Diogene«, »La Pazienzia di Socrate con due Moglie«) bedeuten einen intereffanten 
Anlauf zur komifchen Oper. Für die Aufführung folcher heiteren Opern, die im Fafchingsvergnügen 
des Hofes nun nie mehr fehlen durften, waren Hofcapelle und Hofballet unter Draghi's Befehle geftellt. 
Wenn der Dichter zum Beifpiel das tragifche Schickfal der Athenienfer fchildert, denen die Regierung 
zur Hebung der Population je zwei Ehefrauen verordnet, wenn er im Boudoir der Gemalinnen des armen 
Socrates, Xantippe und Amitta, reizende Zankduette fingen läfst, fo verfäumt er auch nicht, die 
»Hoftantzer« zu einem grofsen Ballet der athenienfifchen Jünglinge und der doppelt-beweibten Ehe- 
männer aufzubieten, und der Ingenieur und Truchfefs Seiner kaiferlichen Majeftät, Sgr. Ludovico 
Burnacini, baut einen prachtvollen Senatspalaft mit feenhaften Gärten dazu, damit das Auge ebenfo 
erfreut werde wie Geift und Ohr. 

Schauplätze diefer höfifchen Spiele waren zunächft die Schlöffer des Monarchen; als man 
aber im Jahre 1666 das Beilager des Kaifers mit der Infantin Margaretha in befonders grofsartiger 
Weife durch ein künftlerifches Feft begehen wollte, errichtete man auf dem Burgplatze ein eigenes, 
mächtiges Theatergebäude, welches nicht weniger als 1000 Darfteller und zahllofe Zufchauer füllten. 
Die Feftoper »II pomo d'oro«, (Text von Francesco Sbarra, Mufik von Padre Cefti), bedeutete 
gewiffermafsen die äufserfte Vollendung des höfifchen Mufik-Feftfpiels; Zeitgenoffen nennen fie begeiftert 
»ein Werk, welches niemals ift gefehen worden und vielleicht auch, weil die Welt fteht, niemals wird 
gefehen werden«. Den Stoff zu folchen Opern entnahm man in der Überzeugung, die Oper muffe 
fich der antiken Tragödie mit ihren Chören fo innig als möglich anfchmiegen, ausfchliefslich der 
Mythologie oder der antiken Heldengefchichte; die Allegorie trat allmählich mehr in den Hintergrund. 
Stellte fich der Mangel an Ideen ein, fo griffen die Mafchiniften und Decorationskünftler mit grofs- 
artigen Scenerien ein, welche durch Tänze, Aufzüge, Land- und Waffer-Schlachten belebt wurden. 
Diefes effeclreiche Feftfpiel lief in eine gefungene, finnreiche Huldigung an den Spender alles Guten in 
der Kunft, den Herrn des Mufenhaufes, den Kaifer, aus. In dem prächtigen Feftfpiele vom »goldenen 
Apfel« endet Jupiter den langwierigen Streit der im modifchen, goldblitzenden Gewände prangenden 
Göttinnen mit dem Spruche, er werde den Apfel folange bewahren, bis er eine irdifche Fürfientochter, 
fchön wie Venus, weife wie Minerva, erhaben wie Juno, als würdige Empfängerin der Gabe entdecken 
werde. Margarethe, die neuvermählte Kaiferin, ift diefe Perfon: ihr fprechen neidlos die drei 
Olympierinnen das Kleinod zu. 

Das grofse Hoftheater Leopold I., welches folche Spiele gefehen, follte nicht lange mit all' feiner 
Pracht beftehen. Während der Belagerung Wiens durch die Osmanen (1683) ging man daran, das mit 
einer Fülle von brennbaren Stoffen ausgeftattete Holztheater abzutragen, um die Burg und das 
Auguftinerklofter von der gefährlichen Xachbarfchaft zu befreien. Bevor aber die Abtragungsarbeiten 
vollendet waren, ftürtzte das Gebäude mit furchtbarem Getöfe in fich zufammen. Nach der Befreiung 
Wiens wurde das Theater wohl zeitweilig wiederhergeftellt, follte jedoch gegen Ende des Jahrhunderts 







o 

: 

i — 

< 



o 



■ 



< 

\ — i 

< 
3 



« 






9 




// Porno <foro. 



durch einen noch impofanteren Bau erneut werden. Schon war zwei Jahre daran gearbeitet worden, als 
in der Nacht des 16. Juli 1699 durch Unvorfichtigkeit einiger Handwerker ein verheerender Brand 
ausbrach und das neue Gebäude in Trümmer legte. 

Diefe traurigen Schickfale der Mufenhäufer unterbrachen keineswegs die Pflege der Kunft, welche 
Raum genug in den kaiferlichen Schlöfsern der Refidenz fand. Die Nachfolger Leopolds I. auf dem 
römifchen Kaiferthrone, Jofeph I. und Carl VI., hatten ja von dem erften Leopold die Liebe zur Mufik, 
die Freude an theatralifchen Aufführungen, an kunftreichem Spiele und Tanze geerbt. Jofeph I. 
errichtete der Kunft einen neuen, wahrhaft kaiferlichen Palaft, der fich zwifchen der Bibliothek und der 
fpäter begründeten Hof-Reitfchule erhob. Die berühmten Architekten Bibiena 1 leiteten die künftlerifche 
Ausführung des Baues, deffen malerifche Ausfchmückung allein die Summe von 50.000 Reichsthalern 
Verfehlungen haben foll. 

Zwei Säle waren den künftlerifchen Veranstaltungen des Hofes gewidmet; der kleinere follte bei 
Vermälungsfeierlichkeiten die Brauttafel aufnehmen, zur Fafchingszeit der Opera buffa und Burleske 
dienen. Der gröfsere Saal war der Opera seria geweiht und mit allen Mafchinerien und Decorationen 
ausgerüftet, welche der Ausftattungsprunk der grofsen höfifchen Oper forderte. Eine folche Oper 
»II Natale di Giunone, festiggiato in Samo«, Text von Stampiglia, Mufik von dem vortrefflichen 
Giovanni Bononcini, eröffnete am Geburtstage der »kaiferlichen Juno«, der Gemalin Jofephs L, am 



« Dem Vater Ferdinando Galli-Bibiena, einem Parmefaner, der als Theaterarchitekt und Decorateur Weltruf erlangte, wurden feine 
Söhne Giufeppe und Antonio nahezu ebenbürtig in der Kunft. 1726 erhielt Giufeppe das bisher vom Vater verwaltete Amt des erften, Antonio das 
des zweiten kaiferlichen Theatral-Ingenieurs. 



10 

21. April 1708 das neue Haus, das noch lange, zum Unterfchiede von anderen, als das »fchöne« und 
»prächtige« gepriefen wurde und ebenfo prächtige Aufführungen erlebte. 

War Jofeph I. ein Schätzer, Gönner und Jünger der Kunft, fo blieben unter der Regierung feines 
kaiferlichen Bruders Carls VI. die Mufen der Wiener Kaiferburg ebenfo nahe als hold. Von feiner 
Begeiferung für alle Schöpfungen wahrer Kunft zeugen noch heute ragende Paläfte und Denkmale in der 
Refidenz. Die Pflege der Mufik und der höfifchen Oper war eine noch regere als zuvor; hätte der Kaifer 
feinem Hofe gern die gröfsten Gelehrten feiner Zeit, wie Leibnitz, gewonnen, fo fcheute er vor keinem 
Opfer zurück, um die gröfsten Meifter der Kunft, Componiften und Operndichter, um fich zu fammeln. 
Konnte er auch gering von der Kunft denken, wenn er felbft einen hohen Ehrgeiz darin fuchte, an der 
Compofition von Opern und anderen Werken theilzunehmen, ja felbft an die Spitze feines gediegenen 
Orchefters zu treten? Gern fah es der Kaifer, wenn feine eigenen Töchter, Erzherzogin Maria Therefia, 
nachmals die Erneuerin Habsburg'fcher Gröfse, und Erzherzogin Maria Anna, in den graziöfen und 
ceremoniöfen Balleten der von Cavalieren dargeftellten Feftfpiele mitwirkten oder den kaiferlichen 
Vater an feinem Namens- und Geburtstage mit dem Gefange wohlgefetzter Cantaten überrafchten. 

Diefe Vorftellungen des Hochadels nahmen nun, da man das freudige Intereffe des Monarchen 
daran wahrnahm und durch die Mitwirkung der erften Damen des Reiches angeeifert wurde, einen 
aufserordentlichen Auffchwung und gehörten zu den regelmäfsigen Erfcheinungen im Vergnügungs- 
Programme der Gefellfchaft. Zu keiner Zeit vielleicht war ja Wien fo fehr der Sammelpunkt des Adels 
aus dem römifchen Reiche und den Erblanden; die zahlreichen Botfehafter, Gefandten und Vertreter 
der europäifchen Mächte und der kaum zu zählenden kleinen deutfehen Fürftenhöfe und Reichsftände 
vermehrten die Hof- und Adelsgefellfchaft und damit auch die zur Veranftaltung grofsartiger höfifcher 
und gefellfchaftlicher Vergnügungen nothwendige Zahl tüchtiger Kunft-Dilettanten. Schon die kaifer- 
lichen Edelknaben wurden für diefen Zweck durch die fogenannten »kaiferlichen Knaben-Tanzmeifter« 
— längere Zeit bekleideten die Herren Carl de Selliers und Peter Riegler diefen Poften — dreffirt 
und zu befonderen Opernvorftellungen vereinigt, welche das Carnevals-Repertoire belebten. In den 
Paläften des Adels veranftaltete man Aufführungen »Erwachfener«, und nicht feiten erfchienen die 
Majeftäten felbft in den Häufern der beglückten Cavaliere oder liefsen fich diefe Vorftellungen in der 
Hofburg wiederholen. 

Von einem ganz befonderen Theaterfefte berichtet das »Wiener Diarium« am 16. Mai 1724. 
Damals wurde, wie der Chronift verzeichnet, »bey Hof auf einem eigens dazu verfertigten Theatro im 
Beyfeyn deren allerhöchften kaiferlichen Monarchen, dann deren durchlauchtigften Leopoldinifchen 
Ertzherzoginen, des Erbprintzen aus Lothringen Durchlaucht, wie auch des hiefig- und fremden höchften 
Adels eine noch niemals dahier und faft durch gantz Europa gefehene Lob- und fehenswürdigfte Opera, 
wobei auch die durchlauchtigften Carolinifchen Erzherzoginnen und Infantinnen, als Maria 
Therefia und Maria Anna, die Täntze aufgeführt und die Aclores, Täntzer und Täntzerinen 
und der volle Chorus-Muficus, aus lauter adeligften Perfonen beftanden, mit gröfster Magnificenz 
und Ruhm zum erften Mal vorgeftellt.« 

Die von Apoftolo Zeno gedichtete, von Caldara componirte Oper betitelte fich »Euryftheno«. 
Unter den darftellenden Perfonen finden wir den Prinzen Luigi Pio di Savoia, den Marquis Gallerati, 
die Gräfinnen Margarethe Orfini, Judith Starhemberg und Johanna Berg, den Grafen Ferdinand Harrach 
und den Marquis Pietro Stella. Im Ballet tanzten aufser den beiden Erzherzoginnen die Gräfinnen 
Rofalia Thurn-Valfaffina, Chriftine Salm, Jofepha Henckel, Antonie Sinzendorf, Eleonore Goes, 
Jofepha Fünfkirchen, Ifabella Styrum, FranciscaThürheimb, Maria Anna Althann, Maria Anna Serbelloni, 
Wilhelmine Souches und Sofie Wurm (Wrbna?), die Grafen Carl Salm, Anton Straffoldo, Jofeph 
Czobor, Heinrich Schlik, Franz Schrattenbach, Wenzel Vernier, Cäfar Capitani, Carl Althann, Leopold 
Kinsky, Carl Cobenzl und Sigmund Khevenhüller, der Fürft Rofranö und Baron Weftenrad. Aber auch 



11 

das gefammte Orchefter war aus Mitgliedern der Ariftokratie zufammengefetzt. So fafsen bei den 
Geigen Mitglieder der Familien Lobkowitz, Lamberg, Stubenberg, Wartemberg, Pachta, Piccolomini, 
Proskau, Aspremont und Lazarini; Graf Adam Queftenberg fpielte die Theorbe, Graf Friedrich Cavriani 
den Fagott, die Grafen Baptift Pergen, Sigmund Herberftein und Johann Hardegg das Violoncell, ein 
Graf Truchfefs war Oboift, Graf Ferdinand Pergen fchlug das Cymbal. 

Diefe merkwürdige Vorftellung gelang fo aufserordentlich, dafs man fie zweimal wiederholte, 
worauf fich die Damen und Herren mittelft »Loofs-Zetteln« befondere »Prämia«, beftehend in Schmuck 
und koftbaren Xippes, gewannen. Aufser diefen »Cavaliers-Opern« und dramatifchen Scherzen (»Cavaliers- 
Burlesken«) durfte im Fafchingsrepertorium auch die beliebte »Bauernhochzeit« oder die »Wirthfchaft 
bei Hofe« nicht fehlen, welche die ganze Hofgefellfchaft, von den Majeftäten abwärts, in artigen Bauern- 
Masken und in zwanglofer Gemüthlichkeit zeigte. Bei einem »Nachtmahl« in der Burg wurden Zettel 
gezogen, und jede Dame, jeder Herr las darauf die Rolle, die ihm bei dem luftigen Bauernfpiel zugedacht 
war. Bei einem diefer Fefte, welche lebhaft an unfere Bauernbälle gemahnen, am 21. Februar 1719, fah 
man den polnifchen Krön- und fächfifchen Churprinzen als Bauernbräutigam; Erzherzogin Elifabeth war 
die Brautfchwefter, Erzherzogin Magdalena eine Kranzeljungfrau, Erzherzogin Amalia eine Hanakin und 
Erzherzogin Maria die »vierte Dirn«; der geftrenge Feldmarfchall Prinz Max von Hannover mufste fich 
mit der Rolle des zweiten Knechts und Prinz Alexander von Württemberg mit der eines Tiroler Bauern 
befcheiden. 

Am 29. Februar 1724 fungirte bei derfelben Gelegenheit das Kaiferpaar als Wirth und 
Wirthin zum fchwarzen Adler; bei der »Wirthfchaft« im Jahre 1730 war Maria Therefia eine nieder- 
öfterreichifche Bäuerin, Erzherzogin Magdalena ein Soldatenweib. Ein herrlicher Ball im Bauern- 
coftüme befchlofs ftets diefe luftigen Spiele. Diefe »Wirthfchaften« leitet man bis in das XVI. Jahrhundert 
zurück; im Jahre 1573 foll die erfte »Pauernhochzeit« am Wiener Hofe dargeftellt worden fein, in der 
zweiten Hälfte des XVII. Jahrhunderts wurde das ländliche Scherzfpiel, welches die Grofsen diefer Erde 
auf ein Stündlein in ganz gewöhnliche, fogar recht niedrige, aber äufserft vergnügte Menfchenkinder 
verwandelte, allgemein; unter Carl VI. erreichte es feine Blüthe — es gab italienifche und deutfche 
Dichter, welche die Schöpfung folch' heiterer Spiele zu ihrem Berufe erwählten. 

Das Carnevals-Repertoire eines einzigen Monats — wir nehmen zum Exempel den Februarius des 
Jahres 1729 — gibt uns ein intereffantes Bild der vorwiegend künftlerifchen Fafchingsvergnügungen 
des Wiener Hofes in der Carolinifchen Zeit. Da gab es am 6. des Monates »eine von den kayf. Herren 
Edelknaben im fpanifchen Saale vorgeftellte luftige italiänifche Theatral-Burlesca«; am 8. auf dem 
kleinen (Hof-) Theater eine komifche Oper »Die Gewitzigten« von Pasquini und Caldara, am 11. und 
14. Wiederholungen diefer beiden Vorftellungen, am 17. Nachmittags eine »von fürnehmen Herren 
Cavaliers und Dames dargeftellete extrafchöne und mit befonderen Annehmlichkeiten ausgezierete 
Tragoedie eines fröhlichen Endes, Sesostris benannt«, wobei fich die Herrfchaften mit einem 
Juwelenfchatze im Werthe einer Million bedeckten. Den Sesostris gab ein Graf von Schlik, unter 
den Tänzern war Graf Daun, damals Hauptmann, der nachmalige Sieger von Kolin; — am 19. und 
22. Februar fpielten wieder die Edelknaben eine italienifche Komödie im fpanifchen Saale der Burg, 
am 20. Hellten fich die Kammermufici in der Antecamera der Kaiferin mit einem Marionetten-Spiel ein, 
und am 1. März war große Bauernhochzeit. Das Kaiferpaar war ftets unter den Zufchauern, und 
kargte nicht mit feinem Beifalle und feinen Gefchenken. Kaifer und Kaiferin faßen bei den Komödien, 
wie Baron Pöllnitz, ein langjähriger Beobachter des bei allem fpanifchen Ceremoniel fo wienerifch 
gemüthlichen Hoflebens berichtet, im Parterre. Der Kaifer nahm den erften Platz ein, die Kaiferin ihm 
zur Linken, die Erzherzoginnen in gleicher Reihe. Alle diefe Mitglieder der kaiferlichen Familie hatten 
Lehnftühle derfelben Gröfse und Höhe mit einem Gueridon rückwärts, auf welchem ein Kerzen- 
leuchter ftand. 

3- 



12 

Der Spiritus Rector aller theatralifcher Veranftaltungen, namentlich aber der zahlreichen höflichen 
Mufik- Aufführungen, war unter Carl VI. der berühmte Verfaffer des »gradus ad parnassum«, der »Vater 
des ächten teutfchen Satzes», der erfte Hofcapellmeifter Johann Jofeph Fux, ein Sohn der grünen 
Steiermark (geboren 1660 zu Hirtenfeld bei Marein). Er war nach Johann Heinrich Schmelzer, dem 
vortrefflichen Geiger und erften deutfchen Hofcapellmeifter (geftorben 1680), der zweite Deutfche, 
welcher in jener »wälfchen« Zeit das Scepter im Wiener Mufikreiche und unbedingte Autorität über 
Deutfche und Wälfche gewann. Im Jahre 1713 hatte er den Glücksfprung vom wohlbefiallten Organiften 
am Gotteshaufe der Schotten zum Vicecapellmeifter gemacht, 1715 wurde er wirklicher Hofcapellmeifter. 
Von nun an fühlte er fich als General-Statthalter des Kaifers in dem Kunftreiche Wiens, als »Capo« 
und oberfter Chef der gefammten Hofmufik, und war nicht wenig indignirt, als der Kaifer die Hof- 
Charge eines »cavaliere direttore di musica«, eines Proteclors und Oberdirectors der Mufik, welche 
fchon unter Jofeph I. der grofse Mufikkenner Marchefe di Santa Croce bekleidet hatte, neu befetzte. Mit 
dem Cavaliere direttore Principe Luigi Antonio Pio di Carpi di Savoia, einem kaifertreuen Italiener, 
guten General und ebenfo guten Musik-Dilettanten, gerieth der deutfche Hofcapellmeifter fogar in 
einen ganz lebhaften Competenz-Conflict, der dem Fürften weitaus heifser machte als der Donner 
der Schlachten. Wie ein gereizter Löwe fuhr Meifter Fux als der echte »capo di musica« gegen den 
unbequemen »Protector« los, als lieh Fürfl Pio in eine nebenfächliche Perfonalangelegenheit mengte. 
Nur der Kaifer konnte den braven Capellmeifter beruhigen; aber ein leifes Knurren halbunterdrückten 
Ingrimms ift doch noch manchmal aus den Acten des Meifters herauszuhören. Thatfächlich hatte 
Fux das Ohr des Kaifers, und feiten wurde ein Künftler in Wien angefleht, ehe Maeftro Fux nicht 
fein gewichtiges Votum in der Sache gefprochen hatte. Der Stand der Hofcapelle flieg bis zur Zahl 
von 134 Perfonen, ihr Etat auf 200.000 fl. jährlich, wobei allerdings mancher Invalide grofsmüthig 
beibehalten wurde: böswillige Leute fpotteten weidlich über das »Hofpital der kaiferlichen Virtuofen«. 
In diefem »Hofpital« aber wirkten Künftler von Weltruf; hier bildeten fich wahre Virtuofengefchlechter, 
wie die Pofauniftenfamilie Chriftian, und die »Hoffcholaren« bildeten einen beftändigen Nachwuchs. 
Der Sängerchor des Hofes beftand aus 44 Perfonen, und neben den Tenoren und Baffen, den (die Höhe 
von Knaben- und Frauenftimmen erreichenden) Falfettiften und italienifchen Caftraten errangen allmälig 
auch die Hoffängerinnen Geltung. Die Italienerinnen Landini, Lorenzoni, Badia, Rofa d'Ambreville 
erhielten auch Deutfche oder Niederländerinnen, wie Regina Scoonians, Therefia Holtzhaufen, Anna 
Barbara Rogenhofer, zu ebenbürtigen Colleginnen. Jahresgehalte bis zu 4000 fl. bezeichneten den 
fteigenden Werth einer fchönen Frauenftimme. Die Baffiften Bertinger, Praun und Berti, die Tenoriften 
Poyer, Garghetti und Borghi, die Altiften Orfini, Antonelli und Appiani, die Sopraniften Genovefi, 
Monterifo und Salimbeni zählten zu den »Virtuofen di prima sfera« und wirkten felbft wieder als 
lehrende Meifter. 1 

i Nach einem im Hofkammer-Archiv befindlichen Verzeichnifs der >kayf. Capelle u. Theatral-Mufic, wie diefe mit ende Dez. 1737 in der 
bekoftung geftanden< ift, beftand das fpeciell zum Theaterdienft beftimmte Perfonal der Hofcapelle aus folgenden Perfonen, deren Jahresbezüge (die 
eingeklammerten Ziffern bedeuten Extrazulagen) beigefügt find: Infpector musicae: Herr Ferdinand Graf v. Lamberg, 4000fl.jährl. Befold. (4000 fl. 
Beiträge); Capellmeifter Joh. Jof. Fux 2500 fl. (600 — 2100), Vicecapellmeifter, dermalen vacant 1600 fl. — Sängerinen: Regina Sconians 
2700 (1500), Maria Anna Schulzin genießet nebft ihren Mann Ludwig Schulz, kayf. Hautboift 1200 fl. (1000 Beiträge), Anna dAmbreville-Perroni 
1620 (800), Rofa d'Ambreville vereh. Borofini 1800 (900), Lucrezia Panizza 400 (400), Anna Barbara Rogenhoferin vereh. Schnauzin 1000 
(800), Therefia Holzhaußin anjetzo Reutterin 1500 (1500), Barb. Pifani 1500 fl. — Compositores: Carl Pädia 1440 (1000), Giufeppe Porfile 
1440 (1200), Georg Reutter 1200 (1000), Don Matteo Pallota Priefter 400 (400). — Poeten: Antoni Prokoff 600 (600), Apoftolus Zeno 4000 
(2000), Pietro Metastafio 3000 (2400), Giov. Claudio Pasquini 1000 (1000). — Scholaren mit 360 fl. Gage, 360 fl. Zulage: Nicolaus de Scio, 
Joh. Schnauz, Ignaz Conti, Mathias Carl Reinhardt, Maria Anna Hilverdingin, Bartelmä Poli, Philipp Gumpenhuber, Jacob Jof. Woller, Joh. Bapt. 
Gumpenhuber, Jof. Muffat; mit 600 fl. Gage und 360 fl. Zulage CarlHerich, mit 550 fl. (360) Franz Jof.Bufchaffsky. — Tanzmeifter: Alex. Philleb ois 
1500 fl. (1000); Hoftanzer: Peter Rigler 500 (500), Tobias Gumpenhuber 400 (100 und 500), Andrä Bruno 460 (360), Simon Math. Sackh 500 (400), 
Jof. Selliers 360 (360), Nicolaus Buckh, Jof. Bruno und Franz Hilverding 360, Franz Tarn und Fr. Ant. Phillebois 360 (360), Thomas Caj. de la Motta 
560(400). — Theatral-Infpector: Fabio Zilli 1000 (800). — Architekt: Andr. Prunello 400 (400). — Theatral-Ingenieure: Giov. und 
Antoni Galli-Bibiena 1080 (1000) und 1200 (1000). — Operen u. Comödi-Spefen, fo pro notitia anhero gefezet worden, betragen vermöge Contrafts 
54.000 fl. — Und wegen der unter freyem Himmel haltenden Opera 3500 fl., id eft 57.000 fl. 



13 

Der »Meifter der Meifter« aber blieb Fux. Er regierte nicht nur mit Weisheit und Energie fein 
Künftlerheer, fondern fchuf demfelben auch würdige künftlerifche Aufgaben. Erhob er fich fchon als 
Componift nicht über feine Zeit, brach er auch nicht die einfchränkenden Regeln und Gefetze der 
höfifchen Oper, fo bewies er fich doch innerhalb diefer Grenzen als Künftler von Geift und Herz. Sein 
ftrenger Styl unterdrückte fogar nicht ganz die Stimme des Gemüths und den heiteren, mufikalifchen 
Scherz, der namentlich in den kleineren kaiferlichen »Abendunterhaltungen«, den fogenannten 
»Serenaden«, zum Ausdrucke kam. Am höchften erhob fich Fux jedoch in feinen heroifchen und 
mythologifchen Opern. Er und der Vice-Hofcapellmeifier Antonio Caldara waren Jahrzehnte hindurch 
die bevorzugten Schöpfer jener Mufik, welche die feftlichen Veranftaltungen des Hofes verlangten. 
Rühmte man dem Steyrer Fux nach, dafs er — obwohl der tieffinnigfte Contrapunctift — doch leicht, 
lieblich und natürlich zu fetzen wufste, fo genofs Caldara den Ruhm, »in feinen theatralifchen Stücken 
die fchönfte Melodie und Harmonie und eine auserlefene Wahl und Ordnung des Vortrags und der 
Gedanken« zu befitzen. 

Mit diefen Meiftern der Mufik hielten die Meifter des Wortes, die Hofpoeten, welche Carl VI. 
aus Italien nach Wien zu verpflanzen wufste, gleichen Schritt. Hier wirkten der vortreffliche Abbate 
Pietro Pariati und Silvio Stampiglia, der das Römerdrama fo gewandt mit verliebten Intriguen und 
Sentenzen zu durchfetzen und ftets zu einem freudigen Ausgange zu führen wufste. Den Hof des 
fechften Carl zierten der grofse Hiftoriograph und Dichter Apoftolo Zeno (1718 — 1731), der erfte 
beharrliche Kämpfer gegen die Vernunftwidrigkeit und den Schwulft des Operntextes, und 
Pietro Metaftafio (re<5te Trapaffi), der Patriarch der Operndichter feiner Zeit, der lorbeergekrönte Poet 
des Kaifers, um welchen — in der Sprache feiner Zeit zu reden — die Welt das glückliche 
Wien beneidete. »Er wetteifert mit Corneille's Adlerflug und mit Racine's Feinheit und Sanftheit« 
— fchrieb einer feiner Zeitgenoffen 1 — »Eleganz, Lieblichkeit, Erhabenheit, Präcifion, Klarheit, 
Harmonie, Alles trifft bei ihm zufammen. Bei den Leidenfchaften, die er aufträgt, greift Jeder an fein 
Herz und findet fie darin. Er ahmte die Alten nach, aber fo fein, mit fo viel Grazie, fo meifierhaft, dafs 
man glaubt, es fei erft neu aus feiner Feder gefloffen, was doch vielleicht manchmal 2000 Jahre vor ihm 
gefagt worden. . . .« 

Entkleidet man diefen Hymnus aller Überfchwänglichkeit, fo bleibt ein Meifter der Sprache und der 
Form zurück, welcher die von Zeno eingefchlagenen Bahnen wandelte, auf verftändige. klare, pfycho- 
logifche Auffaffung, confequente Charakterführung und vernünftige Handlung hielt, ohne fich zu 
poetifcher Gröfse, zu wahrem dichterifchem Schwünge zu erheben. Mit feiner melodifchen, der Mufik 
geradezu entgegenkommenden Sprache eroberte er die Oper feiner Zeit; ihm nahezukommen in der 
Operndichtung, galt als das höchfte Ziel des Ehrgeizes .... 

Und welches Heer von Künftlern mufste diefen Meiftern, Sängern und Inftrumentiften angereiht 
werden, um den vollen Glanz der kaiferlichen Feftoper herzuftellen! Tänzer, Techniker und technifche 
Arbeiter, Decorations- und Kleiderkünftler walteten hier in reicher Zahl, und immer neue »Theatral-« 
Amter entfianden. Aufser dem Theatral-Infpecior und den Theatral-Ingenieuren, — lange Zeit erhielt 
fich diefes Amt in der Familie Galli-Bibiena — kannte man einen Theatral-Secretarius und »Theatral- 
Adjutanten bey denen heiligen Gräbern, Serenaden und Operen bey hoff«, worunter ungefähr ein Ober- 
requifiteur und Oberinfpector zu verftehen war, der gegen einen Paufchalbetrag die Ausftattung 
der Hofveranftaltungen beforgte. 2 

« Gefchichte der Schaubühne und Theaterdichter bey allen Völkern. Aus dem Italienifchen. Leipzig 1791. 

- Im Jahre 1732 klagt der Theatral- A dju tant Fabi o Zill i, er könne mit feinen 600 fl. nicht auskommen, da »bey gegenwärtiger verappaldirung 
deren kayf. Theatralrequifiten von ihm vigiliret werden muffe, auf das von den Lieferanten alles zur kaif. Splendor und nach Proportion der 
contraftmäfsigen Summa beygefchaffet werde«. Der Mufikcavalier Graf Lamberg erkennt dies an und hebt hervor, >es fei für das Theater von 
Nutzen, eine vertraute Perfon zu haben, welche nicht nur allein auf die Wirthfchaft der Kleyder-Cammer acht habe, fondern auch beobachte, damit die 
Kleyder nach dem Charakter der Perfon agen verfertigt werden«. (Oberfthofm. Acten.) 



14 

Die Stelle des »Hof-Diffegnatore« (Hof-Zeichners) bekleidete Meifter Bertoli; doch herrfcht 1724 
fchon ein grofses Begehren nach dem noch gar nicht creirten, unbefoldeten Porten eines »Sotto-Hof-Difleg- 
natore« (Unter-Hof-Zeichners). Der Hoftänzer Phillebois bewirbt fich darum für feinen Sohn Carl, »damit 
er Bertoli mit ausarbeitung deren bey Opern und anderen Vorfallenheiten benöthigten diffegni an die 
Hand gehen könne« ; ebenfo petitionirt der Hofcaplan Bartholomäus Poli um Aufnahme feines Bruders- 
Sohnes als Hof-Scholar Bertoli's, und diefer rühmt in der That den jungen Mann als den beften all" 
feiner Schüler. Im Jahre 1735 wurde fogar die Stelle eines Hof-Theatral-Stickers gefchaffen; um diefe 
petitionirte »Baptift Albertino, der bey der vorjährigen Cavaliers- und Dames-Opera nicht allein den 
mehriften Theil deren Theatral-Kleider für die Cavaliers und Damen, fondern auch für eine deren jungen 
Erzherzoginen verfertigt hatte«. Der Mufik-Cavalier Fürft Pio rühmt feine Tüchtigkeit in feinen Gold- 
und Silberarbeiten. 

Mit zunehmender Koftfpieligkeit und künftlerifcher Bedeutung entwickelte (Ich neben der Hofcapelle 
und dem Hof-Sänger-Chor das kaiferliche Ballet. Pflegte man bei Hofe und im Hochadel mit befon- 
derer Vorliebe die Tanzkunft, mit welcher die Kund graziöfer Bewegung und tadellofer Übung des 
Ceremoniels innig verbunden war, fo wollte man an den »Hoftantzern« die vollendeten Vorbilder in 
diefer Kunft fehen und kargte deshalb nicht mit dem klingenden Golde, wenn es hervorragende Kräfte 
des Auslandes zu gewinnen oder im Lande felbft ausgefprochene Talente zu fördern galt. Wir wiffen, 
dafs fchon die Töchter Kaifer Ferdinand II. den dramatifchen Tanz übten und dafs Kaiferin Maria, die 
erfte Gemahn Ferdinand III., die Hofballete, dargeftellt und getanzt von den Prinzeffinnen und erften 
Damen des Hofes, befonders patronifirte. Die Intermedien oder Intermezzi, welche man nachmals 
zwifchen die einzelnen A6te der Opern und Komödien einfchob, waren vorwiegend choreographifcher 
Natur. Johann Heinrich Schmelzer componirte die Mufik zu mehreren höflichen Balleten diefer Art. 
Die Aufnahme unter die Hoftänzer von Beruf galt als ein Ziel des Ehrgeizes, deffen Erreichung man die 
gröfsten Opfer zu bringen bereit war. So begegnen wir in den Oberfthofmeifter-A6ten aus der Zeit 
Leopolds I. der intereffanten Supplik eines gewiffen Tobias Gumpenhuber »Limb eine Hoftäntzerftelle 
allegando, dafs bey unter fchiedl. Balleten Letzlich aber in der Opera zu Xewftadt in Ew. Kayl. May. 
Gegenwart er die Gnade gehabt habe zu tantzen; hätte diefe feine in der Fremde erlernte profeffion 
ziemblich begrieffen, dafs er fich genugfam darzu qualiflcirt zu fein glaube, zudeme, wan er willens, 
feinen Lutherifchen Irrthumb zu verlaffen und Catholifch zu werden, wodurch er fich alles 
des feinigen verluftiget machen wird . . .« Der Oberfthofmeifter war durch dielen confeffionellen 
Opfermuth des Candidaten wohl gerührt, gab aber dem Kaifer die Koften der Sache zu bedenken: 

». . . Nun feint Ewer Kays. Mayt. mit Hoftanzern zur gnüge verfehen, deren ohne letzgedachte 
Francesco und Gaudi annoch fünft feint, vnnd dermahlen kein ftelle vacirend ift, alfo Unnothig were, 
Mehrere auffzunehmen, es müfte dann fein, dafs feine Bekehrung zum Catholilchen glauben, vnnd etwa 
andere Confiderationes Ewer Kay. Maj. Bewegen mögte, ihn zu Begnaden, umb ihm dardurch einen 
Unterhalt zu verfchaffen.« — Diefes letztere Moment war für den Kaifer entfcheidend. Er refolvirte: 
»indem hierhinter fauor religionis mit Unterlauffet, alfo folle Er, wan er profeffionem fidei wirdt abgelegt 
haben, zu einem Hofftanzer angenohmen werden«. — So wurde Tobias Gumpenhuber katholifch 
und eine Zierde des kaiferlichen Ballets. Langfam allerdings avancirte er; denn noch im Jahre 1731, 
alfo nach vollen 30 Jahren, war er unbefoldet, auf den Scholarenbezug von 360 Gulden angewiefen, 
und doch konnte er in feinem wehmüthigen Gefuche um Gehaltsaufbefferung darauf hinweifen, dafs 
»er fchon verfchiedene Meifter-Dienft in Componirung allerhand Balleten von grofs und kleinen Perfonen, 
auch Producirung biß 30 feiner Scholaren auffm kayf. theatro präftiret, nicht minder weyl. der Kayfenn 
Eleonore May. Edelknaben 15 Jahre lang als Tantzmeifter zu bedienen die Ehre gehabt.« Er erhielt die 
Aufbefferung, und zwei jüngere Gumpenhubers (die Italiener buchftabirten »Chuppenuber«), Jofeph 
Bruno und Philipp, pflanzten diefe Ballet-Familie fort. 



15 

Es waren in Wien überhaupt ausgefprochene Ballet-Gefchlechter erftanden, die ihren Mitgliedern 
immer wieder aus ihrer eigenen Familie Nachfolger gaben. Dies waren zum Beifpiel die Familien 
Phillebois, Scio, Hilverding, Selliers, Namen, welche in der Wiener Theatergefchichte einen guten 
Klang haben; manche von ihnen follten noch auf anderen Gebieten der Kunft Geltung gewinnen. 

Die erfte Ballet-Tänzerin finden wir 1722 unter den Hoffcholaren. Am 30. October diefes Jahres 
petitionirt der oberöfterreichifche Landfchafts-Tanzmeifter Franz Scio darum, feine Tochter Joanna 
Scio, welche »bereits die Allerhöchfte Gnade gehabt, in Ew. k. k. May. a. h. Gegenwart drey 
gantze Jahre zu dantzen« und welche eine Schülerin des Hoftänzers Alexander Phillebois fei, als 
»Hoff-Tanzers-Scholarin« aufzunehmen. Der Kaifer refolvirte: »Kann vor ein Scholarin aufgenommen 
werden«. Zum Jahre 1724 findet fich »Maria Anna Scio« in der Reihe der Scholarinen, 1726 wird fie 
Hoftänzerin und vermalt fich mit Karl Phillebois, den man als »dermahlen ftärkften Theatral-Tantzer« 
rühmt. Gewöhnlich fandte man die jungen Leute für einige Zeit nach Paris, der hohen Schule der 
Tanzkunft; 1 kamen fie zurück, fo wurden fie gefuchte Tanzmeifter im Adel und an Erziehungsanftalten 
und Expeclanten auf eine Hoftänzerftelle. Angefehene Familien zauderten nicht, ihre Spröfslinge diefen 
Weg einfchlagen zu laffen, und eine mächtige Protection wurde entfaltet, um einen derfelben unter- 
zubringen. So fchritt 1725 der »anietzo dahier berühmte Obft-, Blumen- und Thiermaler Tamm« um 
eine folche Stelle für feinen Sohn Franciscus ein. Cardinale und hohe Cavaliere unterftützten folche 
Bittfchriften; das Oberfthofmeifteramt aber wehklagte wiederholt, »dafs feit Kaifer Leopold I. die 
Tänzerfchaft von 8 auf 17 Individuen, in Geldziffern von 4780 auf 7940 fl. geftiegen fei, was bei den 
fchweren Zeiten grofse Bedenken hervorrufen muffe«. 2 Doch der Kaifer war in der Pflege der Kunft, in 
der Fürforge für Alles, was deren Glanz befördern konnte, dem Rathe der Hof-Sparmeifter unzugänglich. 

Zweimal im Jahre gab es befonders grofse Ereigniffe auf dem Gebiete der höfifchen Kunft; das 
war am Carolus-Tage (Kaifers Namenstage), 4. November, und am 28. Auguft, dem Geburtstage der 
Kaiferin Elifabeth Chriftine (geborenen Prinzeffin von Braunfchweig- Wolfenbüttel). Den Carolustag 
feierte man durch eine Galavorftellung im grofsen Opernhaufe bei der Burg, den Tag der Kaiferin durch 
ein Opernfeft im Luftfchlofs Favorita, dem heutigen Therefianum. Um die Vorftellungen der ganzen 
Hofgefellfchaft und einem weiteren Auditorium zugänglich zu machen, wurden fie dann noch einigemal 
wiederholt. Bei diefen Feften waren die beften Federn, die beften Kräfte im Reiche der Mufik in des 
Monarchen Sold geftellt, und nichts ward ve-rfäumt, das fcenifche Bild fo grofsartig als irgend möglich 
zu geftalten. Alles war »echt« an Stoffen und Edelfteinen; in prunkvollen Coftümen prangten fogar die 
Mufiker im Orchefter. In der Favorita fpielte man entweder auf einer im Park improvifirten Bühne, 
deren Gartendecoration frifche, üppige Natur war, oder bei üblem Wetter im Schlofstheater. Begeiftert 
fchildert die berühmte englifche Reifende Lady Maria Montague die Aufführung der Fux'fchen Zauber- 
Oper »Angela Yincitrice d' Alcina«, Text von Pariati, welche zur Feier der erfehnten Geburt des bald 
dahingefchiedenen Thronerben Erzherzogs Leopold am 14. September 1716 die Favorita belebte: 
»Nichts von diefer Art ift jemals prächtiger aufgeführt worden; ich glaube es recht gern, dafs die 
Coftüme und Decorationen den Kaifer 30.000 Pfund Sterling (300.000 fl.) gekoftet haben. Die Bühne 
war über einen grofsen Waffercanal gebaut. Zu Beginn des zweiten Actes theilte fie fich in zwei 
Theile; man fah das Waffer, und darauf erfchienen alsbald von zwei Seiten her zwei Flotten von kleinen, 

' Am 19. December 1732 fuchte z. B. Jofeph Selliers um die Ballet-Compofitorsftelle mit der Motivirung an, er fei bereits 9 Jahre wirklicher 
Hoftiinzer, von feinem Vater Franz unterrichtet, habe mit Bewilligung des Kaifers zwei Jahre in Paris gelernt, hiefür 3000 fl. bezahlt, und habe 
hierauf vom Fürften Pio vor acht Jahren die Erlaubnis erhalten, die Ballete in dem Stadttheater (Kärntnerthortheater) zu componiren. (Hof-Cerem.-A6ten.) 

- Im letzten Regierungsjahre des Kaifers Leopold I. beftand die Truppe aus folgenden Perfonen: Francesco Torti, Tanzmeifter (1200 fl.), Claudi 
Appelshofer, deffen Gehilfe, Untertanzmeifler (1000 fl.), Hoftänzer Simon Pietro Li vaftori della Motta (600 fl.), Franz Lang (400 fl.), Jofeph Peter 
R igler (500 fl.), Franz Jofeph Selliers und Tobias Gumpenhube r (je 360 fl.), der Scholar Carl Emanuel Selliers (360 fl.) — Unter C aii VI. 
exiftirte 1724 folgende Hoftänzergefellfchaft : Simon Pietro della Motta, Tanzmeifter, 9 Hoftänzer: Lang. Rigler, Gumpenhuber, Franz Jofeph Selliers, 
Andreas Bruno, Alexander und Carl Phillebois, Nicolaus Bück, Simon Sauck. Unter den 5 Scholaren waren ein junger (Jofeph) Selliers, Alexander 
Phillebois jun., Jofeph Bruno und die Tänzerin Maria Anna Scio. 



16 

vergoldeten Schiffen, die fich zu einem Seetreffen bereit machten. Es ift nicht leicht, fich einen Begriff 
von der Schönheit diefer Scene zu machen .... Die Bühne ift fo grofs, dafs es dem Auge fchwer 
fällt, das Ende davon zu erreichen, und die Kleider find von der gröfsten Pracht, an der Zahl 10S. Es 
wäre kein Haus grofs genug, all' diefe Decorationen zu faffen; allein die Damen fitzen in freier Luft 
und find daher grofsen Unbequemlichkeiten ausgefetzt, denn es ift nur ein einziger Baldachin für die 
kaiferliche Familie, und als am erften Abende ein Platzregen niederfiel, wurde die Oper unterbrochen, 
die Zufchauer liefen in folcher Verwirrung davon, dafs ich faft zu Tode gedrückt wurde.« Im Jahre 1733 
feierte man den Geburtstag der Kaiferin durch Caldara's »L'Olympiade«. 1 Im Auguft 1735 beftellten die 
beiden Erzherzoginnen Maria Therefia und Marianne zum Geburtstage ihres kaiferlichen Vaters 
bei Metaftafio ein Feftfpiel »Le grazie vendicate« für die Aufführung in der Favorita. Metaftafio 
äufsert fich in Briefen mit Entzücken über die Darfteilung durch die beiden Erzherzoginnen und über 
die perfönliche Huld derfelben. 

Die Schilderung jener merkwürdigen Zeit und ihrer künftlerifchen Ereigniffe gehört der Entwick- 
lungsgefchichte der Wiener Oper an; wir fkizziren fie nur, weil fie die glänzendfte Einleitung zu der 
Schöpfung eines ftändigen Wiener Hoftheaters bilden und von dem hochentwickelten künftlerifchen 
Leben Wiens zu einer Zeit zeugen, welche das deutfche Drama in Wien nur in feinen kindlichen 
Gehverfuchen und tollen Kinderfprüngen zeigt. Die Darfteilung der Krönungs-Oper »La coftanza e 
fortezza« von Fux (Text von Pariati) auf dem (1753 abgebrannten) grofsartigen Amphitheater des Prager 
Hradfchin bedeutete wohl den Triumph jener wahrhaft kaiferlichen Kunftentfaltung. 100 Sänger und 
200 Inftrumentiften, darunter Quantz, Tartini, Vandini, Graun und andere Künftler von Weltruf, wirkten 
am 31. Auguft 1723 bei der Aufführung diefer den Kampf Porfenna's gegenRom behandelnden heroifchen 
Oper mit; Fux felbft, der fich feines Podagras wegen wie ein kranker Feldherr in einer Sänfte nach Prag 
tragen liefs, genofs feinen Triumph von einem in der Xähe des Kaifers bereiteten Sitze aus. Caldara 
dirigirte die Mufik, die Hof-Balletmeifter della Motta und Phillebois leiteten die Tänze, Johann Wolfgang 
Heimerl (Haymerle), »attuale imprefsario delli divertimenti teatrali di S. Maeftä« — Imprefsario der kaif. 
Theater-Unterhaltungen — leitete die fcenifche Veranftaltung der volle fünf Stunden (von 8 Uhr Abends 
bis 1 Uhr Früh) währenden Vorftellung. Die Heerlager und Schlachten, die »natürliche« Tiber mit der 
Burg des Flulsgottes, machten einen grofsartigen Eindruck. »Die Gelchichte hat keine glänzendere 
Begebenheit für die Mufik aufzuweifen«, fchrieb der grofse Berliner Flötift Quantz, »als diefe Feierlichkeit, 
noch ein ähnliches Beifpiel, da fo viele Meifter irgend einer Kunft auf einmal an einem Orte verfammelt 
gewefen.« Aufführungen von annähernder Grofsartigkeit erlebte das grofse Theaterfeftfpielhaus in Wien 
wiederholt. So fah man am 4. November 1722 »eine herrliche Opera unter dem Namen ,Scipio in 
Spanien' in der kayf. Burg auf prächtigem grofsem Theatro, wellifch gefungen«, von A. Zeno und 
A. Caldara, die Veränderungen von Giov. Galli-Bibiena, am 19. November (dem Elifabeth-Tage) das 
Theatral-Feftin »Pallade Trionfante« von Francesco Conti; 1724 gab man die Oper »Der Grofsmogul«, 
deren Aufführung die Summe von 78.000 fl. koftete, 1725 fang die berühmte Fauftina (Haffe) aus 
Dresden die Titelrolle in Caldara's Semiramide in Ascalone, die Giunone placata von Fux und die 
Lucinde von Caldara, 1726 auch die Gianisbe in Porfile's »Spartaco«. Das fogenannte kleine Hoftheater, 
d. h. der kleinere Theaterfaal, blieb der Schauplatz der Buffo-Opern und Burlesken. 

So fehr kannte man allgemein die Vorliebe des Hofes für theatralifche Vorftellungen, dafs fogar 
— Klöfter nicht davor zurückfchreckten, in ihren Hallen Opern halb geiftlichen, halb weltlichen 
Charakters mit kaiferlichen Hofkünftlern aufzuführen. Die Majeftäten und die Hofgefellfchaft waren 
dazu geladen. Am 22. April 1725 gab der Abt des (von Kaifer Jofeph II. aufgehobenen) Schwarz- 

i »Olympifches Jahr-Feft. An dem glorwürdigften Geburts-Tag der röm. kaif. u. kgl. Span. Cathol. Maj. Elifabethae Chriftinae auf 
allergnäd. Befehl der röm. kaif. u. kgl. Span. Cathol. Maj. Caroli des Sechften. In der kaif. Favoriten Welfch gefungener vorgeftellet. In Jahr 1733. 
Poefie des Her. Abbate Pietro Metaftafio, der Röm. kaif. u. kgl. Cath. Maj. Poeten. Von Herrn Anthonio Caldara, der Röm. kaif. u. kgl. Cath. Maj. 
Vice-Capell-Meiftern in die Mufik verfaffet. Wien gedruckt bey Jof. Peter v. Ghelen, der röm. kaif. u. kgl. Cath. M. Hof-Buchdrucker.« (Wr. Hofbibl.) 



17 

fpanier-Stiftes Benedi6tiner-Ordens in feinem Klofter folch' ein »herrliches muficalifches Feftin«, wofür 
Galli-Bibiena einen eigentlichen Theaterfaal hergeftellt und mit den Statuen der göttlichen Tugenden 
gefchmückt hatte. Die Feftoper trug den Titel »II Trionfo della Religione e dell' amore« (der Triumph 
der Religion und der Liebe); die Mufik zu dem italienifchen Texte war von Caldara. Im Orchefter fafsen 
70 »comice verkleidete Mufiker«, unter den 22 Sängern und Sängerinnen waren die Hoffängerinnen 
Scoonians und d'Ambreville, der Hof-Altift Orfini (er perfoniflcirte die göttliche Liebe), die Hoffänger 
Genovefi, Borghi und Praun. »Man tanzte bis halb 9 Uhr Abends«, fagte der Chronift, und folange 
blieben auch die Majeftäten in dem kunftfreundlichen Stifte 

Bei der erften Aufführung der Fux'fchen Oper »Elifa« zu Ehren der Kaiferin (1729) foll es 
gewefen fein, dafs Kaifer Carl VI. fich felbft an den Flügel fetzte und das Orchefter dirigirte. »0, es ift 
fchade«, rief (fo erzählt Gerber's Lexikon) der begeifterte Hof-Capellmeifter Fux, »dafs Euer Majeftät 
kein Virtuos geworden find!« Der Kaifer drehte fich lächelnd um und fagte: »Hat nichts zu fagen — 
hab's fo beffer!« Noch in feinem letzten Lebensjahre erfreute fich der Kaifer des Glanzes feiner Oper: 
die Oper »Zenobia«, Text von Metaftafio, Mufik von Vice-Capellmeifier Luca Predieri, war die letzte 
Feftaufführung, die er am 28. Auguft 1740 der Kaiferin widmete — wenige Monate fpäter, am 
10. October 1740, fchlofs er feine Augen für immer. 

Die Mufik und die Oper hat gröfsere Zeiten in Wien erlebt; eine Zeit der unbefchränkten, 
üppigen Pracht aber, wie es diefe Jahrzehnte der Regierung Carl's waren, ift niemals wiedergekommen. 
Die höfifche Oper der Habsburg'fchen Kaifer feit den Ferdinanden zeigt uns am klarften die hiftorifche 
Stellung des Hofes zur Kunft. War es die Mufik und das italienifche Mufikdrama, welche damals mit 
verfchwenderifcher Freigiebigkeit zärtlich gepflegt wurden, fo follte auch dem deutfchen Schaufpiele 
jene kaiferliche Fürforge erweckt werden, ohne welche es nie feine vornehme, führende Stellung in Wien 
errungen hätte. 





<J> 



KÄRNTNERTHOR- ZU 
BURG-THEATER. 









!&&*■ 



'S 



O WAR das deutfche Schaufpiel während all' der glänzenden, prunkvollen Opern- 
Ereigniffe des XVII. und der erften Jahrzehnte des XVIII. Jahrhunderts? Fiel kein 
Strahl der kaiferlichen Gnadenfonne, welche die italienifche Oper mit ihrem 
Glänze erfüllte, auf das Afchenbrödel der Kunft, das deutfche Schaufpiel, das 
doch ein Plätzchen in dem künftlerifchen Leben der alten deutfchen Donauftadt zu 
verdienen fchien? Faft follte man dies glauben; denn mit keinem Worte nahezu 
erwähnen die Acten der Hoffteilen in der Carolinifchen Zeit der deutfchen Kunft 
in Wien. Wenn ein Deutfcher um die nebenfächliche Stelle eines »teutfchen 
Hofpoeten« anfucht — wie dies am 14. März 1722 der gelahrte Herr Anton 
Prokoff thut — , fo bringt er fein Gefuch in wohlgefügter italienifcher Supplik 
ein und hat auch aufs er unbedeutenden Gelegenheitsverfen wenig mehr als einige Überfetzungen 
italienifcher Mufikfpiele für die deutfchen Textbüchlein zu beforgen. 1 Die deutfche Komödie gehört dem 
von der Hofgefellfchaft ftreng gefchiedenen »Volke«. Jene fpricht vorwiegend fpanifch und italienifch, 
fpäter franzöfifch; auch die »vornehmen« Leute, welche fich zur guten Gefellfchaft zählen, befleifsigen 
fich der höfifchen, namentlich der italienifchen Sprache, die in der zweiten Hälfte des XVII. Jahrhunderts 
faft jeder »gebildet« fein wollende Wiener fprach. Das Volk aber bleibt bei feinem guten alten 
Wienerifch, und die deutfchen Komödianten paffen ihre Kunft und ihren Gefchmack diefem Publicum an 
— wenn nicht umgekehrt der Gefchmack diefes Publicums von der Einwirkung feiner »Künftler« 
abhängig ift. Bis in das erfte Jahrzehnt des XVIII. Säculums ift die deutfche Schaufpielkunft in Wien 
nur durch Nomaden, durch die Wandertruppen, vertreten, w r elche vom deutfchen Norden und von den 
füddeutfchen Haupt- und Provinzftädten den Weg in die Kaiferftadt finden und hier die italienifchen 
Stegreiffpieler als gefährliche Rivalen vorfinden. Deutfche und italienifche Wandertruppen kämpfen um 
die vorhandenen dürftigen Stätten der Kunft. 

Diefen Nomadenzug und diefen Wettkampf um den Triumph der luftigen Perfon hat die Vor- 
gefchichte des Wiener Theaters zu fchildern. Man kann fich denken, wie klein und verächtlich diefes 
Komödiantenwefen dem Hofe und jener Hofgefellfchaft erfcheinen mochte, welche die Opernfeftfpiele 
in den prunkvollen Mufenhäufern des Kaifers bewundern durfte. Hier die hoffähige, in Glanz und Pracht 
entfaltete Kunft, der im goldftrotzenden Gewände unter Cavalieren und Damen einherftolzirende, wohl- 

' Noch unter Maria Therefia hatte der befoldete deutfche Hofpoet Freiherr von Kewenftein (Xeuenftein) wenig mehr als die lateinifchen 
Infchriften für einen Triumphbogen oder Katafalk oder ein Feftgedicht zu beforgen. 



19 

beftallte Hofkünftler, dort das bunte Heer jener armfeligen Wanderer, denen das (feit 1354 erichtete. 
von Kaifer Jofeph II. im Jahre 1782 aufgehobene) »Obrift-Spiel-Graffen-Ambt«, die oberfte Auf- 
fichtsbehörde über kurzweilige Leute aller Art, gebot! Neben dem »Freyfechter, Hafenfchupfer, Glücks- 
haffner, Gaukler, Seilfahrer, Trummelfchlager, Bärn-, Affen- und Hundts-Tanzmacher, Schwerdtfanger, 
Würfel- und Tafchen- und dergleichen Spillern« ebenbürtig der — Komödiant! Und war es möglich, ihn 
von jenem mannigfaltigen Heere der Gaukler und Springer loszulöfen bei der Zügellofigkeit feiner 
Spiele, der improvifirten, zotenhaften Burleske, der mit tollen Harlekinaden durchfetzten, gefpreizten 
Haupt- und Staatsacfion, war dies möglich bei der Zuchtlofigkeit der »Banden«, welche feit dem 
Aufkommen weiblicher Darftellerinnen durchaus nicht geringer worden war? Die Männer der Ordnung 
in den Amtsftuben begrüfsten die Ankündigung einer neuen »Banda« ftets als eine fchwere Bedrohung 
der öffentlichen Sitte und Sicherheit und beeilten fich, den Prinzipalen »einzubinden«, dafs fie »ohne 
Ärgernuß und Scandalo ehrbare Hiftorien und Opern« aufführen möchten. Auch bei den Komödienhütten 
in Wien und anderswo ging es zumeift nicht ohne Tumult und Exceffe ab, wovon die Chronik der Zeit 
fchaudernd berichtet. 1 So gewöhnte man fich daran, den »Komoedianten« aufserhalb der Gefellfchaft zu 
ftellen, als ein mehr oder weniger notwendiges Übel, ein polizeilich ftreng zu überwachendes, 
verdächtiges Subjeci- zu betrachten und zu beachten. Ein halbes Jahrhundert dauerte es, ehe diefes 
foziale Vorurtheil, dem der thatfächliche Untergrund gewifs nicht fehlte, auszurotten war. Die 
literarifche Erhebung der deutfchen Nation bedingte die künftlerifche und auch die foziale Auferftehung 
des Schaufpielerftandes; fie brachte die deutfche Komödie, welcher der Hof fo lange fremd und theil- 
nahmslos gegenüberftand, dem Haufe der Habsburger nicht nur räumlich näher, fondern machte den 
öfterreichifchen Hof zu dem vornehmften Schätzer deutfcher Kunft. 

Der Sieg des regelmäfsigen Schaufpiels über die Burleske ift in Wien fpäter als in anderen deutfchen 
Theaterftädten errungen worden, weil die extemporirte, die Stegreif-Komödie nirgends einen folchen 
Auffchwung genommen, nirgends fo hervorragende Vertreter gefunden hat, als in der öfterreichifchen 
Kaiferftadc. Lange Jahrzehnte gab es hier einen tollen Wetteifer zwifchen der deutfchen luftigen Perfon, 
dem derben, urwüchfigen Hanswurft, und dem gefchmeidigen, flinken Arlequino, der mit feinen 
italienifchen Genoffen, dem Scapino, Pantalone, Polcinella u. f. w. hier ebenfo zu Haufe war wie in der 
wälfchen Heimat und fich mächtigerer Protektoren erfreute als fein Rivale Hanswurft. Alfo hier fogar, 
in dem freien Reiche des Steigreiffpiels, fehen wir noch in den elften drei Jahrzehnten des XVIII. Jahr- 
hunderts die Mufe italienifcher Zunge der deutfchen überlegen und vorgezogen, bis Jofeph Anton 
Stranitzky den Triumph des deutfchen Hanswurft über den wälfchen Genoffen entfchied. 

Wie fchwer aber mufste fich Hanswurft das erfte deutfche Mufenhaus in Wien erkämpfen! Wohl 
war der deutfche Komödiant, Policinellfpieler, Seiltänzer, Zahn- und Poffenreiffer 2 in den »Hütten« oder 
Buden auf der Freiung, dem Neuen Markt, Hohen Markt, Judenplatz und Graben gegenüber dem 
Wälfchen und Niederländer in der Mehrheit; um die gröfseren Stätten des Schaufpiels aber rang er 
recht mühfam mit dem von vornehmer Seite geftützten Italiener. 

Die älteften und anfehnlichfien Zufluchtsftätten der volkstümlichen Kunft in der Refidenz waren 
— aufser diefen Buden — die alten Ballhäufer Wiens, und aus dem hervorragendften diefer merk- 

1 So berichtet das »Wr.-Diar.« vom 31. O&ober 1707: >Heute ift auff der Hochen Lands-Fürftlichen Regierung gnädige Verordnung dahie 
angedeutet worden: demnach fehr mißfällig vorkommen, daß bey denen öffentlichen Comödien fchier täglich groffe Infolentien, Rumor und Rauffhänd 
vorbey gehn, auch die Laggeyen und Kutfcher fehr fträflichen Muthwillen verüben; wie zumahlen aber hierdurch die öffentliche Sicherheit gekränket 
werde, auchgroffes Unhail, Aufflauf und Tumult beförchten ftehn: diefem allem nun vorzukommen, und damit jedweder die Sicherheit und Lands-Fürftl. 
Schutz genieffen möge, Als feye anbefohlen und gefchloffen worden, daß fobald fich einige Rumor-Händel, abfonderlich in- und bey denen Comödien, 
oder andern Orthen eraignen, und es zur Entblöffung der Degen, oder andern Gewöhr komme, beede Theile in Arreft genommen, und wider diefelbe 
mit der in denen fo vielfältig außgegangenen Generalien enthaltenen Beftraffung verfahren, die Laggayen und Kutfcher aber auff das erfte Betretten ihres 
übenden Muthwillen und Infolentien, der nechfte befle, fo hierinfahls betretten werde, alfobald, auch ohne Refpefil derLiberey, in inftanti, und ex abrupto 
gleich mit der hievor in denen emanirten Patenten und Befehlchen enthaltenen Beftraffung ohnverfchont belegt werden follen.« 

2 Die »Komoedienprinzipale« zu Ende des XVII. und zu Beginn des XVIII. Jahrhunderts verbanden vielfach die ärztliche Charlatanerie mit der 
darfteilenden Kunft. 



20 

würdigen Gebäude ift unfer Burgtheater entftanden. Das Ballfchlagen, fchon bei den Römern bekannt 
und beliebt, war im Mittelalter in Deutfchland zu neuer Geltung gelangt. Kaifer Ferdinand I. brachte 
aus Spanien oder Italien feine befondere Vorliebe für das kunftreiche »gioco di palla« nach Wien, und 
hier wie anderswo erhoben fich befondere Ballfpiel-Stätten, die fogenannten »Ballhäufer«, zur aus- 
fchliefslichen Pflege diefer Kunft. Der Dachftuhl folcher Gebäude ftand unmittelbar, ohne Zwifchenboden, 
auf den Mauern; das Innere war fchwarz oder tiefdunkel angeftrichen, damit man den Flug der weifsen 
Bälle leichter verfolgen könnte, an den Längsfeiten liefen Galerien; runde und viereckige Fenfter gaben 
das Licht. Auf dem mit Quadern gepflafterten Fufsboden waren fchwarze Linien gezogen, um die 
nöthigen Grenzen für die Spieler anzudeuten. Befondere »Ballmeifter« regelten die Spiele, deren 
künftlichftes, das »Longue Paume«, gewiffermafsen der Vorläufer des von der Neuzeit zu Ehren 
gebrachten Ballfpiels, des »Lawn-Tennis, war. Mit welchem Eifer man im XVI. Jahrhunderte diefer Kunft 
fröhnte, geht aus der tragifchen Gefchichte des Junkers von Weifsenftein hervor, der anno 1539 zu 
Stuttgart feinen Nebenbuhler erftach, aus dem einfachen Grunde, weil er felbft im Ballfpiele verloren 
hatte und von der Dame feines Herzens ausgelacht worden war. Wie Herzog Albrecht von Bayern 
1574 auf dem mit Sägemehl beftreuten Weinmarkte zu Augsburg mit feinen Söhnen Ball fpielte, fo übte 
Kaifer Ferdinand I. in Wien das Ballfpiel in dem kaiferlichen Hofballhaufe, welches fich urfprünglich 
auf dem Platze gegenüber dem fpäteren Burgtheater erhob, dann aber — nachdem das erfte Ballhaus 
1525 abgebrannt und längere Zeit in Trümmern gelegen war — den Platz des Burgtheaters felbft 
einnahm. 

Ein zweites, das fogenannte Boier'fche, Ballhaus (man fchrieb »Pallhaus«), ftand in der Himmel- 
pfortgaffe an Stelle des heutigen Finanzminifteriums und war fchon in der zweiten Hälfte des 
XVII. Jahrhunderts, nach der ftetigen Abnahme des Ballfpiels, das Lieblingsheim deutfcher, englifcher 
und wälfcher Komödianten mit lebendem oder todtem (Marionetten-) Perfonal. Es fcheint das ältefte 
ftabile Komödienhaus gewefen zu fein, wo man bereits anno 1658 zu dem Preife von 6 Kreuzern »zu 
ebener Erd oder, um nochmals 6 Kreuzer, auf den Bünnen« (erhöhten Sitzen) Dresdener Komödianten 
bewundern konnte. Hier fpielte die berühmte »Inspruggifche Banda«, welche auch Erzherzog Leopold 
Wilhelm des Befuchs würdigte, und im Jahre 1671 hatte ein unternehmender Eigenthümer diefes 
Ballhaufes, der Reichshofkanzlift Hüttler, den intereffanten Einfall, in feinem Haufe ein Wiener 
»Xationaltheater« zu etabliren. 

Was er fich unter diefem, fpäter fo bedeutfam gewordenen Namen dachte, geht aus einem Referat 
des »Stapfer Oberkämmerers Friedrich Müller« an den Stadtrath hervor. Hüttler fand die fremden 
Schaufpieler, welche die Stadt überflutheten, völlig überflüffig; er meinte in feiner demüthigen Supplik 
an den Hof (Frühjahr 1671) nicht mit Unrecht, »dafs durch die fremden Theater-Impreffarien das Geld 
bisher immer aus dem Lande geführt und die hochlöbliche Regierung und der löbl. Stadtmagiftrat von 
dergleichen fremden Leuten angeloffen und behelliget worden feye, wodurch er gleichfam bewogen und 
angeführt worden fey, da er fich nicht weniger auf das Theatrum verftehet, damit gleichwollen dem 
Adel zu langweilig und melancholifchen Zeiten einige ergetzlichkeit gefchafft werde, felbft eine 
Compagnia zu halten«. Hüttler bemerkt auch, dafs in feinem Ballhaufe fchon »von langen Jahren hero 
Comödien gehalten werden, zumahlen das Pahlenfpillen gänzlichen in abgang khomen« und 
verfpricht, »mit capablen Leuten alle tag eine andere Hiftorie auf das Theater zu bringen, auch mit 
fauberen Romanifchen (römifchen) Kleidern und anderen Veränderungen, dergleichen noch keine 
hier gewefene Comoedianten gehabt«, aufzuwarten. 

Dies zeigt in der That ein ebenfo praktifches als höheres Streben, ja fogar den Anlauf zu einem 
zeitgerechten, ftylgemäfsen Theatercoftume; doch fcheint das Ballhaus in der Himmelpfortgaffe, obwohl 
man Hüttlers Bittfchrift keineswegs ablehnte, zum Nationaltheater nicht gefchaffen gewefen zu fein. 
Schon 1673 fpielten wieder deutfche, dann abwechfelnd deutfche und wälfche Komödianten darin. 



21 

Am 21. Februar 1675 ftellte das Oberft-Spielgrafenamt durch den Unter-Spielgrafen Columban 
Mayer dem Wanderprincipal Jacob Kühl mann ein Atteft aus, »dafs er in dem allhiefigen grofsen 
Ballhauß zur Himmelporten zu verfchiedenen Mahlen, gar bey Hoff und vor Ihrer Kayf. Maj. felbft, 
auch anderen hohen Ministris allerley fchöne Comoedien zu allerhöchft ernennet Ihre Kayf. May., dero 
Ministris u. hohen adels alß auch aller anderen Liebhaber gnädig u. fattfambften Contento u. Wohl- 
gefallen agiret und vorgeftellet habe ....!«' Das war einer der nicht zahlreichen Fälle, dafs einer der 
deutfchen Wanderkomödianten »die Gnade hatte, fich bey Hoff produciren zu dürfen«! Im Jahre 1792 
finden wir den »Marktfchreier Johann Thomas Danese, genannt Taborino«, in demfelben Jahrzehnt 
noch die Banden der Elenfonin, Welthin, die grofsen wälfchen Compagnien Xannini und Calderoni in 
dem Boier'fchen Ballhaufe, das bei dem Baue des mächtigen Palaftes des Prinzen Eugen von Savoyen 
vom Erdboden verfchwand. 

Bald hatte auch das Privat-Ballhaus in der Teinfaltftrafse feine Rolle ausgefpielt. Auch hier 
hatte die wandernde Mufe oft ihr dürftiges Heim aufgefchlagen. Deutfche Komödiantenbanden 
fiedelten fich mit Vorliebe dort an, während die Italiener in einem vierten Ballhaufe, jenem »bei den 
PP. Franciscanern«, an welches noch heute das fogenannte »Ballgäfschen« gemahnt, ihrer Mufe 
huldigen liefsen und dort feltener von deutfchen Berufsgenoffen abgelöft wurden. Im Jahre 1707 fpielten 
allerdings im fogenannten Franciscaner-Ballhaufe die württembergifchen Hof-Komödianten; ihr auffehen- 
erregendes Stück »Die hohe Vermählung zwifchen Maria Stuart und Heinrich Darley, König von 
Schottland und Frankreich« mufste behördlich eingefiellt werden. 

Schon damals und noch früher flöfsten diefe beiden in fürchterliche Enge eingepferchten Mufen- 
häufer den in folchen Punkten keineswegs verwöhnten und überängfilichen Anwohnern l'chwere Sorgen 
ein. Ein Decret der niederöfterreichifchen Regierung trug »Denen von Wienn« d. h. dem Rathe von 
Wien, fehr dringend auf, wegen jener Enge und der Holzdächer aller Xachbarhäufer 2 »fich umb einen 
platz oder anderes paffableres orth zur Haltung der Comoedien« umzufehen. Die Wiener Gemeinde 
befchlofs demnach, wenigfiens Einen neuen, echten Theaterbau auf eigene Koften auszuführen und 
für denfelben ein Privilegium zu erwerben. Die Wiener Stadtgemeinde hoffte, damit nicht nur den 
gerechten Befchwerden der durch Feuersgefahr und andere Unzukömmlichkeiten beläfiigten Xachbar- 
fchaft der Privat-Ballhäufer Rechnung tragen, fondern auch das ganze Komödienwefen, das fich nun 
in der Stadt in Hütten, Buden und Ballhäufern zerfplitterte und zahllofe Schaaren fahrender Leute in 
die Refidenz zog, vereinigen und für die Gemeinde monopolifiren zu können. Sie dachte eine Zeitlang 
an zwei ftädtifche Theater, eines auf der »Schotten-Freyung«, dem beliebten alten Komödienplatze, 
eines »auf dem Platz bei dem alten Kärntnerthor unweit des Bürgerfpitals, wo die Steinmetzhütten 
geftanden«. 3 

Kaum aber hatte die Stadt am 4. Mai 1708 ihr Majeftätsgefuch 4 eingebracht, kaum war der 
deutfchen Kunft die Ausficht auf ein würdiges Heim eröffnet, fo trat eine Thatfache hemmend zwifchen 
die fchönen Pläne und Entwürfe, mit welcher Xiemand im Schoofse der Gemeinde gerechnet zu haben 

1 Prager Gubern. -Archiv. 

ä Im Juli 1708 wurde die Sperrung des »Ballgaffels« während der Yorftellung mit Ketten angeordnet. Lakaien und Kutfcher, welche bei den 
Komödienhäufern »Händel anfangen« follten, follten »am Leben geftraffet« werden. 

2 Datirt 7. November 1707. Acten des Minifteriums des Innern. 

4 Das Gefuch lautet: »Allerdurchlauchtigfter, Großmächtigfter und Unüberwindliehfter Rom. Kaifer, auch zu Hungarn und Böheimb König, 
Erzherzog zu Oesterreich . . . 

Allergnädigfler Kayfer, König und Herr, Herr! 

Vermög beykhomenden Decrets hat Ein hochlöbl. N. Ö. Regierung weilen vorkhomben, daß bei Haltung der Comoedien fo wohl in der Tein- 
faltftraßen alß bey den Hrn. P. P. Franciscanern die Zufuhr vnd Gäßen fehr eng, auch allda mehrenn theils Häufer mit höltzernen Tächern vorftehen, 
folglich wegen Befürchtung eines einmall endtftehenden Feuers dem Publico fehr gefährlich fcheine, vnß gnädig anbefohlen, daß Wir, Ob nit etwann 
gedachte Comoedien auf einen Platz oder anderes passableres Orth transferiret und gehalten werden khönten, mit guetachten berichten follen. 

Nun haben wir zwar bereiths ein oder anderes Orth in Vorfchlag, ahvo ein dergleichen Comoedi-Hauß erpauet werden khönte, allein liehen wir nit 
unbillig in Sorgen, wann dißfahls von Uns ein bequembes Orth oder Hauß erkhaufft und daß nöthige Gepau alda vorgenomben werden folte, daß nit 



22 

Pchien. Es Hellte fich nämlich heraus, dafs die Stadtväter mit ihrer guten Idee zu fpät gekommen 
waren und dafs fchon ein kluger Italiener den glücklichen Einfall gehabt hatte, den ins Auge gefafsten 
Theaterbauplatz, ja auch das Theaterprivilegium für fich mit Befchlag zu belegen. Noch ehe das erfte 
Wiener Stadttheater begonnen war, wurde es von nicht-deutfchen Schaufpielern erobert. Ein 
italienifcher Edelmann, Francesco Maria conte Pecori, der fich als kaiferlicher Kämmerer und als 
»protettore e sopraintendente« (Proteclor und Oberintendant) einer felbftftändigen compagnia dei 
comici italiani bezeichnet, hatte die fortificatorifchen Gründe von Kaifer Jofeph I. als Gefchenk mit 
der Zuficherung der Xutzniefsung des Theaters auf Lebenszeit für fich und feine Descendenz erhalten. 
Er hatte auch bereits einige fchwache Anläufe zum Bau genommen, Pflöcke einfchlagen laffen, den 
Bau-Rifs entworfen, u. f. w. Als nun die Stadtgemeinde ihr- Project ins Werk fetzen wollte, fand fie den 
italienifchen Conte bereits als Befitzer des Grundes und als defignirten Theaterunternehmer vor fich 
und mufste verfuchen, fich mit dem vornehmen Komödianten-Principal in Güte abzufinden. 

Die niederöfterreichifche Regierung meinte es gut mit der Stadt und befürwortete ihr Project in 
rückhaltlofer Weife. Da der Hof die Oberhand behalten und Unzukömmlichkeiten leicht abftellen 
würde, und da durch den Bau folcher Komödiantenhäufer ein gut Stück Geld im Lande erhalten werde, 
ftimmte lie dafür, der Stadtgemeinde zu geftatten, einen mafiiven, möglichft feuerficheren Bau auf- 
zuführen, »fich Limb guete Comoedianten undt operiften zu bewerben, von felbigen einen leidentlichen 
Gewinn einzuheben, wogegen fonft niemand befuegt fein folle, anderweitig eine comoedi oder opera zu 
produciren«, folange das ftädtifche Komoedienhaus nicht verlaffen wäre. Wegen eines zweiten Theater- 
baues auf der Freiung fei mit dem Schotten-Abte noch etwas ftrittig, auch könne ftatt deffen ein 
anderer Ort ausgefucht werden. Mit dem Conte Pecori hatte fich die Stadtgemeinde, wie wir aus dem- 
felben Regierungs-Referate 1 erfahren, in einen merkwürdigen Pacl: eingelaffen. Sie erklärte fich bereit, 
das Theater nach den Angaben des Italieners zu erbauen und alle Koften hiefür vorzufchiefsen, wogegen 
der Conte und all' feine Nachkommen, »welche die Direclion über ermeltes Comoedienhaus fich zu 
prävaliren halten«, das vorgefchoffene Capital mit fünf Perzent intereffiren füllten. In diefem Sinne 
fiel auch die Entfcheidung des Kaifers aus. 2 Die Stadtgemeinde erhielt den Bauconfens nebft einer 
Ermahnung, wegen der vorgefchrittenen Zeit fchleunigft mit den Arbeiten zu beginnen, und dem Conte 
Pecori wurden feine angenehmen Rechte als erblicher Theaterdire£tor und Nutzniefser des ftädtifchen 
Alufenhaufes verfichert. 

Schon tummelten fich die ftädtifchen Arbeiter auf den ärarifchen Gründen nächft dem »Cärnerthor«, 
fchon hatten fich die Stadtväter in das Schickfal ergeben, dem italienifchen Cavalier ihr elftes Theater 
weihen zu muffen, da wurde die niederöfterreichifche Regierung plötzlich von einer Fülle von Bedenken 
gegen das Unternehmen befallen und hätte am liebften die ganze Sache null und nichtig gemacht. Die 

etwan hernach auch von andern dergleichen Comoedi-Orth zugerichtet werden möchten, wordurch fodann daß von gemainer Statt hierzu erpaute Haus 
gänzlich verfchlagen werden möchte, mithin vnfere dißfahls außgelegten Paw-uncoften vergebens angewendet worden wären und zu gem. Statt großen 
Schaden glcichfamb völlig in verluft gehen möchten. Diefem nun vorzukhommen Langt an Ew. kayf. Maj. vnfer aller unterthänigftes Bitten, Sy 
geruehen vnß hierüber ein dergeftaltiges Privilegium privativum, daß Niemand anderer alß Wir allein, weder in denen bürgerl. Frey- 
und anderen Häufern oder Höfen in und vor der Statt dergleichen Orth zuez urichten, vill weniger außer difenvon vnß 
zuerichtenden Orth und gelegenheit derley Comoedien zu halten befuegt feyn folle, vor Andern Allergnädigft zu ertheillen ; wornach 
Wir alfo balden über ain vnd anders hierzu in Vorfchlag habendes Hauß einen ordentlichen Rüß, wie nemblichen folchcs Vnfer zu pawen vorhabendes 
Comoedienhauß in- und auswendig zugericht werden folle, Euer kayf. Mayjft. oder Einer hochlöbl. N. Ö. Regierung nach dero Allergnädigften Befelch 
zu weitherer deliberir u. etwan einnembenden Augenfchein Allergehorfambift zu überraichen vnß hiemit unterthänigfterbiethen: vnd vnß zu aller gnädigfter 
gewehrung empfehlen. 

Euer kayf. May. Allerunterthänig Gehorfambfte 

Aßen d. Min. d. Inn. Burgermaifter und Rath der Stadt Wienn. 

1 Min. d Inn., Arch. 

- Die kaiferliche Refolution vom 3. Juli 1708 lautet: »Ich approbire, was hier eingerathen : daß nemblich die von Wien daß Comoedihauß 
erbauen, dem Conte Pecori aber die Direktion darüber, wie auch die nuzung gelaffen werde, jedoch davon die jährliche 5 percente intereffe von den 
bau Unkoflen zu zahlen fchuldig fein folle; es folle aber, weilen es fchon ziemblich fpat im jähr ift, an den bauen gleich der anfang gemacht werden. 

J o f e f . 



23 

Stadtgemeinde hatte, wie aus der über diefe Affaire vorliegenden Aclenfülle hervorgeht, einen fchweren 
Kampf mit ihren Nachbarn in derKärnthnerthor-Gegend durchzukämpfen gehabt. Sie wollte das »Stöckl« 
des Pfauen wirthshaufes und das dem Hoffchmied gehörige »Stadl« ankaufen, konnte fich aber zu dem 
horrenden Preife von 12.000 beziehungsweife 5000 fl. nicht verftehen, zumal der Pfauenwirth auch noch 
»ewige Quartiersfreiheit« prätendirte. Nun war fie auf den fechs Schuh von dem Wirthshaus ent- 
fernten freien Platz vorgerückt und konnte es der Welt abermals nicht recht machen. Denn nun 
befchwerte fich der Wirth über Yerfinfterung feines Haufes und Verfperrung des Kellereingangs; die 
Statthalterei klagte darüber, dafs man einen der wenigen fchönen, freien Plätze, den man zu Zeiten von 
Peft, Belagerung und Auflauf fo wohl »pro bono civitatis et populi« gebrauchen könnte, verbauen 
wollte. Auch wäre zu bedenken, dafs bei der Verbauung des Platzes keine Cavallerie, ja nicht einmal 
der Kaifer mit feinem Hofftaat zum Thore gelangen werde, dafs man die »Stuckh« (Kanonen) nicht auf 
die nahen Baftionen führen könne und bei dem Zufammenlaufe von Lakaien und Kutfchern vor dem 
Theater »nicht allein vielfältige rauff- und Schlägereyen, fondern auch mord- und todtfchläge, fowie 
anderes contra securitatem publicam betaurliches ohnheyl angeftifftet werden möge.« Da endlich auch 
der Stadtgemeinde von dem Conte Pecori wegen der von ihm begehrten Caution gar keine politiven 
Zuficherungen gemacht worden waren, fo hielten die mafsgebenden Factoren die Theaterbaufache für 
gar nicht erledigt. »Multa enim traclantur, quae non perficient — Viel wird verhandelt, was man nicht 
durchführt«, meinten die Herren und beantragten kurzweg, das bereits im Bau begriffene Theater »auf 
einen gelegenfameren Ort« zu übertragen. Aber Kaifer Jofeph I. machte der von der Hofkanzlei 
entwickelten Fülle von Anftänden ein kurzes Ende mit folgenden, für die Entftehung des erften Wiener 
Stadttheaters bedeutfamen, eigenhändig in margineniedergefchriebenenRefolution vom 1 l.October 1708: 

Weilen der Bau- difes Comüdihauß fchon zimlich angefangen, auch die fach vorhero examiniret worden vndt ich nit finde, das grofe incon- 
venientien daraus anflehen konnten, alß folle es auf Selben Platz bleiben. Wegen der Machenden Richtigkeit aber zvvifchen dem Conte 
Pecori vnd denen von Wien approbire Waß hier eingerathen. Jofeph m. p. 

Dieferkaiferliche Machtfpruch rettete die kaum begründete Exiftenz des erften, ftabilen Komödien- 
haufes in Wien. Die Stadt fühlte fich aber noch lange nicht behaglich in einem fo vielfach befchränkten 
undbeftrittenenBefitze und richtete ihr Streben vor allem dahin, den läftigen »protettore e fopraintendente« 
Pecori los zu werden und das erbetene, aber noch immer nicht formell bewilligte Privilegium zu erobern. 
Graf Pecori, deffen hervorragendfte Tugend der Reichthum keineswegs war, arbeitete der Stadt 
geradezu in die Hände, und nur die befondere Gnade des Kaifers fchützte ihn vor einer frühzeitigen 
Kataftrophe. Hatte er verfprochen, als Garanten feiner Verpflichtungen gegenüber der Stadt ' einen 
»inländifchen Cautionarius« beizuftellen und die jedem Theaterunternehmer auferlegten Ouartalsbeiträge 
zur Erhaltung »des armen Zuchthaufes« in der Leopoldftadt in Wien pünktlich zu entrichten, fo vergafs 
er auf alle diefe Verpflichtungen vollftändig. Schon zu Ende des Jahres 1708 zeigt die Stadtgemeinde 
an, dafs das Theatergebäude bei dem Kärntnerthore wohl zu Anfang December »unter Dach und Fach 
gebracht« worden fei, der Graf Pecori aber mit feinen Komödianten im Franciscaner-Ballhaufe Vor- 
ftellungen (wahrfcheinlich in der commedia dell' arte) gebe und keine Miene zur Einhaltung feiner 
Zahlungen an die Stadt und das Zuchthaus mache, welches 25 Gulden per Woche zu fordern hatte. 
Daraus fei zu fchliefsen, dafs es ihm entweder nicht gefällig oder nicht möglich fei, zu zahlen, und da 
die Stadt ebenfowenig ihr in den Bau geflecktes Capital fruchtlos liegen, noch fich durch Theatervor- 
ftellungen in einem anderen Bau fchädigen laffen wollte, bittet fie die Regierung, den Conte überhaupt 
nicht in das Kärntnerthortheater einzulaffen. 

Die niederöfterreichifche Regierung trat nun für die Anfprüche der Stadt mit einer Wärme ein, die 
zu ihrer früheren kühlen Vorficht im angenehmen Gegenlätze ftand. Sie hielt den Augenblick für günftig, 

' Pecori mufste fich auch verpflichten, in dem Theatergebäude weder in- noch ausländifchen Wein, auch kein Bier auszufchenken; diele 
Gerechtigkeit blieb der Stadt refervirt. 

6* 



24 

dem Kaifei- die endgiltige Privilegirung des ftädtifchen Theaters dringend anzuempfehlen. Die Beweg- 
gründe, welche fie dabei leiteten, find fo richtig, dals man fie noch heute, wo der Aclenftaub jene 
Wiener Tagesfragen längft bedeckt hat, mit Intereffe liest. Das Theater, wie alle öffentlichen Spiele — 
heifst es in jenem Referate 1 — find ein »Gemeinwefen« und werden defshalb auch in den gröfseren 
Städten in den von der Bürgerfchaft hiezu gewidmeten »Gemeinhäufern« dargeftellt, weil eine 
Commune am beften folche »pro decore civitatis« (zum Schmucke der Stadt) dienende Anstalten unter- 
halten könne. In der weltberühmten Haupt- und Kaiferrefidenzftadt Wien aber habe man fich bisher 
mit fchlechten Hütten und Ballhäufern behelfen muffen; umfomehr Wohlwollen und Förderung 
verdiene das von der Stadt neuerbaute Komödienhaus. Die Regierung ergriff auch entfchieden Partei 
gegen den wälfchen Prinzipal, Conte Pecori, und bat, der Stadtgemeinde zu gefiatten, für den Fall, dafs 
der Graf bis Oftern nicht zahle, andere Komödianten in das neue Haus einzulaffen. Diefe Frage wurde 
umib dringender, als der deutfchen Haupttruppe, welche im Ballhaufe in der Teinfaltftrafse fpielte, 
die völlige Unter ftandslofigkeit drohte. Die Bewohner diefer Gaffe hatten an den Stadtrath eine 
geharnifchte Eingabe gerichtet, worin fie in Wiederholung vieler mündlicher Bitten um endliche 
Abfchaffung der »feit zwei Jahren erduldeten fchädlichen Xachbarfchaft der deutfchen Komödianten« 
anfuchten. 2 Den Stadtvätern kam die Entlüftung der Ballhausnachbarn äufserft gelegen, und fie beeilten 
fich, diefe Klagen in verfiärkter Schilderung höheren Ortes anzubringen. In grellen Farben malten fie 
die Unmöglichkeit einer Paffage durch den »Unflath« jener Gaffe, in welcher lbgar »die allda einquar- 
tirten kayferlichen Leut und Pferde an ihrem Dienft, die Inwohner an Verrichtung ihrer Gefchäfften 
und die Kranken an benöthigter Ruhe gehindert, ja der ärztlichen Hilfe und des hochwürdigften Guts 
beraubt würden.« Wenn das fo fort gehe, würden bald alle Cavaliere ausziehen und alle Wohnungen 
leerftehen. Der gänzlich infolvente Ballmeister des zum Ball-, aber nicht zum Komödienspielen gewid- 
meten Haufes werde den eventuellen Feuerfchaden ebenfowenig erfetzen als die von einem zum anderen 
Tage lebenden Komödianten. Es wäre nun das Einfachfte, wenn man diefe armen Leute, die in dem 
verfloffenen harten Winter 1000 fl. eingebüfst hätten, fonft aber »durch ihre bis dato exhibirte Comoedi, 
verfchaffte gute music, faubere Kleidung und taugliche aclores von hoch und nider Standesperfonen 
einen weit gröfseren concurs und zuelauff als die weifchen Comoedianten überkommen«, in das 
Theater bei dem Kärntnerthor, wenigftens auf einige Zeit, einziehen liefse. In diefem Sinne ftellte auch 
die niederöfierreichifche Hofkanzlei ihren Antrag bei dem Kaifer. 3 Wie ein Donnerfchlag aber traf die 
hoffnungsfreudigen Stadtväter einige Wochen fpäter folgende kaiferliche Refolution, welche die deutfchen 
Komödien von dem Wiener Stadttheater vollftändig ausfchlofs: 

»Weilen gleich bey anfang der Bauung des Neyen Comoedi Hauß allzeit die Intention gewefen, felbes keinen anderen alß denen 
Walifchen Comoedianten zum gebrauch zu laffen, folle es dabey fein bewenden haben; waß aber den Conte Pc co ri betrifft, ifl er 
ehrbietig, den flatt Magiftrat die 5 per Cento Intereffe von denen Baukoften wie auch die übrigen praeftanda wegen des Zuchthauß wndt anders dem 
getroffenen Contrafl nach zu praefliren, worüber Mein Kammerzahlmeifter Pil ati genungfamben Caution geben wirdt. Man wirdt aber auch gedacht 
fein, den Magiftrat die ganze Summam was in diefes gebey verwendet werden, guetzumachen, welchem nach dem Conte Pecori der grundt, worauf 
das comoedihauß gebawt fambt dem Comoedi hauß zufallen folle, in deffen folle bey umgehender Wochen der Anfang der Walifchen Comoedia in 
dem neyen Haus gemacht, denen teutfchen aber (wann in den Orth, wo fie jetzt fein, eine Gefahr fein follte) ein anderer bequemerer Orth aufgefunden 
werden. Jofeph m p. 22. Oct. 1709. 

i Datirt vom 23. Febr. 1709. Acten d. Min. d. Inn. 

2 In dem von dem engl. Gefandten Graf Hamilton, dem Reichshofrath Bifchof Baron Xeffelrode. dem Grafen Hoyos u. A. unterfchrie- 
benen Gefuche drohen die Herrfchaften mit dem , Auszuge", denn es fei: »notorium, daß wir ftündlichen in höchfter Feuersgefahr flehen, den nicht 
allein das Pallhauß lauter altes höltzernes Winkhl- vnd Tagwerkh auch die meiften Häußer nieder, vnd mit Schindeln eingedöcket alßo daß wann (fo 
Gott gnädiglich abwenden wolle) ein Feuer entflunde. welches fonderlich Winterszeit bey endigung der Comoedien durch die Menge der angezinten 
Windtlichter u. bei faft tägl. anfallenden ftarkhen Windten, da mann auch kein Scheuchen mit prenenden Fakhln biß in den Einlaß hinein vnterhalb 
deren von purem waichen Holz gemachten Pruckhen zugehen gantz leichtlicher gefchehcn könnte, womöglich ein Haus zu salviren wäre, mithin 
mancher Mit-Xachbahr (deffen hab vnd guett zufagen in feinen Hauß flehet) in einen vnerfetzlichen Schaden wurde gefetzet werden, vnd wer folte 
lbdan difen wider erfetzen, denn weder der Pallmeifter, noch weniger die Comoedianten, die zufagen von einen zu den anderen Tag leben, es in Ver- 
mögen hätten . . .« 

s Eingabe der Hofkanzlei vom 29. Aug. 1809. 



Dies war in der That eine Entfcheidung, welcher die Stadt Wien rath- und hilflos gegenüberftand. 
Der Kaifer felbft beftand auf der Befetzung des ftädtifchen Theaters durch die Italiener und übernahm 
die Zahlungsverpflichtungen Pecori's, ja er kündigte fogar den formellen Ankauf des von der Stadt für 
die deutfche Komödie erbauten Haufes zu Gunften des wälfchen Komödiantenprincipals an. Die 
Stadtväter waren zunächft fprachlos und mufsten refignirt zufchauen, als der Conte Pecori, ohne ihnen 
und dem »armen Zuchthaus« einen Heller gezahlt zu haben, mit feiner wälfchen Komoediantenbanda 
das neue Theater eröffnete. Über die erfte Vorftellung berichtet das »Wiener Diarium«, Nr. 661 vom 
November 1709, lakonifch: »Eodem (30. November 1709) ift in dem von dem Wiennerifchen Stadt 
Rath neu erbauten Comoedienhauß bey dem Kärntnerthor die erfte Comoedie von den weifchen 
Comoedianten gehalten worden; und hat dabei der Herr Anton Peduzzi, ein Bolognefer, Kay f. Theatri 
Ingenieur, wegen feiner in Angebung gedachten Comoedi hauß und darinnen befindlichen Theatri, wie 
auch anderer Sachen erwiefenen Gefchicklichkeit, einen befonderen Ruhm fich erworben.« 

Nach einigen Wochen rafften fich die Häupter der Stadt zu zwei an überrafchender Energie und 
an Citaten reichen Majeftätsgefuchen auf, in denen fie gegen die folgenfchwere Refolution des Kaifers 
dringende Vorftellungen erhoben. Mit gröfster Gemüthsbeftürzung hätten fie vernommen, dafs der 
Kaifer die Bauunkoften von 34.480 fl. 03 kr. der Stadt vergüten und für den Zuchthausbeitrag des 
Theaters zu Gunften des Grafen Pecori aufkommen wolle, was den völligen Übergang des Theaters 
in deffen Eigenthum bedeuten würde. Und dies Alles, trotzdem der Stadt der Bau aufgetragen und das 
Privilegium privativum gegen den (bereits erfolgten) Erlag der Taxe zugefichert worden fei und trotzdem 
der Italiener keine einzige feiner Verpflichtungen erfüllt habe! Der Stadtrath könne nicht begreifen, 
noch glauben, dafs Seiner Alajeftät »fo tief eingepflanzte Gerechtigkeit u. biß auf dato männiglich 
abfonderlich aber gegen dero geliebte u. jederzeit getreueftetGeburts- u. Refidenz-Statt mildraichift 
erzaigte Clemenz, wann Sie des der Stadt vorhin fchon bewilligten privilegii privativ! erinnert worden 
wären, dem Grafen Pecori alß einem Extero (Fremden) das Eigenthumb des auf gemainer Stadtt Kofien 
erbauten Comoedi-Haußes zuegeeignet u. mithin gemainer Statt ihr vorhin erhaltenes Recht zu nehmen 
befchloffen hätten«. 

Die Stadtväter citiren eine ganze Reihe von Rechtsfprüchen, welche felbft dem Monarchen einen 
Eingriff in bereits gewährte Rechte oder die Zuerkennung von Privilegien an Andere zum Nachtheile 
derjenigen verwehren, denen fie bereits verliehen worden waren. 1 Sie fchildern dem Kaifer, wie hart es 
der Stadt fallen muffe, ihr mühevoll begründetes Komödienhaus fammt ihrem Privileg »in unbürgerliche 
Hände« gerathen zu laffen. Es fei ja leider »klar am Tag, dafs die meiften bürgerlichen Häufer bereits 
von der Bürgerfchaft hinwegkommen und in der Stadt nur noch 626, vor der Stadt in dem Burgfriedens- 
bezirke noch 597, zufammen 1223 Häufer dermalen noch von wirklichen Bürgern befeffen werden«. 
Weil es nun der kaiferliche Wille nicht fein könne, der Stadt ihr Recht und ihre Gerechtigkeit zu 
nehmen und die ohnehin an Zahl und Mitteln »faft fchon ganz entkräftete Bürgerfchaft noch mehr zu 
fchwächen«, fo bitten die Bürger, ihnen ihr ordnungsmäfsig verfichertes Privileg zu erhalten und es 
bei den bisherigen Eigenthumsverhältniffen zu belaffen.- 

Nur die wenig verläfsliche Perfon Pecori's und die mangelnde Theilnahme des Publicums fcheint 
den gänzlichen Verluft des Kärntnerthortheaters an einen italienifchen Theaterprincipal verhütet zu 
haben. Thatfächlich nahm anno 1710 der wirkliche Hofkammerrath und Geheime Kammer-Zahlmeifter 
Jofef Anton Pilati Freiherr von Thafful, Herr zu Ebreichstorff am Moos im Sinne der kaiferlichen 

1 »Si enim tertio Jus quaesitum jam est, nullum praesumitur Princeps rescriptum in contrarium admittere.« >Et mandata, rescripta et privilegia 
caesarea semper intelliguntur Salvo Jure cujuscunque ut Jus tertii jam quaesitum minime laedant sed salvum et integrum relinquant« u. s. w. 

1 In einem der Gefuche weift der Stadtrath auch darauf hin, wie bedenklich es wäre, die Gemeinde zur Abtretung des Theaters fammt dem 
Grunde an Pecori zu verhalten, da unter diefem Grunde auch die Wafferleitung zu den kaiferlichen Röhrbrunnen und einige Keller befindlich feien; es 
fei aber zu beforgen, daß der Graf dann in dem Haufe wohnen und »allerhand der Bürgerfchaft fchadliche Gewerbe treiben u. praejudicia verurfachen 
würde, woraus allerhand confusionen u. immerwährende Klagen entftehen könnten.« 



26 

Refolution die Amtshandlung mit der Stadtvertretung vor und gab derfelben die fo unwillkommenen 
amtlichen Zuficherungen über die Ablöfung des Theatergebäudes. 1 Dann aber hört man nichts mehr 
von dem folange durch die kaiferliche Gnade getragenen Conte Pecori und wenig von den nächften 
Schickfalen des Kärntnerthortheaters. Doch fcheint das Monopol der italienifchen Komödianten, unter 
deren erften Principalen man Sebaftiano Scio und Riftori nennt, bald gebrochen worden fein. Deutfche 
Komödianten theilten (Ich mit ihnen in das Haus, und die Stadtgemeinde durfte wieder darüber ver- 
fügen; doch gab es keinen giltigen Vertrag ohne den Spielconfens von Seite des Hofes. 

Als ein bedeutfames Jahr für die Feftfetzung der deutfchen Komödie in Wien nennt man gewöhnlich 
das Jahr 1712. Man bezeichnet es als den Anfangspunkt der StranitzkyTchen, der Hanswurft-Regierung 
im Kärntnerthortheater. Diefe Annahme ift irrig. Jofef Stranitzky, der fchon Jahre lang in Buden und 
Ballhäufern feine luftige Kunft getrieben hatte, mufs fchon früher Einlafs in das erfte ftändige Mufenhaus 
Wiens gefunden haben. Dies fagt mit klaren Worten die Eingabe der niederöfterreichifchen Regierung, 
welche Kaifer Carl dem VI. am 23. April 1712 die Erneuerung des Spielconfenfes für die »teutfchen 
Komoedianten« empfiehlt.- Im Jahre 1710 hatte die Peftgefahr, 1711 der Tod Kaifer Jofeph I. das 
Komödienfpiel in Wien gänzlich unterbrochen. In dem 1712 eingebrachten Majeftätsgefuche der 
deutfchen Komödiantenbande (welche zweifellos mit der StranitzkyTchen identifch ift) wird nun aus- 
drücklich darauf hingewiefen, dafs fie »bey vormaliger Anwefenheit der Gemahn Sr. Majeftät des Kaifers 
Jofeph I., der jetzt verwitweten Kaiferin, und der durchlauchtigften Herrfchaften ihre teutfchen Komoedien 
zu allergnädigften Gefallen vorgeftellt und dann in dem unweit des Kärntnerthors neuerbauten Komoe- 
dienhauß öffentlich zu fpielen, den allergnädigften Confens erhalten haben«. Die Regierung weifs ihnen 
den zu jener Zeit fchwerwiegenden Lobfpruch zu ertheilen, dafs fie fich »jedesmal fo ehrbar und 
eingezogen aufgeführt, dafs man von ihnen nichts Ärgerliches gehört, viel weniger eine Klage gegen 
fie vorgebracht hatte«. Kaum aber hatten fie gehofft, fich von dem Schaden zu retten, den fie durch 
die »ihnen zugefellt geweften wällchen Komoedianten« erlitten, fo hatte der Tod des Kaifers fie »mit 
Weib und Kindern« in die kümmerlichfte Lage verfetzt. Da fie nun meiftens in Wien angefeffene Leute 
feien, ihre Steuern und Abgaben entrichten, fich ihr »ftückl Brot« gewinnen und aus ihren Schulden zu 
erretten wünfchen, bitten fie, in dem ftädtifchen Komödienhaufe, gegen die ordnungsmäfsigen Abgaben an 
die Hofcaffa und das Zuchthaus, ihre »Yorftellungen wiederum vorftellen zu dürfen«. Die Statthalterei 
glaubte diefes Anfuchen auch aus politifcher Raifon befürworten zu follen, da man dem durch Krieg und 
fchwere Ausgaben erfchöpften Volke »einige Ergötzlichkeit und ehrbare Unterhaltung vergönnen follte«. 

Nicht diefe etwas fonderbare Logik, fondern die Würdigung der bisherigen ehrbaren Haltung der 
deutfchen Komödianten und die Rückficht auf die der Pachtfumme fehr bedürftigen Stadtfinanzen 
bewog die Hofkanzlei, dem Kaifer anzurathen, er möge bewilligen, »dafs diefe Komoedianten wie 
vorhin alfo inskünfftig ihre Komoedien in geziemender Manier u. Ehrbarkeit aufführen, alle 
Ärgernus bei unausbleiblichem Verbot, ferners zu fpielen, auch weiterer Beftrafung, vermeiden, ein 
leidentliches Einlaßgeld fordern und endlich ihre Comoedien nicht ehender als biß in der Stadt alle 
Gottesdienft und Andachten, fonderlich die tägliche Litaney bei St. Stephan vollendet, zu exhibiren 
anfangen, auch an verbotenen Zeiten und Tagen folche gänzlich unterlaffen follen«. 

Kaifer Carl VI. verweigerte fein »Placet« nicht; der deutfche Hanswurft durfte in das Haus ein- 
ziehen, und er verliefs es nun nicht mehr bis zu feinem feiigen Tode. Ein dauernder Vertrag, ein eigenes 
Privilegium gab es für Stranitzky und feine Compagnie nicht; wir fehen einfach den Spielconfens von 
Jahr zu Jahr erneut; aber die Ständigkeit der Wiener Schaubühne war nun doch zur Thatfache 
geworden. Lange Zeit theilte fich der deutfche Hanswurft noch mit dem italienifchen Harlequin in das 
Schaufpielhaus. Aber der Stärkere war jener. Wenn er in der Salzburger Bauerntracht mit der Pritfche 

' Acten des Min. d. Inn. 
2 Acten d. Min. d. Inn. 



27 

des Harlequin vor das verehrungswürdige Publicum trat und feine zumeift felbftgedichteten Narrens- 
poffen mit urdrolligem Wort und Wefen vorbrachte, da glätteten fich die Falten auf jeder Denkerftirne, 
da fchwieg alle Vernunft, und der Weife lachte aus vollem Hälfe mit dem einfältigen Manne aus dem 
Volke über den Patron, der dort oben auf der Bühne der ganzen Weltweisheit ein Schnippchen fchlug 
und in ein tolles Xarrenwort mitunter auch ein gutes Korn Wahrheit legte. 

Dabei hielt diefer deutfche Hanswurft auf ein gewiffes patriarchalifches Familienleben in feiner 
Bande wie in feinem eigenen Haufe. Er forderte Liebe zum Berufe und Ehrung desfelben. »Das Theater 
ift fo heilig wie der Altar, die Probe wie die Sacriftei,« pflegte er zu fagen, und harmonirte auch diefer 
weihevolle Ausfpruch nicht ganz mit dem derb-volksthümlichen Charakter der extemporirten Komödie, 
deren Glanz er begründete, fo entfprach er doch der fcharfen Difciplin feiner Theaterführung und der 
fchlicht-bürgerlichen Tugend feines Privatlebens. Wäre es nicht fo gewefen, fo hätte die hohe Behörde 
der Aufführung der deutfchen Komödianten gewifs kein fo fchmeichelhaftes Lob gefpendet. Stranitzky 
liebte es, auf fein getreues Weib und feine gewaltige Kinderfchaar hinzuweifen, wenn er bei den 
Behörden um etwas Butter auf fein »Stückl Brot« bettelte, und auf diefe rührende Weife fchlug er fich 
immer neue Benefizien heraus. 1714 bewilligte man ihm Marionettenfpiele; alle anderen Komödianten, 
die fich irgendwo in Wien anfiedelten, wufste er den Behörden als abfchaffungswürdig darzuftellen, und 
1718 gelang es ihm, mit der läftigen Gefellfchaft der Italiener, welche fich noch immer neben feiner 
Compagnie im Kärntnerthortheater behaupteten, einen vortheilhaften Vergleich abzufchliefsen, die 
das alternative Spiel in beiden Sprachen regelte. 

Der Hof hielt noch immer mehr auf die wälfche Burleske, als auf die ungefüge, derbe deutfche 
Hanswurft-Komödie. Ferdinando Danefe, genannt »Zaccagnino Neapolitano«, wird noch 1720 1 zum 
»Principalmeifter oder Vorfteher der wällifchen Komödiantenbanda« ernannt, hat die nöthigen Leute 
aufzunehmen und die untauglichen abzudanken, »infolglich darmit er zur Bedienung des Hofs fich jeder- 
zeit beffer verftehen u. gefaßt halten möge und folle«. Er führt den Titel eines Kaiferlichen Comoedi- 
anten 2 und wird oft zu Hofe gerufen, um die Majeftäten und die Hofgefellfchaft mit »italienifchen 
Burlesken zu erluftigen«. Dies lefen wir wiederholt in den zwei erften Jahrzehnten der Regierung Carls 
des VI., nie aber lefen wir von der Erluftigung des Hofes durch eine »hochteutfcheKomoedie«, obwohl 
damals fchon Stranitzky in der Blüte feiner Popularität ftand und dem wälfchen Rivalen im Theater 
felbft das Terrain abgewonnen hatte. Der Wienerifche Hanswurft bekleidete zwar die Würde eines 
diplomirten »Hof-Zahn-, Bruch- und Mundarztes«, die Würde eines Hof-Komödianten aber nicht. Umfo 
vollftändiger war fein Sieg in den weiten Volkskreifen, deren Sprache er fprach, denen fein grüner Hut 
und feine Pritfche bald die Symbole unbändiger Heiterkeit waren. Eine Mehrung des kaiferlichen Wohl- 
wollens für die deutfche Komödie war aber doch während der Principalfchaft Stranitzky's zu erkennen. 
So oft fich Stranitzky, der feine Herrfchaft zeitweilig (1717 — 20) mit Johann Hil verding, dem Mitgliede 
einer weitverzweigten Künftlerfamilie, theilte, mit einem Bittgefuch an den Hof wandte, fand er Erhörung, 
und im Jahre 1720, alfo nach banger, langer Wartezeit, ftellte fich endlich auch das von den Stadtvätern 
fo oft erbetene kaiferliche Privilegium für ihr Komödienhaus ein. Ausgenommen war hievon nur die 
Erlaubnifs, Opern zu geben, denn für folche mufikalifche Veranstaltungen hatte ein alter Sänger, 
Francesco Ballerini (oder Ballarini), fchon von Jofephl. ein Privilegium erworben, das er krampfhaft 
fefthielt, obwohl ihm die Mittel fehlten, es auszuüben. 3 

» Hofdecret vom 13. Nov. 1720. 

- Das »Wiener Diar.« meldet vom 2. Nov. 1720: »Dem Herrn Ferdinand Deneffi (foll heißen Danesel, kaiferl. Komoedianten, beim blauen 
Pfauen fein Kind Marianna, alt 6 Vierteljahr, geftorben. 

'Der Majeftätsbrief de dato Wien, 25. Apr. 1720 beftimmt folgendes: »Dem Wiener Stadt-.Magiftrat wird das Privilegium privativum 
ertheilt, in dem von demfelben erbauten Schaufpielhaufe nächft der Kärntnerthorbaftei künftig jederzeitKomoedien privative geben zu dürfen. Niemand 
darf weder einen derley Ort in bürgerlichen. Frey- und anderen Häufern und Höfen zurichten oder außer dem vom Magiftrat eingerichteten Schaufpiel- 
haufe Komoedien halten. Unabbrüchig jedoch fei dies den landesfürftl. Obrigkeitlichen Rechten u. wegen der gefungenen Opern ganz unvorgriffen. 



28 

Als der ruhmreiche wienerifche Hanswurft, Bürger, Hof-, Zahn- und .Mundarzt Stranitzky am 
19. Mai 1726 fein für alle Mitmenfchen erheiterndes Dafein befchloffen hatte, führte die mit drei 
verforgten und fieben unverforgten Kindern hinterlaffene Wittib Monica, genannt »die Hannswürftin«, 
die Bühnenleitung vorläufig weiter. Trotz alles Jammerns und Wehklagens des Seligen hatte es Frau 
Monica Stranitzkin zur doppelten Hausbefitzerin gebracht und ftand fich auch als Prinzipalin nicht 
übel, zumal fich der verftorbene Hannswurft noch zu Lebzeiten in Gottfried Preh aufer einen eben- 
bürtigen Nachfolger, einen volhverthigen Erben der Volksgunft, gegeben hatte. Trotzdem trat fchon im 
Jahre 1728 ein Direclionswechsel ein, der das Wiener Theaterwefen auf eine breitere und feftere Grund- 
lage ftellte. 

Zwei Hofkünftler von Ruf und Rang, der Hoffänger Francesco Borofini und der Hoftänzer Jofeph 
Carl Selliers, hatten an des Kaifers Majeftät das Anfuchen geftellt, ihnen ein Privilegium für die 
Schaufpieldireclion zu gewähren. Sie erklärten fich bereit, der Stadt den bisherigen Stranitzky'fchen 
Jahreszins von 2000 fl., ferner die normalen Zahlungen an die refervirte Hofcaffa und das Leopoldftädter 
Zuchthaus zu leiften, die bisherigen tüchtigen Mitglieder der Truppe beizubehalten und der Witwe 
Stranitzky die Theatereinrichtung und Garderobe abzulöfen. Dagegen erhielten fie das Privilegium auf 
die bisher unerhörte Zeitdauer von zwanzig Jahren. Der Witwe Monica, deren Vertrag eigentlich noch 
drei Jahre zu Recht beftanden hätte, wurde vom Hofe (»per Imperatorem«) bedeutet, man werde ihr, 
»wenn fie ohne weitere Widerfetzung denen neuen Directoribus das Comoedienhaus in dem dermaligen 
Stande gutwillig einräumen und den von ihnen vorzunehmenden Veranftaltungen nicht hinderlich fein 
würde, zu einer Ergötzlichkeit von den eingehenden Geldern ex communi massa 2.250fl. in dreijährigen 
Ratis aus Gnaden reichen«. 1 Die »Hannswürfiin« war klug genug, dem hohen Willen keinen Widerftand 
entgegenzuftellen und dankbar anzunehmen, was man ihr gnadenweife gab und durchaus nicht 
geben mufste. 

Zwifchen den beiden neuen Directoren und dem Hofe beftanden aber auch ganz befondere 
Abmachungen, welche das Theater am Kärntnerthore in unmittelbare Abhängigkeit von der Hoffteile 
brachten. Hatten Borofini und Selliers die beftimmte Zuficherung, dafs innerhalb der zwanzigjährigen 
Dauer ihres Privilegiums in Wien keine anderen Komödien als die von ihnen geleiteten gegeben werden 
dürften, fo mufsten fie fich ihrerfeits »der Regierung und der in Wienerinnen Wahl- und Wirtfchafts- 
lächen verordneten Hofcommiffion unterordnen und ein Drittheil ihres Jahresgewinns für das 
kaiferliche Ärar an die Hofcaffa einliefern.« Ein eigener ftädtifcher Caffier oder Einnehmer, der im 
Theatergebäude eine Wohnung bezog, hatte die ganze Geldwirtfchaft zu führen, Einnahmen und 
Ausgaben mit einem von der Direclion beftellten »Mitwiffer« zu controliren, den Directoren ihren 
Zweidrittelgewinn auszuzahlen und das dritte Drittheil an die Hofcaffa abzuliefern. Nach Ende der 
erften drei Jahre follte erwogen werden, ob man es auch in Zukunft bei dem Zweidrittelgewinn der 
Directoren laffen oder ihnen, »wie in Frankreich gebräuchlich«, täglich eine gewiffe Einnahme zugefiehen 
follte. Den Direcloren ftand es frei, falls fie einige Komödien mit befonderen kofibaren »Intermediis« 
(Intermezzi), mufikalifchen Arien und Theaterauszierungen geben wollten, die Eintrittsgebür um ein 
Geringes zu erhöhen. 

Dies fieht in der That bereits wie ein dem Hofe unmittelbar untergehendes, ja wie ein Hoftheater 
aus, und es war keineswegs zu verwundern, wenn fich Borofini und Selliers etwas zu frühe in die bevor- 
zugte Rolle von Hoftheaterdirecloren hineinträumten. Sie hatten kein dringenderes Streben, als in die 
ganze Theaterleitung einen gröfseren Styl, Nobleffe und Glanz hineinzutragen, das Stadttheater dem Hofe 

Kaifer Jofef I. hat nämlich vorlängft fchon dem Franc. B allen ni das Privilegium zur Exhibirung gelungener Wälfcher Opern in Wien oder wo fich der 
kaiferliche Hofftatt befindet, als eine ewige Nutznießung ertheilt. Wenn alfo die Stadt diefes Privilegium vor fich haben will, fo muß fie fich mit 
dem Ballerini darüber verftehen u. abfinden.« Siehe den Wortlaut im Anhange. 
1 Kaif. Refolution vom 12. März 1728. 



29 

fo nahe als möglich zu rücken. Dies bedingte fchon ihre Zugehörigkeit zur höflichen Kunft. Es war fehr 
natürlich, dafs der gefeierte Tenorift Borofini, der feit 1712 dem Hoffängerchor angehörte und mit 
einer brillanten Sängerin, Rofa d'Ambreville, vermählt war, dafs ein vortrefflicher Hoftänzer, Tanzmeifter 
und Balletcompofitor wie Selliers, der — wie uns ein Oberfthofmeifter-Referat vom 18. Februar 1733 
erzählt — »bei den Meiftern Blonde und Becour in Paris die Balletcomponirung fundamentaliter erlernt 
hatte«, nicht mit den deutfchen Haupt- und Staatsa6tionen und der Hanswurftkomödie in dem ihnen 
verliehenen Theater fürlieb nehmen würden. Wohl beliefsen fie die deutfche Komödie mit Gottfried 
Prehaufer, ihrem neuen Hanswurft, im ungeftörten Befitze der Volksgunft, aber fie waren aufgewachsen 
in höfifcher Pracht und beeilten fich deshalb, das armfelige Ausfehen der Vorftellungen zu ändern, das 
Orchefter zu verftärken, ein anfehnliches Corps von Tänzern und Tänzerinnen zu errichten, Decorationen 
und Koftüme zu erneuen und zu verfchönen. 

Der Herzenswunfch Borofini's war es, die Oper, welche in Wien bisher nur rein-höfifche An- 
gelegenheit, der befondere Kunftgenufs der zum Eintritt in das Hoffeftfpielhaus Berufenen war, in das 
öffentliche Theater einzuführen. Dies fchien ihm nicht nur ein dringendes Bedürfnifs für eine fo grofse 
und kunftfinnige Stadt, fondern auch vom Standpunkte des Hofes erfpriefslich, da von einem Zufammen- 
wirken der Stadttheatergefellfchaft mit den Hofkünftlern die Hoffefte nur Vortheil ziehen könnten. Da 
der platonifche Opern-Principal Ballerini, trotz einer beredten Ankündigung feiner Vorftellungen 1 , fein 
Privilegium noch immer fruchtlos liegen liefs, machten Borofini und Selliers kurzen Procefs und wagten 
fich mit ihrem ftarken Perfonal an die Aufführung regelrechter Opern. Sie gingen fogar noch weiter und 
errichteten zur Sicherung des Nachwuchfes an heimifchen Sängern und Sängerinnen eine Akademie, 
welche rafch Zufpruch und Erfolg fand. Borofini und Selliers meinten, durch diefe intereffante »Singer- 
und Singerinen-Akademie« nicht allein der Oper im Kärntnerthortheater, fondern auch den Aufführungen 
bei Hofe treffliche Virtuofen zuzuführen und fühlten fich fo ganz als treue und eifrige Diener der 
Majeftäten, dafs fie fich den Titel von »k. k. Hof-Befreiten Directoren« beilegten. 

Um fo fchwerer traf die beiden Direötoren noch in der Blüthe ihrer Hoffnungen ein kaiferliches 
Verbot, im Stadttheater Opern aufzuführen und diefem Komödienhaufe fowie fich felbft den Hoftitel 
beizulegen. Der Hof-Vicekanzler Graf v. Seil lern hatte ihnen, wie fie der ihnen vorgefetzten Hof- 
commiffion »wehmüthigfl« anzeigen, im Namen des Kaifers mündlich anbefohlen, »fich inskünftige des 
tituli directores dero Kayf. priv. Comoedienhaufses zu enthalten, anbey auch die dermalen producirende 
Operetten nicht anderft als mit Untermifchung deren teutfchen Komoedien exhibiren zu laffen«. Auf 
diefes Verbot hatte der alte Inhaber des Wiener Opern-Privilegs, Francesco Ballerini, wefentlichen 
Einflufs genommen. 

Sobald die beiden Direktoren des Kärntnerthortheaters mit ihren Opernvorftellungen begannen, 
brachte Ballerini fein Monopol auf »producirung deren Operen und ganz Wälfchen Comoedien«, das 
ihm Jofeph I. verliehen hatte, dem regierenden Kaifer in Erinnerung. Er wehklagte, dafs fein eigener, 
ohnehin grofser Nothftand dadurch noch vermehrt werde, und flehte den Kaifer an, durch fchleunige 
Hilfe und Einfehreiten gegen die blos für deutfche Komödien privilegirten Directoren ihn »vor feinem 
gänzlichen Untergange zu erretten«. Diefer Jammer rührte den Monarchen, und plötzlich erweckte der 
Kaifer die opernfreudigen Impreffarii aus ihren holden Zukunftsträumen. Die Hofcommiffion felbft 
empfand die Schwere diefes den Directoren beigebrachten Schlages und erhob in einem umfaffenden 
Vortrage an den Kaifer Vorftellungen dagegen. Das Schriftftück wirft fo intereffante Streiflichter auf 
die damaligen Beziehungen des Hofes zu dem des privaten Charakters fchon halb entkleideten Theater 

1 In Nr. 13 des »Wiener Diarium« lefen wir folgende Notiz: »Zufolge des von Ihro Rom. kaif. u. kgl. Cath. Maj. dem Hrn. Frantz Ballerini, 
feinen Erblaffern und immerfolgenden Erben allergn. ertheilten Privilegii, in Wien um Bezahlung gefungene Opern u. Welfche Komoedien halten 
laffen zu können, urkundet befagter Herr Ballerini diefem h. Adel u. Gemeinde: daß in der Niederlag des Hrn. Jof. de Trevano, wohnhaft in dem 
Gondel-Hof, die Zettel, worin die Einrichtung deren man fich fowol belangend der Erbauung u. Aufrichtung eines neuen Theatri, als auch der Weife u. 
Art, fo man in Haltung befagter Opern u. Comoedien beobachten wird, enthalten ift, werden ausgetheilt werden.« 

8 



30 

der Stadt und auf die Auffaffung der künftlerifchen Verhältniffe der Zeit, dafs wir uns eine nähere 
Betrachtung nicht Verlagen können. 

Aus finanziellen, künftlerifchen und focialen Rückfichten empfiehlt man Carl VI. die Förderung 
des Borofini-Selliers'fchen Vorhabens. Die Hofcommiffion gefleht zunächft, dafs dem Hofärar aus dem 
neuunternommenen Werke ein namhafter Nutzen erwachfe, den fie wöchentlich auf 1200 11, in den 
42 Theatenvochen des Jahres auf 50.400 fl. beziffert, wovon dem Ärar in den erften drei Jahren als 
Drittheil des Reingewinns 9.466 fl. verbleiben würden. Im erften Jahre fei der Gewinn allerdings 
geringer, weil man 10.000 fl. für Requifiten und Garderobe ausgegeben habe; um fo gröfser aber würde 
er künftig fein, da man das Theater noch zu erweitern, die Logen zu vermehren und das Parterre zu 
vergröfsern gedenke — man könnte eine Jahreseinnahme von 80.000 fl. erwarten. Wenn fich Borofini 
und Selliers »Direclores des Kayf. priv. Komoedienhaufs« gefchrieben, fo glaubten fie fich dazu wohl 
deshalb befugt, weil fie ein 20jähriges Privilegium erhalten, alle diejenigen aber, »fo ein Privilegium 
auf handlungen, fabriquen oder eine Kunft erhalten, fich bißhero des Tituls Kayf. hofbefreyte Handels- 
leuth, Fabricanten und Künftler gebrauchet hatten«. Überdies würde ja, wenn den Direcloren künftig 
nur eine beftimmte Summe der Einnahme überlaffen, das Andere dem Hofärar zugefchlagen würde, 
der Titel noch mehr Berechtigung gewinnen. 

Die von Sr. Majeftät angeordnete »Untermifchung der Operen mit den teutfchen Komoedien« leide 
defshalb einen grofsen Anftand, »weil die Singer u. Singerinen als Virtuofen mit denen teutfchen 
Komoedianten nicht fingen, infolglich die neuverfchriebenen Singerinen fich nicht 
gebrauchen laffen würden«, die deutfchenKomödienallein jedoch zu wenig eintrügen. Die Aufführung 
befonderer Opern in der Refidenzftadt Wien wäre aber dem Hof-Aerario fehr zuträglich, weil dadurch 
den »Opern bei Hof gegen leidentliche Befoldung« vortreffliche Virtuofen zugeführt würden. Die Hof- 
commiffion gab dem Monarchen zu bedenken, »daß auch in anderen vornehmeren Stätten die operen 
allein produciret würden, u. in anfehung derenfelben Ew. K. May. Refidenz-Statt Wienn eines gleichen 
Vorzugs allerunterthänigft fich getroffen thue. Benebens fei ex rationibus politicis die Einführung 
deren operen von darumben zu befördern, u. billig dahin anzutragen, damit die hier anwefende foviel 
auswendige Ministri, Gefandte u. andere Frembde die gelegenheit haben, auch dasjenige 
allhier zu fehen, was in anderen orthen ganz frey produciret würde. Solchemnach lebe die Commiffion 
der a. u. Zuverficht, es würden Se. K. Maj. diefem erträglichen u. nützlichen Werke wegen einführung 
deren Operen in dero Refidenz-Statt Wienn nicht entgegen feyn, fondern folches handzuhaben u. zu 
fchützen geruhen«. Auch die Hofkanzlei war in allen Punkten derfelben Anficht und trat fehr warm 
für das Intereffe der beiden Direcloren ein. Sie erhoffte von der dauernden Einführung der Opern im 
öffentlichen Theater einen erhöhten Fremdenzuflufs und vermehrten Geldumlauf, auch eine Mehrung 
des künftlerifchen Rufes der Stadt Wien. Mit grofser Anerkennung gedenkt fie der neubegründeten 
»Akademie zur Erlernung des Singens und der Wälfchen Sprach, worin Vormittags von 9 bis 11 Uhr 
täglich über 20 Schüler beiderlei Gefchlechtes unterrichtet würden, die einft nicht nur in den Operetten 
des teutfchen Theatri, fondern bei weiterer Application auch zu denen Opern bey Hof gezogen werden 
könnten«. Daraus ergebe fich überdies der Effect, »daß bey diefer gratis angedeyhendguten gelegen- 
heit viele auf die music u. wälfche Sprach fich verlegen u. mit der Zeit unter denen Teutfchen u. 
Landes-Kindern folche virtuosen fich hervorthuen, daß man fürohin andere Frembde mit namhafften 
unkoften anher zu bringen u. in groffen Sold zu halten vielleicht nicht noth haben würde«. 

Die charakteriftifchen Bedenken der Sänger und Sängerinnen, in ihrer Eigenfchaft als Virtuofen 
mit »den teutfchen Komoedianten u. fogenannten Hanns-Wurft untermifchter zu agiren«, theilt die 
Hofkanzlei vollkommen ; fie folgert fogar daraus, dafs die Bürgerfchaft bei einer folchen Gefahr der 
Akademie ihre Kinder nicht anvertrauen würde. Die Motivirung diefer Anficht ift bezeichnend für die 
Stellung des deutfchen Schaufpielers jener Zeit, für die Meinung, die man ihm felbft in wohlwollenden 



31 



Kreifen entgegenbrachte: »Obwohlen es« — fo heifst es da — »von jener infamia juris, welche denen 
da mahl igen Comoedianten, fo nach v orm ahliger Religionsart h nichts alß heidnifchewefen 
allzu frecher Lebensarth öffters die ohnverfchambtefte Thaten vorgeftellet haben, angeklebet, 
bey diefen Zeiten, in welchen nun jene Schau-Spill zuegelaffen feynd, welche das Leben u. thaten 
berühmter Leuthe oder Völkerfchafften oder andere finnreiche erfindungen vorftellen, gänzlich abge- 
kommen, fo bleibet doch denen Comoedianten annoch der nachklang anhängig, dafs fie wenigftens 
als personae viles (feile Perfonen) angefehen werden, mithin auf einem Theatro mit felben unter- 
mifchter zu agiren fie als virtuofen u. andere, welche von diefer Profession nicht feynd, einen gar 
billigen anftand haben können. Dann anhero zu bedauern feyn werde, wan dardurch decor et decentia in 
Yorftellung deren fchon fo weit gebrachten u. allenthalben beliebten Operetten unterbrochen würden . . .« 

Der Gegenfatz zwifchen mufikalifchen Künftlern und deutfchen Komödianten tritt in diefer 
Darfteilung grell genug zu Tage; die Stegreifkomödie in der 
Landesfprache und ihre Interpreten fpielten eine inferiore Rolle 
gegenüber den Virtuofen des Gefangs, welche den Mufen in 
italienifcher Sprache huldigten. Diefe galten als Künfiler, jene 
eben als — Komödianten. Man glaubte auch, dafs in der Oper 
alle Ärgerniffe leichter als bei den Komödien zu vermeiden 
wären, zumal die niederöfterreichifche Regierung eine eigene 
über die Ehrbarkeit der Vorftellungen wachende Commiffion 
eingefetzt hatte und den Zufchauern der zu »Ungleichheiten 
und Unanftändigkeiten« führende Eintritt auf die Bühne gänz- 
lich verwehrt worden war. Die Hofkanzlei hob aber auch 
hervor, dafs feit Beginn der Opernvorftellungen die deutfchen 
Komödien »nur mehr wenig Zufeher« fänden, obwohl die 
meiften Onernfänger noch ungeübte Scholaren feien — wie viel 
mehr Zugkraft werde alfo die Oper, wenn man ihr zwei oder 
drei Abende der Woche einräume, erft in Hinkunft üben! 

Nicht unintereffant ift auch der prinzipielle Standpunkt der 
Hofkanzlei hinfichtlich des Hoftitels des Theaters und der 
Direktoren. Sie findet es »gar nicht ohne«, dafs fich die 
letzteren als Inhaber des Privilegiums »kayferliche Hof-Befreyte« 
nennen, meint aber, das Theater bleibe trotz jenes Privilegiums 
»ein bürgerliches Privathaus«, worin gegen Bezahlung 
des Zinfes Komödie gefpielt werde. Defshalb wäre das Haus 
nicht als »kaiferliches«, fondern als »ein von Kaifers Majeftät allergnädigft privilegirtes Komoedien- 
haus« anzufehen, die Direcloren alfo nicht »kaiferliche«, fondern »Directoren des von kaiferlicher 
Majeftät privilegirten Komödienhaufes« zu nennen. Betreffs des Ballerinifchen Opernprivilegiums 
ift die Hofkanzlei der Anficht, man möge fich mit dem vollkommen mittellofen, alten Herrn, der 
wohl nie dazu kommen würde, fein altes Recht auszuüben, durch eine lebenslängliche Suftentations- 
gage abfinden. So billig wie Borofini und Selliers, welche an Opernabenden den Eintrittspreis um 1 fl. 
pro Loge und einen Siebzehner für das Parterre erhöhen, würde ein befonderer Opernunternehmer das 
Publicum nie bedienen können. Vielleicht könnten die Dire6toren den im Opernwefen erfahrenen, alten 
Ballerini gegen Honorar bei der Abrichtung der Opernfchüler und bei den Opernproben verwenden. 

Die Entfcheidung des Kaifers fiel nicht im Sinne der Hofkanzlei, alfo nicht zu Gunften der 
Directoren aus; fie zerftörte die ausfchweifenden Hoffnungen auf das Gedeihen der kaum begonnenen 
Opernära und befchränkte die mufikalifchen Aufführungen im Kärntnerthortheater auf Intermezzi mit 




Das alle Kärninerthortheater . 



8* 



32 

Gefang und Tanz an den deutfchen Schaufpielabenden. Karl VI. fchrieb nämlich in margine des 
Vortrags feiner Hofkanzlei folgende knappe, aber fchwerwiegende Worte: 

»Es ift nie meine Intention gewefen, Operen zu erlauben, wefswegen auch das Ballerini 
Privilegium zurückgehalten worden, welchem es fonft gebührte vor anderen. Alfo bleibt es auch bey dem 
tenore privilegii, welches erlaubt, Comoedien mit einigen untermifcht gehangenen intermedien und nichts 
anderes zu präfentiren. Betreffend des Titels placet und foll genau beobachtet werden, dafs alle 
scandolofa und unfauberes evitiret und gehindert werde! Carl.« 

Der Titel der beiden Direktoren lautete von nun an, wie das ihnen mit 11. Dezember 1728 
ausgefertigte Hofdecret befagte, amtlich: »Direcloren des von ihrer kayferlichen Majeftat privilegirten 
Comoedienhaufes« .... Borofini und Selliers richteten fich diefer Entfcheidung gemäfs ein und pflegten 
nunmehr auf der von ihnen geleiteten Bühne drei Hauptkunftgattungen : die deutfche, fowie die 
italienifche Komödie und die mufikalifchen Intermezzi oder Zwifchenfpiele, denen eine möglichft grofse 
Ausdehnung gegeben wurde. Die Eintrittspreife richteten fich nach dem Programme der einzelnen 
Abende; am billigften war die unvermifchte deutfche Komödie. 1 Um die äufserfte Ausnützung des 
grofsen Perfonals und ihres ausfchliefslichen Privilegiums zu ermöglichen, richteten die Unternehmer 
des »von Ihrer Majeftat privilegirten Komoedienhaufes« 1731 in dem Ballhaus bei den Eranziscanern 
ein Nebentheater ein, in welchem vornehmlich die italienifche Burleske und die neuaufgenommene 
»musica Bernesca« producirt wurde, 2 ohne dafs aber diefe Kunftgattung — eine Burleske in dem 
parodiftifch-fatyrifchen Style des berühmten toscanifchen Dichters Francesco Berni (f 1536) — defshalb 
aus dem Spielplane des Haupttheaters verfchwand. Jedenfalls gaben fich Borofini und Selliers alle 
Mühe, der Mufik in diefem Spielplane die weiteften Grenzen bis knapp an jene des Verbotenen zu ziehen. 
In den Zwifchenfpielen jener Tage tritt fogar fchon das fpäter durch Gluck's grofse Reform geläuterte 
Streben zu Tage, die mufikalifche Kompofition mit dem Sinne des Textes in Einklang zu bringen. 
Intermezzi (kleine Opern oder Burlesken-Singfpiele) und »musica bernesca« wurden nicht allein in 
italienifcher, fondern wiederholt auch in deutfcher Sprache gegeben. 3 

• Das »Wr. Diar.« Nr. 25 vom 29. März 1730 bringt folgende Ankündigung der Theaterdireclion: »Kund und zu willen feye jedermänniglich, 
daß in dem Kaiferl. privilegirten Theater wegen Verlaffung und Bezahlung deren Logien, auch der Eingang in das par Terre folgende Ordnung 
gemacht worden: Erftlichen bezahlet man in dem erften Gang für die Loggia allein, wenn gefungene Intermezzi gemacht werden, 2 fl. 30 kr. In dem 
änderten Gang bey denen Muficalifchen Intermezzi 1 fl. 45 kr. Andertens, wann Comoedien gehalten werden, es feyen gleich Welfch- oder Teutfche, 
wird für eine Logi in dem erften Gang bezahlt 2 fl. In dem änderten Gang mit gleichem Verftand, es feyen gleich Teutfch- oderWelfche Comoedien 1 fl. 
Drittens haben alle und jede, fie mögen gleich eine Logi genommen haben, oder nicht, noch befonders die Entrada oder den Eingang zu be- 
zahlen, und zwar an einem Muficalifchen Vorftellungs-Tag, jede Perfon 2 Siebenzehner, oder 34. An einem Weifchen Comoedien-Tag 30 kr. An einem 
Teutfchen Comoedien-Tag 17 kr. Auf der Gallerie an einem Mufikalifchen Vorftellungs-Tag 2 fl. — In dem dritten Gang an einem Muficalifchen 
Vorftellungs-Tag 34 kr. An einem Weifchen Comoedien-Tag 30 kr. An einem Teutfchen Comoedien-Tag 17 kr. In dem vierten und letzten Gang 
bey Muficalifcher Vorftellung 17 kr Bey der Welfch- oder Teutfchen Comoedie aber 7 kr. — Viertens wird ferners zu wiffen gemacht, daß künfftighin 
die Billets oder Zeichen fowol für die Logien bey dem Logi Meifter, als auch für den Eingang in das par Terre, von 8 bis 12 Uhr Vor-Mittag oder auch 
Nach-Mitt. von 2 bis 5 Uhr zu haben, diejenige auch, welche gleich bey angehender Mufical. Vorftellung oder Comoedie ihre Billeten für die Entrada 
oder Eingang haben wollen, können felbe an dem gewöhnlichen Ort gegen der oben ausgefetzten Bezahlung haben, welche fie fodann bey dem Einlaß 
wiederum zuruk ftellen follen. — Fünftens, die jenige, welche einmal bey dem Eingang bezahlet, können gegen Vorweisung ihrer Billets entweder 
in das par Terre, oder zu ihren Bekannten, oder Freunden in die Loggia, oder auch in dem dritten Gang ihren Platz nehmen. — Sechftens, welche 
Logien nach dem Monat haben wollen, bezahlen in dem erften Gang Monatlich 40 fl. In dem änderten Gang 26 fl., jedoch mit dem ausdrüklichen 
verftand, daß für jede Person die Entrada, oder der Eingang nach oben gefetzten Unterfchied befonders muffen bezahlet werden. — 
Siebendens, feynd auch Frey-Zettul in das par Terre gegen Bezahlung Monatlicher 10 fl. zu bekommen, und folle gegen deme einem jeden 
ein gefpehrter Stuhl angewiefen, und der Schlüffel eingehändiget werden. — Achtens, auf der Gallerie ift ein Ort monatlich zu bekommen für 24 fl.« 

- Eine Zeitungsnotiz vom 24. März 1731 meldet: »Nachdeme berichteter Maßen in dem Ballhaus bei denen P. P. Franciscanern ein neues 
Theater für die Welfche Comoedien u. die fog. Musica Bernesca zu erbauen angefangen, diene zu fernerer Nachricht, daß folches nunmehro im Stande 
u. daß man künftigen Montag, 26. d., darinnen anfangen wird mit bemeldter Mufica Bernesca, die fchon vor diefem aufgeführet worden. DasEinlaßgeld 
anlangend, wird es mit dem gleich fein, was man in dem Kom. Haus bey dem Kärntnerthor erlegt; nemlich, was man dorten für die fog. Intermezzi 
muficali erlegt, wird auch allhier für die Mufica Bernesca u. waß man dort für die teutfche Comoedien zahlet, wird auch allhier für die Welfche 
bezahlet werden, wobey ferners avifiret wird, daß die Einfahrt von dem Franciscaner-Platz herein, die Ausfahrt aber zu der anderen Gaffen, fog. 
Himmel-Port-Gaffen feyn wird. 

:; Nr. 52 vom 30. Juni 1731 des Diariums kündigt an: »Es wird hiemit zu wiffen gemacht, daß am 1. Julii auf dem priv. Theatro bei dem Kärntn. 
Thor das mufical. Intermezzo von dem »Aleffandro nelle Indie« zum letzten Mal u. darauf folgenden Erchtag aber ein neues, genannt »Arsacee, wird 



33 

Die deutfche Stegreif -Komödie nahm in dem Jahrzehnt 1730 — 1740 eine Reihe ihrer heften 
Kräfte in fich auf; um Gottfried Prehaufer, der mit der Pritfche Stranitzky's das Scepter im Reiche 
des derb-volksthümlichen Humors in Wien geerbt hatte, gruppirten fich der im Pantalon-Charakter 
berühmte Leinhas, Schröter als Bramarbas, Madame Nuth als Colombine und der Schöpfer des 
Odoardo-Charakters, Friedrich Wilhelm Weiskern, zugleich einer der fruchtbarften Stegreifdichter, 
unerfchöpflich in der Erfindung immer neuer Tollheiten für den grofsen Hanswurft. Und noch in 
demfelben Jahrzehnt (1737) betrat Jofeph von Kurtz, der grofse »Bernardon«, zum erften Male die 
Wiener Bühne, und hätte durch feine typifche Charakterfigur beinahe den regierenden Hanswurft 
Prehaufer aus dem Sattel gehoben, wenn diefer fich nicht klugerweife und rechtzeitig mit dem Rivalen 
verglichen und ein kameradfchaftliches, künftlerifches Zufammen wirken Beider ermöglicht hätte. Wir 
werden der Komödie des mit Bernardon vereinigten Hanswurft noch begegnen, wenn ihr die regel- 
mäfsige, veredelte deutfche Komödie in ihrer erften dürftigen Rüftung ftreitbar entgegentreten wird. Diefe 
Zeit war noch nicht gekommen. Wohl rangen Borofini und Selliers, und nach des Erfteren Hinfeheiden 
Selliers als alleiniger Impreffario, nach immerwährender Ausbreitung der privilegirten Herrfchaft im 
Theaterreiche Wiens; nach einer Reinigung und Veredlung der deutfehen Komödie aber rangen fie nicht. 

Selliers hatte wichtigere und erfpriefslichere Theatergefchäfte im Auge. Als Kaifer Carl VI. 
dahingefchieden war, fehen wir diefen ehemaligen Hoftänzer als geradezu univerfellen Theatermacht- 
haber Wiens. Er ift mit dem 20jährigen ausfchliefslichen Privilegium für deutfche Schaufpiele und 
Burlesken und muficalifche Zwifchenfpiele ausgeftattet, hat — nach dem Erlöfchen des Ballerini'fchen 
Privilegiums für Privat-Opernvorftellungen — auch der italienifchen Oper ihren Platz im Kärntnerthor- 
theater gefichert und gegen eine Jahresabgabe von 1400 fl. noch das Monopol für »alle während der 
Marktzeit haltende Schaufpiele«, alfo für fämmtliche in Buden oder Hütten producirten Komödien mit 
lebenden Perfonen und Marionetten erobert. Zu alledem fiel ihm auch noch die keineswegs unergiebige 
und fehr ehrenvolle »Entreprife der Hofopern, Serenaden, Komödien, Oratorien und heiligen 
Gräber« zu, und emfig fuchte er, getreu feinem alten Ideal, nach einem Modus, diefe Unternehmung 
in den innigften Zufammenhang mit feinen Privat-Kunftunternehmungen zu bringen. 

Als Maria Therefia, die grofse Tochter Carl VI., ihr vielumftrittenes Erbe antrat, hatte fie wenig 
Stimmung und Neigung, fich mit den Angelegenheiten des Theaters zu befchäftigen, dem fie 
nur foviel Sympathien entgegentrug, als ihre ftrengen Anflehten über Anftand und gute Sitte recht- 
fertigten. Der Tod des letzten Kaifers aus Habsburg's Mannesftamme bedeutete zunächft einen völligen 
Stillftand in allen künftlerifchen Veranftaltungen Wiens. Die Theater fchloffen ihre Pforten, keine Mufik 
durfte ertönen, die Hof- und Landestrauer machte auch jedem lauten Volksvergnügen ein Ende. Am 
10. Oclober 1740 hatte der Kaifer feine Seele ausgehaucht, und im April 1741 herrfchte noch immer 
die gefetzliche Theatertrauer in Wien. Wohl war eine fechs- bis fiebenmonatliche Landestrauer auch 
früher üblich gewefen, diesmal aber war fie dem Heere der Berufskünftler empfindlicher denn je. Früher 
hatte es eben kein ftabiles Theater in der öfterreichifchen Refidenz gegeben; die Wandertruppen brachen 
mit Beginn der Landestrauer ihre Zelte ab und zogen in die Ferne. Nun aber mufste derTheaterdireclor 

produciret werden, bey welchem nicht allein auf die befondere u. extra curiofe Auszierungen des Theatri u. wohl inventirte Ballette, fondern auch vor- 
nehmlich auf die Mufic eine befondere Beobachtung wird zu machen feyn, indeme derofelben Compofition mit denen Worten in denen 
Arien fo genau übereinftimmig, daß es allen Zuhörern, infonderheit denen Kennern der Mufic ein fonderbares Vergnügen erwecken wird.« — 
Am 14. Mai 1732 wird angekündigt, >daß am 17. d in demfelben Theater eine fehr fchöne u. neue Mufica Bernesca in teutfeher Sprach betitult: 
»Der türkifche Jahrmarkt von Mecka« mit 4 neuinventirten Balletten zum 1. mal wird vorgeftellet werden«; für den 24. Mai avifirt man ein 
Zwifchenfpiel von »der allerherrlichften u. koftharften Art fo wohl der Mufic als der Auszierungen, Kleider u. Veränderungen des Theatri«, für Sonntag 
den 15. Juni »ein ganz neues Teu tfeh es Mufical. Schaufpiel, benamfet: der Runtsvascad, König deren Menfchenfreffern, mit unterfchiedl. neuen fehr 
fehünen theatr. Veränderungen, herrl. Tänzen u. einem niemals gefehenen Combattiment; — für den 20. Juli 1732 »eine neue fehr fchöne italiänifche 
muficalifche Theatral-Beluftigung, genannt: der Gincora, zum 1. Mal (zur Feier des Namenstags der Kaiferin'l; — für den 1. Jan er 1733 ein »ganz 
befonders u. luftiges mulic. Zwifchenfpiel: »Lo specchio della fedelta« oder Spiegel der Treue, Arien von dem berühmten Sassone u. von den vor- 
nehmften italien. Meiftern, wird alfo jedermänniglich einen extra-gusto darinnen finden.« 



34 

darauf bedacht fein, die guten Kräfte feines Perfonals durch Subfiftenz-Beiträge in Wien feftzuhalten, 
auch wenn feinen Caffen keine Einnahmen winkten. Gerieth er felbft dadurch in finanzielle Schwierig- 
keiten, fo kamen die armen Mufiker und die kleinen Leute, welche zu der umfangreichen Unternehmung 
Selliers' gehörten und nicht unterftützt wurden, in die gröfste Xothlage. Deshalb ergriff Selliers den 
freudigen Anlafs der Geburt eines Thronerben, um feine Supplik um Wiedergeftattung des Theaterfpiels 
einzubringen. Die Regierung befürwortete diefes Gefuch nicht nur aus den hier angedeuteten Gründen 
der Humanität, fondern auch mit befonderem Hinweis auf das nothleidende Zuchthaus, das die 
ausfallenden Theatergebühren umfo fchmerzlicher entbehre, je mehr Delinquenten feit Aufhebung der 
Galeerenftrafe und Abnahme der Bergwerksarbeit diefem Strafhaufe zur Laft fielen. Auch fei das 
Komödienfpiel als »unfchuldige Sache anzufehen, womit die Leute von denen privat- und öffters zu 
gefährlichen Ablichten veranlaffenden conventiculis oder Zufammenkünften abgehalten würden.« Aus 
diefen intereffanten Gründen und weil bereits das Tanzen auf Hochzeiten erlaubt fei, beantragten 
Regierung und Hof kanzlei die Gewährung der Supplik. Die Regent in war damit einverftanden und befahl 
nur, mit der Wiedereröffnung folange zu warten, bis das halbe Trauerjahr verftrichen und ihr »Hervor- 
gang« (die übliche kirchliche Einfegnung der Wöchnerin nach der Geburt eines Kindes) vorüber fei. 1 
Dem hausmütterlich-fparfamen Sinne der neuen Königin 2 entfprach es durchaus nicht, die prunk- 
vollen und koftfpieligen höfifchen Theatervorftellungen, deren Zeugin fie felbft während der Regierung 
ihres kaiferlichen Vaters gewefen war, in demfelben Style und Umfange fortzufetzen. Jene innigen 
Bande, welche die letzten Kaifer mit der Kunft verknüpft hatten, fehlten bei Maria Therefia, und den 
alt-fpanifchen Hof-Prunk ihres Vaters machte fie nur aus Achtung für das Hergebrachte und aus Pietät 
für das Andenken der feiigen Majeftät folange als möglich mit. Defshalb ergriff fie mit Befriedigung den 
äußerft praktifchen Vorfchlag, den ihr Selliers als »Entrepreneur der Hofoperen, Serenaden, Komoedien, 
Oratorien und heiligen Gräber« machte, um die höfifchen mit den öffentlichen Vorftellungen in eine 
gewiffe enge und billige Verbindung zu bringen. 3 Selliers beantragte, die Opernvorftellungen in der 
Stadt, fowie in den Hoftheatern (dem grofsen und kleinen) und zwar an befonderen Tagen nur für den 
Hof, an anderen Tagen gegen Entree abzuhalten, wobei die allerhöchften Herrfchaften »in die refervirten 
Logen für fich allein und von dem publico ganz abgefondert ein- und ausgehen könnten«. Jede deutfche 
oder italienifche Opern-Xovität des Stadttheaters beim Kärntnerthor (olle über Verlangen auf des 
Unternehmers Koften zuerft bei Hofe dargeftellt werden; follte aber »Ihro Königl. Majeftät ein aller- 
gnädigftes Belieben tragen, mit Teutfchen Komoedien bei Hof bedient zu werden, fo wird folche alle 
Tag zu höchften Dienft fein, mit alleiniger Bitt, folches zeitlich zu erinnern, dafs das Publicum ftatt 
Comoedia mit einer Opera bedienet und die Entreprife in ihrem Verdienft von den Stadttheatro nicht 
verkürzet werde.« Alle Dichtungen, Compofitionen, Tänze, Comparfen und Decorationen follen zuvor 
der Hof-Approbation unterliegen; jede neue »Stimm und Sang« mufs fechs Monate vorher dem Hof- 
mufikdirector vorgelegt werden. Will der Hof die Mitwirkung der »Hof-Singerin Reuterin, der beiden 
Virtuofen Monticelli und Appiani und des Baffiften Praun« in den Opern und zwar auch in Stadttheater- 
Vorftellungen geftatten, fo zahlt Selliers den Erfteren je 500 fl., dem Baffiften 200 fl. für jede Opern- 
vorftellung in der Stadt, den Hofmuficis aber eine »Discretion«; dagegen bezahlt er alle übrigen Stimmen 
und Tänzer allein. Dem königlichen Hofpoeten bietet der Unternehmer 500 fl. für die Dichtung einer 
grofsen, 400 fl. für den Text einer kleinen, dem Hof-Compofitor 400 fl. für eine grofse, 300 fl. für eine 
kleine Oper als Discretion; übeiiäfst man dem Entrepreneur die Auswahl eigener Componiften und 
Dichter, fo fällt von dem Paufchquantum die Hälfte ab. Für Garderobe und Ausftattung forgt der 

i Maria There fia fchreibt an den Rand des vom 10. April 1741 datirten Referats: «Placet, wie die Canzley und Regierung einrathen und 
wegen ihrer angegebenen Ursachen, aber das halbe Jahr gar auszuwarten bis zu meinem Hervorgang. Maria Therefia.« 

- Maria Therefia führte vor der Krönung ihres Gemals Franz Stephan von Lothringen zum rümifchen Kaifer bekanntlich den Titel »Königin 
von Ungarn und Böhmen«. 

s Hofkammeramis-Acten. 



35 




Das älteßt Burgtheattr. Nach einer Zeichnung von A. Steininger. 



Unternehmer; dabei darf von der bisherigen Pracht nichts abgehen und nichts von dem, »was 
gewöhnlich für Spitz, Band, Juwelen, Handfchuh, Strumpf, Schuhe, Wäderl, Halstücher und Kopfauf- 
putz denen Actoren und Tänzern als ein Beytrag zu geben in dem Contraci. mit (dem Theatral- 
Adjutanten) Zilli vorgefehen war.« Von Kleidern erhalten die Männer Höfen, die »Weibsbilder aber 
ein damaftenen Unterrock nebft dem Mieder und Strickrock.« Auch für Wagen und Seffel zum Abholen 
und Heimführen der Mitwirkenden, fowie für die Kleider der Mufiker, Tänzer und Comparfen forgt der 
Entrepreneur; doch können ihm die Schätze der kaiferlichen Hoftheater-Garderobe, damit fie nicht 
verderben und veralten, dargeliehen werden; er ergänzt und erneut fie. Ebenfo gefchieht es mit den 
Decorationen. Die Beleuchtung hat zwar das »Licht-Cammer-Amt« zu beftreiten, doch ift Selliers bereit, 
auch die Sorge dafür gegen Entfchädigung zu übernehmen. Das Orchefter ftellen die »Kgl. Hof-Inftru- 
mentaliften«, Verftärkungen der Unternehmer bei. Auf diefe Weife alfo ftellte fich der Theaterdireötor 
dem Hofe vollftändig zur Verfügung, erfparte demfelben eine Reihe von Auslagen und fetzte die Hofämter 
in die Lage, jederzeit eine Separat-Vorftellung zu verlangen. 1 Als Gegenleiftung forderte Selliers den 
Nachlafs des jährlich von der Stadttheater-Unternehmung an die refervirte Hofcaffa abzuliefernden 
Betrages von circa 3400 fl., ohne Rücklicht darauf, ob und wie viel Hof-Opern (Theater-Fefte bei Hofe) 

• Selliers legte folgende Bilanz für fein Projecl vor: >waß nach dem gegenwärtigen, Zillischen Contraiä, und Theatral beköstigung der Operen 
a<5tu kosten vnd nach der Entreprise erspart wurde. Nach dermahligen Contract wird dem Zilly bonificiert 46.000 fl. — Nach dem neuen 
Contra et wird bonificirt der nachlaß an die reservirte Cafsa mit 3.500 fl., für eine groffe Opera 8.000 fl., item wann folche dreymal producirt wird 
3.000 fl., für zwei kleine Operen 12.000 fl., item wann solche viermahl repetirt werden 4.800 fl., zusammen 31.300 fl. Mehr muß der Entrepreneur 
denen 4 Hof Stimmen bezahlen, also an erfpahrung per saldo 14.700 fl., welches ihnen an der Gage vnd Adjuta abgerechnet wird, 5.100 fl., denen 
Hof Poeten 1.300 fl., denen Compositorn della Musica 1.000 fl.; — übernimmt Er die Besoldungen des Theatral Zeichner, Maschinisten vnd 
Tischler mit 1.200 fl., Ingleich fünff Tanzmeister mit 1.800 fl., den Ingenieurs Beytrag, fo Ihme abgezogen wird per 1.000 fl. Summa der Erspahrung 
26.100 fl. 

9- 



36 

gegeben würden, Schutz gegen »unbillige Forderungen« und die Ausdehnung des Stadttheaterprivilegiums 
auf die Dauer des neuen Vertrags mit dem Hofe, der für 12 Jahre lautete. Der Hof felbft hätte dem 
Entrepreneur für eine grofse Oper 8000, für jede Repetition derfelben 1500 fl., für jede »kleine Oper 6000, 
refpective 1200 fl. und bei Aufführungen »in anderen Luftorten oder unter freiem Himmel« überdies die 
Transportfpefen zu bezahlen. Da der bisherige Hoftheatral-Adjutant und Unternehmer der Hof-Veran- 
ftaltungen Fabio Zilli jährlich 46.000 fl. erhalten hatte, Selliers aber mit circa 20.000 fl. auszukommen 
gedachte, fo konnte er eine Erfparung von 26.000 fl. verfprechen, ja noch mehr, wenn man ihn nicht 
zur Befchäftigung der Hoffänger, Hof-Compofitoren, Poeten und Ingenieure verpflichten würde; überdies 
würden alle Opern und Komödien aus dem Stadttheater »der Königin gratis gefpielet« werden. 

Diefe Berechnung mochte in der That der ökonomifchen Herrfcherin einleuchten. Selliers wurde 
Entrepreneur aller Hoffefte; die prunkvollen Hoftheatergebäude aber wurden öde und leer, denn Maria 
Therefia gedachte diefen höfifchen Prunk auf ganz befondere Veranlaffungen zu befchränken. Dagegen 
kam fie den Herzenswünfchen Selliers nach einer räumlichen Entfaltung feiner vielfeitigen 
Unternehmung infofern entgegen, als fie ihm am 14. März 1741 ein vollkommen unnützes Hofgebäude, 
das an die Burg anftofsende alte Hofballhaus nebft dem dabei befindlichen Stöckel, zum Gebrauche 
für feine Vorftellungen überliefs. So wurde diefes Ballhaus die Wiege des Burgtheaters. Noch war 
es halb Privat-, halb Hoftheater, eine Ergänzung des Kärntnerthortheaters, aber die höchfte Verfügung 
darüber behielt doch der Wiener Hof. Selliers hatte eben das werthvolle, wenn auch für Theaterzwecke 
durchaus nicht beftimmte Gebäude mit dem »Obligo« übernommen, »dafs er folches zu einem Opern-, 
refpective Komoedienhaus auf eigene Koften innerlich zurichte, infolgfam das Theatrum mit allem 
Zugehör, das ift Scenarium und Orchefter nebft dem Auditorium und den Galerien — weilen aufser den 
zu errichtenden zwei königlichen Logen keine anderen verftattet werden — propriis sumptibus errichte 
und darin zu mehrerer Divertirung des Publici und Ihro Majeftät eigener allerhöchfter Unterhaltung 
täglich entweder eine Opera oder eine Komoedie, eine teutfche oder wälifche, wie es der Hof 
verlangen wird, producire; wogegen felber von den dahin einzulaffenden Auditoribus, die königlichen 
Freilogen ausgenommen, eine nach Unterfchied des Platzes felbft zu regulirende Bezahlung einnehmen, 
mithin die Nutzung diefes Theatri fich zueignen kann«. 

So befafs denn Wien zwei ftattliche Theatergebäude: das Theater am Kärntnerthore — grofs, 
weitläufig, wohlbeleuchtet, mit prächtigen Decorationen und Theatermafchinerien verfehen — und das 
Theater an der Burg, das Director Selliers erft feines alten Ballhauscharakters entkleiden und zu 
einem wirklichen, der Kaiferburg würdigen und zu grofsartigen Leiftungen geeigneten Heim der Kunlt 
umgeftalten follte. Vorläufig war dem neuen Theater noch keine beftimmte Rolle, kein eigentlicher Beruf 
vorgezeichnet. Selliers, welcher das ganze Wiener Theaterwefen in feinen Händen concentrirt hielt, 
gebrauchte es mit Vorliebe für die Opernvorftellungen, welche der Hof zu fehen wünfchte. Es war noch ein 
weiter Weg vom Geburtsjahre des fogenannten Hoftheaters an der königlichen oder kaiferlichen Burg zu 
dem wirklichen Burgtheater, der bevorzugten Heimftätte der geläuterten deutfchen Kunft. Der drama- 
tifchenKunft überhaupt aber hat die Gnade Maria Therefia's das alte, halbvergeffene Ballhaus geweiht. 







SS»* 




UNBEKANNTER MEISTER. 



TH. HACK DEL. & SC. 



KAISERIN MARIA THERESIA. 



VERLAG DER GESELLSCHAFT FÜR VERVIELF. KUNST IN WIEN. 



DRUCK DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI IN' WIEN. 



VERVIELFÄLTIGUNG VORBEHALTEN. 





EGE und warm wurde der Antheil Maria Therefia's und ihres Hofes an allen 
Offenbarungen des Wiener Kunftlebens, an der theatralifchen und mufikalifchen 
Produktion, als die Kriegsftürme, welche ihren jungen Herrfcherthron um- 
brauften, ausgetobt hatten, als fich der politifche Horizont wieder erhellte und 
das fiegreiche Heer Andreas Khevenhüllers die anmuthreiche Königin und 
ihre heifsumftrittenen Erblande von drohender Feindesmacht errettet hatte. 
Freude und Behagen kehrte wieder in die Wiener Kaiferburg ein. Am 
2. Februar 1742 erfchien bei einem Maskenfeft in der Burg eine »böhmifche 
Bauern-Compagnie«, aus Cavalieren und Damen beftehend, um unter Führung 
des böhmifchen Oberftlandmarfchalls Franz Heinrich Graf Schlick der Königin 
eine »freudenbezeugende poetifche Compofition zur glücklichen Befreiung 
des Königreichs Böheimb zu präfentiren«. Das trauerumflorte Auge Maria 
Therefia's hellte fich auf; fie wandte es wieder den heiteren und künftlerifch 
erhebenden Spielen zu, welche der Hofadel und das öffentliche Theater der 
Refidenz boten, ja am 8. Jänner 1744 liefs fie ausnahmsweife das grofse Hof- 
Feftfpielhaus bei der Burg, das feit dem Tode ihres kaiferlichen Vaters öde und 
leer geftanden war, wieder durch die Darfteilung einer Prunkoper »Iper- 
mneftra« von Metaftafio, mit der Mufik von Haffe, beleben. Diefes Ereignifs 
galt der Feier der Vermählung der Erzherzogin Maria Anna (Schwefter Maria 
Therefia's) mit dem Feldmarfchall Carl Prinzen von Lothringen, und nur die 
befondere Zuneigung für das Brautpaar liefs eine folche Abweichung von den 
ökonomifchen Grundfätzen der Herrfcherin begreiflich erfcheinen. ' Mit de'r 

• Ein Separatblatt des >\Vr. Diarium« berichtet über die Hochzeitsfeier und fpeciell diefes Theater-Ereignifs 
folgendermafsen: »Abends 4 Uhr haben Allerhöchfte Herrfchaften der zu diefer Höchft-beglückten Vermählung auf 
Allergnäd. Befehl Ihrer Majeftät der Königin auf dem Königl. groffen Theatro in der Burg vorgeftellten prächtigen 
Italienifchen und Ipermneftra benamfeten Opera (dabey die Poefie der Hr. Abate Pietro Metaftafio, der in 
Hungarn und Böheim Königl. Maj. Poet, die Mufik aber Hr. Adolph Haffe, Seiner Königl. Polnifchen Majeftät Kappel-Meifter; und die Mufik bey 
der Beurlaubung und Chor Hr. Lucas Predieri, der in Hungarn und Böheim Königl. Majeftät Yice-Kappell-Meifter verfaffet, die Veränderungen 
deren Scenen Hr. Jofeph Gallo Bibiena, Ihrer Königl. Majeftät erfter Theatral-Ingenieur und Architecl auf das preiswürdigfte erfunden; die Täntze 
Hr. Frantz Hilferding kunftreich angeordnet; und die Arien hierzu Hr. Ignatz Holtzbauer verfertiget), öffentlich und in Vortretung des hohen 
Adels über den Auguftiner-Gang Sich aldahin verfügend beygewohnet, dabey Ihre Majeftät die Königin, die Durchlauchtigfte Frau Ertz-Hertzogin 
Maria Anna, Ihre Hoheit der Königl. H r. Eh e-Gemahl und Ihre Durchl. der Printz Carl nebeneinander in einer Linie fafsen, die Commiffarien 
bei denen Thüren des kgl. grofsen Opernhaufes waren: Hr. Leop. Gf. v. Salm im Parterre; rechter Hand erfter Gang Heinr. Gf. v. Starhemberg, linker 
Hand Ludw. Gf. v. Khevenhüller und bey dem Haupteingange Gf. Jörger.« 

10 



38 

letzten der drei Wiederholungen (25. Jänner) hatte das grofse Hof-Opernhaus feine Rolle ausgefpielt; 
nie wieder follte es der Schauplatz höflicher Schaufpiele werden; im Jahre 1748 wurde es in einen 
öffentlichen Redoutenfaal umgewandelt, und 1752 verfchwand es völlig in dem impofanten Neubau der 
kaiferlichen Redoutenfäle. 

Damit war aber keineswegs die Übung der Kunft am Hofe felbft unterbrochen; im Gegentheile, 
gerade der junge therefianifche Hof bildet den Mittelpunkt und die ftete, belebende Anregung für ein 
bewegtes, vielgeftaltiges künftlerifches Leben und Treiben in den vornehmften Kreifen der Reüdenz. 
Das Theater ift ein Lieblingsvergnügen der Hofgefellfchaft. Maria Therefia felbft ift ja in der Pflege 
der Kunft aufgewachfen, und da fie fieht, dafs ihrem zärtlich geliebten kaiferlichen Gemahl der Genufs 
eines heiteren Spiels, einer guten mufikalifchen Aufführung Vergnügen bereitet, verfäumt fie nichts, 
um ihn durch folche Veranftaltungen, fei es im engeren Hofkreife, fei es im öffentlichen Komödienhaufe, 
zu erfreuen und zu erheitern. Der Hofbericht hat in jeder Woche zu notiren, dafs fich »IhroMajeftät« oder 
»die gefammten höchften Herrfchaften in das Komödienhaus nächft der Burg erhoben, um einer teutfchen 
Komödie oder einer italiänifchen Opera zuzufehen.« Ab und zu fährt die Kaifenn in die ehemalige 
Favorita, welche fie zum Therefianifchen Collegium (oder zur »Therefianifchen Ritter-Akademie«) 
umgefchaffen hat, um die jungen Herren franzöfifche Komödien darftellen zu fehen, 1 oder fie erweift den 
Vätern der Gefellfchaft Jefu im »Kaif. Akademifchen Collegio« bei der Univerfität die Ehre, in dem 
grofsen Haustheater ein lateinifches Schaufpiel in dem ernften Style und dem pompöfen Charakter der 
Jefuitenkomödie anzufehen. 2 In der Hofburg aber, und zwar zuerft »auf einem kleinen, in der Ritter- 
Stuben errichteten theatro«, dann im fpanifchen Saale findet fich wie zu Zeiten Carls des VI. die 
Hofgefellfchaft zufammen, um Komödien und Opern darzuftellen und zu bewundern. Eine Wandlung 
ift in der Sprache und im Gefchmacke eingetreten; die Stelle der italienifchen Burleske hat die artige 
franzöfifche Komödie eingenommen. Wohl ift der Hoftracht noch das fpanifche Mantelkleid erhalten, dem 
erft Kaifer Jofef II. zum Entfetzen greifer Hofcavaliere den Garaus machen follte, aber die Spanier der 
»katholifchen Majeftät Carolus« fterben aus, ihre und die italienifche Sprache wird feltener in der 
Gefellfchaft, man nimmt das Idiom Frankreichs an und bewundert deffen hochentwickelte Komödie, 
ohne jedoch jene fclavifche und verhängnifsvolle Nachäfferei franzöfifchen Wefens und franzöfifcher 
Sitten mitzumachen, in welcher andere deutfche Fürftenhöfe und Höfchen wetteifern. Die fchlichtbürger- 
liche Tugend, das patriarchalifche Familienleben Maria Therefia's fchreckt vor fo fchädlichem Import 
zurück, und die franzöfifchen Komödien und Komödianten, welche in immer reicherer Zahl Einlafs in 
die Wiener Burg finden, muffen einer gewiffen Läuterung und fittlichen Überwachung gewärtig fein, 

* Das Tagebuch des Flirrten Khevenhüller fagt : »16. Mai thaten I. M. dieKayferin die Gnad dem collegio The resiano und verfügten fich 
nebft denen älteren drey Herrfch. Nachm. gegen 5 Uhr hinaus, einer von den Cavalliers producirten franz. Comedie: Les incommodites de la grandeur 
ou Le faux Duc de Bourgogne genannt, beyzuwohnen, geruheten auch allerfeits ein gnädigrtes Vergnügen darüber zu bezeigen, fo die Knaben in der 
That auch verdienet, und unter folchen befonders ein junger Baron von Raufchenberg aus dem Cölnifchen, welcher den role de Gregoire gemacht, 
fich dirtinguirt hat; die nemmliche Comedie mufsten fie nach der Hand noch zweymahlen für die bayde jüngere Ertzh. und fodann für die übrigen 
kleine Frauen repräfentiren; der P. Re6tor, den ich meines Orths mit fecundirt, fuchte fogleich von dem guten Tempo zu profitiren und erbettelte von 
der Kayferin eine Gratification von 12.000 (1. zu dem neuen Gebäu . . . 

2 So berichtet man am Montag 16. December 1743: »Die Königin verfügte fich nach dem kaif. akademifchen Collegio Soc. Jefu und beliebten 
einem in dem dafelbftigen grofsen Theatro vorgestellten Lateinifchen Schau-Spiel, fo betitelt wäre: »Constantinus, durch die Kraft des Kreuzes des 
Maxentii Befieger« . . . beyzuwohnen . . . Diefes herrliche, mit fchönften und annehmlichften muficalifchen Vor-, Zwilchen- und Kach-Spielen, auch 
mit künrtlichen Täntzen und Feld-Schlachten vermifchte Schaufpiel dauerte von 4 bis 7 Uhr Abends. Die Mufik wäre von Ihro kgl. Maj. Compofitore 
Georg v. Reuter, Capell-Meirter in der Metropolitan-Kirche zu St. Stephan.« — Am 1. Oktober 1759 notirt Fürrt Khevenhüller in feinen (hand- 
schriftlich vorhandenen) Tagebuchblättern: »Nachmitt. kamen die zwei älteren Erzherzoginen mit ihren zwei Frauen Aya und Kammerfräulein, und 
blieben mit uns Männern bei der lateinifchen Tragoedie »Cyrus«, welche von denen daraußen (in Schönbrunn) in vacanzen befindlichen 
clericis und studiosis der Societät (Jefu) auf Verlangen des Hrn. Erzbifchoffs und lhme zu Ehren letzthin zum 1. Male und (zumahlen ein 
junger Pater, der die role des alten Aftyagis gefpillet, fich recht befonders hervorgethan) von demfelben allb angerühmet worden wäre, dafs fie die 
piece heute in Gegenwart der älteren zwey Frauen und den folgenden abend in Beyfein der Erzherzoge Jofeph und Carl (Leopold wäre kranck) 
wiederholen muffen; dergleichen Drammata pflegen Sie fonrten nur inter se zu fpillen, und werden lediglich die Primoren Societatis und fogenannten 
Patres conscripti mit dem und anderen vertrauten Prote&or und gutten Freund der Jefuiten admittiret. mithin mufste es denen lieben Patribus defto 
fchwärer und unangenehmer fallen, dem Hrn. Ertzbilchoffe hierinne zu willfahren, von deffen gewogenheit Sie Sich fonrten nicht vill zu beloben hatten.» 



39 

damit fie keinen Anftofs bei Hofe erregen. Auch das Ballet wird ftreng gefichtet. Im Juni 1752 läfst die 
Kaifenn »die zwey beften Tänzerinen, le due sorelle (die Schweftern) Ricci, ganz jähling von Wien 
fortfchaffen, weilen felbe mit einigen jungen Cavalliers fich zu fehr bekannt gemacht haben.« 1759 
befiehlt fie zur Verzweiflung der Direktion, die mit grofsen Koften verfchriebene Tänzerin Santini 
»wegen übler conduite mit Specialbefehl von Wien wegzufchaffen und mit einem Sicherheitscommiffario 
nach Venedig zu führen.« Wie fehr nachmals der allmächtige Kaunitz zu kämpfen hatte, um vor den 
Augen der Kaiferin gewiffe kleine Pikanterien im franzöfifchen Komödiantenvölkchen zu verbergen und 
zu faniren, davon werden wir noch hören. Wenn die Kaiferin einen Einflufs auf das Perfonale und den 
Spielplan des deutfchen Theaters nimmt, thut fie es ftets im Intereffe der guten Sitte und des Gefchmacks ; 
in diefer Hinficht ift fie fogar fehr energifch geworden und hat durch draconifche Gebote der Verwilderung 

der theatralifchen Sitten in Wort und Werk zu fteuern verfucht 

Italienifch war die Sprache der Oper bei Hof und im öffentlichen Theater geblieben, in welchem 
Selliers die bedeutendften Schöpfungen und künftlerifchen Perfönlichkeiten feiner Zeit den Wienern 
und vor allem der Hofgefellfchaft vorzuführen trachtete. Das Repertoire liefs faft keine der Opern ver- 
miffen, welche damals über die europäifchen Hofbühnen gingen; im Mittelpunkte des poetifchen 
Schaffens auf operiftifchem Gebiete ftand ja gerade ein weltberühmter Meifter in Wien, Abbate Pietro 
Metaftafio, zu dem auch die Kaiferin mit einer von Jugend auf gehegten Verehrung emporblickte, 
den fie als eine der liebften und koftbarften Perfönlichkeiten ihres Hofftaates fchätzte. Seine zumeift 
der antiken Heldengefchichte entnommenen Operntexte gaben einer ganzen Componiften-Generation 
Anregung und fruchtbringende Befchäftigung; jede Dichtung beinahe ift wiederholt componirt worden. 1 
Dem Meifter der Worte follte fich bald ein mehr als ebenbürtiger Meifter der Töne zugefellen, welcher 
ebenfo wie Metaftafio am Hofe Maria Therefias eine fefte und angefehene Pofition gewann und Wien 
zum Mittelpunkte eines in neue Bahnen gewiefenen mufikalifchen Schaffens machte. Chriftoph Willibald 
Gluck — fo nannte fich der neue Meifter — war, obwohl ein Oberpfälzer von Geburt (geb. 2. Juli 1714 
zu Weidenwang), in frühefter Jugend durch Aufenthalt und Erziehung Öfterreicher geworden. Als er, 
ein junger Mann von zweiundzwanzig Jahren, 1736 aus Böhmen in die Refidenz kam und im fürftlich 
Lobkowitz'fchen Haufe liebevolle Aufnahme fand, fchwelgte er in dem Genuffe der mufikalifchen 
Schöpfungen jener Meifter, welche damals den Ton im Mufikleben Wiens angaben. Fux, Caldara, 
Porfile und die Gebrüder Conti imponirten ihm fehr, ohne aber die felbftändigen Regungen feiner 

' Ein intereffantes »muficalifches Schaufpiel«, das von der antiken Heldengefchichte in Shakespeare's nordifches Fabelreich abfchweift, wurde 
am 3. Februar 1742 auf dem »kgl. priv. Theater in Wien« (ob Burg- oder Kärntnerthor-Theater, ift zweifelhaft) unter dem Titel >Ambleto« — Hamlet — 
aufgeführt. Der mit J. L. v. G(helen?) gezeichnete deutfche Überfetzer fkizzirt Handlung, Perfonen und Scenarium folgendermafsen: 

Orvendillo, König in Dännemarkt wurde von Fengone, der es am wenigften thun follte, durch Verrätherey ermordet. Der Yerräther 
bemächtigte fich hierauf der Krone, und nähme mit Gewalt die von Orvendillo hinterlaffene Wittwe, und Mutter des Ambleto, Gerilda, zur Gemahlinn. 
Weilen nun der Tyrann dem Ambleto zugleich nach dem Leben ftrebte, fo ftellete fich diefer unfinnig, um fich alfo der Wut deffelben zu entziehen. 
Fengon hingegen, deme diefe verftellte Thorheit verdächtig fchiene, fuchte durch verfchiedene Proben, die aus dem Verlauf des Werkes felbft abzunehmen 
feynd, aus diefem Zweifel zu kommen. Die letzte Probe gefchahe bey denen Ergetzlichkeiten eines Gaftmahls, darbe}' der Tyrann dem Ambleto, um 
fein innerliches Gemüt zu entdecken, durch den Wein zu beraufchen fuchte, er wurde aber felbft durch einen zugerichteten Trunk eingefchläfert, und 
bald hernach auf die Veranftaltung des Ambleto zur Straffe feiner Yerrähterey ertödtet. Veremunda, eine Printzeffin von Allanda, befände fich an 
diefem Hof, weilen fie nach des Orvendillo Tod wider den Tyrann einen Krieg angefangen, darinnen fie aber überwunden, und von dem dänifchen 
Generalen Waldemaro, der fich in fie verliebet, gefangen, und als ein Triumph dahin geführt wurde. Der Schauplatz ift zu Letra, der Refidenz 
deren Dänifchen Monarchen, von welcher aber heut zu Tage kein Merkmal mehr vorhanden. 

Vorftellende Perfonen: Fengon, Tyrann von Dänemarkt. — Gerilda, Gemahlin des Fengon und Mutter des Ambleto. — Ambleto, 
rechtmäffiger Reichs-Erbe, verliebet in Veremunda. — Veremunda, Printzeffin von Alanda, verliebt in Ambleto. — Waldemar, General des Reiches. 
— Sigfried, Vertrauter des Fengon und Hauptmann deren Königl. Wächter. 

Veränderungen der Schau-Bühne. In der erften Abhandlung: Vor-Hof des Königlichen Palaftes. — Königlicher Thier-Garten. 

In der änderten Abhandlung: Saal in der Wohnung der Gerilda, woraus man in verfchiedene Wohn-Zimmer gehen kann. — Yor-Stadt. 
Von weiten ein Feld-Lager. 

In der dritten Abhandlung: Eine angenehme dem Baccho gewidmete Gegend mit demBildnifs diefes Abgottes. — Königlicher Schau-Platz. 

Täntze. Der erfte davon ftellet die Liebe der Diana zu dem Endymion vor; der änderte Ballet beftehet in denen Bacchanalien; der dritte Ballet 
ift serieus. — Die Mufik diefer Oper flammt von Giufeppe Carcano. (Das Hamlet-Thema ift im XVIII. Jahrhundert noch von Gasparini 1705, Scarlatit 
1715, Carufo 1790 und Andreozzi 1793 componirt worden j 

10* 



40 

Künftlerfeele zu erfticken. Als ihn ein früher Bewunderer feines ftarken Talents, der lombardifche 
Fürft Alelzi, als Kammermuficus nach Mailand mitnahm, wagte er es, felbft die Kraft feiner Schwingen 
zu redlichen; fchüchtern und vorfichtig, dennoch aber erkennbar, wich er von den breitgetretenen 
Bahnen der herrfchenden Opernmufik ab und rang darnach, der Alufik dramatifchen Ausdruck zu 
geben, fie dem Sinne und der Bedeutung des Wortes nahezubringen, die Alenfchenfeele in die Sprache 
der Alufik zu legen. Die erften Werke feines Genius, welche diefe neue Offenbarung eines mächtigen 
fchöpferifchen Geiftes nur andeuteten, » Artaferfe«, »Demofonte«, »Siface«, »Fedra«, »Cleonice« (Demetrio), 
»Ipermneftra« und »Pirro« (oder »Alleffandro nelle Indie«), find durchwegs Poefien von Aletaftafio 
angefchmiegt, und den meiften diefer Operntitel begegnen wir auch in dem Repertoire der beiden kgl. 
priv. Theater zu Wien in dem erften Jahrzehnt derTherefianifchen Zeit. 1 Welche Alufik aber die(vielcom- 
ponirten) Texte Aletaftafio's begleitete, ift nicht fichergeltellt, zumal die Chroniften der Theatervorgänge 
über die Namen der Tondichter fchweigfam hinweggleiten. Gluck's Name ift nie genannt. Sehr innig 
geftaltete fich das Yerhältnifs zwifchen Aletaftafio und Gluck vom Jahre 1750 ab, feit der Vermählung 
des Letzteren mit der reichen Kauf herrenstochter Alarianne Pergin. Chr. W. Gluck, der erfindungsreiche, 
zugleich weltgewandte und weitgereifte deutfche Alaeftro, welcher im Haufe des kunftbegeifterten 
Feldmarfchalls Jofef Friedrich Prinzen zu Sachfen-Hildburg häufen als Freund des Hausherrn und 
Leiter der regelmäfsigen, grofsen mufikalifchen Veranftaltungen des Prinzen fungirte, war bald auch im 
Hofkreife gefchätzt und wurde dazu auserfehen, für die bedeutendften feftlichen Gelegenheiten eine das 
Alltägliche überragende Alufik zu fchaffen. 

Die markanteften Tage des Jahres finden wir ja am Therefianifchen Hofe durch künftlerifche Auf- 
führungen bezeichnet. Die Komödien im fpanifchen Saale der Hofburg beginnen zu normalen Zeiten 
des Nachmittags 5 Uhr und wiederholen fich im Carneval befonders häufig. So berichtet man uns 
fchon in den Vierziger-Jahren wiederholt, dafs die Alajeftäten im fpanifchen Saale der »von jungen 
Fräulein und Grafen gehaltenen franzöfifchen Komödie«, oder einem Balle und einer Opera in der neuen 
Galerie zu Schönbrunn angewohnt haben. Alan fpricht von der »kleinen franzöfifchen Komödie der 
jungen Herrfchaften« und von der »franzöfifchen Cavalier-Komödie«. Im Jahre 1749 läfst man fich in 
Schönbrunn theils durch eine italienifche Burlesken-Compagnie, theils durch die Oper des Burgtheaters, 
theils durch intereffante Dilettanten-Vorftellungen vergnügen; befonders erwähnt wird, dafs der Kaifer 
am 9. October bei »einer von denen älteren durchlauchtigften jungen Herrfchaften, als beeden durchl. 
Hrn. Erzherzogen Jofepho u. Carolo wie auch beeden durchl. Erzherzoginen Alaria Anna u. Alaria 
Chriftina, dann von einigen jungen Dames und Cavalieren vorgeftellten kleinen franzöfifchen Piece« 
anwefend war. 2 Im Jänner 1750 verzeichnet man die »Aufführung einer kleinen teutfchen Komoedie 
durch die durchl. jungen Herrfchaften«, im Juni veranftalten die älteren Prinzen und Prinzeflinen mit 
ariftokratifchen Altersgenoffen in Schönbrunn eine franzöfifche Komödie, im Herbft 1752 führt eine 
Adelsgefellfchaft Aletaftafio's mufikalifches Drama »II re paftore« dort mehrmals, abwechfelnd mit einer 
kleinen franzöfifchen Komödie, auf. Im Jahre 1751 berichtet man von einer intereffanten franzöfifchen 
Hof-Vorftellung. Alan gibt »Le prix de filence« von Boiffy. Erzherzogin Alaria Anna fpielt die Alarquife; 
eine Tochter Khevenhüller's, eine geiftreiche Dame, die felbft Komödien fchrieb, ift die Soubrette, 

i Aus dein Jahre 1746 allein liegt in der k. k. Hofbibliothek eine ganze Reihe italienifcher Operntextbücher mit dem Vermerk ihrer Wiener 
Aufführung vor: La Clemenza di Tito,' dramma per mufica, di rapprefentarfi nel privil. teatro di SS. C. R. M. in occafione del glor. giorno 
dcl nome di SS. C. R. M. Maria T herefia etc. ; — Semiramide (ohne nähere Angabe) ; Ario dant e (zum Geburtstag der Kaiferin); — L'A rsace; 
L'Aralinda (Namenstag der Erz'n. Maria Anna); diefelbe Oper, deutfch überfetzt von J. L. v. G.; — Artaferfe (Namenstag Kaifer Franz Li: — 
Gianguir 1. u. 2. Theil (mit dem Vermerk: »auf dem von Ihro k. k. Maj. priv. Theatro in Wien in der Fafchingzeit 1746, ebenfalls überfetzt von 
J. L. v. G.); — II Pittore (der Maler), Intermezzi muficali (mufical. Zwifchenfpiel); — La Serva padrona (die Magd, die Frau), ebenfalls Intermezzo. 

-Das rege Intereffe des Hofes an theatralifchen Vorftellungen zeigt folgendes Programm der Hofbefuche im October und November 1749: 
2. Oct. Schönbrunn, Generalprobe zu einer muf. Opera, 4. Schönbrunn Opera. S. Opera im Theater n. d. Burg, 9. Schönbrunn Franzöf. Junge Herren- 
Komödie, 12. Schönbr., ital. Komödie, 14. Burgth. Oper Ezio, 16., Schönbr., Reprife der kl. franz. Piece, 18. Schönbr., ital. Burleske, 21. Burg., Oper, 
22. Stadttheater neue teutfche Komödie, 28. Schönbr. ital. Korn., 29. Stadtth. teutfche Kom., 30. Schönbr. ital. Kom., 6. u. 8. Nov. Burgth. ital. Oper, 
10. neue teutfche Kom., Stadtth.. 11., 23. u. 25. Schönbr. ital. Kom., 8. Dez. Frei-Oper, Burgth., 10. teutfche Kom., 14. u. 28. Oper. 



&&£% 










v** U.H.J 









lM' 




IX^T*' W-T-J^rif #^-v^iJ \A^<uf i 







cV/i -Y 



j~^<vL<r-7fCtK0t 



-u^c 



S+A*' 



3 \2) ±lfj-4*ll4**' tsf€**£ 





Z^ aJ-fv tfcouJ oU^ vdlr douZZXr» 






/? 








■ 



,>/•*#• 



HF 

Uran 



^A^A^ .' L ^ C ^ \a>1*T 




41 

Baron Hagen, Bruder der Fürftin Trautfon, gibt die Harlekinpartie, in den Ballets tanzen »die ältefte 
Fräuln Auersperg vom Oberftftallmeifter und die Tochter Rudolf Chotek's, dann die Chapeaux: 
Gundacker Starhemberg, Rogendorf, Carl Dietrichftein und Jofeph Colloredo, Sohn des Reichs-Yice- 
kanzlers. »Der Anftändigkeit halber« ift die Zahl der Zuhörer auf hundert befchränkt. Nur die Hofämter 
und Conferenzminifter haben regelmäfsigen Zutritt. Das übrige Publicum befteht aus Perfonen, welche 
von den Acleurs Billete erhalten; jeder Mitwirkende hat deren vier zu vergeben. Die Galerie ift ganz 
verdeckt; ganz rückwärts in den »croifees der Fenfter dürfen noch einige der Kammerdienerinen und 
diftinguirte Hofleute, auch par faveur einige meffieurs du fecond ordre« dem Spiele zufchauen. 

Mitunter läfst die Kaiferin Damen und Herren des Hofes, welche insbefondere die jungen 
Erzherzoge und Erzherzoginnen noch nicht fpielen gefehen, Billets zuftellen. Geht die Komödie fchlecht, 
fo fehlt es nicht an Worten des Tadels; dann werden auch bei den Reprifen fremde Zufchauer forg- 
fältig vermieden. Bei einer Hofkomödie war das Gedränge derart lebensgefährlich, dafs man 
Khevenhüller's Neffen Hans Carl, den ein Unwohlfein befallen hatte, von feinem Platze in der Nähe 
des Orchefters auf die Bühne hinaufziehen und auf ein benachbartes Zimmer bringen mufste — das 
Parterre war undurchdringlich. 

An befonderen Fefttagen bricht man in Gala zur Komödie oder Oper in das öffentliche, für folche 
Abende aber refervirte Theater nächft der Burg auf. Fürft Jofef Khevenhüller (Oberfthofmarfchall, 
dann Oberftkämmerer des Kaifers, zuletzt Oberfthofmeifter der Kaiferin) fchildert uns in feinen 
Tagebuch-Xotizen 1 wiederholt folche Galatage, z. B. die prunkvolle Feier des Geburtsfeftes der Kaiferin 
am 13. Mai 1752: 

•Um 5 L'hr waren die Stund-Frauen beflellt, welchen die Kayferin en cercle in der großen Gallerie die Hand zu küßen gäbe, u. fich fodann 
nebft dem Kayfer u. den alterten jungen Herrfchaften u. der Princeffe in publico mit Vortrettung obbemelter drey Bottfchafter (Nuntius, franzöf. u. 
neapolit.) zur opera verfügte; damit aber alles impegno zwifchen der Princeffe u. diefen letztein vermieden würde, fo begab fich Erftere, nämlich 
die Princeffe, nebft fämmtlichen jungen Herrfch. in die große Loge hinauf, u. Imperatores Majeftates fetzten fich gewöhnlichermaßen auf der 
eftrade in den parterre, allwo dann auch die Bottfchafter ihre Bank vorbereitet fanden, u. die mitgekommenen Dames, Hoff-Amter u. übrige Cavalliers 
(verfteht fich folche, die das appartement frequentiren dürffen) wie fonften üblich placiret wurden; zwey Cammerherren, nämlich der junge Fürft v. 
Auersperg u. mein Eydam waren commiffaire für den parterre u. zwey Truchfeß für den äußern einlaß u. die galerie, welch letztere al folito 
für die Cammerdienerinen u. den Halb-Adel deftiniret wäre; damit aber weniger Unordnung feye, fo wurde befohlen, daß vor der ankunfft des Hoffs 
lediglich die fremden miniftri, geheimen Räthe, Cammerfrauen u. Generals Perfonen in dem parterre gelaffen, allen übrigen Cavalliers aber die entree 
erft zugleich mit dem hoff verftattet werden folle. Mann hatte zwar geglaubt, dafs wir heute nicht in publico zur opera gehen würden, weillen felbe 
aber mahlen von einer Compagnie von dames und Cavalliers produciert werden u. man dergleichen fpectacles fonften par distinction immer 
als kammerfeft zu tractiren gepfleget, allein wegen des heutigen fo großen Galatages wäre nicht wohl anftändig u. möglich, das publicum zu 

vermeyden übrigens waren die vier Sängerinnen die nämlichen, fo vorm jähr fich hören laffen, anftatt des Gfen. Pergen als einzig dabey 

gevvefenen chapeau fange den principe Michaele Taxis Kayf. Cammerherr, welcher nebft einer unvergleichlichen Action eine recht angenehme 
ftimme hat, u. was das befonderfte ift, ohne jemahlen die mufic erlernet zu haben, das recitativ fowohl als die arien mit ungemainer accurateffe und 
befter methode zu fingen weiß; die compofition wäre von dem eigenen Signor Bono *, der die vorjährige gemacht, welche die meiften conaiffeuis 
der gegenwärtigen preferircn wollen; die opera hieße »L'Eroe Ci nese« und wäre eine abermalige ftattliche Arbeit des berühmten Abbate Me tafta fio. 
Nachdem Erft- u. zweyten Act wurden ballets einer von Chinefen u. der andere von Tartaren producirt, bey welchen die ältefte Dochter des hrn. 
Oberftftallmeifters u. des Hartfchirenhaubtmanns nebft den Gr. Rogendorf, Jos. Herberftein, Dietrichftein u. Jof. Colloredo gedanzet haben; 
meine Therefel figurirte auch in den erfteren und wurde in einer Urne aus porcellaine heraus getragen, fo aber vor mir ein mystere fein follen; 
Imperatores Majeftates, welche du fecret waren, haben felbften alles mit beigetragen, das ich es nicht erfahren follen. < 

So fehlt bei den Theaterfeften nicht ein Zug jener familiären Gemüthlichkeit, welche die Kaiferin 
den Mitgliedern ihres Hofes, der ihr felbft eine grofse Familie war, nicht verläugnete. Kleine Scherze 
und Überrafchungen für den kaiferlichen Gemahl und beliebte Fürftlichkeiten treten in zahlreichen 
künftlerifchen Arrangements hervor. Am 3. Juli 1752 läfst die Kaiferin die goldene Hochzeit des Grafen 
Erdmann von Proskau in Schönbrunn feiern und erweift dem Jubelpaare die befondere Auszeichnung, 
dafs es »in der grofsen Loge neben IhroMaj. der Kaiferin und in einer Reih mit Selber und denen jungen 
Herrfchaften fich niederfetzen und dem fpectacle alfo zufehen dorffte. Nach der opera thate die Kaiferin 

• Zum Theil in Adam Wolf, >Aus dem Hofleben Maria Therefia's«, fonft Handfchrift. 

2 Jof. Bono oder Bonno, k. und k. Hofcapellmeifter undKammercompofitor, f 1788 zu Wien im 78. Lebensjahre, Schöpfer zahlreicher Theater- 
u. Kirchencompofitionen, auch Leiter der berühmten Akademien in den Hildburghaufenfchen Palärten, bei denen Gluck hervorragend thätig war. 

11 



42 

allfogleich fich retiriren, der Kaifer aber foupirte mit der gewöhnlichen Compagnie, worzu auch die 
acteurs und actrices nebft denen Danzers und Danzerinnen (Dilettanten) und deren Eltern geladen 
waren.« In Schönbrunn geht man gewöhnlich unmittelbar nach der Falkenbeize in das Schlofstheater 
zur Vorftellung. Während derfelben ertheilt die Kaifenn in ihrer Loge, die fie ohne Auffehen verlalTen 
konnte, Audienzen. 

Bei den künftlerifchen Amufements gibt es immer Abwechslung. So arrangirt man (Dez. 1758) 
»in dem Wohnzimmer der Prinzefs Charlotte (von Lothringen) eine für die Function des Hervorgangs 
angeflehte kleine Komödie«, welche von den Italienern conte Durazzo und Metaftafio und der Fürftin 
Trautfon verfafst war und eine italienifche Rolle für die Erzherzogin Maria Anna, eine franzöfifche für 
die Erzherzogin Amalia und eine deutfche für die Erzherzogin Elifabeth, nebft kleineren Rollen für den 
Erzherzog Carl und die »Fräulein Uhlefeld und Trautfon» enthielt. Mitunter gibt es Kinder-Komödie, 
die kleinen Darfteller fpielen aber nicht länger als l 1 2 Stunde, einfchliefslich eines Ballets. Wenn der 
Hof in Laxenburg ift, dann ift jeden Tag, aufser Freitag und Quatember, Vorftellung, entweder von 
den Dilettanten oder den aus Wien berufenen Künftlern; bei befonderen Anläfsen hebt die Kaifenn fogar 
einen Xormatag auf (fo that fie z. B. an einem Fafttag des Juni 1753, um den neuangekommenen lieben 
Schwager, Carl von Lothringen, zu erfreuen); fie felbft aber und die jungen Herrfchaften bleiben dann 
zu Haufe. Frohe Botfchaften feiert man durch Feft-Komödie. Den glänzenden Sieg von Hochkirch beging 
man in Schönbrunn durch ein Impromptu militaire. Die Schlofsbühne war in ein »mit Trophees auf- 
gebutztes Feldlager verwandelt, in deffen Fond die Statue de la vicloire zu fehen war: die Figuren 
waren ä la Romaine weifs und roth angekleidet und tanzten unter einer mit Trompeten und Pauken 
accompagnirten musique un ballet figure«. Am 5. October 1759 hatte die Kaiferin zur Nachfeier des 
kaiferlichen Xamensfeftes (Franciscus) in Schönbrunn ein kleines »Impromptu und Cammerfeft« 
veranftaltet, mit dem fie den geliebten Gemahl überrafchen wollte. 

>Sämmtliche jungen Herrfchaften, mit Ausnahme des bettlägerigen Erzh. Leopold, producirten ein Concert. Der Erzh. Ferdinand machte die 
Ouvertüre mit der Pauken, fodann recitirte der kleinfte Herr Maximilian einen von Abbate Metaftafio componirten wälfchen Glückwunfeh. Die kleinfte 
Erzherzogin fang ein franzöfifches Vaudeville, die übrigen alle aber italienifche Arien. Der Erzh. Carl fpielte ein Concert auf der Violine, und der 
alterte Herr auf dem Violincello und zum Schlufse haben die Erzherzoginnen Maria Anna und Marie auf dem Ciavier concerti gefchlagen, und die 
Erftere, welche wegen Ihrer üblen Bruft eine zwar fchwache, aber fehr angenehme und reine Stimme hat, fich felbften aecompagnirt. Die Entree zu der 
music. welche in der Raths- Stuben gehalten worden, wurde allen Schönbrunnern verftattet.« 

Aus Anlafs der Vermählung des Erzherzogs (nachmals Kaifers) Jofeph mit Prinzeffin Maria Jofepha 
von Bayern gab es in den inneren Gemächern von Schönbrunn — nicht in dem neu entftandenen, 
amphitheatralifch erbauten und kofibar ausgeftatteten Schlofs-Theater, das in einem Seitengebäude des 
Vorhofes eingerichtet wurde — am 27. Jänner 1765 grofses Fefitheater mit der von Gluck zu Metaftafio's 
Texte neu componirten kleinen Oper »II parnasso confuso«. Die Erzherzoginnen Amalia, Elifabeth, 
Jofepha und Charlotte wirkten als Apollo, Melpomene, Euterpe und Erato, die Erzherzoge Maximilian 
und Ferdinand als Amor und Myrtil mit; die Flora gab Prinzefs Amalia, als Schäfer waren die Grafen 
Franz und Johann Clary, Xaver Auersperg und Friedrich Fürfienberg, als Schäferinen die Gräfinnen 
Therefe und Chriftiane Clary, Chriftine und Pauline Auersperg thätig. Khevenhüller fchreibt fehr befriedigt: 

>Das Theater wurde eigens in der grofsen anticamera oder dem fogenannten falon des batailles aufgerichtet, u. weil der Platz für die fpeetateurs 
fehr klein gewefen, fo wäre auch die Kayferin mit der entree fehr gefpahrfam : denen uniformes fogar mufste ich infinuiren. daß fie zu den nemmlichen 
fpeetacle infonderlich den heutigen nicht zweymal kommen mögten, damit defto mehr Perfohnen von diefer gnad profitiren könten. Es wäre auch diefes 
in der That und sans flatterie eines d. fehenswürdigften, fo vielleicht noch an einem Hof aufgeführet worden, indeme es nicht allein lediglich aus denen 
vier Erzhinen Elifabeth, Amalia, Jofepha u. Charlotte beftanden, die zwey jüngften Herren u. Frauen dabey gedanzet, u. der Erzh. Leopold 
das inftrument gefchlagen u. refpective den orcheltre dirigiret, fondern auch fämmtliche diefe hohePerfonnages fich fowohl im fingen, wegen natürlicher 
fchönheit d. Stimme u. d. methode, als im agiren u. danzen (als in welch letzteren d. Erzh. Ferdinand, qui est fait au tour, recht verwunderlich 
pariret) ultra fpeetationem u.zu allgemeiner Verwunderung hervorgethan haben. Nach den fpeetacle wäre heute u. folgende mahl cercle in dieGallerie.«' 

i Das zweite Theater-Fcft aus demfelben Anlaffe (25. Juni) brachte eine, von den -virtuosi di teatro- aufgeführte Serenade »il trionfo d'amore-. 
zu einem älteren, neu adaptirten Texte Metaftafio's, componirt von >Sign. Geismann- (Gafsmann); am 26. Jänner führten die Cavaliere und ihre Damen 
— man nennt fpeciell die Comteffen Clary. den General Jaquemin, Baron Reifchach, Los Rios, die jungen Grafen Thurn und Windifch-Graetz — »La 
rille d'Ariftide-« und -La jeune Indienne- (Luftfpiel von Cleamfort) auf. 



43 



Mit Vorliebe Mattet das Kaiferpaar dem Hochadel, welcher zu der Hofgefellfchaft gehört, in deffen 
Wiener PaläMen und Landfitzen Befuche ab, und die einer folchen Ehre Gewürdigten wiffen fehr gut, 
dafs eine gut arrangirte Komödie von Dilettanten oder eigens berufenen Truppen oder ein Concert mit 
hervorragenden KunMkräften den kaiferlichen Befuch befonders erfreut. Das fchon erwähnte Tagebuch 
Khevenhüllers bietet ein buntes, feffelndes Bild nicht nur dieler künMlerifchen Vergnügungendes There- 
fianifchen Hofes, lbndem auch der innigen Beziehungen des damaligen öMerreichifchen Hochadels zu 
dem KunMleben der Zeit. Der reiche Cavalier diefer Zeit fucht feinen Stolz und die vornehmMe Zier 
feiner Hofhaltung in der felbMändigen Pflege der KunM. In den PaläMen und Schlöffern hält man befondere 
Privat-Mufikcapellen und Privat-Theater. Wie fich der Hof bei gröfseren Reifen von feinen Virtuofen 
begleiten läfst, fo thuen 
es die Cavaliere. Mancher 
von ihnen wetteifert fo- 
gar mit dem Kaiferhofe 
in dermunifizentenBefol- 
dung feiner KünMler, in 
den glänzenden LeiMun- 
gen derfelben, und das 
Kaiferpaar nimmt mit 
Wohlgefallen von folch' 
edlem Wetteifer Kennt- 
nifs. So hielten die Liech- 
tenMeinein der Sommer- 
refidenz Feldsberg eine 
eigene Komödiantenban- 
de, die fich felbM vor dem 
Kaifer producirte. FürM 
Alois LiechtenMein (ge- 
Morben 1805) hatte in 
Penzing fein Haustheater 
mit eigener Truppe, das 
der nachmalige Wiener 
Hoffchaufpieler Müller 
ebenfo leitete wie das 
gräflich Hoditz'fche The- 
ater in Rofswald. Auf 




Jhuttv^ "Spyg^ 'SXtaiipi? 



Catarina Gabrieli 
in der Holle als ,Jchöne Sclavin" auf dem Gewölbefchild, Graben iijS alt. 



der BreslauerFürMbifchof 
Graf Schaaffgotfch fein 
Theater, für deffen Stücke 
der Beichtvater Pater 
Pinino die Texte, Ditters- 
dorf die Mufik fchrieb. 
Die Dilettanten -VorMel- 
lung der »adeligen Com- 
pagnien« fanden aufser 
der Burg und den 
kaiferlichen Schlöffern in 
den eigenen PalaM- und 
Schlofs-Theatern der ein- 
zelnen Cavaliere Matt. So 
verzeichnetKhevenhüller 
1752 und 1753 glanz- 
volle Aufführungen in 
den Palais DietrichMein 
und Taroucca; bei einer 
derfelben fpielte ein jun- 
ger Graf Ignaz Harrach 
die anMrengende Rolle 
der luMigen Perlon und 
echauffirte fich damit 
derart, dafs er wenige 
Tage fpäter »an weifsem 
Friefel den GeiM aufgab«. 



SchlofsJohannisberghielt 

Am 28. Juli 1755 war der Hof GaM des grofsen Kaunitz in AuMerlitz, wo man fich nicht 
befonders amufirte. »Es ward u. A. eine Kammermufik aufgeführt« — notirt etwas malitiös 
Khevenhüller — »welche aber meiM in der Stimme der Mad. Gabrieli (der berühmteMen Wiener 
Sängerin jener Tage) beMand; diefe war eben damals la lultane favorite du chanceliier und nebM 
dem (Theater-Oberdireclor) conte Durazzo und feiner Gemahn der Ehre gewürdigt worden, deffen 
Reisgefährtin und mit felben nach AuMerlitz und zurück in der voiture zu fein.« In Monperon, auf der 
Trautfon'fchen Herrfchaft, führte die Adelsgefellfchaft den MajeMäten »Erigone« in franzöfifcher Sprache 
vor, und fo beeiferte fich die AriMokratie, dem Herrfcher überall erlefenekünMlerifche Freuden zu bereiten. 

Was der Prinz von Hildburghaufen aufbot, um am 23. Oclober 1 754 die MajeMäten in Schlofshof 
würdig zu feiern, iM den Verehrern Glucks bekannt; denn von diefem Tage datirt die befondere Gunft, 

n* 



44 

deren (Ich der Meifter bei dem Kaiferpaare zu erfreuen hatte. Die Wiener Zeitung liefert in einer 
befonderen Beilage auf zwölf Quartblättern eine Darfteilung der märchenhaften Feftlichkeiten zu Ehren 
des hohen Befuchs. In paradiefifchen Hainen begrüfsten Nymphen mit lieblichen Stimmen die Gäfte, 
riefen alle Bewohner der Wälder zur Huldigung auf, aus der Ferne liefsen fich vier Echos von Wald- 
und Hifthörnern, Oboen und Flöten vernehmen; auf Wiefen, von Bäumen und Bergen grüfsten in 
gefchultem (italienifchem) Chor die Bewohner der Gegend die Herrfchaften; ebenfolche Chöre tönten 
ihnen entgegen, als fie auf prunkvollem Venetianerfchiff, gefolgt von einer Flotte, die March befuhren, 
im Schlofstheater aber krönte die neue Oper »Le Cinefi« von iMetaftafio und Gluck diefe Fefte. In einer 
von Angelo Pompeati entworfenen, prachtvollen, chinefifchen Decoration, welcher zahllofe, in den Glas- 
hütten Böhmens gefchliffene prismatifche Stäbchen, im fchönften Farbenglanze fpielend, befonderen 
Reiz verliehen, ertönten die »Engelsftimmen einer Tesi-Tramontini, Katharina Starzer, Therefia Heinifch 
und Jofef Friberth's (Tenor). »Und dazu die göttliche Mufik eines Gluck« — ruft Dittersdorf, gleichfalls 
Zeuge und Mitwirkender bei jenen Feftlichkeiten — »es war nicht allein das liebliche Spiel der 
glänzenden, ftellenweife von kleinen Glöckchen, Triangeln, Handpauken und Schellen begleiteten 
Symphonie, welche die Zuhörer mit Entzücken erfüllte; die ganze Mufik war durch und durch ein 
Zauberwerk! . . .« Am 18. März 1759 gab man in Hildburghaufen's Stadtwohnung im jetzigen Auersperg- 
Palais vor dem gefammten Hofe Metaftafios Serenade »Ifaaco« (Mufik von Bono) nach »Operaart« mit 
Berufskünftlern, welche der Hausherr zur künftlerifchen Erbauung des Hofes in feinem Palafte 
verfammelt hatte, und immer häufiger waren folche Aufführungen von Opern und Komödien in adeligen 
Häufern, je fichtbarer der Auffchwung des öffentlichen Theaters in Wien, je lebhafter deffen Beziehungen 
zum Hofe geworden waren. 



Als Maria Therefia einen Theil des Wiener Burggebäudes, das alte Hofballhaus, dem unter- 
nehmenden Theater-Regenten Selliers als eine neue, bleibende Heimftätte der Kunft übergab, regte es 
fich in der That auf allen Gebieten des künftlerifchen Waltens in Wien. Zu eng war es dem in zwei 
Sprachen agirenden, der Oper und dem Schaufpiel gewidmeten Künftlerheere in dem ftädtifchen 
Komödienhaufe nächft dem Kärntnerthor geworden; man bedurfte des neuen Haufes, um den gefteigerten 
Anfprüchen der Bevölkerung und des Hofes nach künftlerifcher Labung zu genügen. Kein Kunftgebiet 
war von dem ehemaligen Ballhaufe, dem nunmehrigen »Königlichen Theater nächft der Burg«, 
ausgefchloffen; es war fogar in den Mittelpunkt des öffentlichen Vergnügens gerückt und auch in 
anderem, modernerem Sinne »Ballhaus« geworden, denn eine Fafchingsverordnung für das Jahr 1743 
geftattet ausdrücklich, »masquirte Ball und Feftins nirgends anderswo als in dem Hofballhaus und in 
des Königl. Theatral-Direcloris Jofeph Selliers Wohnung in der Kärntnerftraßen abzuhalten«. 1 

Die erfte Kunde von einem Befuche der Herrfcherin, welche die neue Aera diefes Haufes begründet 
hatte, in den Räumen desfelben gibt das Wiener Diarium, wenn es erzählt, »Ihro Majeftät habe am 
5. Februar 1742 in Dero neuem Theatro an Dero königlicher Burg eine welfche gelungene Opera 2 mit 
anzufehen geruhet«. Und immer zahlreicher wurden die Befuche in dem neuen, der Burg angegliederten 
Komödienhaufe, das fchon im Jahre 1743 feine erfte Erweiterung dadurch erfuhr, dafs die Scheidemauer 
zwifchen dem eigentlichen Ballhaufe und der damit auf der Seite der heutigen Sommer-Reitfchule 
parallel laufenden alten Schatzkammer fiel. 'Noch lautete der officielle Titel des Haufes »K. k. pr. Theater 
nächft der Burg«, bald aber Ichlich fich der incorrecle Name »K. k. Hoftheater« felbft in Aclenftücke 

' Nach der »Fafching- oder Ball-Ordnung für das J. 1747- wurden »die öffentlichen Balls mit Mafquen oder Verkleidungen fowohl auf dem priv. 
Theatro in dem fogenannten Ballhaus, als auch auf der Mehl-Gruben die Wochen zweymal u. zwar in dem Ball-Haus den 8., 12., 15., 19., 22. u. 29. 
des Monats Januarii, dann den 2. 5. u. 9. Februarii zu halten erlaubet«. 

- Wahrfcheinlich jene Carcano'fche Oper > Ambleto«, deren wir S. 39 erwähnten. 




; T/i,ir.rr ,{<■ (Vtity / ti i/lit/ui //■/<////, ff/i/ 

('AriJ-fi/if ,f,- l'iu,/ / A/ /■•/////■ ,/ hi'-tj /•!■/•/ 



V'" r / in /,/,/,<. /i.:r>. Ui/.'iufXr /',;/,/„ /.ui./^.u: ./. Fursfembrifi 






/y /'s". > //'/v f-e'J '/ ' < 



/'////S sS 



fS/"Sr,,Sff,// s/V/ ///sS/'/sSS/s S/s ■ 4 /'//// //''/'S f ■ //V/VW ■ 4-,*s////t 



//,/,■ /y;s //s 



■ --ist .Wien. 



/ 

BZ dcl!" 



S// s ■ //,/,/, 



Photogravure nach deir 



45 

ein, namentlich feit das grofse, prunkvolle Hoftheater, der Schauplatz der alten höfifchen Feftfpiele, 
endgiltig gefchloffen worden war. 

Diefe Caffirung des Feftfpielhaufes war nicht ohne Bedeutung für die ganze Stellung des jungen 
Therefianifchen Hofes zur Pflege der darfteilenden Kunft in Wien. Die Schranken zwifchen dem Hofe 
und dem Volke auf künftlerifchem Gebiete fielen. Schon in jenen Tagen entwickelt fich jene innige 
Beziehung des Herrfcherhaufes zu dem öffentlichen Wiener Schaufpiel, namentlich zu jenem Komödien- 
haufe, das einen unmittelbaren Beftandtheil der Kaiferburg bildet. Dort finden fich Kaifer und Kaiferin 
(feit 1 745 fchmückt wieder der kaiferliche Titel das öfterreichifche Herrfcherpaar) in guten und böfen 
Tagen zum Volke; in der Gefchichte des dem Hofe fo nahen und fo lieben Theaters fpiegelt fich 
gewifsermafsen auch die Gefchichte des Kaiferhofes. Dort erfcheint die geliebte Kaiferin freudeftrahlend, 
wenn ihr Heil widerfahren ift und nimmt leuchtenden Auges und pochenden Herzens die jubelnden 
Huldigungen des Volkes entgegen. In das »Theater nächft der Burg«, das ja zu ihrem Haufe gehört 
und innerhalb desfelben zu erreichen ift, eilt fie felbft, um ihren treuen Wienern eine Freudenbotfchaft 
mündlich zu fagen. Sie fühlt fich eben als Hausfrau im Theater der Burg, und die Alenfchen, 
welche hier ihre Gärte find, follen auch ihre Freude theilen. »Der Leopold hat an' Bub'n!« ruft fie (am 
19. Februar 1768) von ihrer Burgtheater-Loge aus dem Publicum zu, um die Geburt eines Enkels 
anzukündigen, deffen Haupt einft die Krone tragen kann. Befondere Freudenfefte bezeichnet man durch 
»Gratis- oder Frey-Komoedien« in den Theatern; das ganze Volk fozufagen ift zu Hofe geladen. 

In den erften Regierungsjahren Maria Therefia's dient das Theater nächft der Burg der italienifchen 
Oper und der deutfchen Komödie gleichmäfsig, je nachdem es der Unternehmer Selliers beftimmt. 
Und beiden Kunftgattungen wenden die Herrfcherin und ihr Gemahl ihre wohlwollende Aufmerkfamkeit 
zu. Sie lallen fich nicht, wie Selliers angetragen hatte, die Komödien in der Burg felbft vorfpielen, fie 
wählen nicht »refervirte« Tage zum Theaterbefuche, fondern kommen in das öffentliche Theater, wann 
immer fie darin Vergnügen zu finden hoffen. Nicht der italienifchen Oper allein, welche ja doch zu dem 
hiftorifchen Hofvergnügen zählt, gilt das Erfcheinen des Hofes; 1 immer öfter notirt der amtliche 
Hofbericht: »Allerhöchfte Herrfchaften haben in dem privilegirten Theatro nächft der königlichen Burg 
einer Teutfchen Comoedie beigewohnet.« Und noch häufiger heifst es ftatt »Comoedie«: — »einer 
Teutfchen Burleske«. Denn unzertrennlich war eben damals von dem deutfchen Schaufpiele Wiens der 
Charakter der Burleske. Sie hatte die Haupt- und Staatsacf ion, deren gefunder Kern viel zu oft verkannt 
wird, überwuchert. Das englifche Drama mit feinen weltgefchichtlichen oder wenigftens weltgefchichtlich 
thuenden Staatsaclionen war nicht ohne Einfiufs auf die plumpen deutfchen Dramatifirungen gewiffer, 
an Handlung reicher Gefchichtsabfchnitte geblieben. Die Engländer zeigten aber auch in leuchtenden — 
allerdings übel verftandenen — Vorbildern, wie fich der derbe Scherz mit der grofsartigen politifchen 
A6tion auf der Bühne vertragen könnte. In manchen auf den Continent verpflanzten Verunftaltungen 
von «Hamlet« und »Romeo und Julie« konnte man dies beobachten. In Wien wurde der treue, luftige 
Begleiter der Staatsaction allmählig die Hauptperfon. In die fchwulftigen Declamationen der Könige, 
Ritter und Helden, welche dem ftaunenden Volke die gräfslichen Vorgänge der Weltgefchichte, die 
blutigen Geheimniffe der Höfe zu fchildern hatten, mifchte fich immer kecker und fiegreicher der derbe 
Spafs des Hanswurft, welcher der ganzen Tyrannenwuth lachenden Mundes ein Schnippchen fchlug. 

' Das Wiener Diarium verzeichnet den Befuch folgender, im Burgtheater gefpielten Opern : 1743 L'Olympiade, II sogno di Scipione, L'asilo 
d'amore, Siface; 1744 Demofonte (zum Xamensfefte des königlichen Herrn Gemahls), Cato in Utico (zum Geburtsfefte desfelben); 1745 La generosftä 
trionfante (ganz neu componirt, am Tage der Kaifer-Krönung Franz I.) — das Theater heifst von da ab Kaif. Kgl. priv. Theater nächft der Burg — 
Antigone, II trono vendicato; 1746 Ariodante (zum Geburtstage der Kaiferin neu verfertigt), Aralinda, Semiramide, Artaserse (neu), La clemenza 
di Tito, Alessandro nelle Indie (zum Geburtstag des Kaifers neu verfertigt); 1747 La Zanina maga per Amore, Tito Manlio (neu, zu Kaifers Namenstag), 
La costanza supra tutto (Namenstag der Kaiferin). Im Herbft 1747 liefs fich nach der Oper im »k. k. priv. Theater des fogenannten Ballhaufes« (alfo 
Burgtheater) fogar ein Kunftfeuerwerker vor den Majeftäten bewundern. Er animirte das Publicum durch die Verficherung, »dafs es nicht die geringfte 
Ungelegenheit von Rauchen, Dampff oder Geftank zu erdulden haben werde«. Seine Vorftellungen zeigten u. A. den a. h. Wahlfpruch und den Kaifer- 
adler in Flammen, den die fiebenköpfige Hydra erlegenden Hercules unter einem Triumphbogen, endlich »zwei Spring-Brünne im Feuer«. 

12 



46 

Dem erften Machthaber in dem neuen luftigen Reiche, in welchem die Tragik der agirten Weltgefchichte 
untergieng. dem Vater Stranitzk}', war Gottfried Prehaufer als berufener Thronerbe gefolgt; feine 
Alleinherrfchaft im Reiche des volkstümlichen Humors währte aber nicht folange, als fie Stranitzky 
genoffen hatte. Denn fchon im Jahre 1737 erfchien auf der Wiener Bühne ein Sohn diefer Stadt, der es 
vielleicht nicht an Kraft und Originalität feines Talents, aber an Romantik und Gewicht feiner 
Perfönlichkeit auf der Bühne und im Privatleben dem biederen Prehaufer zuvorthat, und von dem 
Erfcheinen diefes Mannes beginnt eigentlich erft der Antheil der vornehmeren, ja auch der Hof-Kreife 
Wiens an dem verachteten deutfchen Schaufpiele. 

Diefer neue Mann des alten Theaters ift Jofef Kurtz, der »grofse Bernardon«. Über feinen 
Namen, feine Herkunft, feinen Lebensgang ift ein gewiffes wohlthätiges Halbdunkel gebreitet, das er 
fchon zu feiner Zeit meifterhaft zu erhalten wufste. War er wirklich nur der fchlichte Sohn des in Wien 
und Öfterreichs Provinzen weitbekannten Xomadenprincipals Felix Kurz 1 oder war feine Wiege in 
einem ftolzen Palafte geftanden, war er Jofef Kurtz fchlechtweg oder »Freiherr Jofef von Kurtz«? — 
er überlies es feinen vornehmen Freunden, darüber zu fabeln. Jedenfalls verftand er es gleich gut, auf 
der Bühne den tollen, verwegenen Luftigmacher, als im Leben den noblen, tadellofen Cavalier zu fpielen, 
und manche feiner Biographen gefielen fich darin, ihm die intereffanteften Lebens- und Liebesabenteuer 
für eine Zeit anzudichten, da er in Wien mit feiner erften getreuen Ehefrau Francisca Haus und Hof 
hielt und regelmäfsig jedes Jahr ein Kindlein zum Taufbrunnen fandte. 2 Prehaufer war der alte, 
urwüchfige Hanswurft, Kurtz erreichte ihn nicht an Unmittelbarkeit und Frifche der Komik, aber er 
übertraf ihn an Geift, Wortwitz, Schlagfertigkeit und Kühnheit des Spaffes, an kecker Unverfchämtheit 
und dabei auch an Glätte und Gewandtheit der Manieren. Er kannte die grofse Welt und wufste fich 
mit überwältigender Komik über ihre Schwächen luftig zu machen. Seine Karrikaturen kannten ebenfo- 
wenig Grenzen, wie fein Behagen an der Zweideutigkeit. Dabei fchien feine erfinderifche Kraft 
unerfchöpflich, war er doch grofsentheils auch fein eigener Dichter, der fich feine Stücke geradezu im 
Handumdrehen nach flüchtigem Scenarium auf der Bühne fchuf. Das meifte Glück hatte er in feinen 
jüngften Jahren mit der Rolle eines ungezogenen, liederlichen und tölpelhaften Buben, dem Charakter 
des italienifchen scapino ähnlich. Sein aufserordentlicher Erfolg bewog ihn, diefen Burfchen, 
»Bernardon« genannt, zu feinem typifchen Schaufpielcharakter, zu einer jener flehenden Komödien- 
figuren zu machen, wie fie Prehaufer als Hanswurft, Leinhas als Pantalon, Schröter als Bramarbas, 
Mad. Xuth als Colombine bereits befafsen. Von nun war »Bernardon« allgegenwärtig in der Wiener 
Stegreif-Burleske; er kehrte in zahllofen Komödien wieder, und wo er war, da gab es neben 
kräftigem, fchlagendem Witze tollen Unfinn und rohe Zoten, neben einfältig-plumpen Scenen fchwierige 
decorative und technifche Bühnenleiftungen, Ballette und Schlachten, Feuerwerke und Wafferkünfte. 
»Er war zwar nur in der Poffe und im Schaufpiel aus dem Stegreife berühmt«, fchreibt 1792 der 
Äfthetiker Meifsner, beinahe noch ein Zeitgenoffe Bernardons — »viele feiner Scherze pafsten auch nur 
für die Zeit und Oerter, wo er auftrat, würden in Leipzig, Berlin und Hamburg fchon vor vierzig Jahren 
nicht mehr gefallen haben, und in Wien noch jetzt nur neben den Kafperle gefetzt werden; aber indem 
er dem Gefchmack feiner Zeitgenoffen und feiner Landsmannfchaft nachgab, wufste er wenigftens deren 
Beifall fich ganz zu erwerben, fah oft nicht nur ein gemifchtes Parterre, fondern auch alle Logen (und 
in diefen felbft Monarchen) ihm zulächeln und zulachen; hatte Dreiftigkeit genug, unterm Schutz feiner 

' Das Wiener Diarium Nr. 1420 notirt lakonifch: »22. Februar 1717 dem Herr Felix Kurz, Comoediant, und Edmunda f. Ehefr. ihr Sohn Johan p. 
Baptift Jofef Felix<. Tauffpathen Stranitzky und Frau Maria Monica und ein anderes Ehepaar vom Stadttheater. 

~ Wiener Tauf- und Sterberegifter: 1745 dem Hrn. Jof. Kurz, Comico im priv. deutfchen Theatro und Frau Francisca ihre Tochter Anna Eleonora 
Francisca getauft; 1746, 3. Mai dem Kurz etc. ihr Sohn Barthol. Chriftophorus Jofephus; 1747, 29. Aug. dem Kurz etc. ihr Tochter Sufanna Franc. 
Antonia; 1748, 21. Sept. ihre Töchter Maria Anna Agnes und Carolina Maria Anna; 1749, 16. Dec. ihr S. Carolus Jofephus; 1750. 28. Aug. dem Kurz 
j f. Kind Anna im Millenif. Haus i. d. Kärntnerstr. 5 J. alt; 1751, 22. May f. T. Maria Anna Procopia (getauft); 1753, 3. Feb. dem Kurz etc. ihr S. Franz 
Udalricus Heinrich Blafius; 1755. 15. Juli, f Frau Francisca Kurz, geb. Tuscani im Strickerifchen Haus, beim Comödienhaus, erft 27 J. alt. 




»telen mt wraofitne 




c i e r r tmt> 




U&Ctt' 



BATAILLE 

BERNARDONS 



\ 



unb 




Ölet 




Je 




iqjc llragöfo'e in etiler 

fd)aft verliebter Siarrem 





AVERTISSEMENT. 

S*£n tiefem außerort>ent!tc&en läcfrcrltdjeu £uflfpiel flettef ©ernarbpn eilten 
«O Sccpbeutcr einer unrettbaren toaüerie, unb #ann&2Burft einen £a* 
pitain wrsnxifelter SBeiber »or. Unter biffer Sourletfque werben einige 
Sirien fcorfommen : micf) wirb SttaDame Sfyerefma in Der $erfon ber Sias 
mene ftcf) a\$ ein fluchtiger ©eferteur jeigen. ©et SSefcfelug biefeS gutffpielg 
ift in gebunbener Lebensart , unb wirb ein läcfyerlic&eS £nbt bie 
bifyne wfc&Hcffen. 



■ 



-* 



er« 



wrt. 



■ 



H 



■ 



^V 



Wr<' 



V ■ 




Hg 



.--■■•■..- 



47 

Rolle felbft den erften Perfonen im Staat von offener Bühne herab manche bittere Wahrheit zu lagen, 
und blieb dennoch beklatfcht, gefchätzt und geliebt, ja, ward für eben diefen, feinen meiftens derben 
Scherz reichlicher belohnt, als mancher Eckhof, als mancher Reinecke für die Feinheit und Würde ihres 
Spieles. Wenn er auf die Bühne trat, ftrömte die Menge gleichfam ins Schaufpielhaus, wenn er herab- 
ftieg, zankten fich felbft von den Grofsen viele um feinen Umgang; denn auch in jene fogenannten 
erften Cirkel wufste er diejenige heitere Freude, diejenige wahre Munterkeit zu bringen, welche fonft vor 
fo hoher Gefellfchaft ebenfo, wie die Fruchtbarkeit vor dem Gipfel hoher Berge flieht . . .« 1 

Gottfried Prehaufer erkannte fofort das Genie diefes Rivalen und befchlofs als kluger Mann, 
keinen Concurrenzkampf zu entfeffeln, fondern in Frieden und Freundfchaft feinen Regententhron im 
Buiieskenreiche mit ihm zu theilen. Hanswurft undBernardon waren von nun an nahezu unzertrennlich 
in der Stegreifkomödie; fie theilten fich in den Titel und die Glanzrollen der Stücke, und hilfsbereite 
»Dichter« waren zur Stelle, wenn ihre eigene Erfindungskraft verfagte, und legten den beiden Volks- 
lieblingen unfinnige, aber packende Glanzrollen zurecht. Als fich die Familie des »Vaters Bernardon« 
immer anfehnlicher vermehrte, beftritt er in Wien und auf feinen fpäteren Kunftreifen durch die deutfchen 
Lande einen guten Theil feines Enfembles mit feinen eigenen Angehörigen. Seine erfte Frau Francisca 
war eine brave Schaufpielerin und Tänzerin, feine zweite Gattin Therefine Morelli, ebenfalls Italienerin, 
war ausnehmend fchön und ausnehmend vielfeitig als Sängerin, Schaufpielerin und Tänzerin; fie bildete 
einen befonderen Anziehungspunkt der »Mafchinskomödien«, in denen Kurtz dem verblüfften Publicum 
allerlei fcenifche Wunder und groteske Verwandlungen vorführte. 

Seine zahlreiche Kinderfchaar wurde mit befonderem Gefchick und achtbarem Gefchäftsgeift in den 
Dienft der väterlichen Kunft geftellt. Von den fieben Bernardon-Spröfslingen, welche das Taufprotokoll 
von St. Stephan 1745 bis 1753 anführt, wurden drei (Lenerl, Sepherl und Tonerl) eigens für das Theater 
abgerichtet. Sie fangen, fprangen, agirten und verkleideten fich gefchwind wie der Wind. Das Töchterlein 
Antonia kündigt Kurtz in der Komödie »Arlechino, der glücklich gewordene Bräutigam« als »die kleine 
Colombine an, welche fich in vier Charakteren und vier luftigen Arien befonders diftinguiren wird«. 
Sie führte auch das feither öfters nachgeahmte Kunftftück auf, wie man aus einer kleinen Komödiantin 
eine hochgeborene Gräfin wird. Für das Jahr 1754 kündigte Papa Bernardon befondere pantomimifche 
Kinderballette an, wobei er die Schwierigkeiten und Verdriefslichkeiten hervorhebt, die es abgefetzt 
habe, den Kindern die natürlichen A6tionen u. Tänze beizubringen«. 2 Die Darfteller wurden durch 
befondere Honorare für die unwürdigen Kunftleiftungen entfchädigt, die fie in creignifsreichen Stegreif- 
komödien zu verrichten hatten. 3 Von deren Texte ein Pröbchen! In der »Comödie, genannt: Colombine, 
Difchen-Dafchen- Macherin, oder galanten Ertz-kupplerifchen Lügnerin« fingen Hannswurft und 
Bernardon folgendes pikante Duett: 

Bern.: Colombine Felfenhertz! Wechfelbalg der Liebe! — Hanswurft: Colombine Trutten-Fuß! Schönfter Hertzens-Diebe! — Beede: Colom- 
bine Du! Du! Du! Laffe meinem Hertzen Ruh! — Bern.: Colombine voller Glantz, — Wie von Wax ein Kertzen, — Wie lang wird dein Graufamkeit — 
— Mich mit Kiehnruß fchwärtzen. — Colombina ey ja! ja! — Lieb mich doch ! ich bin fchon da! — Hanswurft: Colombine Mode-G'ficht — Mit 
Finfternuß bemahlen, — Wann wird mir dein Sonnen-Licht — Zeigen feine Strahlen? — Colombina Ey jo! jo ! — Lieb mich doch, fo bin ich froh. — 
Bern.: Colombina, nach Muscat fchmecken deine Küffe. — Hanswurft: Und nach füffen Kraut-Salat Riechen deine Füffe. — Beede: Colombina ey! 
ey! ey! ! — Lieben ift kein Narredey. 

Zu der Opera comique »Asmodeus, der krumme Teufel«, welche Kurtz perfönlich gedichtet hatte, 
hat niemand geringerer als — Jofeph Haydn die Mufik componirt. Das nach Le Sage's Roman »Le 

i Deutfche Monatfchrift, Berlin, Jahrg. 1792. 

2 In den Verlaffenfchaftsaften find die intereffanten Schickfale feiner ihn überlebenden Kinder Lenerl, Sepherl und Tonerl angeführt: >Frau 
Eleonore Freiin von Kurz, Klofterfrau in Venedig; Jofef Freiherr von Kurz, unbekannten Aufenthalts; Frau Antonia verwitwete Gräfin von Predau zu 
Prosnitz in Mähren; ihnen reiht fich an: Franz Freiherr v. Kurz, k.k.Cadet, damals in Garnifon zu Mödling bei Wien«. — Die Kurtz'fchen Kinderkünfte 
mögen die Anregung zu dem 1758 zufammengeftellten befonderen Berner'fchen Kindertheater gegeben haben. 

s Rechnung: Diefe Woche fechs Arien gefungen: 6 11.; Einmal in die Luft geflogen 1 11.; Einmal ins Waffer gefprungen; 1 11.; Einmal begoffen 
worden 34 kr.; 2 Ohrfeigen bekommen 1 fl. 8 kr.; 1 Fußtritt 34 kr. — Worüber dankbarlichft quittire. 

12* 



48 

diable boiteux« bearbeitete Stück ftellt die radicale Cur eines verliebten alten Gecken vor, wozu ein 
luftiger und gutmüthiger Höllenfohn mithilft. Die fogenannte Oper 1 zeigt einen vollkommen ausge- 
arbeiteten Dialog, frei von den empörenden Zoten anderer Bernardoniaden; die Würze gab erft die 
Darfteilung, aber an kräftiger Yerfekoft boten die zwei Aufzüge der Opernpoffe doch ein achtbares 
Quantum. Wie Jof. Haydn zu dem merkwürdigen Bunde mit dem grofsen Bernardon kam, ift nicht ganz 
klar. Nach einer von Pohl in feinem »Jof. Haydn« wiedergegebenen Darfteilung hätte Kurtz den jungen 
Haydn, der 1751 ein Ständchen für feine Gemalin componirt hatte, in fein, dem Gold- und Perlenfticker 
Anton Dirkes gehöriges, fchräg gegenüber dem alten Kärntnerthortheater ftehendes Haus eingeladen und 
von dem talentvollen Muficus einige Stegreif-Scenen mit Melodien begleiten laffen. »Aber fehen'sdenn nit, 
wie i fchwimm!« rief er, als Haydn einen Meeresfiurm nicht temperamentvoll genug andeutete. Dann 
machte es der Componift beffer, und Bernardon übergab ihm das Manufcript zum »hinkenden Teufel«. 

Die Schickfale Bernardon's in Wien wechselten zwifchen hohem Ruhme und tiefem Falle. Nicht in 
letzter Linie feinem aufflammenden Sterne dürfte es zuzufchreiben fein, dafs im Jahre 1737 die 
deutfchen Komödianten zum elften Male in das damalige »Ifchl« der vornehmen Welt, nach Manners- 
dorf, ' zu einer Vorftellung bei Hofe berufen wurden und dafs fie fich im Burgtheater neben den 
Italienern behaglich einrichten und das Kaiferpaar zu ihrem Auditorium zählen durften. Mit feiner 
gewohnten Kühnheit foll fich Kurtz lbgar den Adelsftand erobert haben. Als ihn Kaifer Franz I.. Maria 
Therefia's Ehegemal, eines Tages — nachdem er am vorherigen Abende die komifche Figur eines 
Barons gefpielt hatte — mit einem gemüthlichen »Guten Morgen, lieber Baron« begrüfste, dankte Papa 
Bernardon devoteft »für die allergnädigfte Standeserhöhung« und fchrieb fich feither »von«, ja »Freiherr 
von«. Nach anderen Verfionen wäre diefer illuforifche Freiherrenftand fpäter in Warfchau vom König 
von Polen anerkannt und beftätigt worden, was infoferne zweifelhaft erfcheint, als ein polnifcher Frei- 
herrenftand nie exiftirt hat. Thatfache ift nur, dafs Kurtz ftets als edler Herr zeichnete und fiegelte, und 
dafs feine überlebenden Kinder als Freiherren und Freifräulein bezeichnet wurden. Den Gipfel feines 
Ruhms hatte Kurtz fchon im erften Jahrzehnt der Regierung Maria Therefia's überfliegen. Mit einer 
frechen Antwort auf eine gemüthlich-herablaffende Frage der Kaiferin verfcherzte er fich deren volle 
Gunft, und die zunehmende Zuchtlofigkeit feiner Darftellungen zog ihm geradezu den Abfcheu der 
Herrfcherin zu, welche in diefer bedeutfamen Periode literarifch-künftlerifcher Umwälzungen den 
Wienerinnen Bernardon- wiederholt ihre Ungnade empfinden liefs. Wiederholt verliefs er auch die 
Refidenz, kehrte aber immer wieder in die Heimath, die Stätte feiner erften Triumphe, zurück. 

Bezeichnend für die Stärke und Lebenskraft der Wiener Burleske ift jedenfalls die Thatfache, dafs 
die Blüthe der Bernardoniade mit den kräftigften Regungen der Bühnenreform im deutfchen Norden 
zulämmenfiel. In Wien ftemmte fich die Phalanx der Stegreiffpieler und Dichter den Neuerern fiegreich 
entgegen. Da ftanden Hand in Hand die Feldhauptleute Prehaufer und Kurtz. Ihnen reihte fich der 
vielfeitige F. W. Weis kern an, ein Mann, der ebenfo gut zu extemporiren als zu reimen, gleich gut die 
Feder und den Griffel zu handhaben wufste und gerade wegen feiner feltenen und mannigfaltigen 
Geiftesgaben eine Säule der Burleske war, welcher ein Schaufpieler feines Talents, in den Dienft der 
befferen Sache geftellt, den Todesftofs geben konnte. Er wufste jugendliche Helden und noble Väter 
zu fpielen; er fchuf fich fpäter den Helden väter-Charakter des Odoardo im Stegreiffpiele, konnte aber 
auch im echt tragifchen Style agiren; er fabricirte mehr als hundert der tollften Extemporirungs- 
Programme und dichtete manch' artiges Reimfpiel; er war ein Topograph von Ruf, befafs aber auch 
das Gefchick des Architekten und foll die Pläne zur Adaptirung des Hofballhaufes als Theater 

' Eine Ausgabe liegt aus dem Jahre 1770, gedruckt bei Joh. Thomas Edl. v. Trattnern, k. k. Hofbuchdrucker und Buchhändler, vor; darin fehlt 
der Componiften-Xame Haydn. 

' Mannersdorf, ein Marktfleck mit Schlofs an der ungarifchen Grenze, unweit Brück a. d. L., war fchon im XIV. Jahrhundert durch feine 
Heilquellen berühmt. Der Therefianifche Hof befuchte den Ort oft. Kaifer Franz I. jagte Hirfche, Maria Therefia weilte bei ihrer Freundin, der Gräfin 
Fuchs, auf deren Mannersdorfer Gute. 




Joh. Esaias Wilson fec. 



SCENE AUS DEM SCHAFE ITTSCH] 



&mstin"Vffian. 



Photogravure R. Paulussan/Wlen.. 



49 

angefertigt haben. Als ftattlicher, fchöner Mann von impofanter Geftalt, ftets fein gekleidet, war er dem 
»Freiherrn von« Kurtz ähnlich, der den Jammer über die verächtliche Stellung des deutfchen Komö- 
dianten durch das Gewicht feiner Perfon ad abfurdum führte. Dabei hielt Weiskern (in diefer Hinficht 
den Hanswürften gleich) auf ein rechtfchaffenes und folides häusliches Leben, hatte keine fchlechten 
Paffionen und keine böfen Schulden, und hob fich dadurch von der Maffe jener Schaufpieler ab, welche 
man als das »liederliche Komödianten-Gefindel« zu brandmarken liebte. 

Zu jenen Kräften der Burleske, welche ebenfalls für »etwas Befferes« gefchaffen fchienen, zählte 
auch die langjährige Colombine Maria Anna Nuth, geb. Viertel, die Tochter eines Wachtmeifler- 
Lieutenants (Adjutanten), mit dem fie aus ihrem Heimatlande Italien nach den Niederlanden und nach 
Böhmen gezogen war. Sie hatte den Harlekin-Spieler Nuth geheiratet und in deutfcher und wälfcher 
Sprache als Colombine zu agiren begonnen. Ihre Popularität war fo grofs, dafs man das Eintrittsgeld 
bei den Caffen ftürmifch zurückforderte, wenn fie nicht 
fpielte. Dafs fie auch zu memoriren, nicht blofs zu extem- 
poriren verftand, hat fie fpäter bewiefen. Einer von altem 
Schrott und Korn, in der italienifchen Stegreifkomödie auf- 
gewachfen, war Johann Leinhas, der alte Pantalone, der 
Vater aller Pantalons, der fchon 17 Iß am Kärntnerthor- 
Theater agirt hatte und zeitweilig als felbfländiger Komö- 
diantenprincipal umherwanderte. In Prag fpielte er, wie aus 
einer flehentlichen Eingabe feiner Truppe an die Altftädter 
Stadthauptmannfchaft 1 hervorgeht, den praktifchen Theater- 
tyrannen, traktirte »mit unduldtlicher Brutalität die Komoe- 
dianten auf dem öffentlichen Theater mit fchlägen u. Ohr- 
feigen, ja mit entblöftem Gewehr, fo dafs nicht ungegründt 
zu befürchten, dafs er einem auf dem Theatro bei unter- 
laufenden Fehlern nicht einmal mit dergleichen unmenfch- 
licher Furie den Degen in den Leib fließe«. Man klagte 
auch, dafs er »als ein italienifcher Komoediant unferer 
teutfchen Agirungsart nit kundig«. Als der aus deutfcher 
Familie flammende Venetianer Leinhas 1744 zum zweiten 
Male nach Wien kam, dürfte er fleh mit der deutfchen Dar- 
flellungsweife fchon vertrauter gemacht haben. Viel freund- 
licher muthet uns der junge Jof. Carl Hub er in dem 
Liebhaber-Charakter des Leander an; er wurde noch popu- 
lärer, als er fleh in dem »Leopoldel« eine liebenswürdige, 
harmlos heitere Komödienfigur lammt den zugehörigen Komödien fchuf. Andreas Schröter, ein 
Berliner Holzhändlersfohn, der in Dänemark und Öfterreich Kriegsdienfte gethan und hier als Officier 
quittirt hatte, war 1726 von der Spiegelberg'fchen Truppe nach Wien gekommen und fpielte noch 
immer den Tyrannen und Bramarbas. Seine Frau, ebenfo wie Hubers Mutter, Katharina Hauptmann, 
der alte Thomas Huber fammt Frau, der fogenannte fchlefifche Müller, ein bekannter Scapin- 
Darfleller, das Ehepaar Schulz (Eltern der berühmten Caroline Schulz) vervollftändigten die Wiener 
Truppe. Die Meifter des grotesken Spiels waren, wie wir gefehen, zumeift auch fruchtbare Erfinder 
der Komödienentwürfe, welche fie mit rafchem Worte und keckem Witze auszufüllen wufsten. 
Schon galt es aber als das höchfle Dichterlob, wenn man dem Dialog der Burleske nachrühmte, er 
könnte »fludirt« fein. 

i Oa. 1725, Aaen des Prager Gub.-Archivs. 




Friedrich Wilhelm Weiskern. 
Nach Jofef Hiekel. (Burgtheater-Gallerie.) 



13 



50 

Und fchon kündigte fich in der That dem frohen Wien, das fich nach allen Kriegsftürmen und 
Kriegslaften gern bei feinem Hanswurft oder Bernardon des Lebens Heiterkeit zurückholte, die 
Zeit der literarifchen und künftlerifchen Erhebung und Reinigung in mannigfaltiger Geftalt an. Die 
regelmäfsige franzöfifche Komödie hatte bereits Eingang bei Hofe gefunden; fie wurde von der Adels- 
gefellfchaft felbft gefpielt, und nicht unbekannt waren den gereiften Mitgliedern der Gefellfchaft die 
Original-Aufführungen in Paris, dem Mekka der Modemenfchen, nicht unbekannt war ihnen der hohe 
Standpunkt der dortigen öffentlichen Komödie: er forderte zu bedenklichen Vergleichen mit der wüften 
deutfchen Burleske heraus, welche im priv. Theater am Kärntnerthor und in dem ebenfo privilegirten 
Tneater nächft der Burg ihr Wefen trieb. Aber auch aus dem »Reiche«, aus Deutfchland, kamen 
Berichte, welche die Freunde eines »gefitteten Schaufpiels« aus ihrer Lethargie aufrüttelten und in 
Wien felbft Reformthaten fordern liefsen. In demfelben Jahre, als der grofse Bernardon in Wien feinen 
Einzug hielt, wurde in Leipzig die luftige Perfon feierlich verbrannt. Die Flammen diefes theatralifchen 
Autodafes, das allerdings in feiner Bedeutung vielfach überfchätzt worden ift, züngelten nicht einen 
Augenblick nach Wien hinüber. Nun aber, zehn Jahre nach Bernardons Einzug, ertönte auch hier 
der Ruf nach Befferung und Läuterung der fündhaften deutfchen Komödie. Wenn man glaubt, dafs 
erft mit dem Bezüge deutfcher Schaufpieler »aus dem Reiche« die Sehnfucht nach dem regulären 
Stücke nach Wien verpflanzt worden fei, fo irrt man. 1 Es ift Thatfache, dafs diefe Einwanderung längft 
begonnen hatte, ja dafs fchon der alte Stranitzky die Mehrheit feiner Komödianten aus dem Braun- 
feh weig'fchen verfchrieb. 2 

Nicht »ausländifche Schaufpieler« allein können alfo mafsgebend für die Kenntnifs der neueren 
Richtung in Wien gewefen fein. Wien hatte nicht alle Fühlung mit dem Reiche verloren, das ja doch von 
feinen Kaifern »fozufagen« regiert wurde, und die Leipziger Vorgänge konnten unmöglich dem Öfter- 
reicher ganz verborgen geblieben fein. Man befand fich aber zu wohl im eigenen Reiche des Humors 
und fühlte fich von Gottfcheds pedantifcher Profefforenweisheit zu wenig angeheimelt, um fofort 
nach deffen neugedrechfeltem Kunft-Ideal zu langen. War doch Wien in Einem Punkte viel weiter 
vorgefchritten, als das nördliche Deutfchland! Während man dort nach einer grofsen, ftabilen Bühne 
feufzte, war fie in Wien, wie auch in kleineren öfterreichifchen Städten, längft Wahrheit geworden; 
die deutfehe Komödie fpielte in kaiferlich privilegirten Häufern, ja in einem der Kaiferburg unmittelbar 
zugehörigen Theatergebäude! Es handelte fich alfo nur darum, diefen vorhandenen, behaglich 
eingerichteten Stätten der Kunft neues, befferes Leben einzuhauchen. Die erften Verfuche in diefer 
Hinficht mifsglückten nicht gerade, bahnbrechend aber wurden fie nicht. Es war jakeinfrifcherZug, keine 
begeifternde Idee, welche aus Leipzig kam. Joh. Chriftoph 3 Gottfched reformirte, wie er eben reformiren 
konnte, vielleicht auch, wie er es thun mufste. Er fuchte zunächft eine Form für die deutfehe 
Dichtung, ehe fie noch einen Inhalt befafs. Er betrachtete es als feine nächfte Aufgabe, auf dem 
ungepflegten Boden der heimifchen Literatur, wo bis jetzt eitel Unkraut aufgefchoffen war, einen 



i Das deutfehe Seh aufpielperfonale zeigt 1744 folgenden Beftand: Pächter u. Dir. Selliers. — Schaufpieler: Gottfr. Prehaufer, 
Hanswurft (engagirt 1725', Franz Anton Nuth, Harlekin (feit 1725), Andreas Schröter, Tyrann, Großfprecher (1726), Friedrich W. Weiskern, 
Liebh. (1734), Joh. Wilh. Mayberg, 2. Partien (1743), Joh. Leinhas, Pantalon (zum 2. Male 1744, zum 1. Male 1716), Joh. Jof. Felix v. Kurtz, 
Bernardon (zum 2. Male 1744, zum 1. Male 1737), Müller (der fchlefifche), Schulz u. Th. Huber, Nebenrollen. — S chaufpieler inne n: M. Anna 
Xuth, geb. Viertel, Colombine, Heldin (eng. 1725), Anna Schröter, Vertraute (1726), M. Monica Kurtz, Soubrette (1741), Rofine Mayberg, 
2. Partien (1743), Francisca Kurz geb. Toscani, Angiolinen (1744), Müller, Schulz, Francisca Huber, Nebenrollen. Im Jahre 1745 treten hinzu Jofel 
Carl Huber als Liebhaber und Leander und Catharina Hauptmann für Mütter, Weiskern ift bereits als Odoardo verzeichnet. — Schröter ftarb 
am 6. März 1761 im Magaf. Haufe, Kärnthnerftrafse, 65 Jahre alt, Leinhas am 22. Mai 1768, bei der Ungarifchen Krone in der Himmelpfortgaffe, 
80 Jahre alt. 

• Als am 22. März 1714 Bürgermeifter und Rath von Wien der niederöfterreichifchen Regierung die Bewilligung der Vorftellungen von Oftern ab 
für Stranitzky empfahlen, machten fie ausdrücklich geltend: >\veillen er durch neue Theatra und Herbeifchaffung neuer A£toren, wovon die 
mehriften fich vorhin in Wolffenbi t tel befunden, in grofse uncoflen geftöcket«. 

s Auf Seite 5 ift der Satzfehler -Johann Gottfried Gottfched« felbftverftändlich in Johann Chriftoph Gottfched zu corrigiren. 



51 

franzöfifchen Garten mitgefchorenen Hecken und Ichnurgeraden Baumgängen herzuftellen; 1 die Garten- 
fcheere war heilfam, aber fie mufste nicht fo unfäglich pedantifch gehandhabt werden. Und weil er fie 
dann gegen Jedermann fchwang, der ihm feine fchnurgeraden Alleen zu durchbrechen oder auch nur 
durch ein fürwitzig hervorlugendes, frifchgrünes Blatt zu ftören wagte, wurde er lächerlich und »gott- 
fchädlich«. 

Und es war merkwürdigerweife keines der Mufterwerke Gottfcheds felbft, welches zuerft auf 
dem von der grobkörnigen deutfchen Burleske fo ftark befetzten Wiener Boden Fufs zu faffen fuchte, 
fondern das germanifch thuende, aber in die Gottfched'fche Formel gezwängte Werk eines Jüngers des 
grofsen Dictators. »Vitichab und Dankwart, die allemanifchen Brüder«, ein Schaufpiel von 
Benjamin Ephraim Krüger aus Danzig, brachte den Wienern im Jahre 1747 den erften Begriff von der 
regelmäfsigen Komödie bei. Die Widmung des Stückes »der hochedelgeborenen Frauen Frauen Luife 
Adelgunde Vi6toria Gottfchedin gebohrenen Kulmus, feiner hochgefchätzten Gönnerin«, legitimirt 
Krügers Werk als ein wohlgerathenes Kind der Leipziger Reform. Deutfehes Bewufstfein, Begeifterung 
für des Vaterlandes Gröfse und Freiheit glüht in dem Stücke, aber die wohlgefügten Reime bannen 
die Flamme in die Bahnen eines zierlichen Theaterfeuers. Vitichab ift ein Alemannenherzog, der 
fein Volk mehr liebt als den eigenen Vortheil. Kaifer Valentinianus bietet ihm durch den Gefandten 
Tiberius die Oberherrfchaft über alle deutfchen Fürften und Roms Freundfchaft an; er lehnt 
mannhaft ab: 

Schweig, nimmer wird der Eigennutz mich blenden, — Den Vater, mich, das Recht, das Vaterland zu fchänden, 
Ein edles Herz verflucht verräthrifchen Betrug, — Bereitet Euch zur Schlacht! Ich bin ein Deutfcher — g'nug! 

Tiberius ergrimmt, droht in wohlgereimten Alexandrinern allen Deutfchen den Untergang und 
fucht Siegmar, den Vater der Verlobten Vitichabs, mit Argwohn und Feindfchaft gegen den Herzog zu 
erfüllen. Unglücklicherweife kommt Adelheid, die Mutter des Helden, gerade zurecht, um durch einen 
neuen Auffchub der Hochzeit bis nach der Römerfchlacht den ungeduldigen Schwiegervater zu reizen. 
Sie ift eine echte deutfehe Heldin und entzückt von der Kampfgier ihres Sohnes: 

Beglückt fein muthig Schwert, das er auf Rom gewetzt, — Das euren Ruhm erhebt, wenn Römerblut es netzt; 
Und will des Schickfals Schlufs: er foll im Treffen fterben, — So lafst nur feinen Arm die Freiheit erft erwerben! 

Auch Fredegunde, die Braut, ift eine gefinnungstreue Feindin der Römer; tief betrübt fie ihres 
Vaters Wankelmuth; zu fterben ift fie bereit, als der Vater fie und ihren Bruder zu ermorden droht: 

Gilt denn Dein Hafs bei Dir mehr als das Vaterland? — Beglücktes Rom, du fiegft, da unfrer Eintracht Band 

Des blinden Argwohns Macht zu Deinem Nutz zerriffen, — Da deutfehe Schwerter felbft der Deutfchen Blut vergiefsen. 

Kann ich nicht unbefleckt in Deinen Augen leben, — Hier, Vater, ift mein Blut, Du halt es mir gegeben. 

Im zweiten Acte entdeckt Fredegundens Bruder dem wackeren Vitichab die gegen ihn im 
Germanenlager felbft geplante Verrätherei, das Complot wird zerftört, aber Vitichab verzichtet unter 
folchen Umftänden auf feine Herzogswürde, denn: »Ein freier Deutfcher mufs der Römer Sclaven fcheu 'n: 
Itzt wählt ein ander Haupt, ich mag nicht Herzog feyn.« Schliefslich verfucht er es noch einmal mit 
feinem Volke, und die Schlacht bringt, obwohl Siegmar den Römern den Erfolg in die Hände fpielen 
will, den Alemannen den Sieg. Vitichab ift durch Rando, den angeblichen Bruder feiner Fredegunde, 
gerettet worden. Es kommt zu einer böfen Scene zwifchen Vitichab und dem Verräther Siegmar, den 
er zum Tode verurtheilen mufs, obwohl er der Vater feiner Braut ift; fchliefslich findet man einen 
Ausweg, indem Siegmar zum Zweikampfe mit dem gefangenen Tiberius verurtheilt wird. Der Römer 
erfchlägt Siegmar; aus Wuth darüber ftöfst Rando dem Anfiifter des Duells, Vitichab, den Dolch von 
rückwärts in den Leib. Vitichab hat noch fo viel Kraft, feinen Mörder grofsmüthig zum Erben feiner 

t Den Geift und das Wefen jener literarifchen Reform erfchöpft Jof. Bayers werthvolle Studie »Von Gottfched bis Schiller« (Prag, 1863). 

13* 



Ol 




Fürftenkrone cinzufetzen und die Deutfchen zur 
Standhaftigkeit zu ermahnen; dann »wird er matt 
und läfst (Ich wegtragen«. Zur Vermehrung des 
Jammers entdeckt ein alter Deutfcher noch, dafs 
jener tapfere Mörder gar nicht Rando, fondern 
Dankwart heifse und des Ermordeten Bruder fei, 
worauf der Unglückliche »eilends abgehet und fich 
entleibt«. Fredegunde bleibt bei dem allgemeinen 
Blutbade lebendig und fchreit folgende Yerfe zum 
Himmel empor: 

Ach Götter! haltet ein! es folget Schlag auf Schlag. 

Den Bruder, Bräutigam und Vater raubt ein Tag. 

Auch Dich, o Mutter, mufs des Unglücks Laft erdrücken, 

Kein Troft ift ftark genug, uns beyde zu erquicken. 

Der Schmerz, den Du erregft. hemmt meiner Thränen Lauf. 

Ach! kommt, und richtet fie bey ihrem Jammer auf. 

Als Krügers gereimte deutfche Tragödie 1746 
erfchien, machte fie ein in unferen Tagen unbe- 
greifliches Auflehen in einigen Theilen Deutfchlands, 
zugleich aber wurde auch der Spott und die herbe 
Kritik Jener wach, welche die fchwache Seite der 
Gottfched Tchen Reformatoren bereits erkannt und 
zum Angriffsziele erkoren hatten. Krüger mufste fich 
1748 zu einer »nöthigen Ablehnung des Scherzes 
über die allemanifchen Brüder, welchen ein paar lofe Freunde aus Leipzig in den hamburgifchen 
Correfpondenten einrücken laffen«, entfchliefsen. Diele lofen Kritiker warfen dem in Alexandrinern 
dichtenden Danziger vor, dafs fein Stück aus Corneilles »Cid«, Voltaires »Alzire«, Bärmanns »Timoleon« 
und aus Weiffes hiftorifchen Tragödien zufammengeftoppelt und mit Zweikämpfen, Todesurtheilen, 
Mordthaten, Todesfällen und Ohnmächten überfüllt fei. Krüger wehrte fich tapfer. »Ich habe mit rauhen 
und wilden Leuten zu thun«, meint er, »die ihr Vergnügen nur in folchen Sachen (Mord und 
Ohnmächten) fuchen; alte Deutfche find es, die ich anführe, die Alles aufs Fauftrecht ankommen laffen.« 
Übrigens laffe Voltaire und Racine ebenfoviele Sterbliche fterben, und das Anfehen dieler grofsen Dichter 
decke ihn. Die ganze Wuth feiner Feinde komme daher, weil er »zu bekennen die Ehre habe, ein 
Schüler des berühmten Herrn Profeffors Gottfched zu fein; wäre es mit leeren Wünfchen ausgerichtet, 
fo würde das deutfche Vaterland die Franzofen längft übertreffen; dies fei aber nicht genug, man muffe 
auch Yerfuche machen«. 

Wie diefer Wiener Yerfuch gelungen ift, darüber find uns fehr ungenaue Berichte erhalten, ebenfo 
wie über die ganze Epifode diefer »regelmäfsigen« Theatervorftellung. Wenn man angibt, die Einführung 
der »Alemanifchen Brüder« nach Wien fei ein Verdienft des Schaufpielers Weidner, fo ift dies nicht 
ganz klar, weil Weidner erft 1 748 in den Liften der bei Selliers engagirten Schaufpielmitglieder figurirt. 
Im Wiener Diarium kommt ebenfalls erft 1748 und zwar am 11. Mai die Meldung vor, dafs fich »der 
Kaifer in Gefolg einiger Herren Cavalliers in das erneuerte Stadtkomödienhaus bey dem Kärntnerthor 
verfüget und dafelbft einer Teutfchen Tragödie in Verfen beigewohnet habe«. 1 Am nächften Tage 



/ Hap-ea.or.n-. 



Heinrich Gottfried Koch. 



' Sehr häufig verzeichnet man 1746 und 1747 Befuche des Hofes bei den »pantomimifchen Spielen auf dem Neuen Markt«. Am 7. Febr. 1748 
wohnten die regierenden Majeftäten mit dem Prinzen Carl und der Prinzeffin Charlotte von Lothringen »einem pantomimifchen Schaufpiel in dem 
Theater nächfb der kaif. Burg« bei. 



53 




Y Hatfedorn 



wohnte auch die Kaiferin »obbefagter teutfcher 
Tragödie« bei, deren Titel nirgends angeführt ift. 
Einige Wochen vorher waren Hofbefuche im Burg- 
theater bei einer »neuen teutfchen Comödie«, ebenfalls 
ohne nähere Angabe, verzeichnet. 

Einen grofsen und bedeutfamen Entfchlufs fafste 
Selliers, als er von der Neuber'fchen Truppe vier 
ausgezeichnete Kräfte verfchrieb, denen die Grund- 
latze der neuen Richtung fchon in Fleifch und Blut 
übergegangen waren; es waren das Ehepaar Koch, 
Hey drich und Madame Lorenz. Wie viel lag bereits 
zwifchen Caroline Neuber und Gottfched, wie viel 
hatte die arme Neuberin in ihrem mit mehr Leiden- 
fchaft als Gefchick geführten Kampfe gegen die Steg- 
reifkomödie erfahren und erlitten, als man in Wien 
die erften Proben der Reform in Dichtung und Schau- 
fpielkunft zu fehen bekam! Mit Altmeifter Gottfched 
war feine getreuefte Prophetin in offenen Krieg 
gerathen; neue dramatifche Talente waren dem 
deutfchen Boden entfproffen, Elias Schlegels Tra- 
gödien und Komödien, Rofts, Mylius' und Gellerts 
gezierte Schäferfpiele und das von demfelben Geliert 
begründete rührende Luftfpiel, aus dem das bürger- 
liche Schaufpiel emporwuchs, hatten der deutfchen 
Bühne regeres Leben gegeben, und 1747 hatte der 

jugendliche Student Gotthold Ephraim Leffing der Neuber in Leipzig fein erftes Stück, »Der junge 
Gelehrte«, übergeben. An Wien aber waren alle diefe Wandlungen und Erfcheinungen faft unbemerkt 
vorübergegangen. Hier war felbft Gottfched noch zu entdecken, und neu war, was die Neuberifchen 
in Wien fehen liefsen. 

In Leipzig war die einft berühmte Truppe in voller Auflöfung begriffen, als ihre beften Mitglieder 
in Wien beherzt den Stegreif-Spielern entgegentraten. Kurtz und Prehaufer parirten. »Meint ihr, es fei 
eine Kunft, zu fprechen und zu fpielen, was man auswendig lernt?« — predigten fie den Zweiflern im 
Publicum — »nein, der rechte Künftler ift der, der das Wort felbft erfindet, der nicht die Krücke der 
Regel braucht, um fich auf der Bühne zu bewegen. Was jene aus dem Reiche treffen, das ift uns 
kinderleicht, das hätten wir fchon lange getroffen!« Ob die Extemporanten wirklich, wie eine alte 
Wiener Theater-Legende und nach ihr auch Heinrich Laube 1 in der ftark fabulirenden Vorgefchichte 
feines »Burgtheater« erzählt, noch vor der Ankunft der Leipziger regelmäfsige Stücke durch eine 
outrirte Darftellung in Stegreif-Manier verhöhnten, ift nicht ganz klar. Man fpricht insbefondere von 
einer grofsartigen Aufführung der »Alzire« von Voltaire (Gottfched'fche Bearbeitung ?) mit der 
Colombine Nuth als Alzire, Huber als Zamor, Schröter als Alvar und Mayberg als Montez. Die Ankunft 
der Fremden wäre durch folche Extemporanten-Späfse keineswegs verhütet worden; Koch (geboren 
1703 zu Gera) war eine zu energifche Natur, ein zu felbftbewufster und von feinem guten Rechte 
überzeugter Mann, um fich unverrichteter Dinge heimfenden zu laffen. An feiner Seite wufste er 
feine gleichgefinnte (zweite) Frau Chriftiane Henriette, geborene Merleck, eine treffliche Soubrette und 




ff $ar>&tfffjcn&r , 

Chrifliane Henriette Koeh. 




i '; i '-''H ; "'.. ] ■ ■ ■.'■•■■ 



i ff7-nt^er^^n^j"0j. . 



i Gefchichte des gefammten Theatenvefens zu Wien. Jof. Oehler 1803. 
Almanach 1804.« — Laube, »Das Burgtheater«. 



»Gefchichte der Wiener Schaubühne« im »Wiener Hoftheater- 



14 



54 

Confidente, ' den wackeren Heydrich und ein aus gutem, altem Schaufpieler-Stamm entfproffenes, 
aufserordentliches Talent, Mademoifelle Lorenz, welche damals in dem blühenden Alter von 18 Jahren 
ftand. Mit ihnen durfte er etwas wagen. 

Der 15. Juni 1748 wird als der bedeutfame Tag diefer erften regelmäfsigen Vorftellung Kochs 
bezeichnet, welche Corneilles »Effex« in einer deutfchen Überfetzung von Peter Stüwen brachte. Koch 
war Effex, Heydrich fpielte den Salisbury, Mlle. Lorenz die Irton; Mad. Koch mufste fich mit einer 
ftummen Rolle begnügen. Der Erfolg war entfchieden, denn fünfzehnmal kehrte »Effex« in den nächften 
Monaten wieder, und ein Wiener Bericht vom Juni 1748 in der »Luzerner Samftagszeitung« conftatirt, 
dafs »die teutfchen Komoedien durch den Zuflufs der ganzen Populace in Wien in ein befonders glück- 
liches Aufnehmen kommen«. Im Wiener Diarium erfchien Samftag den 20. Juli die Notiz, dafs fich 
»Ihro Majeftäten nach dem priv. Stadttheater nächft dem Kärntnerthor verfügt u. einer wohl-verfafsten 
Teutfchen Komoedie mit einem muficalifch-italiänifchen Intermezzo beigewohnt« haben. Darf man 
diefem, fonft ungewohnten Beiwort »wohl-verfafst« die befondere Bedeutung einer regelmäfsigen 
Komödie beilegen? Ausdrücklich verzeichnet finden wir im Jahre 1748 nur noch Metaftafios ver- 
deutfchtes dreiacllges Schaufpiel »Demetrius«, deffen Güte fehr zweifelhaft ift; aus dem Jahre 1749 
»Oedipus« von Voltaire in einer von Koch felbft beforgten deutfchen Bearbeitung, eine deutfche Über- 
fetzung vonRacines »Phädra« (Überfetzer Stüwen), Voltaires »Zayre» mit Koch als Lufignan, Marivaux' 
Luftfpiel »Die falfchen Bedienten«, wahrfcheinlich aus der 1747 von Joh. Chriftian Krüger heraus- 
gegebenen Sammlung Marivaux'fcher Komödien, und Mylius' verfchwommenes deutfches Luftfpiel 
»Die Schäferinfei«. Oedipus war Kochs Ehren- und Benefizabend, und trotz aller hanswurftifchen 
Gegenströmungen zeigte er, welches Anfehen fich der fremde Künftler mit feiner veredelten und ver- 
edelnden Darftellung auch in Wien erworben hatte. 

Es wäre allerdings verwegen, wollte man in diefer Spielweife eine epochale Umwälzung erblicken; 
das wäre ebenfo verwegen, als wollte man in der mangelhaft verdeutfchten Tragödie Voltaires oder 
Corneilles eine weltenftürmende Reformthat des wiedererwachten guten Gefchmacks erblicken. Obwohl 
fich Koch etwas darauf zu Gute that, den franzöfifchen Tragödienton: 

>Der unaufhörlich kluchft und immer klagt und weint. — Und das Wohlklingende zu überfteigen fcheint, 

Wo bei erhab'nem Ach! das Haar zu Berge flehet, — Wo für Entzückungen das Auge fich verdrehet, 

Wo ein gefchmücktes Bein ganz fteif und wankend fteigt — Und, was Cothumen find, in hohem Abfatz zeigt. . . .« 

überwunden zu haben, fo war er doch noch keineswegs über die abgezirkelten, gedrechfelten Tanzmeifter- 
Manieren, die weinerliche und predigende Declamation erhaben. Wenn er als Oedipus in der mit Bändern 
über und über bedeckten Quarre-Perücke, den franzöfifchen Hut in der Rechten, die Beinkleider durch 
breite, geftickte Bänder und Franfen halb verhüllt, in Zwickelftrümpfen und deutfchen Schnallenfchuhen 
erfchien (und diefes Coftüm hat er, feiner eigenen Angabe gemäfs, 1 748 in Wien getragen), fo bedeutete 
dies eine — Reform gegen noch ärgere Sinnwidrigkeiten; Oedipus hätte ja auch in vollkommener 
franzöfifcher Hoftracht erfcheinen können, woran man früher keinen Anftofs nahm. Cato mit goldver- 
brämtem Hute, Zipfelperücke, glatten Handfchuhen, weifsfeidenen Strümpfen und Parifer Modedegen war 
kein Unding, und als Madame Neuber zur Verfpottung des auf Coftümtreue dringenden Altmeifters 
Gottfched Catos Römer in »echter« Tracht mit fleifchfarbigen Strümpfen auf die Bühne brachte, 
lachte das Publicum hellauf! So mochte immerhin die Manier Kochs, der feine Hand nicht in die 

• Von der >Kochin« fagt die »Chronologie des deutfchen Theaters«: Sie betrat in Wien das Theater als Confidente (Vertraute) in Oedipus. 
Eine lange Zeit befchäftigte fie fich mit Soubretten, in denen fie wegen der Mannigfaltigkeit des Spiels bewundert worden. In neueren Zeiten find ihr 
im Komifchen diejenigen Rollen am angemeffenften gewefen, welche eine auffahrende Munterkeit erfordern, z. B. die eiferfüchtige Ehefrau. Im 
Tragifchen hat fie als Marwood, Milwood, Ifabelle (in Eduard III.) und Pelopia (im Atreus) viel Feuer gezeigt. Als letztere hat fie die Ehre genoffen, 
von einem unferer größten Maler, Herrn Graff, gemalt u. von einem unferer größten Kupferftecher, Hrn. Baufe, geftochen zu werden, eine Ehre, 
welche zuvor noch keine deutfche Schau fpielerin gen offen. Ein Talent, das fie nur mit wenigen gemein hat, ift der Anftand, womit 
fie haranguiren kann. Endlich fpielt fie auch die in Man n sperfonen verkleideten Frauenzimmer. 



55 

offene Wefte ftecken konnte, ohne damit einen Halbkreis zu befchreiben und dann einen fchwungvollen 
Rückzug anzutreten, fo mochte die Manier feiner Damen, welche den pretiös gezierten Ton eben- 
fowenig abzulegen vermochten wie die kühnen Armfchwingungen, das ermüdende Spiel mit dem 
Fächer und flatternden Tafchentuche, den Zeitgenoffen als die Offenbarung fchaufpielerifcher Nobleffe 
gelten. Zur »Natur« war noch ein weiter Weg; Leffing hatte Mühe, den die Arme verrenkenden, die Luft 
durchfägenden, auf einem Beine flehenden Schaufpielern die »Grazie« zu vertreiben. Es zeigte ja immer 
von feiner Erziehung, wenn man fich drahtpuppenartig, mitBalletgrazie und nicht wild und ungefchlacht 
gab. Die alten, derben Stegreiffpieler meinten es freilich anders, und fie hatten es leicht, der Maffe des 
Publicums die ftudirten und purifizirten Komödianten lächerlich zu machen! 

Endlich wurde Koch des Kampfes mit dem begreiflichen Brotneide der »Irregulären« überdrüffig 
und ging mit feiner Gattin nach Göttingen, von dort nach Leipzig; leine Principalfchaft follte 
bedeutfam für die ganze deutfche Schaufpielgefchichte werden. Carl Gottlob Heydrich, ein alter 



Jenenfer Student (Mediciner) von 
fchönem Wuchfe und feinen Ma- 
nieren, konnte fich von Wien 
nicht trennen. Er und Mlle. 
Lorenz, welche bald zarte Lie- 
besbande an den liebenswür- 
digen »Leopoldl« Huber feffelten, 
blieben in Wien zurück, machten 
ihren Frieden mit den Hans- 
würften und vergafsen der hei- 
ligen Kunftgefetze der Neuberin. 
Sie fchreckten vor den böfen 
Schelmereien der Burleske nicht 
zurück und fpielten ftudirt oder 
extemporirt, wie man es wollte. 
Mlle. Lorenz wurde fogar eine 
reizende Colombine, follte aber 
als »Huberin« und »Weidnerin« 
noch den vollen Triumph der 
regelmäfsigen Komödie und den 
höchften Triumph einer veredel- 




Demoifelle Lorenz als ,,Elvire" 
,,Er iß nicht weit." 



ten Schaufpielerin erleben; fie 
war die erfte, welche der Kaifer 
(in ihrem hohen Alter) mit der 
grofsen goldenen Ehrenmedaille 
auszeichnete! 

Das dauernde Engagement 
Heydrichs und »der Lorenzin« 1 
waren alfo der fichtbare Gewinn 
der intereffanten Koch'fchen Epi- 
fode für Wien; gröfser und 
augenblicklich kaum zu ermeffen 
aber waren die moralifchen und 
künftlerifchen Nachwirkungen 
diefer fcheinbar flüchtigen Er- 
fcheinung. »Herr Koch« — 
fchreibt die (1770 erfchienene) 
Chronologie des deutfchen Thea- 
ters in ihrer Chronik des Jahres 
1749 lakonifch — »konnte fich, 
nach dem Gefchmacke der Wie- 
ner, der damals noch kein Ver- 



gnügen an regelmäfsigen Stücken finden wollte, nicht bequemen, er gab daher fein Vorhaben, das 
regelmäfsige Theater dafelbft emporzubringen, auf und ging im Jahre 1749 mit feiner Frau zu 
Schönemann . . . .« Diefe traurige Notiz fleht gar nicht im Einklänge mit den thatfächlichen Wiener 
Theater-Ereigniffen nach dem Abgange Kochs und mit dem Berichte, welchen »Das Neuefte aus der 
anmuthigen Gelehrfamkeit« (Leipzig) in dem Jahrgang 1751 über Wien zu berichten weifs. Da lieft 
man wörtlich: »In Wien hat die deutfche Schaubühne gleich nach Oftern (1750) wieder zu fpielen die 
Erlaubnifs bekommen und mit dem »Cid« den Anfang gemacht, auch noch verfchiedene Trauerfpiele 
folgen laffen . . .« Und anderswo (Seite 773) heifst es: 

»In Wien hat auch bey der neuen Einrichtung der Schaubühne, die an vorigen Oftern den Anfang genommen, der Gefchmackantragifchen 
Vorftellungen nicht verlohren. Man hat nicht nur diefen Sommer durch von alten, bereits fonft aufgeführten Stücken den Demetrius, die 

i Die »Chronol. d. deutfchen Th.« verzeichnet das Engagement der Beiden mit folgender Bemerkung: »Man macht in Wien einen Unterfchied 
zwifchen folchen Schaufpielern, die fich nur wie auf Capitulation engagiren, und denen, dieanderEntreprife felbfttheilnehmen, und von der 
letzten Art waren nun die beiden Perfonen.« 



14* 



56 




Jinrt^re dtl . 



Carl Gottlob HeyJrich. 



Iphige nie, die Zaire und den Polyeuktes wiederholet, fondern auch den Cid, die Panthea 
u. die Marianne neu aufgeführet: deren erften der fei. Geh. Kr. R. Lange überfetzt, das zwevte die 
Frau Prof. Gottfchedinn verfertiget u. das dritte Hr. M. Scharfenftein aus Hrn. Voltaire verdeutfchet 
hat. Ja man hat auch als profaifche Trauerfpiele, die meiftens aus wälfchen Opern 
verdolmetfchet find, das »errettete Venedigs den Aefopus bey Hof u. den Regulus wiederholet, 
u. am Geburtsfefte der Kaiferinn Königinn die Arfinoe aufgeführet. Von regelmäßigen 
kom. Vorftellungen hat man auch fchon des älteren Corneille »Lügner«, des Brüeys »Grandeur«, des 
Hrn. Destouches »unvermuthete Verhinderung« u. des le Sage »Tourcoult« mit gutem Bevfall auf 
die Bühne gebracht. Sowie man nun aus den meiften derfelben den wachfenden guten Gefchmack der 
kaif. Refidenz deutlich erfieht: alfo ift es kein Zweifel, dafs man noch mehrere Proben davon auf 
nächften Winter vermuthen kann.« 

Diefer Bericht läfst durchaus nicht darauf fchliefsen, dafs mit dem 
Ehepaar Koch auch der gute Gefchmack und das Behagen an regel- 
mäfsigen Stücken von poetifcher Erfindung und ftrenger Form 
gefchwunden war. Aufser den hier angeführten Komödien gingen 
fogar 1750 nachweisbar noch einige andere, und zwar: »Arminius« 
(Trauerfpiel in fünf Aclen von J.Möfer), »Cinna« (oder »Die Gütigkeit 
des Auguftus«) nach Corneille, »Cornelia, die Mutter der Gracchen«, 
Tragödie nach Barbier von Luife Gottfched, in Scene. Wenn der 
ziemlich unverläfsliche Chroniit des Hoftheater-Almanachs pro 1804 
erzählt, Weiskern und Mayberg hätten fich auch ferner durch 
carrikirte Aufführungen der regelmäfsigen Stücke an den Studirten 
gerächt und insbefonders den »Effex« zur Bernardoniade erniedrigt, 
fo mag dies infoferne begründet fein, als die Hauptkräfte der Burleske nun zur Mitwirkung in der 
gedichteten Tragödie und Komödie geradezu verpflichtet waren und nicht aus ihrer eigenen Haut 
fuhren, als fie — den Schalk im Nacken — auf dem neuen, ihnen keineswegs fympathifchen Gebiete 
erfchienen. Und dem Publicum felbft war es ein wahres Gaudium, nunmehr den Papa Bernardon, 
den biederen Hanswurfi und den erhabenen Odoardo-Weiskern auf Alexandriner-Stelzen dahinfchreiten 
zu fehen! 

Der Colombine-Xuth hat man grofses Unrecht gethan; fie fpielte die Elifabeth in »Effex« und 
die Klytemnäftra mit vollem Ernfte, »mit Würde, Feuer und Empfindung« und wäre zweifellos die 
berufene Heldenmutter der regelmäfsigen Tragödie geworden, wenn fie nicht am 1 1. Auguft 1752 nach 
25jähriger Thätigkeit in Wien ihr Leben befchloffen hätte. 

Ein Theil der hier gefchilderten intereffanten Wiener Künftlerthaten im Sinne der »gereinigten 
Bühne« fiel übrigens fchon in jene kritifche Wiener Theaterzeit, welche zu einer Neuordnung der 
Verhältniffe drängte. Lebhaft war namentlich bei Hofe der Wunfeh, diefe Neuordnung zu einer Veredlung 
des Theaters überhaupt, zur Stabilifirung regelmäfsiger Stücke zu benützen. Kurtz-Bemardon hatte feine 
Gunft bei dem Kaiferhofe längft verwirkt. Prehaufer wurde mit Wohlwollen geduldet, Weiskern als 
lolider, gebildeter Menfch geachtet, das Ganze aber fchien der grofsen Kaiferin ein wüfter Augias- 
ftall, der rafch und ficher gereinigt werden follte. Zunächft wurde das Theater nächft der Burg 
von der Selliers'fchen Unternehmung, alfo auch von der Verbindung mit dem Kärntnerthor-Theater, 
getrennt. 

Die theatralifche Souveränetät Selliers, deffen Vermögensumftände bedenklich geworden waren, 
ging Ende 1747 zu Ende; die »Entreprife der kaiferlichen Hofopern« überging auf zehn Jahre an 
einen höheren kaiferlichen Officier, den Oberft Rocco (Rochus) Baron de Lo Prefti. Gleichzeitig 
wurde aber auch Alles, was an der Wiener Theaterunternehmung wirklich »kaiferlich« war, d. h. alfo 
auch das Theater in dem k. k. Ballhaufe oder »nächft der Burg«, fo wie die zu öffentlichen Redoutenfälen 
umgeftalteten alten Hoftheaterfäle, diefem Unternehmer anvertraut. Sein vom 22. December 1747 




ANTON ORAPT PX' 



j r ba' 



CHRISTIANE HENRIETTE KOCH. 



Druck & Verlag der Gcse^lschafl.fvervieli' Kunst in"\Afien 



Photo gravur c 



datirter Vertrag 1 ficherte ihm überdies — nach Ausgang des Selliers'fchen Contra&s für das ftädtifche 
Kärntnerthor-Theater — auch die Pachtung diefes Haufes und ein ausfchliefsliches Privilegium für 
fämmtliche »Speclakel« in Stadt und Vorftadt, fowie für Maskenbälle und Redouten zu. Er wurde 
verpflichtet, dem alten Hofballhaufe endlich die »wahrhaftige Form eines theatri« zu geben, für 
deffen vollkommene Akuftik und würdige decorative Ausftattung zu forgen und vorläufig darin Opern 
der beften Gattung mit einem der Kaiferrefidenz würdigen Perfonal aufzuführen. 

Dies fchien in derThat eine neue, bedeutfame Aera der Wiener Theatergefchichte einzuleiten, eine 
zweite Gründung des Burgtheaters zu bedeuten, das jetzt nicht blos ein »wahrhaftiges Theatrum«, fondern 
auch eine dem Hofe noch näher flehende Schaubühne werden follte. Oberft Baron Lo Prefti 2 war ein 
energifcher Mann. Geboren 1704, war er mit 17 Jahren in die Armee getreten, war fchon 1734 Hauptmann 
und Stellvertreter des General-Adjutanten in der Heeresabtheilung des Generals von Leutrum und hatte 
dreizehn Schlachten tapfer mitgekämpft, drei Verwundungen davongetragen und die Oberftens-Charge 
erreicht, als er als Feldherr in das Reich der Kunft berufen wurde, gerade zu einer Zeit, da das künftlerifche 
Gebiet zum Schlachtfelde wurde. 3 Ob er mit militärifcher Strammheit und Disciplin auch in dem Theater- 
reiche, deffen Scepter nun in feine Hand gegeben war, fiegen würde, dies mufste bald klar werden. Er 
war — nach Pecori — der erfte in der Reihe der ariftokratifchen Wiener Theatervorfteher; man hielt von 
nun an diefes Amt unzertrennlich von einem klangvollen Namen, welcher für vornehme Führung der 
künftlerifchen Angelegenheiten zu bürgen fchien und den Einflufs des Hofes auf das Theater leichter 
vermittelte. Noch war der »cavaliere della musica«, damals Graf Lofy von Lofymthal, die höchfte Hof- 
charge in künftlerifchen Angelegenheiten, der Vermittler zwifchen Theaterdirector und Monarchen ; bald 
follte die Theaterleitung felbft in unmittelbaren Verkehr mit dem Hofe treten. 

Lo Prefti beeilte fich vor Allem, den Umbau, die moderne Adaptirung des Burgtheaters, durch- 
zuführen. Dafs er bei diefem fehr koftfpieligen Unternehmen keineswegs blos aus der eigenen Börfe 
fchöpfte, fondern mit einer Reihe kunftfinniger Cavaliere in fehr reeller Fühlung ftand, beweift die 
Thatfache, dafs eine »societe des cavaliers« ihm nicht weniger als 40.000 fl. als Einlagscapital zur 
Verfügung ftellte. 4 Dafür ficherte fie fich felbftverftändlich einen wefentlichen Einflufs auf die Theater- 

• »Obligirt fich befagter Baron d e Loprefti, alles dasjenige, fo dermalen in dem kaiferlich und königlichen Ballhaufe exiftirt, vermitteln 
feiner eigenen Unkoften in befferen Stand herzuftellen, dergeftalten, damit diefes die wahrhafte Form eines Theatri bekomme, nebft einem 
Profcenario von den beftmöglichen fchönen Auszierungen und den nöthigen Gewölbungen über dem Frontifpicium des Profcenii und dem Orchefter, 
auf daß die Stimmen der fingenden Perfonen fowohl, als die Inftrumentalmufik merklicher ins Gehör fallen; überhaupt das Theater dergeftalt bequem 
zu machen, daß das gefammte Auditorium hierüber alles Vergnügen fchöpfen möge und die Auszierungen des Theaters mit möglichfter Magnificenz 
herzuftellen; dann auch die erforderlichen Logen und Plätze für die höchften Herrfchaften und den Hofftaat zur Dispofition zu ftellen.< Der Unternehmer 
wird ferners verhalten, »die beften Opern, die beften Sänger und Virtuofen vorzuführen, zu jedermänniglich Gufto, dann alle Jahre an den Geburts- 
und Namenstagen Ihrer Majeftäten freie Opern gegen ein Regal von je 200 Ducaten zu geben und auf Begehren in dem Theater zu Schönbrunn 
Comödien-Vorftellungen zu veranftalten. Dafür erhält er in Anfehung der Opern fofort und nach Ausgang des Selliers'fchen Contracts für das 
S tad ttheater (Fafching 1751) das ausfch 1 ießlich e Pri vi 1 egium, für alle Spectakel, was immer für einer Gattung, in der Stadt und in den 
Vorfiädten und — worauf ein befonderes Gewicht gelegt wird — die Befugniß zur Abhaltung von Maskenbällen und Redouten in den 
zwei Hoftheater-Sälen, die in einen öffentlichen Redoutenfaal umgewandelt werden können. Es wird ihm erlaubt, zur Fafchingszeit die Theater- 
Vorftellungen fchon um 5 Uhr, anftatt wie fonft um 6 Uhr, beginnen zu laffen, und damit Jene, welche nach dem Theater die Maskenbälle befuchen 
wollen, nicht erft nach Haufe gehen muffen, um fich umzukleiden, fondern fchon in maschera dem Theater beiwohnen können, hat er eine gedeckte 
Paffage von der Redoute zum Ballhaufe herftellen zu laffen«. Schließlich wird dem Unternehmer bedeutet, »daß die Abficht diefes Contracles ift, den 
allerhöchften Hof in jeder Richtung zufrieden zu ftellen, weßhalb er fich jederzeit über die allerhöchften Wünfche durch den Canal des Cavaliere della 
mufica — (Graf Lofy von Lofymthal) — zu informiren habe«. 

2 Die Familie Lo Presti befteht noch heute in weiblicher Linie. Am 2. Oclober 1754 wurde der Freiherrnftand des Baron Rochus für die 
öfterr. Erblande beftätigt, 1765 demfelben Baron Rochus (dem Theater-Unternehmer) das ungar. Indigenat verliehen, 1793 wurde die Familie in den 
niederöfterr. Herrenftand aufgenommen. Von den Kindern des Freiherrn Ludwig Lo Presti de la Fontana d'Angioli (geb. 1767, f 1832), Herrn auf 
Mereydorf, Zsadany, Iltyö, Tok und Szelistye, lebt noch eine Tochter, Gräfin Ludovica Erdödy; Freih. Ludwig (geb. 1823, f 1878) hat drei Töchter, 
die Gräfinen Helene Zichy und Serafine Csäky, dann Frau Agnes v. Stratend orff, hinterlaffen. 

s Wurzbach*s biogr. Lexicon verzeichnet wohl die militärifche Carriere Rocco Lo Presti's, hält aber merkwürdigerweife einen ganz anderen 
Freiherrn diefes Namens für den Theaterdirector. 

* Rechnungs-Abfch lufs vom 1. Mai bis letzten November 1748. Ausgaben: Baukoften fl. 26.404-43, Einrichtung des Scenarii 
fl. 17.028-10, Einrichtung des Veftiarii fl. 12.148-06, Beleuchtung, Heizung u. dgl. fl. 3.998-18, Befoldungen: Opera seria fl. 12.098-08; Opera 
buffa fl. 4.493; Befoldungen der Tänzer und Tänzerinnen fl. 8.392; Befoldungen des Orchefters fl. 4.912; Honorare der Mufikcompofitores 

15 



58 

führung; Lo Prefti wurde nicht nur abhängig vom Hofe, fondern auch von den adeligen Societären, 
und diefem merkwürdigen Verhältniffe entfprach auch die wiederholt vorkommende intereffante 
Bezeichnung des Burgtheaters als »le Theatre privilegie imperial, appartenant ä la societe des cavaliers 
sous la conduite du Mr. le Baron de Lo Presti«. Diefem Verhältniffe entfprach vielleicht auch die 
Unficherheit in der Theaterführung, welche die Lo Prefti'fche Unternehmung fchon in ihren Anfängen 
untergrub und bald ruinirte. 

An ein fo nahes Ende dachte man allerdings nicht, als im Frühling 1748 das prächtig »erneuerte« 
Theater nächft der Burg feierlich eingeweiht wurde. Eine grofse Oper von Gluck war für den Feftabend 
erkoren, und eine erlefene Gefellfchaft italienifcher Operiften verfchrieben, um das mit Spannung erwartete 
Werk würdig darzuftellen. Schon am 5. Mai waren die Majeftäten in dem fo wunderbar verwandelten 
Ballhaufe bei einer Probe der Feftoper, und am 14. Mai, dem Geburtstage der Kaiferin, wohnten — 
wie der Tagesbericht befagt — »beide Majeftäten abends in dem an die Burg anftofsenden neu- 
errichteten Opernhaus, in Gefolg einiger Dames und Cavaliere, einem neuen unter dem Titel: »Die 
erkannte Semiramis« 1 , zu dem glorreicheften Geburtstag Ihrer Majeftät verfertigten mufikalifchen 
Schaufpiele« bei. Die Gefchichte der grofsen Semiramis, welche nach des Gatten Tode an Stelle und 
unter dem Namen ihres Sohnes Ninus herrfcht und im männlichen Kleide für diefen gehalten wird, 
bildete die Fabel der Oper, die Entdeckung des wahren Gefchlechtes der Königin und ihre Betätigung 
durch das Volk den effecivollen Abfchlufs. Metaftafio war felbftverftändlich der Dichter, und gern erblickte 
man in der Lobpreifung der mit männlicher Kraft und Weisheit herrfchenden grofsen Königin eine 
finnige Anfpielung auf die erhabene Frau, welche damals den Thron der Habsburger zierte. Fünfzehn 
Jahre fpäter wählte man ja abermals zu einem Therefientage (15. October 1763, Namenstag der Kaiferin) 
eine Aufführung von Voltaire's »Semiramis«. Die Mufik Gluck's brachte dem Meifter, der erft kurze Zeit 
vorher nach elfjähriger Abwefenheit wieder in Wien eingetroffen war, reiche Ehren. Seine Interpreten 
waren die berühmte und blendend fchöne Florentinerin Vittoria Tefi-Tramontini, kaiferliche Kammer- 
fängerin, welche die Altpartie der Semiramis fang, Girolama Giacometti, ebenfalls Altiftin, als Tamyris, 
Marianna Galeotti (Sopran) als Sibari, der Tenor Angelo Amorevoli (Mifteo), der Sopranift Ventura 
Rocchetti (Ircano) — beide königlich polnifche Kammerfänger — endlich der kaiferliche Kammer- 
fänger (Mezzofopranift) Angelo Monticelli, welcher bereits in London Gluck'fche Mufik gefungen 
hatte, als Scitalce 2 . Kaifer Franz I. war von der Oper und ihrer Darfteilung fo entzückt, dafs er 
vier Wiederholungen der »Semiramis« beiwohnte. Im Juli führte er auch feinen Bruder, den Feld- 
marfchall Prinz Karl, in die Oper. Diefe Kaiferbefuche im Burgtheater wiederholen fich nun beinahe 
an jedem Opernabende; die knappen Berichte darüber orientiren uns auch über das Repertoire der 
Lo Preftifchen Burgtheater-Oper; die mufikalifche Provenienz der Stücke ift feltener erwähnt. 3 Der 
»Ipermneftra-Stoff« Metaftafio's allein ift ja nachweisbar von achtzehn Meiftern componirt 
worden! Von wenigen Opern ift auch die Befetzung zu eruiren; wo fie aber im Textbuch felbft 
angegeben ift, dort erkennen wir, dafs Lo Prefti nach dem Gebote der Kaiferin in der That nichts fparte, 

fl. 3.69230, Befoldungen der Officianten n. 3.055, Befoldungen der Comparfen n. 569-07, Extrafpefen n. 7.330. Zufammen fl. 104.02102. — Ein- 
nahmen: Redouten fl. 3.614, Tageseingänge bei den Opern fl. 29.578, Logen und Abonnements fl. 12.935-14, Verfchiedene Einnahmen fl. 1.88648, 
Einlags-Capital der Herren Cavaliere fl. 40.000. Zufammen fl. 88.01402. 

1 »Semiramidericonnosciuta. Dramma per Musica in tre Atti da rappresentarsi nel nuovo priveligiato Imp. Teatro in occasione del glorio- 
sissimo giorno natalizio della S. C. R. Maestä di Maria Teresia (li 14. maggio) l'anno 1748. La Musica di Cristoforo Gluck«. (Hofbibl.) 

• Angelo Maria Monticelli, berühmter Mezzofopran, geb. 1715 zu Mailand, geftorben zu Dresden 1764 im 49. Lebensjahre. 

3 Die Opern, welche aus Anlafs kaiferlicher Befuche befonders angeführt werden, find: »1748. II protettore alla moda (buffa), Alessandro neue 
Indie, Text von Metaftafio, Mufik von Wagenfeil (dazu war auch der eben in Wien anwefende türkifche Gefandte Chaddi Muftapha Effendi geladen - », 
»La nobilta immaginaria«, Orazio (buffa), Leucipo, favola pastorale (Mufik von Haffe), la fata Matavigliosa (buffa), Demetrio; Siroe, Mufik von 
Wagenfeil (8. Dez. zum Geburtstag des Kaifers, allgemeine Freikomödie); 1749 Artaserse (von Galuppi\ L'Olympiade von Wagenfeil (Geburtstag der 
Kaiferin), Catone in Utica, Merope, Achille, Ezio, fämmtlich v. Jomelli ; — 1750 Andromaca, Antigone (in Schönbrunn), Euridice, Vincisiao (von 
Wagenfeil), Vologefo (Schönbrunn), L'Armida placata. 



59 

um das Befte und Theuerfte für feine Oper zu gewinnen. 1 Neben der Tefi-Tramontini hörte man im 
Burgtheater Gaetano Majoran o genannt Caffarello, einen der gröfsten Sänger aller Zeiten, welchen 
Porpora als den Sohn eines armen Landmanns (geb. zu Bari 1703) entdeckt und zum Sopraniften 
herangebildet hatte. Der Meifter erklärte ihn nach vollendeten Studien als erften Sänger der Welt, 
und in der That entflammte fein lieblicher, biegfamer und weicher Sopran die ganze Welt von Neapel 
bis London. Mit den in England erfungenen Reichthümern kaufte er das Herzogthum San Donato, 
nannte fich duca (Herzog), fang nur mehr um 700 Zechinen pro Abend und fühlte fich als ein Fürft 
diefer Erde, dem jede Huldigung felbftverftändlich war. Als Caffarello ftarb, hinterliefs er aufser feinen 
enormen Gütern den Erben ein Jahreseinkommen von 12.000 Ducaten; ihn felbft pries man noch eine 
geraume Weile als den »Vater des Gefanges«, d. h. jenes verzierten, mit Schnörkeleien überladenen 
Gefanges, der folange als Inbegriff mufikalifcher Kunft galt. Man kann fich denken, was Lo Prefti 
diefem Künftler opferte, um ihn — wenn auch nur für Monate — an Wien zu feffeln. 

Als man 1750 »Die befänftigte Armida« und Wagenfeil's »Antigonus« 2 gab, waren die Haupt- 
partien mit der Tefi, Catarina Raimondi, Margarita Aleffandri, Agoftino Amorevoli, Giovanni Tedeschi 
genannt Amadori und Maria Mafucci befetzt. Baron Lo Prefti fetzte feinen Ehrgeiz als Cavalier und 
Italiener darein, feine Landsleute mit Gold aufzuwiegen und den Wienern die Beften zu zeigen, welche 
die Kunft aus dem Süden durch Europa trugen. Ebenfo fehr hielt er auf eine dem Charakter des 
fogenannten Hoftheaters angemeffene Ausftattung, welche manche Oper auch gebieterifch verlangte; 
nicht geringer war fein Eifer, die Pracht der Coftüme zu heben und das Arrangement der (mit der Oper 
in lofem oder gar keinem Zufammenhange ftehenden) Tänze zu beleben; 3 kurz, er führte ein nobles 
Regiment, das fich bald genug an feiner keineswegs unerfchöpflichen Caffa rächen follte. 

So war das Burgtheater in den erften zwei Jahren Lo Prefti's ausfchliefslich italienifches Theater. 
Mit der Oper wechfelten nur grofse Pantomimen ab. Bald follte auch das Kärntnerthor-Theater feinem 
Scepter unterworfen werden. Dafs die Herrfchaft Selliers unhaltbar fei, war bereits 1748, als man dem 
Oberft Baron Lo Prefti die Unternehmung des Burgtheaters nebft der italienifchen Oper und die Anwart- 
fchaft auf das Kärntnerthor-Theater mit der deutfchen Komödie übertrug, ausgefprochen. Im Februar 
1751 war die Unternehmung Selliers' zu Ende und gleichzeitig der Zufammenbruch feiner Ver- 
mögensumftände entfchieden. Er fallirte, feine Effecten kamen unter den Hammer, ein Theil feiner 
immerhin koftfpieligen Theaterdecorationen wurde durch die ftädt. Wirthfchaftscommiffion eingelöft. 
Die kleine Hofpenfion von 180 11., welche der ehemals allmächtige Imprefario genofs, wurde gnaden- 
weife auf 300 fl. erhöht, feine bedrängten Verhältniffe durch eine Gnadengabe an feine Gattin etwas 

1 In der Oper »Achille in Sciro« von Jomelli, welche (laut Textbuch) »auf der k. k. priv. Schaubühne nächft der kaif. Burg an dem 
glorreichen Geburtstag der verwitt. Rom. Kaif. Kön. Cathol. Maj. Elifabeth Chriftina in Wien 1749« aufgeführt wurde, war die Lifte der »Yorftellenden« 
folgende: Lycomedes, König in Scyro — Herr Ant. Raaf, Churfürftl. Cöln. Cammervirtuos; Achilles, in weibl. Kleidung unter dem Namen Pyrrha, verliebt 
in Deidamia — Mad. Yitoria Tefi-Tramontini, k. k. Cammer-Yirtuofin ; Deidamia, eine Tochter des Lycomedes — Mad. Colomb. Mathei, wirkl. 
Markgräfl. Bayreuthifche Camm.-Yirtuofin; Ulyfles, ein griech. Abgefandtcr — Herr Cajetan Majoran o genannt Caffarello; Theagenes, Prinz aus 
Calcide, beftimmter Bräutigam der Deidamia — Mad. Franc. Barlocci; Nearcus, Sorghaber des Achilles — Herr Dominicus Panzacchi; Arcades, 
Yertrauter des Uliffes — Mad. Maria Anna Galeotti. 

- »Die befänftigte Armida.« In einem mufic. Schaufpiel vorgeftellet an dem hohen Geburtstage Ihr. Rom. Kaif. Kgl. Cath. Maj. Elifabeth 
Chriftinae auf dem k. k. pr. Theatro in Wien 1750. Wien, gedruckt bei Joh. P. v. Ghelen. — »Antigonus, Mufic. Opera, auf dem priv. neuen Theatro 
an dem glorr. Geb.-Tag Ihro k. u. k. Maj. Mariae Therefiae, regier. Rom. Kaiferin u. f. w. Yorgeftellet in Wien, im J. 1750. In das Teutfche überfetzt 
v. J. L. v. G. Wien gedr. bey J. P. v. Ghelen. Die Mufic ift von Herrn Georg Chriftian Wagenfeil, würkl. k. k. Cammer-Compofitorn.« 

s In »Armida placata« verwandelt fich gleich im 1. Afte eine fchattenreiche Myrthen-Au in eine herrliche Gegend mit Grotten, Wafferfällen und 
Wäldern. In »Antigonus« fleht man den mit vielen Schiffen belebten Seehafen von Salonich und insbefondere das Prachtfchiff Alexander's. — Der 
»Erfinder der Tänze« war zumeift Franz Hilverding, Ihr. k. k. Maj. Hof-Tanzmeifter; die Balletmufik componirte Ignaz Holzbauer. In »Achilles« 
gab es nach dem 1. A6te folgendes Ballet: »Stellet die Schaubühne einen angenehmen Ort vor, allvvo man die Zeitvertreib eines jeden Alters 
fiehet; unter denen verfchiedenen zulauffenden Perfonen führt ein Edles Frauen-Zimmer etliche kleine Kinder heraus, und nachdem fie felbe denen 
Alten gezeiget, machet fie ihnen eine Unterhaltung mit Ringelrennen. Indeffen entfpringet ein Brunn herfür zwifchen vielen Statuen, Nymphen 
vorftellend; alles laufet zu dem Brunn, und eine Brunnengöttin erfcheinet augenblicklich und läfst, um die Compagnie mehr zu beluftigen, das Waffer 
fpringen.« Nach dem 2. \&. fpaltet fich ein Felfen und verwandelt fich in einen beleuchteten Palaft, in welchem von einem Geifte ein Frauenzimmer mit 
unermefslichen Schätzen verfperrt gehalten wird. 

15* 



60 

gebeffert. 1 Nun trat Rocco Baron Lo Prefti als alleiniger Wiener Theaterleiter auf den Plan; die feit 1748 
getrennten Theater nächft dem Kärntnerthore und nächft der Burg waren wieder unter Einem Machthaber 
vereinigt, und die Freunde edlerer künftlerifcher Genüffe, der Hof in erfter Linie, erwarteten von dem 
neuen Leiter, der als Cavalier und Stabsofficier über den Gefchmack der Menge ebenfo erhaben fchien, 
als über das kleinliche Getriebe in der Schaufpielertruppe, grofse und energifche Thaten. In einer Reihe 
von Regierungsmafsnahmen prägte fich auch bereits der ftarke Wille der Kaiferin aus, der Ver- 
wilderung im Reiche der Kunft allenthalben zu fteuern. Im April 1751 wurde der niederöfterreichifche 
Repräfentationsrath von Reichmann mit der »Refpicirung beider Theater« beauftragt und angewiefen, 
»dafs er auf verdächtige und grobe Redensarten, auch ungeziemende Vorftellungen, befonders in den 
Balleten Acht haben folle«. Da aber die Schwierigkeiten einer folchenCenfur gegenüber der extemporirten 
Burleske, die bei Tage nur im Scenarium vorlag und erft am Abend durch die »groben, verdächtigen 
Redensarten« der Schaufpieler ausgefüllt wurde, fchon jetzt klar wurden, fchärfte man den Stegreif- 
fpielern vor einer Hofeommiffion ein, fich aller Unanftändigkeiten und widerfinnigen Ausdrücke zu 
enthalten, widrigenfalls fie im Wiederholungsfalle in Verhaft, ja beim drittenmale mit lebenslänglichem 
Feftungsarreft beftraft würden. Die niedergefchmetterten Luftigmacher gelobten Reue und Befferung, 
riskirten aber bald wieder Verhaft und Feftung um derGunft des Publicums willen. Auch den kleinen 
volkstümlichen Spielen in Stadt und Land, bei denen erfahrungsgemäfs viel Unfug vorkam, trat die 
Regierung mit Nachdruck entgegen. Am 25. Juli 1750 wurde die Errichtung aller Glückshäfen verboten 
und dem Spielgrafenamte die Ertheilung weiterer Conceffionen unterfagt, nachdem fchon am 6. Juli 
1746 ein fcharfes Decret an den Obrift-Spielgrafen Jofeph Graf Breuner gegen die vagirenden 
Mufikanten und St. Nicolai-Brüder ergangen war. Ebenfo fcharfe Erläffe regelten die Jurisdielion über 
Wiener »Theatralperfonen« 2 , wobei fich ein merkwürdiger Rechtsconflict aus der Thatfache ergab, dafs 
Baron Lo Prefti als Oberft der Militärjuftiz und als Theaterdireclor der Civilbehörde unterfiand. 3 

Aus alledem durfte Lo Prefti erkennen, welcher Art die Stimmung in den Hofkreifen war und was 
er zu thun hatte, um fich die Gunft der Kaiferin zu erhalten. Er fäumte auch nicht, das Perfonal der 
deutfehen Komödie rafch zu ergänzen. Aber die Namen und Individualitäten diefer Neuen deuten darauf 

i Das »Wr. Diar.« und nach ihm mehrere Chroniften verzeichnen den 29. 061. 1755 als den Todestag des im 53. Lebensjahre verdorbenen Herrn 
Jof. v. Selliers und identificiren diefen Todten mit dem Theaterdirector. Diefe Daten ftimmen nicht; Selliers müfste fonft bei der Übernahme der 
imprefa (1728) — fechs Jahre alt gewefen fein. 

2 . . . . und laffen es Ihre kaiferl. königl. Majeftät bey der Hauptverfaffung in Folge derofelben gefchöpften allerhöchften Refolution dergeftalten 
allergnädigft verbleiben, daß Ihr Regierung alle Theatralvorfallenheiten, fo in das Politicum einfchlagen, zu beforgen obliege, anbey derfelben 
unbenommen fey, die zwifchen dem Herrn Impreffario und den Operiften, oder auch zwifchen diefen letztern entftehende Mißhelligkeiten 
fummariter zu unterfuchen und abzuthun: im Fall aber eine obfehon von der Theateralimprefa herrührende Schuld- oder Anforderungsfache zwifchen 
den Partheyen contentios würde, und in Güte nicht beyzulegen ftünde, fondern durch gerichtliche Erkenntniß zuentfeheiden käme, hat die Regierung 
die klagende Parthey ad viam Juris und alfo zu des Lo Prefti ordentlicher Inftanz zu verweifen. Wien den 21ten Septembris 1749. (Suppl. Cod. aust. 
Tom. 5. S. 444.) — Schema der Jurisdiction der X. Oe. Regierung. Zu der N. Ö. Regierung gehören: . . 7n>o Die Theatralperfonen von 
beeden Theatris fammt den allda angeftellten und keiner andren Jurisdiction untergehenden Beamten; wie denn auch Regierung bey beeden Theatris 
die Obforge refpectu publici, politici et fecuritatis, wie bis anher, noch ferner aufgetragen verbleibet. (Suppl. Cod. Auft. Tom. 6. S. 448.) 

3 Arreftirung der Perfonen in den Theatris. >Anzufügen: Es wäre dem kaiferl. königl. Hofkriegsrathe durch das k. k. Direktorium 
in Publicis et Cameralibus die befchwerfame Anzeige zugekommen, dafs kürzlich bey dem Lo Prefti fchen nächft der Burg gelegenen Theatro 
der zur Bedienung des dafigen Theatralauditorium angeftellte Mohr bey dem Eingange in erftbefagtes Theatrum an einem fichern herrfchaftlichen 
Laufer, nach vorhergegangenem Wortwechfel, einige Thätigkeiten verübet hätte, folcher von der allda geftandenen Militarwache angehalten, und auf 
die Hauptwache arreftierlich überbracht, hingegen deffen Extradirung, auf Verlangen der X. Oe. Repraefentation und Kammer in publicis et Camera- 
libus verweigert, und nach der Hand entlaffen worden, weil der Herr Obrifte lo Prefti eine Militarperfon, mithin einer andern Juris- 
diction nicht unterworfen, und von der von gedachter Repraefentation und Kammer allegirten allerhöchften kaiferl. königl. Refolution von 
2tem Septemb. vorigen Jahrs, wovon eine Copia hiebeyfolget, Ihm Stadtkommando nichts bekannt feye. Wie nun zwar fchon recht gefchiehet, daß, 
wenn bei wiederholtem Theatro einige Anftöfsigkeiten, Raufhändel, Unordnungen und Unruhen fich ergeben, die darinn verfangene Leute von der 
Militarwache, als welche zu Beobachtung und Beybehaltung der gemeinfamen Ruhe und Sicherheit aufgeftellet ift, ergriffen und in Verhaft geführet 
werden, jedoch aber auch die gewöhnliche Ordnung und Obfervanz mit fich bringet, daß fie fodann, wenn fie keine Militär- oder anders zu diefem 
Foro gehörige Perfonen find, fogleich an ihre Civilinftanz ausgeliefert werden follen, wo im übrigen vorangezogene allerhöchfte kaiferl. königl. Refolution 
für derley bey mehr erwähntem Theatro fich äußernde Vorfallenheiten die eigentliche Maßregel vorfchreibet. Als wird Ihm kaiferl. königl. Stadtcom- 
mando folches zur nachrichtlichen Direktion, und um fich künftig darnach achten, auch das Weitere diefsfalls verfügen zu mögen, hiemit erinnert. 
Wien den 25. Juni 1750. (Suppl. Cod. auft T. 5. S. 515, 516.) 



61 

hin, dafs in derBruft des tapferen Obriften zwei Seelen wohnten, deren eine fich officiell für die gereinigte 
Komödie erwärmte, während die zweite, verleitet von dem böfen Geifte der Caffe, die tolle Burleske 
liebte und fchätzte. Da traten zu Jofef Ferdinand Müller, dem alten Scapinfpieler, hinzu: Friedrich 
Wilhelm Elen dfohn, ein braver Pantalon, und deffen durch künftlerifche und verwandtfchaftliche Bande 
an die Bernardoniade gefeffeltes Eheweib Monica, eine leibliche Schwefter Jofef Kurz's, die auf dem 
Wiener Boden fchon Triumphe ihres Humors gefeiert hatte; da kamen ferner Katharina Meyer, eine in 
der italienifchen Stegreif komödie aufgewachfene Wienerin, Therefia Vetfchel, Malersgattin, und 
Franz Albert Defraine, der frühere Lichtenfteinifche und Brünner Principal mit Frau 1 . Hält man 
dazu die Namen Prehaufer, Kurtz und Mayberg 2 , fo läfst fich kaum an eine ftimmungsvolle 
Aufführung jener regelmäfsigen Schaufpiele glauben, welche Lo Prefti des Anftandes halber geben 
mufste. Dafs der aus alt-italienifcher Familie flammende Oberft Goldoni'fche Komödien in das deutfche 
Repertoire einführte, fcheint indefs ebenfo gewifs, als dafs er die italienifche Stegreifkomödie wieder zu 
Ehren brachte. Dafür befafs er glänzende Kräfte; in der regelmäfsigen Komödie konnten, felbft ohne 
böfe Abficht, Tragödien zu Karrikaturen werden. Und man kennt eine Reihe regelmäfsiger Aufführungen 
auch aus diefer Zeit (1751), welche allerdings nur nach Monaten zählte; diesmal erfchienen: 

Gottfched's »Agis, König zu Sparta«, »Alzire oder die Amerikaner«, aus dem Franzöfifchen des Voltaire von Luife A. V. Gottfched, »Darius«, 
Trauerfpiel von Dr. Friedrich Lebegott Pitfchel, »Mahomed IV.«, Trauerfpiel von B. E. Krüger, dem Dichter der »Alemannifchen Brüder«, »Mari amne«, 
Tr. i. 5 Act. nach dem Franz. des Voltaire, überfetzt von Scharfenftein, »Merope«, T. i. 5 A. von Marchefe Scipio Maffei, überfetzt von Friedrich Molter, 
»Panthea«, T. i. 5 A. von Luife A. V. Gottfched, »Die fchlaue Wittib«, Komoedie in 3 A. aus dem Italien. Goldoni's, überfetzt u. eingerichtet von 
J. A.D. S., endlich »Uly ffes« oder »der für todt gehaltene aber endlich glücklich wieder gefundene Ehegemahl«, ein deutfchesOrig.Tr. (Dichter ungenannt). 

Dafs im Burgtheater, wie im Kärntnerthor-Theater gerade in diefen Monaten der Lo Prefti'fchen 
Schaufpielunternehmung reges Leben herrfchte, fagt uns felbft das in feinen Mittheilungen über Wiener 
Vorgänge fo zurückhaltende Diarium. Wir finden in den Monaten bis November mehrmals die Notiz: 
»Seine Majeftät der Kaifer haben einer neuen teutfchen Komoedie im Theater nächft der Burg (oder 
im Stadttheater nächft dem Kärntnerthore) beigewohnt.« Befonders erwähnt die Zeitung einer am 
14. Oclober »zu Ehren des Nahmensfeftes der Kaiferin ftattgehabten Wiederholung der an Kaifers 
Namenstag vorgeftellten teutfchen Komoedie Lucius Papirius« 3 . Dabei war das Theater nächft der 
Burg »auf das Prächtigfte illuminiret«. Ausnahmsweife kommt fogar noch der Vermerk vor: »auch 
wird diefe Haupt-Tragoedie durchgehends fehr belobet.« Lo Prefti räumte dem regelmäfsigen Stücke 
zwei Tage der Woche ein; der Dienstag gehörte dem Luftfpiel, der Mittwoch dem Trauerfpiel, die 
übrigen Tage der Oper und der Burleske. Einen materiellen Lohn hatte der Oberft der Pflege des 
reinen Stückes — mochte fie ihm vom Herzen kommen oder nur die Folge höherer Wünfche fein 
— keinesfalls zu danken. Gerade feit der Übernahme des Kärntnerthor-Theaters und des deutfchen 
Schaufpiels mehrten fich feine finanziellen Schwierigkeiten. 1748 hatte er mit dem glanzvollen und 
koftfpieligen Beginne der Opernvorftellungen, deren erhöhte Preife den Wienern durchaus nicht zufagten, 

• Der Perfonalftatus pro 1751 ift folgender: Pächter und Director Rochus Freiherr von Loprefti. Schaufpieler: Gottfr. Prehaufer, Hans- 
wurft (feit 1725), Andr. Schröter, Tyrannen, Grofsfprecher (1726), F. W. Weiskern, Odoardo, Regiffeur (1734), Joh. Wilh. Mayberg, zweite Partien 
(1743), Joh. Leinhas, Pantalon (1744), Jof. Fei. v. Kurtz, Bernardon (zum erften Male 1737, dann feit 1744), Jof. Carl Huber, Leander, Liebhaber, 
Leopoldel (1745), Carl Gottlob Heydrich, Heldenrollen (1748), F. W. Elendfohn, Pantalon (1751), F. A. Defraine, zweite Partien (1751) und Jof. Müller, 
Scapin (1751). — Sc h aufpielerinnen: M. A. Nuth, Colombine, Heldinnen (engagirt 1725), Anna Schröter, Vertraute (1726), Rofine Mayberg, zweite 
Partien (1743), Francisca Kurtz geb. Toscani, Angiolinen (1744), Katharina Hauptmann, Mutter (1745), M. Monica Elendfohn geb. Kurtz, Soubretten 
(1751), Jofefine Defraine, zweite Partien (1751), Therefe Vetfchelin, Nebenr. und Kath. Meyer, zweite Partien (1751). 

2 Joh. Wilh. Mayberg (geb. 1717) wird in einem Nekrologe, Goth. Th. Kai. 1776, als ein Mann bezeichnet, »der in keiner Beziehung der 
Schaubühne Ehre machte«. Er hat nach franzöfifchen Originalen eine Reihe deutfcher Farcen entworfen oder verfafst, u. A. »Der fteinreiche, aber 
fackgrobe Bernardon, Colombina, die zankfüchtige und alles widerfprechende Landdame, Hanswurft, der muntere Gärtner bei einer ftets zankenden 
Frau«, datirt 4. Jänner 1749, beendet 28. Juli 1756 von J. Ungar (nach du Fresny); »Lift wider Lift« (zur Hälfte nach dem Franzöfifchen, zur Hälfte nach 
Holberg). Auch zahlreiche Dramen »danken« ihm die Überfetzung in ein zweifelhaftes Deutfeh. Mayberg ftarb im Hof-Wagnerifchen Haufe im 
Comödien-Gaßl, 19. Oaober 1761, 47 Jahre alt. 

s »Lucius Papirius Verus« oder »die ftrenge Herrlichkeit der römifchen Kriegsgefetze», Trauerfpiel in 5 Acten aus dem Italien, des Apostolo 
Zeno, mit einigen Veränderungen überfetzt von Johann Ungar. 

16 



62 



uy*^- 








CyU^KsT^r fl-r^b^ tfl^ J^^ 








/&% 



nicht das erwünfchte Glück; die Oper brach 
zufammen. 1 Im Herbfl 1751 weigerte fich Lo 
Prefti, der bereits 1750 einen Yerluft von 96.000fl. 
beklagte, die hiftorifche Gebühr an das Wiener 
Zuchthaus, welche allerdings ein Zehntel der 
Gefammteinnahme bedeutete, zu zahlen. Der 
Wiener Magiftrat proteftirte; wolle Lo Prefti nicht 
zahlen, fo würde die Stadt die »Compoffeffion«, 
den Mitbefitz des Kärntnerthor-Theaters, recla- 
miren, eventuell in diefem von ihr erbauten Theater 
ihr feit 31 Jahren verbrieftes Privilegium ausüben. 
Der Baron gab nach; doch bemerkte man fchon 
damals, dafs er auch mit dem Zinfe und anderen 
Gebühren im Rückftande fei. Damit, dafs man 
dem Theaterdireclor die Licenzabnahme von den 
»minderen Speclakeln, Marionettenfpielen, Seil- 
tänzen u. f. f.« bewilligte, war ihm nicht geholfen; 
zu Ende des Jahres 1751 war der finanzielle und 
wohl auch der künftlerifche Zufammenbruch Lo 
Prefti's entfchieden. Der Baron fchilderte der 
Kaiferin in einem befonderen Promemoria feine 
kritifche Lage; Maria Therefia aber, fchon früher 
über den bedenklichen Stand der Dinge unter- 
richtet, befchlofs die gänzliche Ablöfung 
feines Vertrages, Übergabe des Kärntnerthor- 
theaters an die Stadt und Refervirung des Hof- 
(Burg-) Theaters für die Kaiferin dergeftalt, 
»dafs darin allein, wenn es Ihro Majeftät befehlen, 
teutfche Komoedien aufzuführen kommen«. Lo 
Prefti follte mit 100.000 fi. (vierteljährig in Raten 
zu 10.000 fl. abzuliefern) vollftändig abgefunden 
und verpflichtet werden, die beiden Theater fammt 
Decorationen, Scenarien und Garderobe, dem 
Redoutenfaale »mit allen Auszierungen, Spiegel- 
wänden. Luftres, Plaques«, fowie alle Theater- 
contra&e abzugeben. Als der Baron zur Entgegen- 
nahme diefes Befehls und der kaiferlichen Ent- 
fchliefsung vorgerufen wurde, erhob er wohl 
devote Vorftellung wegen des grofsen Schadens, 
der ihm »durch fogeftaltige Unterbrechung und 
Yerluft des ihm ertheilten privilegii privativi 
erwachfe«, erklärte fich aber fchliefslich mit aller 
Submiffion bereit, zu thun, was man von ihm 



i Die >Lucernifche Samftags-Zeitung, den 22. Brachmonat 1748 (auf der Luzerner Bürgerbibliothek) ichreibt de dato Wien 12. Juni . . . . : Der 
Baron Lo Prefti läfst bey feiner Opera mit feiner angefangenen Zahlung fchon nach, da er den Parterre fchon auf den alten, reftringirten Fufs, per 
2 Siebenzehner reduciret; vielleicht kommt er noch auf einen leichteren Preiß«. 



63 

verlange, wenn man ihm nur erlauben würde, feine Komödien bis Ende des Fafchings 1752 fortzuführen. 
Dies wurde ihm bewilligt, aber fofort der Theater-Infpector Lo Prefti's für die Stadt in Pflicht genommen, 
um Decorationen und Garderobe in der Hand zu haben; ebenfo beantragte die Regierung bei der Kaiferin 
die fofortige Übernahme des Redoutenfaales und des »Hoftheaters« durch den Mufikcavalier Graf von 
Lofymthal. Maria Therefia war mit alledem einverftanden, fand jedoch bei der grofsen Fürforge für 
Coftüme und Caffa Einen Umftand zu fehr vernachläfsigt, der ihr bei der ganzen Theaterumwälzung die 
Hauptfache war: Garantien für eine Befferung des künftlerifchen und moralifchen Elements. Deshalb 
fchrieb fie in margine des Vortrags, der ihr über die Theaterfache am 20. December 1751 gehalten 
wurde, in ihrer knappen und energifchen Ausdrucksweife: 

»placet, aber wem recht gefcheydten zu fetzen, der das aug nicht auf die Caffa fo viel, der ein controllor zu flellen, aber das die comoe- 
dianten in Ordnung gehalten wer den und berfer auf felbe acht zu haben als jetzt, befonders wegen befferer und reinerer Vorftellungen, 
befonders in Täntzen. Den punft, der die reparationen anbelangt, dem Grafen Lofi zu fchicken. (Archiv des Min. d. Innern.) 

Damit war eine Neuordnung der Wiener Theaterverhältniffe, die vollkommene Trennung des Stadt- 
vom Hof- (Burg-) Theater, ausgefprochen; noch ehe man aber zur Realifirung der dafür entworfenen 
Beftimmungen fchritt, brachte eine bedeutfame Verordnung der Kaiferin eine einfchneidende Veränderung 
in den Exiftenzbedingungen der Wiener und öfterreichifchen Theater überhaupt hervor. Es war die 
berühmte Norma, »welche von Ihrer k. k. Majeftät wegen künftighin zu haltenden öffentlichen Spektakeln, 
als Opern, Komödien, mufikalifchen Akademien, und andern um das Geld haltenden Vorftellungen, und 
Schaufpielen a. gn. vorgefchrieben worden.« 1 Durch diefe kaiferliche Verordnung wurden nicht weniger 
als fünfzig Normatage im Jahre aufser den fchon vorhandenen feftgefetzt, fomit ebenfoviele Tages- 
einnahmen den Theatern entzogen. Die Bühnenleitungen konnten nur mehr mit 210 Spielabenden 
jährlich rechnen. Die Folgen diefer, dem tiefreligiöfen und pietätvollen Sinne derHerrfcherin entfproffenen 
Mafsnahme zeigten fich alsbald, denn die Wiener Stadt- 
Vertretung erklärte fich unter den neuen Verhältniffen y - /1 JJ &^/? V^ • y 

aufser Stande, dem Baron Lo Prefti die ftipulirten Raten zu / . ^-^r dr^oo^iY 

* // / / / 
zahlen. In der Selliers'fchen Aera hatte die ftädtifche /iA ^jUi/ J jtfJLi^S^ iaJ~&a ' / 

Adminiftration Jahreseinnahmen des Kärntnerthor-The- / 



: ^U fisr^X-^UdV n^TTKA 



aters bis zu 60.000 fl. neben 50.000 fl. Ausgaben conftatirt; - 

durch die Xorma würden jedoch die Spieltage von 260 ]* / " £ *' I / / * 

auf 210, fomit (die Tageseinnahme zu 230 fl. 46 kr. W*<^- '** jrtpflA 



(^ju^-sr-v^vu u>T^r^K /J^v ^lA/ 



gerechnet) die Einnahmen um 11.538 fl. 20 kr. finken, 

die Stadt wäre daher aufser Stande, die vorfchufsweife 

übernommene Entfchädigung Lo Prefti's einzuhalten. Die O-j fr(v~~ r o*^h*~* -vtw? 

Regieruno; mufste auf eine andere Löfung der Krifis // < , tf-vW ti 





vorbedacht fein, und in ernften Conferenzen des Direc- *\__^/i ' ' V 

torial-Präfidenten mit dem Mufik-Cavalier Grafen von i^a j ^ ^.it^M^ 
Lofymthal und dem Grafen Franz Efzterhäzy wurde ein 

i »Nachdem Ihre kaiferl.königl. Majeftät in mildefter Erwägung, dafs bey Haltung der öffentlichen Schaufpiele bisher viele Mifsbräuche eingefchlichen 
find, hierinfalls die nöthige Schranken zu fetzen nöthig befunden, und zu dem Ende in Ihrer Haupt- und Refidenzftadt Wien fowohl, wie in allen 
übrigen Ihren Erblanden allergnädigft zu verordnen geruhet haben: Daß I"»o. Die Adventszeit hiedurch vom 12. December inclufive anzufangen. 
Udo. Die ganze Faften. Illtio. Die Betwoche. 4'°- Am Fefte der H. H. Dreifaltigkeit. 5'°- Die Fronleichnamsoctav. 6 t0 - An Frauenfeften fowohl, als an 
deren Vorabenden, wenn auch . . kein Fefttag von der Kirche . . 7to. An den Quatembern. 8<>- Am Fefttage aller Heiligen, und deren Vorabende. 
9mo. Aller Seelen. 10m°- Am Chrifti Himmelfahrtstage. llmo. Am Fefte der heiligen drey Könige. 12™°- Den 1. October und 4. November . . Geburts- 
und Namenstagen . . weiland . . Caroli VI . . 13 m o- Den 28. Augufti und 19. November . . Geburts- und Namenstagen . . weiland . . Elif. Chriftinä . . 
14mo. Den 19. u. 20. Oftober wegen . . Jahresgedächtnuß weiland . . Caroli VI Keine öffentlichen Schaufpiele oder Spektakel angeftellet, 
noch einige mufikalifche Akademien um das Geld produciret, mithin nach den Weihnachts- Oftern- und Pfingftfeyertagen, jedesmal erft den darauf 
folgenden Mittwoch und refpeclive nächften Tag damit angefangen, und folche nicht anderft, als mit Ausfchließung obbenannter Fefttage geftattet, und 
dem auf das genaufte nachgelebt werden foll.« 

16* 



64 

neues Arrangement erörtert. Der Ausfall an Einnahmen, den die »Norma« der Kaiferin verurfachte, 1 
Tollte durch die Einnahmen aus dem Lotto di Genova und den Redouten gedeckt, die unter Lo Prefti 
eingegangene Oper wiederhergeftellt und Oper und Komödie, Burg- und Stadttheater, unter zwei 
befonderen, fachkundigen Directoren vereinigt werden. Der Stadt blieb blofs die Ingerenz auf 
die Stadttheater-Caffa gewahrt. Maria Therefia genehmigte das intereffante Projecl mit Vorbehalt 
ihrer Entfchliefsung hinfichtlich der koftfpieligen Oper und mit neuen Cautelen gegen eine Wiederkehr 
der Bernardoniaden-Wirthfchaft unter der geplanten Hof-Direction. Diefe Refolution der Kaiferin vom 
11. Februar 1752 bleibt denkwürdig für alle Zeiten: 

»wan die fache nicht fehr klar ehender ift, das gewis nur opera fubfiftiren könne, ohne das das minderte mehr beizutragen hätte, ift felbe vor 
künfftigen winter lieber noch zu laffen, das teutfche theatrum völlig feparirt bleiben von dem anderen, fonften approbire den Vorlchlag. 
Die comoedie folle keine andere compofitionen fpillen als die ausdemfrantzöfifch oder wällifch oder fpanifch theatris 
herkommen, alle hie fi gen compofitionen von Bernardon u. anderen völlig auffzuheben, wan aber einige gutte doch wären von 
Weiskern, folten felbe ehender genau durchlesen werden u. keine equi voques noch fchmu tzige worte darinnen geftattet werden, auch 
denen comoedianten ohne ftraff nicht erlaubt fein, fich felber (diefer Worte) zu gebrauchen.« a 

Der mächtige Eindruck diefer Kaifer-Worte follte fich noch äufsern; wir werden ihn zu fchildern 
haben! Zunächft fäumte man keinen Augenblick, jene Neuordnung des Wiener Theaterwefens in's 
Werk zu fetzen, welche dasfelbe unter die unmittelbare Botmäfsigkeit des Hofes brachte und 
diefem die volle Einwirkung auf die materielle und künftlerifche Führung der beiden Wiener 
Theater geftattete. Am 17. Februar 1752 wurde der Wiener Stadtgemeinde officiell mitgetheilt, die 
Kaiferin wolle nicht, dafs Wien durch die Normatage einen Schaden erleide; damit fie eines folchen 
durch die Zahlungen für die Gebrüder Lo Prefti 3 enthoben werde, fei bereits der Überfchufs aus der 
Redoutencaffa angewiefen worden. Ferner habe fich die Kaiferin entfchloffen, über alle in Wien produ- 
cirten Schaufpiele, es mögen Comoedieen oder zugleich wälfche Opern beftehen, die Hauptdirection 
und Oberaufficht dem wirklichen Kämmerer und Hofrath Franz Grafen von Efzterhäzy und 
Galantha zu übertragen, »diefem einen cavaliere assistente beizugeben und aufzutragen, dafs der 
zeitliche Stadtrichter Leopold van Ghelen als einftweilen erkiefter (ftädtifcher) Commiffarius nebft 
feinem Subftituto Secretarius Philipp Lambacher in allem und jedem an den Oberdireclor unmittelbar 
angewiefen werde, und zwar fo, dafs Erfterer (Ghelen) fich in allen Stücken und Vorfällen, fowohl wegen 
Aufnahme und Abdankung der Theatral-Perfonen, als auch wegen Producirung der jeweiligen Piecen, 
Einrichtung der Decorationen, Ballete und des Orchefters, Einführung und Beibehaltung guter Ordnung 
und Zucht und wirthfchaftlicher Beifchaffung des Nothwendigen beim Grafen Efzterhäzy unfehlbar 
Raths zu erholen habe, da auf deffen Anordnung das Weitere veranlafst und ohne deffen Gutheifsung 
nichts eigenmächtig vorgekehrt, auch nicht die minderte Neuerung in Theaterfachen geftattet werde«. 
Ferner wurde der Stadtgemeinde, im Sinne der kaiferlichen Refolution für die deutfche Komödie, das 
Verbot aller Bernardoniaden »wie aller anderen dergleichen mehr zur Ärgernufs des Publici als zur 
Einpflanzung einer guten Moral gereichenden albernen Erfindungen« eingefchärft. 

Gleichzeitig mit diefer Verordnung an den Magiftrat erflofs das Decret an den Grafen Franz 
Efzterhäzy, worin ihm die k. k. Ober-Direction über das Wiener Theater übertragen und die 
genaue Beachtung der kaiferlichen Intentionen an's Herz gelegt wird. Franz Efzterhäzy genofs 
am Kaiferhofe den Ruf eines äufserft kunftverftändigen Mannes; er war für die Adelsvorftellungen 
bei Hofe eine hervorragende Kraft und konnte mit dem Glänze feines Namens und feines Ranges, 
fowie mit feinem Vermögen auch der neuen Stellung Glanz und Anfehen verleihen. Für den Porten des 

i Den wiederholten Hinweis auf diefen Ausfall lehnte die Kaiferin durch folgende deutliche Marginal-Bemerkung ab: »Der ftatt (Staat) 
verlihrt gewis nichts; ich allein, wan wird die gedruckte norma einmal in die Länder gefchickt wegen der Tage? Ich gebe aber nicht mehres 
zu eine opera oder comoedi als 14 (14.000) fi. in allen.« (Arch. d. Min. d. I.) Siehe Facfimile auf Seite 63. 

2 Siehe Facfimile auf Seite 62. 

s Dies deutet auf eine finanzielle Gemeinfchaft zweier Lo Prefti's, wahrfcheinlich des Oberfl Rochus mit dem (1770f) k. k. wirkl. Commercien- 
rath Michael Freih. v. Lo Prefti hin. 



65 

cavaliere affiftente war ein anderer Cavalier von Kunftfinn und künftlerifcher Erfahrung auser- 
fehen, der allerdings als Italiener nur den fogenannten »ausländifchen Speclakeln«, aber nicht der 
deutfchen Komödie Herz und Eifer entgegenbrachte. Dies war der bisherige Botfehafter der Republik 
Genua am Kaiferhofe, Jacob Graf Durazzo, Gemal der durch ihre blendende Schönheit in der 
Refidenz gefeierten Comteffe Weifsenwolf. Auch er war Haupt-Mitwirkender bei den höfifchen 
Dilettanten- Yorftellungen, dabei ein Mann von Welt und Geift, in der franzöfifchen und italienifchen 
Literatur gründlich bewandert, bei dem Kaiferpaare angefehen und beliebt. Seine Ernennung erfolgte 
übrigens keineswegs gleichzeitig mit jener Efzterhäzys. Am 14. Mai 1752 hatte er erft feine Abfchieds- 
audienz als genuefifcher Ambaffadeur; doch fprach man damals davon, dafs er wieder nach Wien 
kommen und eine Stelle in dem (den italienifchen Provinzen geltenden) »wälfehen Rathe« erhalten 
follte. Erft im Frühjahr 1753 fehen wir Durazzo officiell dem Ober-Direclor Grafen Efzterhäzy »in denen 
speclacles- und Ball-Sachen per decretum speciale Direclorii adjungiret«. Jeden Monat fand eine 
»ordentliche Zufammentrettung« aller bei der Theater-Leitung und Verwaltung betheiligten Organe, 
namentlich wegen der Einnahmen und Auslagen und der »thunlichften reftringirung der letzteren« ftatt, 
worauf ftets der Kaiferin ein umftändlicher Vortrag einzureichen war. Es hatte alfo wirklich, wie 
Khevenhüller notirt, »der Hof lürnehmlich die Hand darinnen«. Die Kaiferin liefs fich »von allen 
minutissime referiren«, was das Theater- und Ballwefen betraf, und zwar fo genau, dafs ihr fogar 
»täglich die Liften von denen zur redoute kommenden masken überreicht« werden mufsten. Dies 
fcheint allerdings begreiflich, wenn man weifs, dafs Maria Therefia felbft es liebte, im blauen Domino 
in den Redoutenfälen zu erfcheinen und den Kaifer zu intriguiren. ... So war das Wiener Theaterwefen 
und Alles, was damit äufserlich zufammenhing, in die innigfte Verbindung mit dem Hofe gebracht 
worden. Im Theater follte das Volk feinere Sitte lernen, dort follte es Erhebung und reines Vergnügen 
finden; in diefem Sinne gedachte Maria Therefia die Macht zu gebrauchen, die fie zu allen Laften der 
Regierung auf fich genommen hatte auch im Reiche der Kunft. 




17 



66 




IV. 



DIE HOFDIRECTIO 



UND DAS ERSTE 



THEATRE FRANCAIS" IN DER BURG. 






^Kaxpagüi-y . 



IT grofsen Hoffnungen begrüfste man in Wien und namentlich im Kreife der 
Hofgefellfchaft die neueingeführte Ober- oder Hof-Direktion »fämmtlicher 
Speclakel« in der Refidenz. Die Wichtigkeit einer wohlorganifirten Theater- 
leitung war allgemein klar geworden, und in der Ernennung eines, der höchften 
Ariftokratie angehörigen Oberdire&ors, in der Stabilifirung des unmittelbaren 
kaiferlichen Einfluffes auf die Führung der künftlerifchen Angelegenheiten 
erblickte man eine Bürgfchaft nicht nur für die wirthfchaftliche Ordnung, 
fondern auch für die Erhebung und Läuterung der dramatifchen Yorftellungen 
in der Refidenz. Jeder Willkür in der ökonomifchen und künftlerifchen Ge- 
bahrung war nun gefteuert; es gab keinen der blofsen Speculation ergebenen 
Imprelario mehr, fondern einen der Kaiferin verantwortlichen Theaterregenten vornehmfter Abkunft, 
welcher nicht nur mit der moralifchen, fondern auch mit der finanziellen Unterftützung des Hofes 
rechnen konnte. Seine Herrfchaft erftreckte fich fowohl auf das nächft der Burg gelegene, thatfächlich 
»kaiferliche« Theater, als auch auf das ftädtifche Kärntnerthor-Theater, denn die beiden ftädtifchen 
Commiffäre, welche die Kaiferin ernannt hatte, waren lediglich adminiftrative Organe, Caffacontrolore 
ohne Einflufs auf die künftlerifche Gebahrung in diefem Haufe. Der Oberdireclor, dem verfaffungsmäfsig 
ein Affiftent, ebenfalls aus gräflichem Geblüt, zur Seite ftand, hatte fich in fieter, inniger Fühlung mit dem 
fiaatlichen Regierungsdireclorium zu halten; an höchfter Stelle befchäftigte man fich eingehend mit den 
Theaterangelegenheiten und entfchied die Schickfale der Wiener Bühne. Dies zeigt, wie grofs bereits 
in den leitenden Kreifen die Erkenntnifs von der Bedeutung einer guten Bühne für das Volk, die Stadt 
und den Staat war; es beweift, dafs man die Theaterwelt nicht mehr als eine tiefe und nebenfächliche 
Region des öffentlichen Lebens betrachtete, dafs man fich vielmehr ihrer fegensreichen oder verderblichen 
Einwirkung auf dasfelbe bewufst ward. 

Diefer Zufammenhang des Theaters mit den leitenden Perfönlichkeiten des Staates wird noch 
inniger von dem Tage an, da ein Staatsmann von erleuchtetem, klarem Geifte, von ftarkem Intereffe für 
Kunft und Literatur, Wenzel Anton Graf von Kaunitz-Rietberg, an die Spitze der Regierung tritt 
und der erfte und hervorragendfte Berather der Kaiferin wird. Kaunitz fah von feiner fchwindelnden 
politifchen Höhe keineswegs mit Verachtung, fondern mit fcharfem, prüfendem Blicke auf das 
künftlerifche Leben Wiens herab und verfchmähte es durchaus nicht, ganz perfönlich und thatkräftig 
darauf einzuwirken, feinen mächtigen Einflufs auf die Geftaltung der Dinge im Theaterreiche entfchieden 
geltend zu machen. Mit dem Augenblicke feiner Berufung zum Hof- und Staatskanzler (1753) beginnt 



67 



diefe bedeutungsvolle Einwirkung des 
genialen Staatsmannes auf das Theater, 
und fie wächft mit jedem Jahre, ja fie 
fteigert fich allmälig derart, dafs der Ehr- 
geiz des grofsen Minifters fogar einen 
äufserlichen Titel für feine Theater- 
allmacht nicht verfchmäht. Diefe bis- 
her wenig gekannte und gewürdigte 
Seite des Wirkens Kaunitz' vermögen 
wir fehr fcharf zu beleuchten. Wir 
werden den Theatereinflufs des Mini- 
fters, wie er ihn vor und hinter den 
Couliffen ausübt, kennen lernen und 
beobachten, wie fich diefer Einflufs end- 
lich mit einem noch mächtigeren, mit 
dem Einfluffe eines ebenfo erleuchteten 
und energifchen, jedoch anderen künft- 
lerifchen Idealen zuftrebenden Monar- 
chen, Jofephs IL, kreuzt und wie er 
endlich diefem weicht. 

Die Ernennung des erften Ober- 
direclors, Graf Efzterhazy, hatte fich 
ohne Einwirkung diefes Staatsmannes 
vollzogen, der damals noch der kom- 
mende Mann war; aber fchon Graf Jacob 
Durazzo, der »cavaliere affiftente« 
jenes Cavaliers, und bald die Seele, 
dann auch das wirkliche Haupt der 
Theaterleitung, war ein Mann, welchen 
das befondere Vertrauen des Staats- 
kanzlers auszeichnete und aus den 

Dienften der Republik Genua in eine glänzende öfterreichifche Carriere hinüberleitete. Im Archiv der 
k. und k. Generalintendanz der k. k. Hoftheater haben wir ein bisher unbeachtetes Manufcript ent- 
deckt, deffen vergilbte Blätter kein Datum tragen, das aber zweifellos in der KaunitzTchen Aera, wenn 
auch fpäter als in diefem Zeitpunkte der Wiener Theatergefchichte, entftanden ift. Schon bei der 
Wandlung der Wiener Theaterverhältniffe im Jahre 1752 kamen die wefentlichften Grundfätze jener 
merkwürdigen alten Wiener Theaterverfaffung zur Anwendung. Dafs der Leiter des Wiener Theater- 
wefens »fowohl von hoher Geburt als Charakter« fein muffe, ift der Cardinalpunkt der »Inftruclion 
vor den Direclor«, einer der erften Paragraphe des Verfaffungsentwurfes. Diefe vornehme Herkunft fei 
fchon deshalb nöthig, um dem Direktor Ehrfurcht und Refpecl bei den Untergebenen zu verfchaffen. 
Doch muffe er »anbey« noch andere gute Eigenfchaften haben, vor Allem freundlich, willig und fehr 
ehrlich fein, auch das Theater »ziemlich verftehen«. 

Es fei nicht nöthig — meint diefer erfte Wiener Theater-Gefetzgeber — dafs der Direclor Alles 
felbft und allein führe; genug fei es vielmehr, wenn er »von der ganzen Sach nur eine gewiffe 
Erkenntnufs befitze, taugliche Häupter der einzelnen Departements zu wählen wiffe und fich felbft 
nur auf Beobachtung einer genauen Ökonomie und Ordnung« befchränke. Und nun wird in einigen 

17* 




Fianz Graf Estterkdty. 



68 

weifen Sätzen dem überftrömenden Selbftbewufstfein und »Despotismus« des ernannten Theaterdireclors 
mit der Forderung gefteuert, den Theater-Machthaber felbft noch einem »hohen Minifter« zu unter- 
ftellen, »ohne deffen Gutheifsen er nichts, dann nur das Gewöhnliche refolviren könnte«. Diefe fcheinbare 
Laft könne dem Direclor nur zum Vortheile gereichen; denn da alle Anfchaffungen nur mit Genehmigung 
jenes »bei Hofe fehr wohl angefehenen Minifters« gefchehen würden, könnte der Direclor felbft nie zur 
Verantwortung gezogen werden. Und eine folche Oberbehörde wäre das wirkfamfte Gegengewicht 
gegen die Selbftüberhebung eines Direclors. 

• Es fchcinet fehr befchwerlich, einen menfchen finden zu können, der nicht eine befondere eigenlieb von fleh felbft tragete und vielleicht bei 
fich auch glaubete, dafs er nicht nur allein eine Theatral-Direftion, fondern wohl ganze Monarchieen zu führen fähig fei, allein eben derfelbe, der fich 
am nächflen der Vollkommenheit zu fein fchmeichelt. ift nach allgemeinem Ausfpruch der Vernünftigen am meiften davon entfernt.« 

Der übergeordnete Minifter würde in folchen Fällen gewifs Rath fchaffen. Und einen folchen Minifter, 
meint der Verfafler mit zarter Anfpielung, werde man fchon finden. Man habe ja oft befondere hohe 
und aufserordentlich fchnelle Talente gefunden, welche ab und zu aus purem Vergnügen ein Viertel- 
ftündchen zu privaten Informationen erübrigen, und diefes würde genügen, um den Bericht des Direclors 
zu hören und darüber zu entfeheiden. 

So ungefähr entwickelte fich allmälig das Verhältnifs der Theater-Direclion zu Kaunitz und es 
wurde immer intimer, je mehr fich ein neuer, befonderer Zweig des Wiener Theaterwefens entfaltete und 
des Schutzes einer mächtigen Behörde bedürftig wurde. Die erfte bedeutfame Entfchliefsung der neuen 
Ober- oder Hofdireclion war nämlich die Organifirung einer franzöfifchen Komödie für Wien und 
die Beftimmung des Burgtheaters zur Aufnahme derfelben. Als fich die Übergabe der Lo Prefti'fchen 
Theater-Unternehmung an den Hof vollzog, war man bekanntlich über die Zukunft diefer dem Hofe am 
nächften ftehenden Bühne noch nicht fchlüfsig, und am wahrfcheinlichften fchien die Wiedereinführung 
der unter Lo Prefti zufammengebrochenen italienifchen Oper, obwohl diefelbe dem ökonomifchen 
Sinne der Kaiferin widerftrebte. Um fo überrafchender kam den Wienern jener Befchlufs der neuen 
Hofdireclion, welcher eine vollkommene und auserlefene franzöfifche Schaufpieltruppe in die Kaiferftadt 
führte. Die franzöfifche Komödie war allerdings nicht mehr fremd in Wien; wir wiffen, mit welchem 
Eifer man i\e in der Wiener Adelsgefellfchaft, in weltlichen und geiftlichen Erziehungsanftalten pflegte. 
Neidvoll blickte der Adel und jener Theil des Bürgerthums, der mit diefem in noblen Paffionen wett- 
eiferte, nach anderen deutfehen Fürftenhöfen, an denen die Nachahmung des franzöfifchen Königshofes, 
die Anbetung franzöfifcher Art, Sitte und Kunft in voller Blüthe ftand, und fehnte fich nach franzöfifchen 
Berufskünftlern, wie fie da und dort fchon den Fürften und Vornehmen einen koftfpieligen Genufs 
bereiteten. Die erfte Truppe kam aus der holländifchen Hauptftadt, dem Haag, welche damals durchaus 
nicht weit von Öfterreich lag. Die öfterreichifchen Niederlande (Belgien) ftanden ja unter dem Scepter 
Habsburgs, und Kaunitz hatte während feines mehrjährigen Wirkens am Hofe des Generalgouverneurs 
Carl von Lothringen in Brüffel und als zeitweiliger bevollmächtigter Minifter und Regent dafelbft reiche 
Gelegenheit, die künftlerifchen Verhältniffe in Brüffel felbft — das in diefer Hinficht fozufagen eine 
Dependenz von Paris war — und in der holländifchen Nachbarfchaft kennen zu lernen. Der Imprefario, 
oder richtiger Agent (»Beforger«) der franzöfifchen Gefellfchaft war Jean Louis Hebert, und feiner 
gefchickten Hand war es zu danken, dafs Wien keine der übelften, wenn auch nicht eine der heften 
Truppen diefer Art zu fehen bekam. Man hatte nicht gefpart, um Gutes zu erhalten. Am 3. März 1 752 
fchon theilte ein Hofdecret der Wiener Wirthschaftscommiffion mit, »dafs anftatt der angetragenen 
italienifchen Oper nunmehr eine franzöfifche Komödie dahier abgehalten, die Einnahmen davon ganz 
befonders verrechnet und die Transportirungs-Unkoften der aus Holland verfchriebenen franzöfifchen 
Komoedianten aus dem Verlagsfondo einftweilen beftritten werden follen.« 

Der 14. Mai 1752 war durch das von den befferen Kreifen der Refidenz mit Spannung erwartete 
Ereignifs der erften öffentlichen Vorftellung im »franzöfifchen Theater nächft der Burg« bezeichnet. Das 




".M MEYTEKS PX! 



SCHMUTZER UND WAGNEh 



JACOB GRAF DURAZZO. 



_ . _ j n.. 



. .- ir V".., - 



Photo grawur« R Pauli* ■■ 



69 

wirkliche Ereignifs des Abends war aber zunächft eine gewiffe — Enttäufchung: man warfrappirt über 
die Spielweife der Franzofen und Franzöfinnen. Hatte man fchon zu den gezierten, kühn gedrechselten 
Geften der Koch'fchen Gäfte lebhaft gelächelt, fo wurden nun die Original-Franzofen mit ihren Arm- 
verrenkungen, mit den verzückten Blicken, dem ächzenden oder fingenden Declamationstone geradezu 
lächerlich, zumal fie fich nur um einen Stern gruppirten, den vortrefflichen Nicolaus Ribou, eingewefenes 
Mitglied der Comedie-Francaife in Paris. Khevenhüller, der gewifs wie die ganze Hofgefellfchaft mit den 
lebhafteren Sympathien in das franzöfifche Burgtheater gekommen war, fchreibt über den denkwürdigen 
Abend, welcher die Anwefenheit des Kaiferpaares noch befonders verherrlichte: 

» . . . Abends fuhren die Herrfch. in die Burg und wohnten in dem theatro des Balhaufes d. erften reprefentation der unlängft anhero befchrie- 
benen franz. Trouppe bey, welche mit d. tragedie »Le comte d'Essex« de Thomas Corneille debuetirt, damit aber, weillen die actrices gar zu 
ridicules gestes u. cuntorsions gemacht, fehr fchlechte Ehre eingelegt haben; die pieces comiques find aber nachhero beffer reussiret, u. wurden 
Vor allen M. Ribou nebft feiner Gemahlin billig applaudiret, deren letztere die Soubrette machte, Erfterer aber fich fowohl denen roles tragiques als 
comiques unvergleichlich aquitiret hat, wie er dann auch zu Paris au theatre de la comedie francaise einer deren fiärkefien acteurs gewefen, u. felbes 
blofs wegen einer unglücklichen affaire, wo er feinen Contrepart erftochen haben folle, verlaffen muffen.« 

Auch ein nicht ariftokratifcher Berichterftatter • weifs den neuen, fremden Komödianten kein Lob- 
lied zu fingen; bei ihm mifcht fich in das Mifsvergnügen über die fo pretentiös auftretenden Gäfte die 
fichtbare Schadenfreude darüber, dafs ihre Schwächen und Eigenthümlichkeiten den der deutfehen 
Komödie drohenden Schaden fernhalten würden. Nach den erften drei franzöfifchen Vorftellungen am 
14., 15. und 16. Mai (»Essex« von Corneille und als Nachfpiel »L'Oracle« von St. Foix; »Les Francais 
ä Londres« von Boissy, Democrite, »Le joueur« und »La Serenade« von Renard) fagt diefer Kritiker: 

»Ihr erfter Schaufpielcr Ribou, welcher mit großen Koften aus Paris verfchrieben worden, ift unter den Männern der einzige wackere Name. Ihre 
Weibsbilder aber heißen nichts und find fonderlich in der Tragoedie wegen ihres Geheuls und der außerordentlich gezwungenen, bis zum Lächerlichen 
getriebenen Gebärden den Wienern unerträglich. Den erften Tag war ein folcher Zulauf, dafs die Leute einander erdrücken wollten, den zweiten aber 
hatte er bis zur Hälfte abgenommen, und das dritte mal war kaum der vierte Theil von den erften Zufchauern zugegen. Wir wollen fehen, wie lange 
fie fich erhalten werden. Es fehlet ihnen an keinem Vorfchube, und es mag nun ihr Schickfal gut oder fchlccht fein, fo findet der gute Gefchmack 
wenig Vortheil dabei « 

Diefe Schärfe des Urtheils wurde, wie gefagt, von einer ftarken nationalen und localpatriotifchen 
Empfindung beeinflufst. Wenn die Franzofen den Männern der literarifchen Reformpartei als Kampf- 
genoffen im Streite gegen die Burleske erfchienen, wenn fie in diefer Hinficht fogar unmittelbar und 
kräftiger wirkten als die leichten deutfehen Nachbildungen und Überfetzungen franzöfifcher Originale, 
fo empfand man doch bei dem wachfenden Anfehen und Einfluffe der Franzofen um fo tiefer die 
demüthigende Afchenbrödel-Stellung des mühfam nach Geltung ringenden deutfehen Schaufpiels 
gegenüber der vornehmen franzöfifchen Komödie und der prunkvollen italienifchen Oper, und nun 
fchwangen die Bahnbrecher der deutfehen Theaterreform ihr Schwert zur Abtödtung der deutfehen 
Burleske und zum Sturze der wälfehen Gäfte von dem Herrfcherthrone, den fie fich in der Refidenz 
der deutfehen Kaifer aufgerichtet hatten. Deshalb begreifen wir den deutfehen Kritiker, wenn er unter dem 
Eindrucke der franzöfifchen Mängel den tüchtigen und in feiner Art genialen Weiskern über die bevor- 
zugten Fremdlinge ftellt und ausruft: 

»Ich fehe gewiß, daß unfere deutfehe Komoedie triumphiret. Zum Exempel ftellen fie fich vor: die Liebhaberin macht im Weggehen ihrem 
Liebhaber einen orientalifchen, chriftlichen, franzöfifchen Reverenz, beide Hände kreuzweis auf der Bruft, der Leib tief vorwärts gebogen, das rechte 
Knie auch vorwärts, das linke zurück. Von jedem Schritte, den fie macht, muß die Bühne zittern. Der Liebhaber umarmet fie voller Zärtlichkeit, mit 
dem Haupte auf ihrer Bruft, den linken Fuß über den ganzen Bauch — wer follte nicht fp . . . . ? Ich habe den Demokrit gefehen, aber kein ander 
Wort verbanden, als »la philosophie«, welches faft am Ende eines jeden Verfes fteht, und mit Seufzen erhoben wird, nachdem die andern alle in der 
Stille hergebethet worden. Der ganze Hof läßt unferm W . . .(Weiskern) Gerechtigkeit wiederfahren, daß er nun auch den Franzofen, 
N. B. auch den beften es zuvorthue. Der Ruf der Franzofen gründet fich bloß darinn, daß alle jungen Laffen diefelben immer erheben, ohne 
zu willen, warum? Außer daß fie fich zu Paris, in diefe oder jene Theaterprinzeffinn verliebet gehabt, ohne auf die Rolle, Stellung oder Worte zu 
merken, die fie vorgetragen. Ich muß beyfügen, daß alle Schaufpielerinnen lauter Katzenpuckel machen, feufzen und heulen. Die Hände fliegen oft 
bis über die Scheitel; die Stimme verliert fich in lauter Seufzen. Der linke Fuß bleibt angenagelt, und der rechte thut zuweilen einen Schritt, mit 
Erfchütterung des Leibes, der Bühne und des Zufchauers, welcher erfchrickt, und glaubet, der Donner habe ihr auf den Puckel gefchlagen. Ich glaube 
daß zu Paris, wo die Wolluft feit fo viel Jahren ihren Sitz hat, alle diefe Schönheiten ungemein gefallen. Jedoch ich fpüre, daß ein deutfehes 
Gemüth weit mehr Menfchlichkeit, und folglich mehr Ernft befitzet, - als alle Franzöfinnen, wenn man fie in eine Quinteffenz zufammen deftilliret.« 

18 



Tu 

Dafs die deutfchen Schaufpieler ihren franzöfifchen Collegen nicht blofs mit künftlerifchem und 
zünftigem IntereiTe, ibndern auch mit einem lebhaften Gefühle des Neides begegneten, war durchaus 
begreiflich. Hier hatte der Kunft- und Brotneid eine unverkennbare Berechtigung. Sie fahen, wie die 
Heften Wiens das Stammpublikum der Franzofen wurden. War es ein aufserordentliches Ereignifs 
gewefen, wenn deutfche Komödianten bei Hofe ihre Kunft zeigen durften, fo berichtet man nun fehr 
häufig von der Berufung der Hebert'fchen Truppe in die kaiferlichen Schlöffer, und jedes neue Stück 
wird von dem Kaiferpaare felbft befehen. Dem Kaifer werden durch die Berufung der franzöfifchen 
Komödianten befondere Überrafchungen bereitet. 1 Ja, im Herbft 1752 findet die in folchen Dingen fehr 
ftrenge Kaiferin fogar einen Ausweg, um die franzöfifche Komödie von der harten Norma 
auszunehmen, welche fie für das Burgtheater insbefondere feftgefetzt hat. Da in diefem Haufe während 
der Allerfeelen-Octave nicht gefpielt werden darf, überfiedelt die franzöfifche Komödie für diefe Zeit in 
das Kärntnerthor-Theater, wo man am 7. November »Le philosophe marie« und »Le naufrage« gibt. 
Der Kaifer felbft ift anwefend, die Kaiferin fchliefst fich allerdings von diefem Benefizium aus. Wenn der 
Hof in Laxenburg weilt, dann werden die franzöfifchen Vorftellungen im Theater an der Burg einfach 
abgebrochen, und die ganze Gefellfchaft geht in einer grofsen Wagenkarawane dahin ab. Auch der 
Oberhofdirector Graf Efzterhazy überfiedelt dann nach Laxenburg. Als er, wie Khevenhüller am 
6. Mai 1754 notirt, »mit der Direciion deren speclacles nichts mehr zu thun haben wollte und der conte 
Durazzo, fein bisheriger cavaliere assistente, die alleinige Leitung der Schaufpiele übernommen hatte, 
wurde auch diefem ein Quartier im Schlöffe eingeräumt, ja felbft der Gräfin Durazzo, obwohl fie keine 
»Zutrittsfrau«, erlaubt, an der Hoftafel zu fpeifen, allerdings mit der Bemerkung: »sans consequence und 
mit ausdrücklicher declarirung, dafs es nur gefchehe, weilen man en office zu Laxenburg fei.« Nach der 
Falkenbeize ging man in das im Frühling 1753 »in wenig Wochen am End des fogenannten Hofgartens 
gegenüber dem Sinzendorf'fchen Haufe neuerbaute recht herzige Theatrum von Stein«; alle Damen 
und Cavaliere, welche das Appartement frequentiren durften, wie es in der Hofdienftfprache hiefs, 
wurden an jedem Cour-Tage in das nunmehr geräumige Mufenhaus eingelaffen. Gewöhnlich führten die 
Franzofen eine Komödie und zwei Ballete oder ein Drama und ein heiteres Nachfpiel auf, wobei die 
Gewandtheit Ribou's im ernften, tragifchen, wie im heiteren Fache überrafchte. 2 Auch die Ariftokratie 
beeiferte fich, felbft mit grofsen finanziellen Opfern, die Wiener Comedie-Francaise auf ihre Schlöffer zu 
laden, wenn dort ein hoher Befuch bevorfiand. Trafen fremde Gäfte von Rang und Diftin6tion in Wien 
ein, fo war die franzöfifche Komödie im Burgtheater der erfte künftlerifche Genufs, den man ihnen bereitete. 

' Am 30. Mai lindet fich in Kh evenhüller's Tagebuch notirt: Laxenburg: »Beitz« (Falkenbeize), fodann regalirten uns die franzöT. Comö- 
dianten mit den >folies amoureuses« (von Regnard) und »le mari retrouve« (von Dancourt), welche piiicen gleichwie geftern mit ballets und chansons 
c'est a dire avec tous leurs agremens entremelirt wäre. — 14. Juni Laxenburg: Baitz, dann franz. Troupe, »L'ecole des meres« (von Marivaux) 
u. zwar ohne petite piece weillen es zu fpatt worden. — 15. Laxbg. »le mechant- (von GrefTet) producirt. — 19. Juni Befuch des Kaiferpaars in 
Schlo fs Obergaffing bei d. Fürft Wenzel Liechtenftein, dafelbft zum Befchlufs auf einem in der zugedeckten Reutfchull errichteten theatro von 
der eigens anhero beruffenen franz. Trouppe zwey ganz kleine pieces »La pupille« (von Fagan) et »les precieuses ridicules« (von Moliere) produciret, 
nebft Balleten, welche von denen Comoedianten felbften exequiret wurden.« »29. Mai wurde von der ingeheim anhero beftellten franz. Trouppe in 
dem Saal der Obrifthoffmeifter-Behaufung (Laxenburg) der avocat Patelin (von Brueys und Palaprat) und für die petite piece Tes vacances« (von 
Dancourt) aufgeführt; der Kavier hätte nichts davon wiffen follen, allein einen augenblick zuvor wurde das geheimnuß durch die ungefchicklichkeit 

eines Seinigen Kammerdieners entdecket « — 21. Sept. Abends wurde pour l'amuser (den Kaifer) die franz. Comedie herauffen auf unferem 

Schönbrunner theatre gefpillet: les pieces ctoient: »Esope a la cour« (von Boursault) et »l'amant auteur et valet« (von Cerou). — 5. Oct. Kayfer 
nach der Jagd in die franz. Comoedie, dann die Kayferin auch zu ihm in die Loge. 

- Aus dem Laxenburger Repertoire der Franzofen 1752 bis 1754 theilt Khevenhüller folgende Daten mit: 21. Juni 1752: L'espnt de 
contradiction (dreiacl. Luftfp. von Dufresny) und die kom. Oper Le coeq de village von Favart; 11. Juli Arlequin sauvage, Luftfp. v. Delisle, u. La 
Sylphide, Luftfp. v. Dominique (Biancolelli) u. Romagnesi ; 1753, 6. Mai L'enfant perdu (prodigue?) v. Voltaire, 9. Mai Le consentement force (v. Guyot 
ile Merville) u. l'cpreuve reeiproque: 21. Mai L'homme du jour, L. v. Boissy; 22. Xanine v. Voltaire, 23. Sidney, Drama v. Gresset, 24. Ines de Castro, 
Trag. v. La Mothe, 27. Le Misanthrope v. Moliere, 28. Le Florentin v. Lafontaine; 3. Juni L'impertinent, v. Desmahis u. Le triple mariage v. Dcstouches ; 
4. Juni La vie est un songe, Com. v. Boissy (nach Calderon), 5. Juni Le grandeur v. Brueys u. Palaprat u. Les Francais ä Londres; 6. Juni Le distrait, 
L. v. Regnard); — Mai 1754: Le temps passe, L. v. Le Grand, La Metromanie, L. v. Piron; Amour pour amour, L. v. Xivelle de la Chaussee; L'usurier 
gentilhomme, L. v. Le Grand, u. ein neues groteskes Ballet, das bekannte Spiel de quatre coins oder »Gevatterin, leih' mir die Scheer«; La surprise de 
la hainc, L. v. Boissy; Le legataire universcl, L. v. Regnard; Les rils ingrats, L. v. Piron, Le deuil, L. v. Hauteroche. 



71 

Man fetzte einen Stolz darein, folehe Franzofen zu befitzen, und feiten blieb das Entzücken der Fremden 
aus, wie z. B. bei einem türkifchen Specialbotfchafter, dem man im Burgtheater die Tragödie »Brutus« 
vorfpielen liefs. Der arme Effendi klagte darüber, dafs das Stück gar fo traurig fei, und mufste erft durch 
eine opera comique und ein Ballet in eine vergnügtere Stimmung gebracht werden. 

Das Burgtheater oder das Thcätre-Francais prcs de la cour — wie es nun, im Gegenfatze zu dem 
deutfchen Theater in Wien, d. h. dem Kärntnerthor-Theater, hiefs, — fpielte viermal in der Woche, 
während die Deutfchen ihr Haus täglich, mit Ausnahme des Freitags, geöffnet hielten. Die Berufung der 
Franzofen in eines der kaiferlichen Luftfchlöffer unterbrach ihre Vorftellungen in der Stadt. Wohl war 
das Theatre-Francais zumeift nur halb gefüllt, aber die Anwefenheit des Hofes entfchädigte für den 
Mangel an Publicum. Die deutfchen Komödianten am Kärntnerthore waren in die Rolle des verachteten, 
aber erwerbenden Theatervolkes zurückgedrängt, und fie empfanden diefe Afchenbrödel-Stellung. Die 
Theaterrechnungen der Jahre 1752 bis 1761 zeigen uns, wie koftbar die Fremden gegenüber den 
heimifchen Künftlern waren. Während Ribou (den ein Bruftleiden am 15. Mai 1759 im 40. Lebensjahre 
in Wien dahinraffte) mit Gemalin die horrende Gage von 6000 fl. bezog, brachten es Kurtz und 
Prehaufer nur auf ein Jahreseinkommen von je 2050 fl.; Weiskern mufste Och mit 1275 fl. befcheiden, 
zweite Kräfte der Franzofen hingegen wurden mit 2000 fl. bezahlt. Dem deutfchen Jahresetat von 
13.847 fl. ftand ein franzöfifcher von 30.500 fl. gegenüber; die franzöfifche Tänzerin und Sängerin 
Jeoffroy-Bodin wurde mit 5775 fl. gewonnen; fie allein bekam mehr als Hanswurft und Bernardon 
zufammen. Und wie fchreiend wird das Mifsverhältnifs, wenn man mit den Ausgaben für diefe beiden 
Kunftgattungen die Einnahmen derfelben vergleicht! Während das deutfehe Theater im Jahre 1755 die 
nette Summe von 68.418 fl. 4 kr. verdient und nur 17.840 fl. koftet, haben die Franzofen nur eine 
Einnahme von 25.251 fl. 56 kr. zu verzeichnen, und der Gagenetat ihres Schaufpielperlbnals allein 
beträgt 29.750 fl. Sic find alfo ftark paffiv, während die deutfehe Komödie mit ihrem Überfchufs die 
hohen Koften des franzöfifchen Schaufpiels und ihres theueren Ballets decken mufs. Dabei behandelt 
die Theateradminiftration das franzöfifche Theater von Haus aus als den bevorzugten Liebling, der 
dreimal mehr gilt, als das Afchenbrödel »deutfehe Komödie«. In der Gelammtrechnung für den Theater- 
bedarf bewerthet man die Bedürfniffe des deutfchen Theaters gewöhnlich mit einem Drittheil deffen, was 
dem franzöfifchen zuerkannt wird. Die Franzofen bekommen ein dreifach befferes Ballet, dreifach beffere 
Decorationen, dreimal beffere Koftüme, ein dreimal befferes Orchefter 1 . Sie find mit allem Glänze eingeführt 
worden, den man in Wien zu vergeben hat, da fie das bevorzugte »Theater der Xobleffe« repräfentiren; 
für die heimifchen deutfchen Komödianten ift gerade das Schlechtefte gut genug; ift ihnen doch der 
Zulauf des Volkes felbft in den ärmlichen Verhältniffen ficher, in denen fie von der Oberbehörde 
gehalten werden! 

Und dennoch hatten die deutfchen Komödianten in Einer Hinficht Urfache, ihren franzöfifchen 
Collegen dankbar zu fein. Denn die Auszeichnung, mit welcher man diefe behandelte, mufste früher 
oder fpäter zur fozialen Hebung des ganzen Standes führen. Wohl hielt die Kaiferin darauf, dafs die 
fremden Herren und Damen keine der lockeren Parifer Sitten in Wien einbürgerten; waren fie aber 

< In der Tabelle der »Recette de trois spectacles« für die Jahre 1754 u. 1755 finden wir folgende lehrreiche Zahlen: 1855 Einnahme 
vom deutfchen Theater 68.418 fl. 4 kr., vom franzöf. Theater 25.251 fl. 56 kr. Caffareft u. Einnahmen von den »kleinen« (Neben-) Spectakeln 
1321, 191.,, .Maskenbälle im Redoutenl'aale 11.921, 56 kr. Beitrag vom Kammerzahlamt Ihr. Maj. 19.000 fl., Einn. von den academies de mufique 
20.904, 52i/ 2 kr., vom Pharaofpiel auf den Redouten 13.130 fl. 5*/ 9 , Summe 159.948 fl. 1 3 «/., kr. — Ausgaben (1755): Deutfehe Komoedianten 
17.840 fl., franzöf. Korn. 29.750, 12 kr., Sänger 36.347 fl. 12 kr., Commiffarius u. Beamte 9242, 50 kr., Orchefter beider Theater 7583, 10 kr., Deco- 
rationen, Beleuchtung, Garderobe 24.140 fl. 33'., kr., Comparfen, Requifiten, Druckerei, Wägen S024, 9 kr., Extraordinaires 5294, 27" .... Miethe 
für das Stadttheater und den Garten für die Decorationen 3610 fl., Beitrag zum Zuchthaus .1200 fl.. Mufiker für Concerte, Opern u. Theaterfefte 
18.115 fl. 39 kr. Summe: 159.948 fl. 13 1 g kr. Als man im Jahre 1760 eine Separat-Berechnung für das deutfehe (Kärntnerthor-) Theater aufteilte, 
notirte man im Ausgaben-Etat pro 1759: I. Quartal: Befoldung der Beamten 1353 fl. 20 kr., Teutfche Komoedianten 4330: Tänzer u. 
Tänzerinnen </j der Gefammt-Ausgabe, weil die franzöf. höher kommen, 44<>r. 1 i/ 8 kr., Orchefter 939 fl. 20 kr., Decorationen («/ 3 der Gefammtausgabe 
für beide Theater, da das franzöf. Theater höher kommt) 313 fl. 8« 3 kr., Veftiarium (i/ 3 ebenfo) 1674, 42i/ 3 , Beleuchtung (ebenfo '/ 3 ) 1 1 18» l 2 /s » Extraaus- 
gaben 4594 fl. 58 kr. Ähnlich rechnete man in den anderen Quartalen. 

ls- 



72 

anftändig, fo war ihnen die kaiferliche Gnade gefichert. Bis 1859 war nur ein franzöfifcher Schaufpieler 
in Wien geftorben (Ribou); feiner Witwe wurde eine Penfion zutheil. Maria Therefia fungirte als 
Pathin bei der Taufe franzöfifcher Schaufpieler-Kinder. Diefe Künftler fremder Zunge verkehrten in den 
ariftokratifchen Palais; ihre gefellfchaftliche Stellung erhob fich hoch über jene der deutfchen Kameraden, 
aber auch über jene der Berufsgenoffen im franzöfifchen Vaterlande. Dort laftete ja bei aller Pracht und 
Herrlichkeit noch immer das Vorurtheil fchwer auf den Mitgliedern eines Standes, welcher der 
gallikanifchen Xationalkirche jener Tage nicht einmal der religiöfen Ermahnung, der kirchlichen Tröftungen 
werth fchien. Die Verweigerung der heiligen Sacramente an Komödianten war in Frankreich ebenfo 
häufig wie die Donnerreden lutherifcher Paftoren im deutfchen Norden gegen die Männer und Frauen der 
Bühne. Zu derfelben Zeit, da man in Paris Theaterdamen den Eintritt in die Kirche wehrte, da der Paftor 
von Laubegaft der frommen Xeuberin das kirchliche Begräbnifs verweigerte und den Sarg der Komödiantin 
bei verfchlofsenem Thor über die Kirchhofsmauer in den Friedhof fchaffen liefs, zu derfelben Zeit ftand 
die grofse Kaiferin Maria Therefia in Wien bei franzöfifchen Theaterkindern Pathe! 

Das frarizöfifche Schaufpielperfonal beftand aus elf Herren, acht Damen und drei Kindern, 
deren Rollenfächer und Gagen folgendermafsen angegeben werden: 

Messieurs:' Hebert, Charge de la regie theätrale, joue les Röles ä manteau et les financiers. — Rib ou, les premiers Röles. — Belleville 
les prem. Röles, les Lelio dans 1' Italien, chante dans les operas comiques. — Le Noble, les Rois dans le tragique, les Financiers, peres nobles et 
paysans dans le comique; chanle et les seconds Röles. — Bienfait, les comiques, des troisiemes Röles et confidents dans le tragique; chante etc. — 
Asmanel, Les comiques, chante etc. — Lavois, les comiques. — Brault, les seconds Rois et troisiemes Röles dans le tragique, des peres et 
raisonneurs dans le comique. — Gregoire et Gobert, les niais, les seconds et troisiemes comiques. — Ribou fils, des Röles d'Enfant. 

Mesdemoiselles: Bernardi, les prem. Röles. — Pitrot, les prem. R., chante aussi les prem. R. dans l'op. comique. — Beaupre, les 
Reines dans le tragique, les meres nobles et les Röles de caraftere dans le comique. — Durand, II. R., chante. — Ribou, Soubr. — Bienfait, 
Soubr., III. R. et confidentes dans le tragique, chante. — Charriere; Soubr. — Lavois, les R. de caraclere et autres dans le comique; des con- 
fidentes dans le tragique. — Bernardi et Ribou filles, des R. d'Enfants; — Pitois, Souffleur. 

Die Bezugsquelle des Perfonals war nur in felteneren Fällen Paris felbft; viel häufiger waren es 
die gröfseren franzöfifchen Provinztheater und die fchon begehenden franzöfifchen Hoftruppen 
deutfcher Fürften. Befonders lebhaft und fehr geregelt wurde der Verkehr zwifchen Wien und Paris, als 
Graf Durazzo im Jahre 1759 in eine innige Correfpondenz mit Charles Simon Favart in Paris trat, um 
fich des thatkräftigen Rathes diefes ausgezeichneten und vielerfahrenen Theatermannes bei der Führung 
der franzöfifchen Komödie in Wien zu bedienen. Favart traf wohl von all' feinen literarifchen Zeitgenoffen 
am heften den Ton der leichten, komifchen Operndichtung; feine fchöne und geniale Frau Marie Juftine 
Favart-Du Ronceray aber zählte zu den bedeutendften Künftlerinnen ihrer Zeit; an ihrer Wiege hatten 
fich, wie ihre Bewunderer zu fagen pflegten, die Grazien und die Mufen ein Stelldichein gegeben. Sie 
fpielte Liebhaberinnen und Soubretten, Landmädchen und Prinzeffinnen mit gleicher Treue und Frifche; fie 
trat an einem und demfelben Abende als Schaufpielerin, Sängerin und Tänzerin auf und fchenkte der 
Bühne unter Anderem die reizende komifche Oper »Baftien und Baftienne«. Sie wagte es zuerft, die 
Treue im Coftüme auf der Bühne zu verfechten und als fchlichte Bäuerin ohne pompöfe Coiffure, ohne 
Bracelets und Colliers, im fchlichten, fchmucken Kleidchen zu erfcheinen. Durazzo fchätzte fie als das 
Ideal einer graziöfen Künftlerin und verfäumte nicht, ihr von Wien und Venedig aus kleine Aufmerkfam- 
keiten zu erweifen. 

Als Durazzo mit diefem merkwürdigen Paare in Verbindung trat, hatte Favart bereits feinen 
verhängnifsvollen Künftlerzug im Gefolge des Marfchalls von Sachten und auch die Baftille hinter fich, 
in die man ihn gefleckt hatte, als er feine Gattin nicht freiwillig dem galanten Marfchall ausliefern wollte. 
Nun fang Madame an der italienifchen Oper zu Paris, Monfieur aber bereicherte die opera comique mit 

i Nach der Zeit des Engagements geordnet. — Zeitweilig engagirt waren : Clavareau pere et fils, Julien, Therodax, Dancourt, Dorville 
Rousselois; die Damen Le Blanc, Julien, Durville, Dorville. »Mesdemoiselles« gilt hier auch für Frauen. — Die Gagentabelle verzeichnet: Ribo, 
et son epouse 6000 fl., Bienfait et son epouse 3000 fl., Bernardi, Hebert, Belleville, Pitrot, Charriere, Laroy et s. epouse je 2000 fl., Le Noble u. 
Beaupre je 1800 fl., Armand 1600, Duiand 1500, Chevillard u. Brault je 1200, Pitois, Souffleur 400, Summe 30.500 fl. Dazu traten 1757: Clavareau 
fils 2400 fl. u. Rousselois 3400 fl. 




CHARLES SIMON FAVART. 




MARIE JUSTINE FAVART. 



73 

feinen reizenden petites pieces, von denen »La Tille mal gardee« (das fchlecht gehütete Mädchen), »Le 
cocq du village« u. A. noch heute nicht vergelten find. Favart wurde gleichzeitig fozufagen der Charge 
d'affaires des Wiener Theater-Cavaliers in der franzöfifchen Metropole, welche ja doch als die Metro- 
pole der gefammten feineren Kunftwelt galt. Favart erftattete dem Grafen eingehende Berichte über alle 
Vorgänge und Erfcheinungen in diefer künftlerifch reichbelebten Stadt und heftete fein Auge forfchend 
auf Alles, was ihm — nach Durazzo's Andeutungen und Wünfchen — Bedeutung und Intereffe für 
Wien zu haben fchien. »Je souhaite«, fchreibt ihm der Graf einmal, »que vous vous regardiez comme 
associe au theatre de Vienne, et comme interesse ä pourvoir ä son embelissement et ä son 
soutien, en tächant de nous procurer, dans tous les genres, les sujets, qui nous manquent . . .« Diefem 
Ehrentitel eines »Affocies« des Wiener Theaters fuchte Favart in der That gerecht zu werden, 
und ein grofser Theil feiner hinterlaffenen »Memoiren« 1 ift mit der Correfpondenz Favart-Durazzo 
erfüllt. Diefer Briefwechfel gewährt uns auch den tiefften Einblick in die Verhältniffe des »Theatre- 
Francais« von Wien — das ja faft zwei Jahrzehnte lang identifch mit dem »Burgtheater« war — und in 
deffen Beziehungen zu Paris. Favart hört, prüft und engagirt Sänger und Sängerinnen, Schaufpieler und 
Schaufpielerinnenfür Wien, und eben bei diefer Aclion ift ihm der Hinweis auf die vornehmen und fitt- 
lichen Zuftände in Wien, auf die edle Protection des franzöfifchen Schaufpiels durch die Kaiferin von 
grofsem Nutzen. Solche Vorftellungen bewegen manche Eltern, ihre Kinder dem in Frankreich felbft fo 
verrufenen, für wohlerzogene Damen fehr bedenklichen Stande anzuvertrauen. 2 

Sehr häufig wiederholen fich in Favart's Briefen Klagen über die Schwierigkeit, Künftler für Wien 
zu gewinnen, bei den hohen Anfprüchen, welche diefelben Hellen und welche anderswo erfüllt würden. 3 
Ja, es gehörte nachgerade eine gewiffe diplomatifche Kunft dazu, Parifer Künftler aus Frankreich loszu- 
bringen. Im Herbft 1763 verbot der König allen »Komcedianten, Tänzern, Sängern und Symphoniften« 
bei fchwerer Strafe, ohne befondere Erlaubnifs des Oberftkämmerers Frankreich zuverlaffen, von welcher 
Ordonnanz fofort mehrere nach Wien engagirte Künftler betroffen wurden. Favart fuchte nach einem 
Auskunftsmittel in diefer Bedrängnifs. Wenn Paris eine Schule der Talente habe, warum follte fie 
Wien nicht ebenfo befitzen können? meinte er und fchlug vor, in Frankreich Talente zu fuchen und 
in Wien auszubilden. Durazzo dachte fich die Sache nicht fo leicht, zumal eine folche Theaterakademie 
auch ein hübfches Stück Geld gekoftet hätte. Man befchränkte fich alfo darauf, den Parifer und grofsen 
franzöfifchen Provinzbühnen, wie Lyon, Bordeaux, Marfeille, ßefancon, auch Brüffel, Haag u. f. w. 
brauchbare Kräfte abzunehmen; der Künfilerexport aus Frankreich befferte fich ja, zumal die königliche 
Ordonnanz wie fo manche andere bald genug in Vergeffenheit gerieth. Das Jahr 1 763 war befonders 
ergiebig an franzöfifchen Talenten für Wien. Favart war unermüdlich, und Durazzo nahm eines einzelnen 
tüchtigen Mitgliedes wegen ganze Familien mit in Kauf. Mdlle. Beaupre, welche Favart bereits als die 
hoffnungsvollfte Erwerbung, als ein wahres Ideal an Talenten, gepriefen, 4 entrang er mit Hilfe des öfter- 

• Memoires et correspondances litteraires, dramatiques et anecdotiques de CS. Favart, publies par A.T.C. Favart, son petit Fils etc. Paris 1808. 

2 Favart an Durazzo 20. Juni 1760: ... Je lui (ä Mlle. Lafond) ai propose de s'engager dans la troupe de Vienne; eile m'a temoigne que cela 
lui ferait plaisir; et sa mere y consent, sur le recit que je lui ai fait de la decence qui s'observe a ce theatre. Mdlle. Lafond est elevee bourgeoisement et 
dans d'honnetes principes; eile a refusee de debuter sur nos theätres, malgre les montagns, qu'on lui offrait, dans la crainte d'etre confondue avec 
quelques autres actrices qui deshonorent leur profession." — Und am 4. Juli 1760: . . . II y a longtemps quelle serait au theatre sans les prejuges de 
ses parents; mais je crois qu'il serait possible de leur faire entendre raison, en leur representant, que leur fille serait attachee ä une cour respektable, 
oü l'on a pour les talents toute la consideration qu'ils meritent, lorsqu' ils sont joints aux moeurs, et que les comediens ne sontpoint avilis en Allemagne 
par cette note d'infamie dont l'eglise gallicane continue de les fletrir, malgre le bref du pape accorde au duc de St. Aignan pour les rehabiliter. .... 

3 11. Juni 1762. J'ai fait des propositions a Mdlle. Dubois; eile a refuse. Je suis en pourparler avec Mad. Durancy pour sa fille: ce serait 
un sujet charmant; mais il y a faut de gens, qui sollicitent pour le concert de la Reine, pour l'Opera, pour les concerts particuliers et pour tout ce que 
l'on peut imaginer, que je ne saurois plus assurer le succes de ma tentation . . .c 

4 Favart aus Champigny 29. Juli .... »eile n'a pas plus de seize ans. C'est une blonde ä longs cheveux, ä beaux yeux noirs, peau blanche, 
visage rond, physiognomie agreable et piquante, teile qu'on peut se figurer celle de l'amour. Elle est d'une taille mediocre, mais bien prise; quoique son 
jeu soit rempli de vivacite et d'espiegleries, son caraftere me parait fort doux; son maintien esthonnete; eile joue tous les premiers röles dans les 
operas-bouffons. Elle chante avec justeffe et legerete ; eile est un peu muficienne: il n' y a que cinq ans^qu'elle est ä la comedie, et ce que je lui ai vu 
jouer a ete rendu avec tout l'art d'une aitrice consommee, aussi ne cesse-t-on de l'applaudir . . .« 

19 



74 




.]/. Dngazon 
als „Cliton" im ,, Lügner". 



reichlichen Bötfehafters rechtzeitig der Comedie Italienne; doch 
mufste man mit ihr auch ihren Bruder Mr. Beaupre, einen zweiten 
oder dritten Liebhaber und guten Tänzer, ja fogar auch Ballet- 
compofitor und deffen Frau, Dlle. Villeneuve, eine Figurantin 
mit 60 Francs Monatsgage, die ganze Familie en bloc mit 
6060 Francs, hinnehmen. Eine fehr tüchtige Kraft gewann man 
an Mr. de la Ribardiere, welcher Mantelrollen, peres nobles, 
Raifonneure und andere Rollen fehr gut fpielte und als drama- 
tifcher Dichter und Dramaturg (mit 4000 Francs Jahrgehalt) 
fungirte. Im December desfelben Jahres empfahl Favart die in 
Stuttgart engagirte Familie Dugazon, und zwar Madame für 
Charakterrollen und Königinnen, Monfieur als Komiker, einen 
Sohn von fechzehn Jahren als zweiten Komiker und eine Tochter 
als Soubrette. 

Nicht minder rege ift Favart' s Thätigkeit als »agent lit- 
teraire« feines Wiener gräflichen Freundes und Gönners. Nicht 
feiten fendet er durch Vermittlung des öfterreichifchen Botfehafters 
Graf Starhemberg Partien mit neuen literarifchen Erfcheinungen 
an den Wiener Oberdireclor, entwirft demfelben Scenarien neuer 
Stücke, fkizzirt auffehenerregende Bücher, erzählt pikante Details 

aus der Parifer chronique fcandaleuse, fo dafs feine Berichte dem Grafen Durazzo nachgerade zum 
Bedürfniffe und zur Erquickung werden. Er und Kaunitz erwarten mit Ungeduld diefe Parifer Briefe 
und Sendungen. Sieht Durazzo bei Kaunitz Bücher, die er felbft noch nicht kennt, fo fendet er 
fchleunigft ein Brieflein ab, um fie zu requiriren. Neidvoll blickt er dann nach der franzöfifchen Metropole 
und bedauert, dafs fich, trotz feiner eigenen redlichen Beftrebungen, V/ien diefem Ideale noch lange 
nicht nähere. So fendet der Graf am 12. December 1761 folgenden Stofs-Seufzer an feinen Correfpon- 
denten in Paris: 

>Je souhaitais, que la ville de Vienne f ü t aussi fertile en evenements que Paris, pour pouvoir vous rendre le change; mais les 
moeurs de ce pays, toutes contraires a Celles du votre, ne me fournissent rien qui puisse etre mis en parallele avec la variete des nouveautes dont 
Paris fourmille; c'est pourquoi je me bornerai des remereiments sans nombre, des soins et des peines que vous prenez de me desir de l'etat 
lethargique oü je serais peut-etre plonge ä trois cents Heues des arts et des sciences sans vos epitres que je vous prie de me continuer avec la 
meme exaetitude.« 

Und Favart feinerfeits bewundert immer wieder den erleuchteten Geift und die Großmuth des 
Wiener Theatergrafen. Aus einem der Briefe Durazzo's (18. Mai 1761) erfahren wir auch, dafs der Graf 
felbft als dramatifcher Autor thätig war. Er fendet Favart fein Stück »Armida«, das er mit einem feiner 
genuefifchen Freunde, dem nachmaligen Dogen von Genua, Marquis Lo meilin, vor feiner erften Reife 
nach Paris angefangen habe. Da er aber nicht dazu komme, das Stück einzurichten, fo habe er es an 
Mr. de Migliavacca, Legationsrath zu Dresden, den Dichter der von Gluck componirten »Thetis«, 
einen der beften Jünger Metaftafio's, gefandt, damit er es in Verfe bringe und ihm nur die Idee wahre. 
Durazzo bittet, das Buch dem Abbe Arnaud zu übergeben, der ihn vielleicht mit einer Erwähnung in 
feinem Journal erfreuen werde. Favart ift begeiftert von dem Genie Durazzo's und dem Talent 
Migliavacca's und leiftet folgenden Hymnus auf den Maecen: 

»Tout se trouve reuni dans ce charmant poeme italicn: chaleur d'interct, Situation pathetique, pompe du speetacle, richesse de poesie, elegance 
de style et purete de difilion. Si Virgile, le Tasse et Quinault (Dichter der von Gluck componirten »Armida«) ont prete quelques pensees pour exprimer 
la douleur d'une amante abandonnee, ont peut assurer, que les auteurs de l'Armide ne leur sont point inferieurs; ils sont createurs en imitant: leur 
copie pourrait servir de modele aux originaux.« 

Das Repertoire der Franzofen bietet ein ziemlich getreues Bild der Entwicklung und Entfaltung 
der franzöfifchen Literatur im Zeitalter Louis XIV. und feither, alfo in einer literarifchen Periode, welche 



75 

man in Wien fo ziemlich verfchlafen hatte und bisher nur aus fchalen Überfetzungen und Nachbildungen 
oder gelegentlichen Dilettantenvorftellungen kannte. Auch hier war begreiflicherweife eine gewiffe 
Rückficht auf Wiener Verhältniffe unabweislich. Durazzo hat fich darüber fehr intereffant in feinen 
Briefen an Favart geäufsert 1 . Die franzöfifche Komödie war eben aufserhalb Frankreichs, wie Durazzo 
richtig fagt, mehr ein Vergnügen der Nobleffe als eine Schule des Volkes; deshalb war es nicht 
unbedingt geboten, fie der deutfchen Volksmoral anzupaffen. Verpönt waren von vorneherein alle zu 
feinen oder zu ftarken Zweideutigkeiten, Perfiflagen des Clerus und die in Frankreich beliebte, behagliche 
Schilderung jener »doppelten Menagen«, welche in dem gefitteten Wien glücklicherweife noch ein 
Scandal waren. Nach dem Beifpiele Gottfched's, welcher unter dem umftändlichen Titel: »Nöthiger 
Vorrath zur Gefchichte der deutfchen dramatifchen Dichtkunft« fein chronologifches Verzeichnifs aller 
bisher gedruckten deutfchen Theaterftücke erfcheinen liefs, wurde 1757 in Wien ein jedenfalls werth- 
volles und feltenes Büchlein: »Repertoire des Theatres de la Ville de Vienne« ausgegeben 2 , 
ein Regifter aller feit 1752 bis zu jenem Jahre notirten Wiener Theatervorftellungen, Schaufpieler 
Tänzer, u. f. w., das fich ziemlich treu an die Thatfachen hält, wenn auch einige der in den kaiferlichen 
Schlöffern aufgeführten Komödien in den Liften fehlen. 

Wir finden in dem Repertoire der Tragödie Voltaire, Pierre und Thomas Corneille, Racine, Cre- 
billon; in der Komödie Moliere mit den meiften feiner Meifterwerke, Racine, T. Corneille, Renard, 
Dancourt, Destouches und Marivaux, welche damals fchon fleifsig in das Deutfche übertragen wurden, 
Boiffy, de Bruyeis, Greffet, Le Sage, La Motte, de la Chaussee, Le Grand, Scarron u. A. verzeichnet; 
auch die »pieces francoises-italiennes«, welche in Paris ihre befondere Pflege fanden, bilden einen feften 
Beftandtheil des franzöfifchen Repertoires in Wien. 

Wie mit dem deutfchen Schaufpiele die mufikalifche Burleske, auch »Oper« genannt, und das mitunter 
durch Arien aufgeputzte Zwifchenfpiel innig verbunden war, — die deutfche komifche Operette alten Stils, 
gegen welche das Ehepaar Gottfched wetterte, entftand 1752 bei der Koch'fchen Truppe — fo verband 
man mit dem franzöfifchen Schaufpiel die opera comique, welche Le Sage, Dorneval, Favart, Fagant und 
Vade zu einer gewiffen Vollkommenheit gebracht hatten, fo dafs ihr in Paris ein eigenes Mufenhaus 
geweiht worden war. Heberts Wiener Truppe hatte unter ihren Schaufpielkräften genug Perfonen zur 
Pflege diefer Kunftgattung. Ein künftlerifches Phänomen geradezu befafs die Gefellfchaft aufser dem 
genialen Ribou in der elften Tänzerin Mad. Louife Jeoffroi-Bodin, welche nicht nur Hervorragendes 
im Ballet leiftete, fondern auch Primadonna der franzöfifchen komifchen Oper war. Sie erfreute fich 
in Wien eines Anfehens, das nur mit jenem des Lieblings Ribou verglichen werden konnte. Ohne fie 
wäre die komifche Oper überhaupt unmöglich gewefen. Ein eigenes franzöfifches Opernperfonal exiftirte 
nicht; die meiften Schaufpieler befafsen foviel Stimme und mufikalifche Kenntniffe, um den mäfsigen 
Anfprüchen diefer opera comique zu genügen. Graf Durazzo hatte für folche mufikalifche Nippes 
eine befondere Vorliebe, welche übrigens auch vom Standpunkte des praktifchen Bedarfs begreiflich 
erfcheint, da die italienifche Oper als fefter Beftandtheil des Hoftheater -Repertoires aufgelaffen war, 
die franzöfifche komifche Oper alfo zeitweilig allein die mufikalifchen Schaufpiele der vornehmen Welt 
repräfentirte. 

Die Mufik war aufser ihnen nur noch durch die fogenannten mufikalifchen Akademien und Concerte 
im Burgtheater vertreten, welche an Normatagen unter Mitwirkung erlefener Künftler, namentlich der 

1 »Les changements qu'il faut faire pour transporter une piece des theatres de Paris sur celui de Vienne, consistent plus en retranchements qu'en 
additions. Toute equivoque ou trop forte ou trop fine, gäte les moeurs ou les suppose gätees ; toute satire, qui tombe sur le clerge peut nuire a la 
religion, toute epigramme sur les financiers est perdu, hors de France; toute peinture de ces commerces de galanterie qui suppleent au mariage ou qui 
sont ce qu'on appelle des doubles menages, est un scandale ä Vienne. La me'tromanie et le bei esprit ne sont point les travers des Allemands: Mr. Favart 
voit a on pres dans ces points d'observations les principaux objets « 

2 Repertoire des Theatres de la ville de Vienne depuis l'annee 1752 jusqu' ä l'annee 1757. Vienne en Autriche, dans l'imprimerie de Jean Leop. 
nob. de Ghelen. MDCCLV1I. 

19* 



76 

grofsen Gabrieli das Komödienhaus belebten. 1 Für diefe Akademien ebenfo, wie für die kleine komifche 
Oper wurde das verftärkte Orchefter des franzöfifchen Theaters herangezogen. 2 Der Oberdireclor mufste 
an die Befchaffung eines ausreichenden Repertoires von operas comiques umfo eifriger denken, da 
diefelben für die kaum eine Stunde währenden Hof-Separatvorftellungen in Schönbrunn und Laxenburg 
befonders geeignet fchienen. 3 

Durazzo, ein Mann von mufikalifchem Gefchmack, von dem lebhafteften Intereffe für alle Vorgänge 
auf künftlerifchem Gebiete in der Welt und von grofsem Verftändnifs für Talent und Genie, hatte fich 
fchon in dem erften Jahre feiner alleinigen Amtsführung als Leiter der Wiener Bühnen der dauernden 
Mitwirkung Gluck's verfichert und denfelben als Kapellmeifter mit 2000 fl. Jahresgehalt engagirt. Wenn 
der Gluck-Biograph Anton Schmid von einer »Oper am Wiener Hoftheater« fpricht, fo ift dies nicht 
wörtlich zu nehmen. Nur die Abwefenheit einer ftändigen Oper liefs ja Gluck Mufse genug, um 
1 754 feine neue grofse Romreife zu thun, von welcher er als der »Chevalier de Gluck« (Ritter des päpftlichen 
Sylvefter-Ordens) zurückkam. Er war Capellmeifter der mufikalifchen »Akademien«. Einen befonderen 
Zweig feiner Thätigkeit als Wiener Kapellmeifter bildete die Compofition einer Anzahl von »airs nouveaux» 
— Gefänge mit einfacher Clavierbegleitung im leichten franzöfifchen Style — zu den kleinen Singfpielen, 
welche die franzöfifche Truppe namentlich in Schönbrunn und Laxenburg zur Aufführung brachte. 
.Manche diefer Singfpiele find von Gluck allein in Mufik gefetzt worden. Lebhafte Anregungen zur Pflege 
diefer Kunftgattung gab die Correfpondenz Durazzo's mit Favart, welcher ja eben auf diefem Kunft- 
gebiete Autorität und raftlos thätig war. Favart rühmt die Blüthe diefes Genres, das Le Sage, Dorneval, 
Piron und Fuzelier von den groben Obscönitäten früherer Zeiten gereinigt und veredelt hatten, und 
erkennt eben in unferem Gluck den Mann, folch' feine Scherzfpiele mit graziöfer Mufik zu verfehen: 

»J'enverrai nos intermedes ou operas bouffons avec la musique, en faisant les augmentations, retranchements et changements necessaires pour 
les ajuster comme on le desirera. Je pourrai aussi donner de nouveaux poemes en ce genre, que l'on ferait mettre en musique en Allemagne: il me 
paroit que M. le Chevalier de Gluck entend parfaitement cette espece de composition. J'ai examine et fait executer les deux operas comiques 
»Cythere assiegee et »l'Isle de Merlin«; je n'y ai rien trouve ä desirer pour l'expression, le goüt et l'harmonie, et meme pour la prosodie francaise. Je 
serais flatte que M. Gluck voulüt exercer ses talents sur mes ouvrages, je lui en devrois le succes . . .« 

Thatfächlich fanden Gluck's »Cythere assiege« und »l'Isle de Merlin« auch in Paris lebhaften Beifall, 
und eine Reihe diefer komifchen Singfpiele von Favart und Anderen — Les amours champetres, le Chinois 

• Khevenhüller's Tagebuch verzeichnet am 16. Februar 1755: »Ihre Majeftäten erfchienen abends bey den heut zum erften mahl auf dem 
theatre nächft der Burg gehaltenen Concert oder fogenannten academie de musique, womit alle Sonn-, Diens- u. Donnerstag continuiret 
wurde; diefes Faften Speflacle dauerte von 6 biß 9 Uhr, man bezahlte die entree, jedermann kunte darunter fpillen. Das theatre war fehr fchön 
zugerichtet u. wohl illuminiret, u. um leuthe zu attiriren befleissen fich d. conte Durazzo, als welcher nun die infpeclion diefes Departements hat, 
theils fremmde ftimmen, worunter eine fichere Sgra. Gabrieli d etta la Cochetta bella voce di soprano fich hören laffen, anhero zu befchreiben, 
theils verfchiedene Variationen von chori, oratorii, salmi, arie, duetti zu produciren, wie fich dann immerdar ein zahlreiches auditorium dabey 
eingefunden hat.« — Die Koften für die in diefen Akademien verwendeten »Virtuofen« werden im Budget pro 1756 — 57 (Gen. Int. Archiv) folgender- 
mafsen angegeben: Virtuofes de l'academie de musique. Prima donna: Mad. Cath. Gabrieli 6184 fl. 30 kr., Seconda donna: (unbefetzt), 
Primo soprano: Belli 2062 fl. 30 kr., Manzariti 3712 fl. 30 kr., Secondouomo: Bareggi 1234 fl. 30 kr., Tenore: Bartotti 783 fl. 45 kr., de Mezzo 
1237 fl. 30 kr., Tertia donna: Franc. Gabrielli 825 fl., Maestro e direttore: Gluck 825 fl. Summe 16.871 fl. 15 kr. Dazu bemerkt Durazzo: »II faut, 
que La Majeste daigne donner ses ordres pour la musique, car il en a personne d'engager pour l'ainee prochaine que Mad. Gabrielli ainee. — Catharina 
Gabrieli oder Gabrielli — man fchreibt fie verfchiedenartig — war geboren zu Rom 12. November 1730 als die Tochter eines Kochs des Fürflen Gabrieli, 
daher ihr Spitzname »La cochetta« (die Köchin) und ihr Theatername »Gabrieli.« Sie war eine »Entdeckung« Porpora's und eine der hervorragendften 
Schülerinnen Metaftafios, überbot die grofse Tefi an Schönheit, Stimmkraft, Zauber des Vortrags und Anmuth der Darfteilung und kam Caffarello an 
Reichthum nahe. Als fie 1765 von der Czarin Catharina II. 5000 Ducaten für ein zweimonatliches Engagement verlangte und die Kaiferin diefe 
Summe mit Entfetzen »höher als eine Feldmarfchalls-Gage« bezeichnete, that die fchöne Römerin den denkwürdigen Ausfpruch: »So laffen Majeftät 
einen Ihrer Marfchälle fingen!« Die Gabrieli ftarb 1796 zu Rom. 

2 Diefes Orchefter zählte 12 Violinfpieler (Franz Braun, Huber, Ulimann, Grofsauer, Teiber, Chrift. Duffik, Starzer [Balletcompofiteur], Denk, 
Hoffer, Malzas, Borghi, Champce), 2 Celli (Franciscello und Wocicka), 2 Contrabäffe (Schnauz, Cammermayer), 1 Flöte und 2 Oboes (Schulz, 
Jauzer, Venturini), 2 Violen (Tempus, Niezki), 1 Baffon und 2 Waldhörner (Steiner, Winkler, Stadler). 

» Am 3. Oftober 1758 notirt Khevenhüller in feinem Tagebuche (mittlerweile auch zum Theile von Ludwig Bock im Wr. ftädt. Jahrbuche 1896 
publicirt): »heute Abends auf dem Schönb runner Theater jene neue opera comique „le monde renverse" producirt, welche bereits zu Laxenburg 
aufgeführt werden follte, aber wegen Mad. Bodin oder Geoffroi, die noch zu neu aus dem Kindbett gekommen war, bis nachher verfchoben 
werden mufste. Die Entree blieb auf dem alten Fufs. Den Botfehaftern und Frauen wurde die kleine Loge zur Linken eingeräumt; nach der Komoedie 
ein neu hiezu componirtes Ballet.« 




J. SCHMUTZER SC 



MADAME GEOFFROY-BODIN 

Erste Tänzerin und Sängerin des Theätre franc;ais in. der Bur? 






Fnotoöravure von R Paiuusser-.Wen. 



78 

Pietro de Mezzo in dem Werke, das bereits den Claffiker Gluck vernehmlich andeutet. Die Feierlichkeiten 
aus Anlafs der Vermählung des Thronerben Jofeph mit Prinzeffin Ifabella von Parma (8. bis 10. 06tober 
1760) zeigen Gluck in des Hofes voller Gunft. Man überträgt ihm, mit Übergehung des erften Hof- 
capellmeifters J. G. Reutter, die Leitung der Hofmufikfefte in der Kaiferburg; Haffe's »Aleide in Bivio« 
und Glucks Serenata »Tetide« (noch zu Migliavacca's Text) mit der göttlichen Gabrieli alsThetis, Giov. 
Manzoli als Apollo, Carlani als Mars, Maria Pinelli als Pallas und Terefa Giacomazzi als Venus verherrlichen 
das Feft. Haffe und Gluck! Ein untergehender und ein aufflammender Stern! Dort der gröfste Mufiker, 
welcher den fanften, fchönen Worten und Verfen Metaftafio's die ftylvolle, ebenfo zarte als zierliche 
Begleitung gegeben hat, hier der jüngere, thatkräftige deutfehe Meifter, der fich langfam von den Rofen- 
banden loslöft, welche auch ihn mit dem in majeftätifcher Gröfse thronenden Abbate Metaftafio folange 
verbunden haben; er ringt mächtig nach dem freien, lebendigen, dramatifchen Ausdrucke für das 
gefprochene Wort, er fehnt fich nach Erlöfung von der Schablone des gezierten Gefanges, der 
unnatürlich-feelenlofen Darftellung! Auch das zeitweilige Nebeneinanderwirken Haffe's, welcher aus 
dem vom Feinde bewältigten Dresden geflohen war und in Wien 1761 eine ehrenvolle Aufnahme gefunden 
hatte, und Gluck's zählt zu den denkwürdigen Momenten in der Theater-Regierungszeit Durazzo's. 

Glucks »Thetis« ging übrigens nicht im Burgtheater, fondern in den kaiferlichen Redoutenfälen in 
Scene, welche zu diefem Theaterfefte mit feenhafter Pracht gefchmückt waren. Die Scene felbft zeigte die 
Burg der holden Meeresgöttin, welche fich, erbaut aus Eiskryfiallen, auf einer leuchtenden Klippe als 
fäulengetragener Bau erhob. Um die Säulen fchlängelten fich Algen; in Äfien fchofsen Korallen 
hervor, Mufcheln blitzten juwelengleich aus dem Geftein. Allenthalben, in den Hallen der Burg und auf 
moosbedeckten, mit Seepflanzen bekleideten Klippen lagerten Tritonen und Nereiden, oder fie tummelten 
fich in den, den Burgfelfen umbrandenden Wogen. Inmitten der Klippen aber, umgeben von dem Heere 
der Götter und Nymphen, thronte in berückender Schönheit Thetis-Gabrieli und bezauberte mit dem 
künftlerifchen Sänge Gluck'fcher Melodien die Hörer; die Götter jauchzten ihr in wohlgefetzten Chören 
zu, und in der grofsen Bravour-Arie »Ah tu del ciel gran Nume« feierte die Primadonna einen ihrer 
gröfsten Triumphe .... Als der Meifter nach einem neuen italienifchen Ausfluge, 1762, mit feinem 
getreuen Dittersdorf wieder nach Wien heimkehrte, bereitete er den entfeheidenden Schritt feines 
Künftlerlebens vor. Er hatte in Wien einen verftändnifsvollen Theilnehmer feiner Ideen gefunden: 
Raniero von Calzabigi aus Livorno, in feiner Amtsftellung Rath bei der niederländifchen Rechnungs- 
kammer, fonft aber Poet und Aefthetiker von Gefchmack und tiefer Kenntnifs des Wefens und der 
Mängel der italienifchen Oper. Er, der Herausgeber der dramatifchen Werke Metaftafio's, durfte es felbft 
wagen, diefen Olympier um feinen Segen für das neue Werk zu bitten, das er im Verein mit Cavaliere 
Gluck fchuf und in neue, nie befchrittene Bahnen lenkte. Am 5. Oclober 1762 erlebte das Burg- 
theater die erfie Aufführung diefer dem Bunde Glucks mit Calzabigi entflammenden Oper »Orpheus 
und Eurydike«, und mit flammender Begeifterung begrüfste das erlefene Publicum, dem die Majeftäten 
angehörten, die neue Offenbarung des Gluck'fchen Genius. Der berühmte ContraaltiftGaetano Guadagni, 
ein Lombarde (geb. 1725), deffen Ruhm damals fchon europäifch und deffen Verehrung für Gluck mit 
warmer Freundfchaft gepaart war, fang den Orfeo mit einer an italienifchen Sängern unerhörten Unter- 
ordnung unter des Meifters weifen, aber befremdenden Willen; Signora Bianchi fang die Eurydike, 
Signora Glebero-Clavarau den Amor. So mächtig wie das furchtbare Xo! des Furienchors hatte 
noch kein Opernwort das Publicum getroffen, fo tiefbewegt war noch nie die Opernfeele gewefen. Zu 
den überzeugten Bewunderern der neuen Schöpfung zählte Du razzo; er fetzte feinen Parifer Vertrauens- 
mann dafür in Bewegung. Durazzo felbft befchlofs, der Partitur des epochalen Werkes eine Verbreitung 
zu geben, wie fie zuvor keine andere befeffen. Er fandte fie im Anfange des Jahres 1763 an Favart 
mit der Bitte, die Kofien eines Stichs und der Herausgabe zu berechnen und diefe felbft zu befchleunigen. 
Wer das Werk aus den Händen Favart's empfing, bewunderte es; Niemand verkannte feine Bedeutung, 



79 

nach längerer Unterhandlung aber kam erft die Herausgabe zu Stande. Sie koftete 2000 Livres, ein 
Exemplar der von Monnet mit einem künftlerifch gezeichneten Frontifpiz ausgelüfteten Partitur wurde 
mit 16 bis 18 Livres verkauft; doch waren die Liebhaber fpärlich, und 1767, mehrere Jahre nach dem 
Erfcheinen, mufste Favart feinem mittlerweile längft von Wien gefchiedenen Gönner berichten, dafs nur — 
fechs Exemplare verkauft waren. Eben die Sorgen aber, die Pich Graf Durazzo um »Orpheus« und 
deffen Wiener und Parifer Schickfal machte, der Eifer, mit dem er die Parifer Herausgabe und Aufführung 
betrieb, zeigen von feiner geläuterten Kunftanfchauung, von feiner Thatkraft in der Förderung alles 
Edlen in der Kunft. In feine Regierungsperiode, mit welcher auch gewiffermafsen Glucks zweite 
Kunftperiode abfchlofs, fielen noch die Aufführung des von Gluck neubelebten »Ezio« Metaftafio's 
(December 1 763), der nun erft feine volle dramatifche Wirkung übte und aus einer fteifen Dichtung zum 
lebendigen Drama wurde, und der dreiacligen komifchen Oper »La Rencontre imprevue«, deren Text 
der 1764 in Wien weilende Librettift L. H. Dancourt, ehemals Harlequin zu Berlin (f 1801), nach 
einer Le Sage'fchen Farce fchlecht und recht gefchrieben hatte. Das Diarium meint, Gluck habe fich 
darin felbft übertroffen und aufserordentlichen Beifall geerntet. Unter dem Titel »Die Pilgrime von 
Mekka« hat man das Werk fpäter verdeutfcht, aber auf die Nachwelt ift es nicht gekommen; diefer 
Text war dem XIX. Jahrhundert nicht anzupaffen. Das Jahr 1765, das letzte der Regierung Franz L, 
fetzte Glucks Mufe noch zweimal für höfifche Fefte in Thätigkeit: am 22. Jänner hörte man, wie fchon 
früher erwähnt, in Schönbrunn »II Parnasso confuso«, einige Tage fpäter, ebenfalls in Schönbrunn, 
»Telemaco« oder »L'Isola di Circe«, ein neubearbeitetes älteres Werk, deffen Ouvertüre nachmals zur 
Armida-Ouverture wurde; andere Partien derfelben Oper haben in »Iphigenie en Aulide« glücklichere 
Verwendung gefunden. Ein drittes Werk »La Corona« (Text von Metaftafio), welchem ebenfalls eine 
Aufführung durch jene vier gefangskundigen Erzherzoginnen zugedacht war, ift der Öffentlichkeit ganz 
vorenthalten geblieben; der Tod Franz L, deffen Namenstag es verherrlichen follte, liefs jede Freude in 
den Hallen der Kaiferfchlöffer verftummen; »La corona« blieb unaufgeführt. Ein anderes tragifches 
Schickfal hatte das Leben des Gluck'fchen Ballets (Compofition von Angiolini) »Das fteinerne Gaft- 
mahl« — - die Handlung entflammt der Don Juan-Legende — im November 1761 jäh abgefchnitten. 
Der Brand des alten Kärnthnerthor-Theaters brach bei einer diefer Balletvorftellungen aus. So hängt 
der Name Gluck's mit einer Wiener Theaterkataftrophe zulammen, deren Einwirkung auf die Neuordnung 
des Kunftlebens der Refidenz nicht unwefentlich war. Sein Name follte aber auch noch mit anderen 
Wiener Theaterkataftrophen in Verbindung gebracht werden, deren augenblicklich unheilvolle Wirkung 
in der Folge zum Vortheile für das deutfche Theater Wiens geworden ift. Der Aera Durazzo gibt das 
Erfcheinen und die Entfaltung Glucks bis zu den erften Thaten feiner claffifchen Epoche keine geringere 
Bedeutung als das Emporblühen einer Händigen franzöfifchen Bühne in Wien, welche — losgelöft von den 
nationalen Gefiehtspunkten jener Zeit — von wohlthätigem Einflufse auf die deutfche Schaubühne 
geworden ift. 




20- 



80 




V. 



DAS DEUTSCHE SCHAUSPIEL 

WÄHREND DER ERSTEN H0FDIRECTI0N. 



DURAZZO'S ENDE. 



1752 — 1765. 








£i^ 



AS war aus dem deutfchen Schaufpiel geworden, feit die Hofdirec~tion das 
Theater nächft der Burg zum Theatre francais, zum Hort der fo- 
genannten ausländifchen Speclakel in Wien, erklärt hatte? Die Betrachtung 
der franzöfifchen Bühne in dem Komödienhaufe der Kaiferburg hat uns 
Gelegenheit geboten, manch' mitleidigen Seitenblick auf das Stiefkind der 
Mufen zu werfen, das in dem fogenannten »Stadttheater« nächft dem 
Kärntnerthore — auch »deutfches Theater« genannt — ein fchlichtes, 
aber dabei recht fröhliches Dafein führte. 

Man kann übrigens den Grafen Efterhäzy ebenfo wenig wie den 
Grafen Durazzo tadeln, wenn He ihre zärtliche Fürforge in erfter Linie dem 
franzöfifchen Burgtheater und der franzöfifchen Schaufpieler-Ariftokratie 
zuwendeten. Als Mitglieder der »Xobleffe« hatten fie eben ihr Herz an das 
Mode-Theater derfelben verloren, das dem Grafen Durazzo fchon deshalb 
näher ftand, weil er mit feinen ganzen literarifchen Neigungen und Paffionen den Franzofen zugehörte 
und der fchwerfällig nach Erhebung und Läuterung ringenden, thatfächlich aber noch in der derben 
Burleske wurzelnden deutfchen Komödie keinen Gefchmack abgewinnen konnte. Eine nationale Anti- 
pathie wollen wir darin keineswegs erblicken; haben wir doch Durazzo auf einem fehr wichtigen 
Gebiete, jenem der Gluck'fchen Opernreform, vollkommen losgelöft von feinen in der Heimat noch fehr 
mächtigen italienifchen Vorurtheilen, als einen energifchen Vorkämpfer der neuen Richtung bewundert. 
Wo es dem veredelten literarifchen und künftlerifchen Gefchmacke im deutfchen Schaufpiel Rechnung 
zu tragen galt, dort fehen wir Durazzo gewifs auf Seite der Reformatoren. Wenn ihm, dem Genuefen, 
auch das deutfche Idiom nicht geläufig war, fo hatte er doch einen feinen künftlerifchen Inftincl und 
wufste fich mit dergrofsen Kaiferin in dem entfchiedenen Willen einig, die deutfche Schaubühne, deren 
unmittelbaren Einflufs auf Bildung und Veredlung des Volkes er erkannte, zu beffern und emporzuheben. 
Diefe Tendenz waltet feit Beginn der Hofdireclion, feit der Theilung des privilegirten Wiener 
Theaterwefens in eine vornehme franzöfifche und eine volksthümliche deutfche Schaubühne, vor. 
Durazzo leitet beide Bühnen als Vertrauensmann der Kaiferin, die Stadt controlirt ihr altes Theater 
am Kärntnerthor durch ihre Commiffäre. Dafs diefes Komödienhaus mit feinem Schaufpiel in der 
Volksfprache das eigentlich verdienende Element war, haben uns bereits einige Ziffern gezeigt. 



81 

Diefen in feiner Art bevorzugten Platz dankte die deutfche Bühne ohne Zweifel in erfter Linie dem 
volksthümlichen Schaufpiel, der noch immer extemporirten Komödie. Der Mann, welcher als Regiffeur 
und artiftifcher Leiter des Schaufpielhaufes gelten kann, erfcheint ja auch im Lichte feiner Zeit und im 
Munde feiner immer ftärker anwachfenden und immer fchärferen kritifchen Richter als ein überzeugter 
und begeifterter Verfechter des Stegreiffpiels. Und ein Kämpfer von folch' geiftiger Kraft und Viel- 
feitigkeit bedeutete etwas in dem Kampfe der Parteien, der immer heftiger entbrannte und auch das 
Publicum in zwei feindliche Lager trennte. War Weiskern — wir meinen keinen Anderen als ihn — 
wirklich diefer Recke der »Burleske«, fo war er doch klug genug, auch dem regulären Schaufpiel den 
von deffen Anhängern immer ftürmifcher reclamirten Platz im Spielplane anzuweifen. Deshalb war es 
wohl ungerecht von der literarifchen Reformpartei, gerade diefen Mann für alle Unthaten auf dem 
Gebiete der extemporirten Komödie verantwortlich zu machen. Als einer der heftigften Eiferer (1766) 
in der »Bibliothek der fchönen Wiffenfchaften« den Marken Satz leiftete: »Wie entfernt ift die Hoifnung, 
in unferem Vaterlande die Schaufpiele jemals zu einem gewiffen Grade der Vollkommenheit zu bringen, 
fo lange noch Weiskerne fich unterftehen dürfen, zur Schande Deutfchlands in einem Orte wie 
Wien aufzutreten?« und als man den Wiener »Odoardo« öffentlich aufforderte, von den Franzofen zu 
lernen, da erhob fich in dem fonft fo fchweigfamen Wiener Diarium ein Vertheidiger des Angegriffenen. 
Er wies auf die Thatfache hin, dafs gerade Weiskern mit Ribou, Hebert und den bedeutenden der 
franzöfifchen Künftler im engften Verkehre geftanden und von ihnen nach Verdienft gewürdigt worden 
fei. Der Redacteur der ftreitbaren »Bibliothek«, der Dichter Weiffe, fah fich auch zu einer Entfchuldigung 
veranlafst, welche als Urheber jenes Infults einen »gelehrten Reifenden« anführte. Und wenn etwas 
gegen die unferem Weiskern zugemuthete Verfolgung der regelmäfsigen Komödie fprach, fo war es 
fein offenkundiges Bemühen, erklärte Mitglieder und Verfechter des fludirten Stückes in die Donau- 
ftadt zu ziehen und die bemerkenswertheften Schöpfungen auf dem Boden der deutfchen und fremd- 
ländifchen Literatur der Wiener Bühne, natürlich in feiner Manier, zugänglich zu machen. Seinem 
regen und fcharfen Geifte blieben die Vorzüge der veredelten franzöfifchen Spielweife nicht verborgen; 
ebenfowenig aber verfchlofs er fein klares Auge den Schwächen jener gefpreizten, unnatürlichen 
Darftellungsmanier, welche zu der fchrankenlofen Natürlichkeit der deutfchen Stegreiffpieler im geraden 
Gegenfatze ftand. Mit fliegenden Fahnen in das gegnerifche Lager überzugehen, durfte man ihm nicht 
zumuthen; wohl aber wäre er bei etwas freudigerem Willen der rechte Mann gewefen, den Übergang 
zu finden und früher, als es thatfächlich gefchah, der geläuterten Bühne zum Triumphe zu verhelfen. 
Die Symptome des Übergangs, der allerdings durch heftige Rückfälle immer wieder geftört wird, 
mehren fich gleichwohl in jener Periode, welche ungefähr mit der Herrfchaft Durazzo's zufammenfällt. 
Im Jahre 1753 griff Jofeph v. Kurtz, welcher fich nach den letzten, nicht mifszuverftehenden Decreten 
der Kaiferin gegen feine »Bernardoniaden« in Wien höchft ungemüthlich fühlte, zum Wanderftabe, 
erheiterte zunächft die Soldaten im »Koliner Campament« mit feiner in Wien vervehmten Kunft und 
inftallirte dann, gemäfs dem am 17. Juli 1753 mit dem Imprefario Locatelli abgefchloffenen Vertrage, feine 
Komödie im Kotzentheater zu Prag. Nach Jahresfrift kam er wieder nach Wien; der in Ungnade gefallene 
Bernardon wagte fich, als wäre nichts gefchehen, nur etwas befcheidener, auf die Bühne der Refidenz. 
Kurtz, Weiskern und Huber beherrfchten mit ihren Burlesken das deutfche Schaufpiel, und die heimifche 
Mufe beeiferte fich, den wiedergewonnenen Papa Bernardon würdig zu begrüfsen. Mayberg dichtete 
»Die Rückkehr des Bernardon«, Leinhas machte nach dem Italienifchen ein Luftfpiel »Bernardon der 
Nachtgeift« und andere Tollheiten zurecht, Elenfon fabrizirte nach Goldoni »Die 33 Unglücksfälle des 
Bernardon«, und fo ging es im alten Geleife weiter. Doch fechs Jahre fpäter wanderte Kurtz abermals 
nach Prag, 1 wo er fich nunmehr feftfetzte und als Unternehmer der Schaufpiele und Opern eine 

1 Im J. 1755, nach dem Tode feiner Gattin, war Kurtz' Wiener Vertrag derart modificirt worden, dafs man ftatt der bisherigen, dem Ehepaare 
gemeinfamen Gage von 2349 fl. für Jof. v. Kurtz allein 2160 fl., d. h. den Jahresgehalt Prehaufers, feftfetzte. 

21 



82 



künftlerifche Alleinherrfchaft begründete, welcher fich manches Gute nachfagen läfst. Die Ungnade 
der Kaiferin folgte ihm bis in die böhmifche Landeshauptftadt, und als es fich 1764 darum handelte, 
das Yertragsverhältnifs mit Kurtz in ein Eigenthumsverhältnifs umzugeftalten, erhielt der Oberft- 
burggraf von Böhmen einen Wink, der für den Abbruch aller Beziehungen zu Kurtz entfcheidend war. 1 
Es war ein intereffantes und wohl nicht zufälliges Zufammentreffen der Umftände, dafs in dem 
Jahre der erften Prager Reife Bernardon's (1753) die hervorragendfte Antagoniftin der Bernardonifchen 
Kunft, die berühmte Prophetin der gereinigten und gefitteten Bühne, Caroline Xeuber, in den Verband 
des Wiener Schaufpiels trat. Und es war gewifs eher Weiskern's als Durazzo's Idee, diefe Frau in die 
Kaiferftadt zu berufen. Oder war auch hier ein wenig Extemporanten-Bosheit im Spiele, da der 

wohlorientirte Weiskern wiffen konnte, 
dafs es mit der grofsen Xeuberin 
bereits bedenklich abwärts gegangen 
war? Im Jahre 1750 hatte fie zu 
Zerbft ihre Truppe aufgelöft, und ftill 
und kläglich hatte fich diefes in der 
Gefchichte der Schaufpielkunft be- 
deutfame Ereignifs vollzogen. Nun 
ging fie daran, fich wieder als Schau- 
fpielerin ihr karges Brod zu verdienen, 
und das Publicum fand fie, welche 
zuerft dem extravaganten Spiel ent- 
gegengetreten war, wahrhaft tragifche 
Accente in der Declamation ange- 
fchlagen hatte, fteif und manierirt; 
man lächelte über das Dehnen und 
Tremoliren der Vocale, das hörbare 
Scandiren der Verfe, fie war in 
Deutfchland ein durch weitere Fort- 
fchritte der Schaufpielkunft über- 
wundener Standpunkt. Für Wien 
war fie neu, hier durfte fie noch 
hoffen. Aber auch diefe Hoffnungen 
der Künftlerin, die nach fchwerem 
Kampfe ihr der Herrfcherkrone ge- 




UciLait mi itausma^ 



litfi iistvJ 6 Bali '-■-;-} 



Friedericke Caroline Xeuber in der Rolle der Eli/abeth. 



wohntes Haupt unter eine fremde 
Botmäfsigkeit gebeugt hatte, waren 
trügerifch. Sie befremdete durch Sprech- und Spielweife ebenfo wie durch ihr groteskes Cofiüme und 
fiel ab. Sehr unfreundlich fchrieb Scheyb am 27. Juni 1753 nach ihrem Debüt als Sinilde in Koch's 
»Sancio und Sinilde« 2 an ihren einftigen Gönner und nunmehrigen Gegner Gottfched: 

>Die Frau Neuberin ifl von Frankfort berufen worden und als fie auftrat, fo nahm man zwar eine vernünftige Attrice wahr, allein ihre Stimme 
war fo fchwach, dafs man fie faft nicht verftund. Ein andermahl fchrye fie und polterte über die mafsen, dafs fich die Stimme überfchlug. Dann will 
fie fich im Aufputz nicht nach Wien richten. Sie kam als Königin — nescio qualis — wie eine neapolitanifche Princeffin zum Yorfchein. Ihr Kopf fah 
dem Kamme eines Schlittenpferdes gleich.« 

i »Ihro kaif. kgl. Maj. fei zu vernehmen gekommen, dafs der fogenannte Bernardon oder Jofeph Kurtz das Prager Theatrum abermals in 
Entreprife zu nehmen des Vorhabens fey. Wie nun allerhöchftdiefelbe nicht gerne gefehen, dafs mit die fem Menfchen von neuem angebunden 
werde, als habe ich nicht ermangeln follen, Ew. Exe. von diefer allerh. Willensmeynung zur behorigen Maafsnehmung Nachricht zu geben.« Wien 
17. Februar 1764. Prager Gubernial-Archiv. — Teuber, Gefch. des Prager Theaters. 

2 >Sancio und Sinilde« oder »Die Stärke der mütterlichen Liebe«, ein deutfehes Schaufpiel in Verfen von Koch in Leipzig. Als Aufführungs- 
tag bezeichnet ein altes Caffenjournal den 5. Mai 1753. 



83 




Das fieht in der That einem Todesurtheile ähnlich. Immerhin behauptete fich die Neuberin, welche 
auch bei der Kaiferin Intereffe erregte, mehr als ein Jahr und vermifste nicht bei ihren ßerufsgenoffen 
jenen Refpect, den ihre Vergangenheit verdiente. 1 Sie trat fogar in Wien als Dichterin in die Öffent- 
lichkeit; am 15. October, zur Feier des Namensfeftes der Kaiferin, ging auf der Bühne des Kärntnerthor- 
theaters »Die Herbftfreude« oder »Das Schäferfeft, ein deutfches Luftfpiel in Verfen von Friederike 
Caroline Neuberin« in Scene. Die Chronologie des deutfchen Theaters nennt es ein »allegorifches Vorfpiel« 
und betitelt es »Herbftfeyer«. Das Stück, das keinen tieferen Eindruck machte, wurde auch gedruckt. 
Die Angaben über die Dauer des NeuberTchen Engagements weichen wefentlich von einander ab. Im 
Perfonalftatus des Jahres 1754 2 ift fie — ohne ihren Gatten — mit dem Jahrgehalte von 750 fl. ver- 
zeichnet, was aber keineswegs als »Spottgeld« zu deuten ift; bezog doch der Oberregiffeur Weiskern 
fammt Tochter nicht mehr als 1450 fl.! Im Jahre 1755 ift ihr Name bereits von den Liften verfchwunden. 
»Die Neuberin verliefs Wien wieder und wollte lieber herumirren, als Subordination ertragen« — 
fchreibt die Chronologie in ihrer Revue des letzteren Jahres — »Sie kehrte nach Dresden zurück 
und fpielte in den umliegenden Bädern in den traurigften Umftänden.« Thatlachlich mimte fie 
zuletzt mit einer elenden Budengefellfchaft in dem kleinen Badeorte Giefshübel; dann lebte fie von den 
Wohlthaten guter Menfchen und den Erträgniffen kleiner Gelegenheitsgedichte in Dresden und ftarb, 
durch die Kriegsftürme aus der fächfifchen Hauptftadt vertrieben, von dem Vorurtheile verfolgt, am 
30. November 1760 in Laubegaft. Wien war die letzte, markante Station ihres künftlerifchen Erden- 
wallens. Einige Chroniften idealifiren im Gegenfatze zu der herben Sprache der Chronologie die 
Neuberin, wenn fie den Verdrufs über die Wiederkehr Kurtz-Bernardons und die dadurch bedingte 
abermalige Repertoire-Verwilderung als den Beweggrund ihres Scheidens von der Kaiferftadt angeben. 3 
Schliefsen wir uns diefer holden Täufchung an; glauben wir an die Fabel von diefem letzten Aufflammen 
moralifch-künftlerifcher Entlüftung im Herzen der vielgeprüften Frau, deren Ideen fo fpät nach Wien 
getragen und in diefer Theaterftadt zuletzt von ihr felbft in Thaten umgefetzt worden find! 

Die Neuerwerbungen fchaufpielerifcher Kräfte in den nächften Jahren kamen der Burleske 
ebenfo fehr, vielleicht noch mehr, zu Gute als der regelmäfsigen Komödie. Sie find bezeichnend für 

i Das »Repertoire des Theatres de la ville Vienne« verzeichnet fie folgendermafsen: Frederique Caroline Neuberin, Femme d'un Comedien de ce 
nom en Saxe; cydevant regardee comme la Principal Actrice en Allemagne, aussi connüe par son talent que par la reforme qu'elle a entrepris dans 
le Theatre Germanique ä Leipsic, recue ä Vienne en 1753, retiree 1755. 

- Larabacher, Direilionscommiffär 500 11., Varefe, Ordinanz-Commiffär 300 II., Heubel, Secretär 240 fl.. Prehaufer 2010 fl., Schröter 
und 2 Töchter 1500 fl., Weiskern und Tochter Caroline 1450 fl., Kurtz und Gattin 2216 fl., Elenfon und Gattin 900 (1., Mayberg und Gattin 
900 fl., Heydrich, Leinhas und Huber je 600 fl., .Müller 500 fl., Ziegel 450 fl. Lorenzin 800 fl., Neuberin 750 fl., Hueberin (Hauptmannin) 500 fl. 

3 So auch Reden-Esbeck in »Caroline Neuber und ihre Zeitgenoffen, Leipzig 1881: »... Dazu kam, dafs aufser den alten Stücken kein 
neues regelmäfsiges Schaufpiel in diefem Jahr (1753) gegeben wurde, defto mehr Weiskern', Heubel' und Huber'fche Farcen erfchienen; und als 
im Juni 1754 Kurtz wieder nach Wien kam, wollte oder konnte die Neuberin nicht länger bleiben und verliefs Ende des Jahres Wien.« 

21* 



84 



Tendenz und Gehalt des Spielplans; denn in Wien war damals die Literatur von den Schaufpielem 
diclirt und getragen, fie felbft liefsen (ich von keiner literarifchen Strömung tragen. Der Neuankom- 
mende fügte fich den gegebenen Verhältniffen, machte, wenn er von einer regulären Truppe kam, 
bei Weiskern, Prehaufer und Kurtz oder Huber die hohe Schule des Extemporirens durch und 
war an den zwei, der »gefitteten Komoedie« gewidmeten Wochentagen ein gefitteter, ftudirter 
Schaufpieler. So hielt es z. B. Anton Brenner, der 1755 ankam, vom Figuranten zum zweiten 
Liebhaber avancirte, ehrgeizig nach Bernardon's geftürztem Throne ftrebte und fchliefslich als Autor 
toller Farcen und als Träger des Burlin-Charakters den markanteften Vertretern des Stegreif-Spiels zu- 
gefellt wurde. So hielten es die Meiften aus jener erlefenen Schaar, welche fich nun allmälig in Wien 
um das Banner der Kunft fammelte und den Stamm für das erfte Burgtheater-Enfemble bildete. Die 
Erften diefer »Burgfchaufpieler« waren, von Heydrich und der Lorenz-Huberin abgefehen, welche 
Letztere in den Sechziger Jahren fchon den Stolz und die Zierde der Bühne bildete, das Ehepaar Carl 



Jaquet und Frau Therefia, 
Johann Chriftoph Gottlieb, der 
meifterhafte Darfteller niedrig- 
komifcher Rollen, kerniger Bau- 
ern und brutaler Diener, aber 
auch der Schöpfer des Jackerl- 
Charakters, Chriftian Gottlob 
Stephanie (der Ältere) und 
Johann Heinrich Friedrich Mül- 
ler. Und unter ihnen waren 
Männer von ausgeprägtem künft- 
lerifchem Charakter, die fich nicht 
fo leicht in neue Formen giefsen 
liefsen! Chriftian Gottlob Ste- 
phanie recle Stephan zählte 
fogar zu den energifchen Ver- 
fechtern der edleren Dichtung 
und hatte feinen Wiener Vertrag 
(1760) nicht abgefchloffen, ohne 
fich in einer befonderen Claufel 
die ausfchliefsliche Verwendung 




in der regelmäfsigen Komödie 
zu fichern. Er war aus foliden 
Familienverhältniffen, zum Ent- 
fetzen feiner Angehörigen, in die 
Bahn der Kunft gerathen; als 
ein Sohn des Hofpitaldireclors 
von St. Bernardin zu Breslau 
1733 geboren, war er nach 
einigen Gymnafialftudien dem 
Handelsftande gewidmet wor- 
den, aber die Liebe zur Bühne 
war mächtiger als jeder Zwang; 
1756 liefs er fich in die Reihen 
der Schuch'fchen Gefellfchaft 
aufnehmen und trug dem aus- 
drücklichen Verbote des Magi- 
firats, feinen Familien-Namen zu 
gebrauchen, durch die Annahme 
der weiblichen Endung »ie« 
Rechnung. In der Schuch'fchen 
Gefellfchaft pflanzte er das da- 



mals noch revolutionäre Banner des regelmäfsigen Spieles auf und fchritt in Gefellfchaft Kirchhofs fürbafs 
weiter, als der Principal feinen hohen Ideenflug mit wüftem Poffenfpiel höhnte. In Mietau traf ihn der 
Ruf nach Wien, und dafs diefer Ruf von Weiskern kam, ift ein neuer Beweis für die der guten Sache 
keineswegs unverföhnliche Gefinnung diefes Mannes. Stephanie glänzte zunächft in tragifchen Rollen 
(Mellefont, Zamor, Arfaces); man bewunderte an ihm die »männliche, mannigfaltige Stimme, ungemeine 
Kunft in Declamation der Verfe, viel Feuer und eine lebhafte Geberdenfprache«. Aber auch er trug den 
Wiener Verhältniffen Rechnung; er barg feine erhabene künftlerifche Gefinnung im füllen Bufen, ver- 
tagte feine reformatorifchen Pläne und wurde vorläufig — Extemporant. Als folcher gewann er fein 
Publicum und fich felbft jene Geltung, die ihn wenige Jahre fpäter zu einem gewichtigen Kämpen für 
die Reinigung der Bühne machte. Er und fein jüngerer Bruder Gottlieb follten Säulen des echten Burg- 
theaters und literarifche Stützen feines Repertoires werden. Andere Schaufpieler waren nicht fo klug 
wie der ältere Stephanie; fie debutirten und gingen nach kurzer Frift wieder ab, da ihnen die Wiener 
Zuftände nicht behagten. So gewann man 1763 Madame Henfel, eine der beften deutfchen Schau- 




F OELLENHAINZ, PX? 



AOL' ALLEE SCJ 



JOHANN CHRISTOPH GOTTLIEB. 



DrucX ä. "Verlag der Gesellschaft fvervielf- Kunst m^len. 



Hiotograwure R F«ulussen.*Wien 



85 



sen. aus 
blieb als 



fpielerinnen im Luflfpiel, für 
Wien; aber die Herrfchaft der 
Burleske bewog fie fchon nach 
drei Monaten zurLöfung ihres 
einjährigen Vertrages und zur 
Abreife nach Frankfurt a. M., 
dann nach Hildburghaufen, wo 
der Herzog eben die franzö- 
fifche Truppe durch eine 
deutfche erfetzte. Von dort 
kehrte fie über dringende 
Einladung Durazzo's und auf 
die Verficherung, dafs fich die 
Zuftände zuGunften derregu- 
lärenKomödiegebeffert hätten, 
im Herbfte nach Wien zurück, 
gefolgt von einer Gefinnungs- 
genoffin, der trefflichen Ma- 
dame Sufanne Mecour ge- 
borenen Preifsler. Nach dem 
Tode Kaifer Franz' I. kehrte 
fie zur Ackermann'fchen 
Truppe zurück, wo fie am 
1. November 1765 als Zaire 
debutirte. Auch Madame 
Mecour bedeutete keinen blei- 
benden Gewinn für Wien; fie 
war nur eine flüchtige, glän- 
zende Erfcheinung. Ebenfo 
vorübergehend war die Erwer- 
bungKirchhofs(desfrüheren 
Altonaer Theater -Direclors) 
und Frau, die mit Stephanie 

Mitau kamen. Preinfalk, der 1761 als Liebhaber in den »Eiferfüchtigen Schweftern« debutirte, 

Epifodenfpieler lange Jahre im Burgtheater-Verbande. 1 




Johaiui Heinrich Friedrich Müller 



i >Mein Herr Patriot,« fchwärmt in einem an die Redaktion der Zeitfchrift »Der öfterr. Patriot« gerichteten Briefe ein Huberin-Enthufiaft, »ich foll 
Sie im Namen meiner Freunde bitten, der vortrefflichen Mad. Huberin öffentlich für das entzückende Vergnügen Dank abzuflauen, das fie uns durch 
ihre recht idealifch vollkommene Vorftellung der Zayre gemacht hat. Sie erfcheint und entreifst uns wollüftige Thränen. Zayre, o Zayre, wie verehrungs- 
würdig, wie beklagenswürdig wirft Du durch unfere Huberin ! Nicht Huberin, Zayre fahen wir. Taufend, taufendfältiger Dank fey ihr von uns gefaget, 
und ewig grüne ihr Andenken, das Andenken der würdigsten Schaufpielerin, der Ehre unferer Bühne . . .« — Carl Jaquet, geb. 1725 zu Wien, deb. 
als Achill in »Iphigenia», eng. 1760, fpielte im Trauerfpiel kleinere Rollen, im Luflfpiel zweite Alte, Militärs und niedrigkomifche Bauern. Zu feinen 
beften Rollen gehörten fpäter der Paul Werner in »Minna von Barnhelm«, der Hausknecht im »Furchtfamen«, Kreuzer in den »Werbern« u. f. w. Seine 
Gattin (geb. 1727) deb. als Klytemneftra und war eine gute »bürgerliche Mutter«. In Kinderrollen wuchfen Catharina und Maria Anna Jaquet heran. — 
Joh. Chrift. Gottlieb war zu Wien 1737 als Sohn eines k. k. Kammerthürhüters geboren, fludirtc hier die Humaniora, ging im 17. Lebensjahre zur 
Brenner'fchen Wandertruppe, fpielte in Brunn, Paffau, Augsburg und anderen Städten und trat 1763, von Durazzo berufen, zum erften Male in Wien auf. 
Seine grobe Gefichtsbildung eignete ihn vorzüglich für das niedrigkomifche Fach. Als Bauer ift er nach einem Bilde von Öhlenhainz in Kupfer geftochen 
worden (f. unfer Vollbild). Zwei Jahre fpäter als er trat auch die »Deinerin«, feine Frau Marianna Gottlieb, als Darftellerin von »Liebhaberinen, 
Mädchen, alten Weibern und Vertrauten« in den Verband der Wiener Bühne; fie debutirte am 9. Juni 1765 in dem Weiskern'fchen Stück »Die 
Landluft« oder »Die neue Aarice«. 



86 

Wie es dem vielfeitigen, ausgezeichneten Johann Heinr. Friedr. Müller als Debütant in Wien 
ergangen ift, hat er felbft in feinem »Abfchied von der k. k. Hof- und Xationalfchaubühne« (Wien 1802) 
fehr genau erzählt. Auch Müller, diefer als Schaufpieler, Regiffeur, Lehrer, Theater-Schriftfteller und 
Chronift gleich thätige Mann (geb. 1734 oder 1738 zu Halberftadt), hatte bei der Schuch'fchen 
Gefellfchaft feine Lehrjahre begonnen, in Schönemann's Truppe die Kunft erkennen gelernt und war 
zeitweilig in Rofswalde und Linz thätig gewefen. Der dortige Statthalter Graf Schlik empfahl ihn dem 
Grafen Durazzo, und Müller fträubte fich keinen Augenblick, trotz feiner regulären Schönemann'fchen 
Vergangenheit und trotz feines erften Debüts als Sever in »Polyeukt«, unter Prehaufer's, Weiskern's 
und Jaquet's Anleitung die gar nicht fo einfache Kunft jenes Extemporirens zu lernen, das, wie er mit 
Bewunderung gefleht, nirgends fo trefflich geübt wurde, als in Wien. »Ihr (der Irregulären) Vortrag«, meint 
er, »verdiente nachgefchrieben zu werden. Befonders von denen, welche die Liebhaberrollen fpielten, 
forderte diefe Kunft raftlofe Mühe, Übung und Studium; fie trägt — ich weifs es aus Erfahrung — 
ungemein viel zum richtigen Geberdefpiel bei, verlangt Gegenwart des Geiftes und Aufmerkfamkeit 
und bewirkt einen wahren, nicht declamatorifchen, fondern aus derXatur gehobenen Vortrag.« Es liegt 
der Kern einer vielverkannten Wahrheit in diefen Worten eines unverdächtigen Genoffen jener kampf- 
erfüllten Zeit. Mochte man auch die »Farce«, die extemporirte Komödie, in den tiefften Abgrund der 
Theaterhölle verwünfchen, fie hat in ihrer Blüthezeit den Wiener Schaufpielern doch jenen 
Zauber der Natürlichkeit erhalten, der ihnen auch dann nicht wehethat, als fie durch mächtige 
literarifche Strömungen und Gewalten in die lichten Höhen wahrer Kunft emporgehoben und den 
weifen Regeln derfelben unterthan wurden. Die Extreme berührten fich auch in diefem Falle, und die 
Erfahrung zeigte, dafs die Helden der Burleske, felbft der alte Hanswurft Prehaufer, im gereinigten, 
ftudirten Stücke ganz gut ihren Mann ftellten und lbgar von manchem gefpreizten »Studirten« 
wohlthätig abflachen. 1 

Aus der Zeitungs- und Brochürenliteratur jener Jahre tönt uns allerdings nur ein energifches Für 
und Wider, nur der Kampfruf gegen die Burleske oder wilder Hohn gegen die literarifchen und fchau- 
fpielerifchen Sittenprediger entgegen. Man mufterte den Spielplan und entdeckte ein gewaltiges 
Deficit für das regelmäfsige Schaufpiel; denn ein guter Theil deffen, was man dazu zählte, war 
nichts als mehr oder minder willkürliche Bearbeitung oder Cberfetzung. Je dürftiger die heimifche 
Produktion felbft war, defto emfiger bethätigten die heimifchen Literaten und »literarifchen« Schau- 
fpieler ihr Gefchick an der Präparirung fremder und deutfcher Stücke für die Wiener Schaufpielkräfte. 
Auf die Franzofen warfen fich mit befonderem Eifer der Theatral-Controlor (mitunter auch »Secretär« 
genannt) Johann Georg Heubel 2 , Weiskern, Mayberg, Huber u. A.; den Italiener Goldoni plünderten 
und bearbeiteten Defraine, Heubel, Elenfon, Laudes (feines Amtes Secretär der k. k Hofkammer), J. de 
Salazar, ein Wiener Autor fpanifcher Abkunft, und felbft der alte Pantalon Leinhas, der aber auch 
andere italienifche Originalien ausgrub, um fie in deutfche Burlesken umzudichten! Mitunter machte 
man fogar kleine Ausflüge in die englifche und fpanifche Novellenliteratur und kehrte mit Bernar- 
donifchen Mafchinskomödien, Hanswurftiaden und anderen dramatifchen Fabrikaten zurück, die von 
Regelmäfsigkeit und ernfter Theaterfitte weit entfernt waren. Wenn Weiskern für feinen Odoardo und 
für Papa Prehaufer-Hanswurft forgte, fo war J. C. Hub er als Dichter auf feinen Leopoldel-Charakter 

1 Im Jahre 1761 war der Mitglieder- und Gagenftand des deutfchen Schau fpiels folgender: Durazzo etc., v. Lambac her, 1. Commiffär 
500 fl., Varefe, 2. Commiffär 300 II., v. Meltzer, Rechnungs-Revifor 200 fl., Heubel, Secretär und Controlor 240 fl., Quaglio, Ingenieur 1500 fl. — 
Prehaufer 2210 fl., Weiskern 1375 fl., Leinhas 770 fl., Heyderich 600 fl., Jaquet und Frau 935 fl., Mayberg 660 fl.. Brenner und Frau 990 fl., Kirchhoff 
und Frau 1100 fl., Stephanie 550 fl., Ziegel und Preinfalk 470 fl. — Damen: Lorenzin (Huberin) 1210 fl., Elizonin 660 fl., Mayrin 605 fl, Mecour 
550 fl., Schwagerin 550 fl., Heimin 110 fl., Eleonore 330 fl. — 1763 verzeichnete man nach der Zeit des Engagements: Herren Leinhas, Prehaufer, 
Weiskern, Fridrich, Brenner, Jaquet, Stephanie, Preinfalk, Ziegel, König: Damen: Huber, Elizon, Mayer, Brenner, Mecour, Jaquet, Schwager, 
Henfel. — 1764 trat Johann Baptift Bergopzoom, der nachmals eine gröfsere Rolle in Prag und Wien fpielen follte, zum erften Male, aber nur für 
kurze Zeit, als Anfänger in den Verband der Wiener Bühne. 

' Heubel ftarb im Neubad, Wallnerftr., 1762, im 42. Lebensjahre. Er fungirte auch als »Cenfor der deutfchen Komödie . 



87 



zärtlich bedacht, und der ehrwürdige »Cenfor des deutfchen Schaufpiels«, Herr He übel, umfpannte 
mit feiner dichterifchen Fürforge fie Alle, Papa Bernardon mit inbegriffen. Nach dem Italienifchen 
dichtete er »Bernardon's erftes Kind« (II Primogenito), »Bernardon der Yerfchwender« (nach Goldoni's 
»I due Pantaleoni«), »Hannswurft, der Diener dreier Herren«, »Hanswurft, der dämifche Dorfrichter 
zu Finfterberg mit Leopoldel, dem von denen Bauern geprügelten gnädigen Herrn« (nach Goldoni's »II 
Marchefe de Fasco«), aus dem Italienifchen und Spanifchen fabricirte Heubel »Der Baron Hanswurftius 
von Gikaragat« (nach Moreto's italienifch bearbeitetem »Marques del Cigarral«). Telemach erhob er 
zum Helden einer Tragikomödie in Yerfen mit Gelang, für Weiskern und Prehaufer beftimmt war 
»Odoardo, der glückliche Erbe oder Hanswurft, ein galanthomme aus Unverftand«; den beiden 
Häuptern der Burleske galt: »Hanswurft, ftumm in der Einbildung und Bernardon, der gezwungene 
Dieb«, für Huber fchrieb er »Der fchöne Leopoldel», »Leopoldel als Robinfon« u. f. w. Diefer Hüter 
guter theatralifcher Sitte war, wie man fieht, rührend fleifsig in der Fürforge für das Gedeihen der 
Burleske in ihren hervorragendften Wiener Charakterfiguren. Mit den Autoren- und Überfetzer- 
honoraren ftrengte man fich nicht fonderlich an. Defraine der Ältere erhielt 1755 für die Überfetzung 
zweier GoldoniTcher Komödien 24 fl., 1 Salazar für die Bearbeitung des dem Italienifchen nachgebildeten 
Trauerfpiels »Nabonidus« 12 fl. 

Der brave J. C. Hub er, der im Jahre 1757 feinen Ehebund mit der 
fchönen Lorenzin gefchloffen hatte, aber leider fchon am 23. April 1760 
im 34. Lebensjahre ftarb 2 , nützte feine letzten Lebensjahre zu einer 
imponirenden Thätigkeit, zumeift im Intereffe feiner eigenen, fchau- 
fpielerifchen Schöpfung, des »Leopoldel«. Er dichtete fich den »allzu- 
gutherzigen Leopoldel«, »Leopoldel den Wilden« (nach »Arlequin 
fauvage«), »Leopoldel in Africa (Tragikomödie, mit Mafchinen geziert 
und mit Arien vermifcht)«, »Die Abreife des Leopoldel von Wien«, »Der 
aus dem Monde gefallene Sclave« und andere Zauberkomödien, die 
wohl an derber Frivolität den Stegreifdichtungen Bernardon's nach- 
ftanden, aber dem holden Unfinn ebenfo vergnügt huldigten. Dem 
braven Leopoldel dankte man auch die erfte Aufführung von »Mifs 
Sarah Sampfon« in Wien. So wie fie Leffing gedichtet hatte, pafste 
fie allerdings den Wiener Darftellern nicht auf den Leib. Schon war das 

»erfte bürgerliche Trauerfpiel der Deutfchen« auf der kleinften Bühne Deutfchlands zu Haufe, als man 
auch in Wien ein Verlangen nach der berühmten Schöpfung Leffing's verfpürte. Und Huber griff zur 
Feder und fchrieb: »Mifs Sara und Sir Sampfon, Trauerfpiel in 5 Aufzügen von G. Leffing, bearbeitet 
von J. C. Huber.« In diefer Geftalt finden wir das Stück noch 1763 (1. Oclober) auf dem Repertoir; erft 
am 19. Juli 1771 kam die echte Sarah Leffing's auf die Wiener Bühne. In der Huber'fchen Bearbeitung 
war jeder Koryphäe der Wiener Burleske ihr Platz gewahrt; an der Stelle Norton's, des getreuen 
Bedienten Mellefont's, fah man Hanswurft-Prehaufer. 

Leffing mufste fich überhaupt in Wien vorläufig mit »Bearbeitungen« begnügen, die fich wahr- 
fcheinlich und hoffentlich feiner Kenntnifs entzogen. So gab man 1762 »Die Mifogyne oder Der Feind 
des weiblichen Gefchlechtes, Luftfpiel in 2 A6ten, aus den beliebten Schriften des berühmten Herrn 
Leffing entlehnt«, am 12. Februar 1764 aber kam »Der Weiberfeind« fchon unter diefem Titel, ver- 
ändert von Ch. G. Stephanie dem Älteren, auf die Wiener Bühne. »Der junge Gelehrte« mufste fich 
von Ph. Hafner, den wir bald kennen lernen werden, »verändern« laffen, und »Minna von Barnhelm« 
entging nicht dem Schickfale, von Weiskern »verkürzt« zu werden. Das war Wiener Autorenfchickfal. 




> »Der Baron Scanderbeg«, Luftfpiel von Ardalvi di Lucignano; »Das bezauberte Arcadien«, Komödie nach Goldoni. Beide 1755 56. 
2 Das Wiener Diarium notirt: gefl. 24. April 1760. Herr Jofef Carl Hub er, Comicus, bey St. Anna in der Jofephft., alt 33 J. 



22" 



88 

Schwer ift es, aus dem ganzen Wuft der Bearbeitungen und Verarbeitungen, welcher in den Fünfziger 
und Sechziger Jahren die Wiener Bühne erfüllte, wirklich »regelmäfsige« Stücke herauszufinden. 
Öhlers »Gefchichte des gefammten Theaterwefens zu Wien« weifs aus der Zeit von 1751 — 1759 
überhaupt nur acht regelmäfsige Komödien einfchliefslich »Sarah Sampfon« anzuführen 1 , doch ift diefe 
Angabe fehr ungenau und läfst fich in fpäterer Folge durch eine Reihe von Komödien ergänzen, welche 
auf das allerdings vieldeutig gewordene Prädicat »regelmäfsige Anfpruch machen durften. Sie waren 
verfafst, niedergefchrieben und ftudirt — genügte dies zur »Regelmäfsigkeit«, fo waren fie auch dies. 
In den allerdings unvollftändigenRepertoir-Verzeichniffen, welche wir ausgedruckten und ungedruckten 
Angaben combiniren konnten, finden wir 1 760 als erfies Wiener Original-Stück das fünfaclige Trauerfpiel 
»Graf Unhold« von Engelfchall 2 verzeichnet. Als deutfche Original-Dramen notiren wir: 

Chronegk's »Cadmo«, Baron Trencks »Araxane«, 3 »Canut«, ein deutfches Trauerfpiel, und »Die ftumme SchönheiW, Luftfpiel von J. E. Schlegel, 
»Aurelius« oder >Das Denkmal der Zärtlichkeit«, Trauerfpiel von Joh. Theodor Quistorp, >Der Mifstrauifche«, Luftfpiel von Chronegk Später 
verändert von Stephanie d. Alt.), >01inth und Sofronia«, ein chriftliches Trauerfpiel von Chronegk, vollendet von Rofchmann und Hörburg (1764), 
>Xerxes der Friedfame«, heroifches Schaufpiel von Sonnenfels, nach einer Idee des Ju'ünus entworfen, für die Bühne eingerichtet von Rofchmann und 
Bob, »Der Renegat«, ein bürgerliches Trauerfpiel, überarbeitet von Stephanie, »Der Mifstrauifche gegen fich felbft«, Original-Luftfpiel in 3 Aufzügen; 
von Weifse (1765). 

Den weitaus gröfsten Theil des Repertoirs nahmen die Bearbeitungen nach dem Franzöfifchen 
und Italienifchen ein. Voltaire, Racine, P. Corneille, Moliere, Destouches, Marivaux wurden vielfach 
verdeutfcht und vielfach in derfelben Weife, wie man die deutfchen Original-Dichter »bearbeitete«; 
»Hanswurft, der Kranke in der Einbildung« war noch am 30. Oclober 1764 auf dem Wiener Spielplane. 
Auch einige Engländer (Whithead, Fielding u. A.) wurde benützt, Herrfcher aber war auf der Wiener 
Bühne entfchieden Goldoni. Er kehrte in Farcen und regelmäfsigen Komödien, gut und fchlecht 
überfetzt, allmonatlich einige Male wieder, und Durazzo war es wohl, welcher die flinken Wiener 
Bearbeiter auf feine, wie auf anderer Italiener Spuren leitete. Thatfache ift es, dafs man eine Zeitlang 
daran dachte, Goldoni in eigener Perfon als Hoftheater - Dichter für Wien zu gewinnen 
und ihn zur Verfaffung einer beftimmten Anzahl von Komödien, Opern und Burlesken per Jahr zu 
verpflichten. So lautet in dem fchon einmal erwähnten denkwürdigen Projecte einer Wiener Theater- 
Verfaffung, das wir wohl in das fiebente Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts verlegen dürfen, obwohl 
ein Datum nirgends angegeben ift, die »Inftruction vor den Poeten«: 

»Alldieweilen Mann in Zeit von einem jähr in zweyen Theatern mit mehreren fchaufpillen muß verfehen feyn, fo ift es höchft nothwendig, daß 
einer von denen beften Poeten erwehlet werde, welcher nicht nur allein einige fchon aufgeführte drammen accomodiren u. dgl. naye fchreiben muffe, 
fondern auch hauptfechlich vor daß teutfche Theater eben folche Sorg trage ; auf welcher, ungeachtet mann von etlichen jähren her diffes zu 
verbeffern fich bemiehet hat, nichtsdeftoweniger doch jedermann bekhennen muß, dafs noch biß anhero zu Zeiten einige fich nicht gezimmende 
Comedien aufgefihret werden. Glaubt Mann dahero, daß in diffen Fahl kein Vortheilhaffteres und tauglicheres Subjectum könte gefunden werden, 
alß der berühmte Doctor Goldoni, der eine ungemein fchnelle in Verfaffen befitzet, und der nicht nur allein feine Comedien auf diffes Theater 
einzurichten, die andere zu verbeffern, fondern wohl auch zwey groffe Opern und eine Bourlesque, wie auch Vier Comedien des jahrs zu 
fchreiben könte verbunden werden; komet auch nicht darauf an, daß fie in welfcher Sprach verraffet feyndt, indeme die überfetzung kein 
befchwerliches Werkh ift.« 

i »Nannine« oder »Das befiegte Vorurtheil«, Luftfpiel nach Voltaire von Mayberg, Eduard III., Trauerfpiel nach Greffet, ebenfalls von 
Mayberg, »Zampa« oder »Die Rache«, Trauerfpiel nach dem Englifchen des Young von J. C. Huber, »Orefles und Pylades« oder »Das Denkmal 
der Freundfchaft«, Trauerfpiel in Verfen von Baron Derfchau in Schlefien (aufgeführt zum erften Male am 1 3. Mai 1 756, am Geburtsfefte der Kaiferin), 
»Die ftandhafte Chriftin Gabinie«, Trauerfpiel nach dem Franzöfifchen des Brueys, »Der Lügner« nach P. Corneille, »Das Orakel« nach St. 
Foix von Geliert, aufgeführt 1755 von den Kindern des Kurtz, endlich »Pamela«. Diefen Namen tragen mehrere Bearbeitungen itaiienifcher Originale; 
fo bearbeitete Weiskern Goldoni's »Pamela fanciulla« (nach Richardfon) unter dem Titel »Die engelländifche Pamela«; Laudes bearbeitete 
»Die verehelichte Pamela« (Pamela maritata), P. J. Ritter von Riegger verdeutfchte »Pamela als Mutter«, ein rührendes Luftfpiel nach Richardfon's 
»Pamela« von Abbate Chiari. 

2 Jof. Heinr. Engelfchall, k. k. wirkl. Rath, Hoffecretär, dann bei der k. k. n. ö. ökon. Cef. referirender Secretär u. a. o. Lehrer an der hohen 
Schule zu Wien. (»Das gelehrte Oesterreich«, 1. Bd. 17). 

s Friedrich Freiherr von der Trenck, kaiferlicher Major (geb. 16. Februar 1726 zu Königsberg), bekannt durch feine Selbflbiographie und fein 
tragifches Ende (guillotinirt zu Paris 26. Juli 1794). »Araxane« erfchien 1754 (»Die deutfche Schaubühne zu Wien, Th. 5.«) 



89 



Einen Hinweis auf folche Unterhandlungen, welcher fogar fchon beftimmte Refultate vorausfetzt, 
finden wir auch in dem Poftfcriptum eines Favart'fchen Briefes an Durazzo vom Jahre 1764 \ aus einer 
Zeit, in welcher fich die Wiener Theater-Regierung des italienifchen Grafen fchon ihrem Ende zuneigte. 
Es würde feinen nationalen Neigungen und der Vorliebe Wiens für Goldoni'fchen Humor gewifs 
entfprochen haben, wenn ein folches Engagement Thatfache geworden wäre, aber dazu kam es nicht. 
Vielleicht hätte der Gewinn diefer ausländifchen Autorität, deren erfolgreiches Wirken in Venedig die 
Wiener Autoren mit Achtung und Neid erfüllt hatte, eine bedeutfame Wandlung in den Theaterverhältniffen 
der Kaifer-Refidenz zu Stande gebracht und auch das Anfehen des Literatenftandes, das jenem der 
Komödiantenfchaft angemeffen war, wefentlich gehoben. Ein fo mächtiges und produclives fremdes 



Talent hätte allerdings den 
Mangel an heimifcher Schö- 
pferkraft noch deutlicher 
zu Tage treten laffen. Denn 
vorläufig war in Wien nur 
das Nachdichten, das fenti- 
mentale Wehklagen über 
das literarifche Elend Wiens, 
das mehr oder minder 
feichte kritifche Raifonne- 
ment und das Keulen- 
fchwingen einiger refor- 
matorifcher Kraftmenfchen 
ohne Ideen auf der Tages- 
ordnung. Das ftärkfte Talent, 
das fich an der Schwelle des 
fiebenten Jahrzehnts regte 
und die ganze Wiener Lite- 
ratenfchaft durcheinander- 
wirbelte, war der reforma- 
torifchen Dichtung nicht 
zuzurechnen; es wurzelte 
in dem Boden derber Volks- 
tümlichkeit und ftreifte die 
Allüren der Hanswurftpoffe 
nicht ab, wenn es fich auch 
an verfafsten und ftudirten 




Stücken bethätigte. Diefes 
Talent war Philipp Haf- 
ner. Es hatte fich, wie fo 
manches Wiener Genie, in 
der Amtsftube entwickelt; 
der Aclenftaub hatte die 
Keime diefer grofsen Bega- 
bung nicht erftickt, die 
frifche, übermüthige Laune 
nicht eingedämmt, die in 
diefem Herrn Affeffor tobte. 
Denn Hafner, der Sohn 
eines »Rolliften« oder Amts- 
dieners in derReichskanzlei 
(geb. 1731 in Wien), Jefu- 
itenzögling und Jurift, war 
Beifitzer beim Wiener Stadt- 
gericht, was ihn nicht hin- 
derte, fchon anno 1755 
feinem künfilerifchen Ideal 
Weiskern eine für den wür- 
digen Odoardo und den 
fidelen Hanswurft berech- 
nete, extemporirte Komödie 
einzureichen. Diefe amt- 
lichen Extempores fetzte er 
fort, bis er mit Einem 



grofsen Schlage das Wiener Theater völlig eroberte. »Megära, die fürchterliche Hexe oder das bezau- 
berte Schlofs des Herrn von Eichhorn« war der Titel des Stückes, das die Theater-Dire£tion als ein 
Ereignifs auf effektvollen Placaten der Bevölkerung ankündigte. Das Stück war den Wiener Stegreif- 
Spielern auf den Leib gefchrieben: Hanswurft, Colombine und Leander fehlen nicht. Megära, die 
fürchterliche Hexe, ift die Befchützerin eines Liebespaares und die Rächerin alles Unrechts, das in der 
Komödie begangen wird. Auf einem feenhaften Balle, den die Zauberin zuletzt gibt, werden drei 

> »Je felicite Votre Excellence de l'acquisition, quelle a faite de notre divin Goldoni. Nous nous voyons tres-souvent. II est d'une petite 
sociale de gens de lettres, dont il fait l'ornement: c'est im genie intarissable, et qui produit souvent du nouveau. J*ose assurer que Vienne ne sera 
pas moins contente de ses productions que Venise et Paris. Mr. Goldoni, avec tous les titres qui pourraient pretendre ä l'orgueuil, est 
d'une modestie si simple que l'on seroit tente de croire qu'il ne connoit pas ce qu'il vaut. Cette rare simplicite fait autant l'eloge de ses moeurs que de 
ses talents.« (Mem. et cerr. litt, drarn. et anecdotiques. T. II.) 



90 

Verfolger der Liebenden in Hängeleuchter, die das Zauberfchlofs ftürmenden Bauern in flott auffpielende 
Mufikanten verwandelt, die ihrem Liebhaber untreue Schöne aber wird gemeinfam mit der ihrem Hans- 
wurft ebenfo ungetreuen Colombine zur Alt-Jungfernfchaft verurtheilt. Mehr als die Handlung felbft, 
die von anderen Zauberkomödien an Mannigfaltigkeit wohl noch übertroffen wurde, wirkte der 
fprudelnde Witz, der derbkräftige, nicht einfach-gemeine, fondern auch gute Spafs des Stückes; wohl 
blieben einige Scenen den Extemporanten zur freien Äufserung ihres Scherzes vorbehalten, die Haupt- 
fache aber hatte der Dichter aus Eigenem beftritten. Das Stück fchlug ein, die Theater-Caffa fchwelgte 
in Schätzen. Im Jahre 1763 (8. December) trat Hafner mit einem noch »regelmäfsigeren« Stück voll 
Extemporanten-Witz hervor. Es führte den ziemlich weitläufigen Titel: 

»Die bürgerliche Dame oder die bezähmten Ausfchweifungen eines zügellofen Eheweibes 
mit Hanswurft und Columbina, zween Mufter heutiger Dienftboten. 1 « 

Wenn wir die fenfationelle Schöpfung des Hafner'fchen Genius heute betrachten, fchütteln wir 
wohl das Haupt und begreifen nicht den Beifalls- und literarifchen Lärm, den fie erregt hat. Die »Regel- 
mäfsigkeit« des Stückes befteht in der vollftändigen Scenenführung, in dem voll ausgearbeiteten Dialog, 
die »Gefittung« aber kann man in der moralifirenden Tendenz entdecken, die fich unter dem Wuft 
mafslofer Übertreibungen, roher und gefchmacklofer, wenn auch urfprünglicher Späfse verbirgt. Die 
Frau eines abwefenden Mannes, welche in wahrhaft wahnfinniger Weife verfchwendet, faullenzt und 
excedirt, um fich aus ihren »bürgerlichen« Verhältniffen zur grofsen Dame emporzufchrauben, ift die 
Heldin der Handlung; fie ift das Zerrbild gewiffer, lächerlich aufgeblähter Modefrauen jener Zeit, 
welche es durchaus den franzöfelnden Damen der vornehmen Gefellfchaft gleichthun wollten. Schamlofe 
Schmarotzer, Schwindler mit falfchen, hochtönenden oder lächerlichen Namen, unverfchämte Dienft- 
boten und die zur Entlarvung und Beftrafung nothwendigen ehrlichen Leute bilden die Umgebung der 
fündhaften Dame. Von dem Tone diefer »gnädig« thuenden Bürgersfrau und von dem Style der 
Hafner'fchen Komödie überhaupt ein Pröbchen: 

Vi erter Auftritt. 

Zimmer der Frau Redlichin, welche in einem Buche lieft; Colombine fleht neben ihr. — Frau: Wo hat denn der Henker heute die Haar- 
krauferin, dafs fie nicht kommt? — Colombine: Ihr Gnaden! Sie ift heute fchon dreimal hier gewefen und hat gefagt, weil Ihro Gnaden noch fchliefen, 
wollte fie fpäter kommen. — Frau: Hätte der Rammel nicht ein wenig warten können, bis ich aufgeftanden war'? Gewifs, die gemeinen Leute brauchen 
ihre Gelegenheit beffer als der Adel, darum find fie mir auch verhafster als die wilden Thiere. — Colombine (für fich): du barmherzige leb- 
zelterne Dame ! — F rau: Ift alles beforgt zur heutigen Gefellfchaft? — Colombine: Ja, bis auf den Zuckerbäcker, der will nichts ohne bare Bezahlung 
hergeben. — Frau: Der gemeine Flegel! Der follte fich eine Gnade daraus machen, wenn Damen meinesgleichen bey ihm etwas ausborgen wollen. . . 
Und wer hat diefe Poft gebracht? ■ — Colombine: Der Hanswurft, Ihr Gnaden! — Frau: Der ift eben auch ein folcher gemeiner Schlüffel, der 
keine Lebensart weifs, den Kerl kann ich nicht mehr um mich fehen. — Colombine: O, er geht gleich aus dem Haufe, wenn Sie ihm feinen Lohn 
geben. — Frau: Das hat fie mir nicht zu fagen, Jungfer Trampel, fonft werf ich ihr fünf Finger ins Geficht! .... Was ift denn dies für ein Lärm? 
Colombine: Die Haufierer-Margareth ift's, der Euer Gnaden 6 Ducaten fchuldig find. — Frau: Wer fragt nach dem gemeinen Bären; der Hans- 
wurft foll fie über die Stiegen werfen, wenn fie noch einmal kommt. 

So drückt fich die »bürgerliche Dame« in ihrer noblen Situation aus. Das Fräulein Tochter ahmt ihr redlich nach, läfst fich mit Hanswurft 
und Colombine in eine erregte Converfation ein, die folgenden tragifchen Ausgang nimmt: 

Sophie (zu Hanswurft): So etwas Gemeinesund Plumpes von einem Kerl, wie du bift, hab ich Zeit meines Lebens nicht gefehen. Soll er denn 
wirklich von Fleifch und Bein fein? Ich glaub, er ift nur Holz — pfui (fie fpeit aus) geh mir aus den Augen, du ftinkft vom gemeinen Stande, ich kann 
dich nicht riechen (hält fich die Nafe zu). — Hanswurft: Riech fie einen klein Kas, fie Viperl, fie bürgerliches, und halt fie ihr Gofcherl, fonft werd' 

ich ihr einen folchen gemeinen Xafenftieber geben, dafs ihr ihre adeliche Xafen vom Geficht fliegen foll Frau Redlich (ift nach weiterem 

Gefchrei dazugekommen und gibt dem Hanswurft eine Ohrfeige). — Hanswurft (höchft zornig): Was? Mir eine Ohrfeige? wegen des kleinen 
Sauleders? Du verfluchtes Lumpengefchmeifs, du höllifches! Mich fchlagen? Du eingebildeter Betteladel! Du Limonifchliffclnobleffc « 

Was Wunder, wenn die »lettrirten Leute,« welche auf der hohen Warte der Kunft ftanden, mit 
überlegener Weisheit auf das »gemeine Literatenpack« herabfahen, das in folcher Weife die Lach- 

' Wien, gedruckt u. zu finden bey Jof. Kurz bock, k. k. Illyr. u. Oriental- Hof- wie auch n.-ö. Landfeh.- und Univ. -Buchdrucker am Hofe. — 
Aufgeführt in dem k. k. priv. Theater. 



91 




Das alte Kärntncrthorlheaier. 

muskeln des Publicums kitzelte! Sie waren freilich ohnmächtig, lelbft zu fchaffen, aber fie wufsten 
doch genau, wie viel des Schlechten gefchaffen wurde. Und nun mufsten fie überdies erleben, dafs 
diefer neue, »ausfchweifende« Autor das unerhörte Autorenhonorar von — 100 fl. für ein Stück erhielt, 
eine Summe, die in Wien noch nie einem deutfchen Dichter bezahlt worden war; fpäter wurde er fogar 
gegen ein Jahrgehalt von 400 fl. als wirklicher Theaterdichter in Sold der Theaterdirection genommen. 
Das war viel. Philipp Hafner wurde von der ernften Kritik fchleunigft in der Luft zerriffen, feine 
»Luftfpiele« nach den ftrengen Regeln der Dramaturgie zergliedert und in ihrer ganzen »theatralifchen 
Barbare}'« blofsgelegt. Befondere Mühe nahm fleh Profeffor F. J. Bob, 1 den verbrecherifchen Hafner 
vor das Tribunal des guten Gefchmacks und der dramatifchen Gefetze zu citiren. Dies gefchah 
allerdings mit einem Aufwände von Profefforen-Scharffinn, der dem Dichter nur zu Gute kam, denn 
gewiffe Veränderungen des fcenifchen Schauplatzes, gewiffe Unwahrfcheinlichkeiten und Zeit- 
widrigkeiten, die ihm als grobe Sünden angerechnet wurden, find ja doch nichts als erlaubte Freiheit, 
willkommene Abweichung von der mifsverftandenen, ftarren Regel der »Einheit des Ortes«. Dafs 
Hafner den Hanswurft durch »vier unfichtbare Schreckgeifter« mürbe machen läfst, ift ein toller Spafs, 
aber das Verbrechen nicht, das die Richter daraus machen. Das gröfste Verbrechen Hafners war übrigens 
in den Augen Sonnenfels' und anderer Richter weniger feine Burleskentollheit als die »Anmafsung«, 
feine Stücke regelmäfsig zu nennen und geradezu zu verfaffen. Die »regulären« Schaufpieler 



1 Glückwünfche an den Herrn Verfaffer des Luftfpiels »Die bürgerliche Dame«, Wien, bey Schulz 1764. Befprochen in der »Bibl. der oft. 
Literatur.« I. Bd. Wien, Trattnern 1769. — Franz Jof. Bob, k. k. Rath, o. ö. Lehrer der polit. Wiffenfchaft, a. o. Lehrer der jur. Praxis, Director des 
akad. Gymnafiums., zeitweiliger Rector magnificus in Freiburg, war geb. 31. October 1733 zu Dauchingen in Vorderöfterreich., kam 1756 nach Wien, 
vollendete die jur. Studien, widmete fich der politifchen, dann der Gelehrten-Carriere und wurde 1767 Profeffor in Freiburg. Er fchrieb zuerft fchlechte 
Gedichte, dann eine beffere Profa und bearbeitete 1765 und 1766 den fogenannten »Artikel für die gelehrten Sachen«, der dem Wiener Diarium 
beigelegt wurde. (Das gel. Öfterreich.) 

23* 



92 



10 



t./ 



-TL 



aunJ 



0^X 

r/fieaSH 




-'<- 



O 



G> 







Ä 






tJff 



■iilVt-1- 




4 



5 



io 



II 12 II 

/Vn« </<:\s Känituerthorthea'ers. 



opponirten dem Dichter. Stephanie d. Ä., weigerte 
fich, den Baron Bagatelli, einen elenden Hochftapler, 
in der »bürgerlichen Dame« zu fpielen; Durazzo 
mufste ein Machtwort fprechen, und das Stück ging 
11 mal nacheinander über die Bretter. Das Publicum 
liefs fich eben von dem kräftigen, grotesken 
Humor, der raftlos forteilenden Handlung und den 
volkstümlichen, wenn auch tapfer übertriebenen 
Charakteren der Hafner'fchen Stücke leicht erobern. 
Er war ja der Erfte, welcher wirkliche Wiener 
Yolkstypen, natürlich die markanteften und lächer- 
lichften, die alberne, nobelthuende »Zuckerbacke- 
rifche«, den fchwindelhaften Negotianten, den fran- 
zöfifch parlirenden, hohlen Gecken, den unver- 
fchämten Bedienten u. f. w. auf die Bühne brachte. 
Geheiratet wurde in feinen Stücken nie; das war 
Hafners Marotte. Am 3. März 1764 kam »Etwas 
zum Lachen im Fafching, oder Burlins und Hans- 
wurfts Carnevals-Zufälle 1 , für Hanswurft-Prehaufer 
und Burlin-Brenner, und am 1. September »Der 
Furchtfame« (in Perinet's fpäterer Bearbeitung »Das 
neue Sonntagskind«) auf die Bühne. In demfelben 
Jahre aber ging auch Hafner's junges Leben, zer- 
rüttet durch feine Zügellofigkeit und feine nächtlichen 
Trinkgelage, zu Ende. Im 33. Lebensjahre hauchte diefer von Witz und Laune überfprudelnde junge 
Mann, folange der Mittelpunkt der luftigften Wiener Gefellfchaften, feine Seele aus. »Heute is' Mathä 
am letzten«, rief er noch in feiner Todesftunde dem Arzt Dr. Mathes zu — mit einem Witzworte auf 

den Lippen ftarb er Nun wurden feine Lobredner, welche ihn als den »deutfchen Piautus und 

Moliere« feierten, zahlreicher als die extremen Tadler, die ihn als den bevorzugten Wiener Pöbel-Dichter, 
den Schöpfer der »niedrigften Art von Poffenfpielen und der feltfamften theatralifchen Ausfchweifungen«, 
verdammten. Man warf fich auf feinen Xachlafs, und noch eine Reihe heiterer Werke entrang man ihm, 
welche der Wiener Volksmufe dienftbar gemacht wurden. 2 Zu den Begründern des Wiener Volksftücks 
wird auch er gezählt werden muffen; uns ift er ein markanter Typus aus jener Zeit der Gährung, welche 
der Erhebung der Wiener Schaubühne voranging. 

Als Hafner feine verfafsten und ftudirten Poffen auf die Bühne brachte, ftand ja fchon eine ganze 
Schaar ftreitbarer Männer in Waffen, um die Häufer der Mufen mit Gewalt von ihren »Schändern« zu 
Täubern. Wie den Wiffenfchaften durch van Swieten und gleichgefinnte Männer der therefianifchen Zeit 
zu Wien neue glanzvolle Stätten gefchaffen, neue weite Bahnen auf öfterreichifchem Boden eröffnet 
worden waren, fo follte diele Zeit auch bahnbrechend für Literatur und Kunft gemacht werden. Die 
öffentliche Meinung wurde in der Geftalt von Zeitungen vernehmbar. Magifter Hey den aus Leipzig, 
ein Gottfchedianer von mäfsigem Talente, war der Erfte oder einer der Erften, welche in Wien durch 
Recenfionen zu wirken fliehten. Männer in hervorragender Stellung, führende Geifter wie der berühmte 

' Später von Perinet als Singfpiel »Luftig, lebendig, neu« bearbeitet. 

2 »Die reifenden Komödianten« (von Perinet als »Die Schwertern von Prag« bearbeitet); »Evakathel u. Schnudi« (für das Liebhaber- 
theater des Bellerini in Schwechat gefchrieben, von Weiskern am Kärnthnerthortheater 1765 aufgeführt, dann von Perinet bearbeitet); II. Theil der 
>Megära«, »Die zudringlichen Freier«. — 1764 erfchienen »Ernfte und profaifche Werke«, 1770 »Ernrt und Scherz in Liedern«, 1782 und 1812 
erfchienen feine gefammelten Lurtfpiele (letztere Sammlung von Sonnleithner). 



93 

Kirchenrechtslehrer Paul Jofeph Riegger, Hofrath bei der böhmifch-öfterreichifchen Hofkanzlei, 
Hofrath Anton Spielmann, der mächtig aufftrebende Sonnenfels, General Baron Petrafch, Profeffor 
Bob und Andere thaten fich 1760/61 zu einer fogenannten »Deutfchen Gefellfchaft« zufammen, 
welche während ihres allerdings kurzen Beftandes die literarifche Erhebung der öfterreichifchen Lande 
eifrig erörterte und betrieb. Wie man in diefen Kreifen dachte, wie energifch man den Streit gegen 
den »grünen Hut« des Hanswurft führte, fagt uns einer der Mitftreiter, Engelfchall, Verfaffer des 
erften, herzlich unbedeutenden Wiener Original-Trauerfpiels »Graf Unhold«, in einer ebenfo heftigen, 
als bombaftifchen und weitläufigen Brochüre: 1 

»Ich entdeckte unter uns Deutfchen,« rief Engellfchall, »in unferem Wien vernünftige Männer, die mit Vergnügen dasjenige Geld einer 
vernünftigen Schaubühne zuwenden würden, das fie, für die Poffen der gegenwärtigen zu bezahlen, fich fchämen und ftatt der Menge gefchäftiger 
Müfsiggänger, welche täglich die Nahrung ihres kleinen Geiftes in den Orakelfprüchen der unverfchämten Poffenreifser auf unferen Bühnen holen, 
ftatt des ungezogenen Pöbels, deffen fchändlicher Gefchmack durch den fchnöden Unterricht in Ladern auf unferen Bühnen verftärket wird, könnte 
man gar bald eine tägliche Verfammlung von lauter vernünftigen Leuten in den Schauplätzen fehen, welche die Begierde nach einem edlen Vergnügen 
zufammenzöge. Ja fogar diejenigen, welche den unverföhnlichften Hafs gegen einen guten Gefchmack und vernünftige Stücke hegen, würden zuletzt fo 
weit gebracht werden, dafs fie die Menge der Vernünftigen überftimmte und fchamroth machte . . . Ift fchon itzt ein grofser Theil derfelben foweit 
gebracht, den wahren Gegenfatz ihres Gefchmacks in den franzöfifchen Schaufpielen blofs darum zu loben, weil fie fich nicht getrauen, den franzöfifchen 
Witz zu tadeln oder doch zu geftehen, dafs fie ihre Stücke nicht verftehen — o fo wird gewifs alsdann die Sefite der Anbeter von den Theater-Narren 
auch durch Scham bewogen werden können, den Pöbel an Dummheit nicht zu übertreffen, wenn felbfl diefer anfängt, vernünftigere Meinungen von 
der Schaufpielkunft zu hegen. . . . 

Unfer Sittenrichter findet das ganze öffentliche Leben Wiens nach dem Beifpiele des lüderlichen 
Theaters eingerichtet. Die jungen Leute erfcheinen ihm als getreue Nachahmer der Bernardonifchen 
Schwanke, fie führen felbft in der »mäfsigften« Gefellfchaft die weifen Lehrfprüche eines ausfchweifenden 
Xarrenwitzes der Schaubühne auf; der wirkliche deutfche Witz bleibt unterdrückt. Worin befteht eigent- 
lich das deutfche Schaufpiel Wiens?, fragt Engelfchall. Die »wundervollen Abenteuer ausfchweifender 
Romane, die unfinnigen Hexereien kindifcher Erdichtungen, die übertriebenen Spielwerke der unnatür- 
lichften Opern, ja oftmals felbft die häuslichen Angelegenheiten der eigenen Schaufpieler und ihre mit 
unterlaufenden, ziemlich unfittlichen Ausfchweifungen find der auferbauliche Stoff lehrreicher Stücke, 
welche nach kurzem Entwürfe aus dem Stegreife auf Gerathewohl, ohne das Minderte in gehöriger 
Ordnung abzufaffen, auf der Bühne vorgetragen werden. . . .« Engelfchall findet in dem Mangel anftän- 
diger Belohnungen die Haupturfache der geringen heimifchen Produktion. In Frankreich und Italien 
(fiehe Goldoni) könnten Männer derWiffenfchaft und Literatur vortrefflich leben; hätten fie in Öfterreich 
diefe Auslichten, dann wären fie hier gewifs nicht fo feiten. Für die Schaufpieler verlangt er Mufse zum 
Studium, nicht täglich Befchäftigung im Luft- und Trauerfpiele, beffere Befoldung, da ein guter deutfcher 
Schaufpieler weit mehr werth fei als »alle wälfchen Halbmänner, Springer und Tänzer«, die Heran- 
bildung deutfcher Kinder für diefe letzteren, von den Wälfchen monopolifirten Künfte und die Beftellung 
tüchtiger wiffenfchaftlicher und wirtfchaftlicher Auffeher für die deutfche Bühne. . . . Dafs unter diefen 
»zufälligen Gedanken« auch fehr richtige und zeitgemäfse waren, ift nicht zu verkennen. Man ermafs 
immer mehr die moralifche und nationale Bedeutung der Schaubühne, und die periodifchen Zeitfchriften, 
welche in rafcher Folge und rafchem Wandel das Licht der Welt erblickten, widmeten diefer Erkenntnifs 
einen grofsen Theil ihres Raumes. 

Die erlte Wiener Wochenfchrift — »Die Welt« — begründete 1761 Chriftian Gottlieb Klemm, 
früher Corre£tor in der vornehmen und reichen Trattner'fchen Druckerei, in Gemeinfchaft mit Herrl 2 , 
der fleifsig aus dem Franzöfifchen und Englifchen überfetzte und auch felbftändig zu dichten verfuchte. 
So wacker die Beiden und ihre Mitarbeiter (Fidler, Windifch u. A.) auf Hanswurft und Burlin 
losfchlugen, ihre Waffen waren fchwach, die Welt langweilte fich bei der Leclure und lief defto lieber 

1 »Zufällige Gedanken über die deutfche Schaubühne zu Wien, von einem Verehrer des guten Gefchmacks und guter Sitten. Wien, gedr. bey 
Joh. Th. Trattnern, k. k. Hof- u. n. ö. Landfeh. Buchdr. u. Buchhdl. 1760«. 

2 Joh. Jof. v. Herrl, Official im k. k. geh. Cabinet zu Wien, geb. 1742 in Wien. 

24 



94 

zu den kurzweiligen Spafsmachern, je fchlechter fie die literarifchen Moralprediger zu unterhalten ver- 
mochten. Gröfser angelegt und intereffanter war fchon Klemms Wochenfchrift »Der öfterreichifche 
Patriot« (1764— 65)\ welche den Kampf gegen wienerifche Schwächen und Unarten, gegen zopfige, 
latinifirende Gelehrfamkeit, undeutfche und unmoralifche literarifche und theatralifche Zuftände aufnahm. 
Da fanden fich Sätze, welche von dem jungen literarifchen Öfterreich begierig aufgenommen und weiter- 
verbreitet wurden: 

»Jedes Volk, fo bald es nur ein wenig aus der Barbarey in die Höhe kommt, hat ein Theater. Der Grad der Güte desfelben beftimmt auch den 
Grad, in dem ein Volk mehr oder weniger aufgeklärt ift. Kein einziges barbarifches Volk hat eine Bühne. Oder halten Sie vielleicht das Theater für 
eine Kleinigkeit, für eine Zufammenraffung von Poffen, die nur den Pöbel vergnügen können und die ein ernfthafter, tugendhafter und vernünftiger 
Mann verabfcheuen mufs? Wird das Nationaltheater wohl jemals das Haupt emporheben können, wenn es nicht von Grofsen unterftützt und "-efchätzt 
wird, wenn fie, unbeforgt um die Ehre ihrer Nation, nur das für witzig und fchön halten, was in einer jeden anderen, nur nicht in der deutfchen Sprache 
gefagt wird? Warum tragen diejenigen Kunftrichter, die am allermeiften über den fchlechten Gefchmack des Publicums klagen und die Regeln des 
Theaters fo gut verliehen, nicht durch gute Stücke etwas zur Verbefferung desfelben bei, eine Pflicht, zu der fie als Menfchenfreunde und Genies 
vollkommen verbunden wären? . . . .« 

Das waren einige der theatralifchen Tagesfragen, die in Klemm's »Patrioten« emfig behandelt 
wurden. Eine Reihe gelehrter Männer und Schriftfteller, darunter die Jefuiten Burkart, Denis, Maftalier, 
Würz, Hohenward, Regelfperger, gaben fich in den Spalten diefer Zeitfchrift ihr Stelldichein. Von 
ihnen beherzigten auch einige, namentlich Klemm, Rofchmann und Heufeld — welchen wir ebenfo wie 
Klemm noch näher kennen lernen werden — das, was fie als literarifche Pflicht jedes »Menfchenfreundes 
und Genies« erkannten, d. h. fie fuchten dem Mangel an Oiiginal-Literatur nachzuhelfen, aber der forg- 
fältig gefattelte Pegafus kam nur langfam in Gang. Die Reform-Bewegung war in Flufs gerathen, doch 
erft in den nächften Epochen der Wiener Schaubühne, in welcher Sonnenfels die Führung übernimm! 
und Gebier feinen mächtigen und entfeheidenden Einflufs übt, kommt es zu grofsen und fiegreichen 
Schlachten mit dem ftandhaften Gegner. 



Wir haben die Entfaltung des franzöfifchen, die inneren und äufseren Bedrängniffe und Kämpfe 
der deutfchen Bühne in diefer gährenden Zeit fkizzirt — wenden wir nun unferen Blick den materiellen 
Verhältniffen der »Wiener k. k. Bühnen« in diefem Zeiträume zu: auch fie waren reich genug an 
Wandlungen und Krifen, die nicht ohne Einflufs auf die grundfätzliche Theaterführung durch die vom 
Hofe ernannten Perfönlichkeiten blieben. Der Apparat war gewaltig, welchen Graf Durazzo, der 
Ober-Direclor der Wiener Speclakel, im Gange zu erhalten hatte, und die Koften diefer grofsen 
Unternehmung ftanden nicht im Einklänge mit den Einnahmen, zumal — wie wir gefehen — die 
franzöfifche Komödie und das Ballet rafch verfchlangen, was das deutfehe Schaufpiel, oder fagen wir 
immerhin, die deutfehe Burleske verdient hatte. Im Jahre 1757 bezifferte man die Gefammtausgaben 
auf 160.000 fl. 2 Dabei klagte Durazzo aber noch, dafs er keinen Poeten wie Migliavacca, keinen 
Decorationskünftler wie Bibiena, keinen Coftümekünftler wie Bertoli habe und fie Alle felbft fuppliren 
muffe. Bei den Faftenconcerten im Theater war mit ficherem Deficit zu rechnen 3 , die Anfprüche aber 
fliegen unausgefetzt, und namentlich die Comedie francaife forderte von der Hofdireclion eine fchranken- 

i »Wien, gedruckt und zu finden bey Georg Ludw. Schulz feelig hinterlaffenen Wittib«. 

2 Precis des differentes rubriques des depenses pour les danses theatrales voulant y enlretenir trois spectacles dont un de musique et les deux 
comedies: Musiciens pour le theatre avec l'obligation de servir aussi ä la cour 18.000 fl.; Comediens allemands 18.000 fl ; Comediens franeoises 
26.000 fl.; Danseurs pour les 3 spectacles 36.000 fl.; Gages de toutes les personnes fixees, architecte, machiniste, tailleurs, caissiers, receveurs, 
officiers 13.000 fl.; Orquestres pour 3 spectacles 10.000 fl.; Loies du theatre et autres impots finees 5455 fl.; l'aministration, decorations, habillements, 
voiture, imprimerie, copies, voyage etc. 33.545 fl , Somme 160.000 fl. (A6ten der General-Intendanz.) 

5 Auslagen für die Concerte während des ganzen Jahres und 2 Opern: 30.347(1. 15 kr., muthmafsliche Einnahmen 10. 150 fl. 50 kr. 
Reft 18.176 fl. 05 kr. — Concerte allein in den Faden (mit Mad. Gabrieli) 11.387 fl. 30 kr., Einnahmen 6000 fl., Reft 5387 fl. 30 kr. — Concerte 
während des Jahres ohne Opern 20.805 fl., Einnahmen 10.000 fl., Reft 10.805 fl. 



95 

lofe Munificenz. Unter folchen Umftänden durfte man fich nicht wundern, dafs man im Jahre 1759 vor 
einer regelrechten finanziellen Kataftrophe ftand, wenn nicht rechtzeitig geholfen wurde. Am 9. Juni 
diefes Jahres wurde der Kaiferin von der zur Prüfung der Theaterrechnungen berufenen Hofbehörde 
die traurige Eröffnung gemacht, dafs es fo nicht weitergehe. Deutfehes und franzöfifches Theater mit 
ihren gefonderten Balleten könnten allerdings niemals ohne Hof-Zufchufs exiftiren, mit diefem aber muffe 
der Director auskommen. Alan fchlug alfo der Kaiferin ein neues »Theatral- Arrangement« vor: 

Graf Durazzo folle gebunden fein, feine Bedürfniffe folgendermafsen zu fixiren: 1. Für die franzöfifchen Acleurs und Actricen 30.000 fl. ; 2. für 
die Komödianten und Komüdiantinen des deutfehen Theaters 16.000 fl. ; 3. für die Ballete 24.000 fl.; 4. für Orchefter, Theaterbeamte und technifches 
Perfonale 10.000 fl.; 5. für das gefammte Extraordinarium (Decorationen, Garderobe, Beleuchtung, Zins für das Kärntnerthortheater an die Stadt, 
Reifefpefen, Mufik-Copiaturen u. f. w.) 40.000 fl., zufammen alfo 120.000 fl. jährlich. — Allmonatlich folle dann mit dem Univerfal-Cameral-Zahlamt 
berechnet werden, wie viel von den Einnahmen zu diefen feften, unüberfchreitbaren Ausgaben fehlen und diefes Fehlende vom Hofe zugefchoffen 
werden. Für jede Vorftellung in Schönbrunn und Laxenburg follen dem Director 50 refp. 100 fl. und aufserdem eine Entfchädigung für die Wägen zur 
Fahrt hinaus und zum Transport der Decorationen bewilligt werden. Ferner folle den Theatern die Zuchthausgebühr und andere Leitungen erlaffen 
werden. Viel wäre endlich zu erfparen, wenn das deutfehe und franzöfifche Ballet vereinigt würden; drei franzöfifchen Vorftellungen im Burgtheater 
blieb das Ballet attachirt, ebenfo drei deutfehen, dagegen wäre an drei Wochentagen deutfehe Komödie ohne Ballet bei auf ein Drittel ermäfsigten 
Preifen zu veranftalten. Damit könnte die Nobleffe und das andere Publicum zufrieden fein. Die auf Koften des Theaters veranftalteten Burgtheater- 
Concerte wären aufzuladen, dagegen nur Subfcriptions-Concerte ohne Belaftung des Hofes zu geben. Der wichtigfte Zufchufs zu den Theatral- 
koften aber würde fich aus einer Bewilligung des Pharao-Spiels im Burgtheater ergeben, wobei von jedem Tifche 6 Ducaten zu entrichten wären, 
fowie aus der Befchränkung der allzuzahlreichen Normatage, welche Mafsnahme man der Kaiferin in aller Ehrfurcht vorfchlug. 

Auf diefen Vorfchlag erflofs der denkwürdige kaif. Befcheid vom 9. Juni 1759, welcher von der 
hohen Einficht, der hausmütterlichen Fürforge und Ökonomie der Kaiferin neues Zeugnifs gibt: 

>Spectacle muffen fein; ohnedem kan man nicht hier in einer folchen großen refidenz bleiben. Beede comoedien muffen 
bleiben u. deftinire ich darzu jährlich 150 M.-fl., die monathlich Durazzo zu Verfichern wären, ohne das er mehr die einnahm nach feinem 
eygenen verlangen fich melire, da bey denen beeden theatris fowohl alf bey dem Spill alß auch ballen felbe durch eygen beambte folle eingenohmen 
werden. Durazzo folle alle monath fein ausweis machen, deffentwegen, damit zu jetzigen Zeiten mir nicht wegen einer folchen ausgab 
einen billigen Scrupel machen könnte, fo refolvire dem theatro die privativam von allen speetacle, böllen u. concert, welch letztere auch in 
der Faften follen gehalten werden, unter denen 150 M.-fl. begriffen wie auch alle speetacle zu laxemburg u. fchönbrunn ohne was darzu a parte zu 
geben, erlaube auch, das man in theatro fpillen könne wie in mailand auch verbottene fpill, doch mit diefer restriftion, das niemand 
fpillen dörffe, als jene, die in die redoute gehen dörffen u. alfo in die zimmer alda gelaffen auch das fpill nicht länger alf die comoedie dauern dörffe, 
die übrige conditiones follen ordentlich von Durazzo zu papier gebracht werden u. mir zur einficht zu geben — auch um paares geld zu fpillen. 
Das personale, wie er es einrichten will, folle er noch übergeben, heuer muß man fehen zu helffen, wie man kann. Maria Therefia.« 

Die weitere Obforge für die Reform der finanziell etwas unficheren Theaterzuftände übertrug die 
Kaiferin dem nach kurzer Amtsperiode von der Theaterleitung gefchiedenen Grafen Franz Eszt er hazy. 1 
Ihm war esinsbefondere vorbehalten, über den ferneren adminiftrativen Einflufs Durazzo's zu entfeheiden, 
da man von deffen fchrankenlofer Generofität eine weitere Zerrüttung der Theaterfinanzen befürchtete. 

Der plötzlich wieder an die Oberfläche gerückte Graf Eszterhäzy nahm fich feines Revifionsamts 
eifrig an und erftattete fchon am 1. Juli fein erftes Referat über die nothigen Alafsnahmen, »um dem 
drohenden Zerfall des Theatri vorzubiegen.« Da Graf Durazzo »auch im Freihaus vor das Theater 
folle Verlufte gemacht haben«, fo feien diefelben fogleich feftzuftellen und dem Grafen jede weitere 
Neuanfchaffung zu verbieten. Alan conftatirte 13.762 fl. 33 kr. an Rückftänden und überdies 6000 fl. an 
rückzahlbarem Vorfchufs von dem »Kammerbeutel«. Efzterhäzy plaidirt für fo fortige Befriedigung des 
Kammerbeutels (was die Kaiferin zu dem lakonifch-deutlichen Alarginal-Vermerk veranlafst: »Diefe 
6000 fl. können noch wohl zuwarten«) und für monatliche Abzahlungen unter kräftiger Beihilfe 
der verfprochenen kaiferlichen Subvention von 150.000 fl. Die beantragte Verwaltung der Theater durch 
den Hofhält Eszterhäzy höchft bedenklich; das würde dem Ärar zu noch gröfserem Schaden gereichen 
und zu einem »merklichen Zerfall des Theaters« führen. Der Director werde felbft am bellen für fein 

i Die diesbezügliche Note der Kaiferin lautet: »Die Rubric wegen den Theater verftehet Eszterhäzy auch am bellen und wäre diefe Note 
und all' übriges auch bey Jhme zu überlegen, und über all diefe Sachen nach und nach mirReferaten abzuflauen, weilen die Einnahme felbften von Hof 
aus foll beflellet werden und nach des Durazzo eigenem Verlangen er nicht mehr damit folle zu thun haben. (Archiv des Min. d. Inn.) 



96 

Theater zu forgen wiffen; nur muffe man ihm die Mittel an die Hand geben, »fich mit Ehren zu diftin- 
guiren, den Fundus zu erweitern und das Ärar vor Mehrausgaben zu bewahren«. So habe es auch wohl 
Durazzo gemeint, der die Verwendung des Zufchuffes von 150.000 fl. einer höheren Entfcheidung 
vorbehalten wollte. Die Verfuche mit einem billigen Abonnement feien fchon unter Lo Presti verun- 
glückt. Die Kaiferin verfchlofs fich diefen Argumenten nicht und entfchied: »Placet, als ein 
Prob.« Die ebenfalls beantragte »Neuanfchaffung von Decorationen für Mafchins-Komödien« billigte 
fie auch, aber mit einer Einfchränkung, welche von dem hausmütterlichen Sinne der grofsen Herrfcherin 
zeugte. In m argine findet fich bei diefem Antrage die eigenhändige Refolution Maria Therefia's: 

>Placet, in diefem aber fehr fparfam zu gehen alezeit, ehe als man neues fowohl in fcenen als mafchinen anfchaffte oder auch an 
Kleydungen, welche 200 fl. übcrfteigten, ehender mir den Überfchlag zur weiteren refolution abzugeben; dan gar keine fchand ift, wan 
das publicum auch fihet, das in difen eine erfparung gefchehet, welches nöthig ift.« 

So blieb Durazzo im Vollbefitze feiner Machtftellung und wurde nur ermahnt, mit feinem bisherigen 
Eifer für die Entfaltung der Hoftheater zu forgen. Die intereffantefte Neueinführung im Burgtheater war die 
zur Aufbefferung der Einnahmen erlaubte Etablirung eigener Spielfäle »feitwärts des Parterre oder der 
fogenannten Galerie noble«. Zutritt in diefe dem Hazard-Spiel gewidmeten Räume hatten allerdings nur 
redoutenmäfsige Perfonen, d. h. Männer von Rang und Stand, welche die Kaiferin zu den 1753 — 56 
abgehaltenen grofsen Hof-Redouten zugelaffen hatte. Wer fich zum Tailliren niederfetzen wollte, mufste 
Kämmerer oder wenigftens Truchfefs, oder — wenn er der Armee angehörte und keines von beiden 
war — wenigftens Oberft fein. Diefe Einfchränkung wurde nothwendig, damit in den Sälen Platz bliebe 
und auch Jene, welche »Commerce-Spiele« machen wollten, Tifche vorfänden. Vor jedem Tailliren 
zahlte man 10 Ducaten; dafür wurde man mit Tifch, Lichtern, 6 Spielen Karten und »den nöthigen 
Bücheln« verforgt. Die Entleihung von Geld wurde mit 100 Ducaten beftraft, da nur um Baargeld zu 
fpielen geftattet war. Von dem Strafgelde gehörte die eine Hälfte den Armen, die andere der Theatercaffa. 
Ein befonderer Regierungscommiffär überwachte die genaue Beobachtung der Spielregeln, welche in 
deutfcher und franzöfifcher Sprache publicirt, allenthalben angefchlagen und aufgelegt wurden. 1 Die 
Idee, das Pharaofpiel dem Theater nützlich zu machen, war übrigens fchon älter als diefe kaiferliche 
Verordnung; fchon früher war das Hazardiren auf den Hof ballen und Redouten gegen eine gewiffe 
Abgabe an die Theatercaffa geftattet worden. 2 Das Mittel bewährte fich beffer als alle anderen Mafs- 
nahmen zur Sanirung der Theatercaffa. Diefe wäre auch, unter der ausgiebigen Beihilfe der Spielcaffa, 
gewifs den höchften Anfprüchen gerecht geworden, hätte nicht ein neues, unvorhergefehenes Ereignifs 
die ganze Balls des Wiener Theaterwefens verrückt. Diefer böfe Zwifchenfall war der Brand des 
Kärntnerthortheaters am 3. November 1761. 

Diefes Haus war bisher die normale Stätte der deutfchen Komödie, im Volksmunde »das deutfche 
Theater« gewefen; nur in Ausnahmsfällen überfiedelte die deutfche Schaufpielgefellfchaft in das 
Burgtheater. 3 Auch bei feftlichen Anläffen blieb in der Regel das Burgtheater dem fremdfprachigen 

' Den Wortlaut fiehe im Anhang. 

2 Khevenhüllers Tagebuch weift unter dem 18. Jänner 1759 folgende Xotiz auf: »Heute war das erfte Kinderfeft, wobei wie im vergang. 
Jahre der Compagnie de pharaon zu tailliren erlaubt wurde; nachdem die unferige (Comp.), welche über zivey Jahre fouteniret, wegen der 
gar zu grofsen partcn, endlich das Handwerk aufgeben muffen, fo hatte fich aus ihren debris eine andere taliter qualiter formiret, welche zwar den 
Drittel des revenant der Theatral caffa überlaffen muffen, hingegen nicht allein auf den Hofbaien und redouten fpillen, fondern auch per 
assurer fon gain, verfchiedene neue reglement errichten dörffen. . . .« — Und ebenda 11. Nov. 1755: »Erlaubt das Pharaofpiel auf der Redoute, deffen 
Profit zu dem Fond des fpe£tacles gefchlagen worden.« 

3 Khevenhüllers Tagebuch 8. Jänner 1759: »Wurde in unferemTheatro bey Hof die deutfche comedie aufgeführt, weillenmanaberdas parterre 
noble, um dem Volk mehreren Platz einzuräumen, in etwas abkürtzen muffen und damit die Loge der jungen Herrfchaften gerad über die Köpffe der 
populace hinaus gefehen hätte (fo man nicht für decent gehalten), fo befahle die Kayferin difffahls eine abänderung und affignirte Ih. k. k. Hh. die 
große mittlere Loge privative, welche vorhin denen Hoff Dames gewidmet wäre, und placirte dife dafür in jene untere Loge, wo bishero die Herrfchaften 
gewefen.« — 2. Februar 1765: »Wurde auf dem Hoftheatre eine deutfche comedie und zum fchluß ein neues ballet producirt, welchen M. Hilfer- 
ding, der vor kurtzem die Ruffifchen Dienfte quittiret und wieder in die unfrige getretten ift, componiret, on le nomma: »les amants proteges 
par l'amour« und hatte einen fo allgemainen applaus, daß zu end des spectacle das Handklatfchen faft nicht mehr aufhören wollen.« 



97 

»Spe6takel« treu, im Kärntnerthortheater vergnügte fich das eigentliche Wiener Volk. 1 Nun aber ver- 
fchwand das »deutfche Theater« völlig vom Erdboden. Am 3. November 1761, bald nach dem Ende 
der Vorftellung (»Don Juan« oder »das fteinerne Gaftmahl«, Ballet von Angiolini, mit Gluck'fcher Mufik) 
entftand in dem Haufe — wie man erzählt, wegen mangelhafter Aufficht über den Feuerfchlund, in 
welchem Don Juan zu verfchwinden hatte — eine fo heftige Feuersbrunft, dafs ihr durchaus nicht gefteuert 
werden konnte und fogar zwei benachbarte Privathäufer von den Flammen ergriffen wurden. Es war. 
aufser dem Brande der Magdalenencapelle auf dem Stephans-Freithofe, im XVIII. Jahrhundert der 
einzige Brand innerhalb der Stadtmauern, welcher ein Gebäude von Grund aus vernichtete. 2 Der 
Theatercaffier, welcher fchon im Zeitpunkte höchfter Gefahr die Caffa retten wollte, kam im Angefichte 
der zahlreichen löfchenden Menge in den Flammen um, da man das eiferne Gitter, das ihn abfperrte, 

nicht zu fprengen vermochte Damit war das deutfche Theater obdachlos; es wurde aus purer 

Notwendigkeit in das Burgtheater eingelaffen, mufste fich aber dort mit der peinlichen Rolle des 
Geduldeten, des Afchenbrödels, begnügen. Da auch das Material der deutfchen Komödie gröfstentheils 
verbrannt war, kamen die abgelegten Kleider der Franzofen den deutfchen Collegen zu Gute; fie mufsten 
fich mehr denn je daran gewöhnen, Schaufpieler zweiter Güte zu heifsen, wenn auch ihre Vorftellungen 
die Hauptnahrung der Theatercaffa waren. 

Bald nach dem Brande zeigte es fich, wie beengt die verfchiedenen Zweige der Wiener Schaubühne 
in dem kleinen Burgtheater waren. Durazzo fragte in einem allerunterthänigften Vortrage 3 an, »ob 
Ihre Majestät im Jahre 1762 und im Carneval 1763 eine Opera seria oder buffa unterhalten wolle«; in 
diefem Falle müfste man an ein anderes Theater denken, da das Theater beim Hofe (Burgtheater) fo 
viele Genres nicht cultiviren könne. Erftens würden dann nur 2 Tage der Woche für die deutfche 
Komödie übrig bleiben, was denn doch zu wenig für das Schaufpiel der Nation fein würde, dann wäre 
auch das Haus nicht geräumig und bequem genug für diefe verfchiedenartigenKunftgattungen. Wollte 
die Kaiferin auf die Oper verzichten, fo würde man in dem einzigen Theater abwechfelnd die deutfche 
und die franzöfifche Komödie geben, ohne dafs die Kaiferin etwas zuzufchiefsen hätte — freilich hätte 
dann der Hof und der Adel weniger Abwechslung und weniger Vergnügen. Wollte man aber ein 
zweites Theater, fo liefse fich entweder ein kleines Theater im Ballhaufe bei den Franciscanern 
oder das Theater auf dem Capuzinerplatze, deffen Pläne fchon fertig feien, das letztere fogar binnen 
zwei Monaten und um den billigen Preis von 18.000 fl. erwerben. Wollte man jedoch das Stadttheater 
beim Kärntnerthor nach dem alten Plane und mit Benützung des noch vorhandenen Materials neu 
aufbauen, fo wäre die Stadt gewifs zu jedem Arrangement ebenfo leicht zu gewinnen, als wenn man 
die Idee eines neuen grofsen Theaters auf dem Bauplatze des Trautfon-Haufes (Ecke der Habsburger- 
und Stallburggaffe) ernfter ins Auge faffen würde. 

Die Erbauung eines folchen Theaters würde auch den Hof von der gefährlichen Nähe des 
bisherigen franzöfifchen (Burg-) Theaters befreien; der Trautfon'fche Bauplatz aber wäre grofs genug, 
felbft zwei Theater darauf zu erbauen, gröfser, als man fie bisher befitze. Diefe letztere Idee, ftatt 
des abgebrannten Kärntnerthortheaters ein neues gewaltiges Schaufpielhaus zu erbauen, das alle 
Komödien in fich aufzunehmen und daher das Burgtheater überflüfsig machen würde, trat nun in 
den Vordergrund der Berathungen. 

' Am 7., 8. und 15. Oftober 1760 war aus Anlafs der Vermählung des Kronprinzen Erzherzog Jofeph Freitheater. Das Parterre, der 3. und 
4. Stock waren für Jedermann offen; befondere Commiffäre regelten den Einlafs. Für den Logen- und Galeriebefuch wurden in der Wohnung des 
Grafen Durazzo oder im »kleinen Saale des Theater« Billets ausgegeben. »Perfonen, die nachher Hof in das Appartement kommen können« — heißt es 
in der Ankündigung — »wird in das Teutfche Theatre kein Billet gegeben, maffen diefe nämliche Tage in dem andern Theatre nächft der 
Kaiferl. Burg ebenfalls ein Schaufpiel aufgeführet werden wird. Jedermann wird fich fowol bey dem Einlaß, als nachhin geziemend zu 
betragen, und von allem Gefchrey und Unordnung zu enthalten wiffen, damit durch die Menge denLeuten das Schaufpiel nicht unangenehm, oder des- 
felben Vorftellung gehinderet, fondern anfehendlich gemacht werde.« 

2 Öhler, Gefchichte des gefammten Theaterwefens etc. 

s Aften der General-Intendanz. 



98 

Die Kaiferin wollte zunächft bei diefen fchweren Kriegszeiten überhaupt nichts von einem Neubau 
willen, 1 dann aber befreundete fie fich mit dem Proje&e, das riefige Bürgerfpitalsgebäude ganz oder 
theilweife niederzureifsen und den dadurch freiwerdenden Platz für den Theaterbau zu erwerben, wenn 
nur das Spital mit feinen Stiftungen nicht gefchädigt würde, 2 aber eben dies ergab eine Fülle von 
Bedenken, Rechtsfragen und Anftänden, welche noch heute ein gewiffes locales Intereffe haben und 
fchliefslich den ganzen Plan fcheitern liefsen. 

Der Hof-Architekt Freiherr v. Pacaffi vertrat entfchieden die Idee der vereinigten Theater auf dem Bürgerfpital-Grunde; er vertrat fie umfo- 
lieber, als durch diefen Bau keine Verminderung der Bürgerwohnungen bedingt, vielmehr die zum Bürgerfpital gehörige »Ochfenmühle, Branntwein- 
kuchel fowie das Bräuhaus«, lauter feuergefährliche Obje&e, aus der inneren Stadt entfernt wurden. Das Wach-Piket, die Rumerwache und Hofwagner- 
Wohnung könnten an die Stelle des abgebrannten Theatergebäudes, die Armenwohnungen, Spital und Anatomie aber in den rückwärtigen Theil 
des Bürgerfpitalgebäudes verlegt werden; den Entgang an Einnahmen hätte das Theater dem Spitalsfonds zu erfetzen. Nun ging es an ein 
Commiffioniren und Recherchiren ohne Ende. Die Superintendenten« des Bürgerfpitals beriefen fich auf die wohlverbrieften alten Rechte des Inftituts, 
und die Stadtgemeinde fchlofs fich ihren fchweren Bedenken an. Man erkannte endlich, dafs der Abbruch des Spitals mit feinen 106 Wohnungen, 
Gewölben, Bodenräumen u. f. w. unmöglich fei, 1. wegen der alten Stiftung, 2. weil die Summe des Erfatzes für das Bräuhaus und die übrigen Objefte 
403.398 fl. erreichen würde, auch — machte man geltend — wäre der Braudunft nicht nur nicht fchädlich, fondern geradezu gefund für die Stadt und bei 
einer feindlichen In vafion das fr ifc he Bier der Garnifonhöchft zuträglich, 3. fei das Bürgerfpital anno 1529 während der Türkenbelagerung aus der 
Vorftadt zum belferen Schutze in die Stadt übertragen worden und könne daher jetzt nicht (wie es mit Bräuhaus, Branntweinbrennerei u. f. w. geplant 
war) wieder in die Vorftadt zurückverlegt werden; 4. fei das Spital zur Verpflegung der Kindbetterinen, des Verftands beraubter und corrofivifcher 
Kranker und alterlebter Greife beftimmt und daher nicht zu entbehren, endlich 5. fei kein bequemer Ort zur Transferirung aufzutreiben. Diefe Gründe 
leuchteten der Kaiferin ein; das Project wurde begraben. Am 3. April 1762 refolvirte die Kaiferin, dafs fie in Anbetracht der vorgebrachten Gründe 
von der Verlegung des Bürgerfpitals abfehe, von dem Entfchlufse aber, das in der Herrengaffe gelegene Trautfon'fche Haus als dem Erbland- 
hofmeifter angehöriges Lehen gegen Entfchädigung des Fürften zum Theaterbau zu verwenden, wegen des mangelnden Wagenraums ebenfalls 
abgehe und das Theater auf dem alten Platze wiederaufzubauen befehle. Doch follte das Schaufpielhaus einigermafsen erweitert und auch das 
Terrain der gänzlich aufzuladenden Hoffchmiede und des Pfauenwirtshaufes dazugenommen werden. Mit Wohlgefallen nahm die Kaiferin die Will- 
fährigkeit zur Kenntnifs, welche die Stadtgemeinde diefem neuen Projecle gegenüber bewies. Die Stadt war nicht nur bereit, die Bauauslagen, felbft 
wenn fie die Summe von 80.000 fl. erreichen würden, theils in baarem Gelde, theils in annehmbaren Papieren vorzuftrecken, was ihr mit 5 Procent 
verzinft und binnen 15 Jahren reftituirt werden follte. Sie ging noch weiter und legte der Kaiferin den ihr gehörigen Platz und die Brandftätte fammt 
ihrem Privilegium zu Füfsen, mit der einzigen Bitte, ihr >die auf nahe an 58.000 fl. capitaliter fich erftreckenden Forderungen una cum eo, quod 
interest, nach und nach zu erfetzen«. Die niederöfterreichifch-böhmifche Hofkanzlei beantragte dringend, diefe Anerbietungen anzunehmen, zumal das 
ftädtifche Privilegium fchon fo oft befchränkt worden fei, dafs es anftändiger fei, es «auf eine verftändliche Art völlig zu heben«. Auch hätte die Stadt 
fozufagen wirklich ein Recht, eine Entfchädigung für den Brandfehaden zu fordern; ihre Vorfchläge feien alfo höchft acceptabel. Dies erkannte auch 
die Kaiferin, nahm das Anerbieten der Stadt an und bewilligte ihr eine Entfchädigung von 50.000 II. in zehnjährigen Raten. 3 Die Baukoften für das 
neue Haus bezifferte Durazzo, der unter Controle Kaunitz' mit Pacassi den Bau zu leiten hatte, auf mehr als 70.000 fl. Das neue Mufenhaus erhob 
fich denn auch weit ftattlicher, als das alte gewefen war, aus feinem Schutte. Es hatte aufser zwei geräumigen Parterreräumen, die zufammen 46 Fufs 
lang waren, und dem Orchefter 5 Stockwerke. Die Bühne war 44" , Fufs tief, 62 Fufs breit, 42',, Fufs hoch; man durfte fie nach den Raumver- 
hältniffen getroft den gröfsten Bühnen Deutfchlands anreihen. 

i Die bezügliche kaiferliche Meinung lautete: >Ich kann mich noch nicht refolviren über die Erbauung diefes Theaters, befonders in diefen 
Zeiten. Die Schmitten (Schmiede) aber, wie auch das Wagnerifche Haus oder die noch in diefer kleinen Gaffen feynd, feynd von der Stadt zu ver- 
kauffen und allfogleich niederzureißen.« — Gegen den letzteren Befehl, welcher der Stadt die Niederreifsung diefer Gebäude auf eigene Koften zur 
Pflicht machte, proteftirte der Magiftrat; ebenfo beanfpruchte die Stadt 60.000 fl. Entfchädigung »für das abgebrunnene Stadttheater.« (A. d. 
Min. d. I.) 

2 Das Hof-Decret vom 28. December 1761, welches diefen A. h. Plan der niederöfterreichifchen Regierung mittheilte, hat folgenden Wortlaut: 
»Von der Rom. kayf, in Germanien, zu Hungarn u. Böheim kgl. Maj. Erzh. zu Oeftcrreich unferer a. g. Frauen Wegen der niederöft. Regierg. hiemit in 
Gnaden anzuzeigen, Allerh. gedachte Ihre k. k. Maj. wären allergnädigft gefinnet, an Platz des abgebrannten allhiefigen teutfehen Stadt Theatri ein 
neues und zwar an jenem Ort erbauen zu laffen, wo fich der gegen das fürftl. Lobkowitzifche Haus gelegene Theil des allhief. Bürgerfpitals befindet 
u. gedenken auch a. h. diefelbe das bishero nächft der k. k. Burg geftandene franzöf. Theatrum zur Bequemlichkeit dero Hof- Staats 
u. des public i dahin zu überfetzen. Jedoch haben Ihro k. k. M. zum voraus allermildeft zu erklären geruhet, dafs deßhalben dem Bürgerfpital 
nichts zur Laft fallen, fondern dasfelbe hierinfalls durchaus vollends fchadloß gehalten werden folle. Da nun zur Erreichung diefer a. h. Intention 
einerfeits jenen Platz u. gelegenheiten, welcher in beigehenden Riß u. zu gleich angefchloffener Specification angemerket werden, zu verwenden 
die Notwendigkeit erheifchet, andererfeits aber es untereinflens darauf ankommet, daß das vorhandene Bräuhauß mit allen dazu gehörigen Erfordernißen 
in eine der hiefigen Vorftädten überfetzet, die in dem Bürgerfpital nöthigen Officianten aber, deren Wohnungen durch den niedergeriffenen 
Theil erwehnten Bürgerfpittals caffiret würden, in dem übrig bleibenden Theil nebft denen Armen untergebracht worden; Alß hat die n. ö. Reggierung, 
wie all-folches zu vollziehen u. das Bürgerfpittal in all u. jeden fchadloß zu halten feye, der Hofcommiffion einen ftandhafften Bericht mit Beifetzung 
ihrer räthlichen Meinung nachher Hof zu befördern. Decretum per Sacram Caes. Reg. Majestatem, in consilio Directorii et Publicis et Cameralibus. 
Viennae die 28. Mensis Decembris anno Domini 1761 J. v. Chotek.« (A. d. Min. d. Inn.) 

s Die Stadtgemeinde flellt folgende Rechnung auf: Taxe für das Privilegium 1000 fl.; Kauffchilling für das »Stadl« (1709) 5062 fl. 30 kr.; 
Baukoften für das alte Theater 35.717 fl. 23 kr.; Erweiterung in den Jahren 1748 und 1749: 12.691 fl. 10 kr.; Kauffumme für die Selliers'fchen Effeaen 
und Decorationen (1752): 1850 fl.; Malung des Plafonds und Übermalung des Portals (1760): 210 fl. 35 kr.; Erfatz für Löfch- und Räumungskolten 
1420 fl. 4 kr., Totale: 57.951 fl. 43 kr. — Die Kaiferin refolvirte am 23. Juni 1763 placet; Durazzo follte difen Bau mit dem Bauambt verfertigen. M. 
(Arch. d. Min. d. Innern.) 



99 




■5 £ ^Cfui^e/ji fuu 

Das „neue" Kärntner thortheater. 



Am 9. Juli 1763 erfchlofs das erneute Kärtnerthortheater zum 
erften Male feine Pforten. Weiskern war mit der Verfaffung eines 
Feftfpiels 1 für diefen denkwürdigen Abend betraut worden, das die 
ganze Schaufpieler- und Tänzerfchaft des Theaters auf der neuen 
Bühne verfammelte. 

Der Schauplatz ftellte zunächft eine „Wüfteney mit eingefallenen Mauern und verödeten 
Biuchftücken vor, welche mit Dornhecken und Diftelftauden bewachfen" waren. Weiskern 
erfcheint zum Spiele bereit; da entdeckt er die Verwüftung auf der geliebten Stätte und ruft 
vergebens nach den Cameraden Prehaufer, Brenner, Stephanie, Jaquet . . . Verzweifelt zieht 
er ein bereitliegendes Eremitenkleid an, um als Einfiedler auf der Trümmerftätte zu häufen. 
Denn dorthin hat ihn ein Orakel gewiefen; dort foll fich fein Schickfal entfcheiden. Da ertönt 
fideler Gefang: >Semper luftig, nunquam traurig — immer füfs und nimmeifaurig, — diefes bleibt 
mein Symbolum«. Ja, das ift Hanswurft's Liedlein, und da ift er felber, der brave Prehaufer. Er 
kennt den Eremiten nicht, und ein kräftiger Dialog entfpinnt fich zwifchen Beiden. Weiskern: 
>\Veiche von hier, Satanas!« — Prehaufer: >Was, Satanas? Nicht viele folche, Herr-Wald- 
bruder, oder der Satanas fchlägt dir den Beizebub um die Ohren, dafs dir der Kopf brummt.« 

— Weiskern: »Störe mich nicht in meiner Ruhe.« — Prehaufer: »Ich will dich in deinen 
Grillen nicht fiören, wenn du mir eine einzige Frage beantwortet, Haft du nicht einen Herrn in 
einem grauen Kleide mit filbernen Börteln gefehen? Er nennet fich Weiskern.« — Weiskern: 
»O, der ift für dich verloren.« — Prehaufer: »Verloren? Wie, ift ein folcher Ranzen wie er 
vielleicht ein Zahnftörer, den man fo bald verlieren kann?« — Weiskern gibt fich zu erkennen, 
behauptet aber, de feien beide als Einfiedler für diefe Wüflenei beftimmt, ihre Nahrung Wurzeln 
und Kräuter. — Prehaufer: »Da bedanke ich mich. Mauern Tür die Bauern und Gras für den 
Has, aber mir ift ein Schnepfenpafletl und ein Fafanerl im Kraut gefünder als Stroh und Heu.« 

— Weiskern: »Sie wollen alfo kein Einfiedel werden?« — Prehaufer: »Nein. Jener grofse 
Herr fagte, er möchte kein Heyduk feyn. Warum? Weil er es fo beffer hätte. Und fo denke ich 
auch.« — Weiskern: »Sie haben es jetzt beffer? O, Sie bedenken nicht, wie höchft befchwer- 
hch der Stand einer theatralifchen Perfon ift. Nichts ift leichter, als unfere Arbeit anzufchauen, 
aber wie heifs die Bretter find, die wir betreten, willen Sie felbft. Wie viel Gefchicklichkeit 
erfordert man von einem Schaufpieler? Er foll in allen Sätteln gerecht fein. Die Kunft mufs 

ihn bilden, die Natur mufs ihn vollenden. Das ift, der Zufchauer mufs an ihm nichts Gezwungenes und Gekünfteltes bemerken, fondern 
es mufs ihm Alles ganz leicht und natürlich vorkommen. Allein, das ift eben das Schwerfte. Die Beredfamkeit des Leibes ift eine Gabe, 
welche die Natur nur feiten austheilet. Das alte Rom kannte hundert Helden, aber nur einen einzigen Roscius, und doch war diefer, bei allem 
Beifalle, dem Tadel des geringften Zufchauers blofsgeftellet.« — Prehaufer: »Es ift leider wahr; wer feinen Platz bezahlt hat, der glaubt, die 
Komödie gehört für ihn allein. Er redet um fein Geld, was ihm beliebt. Aber was fchad't das? Worte machen keine blauen Flecke, und von blofsem 
Hören hat noch kein Menfch ein Ohrwafchel verloren . . . .« Unter folchen Gefprächen über die Kunft erfcheint die holde Hub er in, erkennt die beiden 
Einfiedler und erklärt ihnen die wahre Bedeutung des Orakels. Den Stein, auf welchem Weiskern fitzt, foll fie in ein neues, herrlicheres Haus 
übertragen. Und kaum berührt fie diefen Stein, fo verwandelt fich derfelbe in das »kaiferlich e Wappen fc hild mit dem römifchen Adler«, die 
Wüftenei verfchwindet, ein prächtiger, hell erleuchteter Saal öffnet fich, und entzückt ruft die Huberin: »Unfere deutfche Schaubühne fteigt wie 
Phönix aus ihrer Afche hervor und glänzet mit aller Pracht des alten Roms!« Luftgeifter tragen das Wappenfchild in die Höhe. Freudenchöre tönen, 
das ganze Perfonale, die »Elizonin, Henfelin, Leinhas, Heidrich, die Jaquets, die Mayerin, Ziegel, die Mecour und Schwagerin, Stephanie, Brenner und 
Brennerin, König und Preinfalk« ericheinen, vereinigen fich zu Segensfprüchen für das Theater und machen fchliefslich den Tänzern Platz, die das 
Vorfpiel mit einem grofsen Ballet befchliefsen. 

Das neue Haus war eröffnet; wieder wurde das Burgtheater das ausfchliefsliche »Theätre francais«, 
die Kärntnerthorbühne das »deutfche Theater« Wiens, das Perfonal hatte fich vermehrt und confolidirt, 
aber die Leitung der Wiener Schaubühme fchwankte bereits in ihren Grundfeften. Nur die glänzenden 
Einnahmen des Pharao-Spiels, das z. B. anno 1 762 unter den Gefammteinnahmen des Theaters (228.302 fl. 
25 kr.) mit mehr als 110.000 fl. figurirte, verhütete ein ftarkes Deficit, das durch die noble Direciions- 
führung Durazzo's leicht erklärt worden wäre. 2 Deshalb mufste es fich der mit dem Titel eines 

i »Die herftellung der deutfchen Schaubühne zu Wien, unter der Aufficht Sr. Hoch- und Wohlgeb. Exe. Herrn Jacob, Grafen von 
Durazzo, Ihr. k. u. k. Ap. Maj. wirkl. Geh. Raths und Directors der Hofmufik, wie auch der k. k. Hof- und priv. Theater; in einem Vorfpiele gefeyert 
welches auf Befehl von Friedr. Wilh. Weiskern verfallet und im Heumonat 1763 bei Wiedereröffnung gedachter Schaubühne aufgeführet worden 
ift. (Wien, Ghelen.) 

s Die Bilanz pro 1762 wurde in den Büchern, welche wegen der italienilchen Bühnenleitung in italienifcher Sprache geführt wurden, folgender- 
mafsen aufgeftellt: Teatro di Vienna. Introito (Einnahme) Commedia tedesca 41.264 fl. 15 kr., Commedia francese 28.899 11. 3 kr., Opera italiana 
25.706 fl. 31 kr., Concerti 10.156 fl. 7 kr., Faraone 99.100 fl. 2S kr., Faraone di Ridotto 11.997 fl. 46 kr., Biglietti 10.000 fl., Venditadi libretti 1178 fl. 
15 kr., Summa 228.302(1. 25 kr.— Esito (Ausgaben): Decorazione 13.703 fl. 50 kr., Illuminazione 12.394 fl. 47 kr.; Vestiario (Coftüme) 15.394 fl. 31 kr.; 
Uffiziali (Beamte) 16.006 fl. 16 kr.; Attori tedeschi (deutfche Schaufpieler) 12.613 fl. 18 kr.; francesi (franzöfifche) 22.989 fl. 33 kr.; Ballerini di 2 theatri 



100 

»General-Spectakel-Direclors« neubekleidete Durazzo gefallen 1 äffen, dafs man ihn fchon 1762 unter Con- 
trole Hellte und eine Änderung in der Theaterverfaffung erwog. In einer der Kaiferin unterbreiteten 
Denkfchrift: »Ohnmaßgebliche Gedanken, damit die Theaterdireclion ordentlich geführt werde« — 
deren Autorfchaft Tobias Freiherr von Gebier, eine für die fpätere Geftaltung der Wiener Theater- 
verhältniffe bedeutfame Perfon, nicht ferngeftanden fein dürfte — wurden pofitive Yorfchläge dafür 
entwickelt. Die Denkfchrift forderte: 

»Dafs von Beginn jedes Theaterjahres von der Direclion ein Etat der Ausgaben, »nach Mafs, als Ihro Majeftät die Speftakel gehalten wiffen wollen, 
formirt. nach Hof gegeben und wenn er approbirt wäre, der Caisse generale mit dem Auftrage zugeftellt würde, den ausfallenden Betrag zur monat- 
lichen Beftreitung der Unkoften auszuzahlen; dafs der gefammte Eingang vom Theater und Spiel »als unangreifbarer Fond zur Erhaltung von einer 
kaiferlichen Refidenz anftändigen Speftakeln aflignirt und wenigftens bis zur Erbauung eines neuen Theatri zu erwähnten Objeftis gewidmet bleibe«. — 
Zur Leitung der Bühne hält die Denkfchrift zwei Directoren nöthig, damit einer den anderen ordentlich controliren könne, und zwar weifs fie als 
zweiten Direktor neben Durazzo »keinen tüchtigeren als den Baron Lo Presti« vorzufchlagen, und zwar fo, dafs Durazzo ohne deffen Vor- und 
Mitwiflen nichts unternehmen könne. Ebenfo follte die»Beforgnifs und Aufficht« des(Pharao-)Spiels in den beidenTheatris beiden Directoren ebenmäfsig 
übertragen werden, dermafsen, dafs die beiden erforderlichenfalls das Brachium politicum durch die böhmifch-öfterreichifche Hofkanzlei von der nieder- 
öfterreichifchen Regierung anzufprechen hätten. Strengftens wäre zu befehlen, weder auf Marques noch auf Credit, fondern allein mit baarem Gelde ohne 
Rückficht aufPerfonen zu fpielen. Dann waren in den Spielfaal nur redoutenmäfsigePerfonen einzulaffen und »vorfonderlich die gefährlichen frem den 
Spieler und die von dem Spiel Profeffion machenden fremdenAventuriers, wie es in jedem wohlregulirten Staat beobachtet wird, hintan- 
zuhalten, auch wegen Sicherheit und Unverfälfchung der Karten nach dem Vorfchlag des Baron Lo Presti die nöthigen Vorkehrungen zu machen«. 

Der Kaiferin gefielen diele Vorfchläge; nur die Perfon des Baron Lo Prefti, welche fo plötzlich 
wieder aus der Verfenkung emportauchte, war ihr unangenehm. In ihrer Refolution heifst es: »ob er 
(Kaunitz) nichts dabey zu erinnern hat; alles alfo zu befolgen, bis was die person desl'opresti 
anbetrifft, ganz zu abftrahiren; er könnte auch mit Mayer daraus reden.« — Am 26. April 
erflofs das Decret betreffend die Verfchärfung der Spielregeln an Durazzo und die niederöfterreichifche 
Regierung. Der Graf blieb zwar vor dem »Condirecfor« bewahrt; aber er bekam einen Controlor in der 
Perfon Gontiers, des franzöfifchen Bücher-Cenfors und Redakteurs der kaiferlichen Amts-Zeitung, 
eines Mannes von Gefchmack, Kenntniffen und grofser literarifcher Bildung, der das volle Vertrauen 
der Kaiferin befafs und dem nun die gefammten Theater-Rechnungen Durazzo's zur Durchficht und 
Prüfung zugewiefen wurden. 1 

Das Regime des Grafen war eben verdächtig geworden und die Gerüchte, dafs feine Tage gezählt 
feien, traten immer beftimmter auf. Auch die Beziehungen Durazzo's zu Favart erfuhren um diefelbe 
Zeit eine Trübung, und die Perfon des Wiener Bühnenleiters gerieth dabei in das trübfte Licht. Bis 
zum Frühjahr 1863 hatte Favart für all' feine Correfpondententhätigkeit, feine zahllofen Beforgungen 
für die Wiener Theater und für Durazzo — dem er fogar die Garderobe in Paris befchaffte — nicht die 
geringfte Entfchädigung erhalten. Nun fchüttete er Dancourt fein Herz aus, und diefer beeilte fich, 
die Affaire in Wien zu Ohren der Kaiferin zu bringen. 2 Er intereffirte auch Gontier lebhaft für den 

(Tänzer) 33.526 fl. 24 kr.; Operisti (Opernfänger) 15.928 fl. 30 kr.; Orchestra di 2 theatri 7931 fl. 50 kr.; Comparse, manuali e regiunti 1245 fl. 54 kr.; 
Copista di musica 2574 fl., Carozze (Wagen) 3700 fl. 4 kr., Extrafpefe, quartieri, legatore e piccole spese 21.361 fl., Stamperia (Druckerei) 1260 fl.; 
Interesi, pensione e fabbrica 15.0*00 fl., Summa 195.830 fl. 33 kr. — Avanzo (Gewinn) 32.471 fl. 52 kr. 

1 Am 13. März 1763 fchreibt Dancourt, der bekannte franzöfifche Schaufpieler und Dichter, feinerzeit bekannt unter dem Namen »L'Arlequin 
de Berlin«, an Favart: »M. Gontier, Charge ici de la censure des livres et de la gazette, homme plein de goüt, de litte'rature et d'espril, et qui 
a l'honneur de contribuer ä l'education en partie de la famille imperiale par de petits ouvrages de morale en prose et en vers, s'est acquis ä tres- 
juste titre la confiance de Sa Majeste. La regie de M. le comte Durazzo etant devenue suspecte, il a en le desagre'ment que ses comptes ont 
ete donnes a verifier ä M. Gontier. Celui-ci a trouve les desenfler prodigieusement, et depuis ce tems le comte n'est rien moins qu'un homme considere 
de leurs majestes. Des considerations tres-etrangeres au speetacle le tiennent en place, mais sa Majeste se fait donner par M. Gontier des memoires sur 
la regie, qui probablement en veut bientot changer la forme.« 

2 »Vos interets me tiennent eveille« — fchreibt er am 13. März 1763 an Favart — »et j'aurais fait beau bruit sur la lettre que vous m'avez 
ecrit, par laquelle vous m'apprenez que votre correspondance avec M. Durazzo ne vous a rien produit encore, sans ce maudit interet personnel. 
L'Imperatrice croit que vous etes paye pour cela au moins 500 ou 600 florins par an; ainsi il s'en faut quinze cents francs par an depuis que vous 
correspondez avec l'excellent, que vous ne soyiez paye du fruit de vos peines .... Mr. Gontier m'a fait la dessus des ouvertures dont il ne me convient 
pas d'abuser; mais comme dans la resolution ä venir il pourroit arriver que le passe ne vous aurait rien produit et le futur idem je me suis consulte 
avec M. Gontier dont l'intention est que vous soyiez paye du passe, et de faire en sorte de vous faire assigner une pension fixe pour votre 
correspondance. Que M. Durazzo reste ou non, la pension etant assignee une fois, il foudroit que votre quittance justifiät de la recette. 
Quoique M. Durazzo n'ait encore rien fait pour vous, il n'en a cependant pas moins cherche un autre corre spondant, qui n'a pas voulu se 
charger de la besogne. II connaissoit l'homme apparement. Je tiens encore cette aneedote de M Gontier . . . .« 



101 

delicaten Fall und fandte Favart das Concept eines Briefes an den Cenfor und Controlor ein, worin 
Favart diefen in zarter aber doch deutlicher Form um fein »Fürwort« bei Durazzo erfuchen follte, dafs 
man wenigftens durch die Aufführung eines feiner Stücke (»Trois Sultanes«) vor den Majeftäten ihm 
vergelten möge, was er feit Jahren für Bemühungen im Intereffe des Grafen und damit auch der Wiener 
Bühnen gehabt habe. 1 Favart gefiel diefer Briefentwurf; er fchrieb Dancourt in den herzlichften 
Ausdrücken und fchilderte ihm die ganze Gefchichte feiner Correfpondententhätigkeit für Wien. Sie 
hatte mit der Beftellung eines Feftfpiels für die Vermählung des Kronprinzen Jofeph begonnen, das 
refufirt, aber — wie es fcheint — ftillfchweigend und ohne Entfchädigung benützt wurde. Dann hatte 
fich Favart zu Yerficherungen vollfter Uneigennützigkeit hinreifsen laffen, welche Durazzo mit Ver- 
gnügen acceptirte. Seither wurde ihm Alles bezahlt, was er verrechnete, nie aber ein Honorar. Es ift 
gewifs, dafs diefe Affaire, welche Gontier auf eine gefchickte Weife zur Kenntnifs Maria Therefia's 
brachte, die Erfchütterung der Stellung Durazzo's wefentlich beeinflufst hat. 2 Zu Beginn des Jahres 1 764 
war der Graf fchon ein gefallener Mann; nur die mächtige Protection Kaunitz' verhinderte einen Eclat 
und vermittelte einen fanften und ehrenvollen Abgang des italienifchen Cavaliers, der länger als ein 
Jahrzehnt die Gefchicke der deutfchen und fremdfprachigen Schaufpiele Wiens geleitet hatte. Kaunitz 
verfchaffte dem Grafen, den er aus genuefifchen in kaiferliche Dienfte gebracht hatte, den vortrefflichen 
Poften eines Botfehafters der Kaiferin am Hofe des Dogen von Venedig. So konnte er mit Glanz 
abgehen, wenn fich auch am Hofe und aufserhalb desfelben die Wiffenden recht eifrig zuraunten, 
dafs diefe Erhebung nur über den tiefen Fall in die kaiferliche Ungnade hinwegtäufche. 3 

Die Wahl feines Nachfolgers war auf den Grafen Wenzel Sporck, einen ausgezeichneten Mann, 
einen hochfinnigen und kenntnisreichen Cavalier, gefallen. In Prag 1723 geboren, hatte Jofeph 
Wenzel Graf von Sporck, — feinem reichen und berühmten Vetter Franz Anton, dem geradezu ver- 
fchwenderifchen Mäcen der Künfte in Böhmen, dem Begründer und Erhalter eines einft hervorragenden 
Opernhaufes in Prag, gefinnungsverwandt — zunächft zu Levden unter Vitrarius die Jurisprudenz 
ftudirt, war am 18. November 1745 Appellationsrath in Böhmen geworden, hatte aber bei feinen juri- 
ftifchen Studien und in feiner rafchen Carriere im Juftizdienft den Dienft der Mufen nicht vernachläffigt. 
Er war ein begeifterter Freund der Tonkunft, felbft ein trefflicher Cellift, hatte für das Theater in Prag 
fchon grofse, perfönliche Opfer gebracht und mit dem feinften Kunftverftändnifs auch ftets ein hoch- 
fliegendes Streben nach den edelften künftlerifchen Zielen gepaart. Am 30. April 1764 erhielt er feine 
Ernennung zum »k. k. Hofkammer-Mufik- und General-Spe&akel-Director der beyden Hoftheater«. 4 

' Die Adrerfe Gontier's gibt Dancourt an: »A Monsieur Gontier, censeur de la librairie et auteur de la Gazette Imperiale ä Vienne. 

2 Dancourt an Favart, Wien, 30. Juli 1763: >Je sors de chez M. Gontier, qui est on ne peut pas plus content de vous. Je ne puis vous 
exprimer son zele; il a deja remis la lettre en question ä une dame, favorite de l'imperatrice, et tous deux attendent le bon moment pour la lui 
remettre, en sorte quelle puisse produire tout l'effet que vous devez en attendre . . . On ne doute point, que l'imperatrice ne soit indigne de la maniere 
dont on en a agi avec vous. Cettc Auguste princeffe ignore absolument que vous ayez fait quelque chose pour eile; eile a coutume de recom- 
penser tres-genereusement jusqu'aux plus vains erTorts, lorsqu'ils ont pour but de lui temoigner du zele. Jugez combien eile sera de bonne humeur en 
apprenant, que vous avez travaille pour eile, et que votre ouvrage est reste dans le porte-feuille de M. le comte . . . .< 

3 Am 30. April 1764 notirt Kheve n hülle r in fein Tagebuch: »Sporck (der jung.) hat ganz neuerlich die direclion der musique an die Helle 
des Conte Dura zzo überkommen, als welcher par une aneedote tres particuliere bon malgre austretten muffen, dafür aber durch die 
protection des Herrn Hofcanzlers, mit welchem er in der gröfsten intimite geftanden, die anfonften fehr honorable u. auch lucrative ambasciata di 
Venezia zur indemnisation erhalten hat . . . .« Und 7. Auguft 1764: »fpeiften die Herrfch. en tres petite compagnie bei dem Cavaliere Montecuccoli 
in feinem erft jüngft von dem conte Durazzo erkauften Garten auf der Landftraße. Die Urfach diefer Gnad war, dafs Diefelben ib vielles von der 
galanten u. herzigen zu- u. Einrichtung diefes Garten vernommen, mithin die befondere curiosite hatten, denfelben zu befehen.« — Durazzo hatte 
auch als »cavaliere di musica« reformirend gewirkt und dadurch die befondere Yerftimmung des alten Hofcapellmeifters Reulter erregt; er habe es 
fich, fagt er in Folge einer Befchwerde desfelben, angelegen fein laffen, die verfallene Hofmufik zu »neuer Wohlanftändigkeit zu befördern, weilen er 
befunden, dafs von denen noch übrigen wirklichen Hofmusicis nur fehr wenige gefchickte Leute mehr vorhanden feien.« Sein Vertrauen beruhe auf 
Gluck. Eben dies und die Berufung fremder Mufiker zu Hoffeften, weil ein Theil der Hofmufiker bei den franzöfifchen Vorftellungen mitwirken mufste, 
machte Reutter viel Verdrufs. Bei der Austragung diefer Differenzen wurde auch conftatirt, dafs die Hofmufik-Cavaliere bis dahin dem Oberfthofmeifter- 
Stabe unterftellt gewefen waren und 3000 fl. Gage bezogen hatten. Bei Durazzo und Lofimthal war der Gagenbezug dem Oberfthofmeifter »ganz 
unbekannt- . (Hof- Cerem.-Aclen.) 

* Das Ernennungs-Decret, das wir der Mittheilung des gegenwärtigen Seniors der gräflichen Familie Sporck, des Herrn Rittmeifters Eduard Grafen 
Sporck (aus dem gräflichen Familienarchiv) danken, lautet: „Von der Rom. Kayf. in Germanien, zu Hungarn und Böheim Kgl. Maj., Erzh. zu Oefter- 

26 



102 

Durazzo trennte fich fchweren Herzens von einem Porten, der ihn in den Mittelpunkt des Hof- 
und gefelligen Lebens geftellt und ihm eine feltene Machtfülle in dem intereffanten Reiche der Kunft 
gegeben hatte. Und manche Künftler vermifsten auch ihn fchwer. Das Publicum büfste noch vor der Ent- 
hebung Durazzos die geniale Tänzerin und Sängerin Bodin- Geoffroy ein, welche (wie Khevenhüller 
fagt) »kurtz vor dem Austritt des Conte Durazzo par disgusto das theätre quittiret hatte«. Die 
Differenz des Grafen felbft mit Favart erfcheint uns in einem milderen Lichte, wenn wir fehen, dafs der 
Parifer Autor mit grofser Treue und Anhänglichkeit feine Correfpondenz mit Durazzo nach Venedig, 
fpäter fogar nach Genua fortletzt und den Grafen wiederholt feiner unbegrenzten Dankbarkeit ver- 
fichert. 1 Mag der Graf gefehlt, mag er fchwere Mängel und Schwächen entwickelt haben; es wäre doch 
höchft ungerecht, ihn — wie es die Wiener Theaterlegende bisher gethan — einfach zu jenen für 
wirkliche und namentlich deutfche Kunft unempfänglichen »Ausländern« zu zählen, welche die Wiener 
Schaubühne geleitet haben. Er hat fie vornehm geleitet, das franzöfifche Schaufpiel im Sinne und nach 
dem Wunfche des Hofes und der Gefellfchaft im grofsen Style entfaltet und die deutfche Komödie, fo 
weit er die auf diefem Gebiete herrfchenden, wirren, ungeklärten Verhältniffe zu verftehen vermochte, 
ftets im veredelnden Sinne beeinflufst, durch ausgezeichnete Kräfte bereichert und für den Kampf 
geftärkt, den fie noch durchzuführen hatte bis zur völligen Erhebung. 

Die Wirksamkeit des Grafen Sporck fiel in eine bewegte Zeit. Zunächft waren die von Durazzo 
begonnenen künftlerifchen Veranftaltungen bei der Frankfurter Krönung Jofephs II. (April 1764) zu 
vollenden, wohin ein Theil der Wiener Hofkünftler dirigirt wurde-; dann Hellten die Landtags- 
Feftlichkeiten in Prefsburg (Juni 1764) und die Vermälungs-Feierlichkeiten Jofephs mit Prinzeffin Maria 
Jofepha von Bayern befondere Anfprüche an feine Arrangirungskunft und an das Künftlerperfonal, 3 
und 1765 mufste fich ein grofser Theil der Hofkünftler-Gefellfchaft abermals reifefertig machen, um 
bei den Innsbrucker Feften 4 aus Anlafs der Vermählung des Erzherzogs Leopold (nachmals Kaifer 

reich, Unferer allergn. Frauen wegen: Dero wirkl. Geh. Rath und Kämm, dem Hoch- und Wohlgeb. Herrn Grafen Joh. Wenzel von Sporck hiemit in 
Gnaden anzuzeigen: allerhöchft ernennet Ihre k. k. Maj. hätten aus dem in des Hrn. Gfen. Gefchicklichkeit a. gn. gefetzten Zutrauen, demfelben die 
durch weitere Beförderung des Hrn. Grafen Durazzo erledigte Direktion deren Schaufpielen bey hingen zweyen k. k. Theatris in a. h. Gnaden u. in 
der Zuverficht aufzutragen geruhet, dafs derfelbe fich hiezu zum a. h. Wohlgefallen mit allem Fleifs u. Eifer zu verwenden beftreben werde. Welches 
Ihme Hrn. Grafen v. Sporck zu nachrichtlicher Wiffenfchaft u. guten Verficherung durch gegenwärtiges Hof-Decret anmit erinnert wird; mafsen auch 
untereinftens das Behörige an erfagten Hrn. Grafen v. Durazzo erlaffen worden ift, damit folcher das fämmtliche Theatral-Perfonale mit der 
Dependenz an ihn Hrn. Grafen anweifen, auch demfelben alles, was zu denen Theatris gehörig, ordnungsmäfsig übergeben laffen follen. Und es 
verbleiben ob a. h. gedacht Ihre Maj. mit k. k. u. erzh. Gnaden demfelben wohlgewogen. Decretum per Sacram Caes. Reg. Maj. in Confilio Cancellaria 
Bohemico-Auftriaca-Aulica, Viennae die 30 mo Mensis Apr. 1769. Rg. Ch otek. Eingetragen in das Theatral-Direitions-Refolutions-Buch Nr. 1 von 
Pag. 1-3. Joh. Paul Schief sler, Theatr. Concipift. 

' » . . . . je ne vous proteste point un nouvel attachement, parce que celui que je vous ai voue depuis long-tems est inalterable, et durera 
autant que ma vie .... Je voudrois, Monseigneur, m'acquitter envers vous, je ne parle point de ma reconnaissance, cela est impossible, tous mes 
efforts ne pourroient payer vos bontes ..... (Favart an Durazzo, 14. Jänner 1767. Mem. et corr. litt., Tome II). — Die letzten in den Memoiren mit- 
getheilten Briefe wurden zwifchen den beiden Männern im Jahre 1770 gewechfelt. 

2 Khevenhüller notirt am 6. Mai 1764: »6. Mai; heut hatten wir (in Laxenburg) das 1. speftacle bey unferer ankunfft, mit deffen Ouvertüre 
es fich theils wegen d. Franc furter Rei ß, als wohin une partie de la chapelle mit gewefen wäre, theils wegen der abänderung mit der Direktion 
u. des conte Durazzo biß hieher verfchoben hatte. Die producirte piece war: Les Legs mit einem neuen ballet, il soccorso inaspettato«. 

3 Das Feftprogramm für Schönbrunn war folgendermafsen entworfen: »24. Dez. Operette von Kindern, 25. Serenade 6 Uhr, 26. Komödie von 
Dames 6 Uhr, 27. Operette von Kindern u. Ball 5 Uhr; 28. Komödie v. Dames; 30. all' incognito Opera, dabei der Hof, jeglicher, wie er will, fchon 
masquiret erfcheine, 31. Dez. franzöf. Komödie (Schlufs der Fefte).« — Über die »Operette von Kindern« vom 24. Dez. heifst es in den Ceremoniell- 
Adten: . . . .die zweimahlige gefungene Italienifche Operettes u. Ballets find auf dem in der kaif. grofsen anticamera desfalls eigends aufgerichteten 
Theater von denen jüngeren kgl. Hoheiten Ferdinand, Maximilian, Elifabeth, Amalia, Jofepha et Charlotte in höchft eigenen perfohnen ebenfo künftlich 
als gefchickt zur erftaunenden Bewunderung ausgeführet worden, fo dafs fchwehrlich in denen Gefchichten ein Beyfpiel zu finden ftehen wird, daß 
jemahls ein Monarch einiges und zwar fo vollkommen, als kunftreich gerathene u. von folch' durchlaucht. jungen Herrfchaften felbft producirte Spectacle 
gefehen haben.« — Der Jänner 1765 war mit den eigentlichen Vermählungsfeftlichkeiten ausgefüllt, über die wir fchon berichtet haben. — In Prefs- 
burg wechfelte im Juli 1764 die operabuffa aus Wien mit der deutfchen Komödie Bernardons ab. 

* 1765, Fase. 14 der Hof-Cer.-A£ten heifst es: »des Cavagl. di musica Graf von Spork Vorfchlag zu verwiegtes Koftgeld für Mufik- und 
Theater Perfonal während 1 Monat Aufenthalt in Innsbruck: Capelimeifter pro Tag 4 fl., 26 Perfonen pro Tag 3 11, 41 Perfonen ä 2 II., 5 Perfonen 
ä 1 fl., macht 1 Tag 169 fl., im Monat zu 30 Tag 5070 fl. Wäre vom Grafen Spork die Lifte der Sänger, Sängerinnen, Tanzer und Tanzerinnen abzu- 
verlangen und wer mit der Poft oder Landkutfchen zu befördern und ob nicht alle zu Waffer herunter gebracht werden könnten«. 



103 

Leopold II.) mit Infantin Maria Ludovica von Spanien mitzuwirken. Es war ein merkwürdiger Zufall, 
dafs die theatralifchen Veranftaltungen bei diefen Feften einen dufteren, traurigen Charakter hatten. So 
klagt Khevenhüller, dafs die Vorftellung vom 31. Jänner 1765 (Racine's »Bajazeth« mit einem neuen 
Angiolini'fchen Ballet) »keine Approbation gefunden, auch in der That für ein Hochzeitsfeft zu pathetifch 
und traurig gewefen«. In Innsbruck gab es aufser einer grofsen, vom Prälaten des Prämonftratenfer- 
ftifts Wüten veranftalteten »in Tyroler Landfprach oder patois verfafsten Operette« und einem 
Bauern-Hochzeitsfpiele noch eine ziemlich fchlechte opera buffa, die auf dem kleinen Theater in der 
grofsen Reitfchule per impresa aufgeführt wurde. Die Hauptvorftellung verunglückte. 

»Am 6. Auguft« — berichtet Khevenhüller — »begleiteten wir Nachmittags die Herren, jedoch nur in mezzo publico zur opera Parten ope. 
Selbe verbliben in der mittleren grofsen Loge, die Bottfchafter hatten eine der kleinen nächft des Thealre für befländig zur dispofition; der Hof wurde 
auf der unteren Galerie, die Cammerleuth auf der oberen und die übrige Nobleffe im parterre placiret. Das speclacle hatte aber keinen fonderbahren 
applauso, obfchon das libretto vom Abbate Metaftafio, die Musique von Haffe, die ballets von Hilverding componirt waren; dem erfteren Hellte 
man aus, dafs keine neuen Gedanken darinnen befindlich, dem zweyten, dafs fie etwas traurig und altvätte rifch ausgefallen und in dem letzteren 
zu viele und gezwungene pantomimes angebracht worden wären < 

Der Kaifer befuchte noch am 18. Auguft, obwohl mit einem Unwohlfein kämpfend, das Theater, 
wo man die Goldoni'fche Komödie »il tutore« gab, »fafs in der mittleren Loge, al solito mit dem 
Perfpecliv in der Hand, um gegen das Theater und die Galerien, wo fich die Damen befanden, genauer 
fehen zu können«, wohnte noch einem längeren Ballet »Iphigenia« bei, dann fchritt er mit dem 
römifchen König (Jofeph II.) und mehreren Herren und Damen über den langen Corridor zu den 
Appartements der Kaiferin. Auf dem Wege dahin, nach der Verabfchiedung des Gefolges, vermochte er 
plötzlich nicht weiterzugehen, wankte und verfchied lautlos in den Armen feines Sohnes und Erben. 

Diefer erfchütternde Fall bedeutete eine Kataftrophe für die, ihren Gatten mit unendlicher 
Zärtlichkeit liebende Kaiferin, den Eintritt einer fchweren Trauerzeit für das Reich und die 
öfterreichifchen Lande, und eine befondere Kataftrophe für die Theater derfelben. Mit Einem 
Schlage waren fämmtliche künftlerifche Veranftaltungen zu Ende. Das auf fo grofsem Fufse 
eingerichtete »franzöfifche Speclakel« im Burgtheater wurde vollkommen aufgelaffen, die Mitglieder 
der deutfchen Gefellfchaft nach der Contraclsclaufel für den Fall, »dafs bei eintretender Landestrauer 
oder bei Abbrennung des Schaufpielhaufes die Vorftellungen gehemmt würden«, auf die halbe Wochen- 
gage, nebft 1 fl. Zulage als Wartegeld, herabgefetzt. Es war gänzlich ungewifs, wie fich die Dinge in 
der Zukunft geftalten würden. Man empfand, dafs man am Abfchluffe einer grofsen Zeitepoche, am 
Ende der »alten Zeit«, angelangt fei — bang und doch erwartungsvoll fah man der Zukunft entgegen. 




26* 




(1766— 1776.) 




CHWER empfand man in Wien, in dem Kreife der auf Halblbld gefetzten Schau- 
fpieler, wie in den weiten, eines beliebten Vergnügens, einer geiftigen Erfrifchung 
und eines unerfchöpflichen Gefprächsftoffes beraubten Kreifen des Publicums die 
theaterlofe Zeit. Sie verfprach eine lange Dauer. Das Burgtheater follte, als ein 
unmittelbarer Beftandtheil der Hofburg, auf ganz unbeftimmte Zeit oder »par des 
raisons superieures« auf mindeftens zwei Jahre gefchloffen bleiben; das Kärntner- 
thortheater lag dem Haufe der tieftrauernden Kaiferin nicht fo nahe, es galt auch 
nicht, wie jenes, als ein ausgefprochen höfifches Inftitut, fondern als ein dem 
»nationalen Schaufpiel«, alfo den künftlerifchen Bedürfniffen des Volkes geweihtes 
Haus. Dafs man aber Maria Therefia fobald nach dem niederfchmetternden 
Verlufte, den fie erlitten, nicht mitTheaterprojeclen bedrängen durfte, dies fagte der Tacl und das einfach- 
menfchliche Gefühl. Und da die Trauer auf ein Jahr feftgefetzt war, befürchtete man auch ein ganzes Jahr 
der Theaterfperre. Die Kaiferin wollte ja noch Monate nach dem Hinfeheiden ihres kaiferlichen Gemals 
nichts von der Welt wiffen, welche für fie alle Reize, alle Freuden verloren zu haben fchien. Überaus 
ftreng gegen fich felbft, wurde fie es auch gegen Andere und war ernfilich ungehalten, wenn fich ihr 
in diefer Trauerzeit ein frohes Geficht zeigte. Dem Theater war fie nie mit leidenfehaftlicher Begeifierung 
zugethan; fie liebte die Mufik, fie erkannte das Theater als ein unvermeidliches Vergnügen, folange 
man dabei denAnfiand nicht vergafs. Nun war aber von folchen Angelegenheiten gar nicht die Rede, und 
es war kaum zu erwarten, dafs fich die Herrfcherin jemals wieder für irgend ein »Vergnügen« würde 
intereffiren können. Umlbmehr hoffte man auf den nunmehrigen römifchen Kaifer Jofeph II., der als 
Mitregent der habsburgifchen Lande einen mächtigen Einflufs auf alle öffentlichen Dinge gewann und 
feiner Theilnahme für Theater und Kunft wiederholt Ausdruck gegeben hatte. Noch ahnte man nicht, 
welche Bedeutung er auch diefem Zweige der Volkserziehung beilegen würde, aber man hoffte von 
feinem fcharfen Geifte und feinem lebendigen Intereffe für alle Theile der öffentlichen Verwaltung, dafs 
er dem Theater nicht fremd gegenüberftehen würde. So fafste fich z. B. Johann Heinrich Friedrich 
Müller, einer der auf Halbfold Gefetzten, ein Herz und trug als junger Ehemann dem Kaifer in einer 
halb humoriftifchen, halb wehmüthigen Schrift fein Leid und die Bitte um Hilfe vor. Prehaufer vermittelte 
die Übergabe des Gefuches, und der Kaifer fandte Müller durch den Grafen Sporck hundert Ducaten mit 
der Andeutung, dafs die Theatereröffnung nicht fo fpät, als man befürchtet hatte, erfolgen würde. 



REGLEMENS 

POUR LA DANSE DES THEAT1ES 



de VIENNE. 



Art. f. T\ans tous Jet Ballet; qt/ott fera. fuivant ce qui fe pratique en Italie , ou il n-y d 
•LS q Ue Concert , Final, Ü* des Pas d deux , ä trois tyc. les Danfeurs front placii 
felon leur rang. 
IL Dans les .Ballets bißorics , le tang rt« fem pas confidere-: ebseun y fera evighie fnii 
vant fon.talenr au jugement du Direcleur des Bauet s.' Dans Jet Ballets beroiques les 
Danfeurs ferieux jouerönt les premiers roles , i£ les Danfeurs cct/iiquet les jouerunt darti 
les Ballets] de leur genre ,• cependaut datts les Programms* fmprhnh on dißinguera. /« 
rang de cbaoun. 
III. En cas quily tut plußeurs premiers Danfeurs d'un genre t ils feront olliges de datt- 
fer tel role que le Mäitre des Ballets jugert d propos. 

IV. Les Danfeurs de tont retng dunferom dans le Corps des Ballets Comvte Coripbecs Ott 
autrement Jorsque le cas V exigera. 

V. Les Danfeurs .feront encore oiligc's de danfer dans Tes Ballets lies ä la piece comrne 
cen:: de l' Opera de Paris , i£ les Figur ants y feront la Pantomime ai cas de befoin , con- 
jcintemeut avec le Chmir , ou fepar einem. 

VI. 11 n y am a point de Danfeuje aßignee a KB tel Danfeur , ni pour un Ballet , ni pour 
toujours. Tous Danfeurs £f Danfeufe s feront tenus d ce fnjet d' exechter Ja dißribution gui 
fera faite par .le- Maine des Ballets. 

VII. - V Obligation de tout Danfeur , &' Danfeufe eß bornie a danfer quatre fois la femaine, 
deux Ballets par pur. Si le cas exigeoit de les faire danjer un jour de plus dans une fe<- 
maine , o« leur tiendroit campte de ce travail extraordinaire dans une autre. 
VIII. Seroiit en outre tenus les Danfeurs B* les Figur ans de fe trouver aux repetitions dl'beure 
mttrqule. En cas de contraveution ils feronf mis d l' amandc , qui eß fixee d la moitie 
de ce que ebaeun aura d" appointement par jour. .Les amandes feront dißribuees ä la 
fin de l' antf'e ctitre ceux qui anront e'te les plus exatts. En cas de reeidive ils feront 
cougedies quoique le Confrail ne foit pas expire. 

IX. On exempte de eette Obligation ceux qui feront malades , ä condition qu' ils en feront 
avertir d tems le Direcleur des Ballets. 
X. Les Figurants feront obliges de danfer les. fix jour s de la fem ahn ä deux Ballets par 
jour ' y mevie en cas de befoin ils feront tenus de danfer le meme jour un Ballet ä cbaque 
Tbeatre. 
XI. La decence ,1$ h fubordination feront obfervees exaclement aitji repetitions, & les cott- 
travenens für le rapport du Mahre des Ballets feront on amcndc's ou congedies. 

XII. Tous Danfiurs & Figurants feront tenus de danfer d Laxembourg ou ä Scbönbroun , 

• lorsqne Ifl Cour- V ordounera , Jaus pouvoir pretendre aueune avgmentation d ce titre ; bien 
tntendu qu ils feront voiture's au depens de la Cour £/ loge's ES* nourris en cas de fejour* 

XIII. Les appointemens front pale's d chaeun exadement d la /in du mois. 

XIV. Ceux qui par leur mauva'tfe conduite viendront d etre renvoies par la Cour, ou par la 
Direclicu pour avoir manqut ejfentiellement ä leur deyoir , ni feront paies qu au, pro 
.rata du icms qu ils auront ferxi. 

XV, Onobfervera la jneme ebofe en cas de defenfe publique dt au moins 3 mois ou tf ince'ndie d* 

Tbeatre. 
XVI. L' anne'e Tbeatrale fe compte du fecond jour de Päques jusqu au dernier joür de Carnaval. 
XVII. La Direclion ne fournira que les halits ; Je furplus fera ä la cbarge des Danfeurs Ö" 
Figurants j les bas i£ ßuliers d couleur excepte's. 




v. 

s 



k 



S 9 



*> 



E 






«2 « 






3 






g 



4{ 



* ä 

k *5* 



•3 



•ü 



« s 

c ^» 

V. -ö 

& 5 






k 
a 



fc 






*j vT 1 

ä 

'S 



i 



a 

2o 



-CS 

o 

k 



f 



k 
3 






k 



k 

s 



SS 

s 

o 

3 
<a 

k 

B 

\* 

k 

Q 






k 

s 



a, ^ 



.1° 



E 






I« 



•8 



E 



5 S 



'-2 * 



S 35 



•3 

4 *. 



St 
k 

«33 



■C ä 



6 



k 

3 



to 

$ 



k 



-s £ 



2o 









£ 



•s 



C 



k 

k 



3 



tl] >i 



<3 



2o 



k 

-8 



k 



K 
•tl 



* 



{; 20 o; 




WBL- 

MnSWnB 

s . jkiu BS * ajPv 






105 

Die grofse Frage jedoch war, ob fich der Hof wirklich von dem bevorzugten Theater, dem franzöfifchen, 
trennen wollte, da man allgemein von der gänzlichen Auflaffung des Burgtheaters fprach, und ob 
das deutfche Schaufpiel im Kärntnerthor-Theater wirklich die Alleinherrfchaft zu erwarten hatte. In der 
vornehmen Gefellfchaft hielt man dies für unmöglich und beeiferte fich, diefer Überzeugung auch in 
Denkfchriften Ausdruck zu geben. 

Ein entfchiedener Gegner der geplanten Unterdrückung des zeitweilig fuspendirten franzöfifchen 
Schaufpiels warKaunitz; wir finden ihn öffentlich oder geiftig an der Spitze oder im geheimen Mittel- 
punkte jeder Aclion zu Gunften der franzöfifchen Komödie. Er und die gleichgefinnte Mehrheit der 
Ariftokratie empfanden es als eine entfchiedene Einfchränkung des grofsftädtifchen Charakters der 
Kaiferrefidenz, wenn man gerade in Wien franzöfifches Schaufpiel, italienifche Oper und Ballet auflaffen 
wollte, während an den kleinfien deutfchen Fürftenhöfen das »feine und vornehme Speclakel« emfig 
gepflegt ward. Diefen Gefinnungen gibt ein in den Wiener Intendanzacten aufbewahrtes Aclenftück aus 
dem Jahre 1765 unter dem Titel »Reflexions sur les spectacles de la Ville de Vienne 1765« in folgen- 
den bemerkenswerthen Sätzen lebhaften Ausdruck: 

»La langue allemande n'etant pas si commune, que la francaise ou l'italienne, et Celles c'y et la premiere surtout, etant d'un plus grande 

usage dans la societe choisie de Vienne ce seroit la priver presque de tout spectacle si on vouloit borner cette societe au seul theätre national 

II n'y a ici aucune promenade frequentee, comme ä Londres et ä Paris; Celles qu'on a, sont desertes pendant 7 ou 8 mois de l'annee. Les theätres etant 
donc formes les heures destinees aux amusements honnets demeurent absolument vuides la plus part du tems pour ces personnes, d'une certaine 
distinction. Sur ces principes on ne se persuadera pas aisement qu'on veuille supprimer ä Vienne la comedie francaise dejä adoptee dans toute l'Europe 
comme l'ecole des moeurs et de la politesse et l'opera italien, qui s'est etabli chez toutes les nations eelairees comme un assemblage des tcus les beaux 
arts, invente pour les encourager et les perfeötionner. Ces deux spectacles sont d'ailleurs les seuls au moyen des quelqu'un puisse obtenir deux 
theätres ouverts, chose qu'on regarde comme necessaire dans cette capitale. Vainement auroit on immagine de faire servir pour le fond du theatre pres 
de la Cour le grand Opera Italien, Joint meme ä l'opera bouffon. On ne s'aurait bellement combiner les choses pour faire suffire ces deux speiStacles ä 
un service presque journalier, et d'autant plus que ces operas quoique diversifies au possible rassasieraient tellement de musique tout le public au 
bout de six mois, qu'elle n'auroit plus pour lui le meme attrait, et le theätre qui lui serait uniquement affette, manquerait bientöt de speitateurs«. 1 

Die »Reflexions« kommen dann auf die Notwendigkeit der Ballete zu fprechen, ohne welche es 
kein genügendes Publicum geben würde, ziehen alle finanziellen Zufchüfse des Hofes für befondere 
Theaterleifiungen und alle von den Theatern für den Hof beanfpruchten Leiftungen in Betracht und 
kommen zu dem Schlufse, dafs es am beften fei, die Theater auf dem bisherigen Fufse zu belaffen. In 
demfelben Sinne ift ein anderes Proje6t gehalten, welches ebenfalls 1765 dem Fürften Kaunitz über- 
geben und von diefem mit Wohlwollen aufgenommen worden war. 2 

Es regt eine direcle und bleibende Subventionirung des franzöfifchen Theaters als des »decenteften und wenigft koftfpieligen« an. Der Verfaffer 
hält die Exillenz des franzöfifchen Schaufpiels im Burgtheater für unerläfslich, weil dasfelbe ein unerfchöpflicher Quell der Poefie und das untrüglichfte 
Mittel zur Bildung der Sitten, des Herzens und Geiftes fei und den Menfchen durch Amufement zur Tugend leite. Aber diefes Theater, welches das 
Vergnügen aller europäifchen Höfe bilde, könne nicht beftehen ohne beftimmte und offene Protection von Seite des Hofes. Da nun aber das franzöfifche 
Theater fammt Ballet weniger als 70.000 fl. abfolut nicht koften und erfahrungsgemäfs nicht mehr als 40.000 fi. verdienen könne, fo müfste der Zufchufs 
vom Hofe 30.000 fl. betragen; das fei nicht zu viel für jenen Hof, der den Ton in Europa angeben follte und für fich allein 22 Logen occupire, zumal 
auch der kleinfte Hof Deutfchlands für ein gutes franzöfifches Theater mehr opfere. Und dabei wären diefe 30.000 fl. gar nicht geopfert, fondern fie 
kämen wieder durch die Ausgaben herein, welche die franzöfifchen Schaufpieler in Wien zu machen gezwungen feien. Jetzt allerdings fei die Lage 
diefer Subjeite traurig genug; fie feien erdrückt von Schulden, dem Untergange nahe und gezwungen, Wien zu verlaffen. Der ProjeCtant verlangt 
für den Fall der Wiederaufrichtung des franzöfifchen Theaters, aufser jenen 30.000 fl. Subvention, die Benützung des Burgtheaters und der zugehörigen 
Magazine für vier Vorftellungen in der Woche, ein Privilegium auf 12 Jahre, Gratificationen für Vorftellungen in Laxenburg und Schönbrunn, für den 
Fall des Verbotes oder der Unterbrechung der Vorftellungen ebenfalls eine entfprechende Entfchädigung, freie Verfügung über Perfonal und Einnahmen, 
während es dem Hofe unbenommen bliebe, an den zwei freien Abenden Vorftellungen auf eigene Koften und mit eigenen Einnahmen zu veranftalten. 
Unter anderen Bedingungen fei die Wiederaufnahme der franzöfifchen Vorftellungen nicht denkbar; wer es anders thäte, würde dem Hofe einfach ein 
Gefchenk damit machen. »II laut donc« — fchliefst die Note — »que la Cour ait la bonte, de s'en rapporter a ce seul projet, qui est le seul desinter- 
esse et qui n'a d'autre but que de lui procurer de l'amusement ä ses heures de loisir et sans vouloir rien profiter.« 

Der Hof konnte oder wollte fich aber zu folchen Opfern, wie billig und einfach fie auch dargefiellt 
wurden, nicht verftehen; die franzöfifche Bühne blieb aufgelöft und follte es fo lange bleiben, bis fich 

1 Wir behalten die (veraltete) Original-Schreibweife in den franzöfifchen Aclen jener Tage bei. 

s Note au projet, concernant l'etablissement d'une comedie francaise ä Vienne. quand il plaira ä Sa Majeste de rouvrir le Theätre. (Aften der 
General-Intendanz der k. k. Hoftheater.) 

2 7 



106 

Kunftenthufiaften oder Unternehmer fänden, welche fie mit eigenen Opfern wieder herzuftellen 
wagten. Auch diefer Verfuch wurde gemacht. Wahrfcheinlich zu Beginn des Jahres 1766 wurde der 
Plan zur Bildung einer Gefellfchaft von Subfcribenten zu Gunften des Theaters 1 entworfen und in 
franzöfifcher wie italienifcher Sprache in den Kreifen der Ariftokratie verbreitet. Es war bis in die 
kleinften Details ausgearbeitet; in einer, der Kaiferin unterbreiteten italienifchen Eingabe finden fich auch 
intereffante (franzöfifche) Randbemerkungen, offenbar nach Kaunitz'fchem Diclat, welche beweifen, wie 
nahe diefes ariftokratifche Gefellfchaftstheater der Verwirklichung war. Die Grundzüge der Idee find in 
einem befonderen »Avertiffement« niedergelegt. 

Die Proponenten gedachten einen Fonds durch Ausgabe von 60 Antheilfcheinen zu 100 Ducaten 
aufzubringen, deren jeder dem Theilnehmer Sitz und Stimme im Rathe des Theaters gewähren 
würde. Die Abftimmungen follten geheim, »nach venetianifcher Art», fein. Die Gefellfchaft — heilst es 
in dem Projecle weiter — wählt mit Stimmenmehrheit einen Repräfentanten mit Stellvertreter; der 
erftere hätte allen Departements des Theaters zu präfidiren, alle Verträge zu figniren, den Affocies 
feine Rechnung für das abgelaufene und den A6lionsplan für das kommende Jahr vorzulegen und 
genehmigen zu laffen; fonft wäre den einzelnen Theilnehmern jede Einmifchung in die Theaterführung 
verwehrt gewefen. Als Executivorgan follte dem »Repräfentanten der Affocies« ein Commiffär oder 
Secretär der Direction zur Ausführung all' feiner Weifungen und für den unmittelbaren Verkehr mit dem 
Perfonal zur Seite ftehen. 6000 Ducaten follten den ftets vorhandenen, unangreifbaren Theaterfonds 
bilden. Weitere Mittel wären durch Gewährung des freien Eintritts in beide Theater gegen Zahlung 
von 100 Ducaten jährlich zu gewinnen. Diefen »Abonnenten« gegenüber, welche aber an der Unter- 
nehmung felbft unbetheiligt blieben, würde fich die Gefellfchaft verpflichten, in den beiden Theatern 
ftets drei Arten von Schaufpielen, die deutfche und franzöfifche Komödie, ein mufikalifches italienifches 
Spectakel, die fchönften Ballette, das befte Orchefter und die beftmöglichen Decorationen auf gutem 
Fufse zu erhalten und ihnen (den Abonnenten) täglich die Affichen zuzufenden. Diefe Ankündigung 
hatte in der That Erfolg. Wir finden eine Lifte, in welcher 69 der angefehenften Perfönlichkeiten der 
Refidenz, an ihrer Spitze Kaunitz, 2 ihre 100 Ducaten für das erfte Jahr zeichnen. Zu den Detailvor- 
fchlägen. welche die Gefellfchaft dem Hofe einreichte, hatte Kaunitz, wie gefagt, manche einfchränkende 
Bemerkungen zu machen. So wies er gleich die Benützung des Burgtheaters zurück, da dasfelbe aus 
höheren Rückfichten vorläufig (1765 — 66) gefperrt bleibe, doch ftellte er ihnen die Wahl eines anderen 
Schauplatzes für fechs Jahre frei. 3 Er verpflichtete ferner die Gefellfchaft zur Beibehaltung aller bisher 
um die Wiener Theater verdienten künftlerifchen Perfonen, flxirte gewiffe Beftimmungen über Vor- 
ftellungen in Schönbrunn und Laxenburg, über die Entree's der Officiere u. f. w. Nicht ohne Zufammen- 
hang mit diefem fehr gereiften Plane ftand offenbar das etwas fpäter erörterte Projecl, ein neues 

1 Projet d'Avertissement pour la formatior. d'une societe de souscripteurs en faveur des Spectacles — Proposizione per l'Appalto dei Teatri di 
Vienna da presentarsi a nome di una compagnia composta dalla primaria Nobiltii di questa Dominante. (Aden d. Gen. Int. Arch.) 

2 Die im Int. Arch. bewahrte Lifte zeigt folgende, die damalige »Noblelfe« Wiens bedeutende Namen: Mr. lePrince Kaunitz, Mad. la comtesse 
Queftenberg, Mr. le Prince Colloredo pour lui et ses fils, Mr. le Comte d'Uhlefefd pour lui et ses deux filles, Mr. le Prince S wart zenberg, 
Mr. le chanceliier d*Hongrie, Mr. le comte Hatzfeld, Mad. la Princesse douariere de Lobkowitz, Mad. la Princesse Josephe Lobkowitz, Le 
Comte Zinzendorff, Controleur general, Comte Wentzel Zinzendorff, Le grande Prieur et le Comte Philippe, Le Prince Esterhäzy, Mr. le 
comte Clary, Le Prince Jos. Wentzel Liechtenftein, Le Prince Lobkowitz, Le marechal Daun, Le vice-chancellier d'Hongrie, Le Prince Kinsk y. 
Le Comte Schönborn, Le Comte St. Julien, Le Prince Auersperg pere et fils, Le Comte Diet richftein, grand-Ecuyer, La Comtesse 
Windischgratz, Le General O'Donell, Le General Bourghausen, Les Comtes Lignowsky (Lichnowsky), Hardig (Hartig), Paar, Schlik 
Le Baron Re ischach, Le Comte Theodor Batthiany, Les Princes Ponia towski, Khevenhüller et ses fils, Les Comtes S porck, Dominique 
Kaunitz, La Comtesse d'Esterhazy- Lubom irska, Les Ambassadeurs de France, d'Espagne, de Venise, d'Angleterre. Les Ministres de Russie et 
d'Hanovre, Xaple, Suede, Dannemarc, Prusse, Sardagne, Portugal, Saxe, Modene, Pologne, Baviere, l'electeur Palatin, Gene, Le Comte Ferdin. 
Harrach, Les Generaux Lacy et Althann, La Comtesse Wallenstein nee Lichtenstein, Les Comtes Mercy. Grand Chambellan, general 
Pretlack, Comte Jean Palffy, Marechal Colloredo, Comte Charles Colloredo, Comte Loschy, Les Barons Koller, Ha r rucker, Stock- 
hamm er et Fries. 

s »Par des raisons superieures le Theätre pres de la Cour ne peut pas etre ouvert, mais l'on accorde avec plaisir ä la compagnie 
la preference et la liberte de choisir un autre emplacement pour 6 annees conjonftives.« 



107 

Theater zu erbauen, um das — wie es fchien und von Kaunitz auch betont worden war — derzeit 
nicht verfügbare Burgtheater zu erfetzen. 1 Eine Gefellfchaft reicher Männer »delapremiere et seconde 
noblesse« Tollte diefes neue Theater begründen und fich durch ftändige Logenabonnements oder Logen- 
käufe zu der Erhaltung desfelben verpflichten. 

Man dachte an einen Ankaufspreis von 200) fl. für eine Loge des 1. und 2. Ranges und überdies den Jahresbetrag von 485 fl. bis über 600 fl.; 
für eine Loge 3. Ranges an einen Ankaufspreis von 1500 fl. und 310 bis 540 fl. pro Jahr, womit 156.000 fl. fofort und 42.600 fl. jährlich gefichert 
worden wären. Die Eigentümer follten ihre Logen vererben oder an Per fönen ihres Ranges verkaufen und vermiethen können; fie follten einen 
Einflul's auf die Theaterleitung und - freien Eintritt in das Noble-Parterre, fowie den halben Eintrittspreis für die Bälle haben. Die 156.000 fl., welche 
der Logenverkauf ergeben würde, wollte man zur Erbauung eines möglichft grofsen Theaters, die Jahreseinnahme aber als Fonds für das neue Theater 
verwenden, ein Fonds, der um 24.600 fl. höher gewefen wäre als jener des »alten« Burgtheaters. Damit könnte man ganz vortrefflich drei fchöne Schau- 
fpielgenres, das deutfche und franzöfifche Schaufpiel und die italienifche komifche Oper, pflegen. 

Unter ähnlichen Bedingungen ift einige Jahrzehnte fpäter von böhmifchen Cavalieren das Prager 
ftändifche Theater erworben und organifirt worden. In Wien verwirklichte fich der Plan nicht. Der 
Hof hatte den feften Entfchlufs gefafst, das ganze Theaterwefen vorläufig zu reftringiren und einem 
Manne in Pacht zu geben, der fich um einen wefentlichen Zweig desfelben grofse Verdienfte erworben 
hatte: dem Balletcompofitor Franz Hil verding von Wewen. Die Selbfiverwaltung des Theaters 
durch den Hof follte vollftändig aufhören; fie hatte demfelben allzugrofse Laften aufgebürdet, und nun 
wären diefelben noch gröfser geworden, da die Haupteinnahme des Theaters, das 1759 in den Theater- 
fälen zugelaffene Hazardfpiel, nunmehr wegfallen follte. Der neue Kaifer dachte über diefes Spiel anders 
als fein kaiferlicher Vater; er griff als Mitregent der habsburgifchen Erblande auf das alte Verbot des 
Pharao zurück. Dies aber fchlofs die Ausficht auf Deckung der Auslagen für zwei grofse Theater völlig 
aus. Der Hof entfchied fich daher für eine ganz neue Theater-Organifation. Das Burgtheater follte bis 
auf Weiteres gefperrt bleiben, das Kärntnerthor-Theater aber zu Ofiern 1766 unter Hilverdings 
Leitung und Verwaltung wieder eröffnet werden. Im Frühling diefes Jahres fchlofs Franz Hilverding 
von Wewen feinen Vertrag mit dem vom Hofe bevollmächtigten Mufikcavalier Graf Wenzel Sporck. 
Diefer Vertrag follte bis Ende Fafching 1772 gelten und konnte dann weiter verlängert werden; er 
ftellte es Hilverding frei, »was immer für eine Gattung Speclaclen währender Pachtzeit täglich mit Aus- 
nahme der verbottenen (Norma-)Tage, an diefen aber wie bisher Mufikakademieen aufzuführen.« Ver- 
pflichtet wurde Hilverding zur Beibehaltung der »beiden Mufikcompofitores Gaßmann und Starzer, 
fowie des Mafchiniften Rizzini« mit all' ihren bisherigen Bezügen und Obliegenheiten, dann des 
Oboiften Befozzi und des Theatral-Dichters Coltellini gegen die Verpflichtung des letzteren zur 
»jährlichen Componirung zweyer drammi giocosi«. Ebenfo hatte er fämmtliche Acleurs und Aciricen, 
welche noch von der k. k. Theatraldirection engagirt oder durch Unterlaffung ihrer Kündigung in den 
Verträgen beftätigt worden waren, in fein Perfonal zu übernehmen. Dem Theatralingenieur Quaglio 
mufste er jährlich auf Lebenszeit 100 Speciesducaten auszahlen, endlich fämmtliche »Theatraloffizianten, 
Hand- und Tage- Werker« mit dem bisherigen Gehalt »auf beftändig« weiter engagiren, fo zwar, dafs 
er fie auch im Falle eines Vergehens nur mit Genehmigung des Mufikcavaliers zu entlaffen berechtigt 
war. Ganz genaue Beftimmungen regelten das künftige Verhältnifs des »Pächters« zu dem Mufik- 
cavalier, der bei den »k. k. Theatris« der eigentliche Ober- oder General-Direclor gewefen war. Nun 
hatte fich diefer Hof-Functionär »in die Führung der Imprefa und in das Intereffe des Impreffarii nicht 
einzumengen«, fondern nur die genaue Beobachtung des Vertrags zu überwachen und die vermittelnde 

1 Im Archiv der Gen. Int. d. k. k. Hofth. findet fich dies »Projet pour batir un nouveau theätre et pour l'entretien des spectacles a Vienne.« Es 
heifst darin: »II n'y a plus de fond certain pour entretenir les beaux speftacles du tems passe, qu'on regrette, et on ne peut pas meme esperer de les 
faire revivre, sans que nous serons reduits au seul theätre qui nous reste. II y auroit pourtant un moyen d'en batir un nouveau, et d'assurer en meme 
tems l'entretien de 3 bcaux spectacles differents et cela ä tres-peu de frais et meme ä des conditions fort avantageuses pour ceux qui voudront prendre 
part a ce louable projet. Je ne demande, qu'un petit nombre de riches particuliers de la premiere et seconde noblesse, qui s'engagent ä louer ä 
perpetuite une löge aux 3 premiers rangs du nouveau Theätre aux prix marques dans la table suivante (die Tabelle zeigt für 30 Logen 1. und 2. Ranges 
Preife von 570 bis 700 fl., für 30 Logen 3. Ranges Pfeife von 460 bis 600 fl.), qui sont ä peu pres les memes, qu'on payait pour ies loges du vieux 
theätre pres de la Cour, qu'on vient de supprimer, si ce n'est qu'on a crü devoir en evaluer plus au moins l'emplacement ä mesure qu'elles 
approchent ou s'eloignent du theatre. 

27* 



108 

Stelle zwifchen Hof und Theater zu bilden. Alle Streitigkeiten des Pächters mit dem Perfonal waren von 
ihm zu unterfuchen. Schärfftens wurde dem Pächter befohlen, »auf feine Untergebenen ein obachtfames 
Auge zu tragen und keineswegs unter allerhöchfter Ungnad und Verluft des Contracid, auch ohne die 
mindefte Schadloshaltung, ihnen einen unerlaubten Umgang oder Lebenswandel zu geftatten«. Sollte 
er eine folche üble Aufführung wahrnehmen, fo hätte er felbft Rath zu fchaffen oder die Schuldigen 
anzuzeigen, worauf fie vom Mufikcavalier verwarnt und dem Pächter eine vierwöchentliche Frift zur 
Abftellung des Scandals geftattet würde; dann aber wäre der Polizei und Juftiz freier Lauf zu laffen. 
Im Falle gröfserer Unordnungen durfte der Pächter von dem Mufikcavalier Polizei- oder Militäraffiftenz 
beanfpruchen. 

Auch die Cenfur-Yorfchriften mufsten den neuen Verhältniffen angepafst werden. Alle aufzu- 
führenden Stücke waren der »allhiefigen ordinären Büchercenfur« vorzulegen, und ftreng war darauf 
zu fehen, »dafs weder in dem Text noch in der Vorftellung der Stücke felbft, noch auch fonft, fonder- 
heitlich aber in den Balleten etwas vorkomme, wodurch die Wohlanftändigkeit und die Modeftie des 
Publici beleidiget werden könnte«. Ebenfo wenig fehlte es aber an Benefizien für den neuen Unternehmer. 
Er durfte nicht nur zur Fafchingszeit, fondern an allen »nicht verbotenen« Tagen des Jahres Bälle 
geben, »jedoch ohne Masque und nur für diejenigen, fo bisher die Redouten bey Hof zu frequentiren 
befugt waren«; der 3., 4. und 5. Stock des Haufes war an folchen Tagen dem allgemeinen Publicum 
gegen befonderes Eintrittsgeld zugänglich; doch war diefen Zufehern jeder Verkehr mit dem Ball- 
publicum unterfagt. Ebenfo war es dem Pächter geftattet, »alle Commerce-Spiele zu veranftalten und 
die Spieler fowie das Theater-Auditorium mit Erfrifchungen zu bedienen,« Soupers aber nur dann 
zu geben, wenn ein Ball im Theater abgehalten wurde. Das Kärntnerthortheater ftand Hilverding voll- 
kommen zur Verfügung; es wurde ihm überdies freigeftellt, »einen oder den anderen Ort bey dem 
Theater nächft der kayf. Burg geziemend anzufprechen, wenn der vorhandene Platz zur Unterbringung 
aller Geräthfchaften nicht ausreichen follte«. Zwei in dem »Comoedien-Gäffel« gelegene, von der kaifer- 
lichenTheatraldireclion zwar angekaufte, aber dem Theater noch nicht incorporirte, fondern vermiethete 
Häufer wurden ihm gegen einen mäfsigen Zins überlaffen. Für jede vom Hofe angeordnete 
Vorftellung in Laxenburg oder Schönbrunn erkannte man dem Impreffario 50 Species-Ducaten zu. 
Für den Fall einer längeren Sperrung des Theaters übernahm der Hof die fyftemifirten Wartegelder 
für die deutfchen Komödianten auf die Zeit der Sperre und ihres Vertrages und eine dreiwöchentliche 
Bezahlung des übrigen Perfonals. Für jeden aufserordentlichen »verbotenen« Tag war dem Unter- 
nehmer eine Entfchädigung von 30 Species-Ducaten zugefichert. Vier Freilogen blieben dem Hofe 
refervirt; betreffs jeder anderen war eine befondere Vereinbarung nöthig. Der Mufikcavalier erhielt 
eine Freiloge, die beiden zur Aufficht beftimmten Commiffäre der niederöfterreichifchen Regierung zwei 
Sitze, die Officiere der Garnifon und der Xobelgarden im Parterre noble und auf der Galerie Plätze zu 
halben Preifen. Von den »kleinen, fremden Spectakeln zu Marktszeiten, Krippeln und Hötze (Hetze) fowie 
den gewöhnlichen Baien (Bällen) auf der Laimgrube« gebührte dem Pächter diefelbe Abgabe, wie fie der 
Hofdireclion geleiftet worden war; doch durfte er keiner diefer Vergnügungen Hinderniffe in den Weg 
legen. Bedeutfam follte der 22. Paragraph des Vertrages für Hilverding werden: 

»Sofern unter der Paehtzeit«, fo befagte diefer Vertragspunkt, »eine hierländifche Nobleffe die allerhöchfte Erlaubnis erhielte, nebfl diefem 
annoch ein anderes, folglich zweierley Theater fowie vormals zu eröffnen, um dafelbft beffere und mehrere Gattungen der SpeiStakeln vorftellen zu 
können, fo folle er (Pachter) nicht entgegen fein, derfelben das vermög gegenwärtigen Contrae* in Pacht genommene Theater fammt feinem diesfälligen 
Recht gegen nachfolgende Schadloshaltung gänzlich zu überlaffen u. abzutretten, nemlich dafs 1. ihme (Pachter) all dasjenig, fo er währender Pachtzeit 
fich zum Gebrauche des Theatri neu angefchaffet oder von dem alten in etwas anderes verkehren u. verändern laffen, von gedachter Xobleffe nach der 
gemeinfehaftlichen Schätzung abgelöft werden folle; 2. dafs von derfelben auch alle von ihm engagirten Subjefta mit ihren Contraften, wie auch er 
felbft mit feinem unter der k. k. Direktion genoffenen Gehalt übernommen werden folle.« 

Durch diefe \ T ertragsbeftimmung waren die zweifellofen Yortheile diefer merkwürdigen »Pachtung 
ohne Pachtzins« durchaus paralyfirt. Hilverding mufste täglich darauf gefafst fein, aus der ihm 




e foufigne Dire&eur et Etitrepreiieur des Spedlacles des Thea- 
tres de Vienne en Autriche, en Vertu de ces prefentes Reconnois 
avoir engage pour le ferVice des dits Theatres L 



Pour , für les Theatres de cette Capitale , Maifon Royales et tels aatres 
Lieuxqui lui feront indiques pour le fervice de la Cour, Jouer, dans 
ce qu'on appelle Comedie ou Spettacle Francis , les Roles cy apres 
Savoir 



Au moien de quoi il fera paje par la Caiflfe Theatrale a 



La fcmme de 



Pour Ton annee Theatnle, pajable de raois en mois pro rata, et en outre 
lafomme de 

Pour fon voiage pour fe rendre a Vienne, et autant pour s'en retoumer, 
a l'expiration de ce Contracl & nou autremeut. 

Se fournira 1 des equipages neceflaires ä fes 

Eraplois, excepte des Chofes que le Magazin du Theatre eil dans 
l'ufage de fournir, 

S'oblige 1 d'aflifter exa&ement & fans manquer aux 

Repetitions des Pieces ez lieux , et aux heures qui feront marquees par la 
Direftion , ainü que de concerter fiir la Scene mSme les Coups de Thea- 
tre, dans les pieces qui Pexigeront. 

Le prefent engagement aura lieu pour trois annees confecutives, 
ä commencer ä Pacques, annee prochaine 17 etfraira ä m€me Jouc 
de l'Annee 17 Bien entenduque laDireftiou fe referyede lecon- 

firmer 









■y-^ 



' PS 

• • •• ■ 



firmer pour la dite duree de trois ans, dans les premiers fixmois de Ta 
premiere annee, ä defaut de quoi le dit engageraent ne vaudra que pour 
nne feule annee ; s'obligeantl de fe rendre en-cette 

Capitale dans la huitaine aprez Pacques annee fusdite. 

Gluelle que foit fa duree aucuue des parties ne pourra s'endedire 
dans l'intervalle, fouspeine de fix cenc Ducats d'or ä pajer par le con« 
travenant. 

La troupe ctant raGTemblee et ajant debute , & les talens etant 
fuffifamment juges, il fera libre aux Dire&eurs, pour lebien & le fucces 
de certaines pieces, de faire des diitributions fages & raifohnees de 
quelques Röles, fans avoir, pour cette occafion^ egard aux Emplois; 
la diteclaufe n'etanx aniquement que pour pouvoir quelque fois com. 
plaire ä la Cour. 

L aiant demand£ für fes apointemens cy 

deffus fpecifies nne Avance de 

eüa Dire&ion la lui akut accordee, cette avanoö lei fera retenue par 
ponions egales dans les trois Annees de l'engagement ; raais fuppofe 
qu'il ne fut pas ratifie dans les premiers fix mois; la retenue entiere 
en fera faite dans la Premrere annee, ä la quelle en ce cas 1'engageineut 
fera borne, comme il a-ete dit cy delfus. 



Fait ä 



le 






pour la Direftkm de l'Entreprife des 
Spettacles des Theatres de Vienne, 



m '«f^lüF 




ff-. ■ ■ vvtt&j 


^■PBgbTJ 


K|5v^-' ; ^Ȋ ^[JB 


tr 'f2 Sfr^SffiS^t 




lpl§ 


&%$.?■ .f^f%. % 5»f * 




19398**-''.. 7a9e»SP 





( 



109 

unverhofft zu Theil gewordenen Directions-Herrlichkeit herausgeworfen zu werden, fobald die Xobleffe 
ihre bekannte Sehnfucht nach dem fchwer entbehrten franzöfifchen Theater in Thaten umzufetzen 
befchlöfse. Wohl verlangte man von ihm nichts aufser einer entfprechenden Deckung für Decorationen, 
Coftume und andere Effecten, die ihm überlaffen wurden, und für den vierteljährigen Betrag aller Gagen; 
dafür fchwebte er thatfächlich in der Luft, und das fo fiill und öde daliegende Burgtheater mufste ihn, 
fo oft er es paffirte, daran erinnern, wie rafch es mit feiner Direclion zu Ende fein könnte. 

So kurz die Aera Hil verding aber auch war, fie bleibt reich an Erinnerungen, an denkwürdigen 
Verfuchen und Erfcheinungen, welche mit der Perfon des Theaterpächters und Leiters allerdings oft 
nur in lofem Zufammenhange ftanden. Das Befte, was Hilverding gefchaffen hat, war fein Ballet. 
Er felbft flammte ja aus einer alten Wiener Künftlerfamilie, deren Mitglieder fchon zu Anfang des 
XVIII. Jahrhunderts in Wiener Markthütten und Ballhäufern mannigfache Künfte geübt und fich als 
Marktfchreier, Polichinells, Schaufpieler, Tänzer und Theaterunternehmer ihr Brot verdient hatten. Johann 
Baptift Hilverding (auch »Hilferting« und »Helfferting« gefchrieben) häufte mit feiner Ehefrau Marga- 
retha im GötzeTchen Haufe im Tiefen Graben und war mit Kindern reich gefegnet. Am 1 7. November 
1710 fandte er einen Sohn zur Taufe, der die Xamen Franz Anton Chriftoph erhielt und von den Eltern 
der Tanzkunft gewidmet wurde. Schon in den Dreifsiger-Jahren gehörte der junge Hilverding der Reihe 
der »kaiferlichen Hoftantzer« an 1 und zeichnete fich bald auch als »Ballet-Compofitor« aus. 

Die Tanzkunft und das Ballet war im XVIII. Jahrhundert zur höchfien Blüthe entfaltet worden. 
»Wurde das Tantzen vor Zeiten« — fo fpricht fchon »der rechtfchaffeneTanzmeifter« Gottfried Taubert 
in feinem 1717 erfchienenen, dickleibigen choreographifchen Weisheitsbuche — »von lauter gottlofen 

und malhonnetten Leuten, als: üppigen Komödianten an verdächtigen örtern, ohne Unter- 

lchied der Zeit auf eine venerifche, fatyrifche und recht viehifche Weife zum Xachtheile junger keufcher 
Augen verrichtet, fo wird im Gegentheil unfer nobles franzöfifchesTantz-Exercitium von allen honnetten, 
als königlichen, fürftlichen, gräflichen, adeligen und anderen ehrlichen Perfonen, fonder die geringfte 
Einbufse an Hoheit und Reputation in Präfenz Ehrliebender auch wohl unterweilen geiftlicher Perfonen, 
mit vernünftigen und Chriften wohlanftändigem Wefen, honoris, motionis, recreationis et commen- 
dationis causa exequiret . . .« Das haben wir bei Betrachtung der höfifchen Opern und Ballette gefehen. 
Im theatralifchen Tanze, wie er vorbildend in der academie royale de danse zu Paris und den königlichen 
Opern zu Verfailles gepflegt wurde, unterfchieden die Franzofen das ballet serieux, das »gleichwie bey 
deren Alten ihren Tragoedien gravitätifch tracliret wird«, und das ballet comique oder grotesque, »als 
wofelbft fich fowohl die acteurs als danseurs eine weit gröfsere Freyheit zu kurtzweilen anmaffen.« In der 
Ausftattung gab es fchon bei den Balleten Ludwigs XIII. wahre Wunder. So tanzten bei einem von feiner 
Schwefter »präfentirten Liebes-Ballet« neun Irrlichter, Knaben in rothfeidenen Kleidern, mit goldenen 
Flammen »unterhalb des Xabels« überzogen; jeder von ihnen »trug über dem Haupte vier flammende 
Feuerlein und zwei grofse von der Fauft an brennende Fackeln in den Händen, fo dafs die Flamme zwei 
Schuh flieg, jedoch keine Funken ftreuete, noch feinen Halter im Geringften verfehrete. Die Knaben hüpften 
und balletirten weidlich herum, dabey gewann es öffters das Anfehen, als wären fie verfch wunden . . .« 
Unfere Glühlichter können die Sache nicht beffer machen. Bei der »Invention« des Ballets fordert fchon 
der »rechtfchaffene Tantzmeifter« (1717), dafs der »Componifl principaliter auf die Materie, davon der 
Actus oder Theil desfelbigen Schaufpiels handelt, bey welchem das Ballet getanzet werden foll, reflec- 
tiret werde«, allerdings nach fehr dehnbaren und naiven Grundfätzen: 

»Handelt die Materie von Schäffern und die Scenen präfentiren Schäffereyen, fo kann ein Schäfferballet aufgeführet werden. Begreifft der Actus 
eine Feldfchlacht in fich, fo kann die Entree de combattant employret werden. Tracliret die Opera eine Materie von der Jagd, fo können Jäger und 
Jägerinnen oder auch Satyrn tanzen. Präfentirt die Scena eine verliebte Aventure, fo wird ein Entree von Amouretten aufgeführet, handelt das Schau- 

i »Dem Frantz Hilverding, kaiferl. Hof-Tantzern f. Kind Johann im Feichtwangifchen Haufe im Hutfteppergäffel alt 5 viertel J.«, fagt am 
13. September 1737 das Wiener Diarium. Das Prädicat »von Wewen« und die Bezeichnung »wohledelgeboren« finden wir erft 1766 bei dem Namen 
Fr. Hilverding's. 

28 



110 




Spiel von der Defperation, Zorn, Rache und anderen Rafereyen, fo können Furien fchwärmen. Ift die Aventure von einer glückfeligen Reife zu Waffer 
oder Lande, fo können Schiffer oder Fuhrleute balletiren: kurtz, nachdem die Materie im Schaufpiel serieux oder gay befchaffen ift, nachdem kann man 
auch entweder vernünftige, fowohl ferieufe als luftige Perfonen aufführen, als: Spanier, Römer, Mohren, Americaner, Bauern, Knechte. Mägde, Bettler, 
Zigäuner, Berckleute, Scaramuzzen, alte Trödel-Weiber etc. Oder unvernünftige Creaturen, als: Meerkatzen, Baren etc. oder gar leblofe Dinge, als: 
Irrlichter, Sterne, Winde, Morgenftunden u. f. f.« 

Als Metaftafio das Scepter im Wiener Opernreiche ergriff, fchmiegten fich die Ballete feinem 
veredelten Style und dem Charakter der Opernhandlung an. Sie blieben zwar fteif und kalt, waren aber 
doch fchon mehr als ein der Vorftellung aufgepfropftes Luxusftück. Um die Mitte des Jahrhunderts 
kam ein frifcherer Zug, eine lebhaftere Bewegung in das Ballet; die Tänzer von Beruf, denen fich erft 
zu Beginn des Säculums Damen zugefellt hatten, nahmen bereits eine herrfchende Stellung im künft- 
lerifchen Hofftaate der Füllten ein und überragten im Gagenetat hoch die Schaufpiel-Gröfsen. 

Nicht feiten vereinigten Schaufpieler und Sänger auch die Kunft des Tanzens mit ihrer eigenen; doch 
fehen wir z. B. feit der Theilung des Wiener kaiferlichen Theaters in ein Theätre francais (Burgtheater) 
und ein deutfches Theater (am Kärntnerthor) jedem diefer beiden »Spectakel« ein felbftändiges Ballet- 
corps beigegeben, und die Koften diefer beiden Corps überftiegen allmählig jene der Schaufpieltruppen. 1 
Das Perfonal fetzte fich hauptfächlich aus Italienern zufammen, und fchmerzlich empfand man es 
in »national«denkenden Kreifen, dafs man »bloß einem wälfchen Fuße den Vorzug gab, auf unferen 
Bühnen anftändig und würdig zu tanzen«. Da fich den Italienern in neuerer Zeit auch Franzofen und 
Engländer als treffliche Tänzer beigefeilt hatten, fo wurden die Mahnungen immer lauter, das deutfche 
Element in dem Balletcorps der erften deutfchen Bühne mehr zu berückfichtigen, das Talent zur 
Tanzkunft in der deutfchen Jugend zu wecken. 

i Nach dem officiellen Gagen-Verzeichnifs aus dem Jahre 1756—57 (Int. Archiv) hatten diefe Balletcorps folgende Organifation : Danse au 
theätre allemand: I. couple: Salomon pere 1320 fl., Pierre Sodi 1234 fl. 20 kr., Colonna 2520 fl.; II. couple: Turchi aine 2520 fl., Santina 1402 fl. 
30 kr.; III. couple: Galantini 1890 fl., Tintoretta 948 fl. 45 kr.; IV. couple: Bernardi 1000 fl., Phillebois aine 900 fl.; V. couple: Turchi cadet630 fl., 
Suavi 1234 fl. 30 kr. — Pompeati, Sous-Direcleur, 4 Figurants 832 fl., 4 Figurantes 896 fl., Somme 17.634 fl. 15 kr. Danse au theätre francais: 
Joffroi-Bodin 1400 Ducats = 5775 fl.; Pitrot 700 Ducats, Favier 300 Ducats, Saunier 350 Ducats, Aneiller 275 Ducats = 6703 fl. 7«/s kr - ; 
Salomon fils 320 Ducats = 1320 fl. (parte); Louis Mecour, Sa Femme 34S6 fl.; Gumpenhuber, Sous-Directeur 432 fl.; Grand Champ 1200 fl. 
(mittlerweile entlaffen); 4 Figurants 1540 fl.; 4 Figurantes 1170 fl. Das ergab zufammen 21.626 fl. 7i/„ kr. 



111 

»Wenn es einmal gewifs ift«, fchrieb Engelfchall 1760, »dafs der preis aller Dinge in der Welt fteigt und fällt, nachdem eine Sache, die man 
bezahlt, in der Menge oder feltfam anzutreffen ilt, fo glaube ich ficher behaupten zu können, daß auch der Stand der Tänzer und Tänzerinnen weit 
wohlfeiler würde zu behandeln fein, wenn fich Deutfchland um einen reicheren Vorrath an eigenen gefchickten Leuten hierinnen bemühete. Es ift eine 
bekannte Sache, wie Welfchland diefe Leute ziehet: eine Menge armer Kinder, bei denen ein Tanzmeifter genügfame natürliche Gaben zum Tanzen 
und Springen findet, werden dafelbft abgerichtet. Diefe durchftreifen fodann auf ihre Kunft die Welt und kommen endlich mit Reichthümern wieder nach 
Haufe, die fie aller Orten zufammengefcharrt haben. Und wer opfert hiezu wohl mehr als unfere deutfehen Staaten? Es ift nicht genug, dafs oft eine 
einzige folche Perfon eine gröfsere Befoldung ziehet, als wohl zehn rechtfehaffene, gelehrte Männer, fo dem Staate die erfpricfslichften 
Dienfte leiften könnten, nicht angewiefen bekommen u. dahero kaum den nothdürftigften Nahrungsunterhalt finden: nein, die Üppigkeit fo manches 
Deutfehen geht felbft dahin, dafs wir oftmals entweder ganze Familien durch eine einzige üppige Tänzerin hingerichtet oder wohl 
gar den Handels- und Nahrungsftand durch folche fchnöde Praffer zu Ehren ihrer eigennützigen Sirenen und größten Nachtheile des gemeinen Wefens 
hintergangen fehen. Könnte aber diefem allen nicht abgeholfen werden, wenn wir auf gleiche Art arme deutfehe Kinder für die Schaubühne abrichten, 
fie dann ebenfalls die Welt durchreifen und alfo auf den Bühnen ihres Vaterlandes gewiffe Jahre lang, der Billigkeit nach für geringere Bezahlung 
dienen ließen? Gewifs, felbft die fremden Tänzer würden auch gar bald von ihrem Stolze nachlaffen und ihre Kunft wohlfeiler ver- 
kaufen « 

Der Mann hatte Recht. Denn thatfächlich waren gerade dem Wiener Boden fchon ausgezeichnete 
Balletkräfte entfproffen. Hier war die berühmte Tänzerin Violette daheim, welche mit ihrem bürger- 
lichen Namen Eva Maria Veigel hiefs (geb. 29. Februar 1724), in Wien unter dem Regime Selliers' 
gelernt, debutirt und triumphirt und 1744 bei der Londoner Oper eine glänzende künfllerifche Stellung 
gefunden hatte. David Garrick, der König der britifchen Schaufpieler, führte die fchöne Veigelin 1749 
als Gattin heim und befuchte in ihrer Begleitung 1765 das Feftland. Erft am 16. Oclober 1822 befchlofs 
diefe intereffante Wienerin zu London ihr Leben. Aus der kleinen, aber wohlgebildeten Schaar der 
Wiener Hoftänzer-Scholaren gingen Kräfte wie die Phillebois, Selliers, Scio, Gumpenhuber und 
Hilverding hervor, die es mit den Bellen ihrer Kunft aufzunehmen vermochten. Man hatte alfo lebendige 
Beifpiele dafür, dafs fich Wiener Kinder oder wenigftens Wiener Schüler zu Balletgröfsen heranbilden 
liefsen; hatten fie die hohe Schule der Tanzkunft in Paris durchgemacht, dann umftrahlte fie allerdings 
noch ein ganz befonderer Glanz. Als fich unter der erften Hofdireclion Eszterhäzy-Durazzo eine Theilung 
des Theaterwefens in die deutfehe und franzöfifche Komödie vollzog, bildeten fich auch zwei felbft- 
ftändige Balletkörper — ein Luxus, deffen Behebung die Rathfchläge ökonomifcher Männer wiederholt 
forderten. Zufammenziehung der Ballete in ein Corps oder billigere Schaufpiele ohne Ballet, das war die 
Parole. Die Nationalität fpielte bei der Zufammenfetzung der beiden Balletcorps keine Rolle; die theueren 
und befferen Kräfte waren bei den Franzofen zu finden. 

So fungirte bei diefen Philipp Gumpenhuber (ein Sprofs des alten Tobias) als »Sous-Direcleur 
des Ballets«, während bei den Deutfehen der Italiener Angelo Pompeati diefe Würde bekleidete, 
welcher 1868 in tragifcher Weife endete. 1 Den Beftand der beiden Ballete 1757 gibt das »Repertoire 
des Theätres de la ville de Vienne« folgendermafsen an: 

Theätre Allemand. Danseuses seules: Mdlles. Terefe Colonna (I.), Santina Zanuzzi, Therefe Phillebois, Marguerite Grisellini, 
Geiirude Suavi; — Dansent dans les Ballets: Mdlles. Louife Suvirant, Schwaberin, Eleonore Kurtzin, Eleonore Phillebois, Leinhas, Manon 
Bernardi. — Personnages dansants seuls : Mrs. Francois Turchi, Bernardi, Vincent Turchi, Pierre Sodi, Jean Bapt. Galantini, Francois Calzavara. 
— Dansent dans les Ballets: Mrs. Pompeati, Jofeph Hornung, Zeff, Michel Poffinger. — Theätre pres de la cour (Francais) Danseuses 
seules: Mdlles. Louife Jeoffroi-Bodin ([.), Ancilla Cardini, Jeanne Campi-Mecour. — Dansent dans les Ballets : Mdlles. Gertrude Radicati, 
Weischern cadette, Weischern ainee, Therefe Grummanin. — Personnages dansants seuls : Messieurs Saunier, Louis Mecour, Pierre Bodin. — 
Dansent dans les Ballets: Messieurs Armand, Violette, Gregoire, Grand Champ, Gobert, Gayes. — Philippe Chuppenu eber (Gumpenhuber) 
Sous-Diredteur. 

Aus diefer Lifte fehen wir, dafs die Ballet-Gruppirung ganz international war. Finden wir bei den 
Franzofen zwei Weiskerne, eine Grummannin und einen Gumpenhuber, fo find dagegen die Kurtzin, 
Schwaberin u. f. w. bei der deutfehen Abtheilung geblieben. Schon in der erften Hälfte der Fünfziger- 
Jahre war Hilverding die Seele, der Meifter und »Compofitor« des deutfehen Ballets. Sämmtliche 

i Das »Wiener Diarium« meldet am 23. März 1768: Angelus Pompeati, gew. Tanz, am deutfehen Theater, welcher fich in einer Krankheit 
toller Weife felbft tödtlich verwundet hat und vom k. k. Stadt- und Land-Gericht im langen Haufe am alten Haarmarkt befchauet worden ift, 
f alt 55 Jahr. 



112 

1752 und 1753 im deutfchen Theater aufgeführten Ballette dankten ihm ihre Schöpfung. 1 Man rühmte 
an ihm »un talent particulier pour ces sortes d'ouvrages, qui Joint ä l'exafte connaissance de son art. 
une etude continuee des belles lettres, de la fable, de la peinture, de la musique«; er gab feinen 
Compofitionen »ein Enfemble und eine Präcifion«. wie fie nicht gewöhnlich war. Er brachte den Tänzern 
Ausdruck im Mienen- und Geberdenfpiel bei und bewährte poetifche Erfindung und künftlerifchen 
Gefchmack in der Pantomime, die er an die Stelle gedankenlofer, rein-äufserlicher Balletfiguren treten 
liefs. Allerdings find uns auch fchon aus jenen Tagen »Anftöfsigkeiten« im Ballet bekannt, welche felbft 
die Kaiferin zu rügen Anlafs nahm. Handlung, Mufik, Decoration, Collum und choreographifche Kunft 
brachte Hilverding zu einer glücklichen Gefammtwirkung. So errang er fich den Ruf eines der hervorragend- 
ften »Ballet-Compofitoren« feiner Zeit, eines Bahnbrechers feiner Kunft. Von feinen Werken erwähnt man 
aus dem Jahre 1756 fein grofses mythologifches Ausftattungs-Ballet »Ulyffes und Circe«. Aber auch die 
Ballete des franzöfifchen Theaters waren der grofsen Mehrzahl nach HilverdingTche Schöpfung, wenn 
nicht Salomon pere, bekannt unter dem Namen »Giufeppetto di Vienna«, oder Pitrot oder Pierre 
Sodi als Compofitoren eintraten. Als Hilverding zeitweilig nach Petersburg ging, wurde der in Wien 
fchon beliebte und angefehene Tänzer Angiolini aus feinem Turiner Engagement losgelöft und als 
Balletmeifter und Compofitor nach Wien berufen, wo er — mit neuerlichen Unterbrechungen — lange 
Jahre wirkte. 2 Bei dem fogenannten franzöfifchen Ballet unterfchied man die im Burgtheater der 
franzöfifchen Komödie beigegebenen kleineren Divertiffements, zumeift mythologifchen Stoffes, bei 
denen Amor und Pfyche, Diana und Endymion, Orpheus und Eurydike, Venus und Adonis, Bacchus 
und Ariadne u. f. w. ihre kleinen Romane mit Grazie tanzten, dann die Ballet-Intermezzi bei der Opera 
seria und buffa. Auch diefe weifen vielfach auf Hilverding als Autor hin. 2 

Als nun der allbeliebte, im Wiener Theaterboden feftwurzelnde Hilverding im Jahre 1765 aus 
Rufsland wieder in Wien eingetroffen war, erfchien er in That als der angefehenfte, der ariftokratifchen 
Gefellfchaft angenehmfte Künftler. Man kannte ihn als einen gebildeten Mann, der nicht blofs feine 
Specialkunft betrieb, fondern ein offenes Auge für das ganze Theaterwefen hatte; feine »Meriten« waren 
grofs, — was Wunder, wenn man ihn zum Leiter der ohnehin reducirten Schaubühne erkor. 3 Und der 
wackere Balletmeifter nahm dasBenefizium, das fich ihm darbot, frifchweg an. AmOftermontag (31. März) 
1766 öffneten fich die Pforten des Kärntnerthor-Theaters zum erften Male unter feiner »Impresa«. Man 
gab ein Vorfpiel in Verfen unter dem Titel »Die Freunde und Feinde der Schaufpielkunft«, eine 
Bearbeitung nach Elias Schlegel, und ein Luftfpiel, betitelt »Der eigenfinnige Herr und Hanswurft, der 
argwöhnifche Diener«, wozu — wie das Diarium bemerkt — »der Grund aus den Capricieux des 
Joh. Bapt. Rousseau genommen und das Stück nach dem hiefigen Gefchmack einzurichten verflicht 
worden, um es genehmer zu machen; wenigftens ift der Zulauf ganz enorm gewefen«. Das Ballet führte 
zwei grofse Tänze auf. Mit diefer Eröffnungsvorftellung war auch das Programm der neuen Aera der Privat- 
Unternehmung gegeben: regelmäfsige und Hanswurft-Komödie und Ballet. Hilverding war nicht fo fehr 

i Le divertissement des jardiniers; Les paysans de Carinthie, Le Melancholique et la deesse de la Gayete; Le Jeu de l'Arbalete; Les Avantures 
du Leopoldftadt; Les Charbonniers; Les Mumies ou Piramides du Caire; Les Recrues des soldats; Les Ouvriers du Fauxbourg changes en Jardiniers; 
Les Coupeurs de Bois; L'arrivee des Voituriers ä l'Auberge ; Les Jalousies du Serail; Le N'oce de Village; Les Meunieres ou le mauvais menage; La 
Mascarade; Le Bouquet enchante ; Le traiteur et les Cuisiniers; Le Fauconnier et les Bergers; Don Quichote au les Xoces de Ganache; La Foire de 
Village; L'entree de bal ; Lebal; Le Rendezvous ä la Tente du Lumonadier; Les Fourberies amoureuses du Serail; Les Amüsements du Quartier d'Hiver; 
Les Courtisans Esclaves; La Lotterie de la foire; Les Pecheurs Hollandois; La Fabrique de Cotton. 

- Von Angiolini (einem Toscaner) flammten mehrere komifche und tragifche Ballette, u. A. »Pietros Gaftmahl«, »Soliman IL«, »Die Jagd 
Heinrichs IV.«, »Xinette bei Hofe«, »Der franzöfifche Deferteur«. Er fchrieb auch eine »Dissertation sur les ballets pantomimes des anciens 1765« und 
zeigte fich in feinen Ballet-Programmen als Mann von Erfindung und Gefchmack. — Pitrot componirte 1757 ein grofses Ballet »Chinois poli en France«. 

I Khevenhüller notirt in feinem Tagebuche: 31. März wurde das deutfche Theater im Kärntnerthor-Theater wieder eröffnet. 
Das ander Theatre nächft der Burg blibe annoch verfchloffen ; mithin beftunde le Speilacle dermalen lediglich in deutfchen Kom. u. ift deffen Entreprise 
dem ebenfahls von vorigen Zeiten bekannten und vor Kurtzem erft aus denen ruff. Dienften entlaffenen Mr. Hilverding übergeben worden, weil der 
Hof fich nicht mehr damit beladen, viel weniger die vorhinige grofsen fpefen dazu anwenden wollen, zumahlen der beträchtliche Theil des dazu bisher 
gewidmeten fundi durch die Erneuerung des alten Verbotes aller hazardfpiell en hinweg gefallen war.« 



113 




Tänzer und Balletdichter, um feine Kunft zur Hauptfache zu machen; aber er fetzte einen begreiflichen 
Ehrgeiz darein, fie zur Zeit feiner theatralifchen Herrfchaft nicht einfchlafen oder verblaffen zu laffen. 
Die deutfchen Schaufpiel-Aufführungen füllten durch die Beigabe guter und glänzend ausgeftatteter 
Ballette befondere Anziehungskraft bekommen. So lefen wirz. B. von einem höchft fehenswürdigen Ballet 
»Der Triumph des Frühlings«, das am 13. Mai der Erftaufführung von Crebillon's »Rhadamift und 
Zenobia« (Überfetzung von Joh. Friedr. Griefs) beigegeben wurde. 

>Die Schaubühne« — fo fchildert das »Wiener Diarium« das Ballet — »flellte in der Tiefe eine reizende Landfchaft vor, auf beiden Seiten fah man 
Säulengänge mit Bildfäulen, die vier Jahreszeiten darftellend, gereihet, welche die Schäfer und Schäferinen wechfelweife verehrten. Sie waren im Begriff, 
dem Frühlinge oder Vertumnus, dem Gott, der Alles belebet, zu Ehren ihre gewöhnlichen Feierlichkeiten zu begehen, allein ihr Tanz wurde durch den 
Zephyr unterbrochen, welcher auf einer glänzenden Wolke herabkam, um feine Geliebte wieder zum Leben zurückzurufen, der er folange Zeit 
beraubet wäre. Flora geht aus einem Rofenbufche hervor und diefes zärtliche Paar ift blofs befchäftigt, fich Beweife der lebhafteften Zärtlichkeiten zu 
geben, als plötzlich der Himmel mit einer fchwarzen Wolke bedecket wird. Es erhebt fich ein fchreckliches Ungewitter, Regen und Hagel fällt herab 
und drohet den gänzlichen Untergang der Feldfrüchte. Der eiferfüchtige Boreas nähert fich nunmehro, um fich wegen der Verachtung an Flora zu 
rächen und feinen glücklichen Nebenbuhler in den Abgrund zu ftürzen. Nichts ift vermögend, feiner Wuth zu widerftehen. Flora wird ohnmächtig, 
und Zephyr, welcher aufs Aeufserfte gebracht ift, fuchet feine Zuflucht bey der Bildfäule des Vertumnus, deffen Beyftand er anfleht. Er wird erhöret, 
die Bildfäule wird der Gott felbft, der ihm entgegeneilet, um ihn zu unterftützen. Umfonft widerfetzt fich Boreas, er wird überwunden und entflieht. 
Der Sturm ift vorbey, der Himmel klärt fich auf, und Flora erfcheint wieder in Mitten eines angenehmen Gartens. Sie bezeigt ihrem Retter ihre 
Dankbarkeit, die Schäfer und Schäferinnen athmen Fröhlichkeit und Luft, und alles huldiget dem Vertumnus.« 

Ähnlichen Glanz gab man den Balleten »Ariadne und Bacchus« und »Die Vergötterung des 
Hercules« (von Favier). In dem letzteren Ballet, das einer Reprife der »Chriftin Gabinie« folgte, fah 
man, wie Hercules auf dem Scheiterhaufen von den Flammen verzehrt, dann aber von den gefammten, 
dem Olymp entftiegenen Göttern in ihre Welt aufgenommen wurde. Das Publicum ftaunte die Wunder der 
Mafchinerie und Ausftattung an, die dabei geboten wurden. Ende December rüftete fich die Wiener 
Ariftokratie, den König des künftlerifchen Tanzes, den berühmten Veftris, würdig zu empfangen, welcher 
einft in der Aera Selliers als Knabe mit feiner ganzen Familie in Wien gewefen war und getanzt hatte. 

29 



114 

Nun kam er als Berühmtheit erften Ranges aus Paris über Stuttgart, wo Pich wegen einer Reduclion des 
herzoglichen Hofftaats fein Engagement zerfchlagen hatte, nach Wien, und kein Geringerer als Kaunitz 
felbft trat in Aclion, um Veftris im Subfcriptionswege ein Ehrengefchenk des Adels 1 und den Erfolg 
feines Gaftfpiels in dem wiedereröffneten Burgtheater zu fichern. Er begann es am 11. Jänner 1767 
und fchied, reich an Ehren und klingendem Lohne, wieder von Wien, das feiner Meifterfchaft mit 
Begeiferung gehuldigt hatte. Khevenhüller erwähnt in feinem Tagebuche, dafs nur die »Protection« 
und die »Collecle« des Fürften Kaunitz, welche einen vorläufigen Fond von 600 Ducaten ergab, Veftris 
bewogen habe, Wien vor Warfchau den Vorzug zu geben. Jene 600 Ducaten feien »durch die Liberalität 
der Kayferin und die Beyfteuer von der Theatraldireclion um ein Merkliches geftiegen«. 

Im Herbft des Jahres kam Veftris wieder; er fand aber bereits fehr geänderte Theaterverhältniffe. 
Hilverding hatte, tief erfchüttert an Vermögen und Gefundheit, 2 feine Pachtung unter Beibehalt feines 
Vertrages und feiner Firma an eine »ftillfchweigende« Compagnie, begehend aus den Herren Franz 
Anton v. Häring, k. k. wirklichem Hoffecretär, Superintendenten des unirt-k. k. fpanifchen Xational- 
krankenhaufes und heil. Dreifaltigkeitsfpitals und Referendarius bei der Mildenftiftungs-Hofcommiffion, 
Schwarzleutner und Kurländer abgetreten. Dies war ein neues Interim von abermals nur kurzem 
Beftande, von dem keine Partei Grofscs erwarten durfte. Der »Xobleffe« bereiteten die Compagnons die 
Freude, ein »wälfches Speclakel«, eine ausgezeichnete opera buffa. zu verfchreiben, für welche am 
1 1. Xovember 1766 auch das Burgtheater wieder eröffnet wurde; 3 Herrfcher im Reiche des Tanzes 
zu Wien aber war Veftris' grofser Lehrer geworden, ein Mann, den feine Zeitgenoffen in den höchften 
Himmel emporgehoben, den die ftrengften deutlichen Kritiker feiner Strahlenkrone nicht beraubt haben: 
Jean Georges Xoverre. Wir eilen der Chronik der Theaterereigniffe voraus, wenn wir fchon jetzt feiner 
gedenken — aber der Name Hilverding leitet unwillkürlich hinüber zu Xoverre, dem gröfseren und 
gröfsten Xachfolger jenes Meifters im Balletreiche. Dafs das Wiener Burgtheater einft unter dem 
mächtigen künftlerifchen Einflufse diefes Mannes geftanden, ift keine der unrühmlichften Epifoden 
feiner Gefchichte. Denn Xoverre war der Reformator, der Claffiker des Ballets, deffen Geift den 
der gröfsten Acteurs, vielleicht auch der wortreichften Kritiker überftrahlte, der feine Kunft mit einer 
Reinheit und Erhabenheit auffafste, wie Garrick die feinige. Diefe beiden Männer waren ja innige 
und gleichwerthige Freunde; fie fühlten fich einig in ihren Idealen, in dem Streben, fie zu verwirklichen. 
Xoverre war zu Paris am 29. März 1727 geboren, hatte fich unter Dupre zum Tänzer ausgebildet und 
fchon im Oclober 1743 bei feinem erften Auftreten in Fontainebleau Auffehen erregt. In Berlin (1748) 
war Friedrich II. fein gröfster Bewunderer; als Balletmeifter an der Parifer komifchen Oper wurde 
Xoverre der Begründer einer für die ganze künftlerifch-civilifirte Welt mafsgebenden Schule des 
edlen Tanzes und der geiftvollen Balletcompofition. 1755 wandte er fich auf Anrathen Garrick's 
nach London, von dort an den Kunfthof des württembergifchen Herzogs nach Stuttgart, an dem er 
mit Veftris zufammenwirkte. Eine der ruhmreichften Thaten der im Übrigen fehr traurigen Wiener 

1 Die betreffende, von Kaunitz verfandte Subfcriptions-Einladung lautete: >Le hazard a3 - ant amene icy le Sr. Vestris connu pour etre 
aujourd'hui le premier des Dauseurs de son genre, et la Noblesse de Vienne, etant autant dans l'usage de se plaire au parfait, que d'honorer les 
Talents, une personne de son corps, propose une Souscription de 25 Ducats pour un Present ä faire au dit Sr. Vestris au nom de Messieurs les 
Souscripteurs apres qu'il auroit danse sur le Theatre de Vienne 5 ou 6 fois. Ceux qui voudront bien etre du nombre des Souscripteurs, sont pries de 
signer leurs Noms sur la feuille ci-jointe ä Vienne le 31. Decembie 1766.« — Je 25 Ducaten fubfcribirten : Le Prince Wende de Lichten (stein), Comte 
Francois Esterhazy, le Comte de Schönborn, l'ambassadeur de Venise, le Prince de Schwartzenberg, le Comte Dietrichstein, le Prince Colloredo, 
Chev. Montecucc.oli, le Prince Poniatowski, le Prince Sulkowski, le duc de Braganea, le Prince Auersperg, le General Comte d'Althann, le Comte de 
Mahony, le Baron de Pretlack, il Duca di San Elisabetta, Jean Adam Prince d'Auersperg, Pr. Hatzfeld, J. Wenceslav Comte Sinzendorf, Prince 
Galizin, Prince Kinsky, Prince Khevenhüller-Metsch. Kaunitz-Rittberg. (Intendanz-Archiv.) 

a Hilverding ftarb am 30. Mai 1768 im Loprefti'fchen Haufe auf der Wieden, 58 Jahre alt. 

s »Khevenhüller's Tagebuch« berichtet: 25. OSi. wurde im Comoedihaus eine neue opera buffa von Signor Goldoni >i viaggiatori ridicol« 
aufgeführet, worzu ein hiefiger Xahmens Gasman (Gaßmann wurde nach dem Tode des Reutter 1772 Capellmeifter) die music componiret, 
die ville Approbation gefunden; hiebei diflingirte fich ein neuer Tenorifl, il Sr. Pinetti und die Sa. Clementine Baglioni. — 11. Nov. Abds. wurde 
das Theater nächfl der Burg zum erftenmale wieder eröffnet und die opera buffa »i viaggiatori« auf felber vorgeflellet. 



115 



Direction Afflifio — wir werden fie bald kennen lernen — war die im 
Herbft 1767 erfolgte Berufung Xoverre's nach Wien zur Xeu-Organifirung 
derBallete im Kärntnerthortheater und dem wiedereröffneten Burgtheater. 
Bei den Feftlichkeiten zur Feier der Yermälung der Erzherzogin Jofepha 
mit dem König von Neapel im September 1767 feierte das Noverre'fche 
Ballet feine erften Triumphe und übertraf weitaus alle anderen Künfte, 
welche zur Verherrlichung der Fefte aufgeboten worden waren. Da gab 
es am 9. September eine neue Haffe Tche Oper »Parthenope«, Text von 
Altmeifter Metaftafio, deutfche Komödie (»Tom Jones« von Heufeld), 
aber das wahrhaft fürftliche Publicum war gelangweilt und enttüufcht, bis 
Xoverre feine Wunderwerke entfaltete. Der alte Khevenhüller, der fich in 
feinem Tagebuche die gröfste Aufrichtigkeit geftattet, notirt diefes 
Ereignifs in folgender Weife: 




Mr. R. Vestris. 



»10. September 1767 wurde der dritte und letzte Galatag abends mit einer deutfchencomedie im Ballhaus oder dem Theatre nächft 
der Burg und einem neuen machine- und pantomimen-ballet »L'apotheose d'Hercule« genannt, de la compofition du fameux Sr. Xoverre de 
Hougard begangen, wobey gleich wie auch geflern fich Mr. Veftris, der eigens mit kgl. Erlaubnus zu gegenwärtiger Epoque von Paris zurückgekommen, 

avec grand applaudissement produciret, übrigens aber der Hof ebenfahls wie geftern avec grand cortege erfchienen Was fonften die beyde 

heut und geftern aufgeführte spectacles betrifft, fo haben felbe aufser den ballets um fo weniger approbation gefunden, als die deutfche comedie 
ein fehr fchlecht gerathen und übel ausgedachter Extract aus dem engl. Roman »Tom Jon« und die Opera fowohl per il libretto als per la musica eine 
ebenfahls fehr fchwach und froide composition und weder dem Metastasio, der erft unlängft für feine per la reconvalescenza del Aug™a herausgegebene, 
fo betitelte »felicita publica« mit einer tabatiere garni de brillants avec le portrait de l'Im ce regaliret worden, weder dem Sgr. Haffe ähnlich gewefen 
indem fich diefer letztere vielfältig zumahlen aus feinem Aleide repetirt, der erftere aber fein Thema nicht ausgeführt und felbes meift mit abgefchmackten 
und recht insipiden Liebs-Scenen angefüllet hat « 

Und worin beftand die Wirkung, der Zauber der Ballete Xoverre's ? Die Urtheile feiner Zeitgenoffen find 
Verzückungen, Schwärmereien, welche die Gegenwart kaum verfteht. Selbft die literarifchen Bufsprediger, 
welche alles Fremdländifche, Prunkvolle auf der »Xationalbühne« vertilgt wiffen wollten, entzogen 
fich diefem Chorus der Enthufiaften nicht; auch fie huldigten dem »Göttlichen«, der zu den Wienern 
herabgeftiegen war und ihnen ungeahnte Wonnen bereitete. . . . Xoverre hatte das Ballet feiner unnatür- 
lichen Steifheit und Sinnlofigkeit, die Ballettänzerinnen der unfehönen Reifröcke, die Tanzkunft der 
Capriolen, der fchablonenhaften Gerten, der inhaltlofen Künfteleien entkleidet. Sein Streben ging dahin, 
diefe Kunft ebenbürtig zu machen ihren Schwertern, der Malerei und Dichtkunft, fie mit Seele und Geift, 
mit der Kraft lebendiger Wirkung zu erfüllen. Er machte tiefe Studien und legte ihre Ergebniffe in 
geiftvollen Werken nieder, aus denen uns der Hauch wahrer, geläuterter Künftlerfchaft entgegen- 
wehte. Sein Hauptwerk find die »Lettres sur la Danse et sur les Ballets«, eine wahre Philofophie und 
Afthetik des theatralifchen Tanzes. Es erfchien in erfter Auflage 1760. Xoverre, der als Jüngling in die 
Hände preufsifcher Werber gerathen war, die Muskete der Krieger Friedrichs II. getragen hatte, aber 
rechtzeitig defertirt war, erbat fich von dem Preufsenkönig nebft der Verzeihung feiner Defertion die 
Annahme der Widmung feines Werkes. Die Defertion verzieh Friedrich, die Widmung des Tanzbuches 
aber gönnte er einem Manne, »der keine podagrifchen Beine habe wie er«. Im Jahre 1769 veranftaltete 
Xoverre in Wien eine neue Auflage; fie ift eine wahre Fundgrube der Weisheit für jeden Meifter auf 
dem Gebiete des Ballets. Wie fchön entwickelt er darin die Grundzüge feiner neuen Lehre! 1 »Un ballet 
est un tableau, la scene est la toile, les mouvements mechaniques des figurants sont les couleurs, leur 
Physiognomie est — si j'ose m'exprimer ainsi — le pinceau, l'ensemble et la vivacite des scenes, le 
choix de la musique, la decoration et le costume en sont le colorit, enfin le compofiteur est le peintre.« 
Aber auch ein Maler der Seele foll der Balletdichter fein; die Leidenfchaften, Gebräuche und Sitten aller 
Völker foll er uns im lebendigen Bilde vorführen. 

' Lettres sur la danse et sur les Ballets par M. Xoverre, maitre des Ballets de son Altesse serenissime Msgr. le Duc de Württemberg et 
eidevant des Theatres de Paris, Lyon, Marseille, Londres etc. ä Vienne, chez Jean Thomas de Trattnern 1767. 



29' 



116 

»Enfants de Terpfichore«. ruft Xoverrc feinen Standesgenoffen mahnend zu, »renoncez aux cabrioles, aux entrechats et aux pas trop compliques, 
abandonnez la minauderie pour vous livrer aux sentiments, aux graces naives et ä l'expression, n'oubliez jamais, quelle est l'ame de votre art, mettez 
de l'esprit et du raisonnement dans vos pas de deux .... defaites vous de ces peruques enormes et de ces coiffures gigantesques, qui fönt perdre ä la 

töte les justcs proportions Soyez original, copiez, mais ne copiez que la nature, c'est un beau modele, il n'egara jamais ceux 

qui l'ont exa^ement suivie Sans feu, sans esprit, sans imagination, sans gout et sans connaissance, osez-vous vous flauer d'etre peintres? 

Yous voulez composer d'apres l'Histoire et vous l'ignorez, d'apres les Poetes, et vous ne les connaissez pas; appliquez-vous ä les etudier, que vos 
Ballets soient des Poem es « 

Das find goldene Worte, koftbare Lehren. »Bringt Euere Gelten,« mahnt Noverre, »in Einklang mit 
der Stimmung der Seele, tragt die Liebe in Euere Kunft, denn man wirkt mit der theatralifchen 
Darfiellung nur, wenn das Herz bewegt wird; wenn Euer Herz von Eis, Eure Seele unempfindlich ifi, 
dann verzichtet auf das Theater!« Und nicht den »Jüngern Terpfichorens« allein — nein, allen Jüngern 
der Kunft, den Schaufpielern vor Allem dürften jene Worte tief zu Herzen dringen, mit welchen er 
ihnen das Bild Garricks vorhielt, des Erften ihrer Kunft, dem fie fo feiten ähnlich, fo oft unähnlich 
waren; denn er war natürlich und fie waren das Gegentheil davon. Garrick, diefer getreue Nachahmer 
der Natur — ruft er — ftudirt feine Rollen, aber er ftudirt vorher die menfehlichen Leidenfchaften, fein 
Genie erhebt ihn zu dem Range der Fürften, die er darfteilt, er verwandelt fich; es ift nicht Garrick, 
welcher auf der Bühne fpricht, der Schaufpieler ift verfchwunden, der Held fleht dort und er nimmt 
feine eigene Geftalt nicht früher an, als bis er feine künftlerifche Pflicht erfüllt hat. Er dringt in das 
Innere des Hörers, er zerreifst fein Herz, erfchüttert feine Seele und läfst ihn blutige Thränen ver- 
giefsen . . .« Ein Balletmeifter, der den Tragöden an die vielverkannte Gröfse feiner Kunft gemahnt — 
ift dies nicht Merkwürdigkeit genug? »Diefe Worte«, meint ein zeitgenöffifcher Kritiker, 1 »follten fich die 
Schaufpieler auf ihren Pult annageln und mit einem heiligen Schauer als ein Garricken fchuldiges Opfer 
täglich in Gedanken beten!« . . . Und Noverre felbft handelte nach diefen Worten; er ging in feiner 
Kunft auf. »Haben Sie keine Note, die tödtet? Eine Note will ich, die tödtet!« rief er auf der Probe zu 
den »Horatiern und Curatiern«, als der letzte der Curatier dahinfank, dem Capellmeifter Starzer zu. Wie 
ein Donnerfchlag follte die Tragik des Augenblickes wirken. Ja, diefer Tänzer war Tragöde. Und nun 
ereignete fich wirklich das Unerhörte, dafs die erften und die beften Schaufpieler zu den Balleten 
des Burgtheaters pilgerten, um fich zu erheben, um zu lernen. 

Noverre war zu feiner Zeit unftreitig der angefehenfte Künftler Wiens. »Seinem fchöpferifchenGeifte« 
— fo fchwärmt ein Chronift 2 — flehet die wirkliche und die verfchönerte Idealwelt zu Gebote. Seine 
Einbildungskraft fcheinet unerfchöpflich. Ordnung, Adel, Geift, Würde, Anmuth, Grazie herrfchen durch- 
gängig in feinen Balleten. Angenehm, naiv und reizend ift er im Anakreontifchen, edel und erhaben im 
Heroifchen. Im Tragifchen weifs er durch den pantomimifchen Ausdruck, durch die blofse Aclion alle 
Leidenfchaften bei dem Zufchauer zu erregen. Er befitzet überdies das ganz eigene Talent, junge 
Leute mit erftaunlicher Gefchwindigkeit zu bilden. . . .« So ward Wien in den Jahren 1767 bis 1774 
eine wahre Hochfchule der Tanzkunft; eine Schaar der berufenfien Schüler und Schülerinnen 
gruppirte fich um Noverre, den unerreichten, idealen Meifter. Er gab ihnen fefte Regeln und Gefetze. In 
der fogenannten »Theatral-Tanzfchule« erhielten vierzehn begabte Kinder durch die Tänzer Frühmann 
und Simonet unter Noverre's Aufficht forgfältigen Unterricht, und in jungen Jahren traten fie aus der 
Schule auf die Bühne. 

Der begabteften feiner »Discipel« war Pik; in ihm glaubte man die beften Eigenfchaften des Lehrers wieder zu finden. »Pik ift der reizendfte 
Jüngling, den man fich denken kann«, fchreibt Sonnenfels in eigener, höchst-kritifcher Perfon, indem er fich auf das Tiefste und Genauefte zu 
Noverre's Künftlerfchaar niederliefs.s »gebaut nach den fchönften Verhältniffen der Natur, und diefem edlen Körper hat die Kunft die vortheilhaftefte 
Stellung gegeben: Arm, Kopf, Schenkel, Alles hat die Wendung nach der wahren Schönheit. Ich zähle Ihnen keine von feinen Talenten vor, er befitzt 

fie alle; aber das, was die Franzofen Moelleux nennen und was eigentlich das Sanfte und Gefchmeidige der Kniebeugung ist, hebt fich unter 

feinen übrigen Schönheiten ausnehmend heraus « Neben Pik, diefem verjüngten Noverre, rühmt Sonnenfels den älteren Tänzer Simonet, 

»der fehr viel Stärke im Jarret und daher einen ficheren Spitzfall hat, aber mehr zum Starken als dem Lieblichen, daher also am beften zu Tyrannen 

i »Bibl. d. öfterr. Literatur, III. Band, Wien, Trattnern, 1769.« 

• »Theatralkalender von Wien für das Jahr 1772. Verfafst von einigen Liebhabern der deutfehen Schaubühne. Wien, Kurzböck.« 

s »Briefe über die Wienerifche Schaubühne«, 2. Quartal 1768. 49. Schreiben. 



11 



gefchickt ift.« Begeiftert ift dergrofse Prophet des reinen Dramas von Madlle. Lenzy, die (aus Petersburg nach Wien berufen), leider dem Noverre'fchen 
Ballet fchon 1768 verloren ging. »Sie ift fähig, einen Hörfaal, dem die Reize der pantomimifchen Tanzkunft vollkommen fremd find, diefclben bekannt 
zu machen« — ruft er — »fie befitzt den Ausdruck im höchften Grade: ihre Zeichnungen find die edelften Stellungen der Kunft, ihre Übergänge fchnell, 
niedlich, ihre Geberden wechfelnd, aber immer die reizvolle Natur . . .< Sonft gefallen ihm noch die (auch zu früh abgegangene) Mad. Bournon ville, 
deren »Stärke eine bewunderungswürdige Gefchwindigkeit war«, Mdlle. Ricci, eine junge, graziüfe Tänzerin (auch Sängerin) mit einem reinen, 
glänzenden Entrechat und das geniale Wunderkind Mdlle. Descamps, welches fchon in feinem elften Lebensjahre eine vollendete Tänzerin ift und 
»alle Talente, womit Terpfichore fonft nur einzeln ihre Lieblinge zu befchenken pflegt, in fich vereinbart. Sie ilt ein Wunder der Natur und Kunft. In 
Allem gleich ftark, fetzt fie alle Ankommenden in Erftaunen, alle Kunftgenoffen in Verzweiflung. Ein niedlicher Wuchs, eine Stärke in der Kniekehle, 
die fich befonders in ihren Spitzfällen, Pirouetten und Erhöhungen zeiget — ihre Sehnen erheben fich fchnell wie Springfederchen und erhalten 
lie auf der Spitze ihres Fufses durch eine unglaubliche Länge. Ihr fchwarzes Auge fpricht, ihr Arm ift fo fchön, als es möglich ift und ihre Kopfflellung 
ift immer die edelfte und reizendfte von der Welt .... Wenn Ausländer diefes Schreiben zu lefen bekämen« — fchliefst Sonnenfels, nachdem er ihre 
feltcne Begabung für das He- 
roifche, Komifche und Groteske 
bewundert hat, »fie würden 
mich einer Übertreibung be- 
fchuldigen, und dennoch fage 
ich nichts, was fie nicht mit 
eben den Worten von jeder- 
mann werden beftätigen hören. 
Diefes Mädchen, welches No- 
verre gebildet hat, ift der Stolz 
ihres Meiftcrs.» 

Und all diefes ge- 
wichtigeLob Sonnen- 
fels', das übrigens in 
die erfte Zeit der Xo- 
verre'fchen Ballette 
fällt, wird noch über- 
troffen durch dieSchil- 
derung desBalletper- 
fonals vom Jahre 1771 
im Wiener Theatral- 
kalender. NuniftDlle. 
Descamps fchon eine 
grofsartigeKaffandra; 
das »bewunderungs- 
würdigfte Subje6t 
aber, welches jemals 
in Europa für das 
Grofse und Ernfthafte 
erfchienen ift,« ift nun 
Dlle. Delphin. Sie 
fpielt mit den verviel- 
fältigten Schwierig- 





es 



**■ 



^£0 . / A"' y; 

^ <f ° n '/'■«"■ i/o««"'' Ulef. 

- '■< ,, /""- /tu /-,„• <»,/«/"• 

" ' ' 'S/r, A ■ „/ aP'« 1 "' 

"■ J -'ao euprurtnl '' r 



Jean Ccor^ts Xoverre. 



keiten ihrer Kunft, 
fie befitzt »Gleich- 
gewicht,Senkrechtes, 
Fertigkeit und Stärke, 
Aktion, Würde, Aus- 
druck und das rich- 
tigfte Ohr. Sie ift ein 
»wahres Wunder der 
Kunft und Natur, Mei- 
fterin von der höch- 
ften heroifchenbis zur 
grotesken Manier«. 
Leider ftarb fie fchon 
am 18. Juni 1772, 
gerade als ihr Stern 
am hellften leuch- 
tete. Kaum weniger 
fchwärmt man für 
Mdlle. Vigano; fie 
ift »die Tänzerin Ana- 
kreons, man kann 
fich eine richtige Idee 
von den Grazien 
machen, wenn man 
fie tanzen fieht«. Dlle. 
Dupre ift 14 Jahre 
alt, begabt mit leich- 
tem, freiem Wuchfe, 
der fchönften Bildung, 
mit Riefenfchritten 



vorfchreitend; Dlle. Vulcani (nachmals Mad. Muzzarelli) hat »einen feinen, lebhaften, brillanten Fufs 
und ift überhaupt wohl gemacht. In ß Monaten hat fie fo zugenommen, dafs fie die größte Hoffnung 
zur Vollkommenheit verfpricht. Auch aus der kleinen Villen euve kann ein grofses Subjecr. entftehen, 
und Dlle. Ablöfcherin, die einzige mit ehrlich deutfchem Namen, ift eine fehr angenehme Tänzerin in 
verfchiedenen Gattungen.« Die Vigano und Ablöfcher haben in der That Noverre's Ruhm weit ver- 
breitet. Von den Tänzern nennt man die Herren Binetti, Deroffi, Männer von echt italienifcher Schule, 
den Halbcharakter-Tänzer Roffi, am beften im »Don Juan« von Angiolini, die komifchen Tänzer und 
Balletcompofitores Guglielmi und Cafelli, den niedrig-komifchen Röffler, deffen »Scherzhaftigkeit 

30 



118 




aber in das Gemeine ausartet», die Herren Butteau und 
Schlanzofsky. den jungen Yigano, endlich den erften Figu- 
ranten Leopold Frühmann (geboren 1748, geftorben als Hof- 
und Kammertänzer), der als Oreftes in die erfte Linie rückte 
und alle anderen an »Wahrheit« übertraf, und die Zwillings- 
fchweftern Dupetit, die zum Verwechfeln ähnlich waren. Grofs 
war Xoverre auch in der Auswahl des ganzen Figurantencorps, 
das 16 Paare und 8 Kinder zählte. Gerade in diefem Enfemble 
lag feine wunderthätige Stärke. 

Und man begreift den Ernft und die Tiefe der künft- 
lerifchen Erziehung, welche Xoverre feinen Schülern angedeihen 
liefs, wenn man das Wefen feiner Ballette kennen lernt. Waren 
feine komifchen Ballette — wie die chinefifchen Verwandlungen, 
die ledige Landfrau, das Feft zu Vauxhall, die preufsifchen 
Rekruten, die flamändifchen Luftbarkeiten und das reizendfte 
von Allen, die »petits riens« (allerlei niedliche Scherze des 
Liebesgottes, zu denen Mozart 1 778 in Paris eine leider verloren 
gegangene Mufik componirt hat), oder »Weifs und Rofenfarb« 
— nichts als zierlich geftellte und verwandelte Bilder zur 
Augenweide des Publicums, war fein »Don Ouijote« eine 
getanzte Poffe im Style der Extemporanten, fo erhob er fich in 
feinen heroifch-pantomimifchen Balletten zum vollendeten 
Tanz-Drama. In diefe Kategorie gehörten fchon »Der Tod des 
Ajax, das Urtheil des Paris, die Höllenfahrt des Orpheus, Rinaldo und Armida, die Eigenfinnigkeiten 
der Galathee« u. A. — noch mehr aber »Der gerächte Agamemnon«, »Iphigenie in Tauris«, »Thefeus«, 
»Die Horatier und Curiatier«. 

Dem »gerächten Agamemnon«, der die Bezeichnung »tragifches Ballet« fo gut vertrug, 
fchickt Xoverre eine umfangreiche Vorrede voraus, um das Thema und die Art feiner Durchführung 
gegenüber der »alleinwiffenden Kritik« zu erklären, welche zweifellos auch hier die ftarren Regeln des 
Ariftoteles betonen werde. 1 Er durchbricht diefe Regeln, nicht blofs, weil die Pantomime die fchwachen 
Tinten, die fülle Beftändigkeit nicht verträgt, fondern mit dem geraden Hinweife auf »Shakespeare, 
diefes glänzende Genie der englifchen Bühne, der jene die Einbildungskraft befchränkenden Regeln von 
der Einheit der Zeit und des Ortes immer hinter fich liefs«. Die Pantomime — fagt er — ift der Malerei 
am verwandteren, fie ift ein bewegliches Bild. Beide Künfte muffen durch das Auge an das Herz 
kommen; Alles, was zum Tanze taugt, kann zum Gemälde dienen. Alles, was die Malerei verwirft, ift 
auch aus dem Ballete zu verweifen. »Ich bin der Erfte«, darf Xoverre ftolz fagen, »der es wagte, der 
Tanzkunft Regeln vorzufchreiben, die Holzfchuhe, Guitarren, Rechen und Leyern abzuftellen und dafür 
meinen Tänzern den Kothurn anzuziehen, durch fie edle und erhabene Handlungen vorzugehen.« Er 
durfte es auch wagen, das Drama der Klytemneftra, die Rache der Elektra und des Oreftes im Tanze 
darzuftellen. »Ich mufste das ganze Mechanifche des Tanzes aufgeben,« fagt er, »um diefe Pantomime 
hervor ftechend zu machen. Die Tänzer muffen reden, ihre Gedanken durch Hilfe der Geberden und 
durch wechfelnde Gefichtszüge ausdrücken; alle ihre Bewegungen, ihre ganze A6tion, felbft ihr Still- 
fchweigen muffen bedeutend, beredt fein und fich zu den charakterifirten Tönen der Mufik und dem 
vielfachen A£t der Arien fchicken . . .« 



zyil&xander uncL Gimpa/pe , 



• Programme zu Balleten, aufgeführet auf der k. k. priv. Schaubühne zu Wien, im Jahre Y, 



119 




C/its dem i/DaUet 
OyTc/elhcicl vlvi CPonth teil . 



Das Ballet felbft beginnt mit der Ankündigung von Agamemnons Heimkehr. 
Aegiftheus und Klytemneftra lefen mit Entfetzen die Kunde, eine ganze Scene füllt der 
Ausdruck ihrer Rathlofigkeit, ihrer fchwankenden, widerfprechenden Entfchliefsungen, 
ihrer dufteren Yorfätze. Zweite Abtheilung: Rückkehr und feftliche Begrüfsung 
Agamemnons, Heuchelei Klytemneftra's, bange Frage des Königs nachOreftes, unheimliche 
Begrüfsung der Kaffandra durch die Königin. In einem dramatifchen Tanze überhäuft 
Agamemnon feine Töchter mit Zärtlichkeit. Kaffandra lieft in den thränenden Augen der 
Elektra, in der fchlecht gerathenen Heuchelei der Klytemneftra und des Aegiftheus deren 
Verbrechen — vorläufig aber endet ein »allgemeiner und ftufenweifer kriegerifcher Tanz 
mit einer pyramidalen Gruppe« das Feft. — Dritte Ab theilung: Klytemneftra bewegt 
Aegiftheus zum Morde; fie läfst ihn wählen zwifchen Krone und Dolch — die beiden 
Töchter find ungefehen Zeuginnen der fchrecklichen Scene und fuchen ihren Vater zu 
warnen. Zu fpät: er kommt, und während er ungläubigKaffandra's duftere Prophezeihungen 
hört, trifft Aegiftheus Mordfiahl ihn, hierauf Kaffandra's Bruft. Der ganze Hof eilt herbei; 
die Princeffinnen wehklagen, die Schuldigen heucheln Trauer, Klytemneftra befchuldigt die 
fchwerverwundete Kaffandra, aber Agamemnon enthüllt vor dem Tode die Wahrheit, 
Elektra droht dem blutbefleckten Paare ewige Rache. — Vierte Abtheilung: Die Prin- 
zeffinnen treten, wie ihre Frauen, in Trauerfchleiern auf; die Chöre, nach Art der Alten, 
vereinigen ihre Thränen mit dem Ächzen Jener. Klytemneftra fucht Elektra zu verföhnen, 
vergebens: da fchwört fie der Tochter fchwere Strafe. Kaum ift die unnatürliche Mutter 
abgegangen, kommt Oreftes, gibt fich der Schwerter zu erkennen, erfahrt das Schreckliche, 
das vorgefallen, und will fofort Rache nehmen, wird aber von Elektra zurückgehalten und 
fammt Pylades den »wachfamen Augen ihrer Weiber« übergeben. Mittlerweile kommt 
Aegiftheus, hört die Verwünfchungen Elektra's und läfst fie in Ketten legen. So findet fie 
Oreftes wieder. Die wachhabenden »Officiers« wollen ihn ergreifen, aber Elektra erklärt, 
dafs dies Oreftes, ihr rechtmäfsiger König, fei; fie fallen ihm zu Füfsen und geloben ihm 
Treue. Elektra aber übergibt ihm den mit Agamemnon's Blute befleckten Dolch des 

Aegiflheus, damit er ihn durch die Ermordung des Verbrechers reinige Fünfte 

Abtheilung: Nacht. Ein Cypreffen-Wald mit den Gräbern der Könige von Argos und 
Mycenae und anderen Grabflätten. Oreftes erfcheint mit Pylades, um vor Erfüllung feiner 
Rache am Grabmal des Vaters zu opfern. Da kündigt »ein trauriger und kläglicher Marfch« 
die Ankunft des Leichenzuges an. Alles trägt Trauerfchleier, die Weiber »tanzen ein 
Trauerlied um den Altar", legen Cypreffenzweige nieder, dann entzündet der Oberpriefler 

den Weihrauch, aber der erzürnte Himmel antwortet auf alle Gebete nur mit Donner und Blitz. Plötzlich öffnet fich das Grabmal, Oreftes flürzt, von 
Furien begleitet, heraus, ftöfst Aegiftheus den Dolch in die Bruft, dann der verfchleierten Klytemneftra, welche dazwifchentritt. Nun erft hört er den 
angftvollen Ruf Elektra's, entdeckt, dafs er feine Mutter getödtet hat, will fich felbft durchflogen, wird aber zurückgehalten und fällt »finnenlos« zurück 
auf einen Sarg. Mit graufamer Freude umringen ihn die Furien, ihre Schlangen zifchen vor Vergnügen; fie rufen das Lafter, die Reue und Verzweiflung, 
um Oreftes Herz zu zerfleifchen; umfonft erbittet er Gnade und will fliehen — die Erde fpaltet fich vor ihm, der Schatten Klytemneftra's erfcheint, zeigt 
ihm die noch blutende Wunde; er betheuert feine Unfchuld ; fie bleibt ungerührt und antwortet mit furchtbar drohender Stimme. Halb entfeelt, umringt 
von den höllifchen Ungeheuern, finkt Oreftes vor Pylades und feinen Schweftern nieder 

So dufter, fo blutig fah das gröfste der tragifchen Ballette Noverre's aus. Die Fortfetzung dazu gab 
feine »Iphigenie auf Tauris«; fie war in demfelben Style gehalten und zeigte Scenen von tragifcher 
Grofsartigkeit und unheimlich grofsartiger Ausftattung. Schon die Ankunft Oreft's auf Tauris, unter 
Donner, Blitz und Hagel, feine Rettung aus brüllendem Meere in die Gewalt der von allen Fellen herab- 
ftürzenden, ihre höllifchen Brände fchwingenden Eumeniden, fein Kampf mit dem neuerdings 
drohenden, blutigen Schatten der Mutter bilden ein fchreckliches Balletbild; glücklicherweife liefsen die 
Entrechats, Pirouetten u. f. w., von denen man fich auch in den »tragifchen Balletten« nicht losreifsen 
konnte, die vollkommenfte, fchrecklichfte Täufchung nicht aufkommen Mit allem fcenifchen Raffinement 
war die Opferfcene aufgebaut: Oreft ftreckt fein Haupt Iphigenien's Meffer entgegen, fchwankend und 
zagend fchwingt fie es, um ihn zu fchlachten. Da rollt der Donner, ein Blitz fcheint den Tempel in Brand 
zu ftecken und zeichnet in Flammenzügen die Worte auf den Altar: »Es ift Oreft.« Entfetzt, erftaunt, 
jubelnd läfst Iphigenie das Meffer fallen, wirft fich in feine Arme, betäubt und geblendet von Donner 
und Blitz, fallen alle Übrigen zu Boden . . . Bei Gelegenheit der Vermählung des Erzherzogs Ferdinand 
mit Prinzeffin Beatrix von Efte componirte Noverre das heroifch-allegorifche Ballet »Roger und Brada- 
mente«, das in die Legende des Haufes Efte zurückgreift und mit einer Apotheofe des Brautpaares 
fchliefst. Bei der bekannten Entrevue Kaifer Jofephs II. mit Friedrich II. von Preufsen im Neufiädter 

30* 



120 

Lao-er brachte Xovcrre das Ballet »Diana und Endymion« zur Aufführung. Als die erfolgreichften Ballete 
des Jahres 1774 nennt der Theaterkalender diefes Jahres »Alexander und Campaspe von Lariffe«, 
»Adelheid von Ponthieu« und »Acis und Galathee«. Das erftere Ballet behandelt die Gefchichte 
der fchönen Campaspe, welche Apelles für Alexander malen foll. Der Künftler verfucht fie als Pallas, 
als Diana, Flora und Venus zu malen; effectvolle Scenen, deren Mittelpunkt die in der Modetracht des 
— XVIII. Jahrhunderts post Chr. gekleidete Campaspe ift, entftehen aus diefer Unfchlüfsigkeit des 
Künftlers. Am meiften bewunderte man den Xachttifch der Venus. Schliefslich überrafcht Alexander den 
treulofen Künftler zu Füfsen der holden Campaspe, bezwingt aber feinen Grimm, überläfst Apelles 
die reizende Beute und gibt dem neuvermählten Paare ein glänzendes Feft. »Adelheid von Ponthieu« 
hatte Xoverre der gleichnamigen Oper nachgebildet, um die Einförmigkeit der römifchen und griechifchen 
Stoffe zu unterbrechen. Heldin war die fchöne Adelheid, welche ihr Vater, Graf Reinhold von Ponthieu, 
dem Ritter Alphons verfprochen hat, obwohl fie ihren theuren Raymond zärtlich liebt. Alphons über- 
rafcht das zärtliche Paar bei der Liebeserklärung, überhäuft Raymond und den alten Ponthieu mit 
Schmähungen, wofür der tapfere Raymond in einem mit befonderem Prunke infcenirten Zweikampfe 
blutige Vergeltung übt. Die fchöne Adelheid ift der Preis feines Sieges. 

Doch, es ift unmöglich, alle die mehr oder minder gelungenen Werke zu fkizziren und auch 
nur anzuführen, welche Xoverre während feiner Wiener Glanzepoche componirt und dargeftellt 
hat. 1 »Wie unglücklich zwingen diejenigen uns von ihrem Gefühle und Gefchmacke zu fchliefsen«, 
ruft Sonnenfels, »welche das Herz haben, in jedem Ballet Xoverre's die einzelnen Schönheiten zu 
verkennen! Er kann mittelmäfsige Gegenftände gewählet, die Handlung leicht geführt haben, aber er 
ift immer ein grofser Mann in feiner Gattung, unter deffen Händen fich die gemeinften Gegenftände 
veredeln, der eineflamändifche Feier wie ein Tennier ausführt, da eben derfelbe Gegenftand leider in dem 
deutfchen Ballet noch immer nach dem oftadifchen Geftanke zieht.« In Wien fand der Meifter allerdings 
auch die glänzendften Vorbedingungen für feine Kunft. Man opferte für das Balletcorps, das die fchwierigften 
inneren Krifen des Wiener Theaterwefens triumphirend überdauerte und bei den franzöfifchen 
und deutfchen Speclakeln gleich angefehen blieb, allmälig gegen 42.C00 fl. im Jahre; die beften Meifter 
der Mufik, Gluck und Gafsmann, am fleifsigften Starzer und Aspelmeyer, wendeten an Xoverre'fche 
Ballette ihre Kunft, ein treffliches Orchefter begleitete fie, alle Kreife des Publicums bewunderten fie. 
Und ftolz fagte man fich in Wien, dafs keine zweite Stadt der Welt diele Meifterwerke, diefen Meifter ihr 
eigen nennen dürfe. Es bedeutete geradezu eine Kataftrophe für die Wiener Bühne, als man 1774, nach 
vollendetem Contracl, Xoverre in einer Anwandlung von Spar- und Starrfinn ziehen liefs. Zum Schluffe 
erhielt er den Titel eines k. k. Hofballetmeifters, nicht ohne dafs er darum demuthsvoll angefucht hätte. 2 

1 Man nennt noch: Der Tod des Likomedes, Hypermneftra, Pfyche, Der Schiffbruch, Die wohlthätige Fee, Thefeus oder der frühzeitige Held, 
Die belebte Statue, Die kleinen Weinlefer, Die Weinlefe von Tempe, Die Liebfchaften der Venus oder die Rache des Vulkan, Pyramus und Thisbe, 
Acis und Galathee (nach Ovid), Venus und Adonis, Euthym und Eucharis, Die doppelte Heirath, Das Feft der Matrofen, Medea und Jafon, Die 
perfifche Braut, Das Rofenmädchen von Salency, Thelmire (von Sonnenfels eingehend fkizzirt), Die Grazien u. f. w. Von Xoverre waren auch die 
Ballette zu Glucks »Orpheus«, »Alcefte«, »Paris und Helena*. 

2 Die vom 21. Jänner 1774 datirte Bittfchrift Xoverre's an die Kaiferin lautet: »Si je pars persecute par un petit nombre de personnes 
qui n'ont pas le bonheur de pouvoir se compter au nombre des Sujets de V. M. I. et Roy. je pars du moins comble des bontes et des eloges du Public, 
quelque flatteur que soit pour moi un triomphe au quel je n'osais aspirer, il ne peut tarrir mes regrets, et la seule chose qui puisse me rendre ma 
douleur supportable c'est que je ne quitte pas les etats hereditates de V. M. apres avoir en l'honneur de composer les fetes de la cour et de donner la 
main ä la plus Auguste famille de l'Europe apres avoir joui du glorrieux avantage de developper les graces d'une Princesse dont les vertus fönt l'admi- 
ration et les delices de la France (Marie Antoinette), ne pourrai-je pas me prosterner aux pieds de V. Maj, et la suplier de vouloir bien m'honnorer du 
titre de maitre des ballets, et de maitre a Danser de la Cour; ce titre honorifique en contribuant a ma Gloire ferait sans doute ma felicite, et cette 
marque de bienfaisance de V. M. prouverait a l'Europe que je ne me suis pas rendu indigne de sa puissante protection et que mes moeurs et mes 
talents ont repondü a la Confiance precieuse dont V. M. a daigne m'honnorer. Si a ce titre V. M. daignait y joindre la plus modique Pension, mon 
bonheur serait a son comble; il n'appartient qu'a eile de faire des heureuses, eile a tant fait, que j'ose esperer en ses bontes royales; l'Epoque de ses 
bienfaits renouvelle a chaque Instant l'Epoque de sa gloire, tous les moments de son regne ont etes consacres au bien de l'humanite chaque instant 
de sa vie a ets marque par un nouveau bienfait, et la reconnaisance ce sentiment du ciel qui avait disparu de la terre a ete grave par sa main liberale 
dans le coeur de tous les mortels qui ont eu l'honneur d'approcher de son Auguste throne. Je suis avec un tres profond Respect. De V. May. Imperiale 
et Royale Le tres humble tres obeissant et soumis Serviteur Xoverre. (Hof-Cerem. -Acten.) 



121 

Er erhielt ihn in Anbetracht des Umftandes, dafs er neun Ballete zu Hoffeften componirt und die 
jungen Herrfchaften im Tanze unterrichtet hatte. Die angefuchte Penfion wurde ihm abgefchlagen. Man 
vermifste Xoverre fchwer. Ballette von Röfsler, Roffi, Marinelli, Vulcani und Regina verblafsten rafch; 
Angiolini, aufser Noverre wohl der gröfste Meifter feiner Kunft in jenen Tagen, fuchte (1775) durch 
heroifch-pantomimifche Ballette eigener Erfindung das Andenken des Verlorenen zu verwifchen; der 
Tänzer Gallet belebte Noverre's »Horatier und Curiatier« aufs Neue — Alles vergebens; man wollte 
den Meifter felbft haben. Wie man in jenen Tagen über die Bedeutung des Ballets dachte, wie man es 
als rettendes und erhaltendes Element im Theaterwefen betrachtete, davon zeigt der Entwurf einer 
»Inftruction vor die Ballet Compofitores«, der uns im Intendanz-Archiv erhalten ift. Da heifst es: 

»Die Erfahrenheit lehrt im dermahligen Jahrhundert, dafs dafs fchickfal der Schaufpille nur von der fchönheit derBalleten abhänge, 
denn fo difse gelungen, dafs Theatrum gewifslich angefüllet gefunden wird. Jeder Mann mufs mir beyfall geben, dafs zwifchen Tantzen und Ballet- 
Componiren ein übergrofser unterfchied feye: denn vortreffliche Tantzer können endlich Ville gefunden, auch zu welchen dreffiret werden: aber 
unzehlige ßeyfpile beweilen, dafs die befte Talenten gemeiniglich in diffen fich verungfertigen, da fie nicht nach ihrer Fähigkeit angewendet feindt, 
und alfo der Compofitor nur blofs ein guter Tantzer feye. Hoffe auch, dafs fowohl dafs unpartheiifche Publicum alfs auch alldijenigen, fo mit einigem 
nutzen gereifet haben, gewifslich keiner orthen beffere Ballet werden gefunden haben alfs jene, die man von denen zwey berühmten Meiflern, alfs da 
feynd Meifter und Discipel in Wien, gegeben hat, deren Nahmen ich unterlaffen will, weilen ja ohne difs nur gar zu bekannt: Und obwohlen 
einige fich hefftig davon etwas abzulehrnen bemühet haben, fo weifs man doch nur zu gut, dafs fie leider nicht reuffiret haben, befonders in Carafleren 
und gebundenen Tänzen: dann es fehr noth wendig, dafs ein folcher, über difs dafs er die Werkhe des Tanzes ohne aufsnahme verftehe, zugleich 
in Reiffen, der Mufique, hiftorie und der Poefie fehr wohl erfahren fe} r e. Und auch all diffes ift noch nicht genug, fofern er nicht einen 
natürlichen Trieb befitze, und ihnen nicht die liebe Natur folche gefchenkung freigebig mitgetheilet habe * 

Im April 1776 erfchien der »Göttliche« wieder in Wien, losgelöft vom Burgtheater, das bereits 
kaiferliches National-Schaufpielhaus geworden war. Auf eigene Rechnung, neben einer gemietheten 
mittelmäfsigen deutfchen Singfpielgefellfchaft (Böhm), führte er im Kärntnerthortheater feine Ballette 
auf. Das deutfche Schaufpiel fpielte im Burgtheater vor leeren Bänken, die dem Elend preisgegebenen 
Wiener Ballettänzer aber hatten wieder Brot und Erfolg. Als Xoverre die Saifon fchlofs, liefs er unter 
das Publicum eine »Nachricht« vertheilen, welche ebenfo fehr Rechtfertigung feiner angeblichen Koft- 
fpieligkeit, als Beweis feiner Uneigennützigkeit fein follte. Seine Theaterrechnungen füllten deutlich 
beweifen, »dafs der Hafs die Unkoften feiner Ballette übertrieben hoch angefetzt habe«. »Man wird in 
diefer Rechnung«, fchlofs er, »keinen Artikel finden, der mich betrifft; die Menfchenliebe und eine 
befondere Neigung für Wien haben meine Schritte geleitet, und ich bin überreichlich belohnt, da ich 
das Mitleid, die Achtung und das Lob der ganzen Nation mit mir nehme.« Sein Weg führte Noverre von 
Wien nach Paris, wo er 1776 — 80 der Academie royale de musique angehörte, nach Mailand, Neapel 
und Lifiäbon; zu St. Germain-en-Laye fchlofs er im hohen Greifenalter am 19. November 1810 feine 
Augen. »Nach ihm ift weder in Wien noch wahrfcheinlich irgendwo in der Welt etwas fo Vollkommenes 
in diefer Art gefehen worden, wie feine Ballette,« fagt Oehler, der alte Wiener Theaterchronift. Das mag 
übertrieben, überholt fein; zu den gröfsten, den bahnbrechenden Meiftern des dramatifchen Tanzes 
aber zählt man Noverre noch heute; das Burgtheater darf fich rühmen, ihn in feinen glänzendften Tagen 
befeffen zu haben. 




31 





Vd vii 



JOSEPH von SONNENFELS 






} ERSTER FELDZUG FÜR DIE GEREINIGTE BÜHNE. 








JÄHREND das Ballet fich glänzend und grofsartig auf den Wiener Bühnen 
entfaltete, gährte es gewaltig in jenen künftlerifchen und literarifchen Regionen, 
in welchen fich das deutfche Schaufpiel zu entwickeln ftrebte. Das war jenes 
Regen und Verfuchen der Kraft, welches ernfte Thaten einleitet. Schon in den 
kurzen Monaten der Hilverding'fchen Bühnenleitung gab es wieder ein 
mächtiges Aufflammen des Streites um die »gefittete deutfche Schaubühne«, 
und zur Ehre des alten »Balletcompofitors« mufs man feftftellen, dafs er fich 
auf die Seite der Gutgefinnten, der »Reinigenden« und Regelmäfsigen, ftellte. 
Die Stätten geiftiger Kämpfe in der Kaiferftadt widerhallten von dem 
Waffenlärm der für und wider den grünen Hut Hanswurfts fireitenden 
Parteien, und Meifter Hilverding mochte fich oft genug — ftets mit hungernder 
Börfe — ängfilich eingeklemmt fühlen zwifchen den erbitterten Gegnern. Sein dramaturgifches Faclotum 
war Chriftian Gottlob Klemm, der, wie wir wiflen, in der »Welt«, und im »Patrioten« die Sache des 
literarifchen Fortfehritts verfochten hatte und aus der Trattner'fchen Correclurftube ganz in daspublici- 
ftifche Leben getreten war. ] Am 27. Juni 1 766 nahm er von den Lefern des »Patriot«, die ihm nicht befonders 
treu gewefen waren, feierlich Abfchied, um fich fortan ganz »auf die fchlüpfrige Bahn des Theaters« zu 
begeben. Hilverding zog ihn als Theaterfecretär an feine Seite und gewann an ihm eine fchöpferifche, 
kritifche und dramaturgifche Kraft. Klemm und fein treuer Mitarbeiter am »Patrioten«, Franz Heufeld, 
trieben die Dichtkunft mit einem unheimlichen Eifer und einer für den engbegrenzten Spielplan erfpriefs- 
lichen Fruchtbarkeit; der deutfehen Literatur haben fie allerdings keine bleibenden Schätze zugeführt. 
Beide ftrebten nach einer gewiffen Volksthümlichkeit in ihren Stücken, welche dem Publicum den 
fchmerzlich entbehrten Hanswurft erfetzen follte; denn diefem übermüthigen Patron hatten fie Beide 

1 Chriftian Gottlob Klemm war am 11. November 1736 zu Schwarzenberg im fächfifchen Erzgebirge geboren, hatte zu Leipzig Jura und 
Theologie getrieben, in Frankfurt a. M. den Officieren des Regiments Rohan deutfehen Unterricht gegeben, ftudirte dann in Jena Mathematik u. a., 
kam 20. Oftober 1759 nach Wien, war bis 1762 Corre&or in der Trattner'fchen Druckerei, gab »Die Welt« heraus, ging dann mit General von Buccov 
nach Hermannstadt, wo ihm eine Lehrkanzel der Philofophie zugefagt war, kehrte aber bald nach Wien zurück, fetzte die »Welt« fort und begann den 
Patrioten-. 1766 wurde er Theaterfecretär, 1770 Bibliothekar und Secretär des Fürften Khevenhüller, 1771 N'ormalfchullehrer in Wien. Von feinen 
periodifchen Publicationen nennen wir auffer den fchon genannten: »Briefe über die neuere öfterreichische Literatur« (1 768 1, »Dramaturgie, Literatur 
und Sitten« (Wochenfchrift 1762), »Wider die Langweile« (Wochenfchrift), »Wienerifche Dramaturgie« (Wochenfchrift), »Das Wiener Allerley (Wochen- 
fchrift 1774), »Die Realzeitung«, mehrere Theaterkalender (1772, 1773, 1774). — Von Klemm's Theat e rftücken erfchienen: Der Wettftreit oder der 
Sieg der wahren Liebe; die Schule der Liebhaber oder die Wahl des Ehemanns; die bürgerliche Heirath; die Recreation; die Wohlthaten unter 
Anverwandten; die Frau, wie man fie feiten findet; die Seelen-Geographie; der Schuster ein Goldmacher oder die Kunft, auf Koften der Leute zu 
leben; die Heirath wider die Mode; die Opern »Philine und Kleon« und »Die Jagd«. 



123 




Fehde angefagt. Klemm lieferte im Laufe kurzer Jahre eine ftattliche 

Fülle von Schau-, Luftfpielen und Opern, deren Werth allerdings 

ziemlich problematifch war. Heufeld überbot ihn an Fruchtbarkeit 

und dramatifcher Begabung. Er hatte auch viel mehr Fühlung mit der 

Wiener Yolksfeele und traf es mehr als irgend ein Anderer — nur 

nicht fo gut wie der früh dahingefchiedene Hafner — dem fröhlichen j Je 

Wiener den Übergang von der volkstümlichen Burleske zur regel- §| 

mäfsigen Komödie durch liebenswürdige Conceffionen zu verfüfsen. 

Heufeld (geb. 13. September 1731 zu Mainau) war, wie fo viele 

tüchtige öfterreichifche Männer jener Zeit, Vorderöfterreicher, hatte in 

Conftanz und Wien ftudirt und bei Feldzeugmeifter Baron Helfreich 

zu Effeg und Peterwardein als Secretär gedient, ehe er Klemm's 

Mitarbeiter wurde. Dann trat er in die Beamtenlaufbahn, wurde 

k. k. Univerfal-Depofiten-Adminiftrations-Controlor, fchliefslich Bei- 

rath bei dem geiftlichen Departement der Stiftungs-Hofbuchhalterei. 

Diefe ehrwürdigen Titel raubten ihm feinen Humor nicht, der eine 

ganz wienerifche Färbung erhielt. Seine beliebteren Komödien, die 

man fo recht dem Wiener realen Leben entlehnt fand, waren »Der 

Liebhaber nach der Mode« und »Die Haushaltung nach der Mode«; 

in dem »Bauer aus dem Gebirge« hatte er den Hanswurft fo glücklich 

fubftituirt, dafs man die Sitte und Regelmäfsigkeit der Poffe weniger fchwer empfand. Sein rührendes 

Luftfpiel »Julie oder der Wettftreit der Pflicht und Liebe« ward fogar der Aufmerklamkeit Leffings 

gewürdigt, 1 der im Übrigen für die gefammte Wiener Produclion nur ein mitleidiges Achfelzucken hatte. 

Es war ja geradezu Ereignifs, wenn fich die norddeutfche Kritik mit den wienerifchen Vorgängen 

befchäftigte, und die Wiener Poeten beftärkten die kühlen deutfchen Stammesbrüder in diefer ablehnenden 

Zurückhaltung, indem fie nach jeder Xotiz in einem norddeutfchen gelehrten Organ und nun gar einer 

Aufführung im deutfchen Norden fehnfüchtig feufzten. Allerdings waren auch die Wiener Literaten gröfser 

in ihren, das »Moralifche« bis zur Langweile predigenden Worten als in ihren literarifchen Thaten. So 

bethätigte Klemm feine Kunft unter Anderem in der Verfaffung fogenannter »Kinder-Komödien«, die 

man äufserft »putzig« fand — neu waren fie nicht, denn der von den Reformatoren gründlich verachtete 

Bernardon-Kurtz hatte diefelbe Idee fchon viel früher glücklich durchgeführt. Im Juli 1766 gab man 

das einaclige Nachfpiel »Die Recreation« von Klemm lediglich mit vier kleinen Mädchen, deren älteftes 

13 Jahre zählte. Die »zwei Mesdemoiselles Jaquet« fpielten in deutfcher, Mdlle. Decan in franzöfifcher, 

Mdlle. Lodi in italienifcher Sprache, und zwar »mit einer Vollkommenheit, die das Erwarten aller 

Zufchauer übertraf«. Das Stück behandelte, wie das Diarium erzählt, »die angenehmen Erwartungen, die 

uns die jetzige Direction verheifst, als welche blofs dem deutfchen Theater den fo lang gewünfchten 

t So heifst es in der Dramaturgie, 8. Stück, 1767 nach der Hamburger Aufführung: >Den vierten Abend (27. April) ward ein neues deutfches 
Original, betitelt , Julie oder Wettftreit der Pflicht und Liebe' aufgeführt. Es hat den Herrn Heufeld in Wien zum Verfaffer, der uns fagt, daß bereits 
zwey andere Stück von ihm den Beyfall des dortigen Publicums erhalten hätten. Ich kenne fie nicht; nach dem gegenwärtigen zu urtheilen, muffen 
fie nicht ganz fchlecht fein.« Nach hartem Tadel, dafs Heufeld feinen, Rouffeaus »Neuer Heloife« entlehnten Stoff nicht nach Mendelsfohn's 
Bemerkungen behandelt habe, folgt ernftes Lob; Leffing rühmt das vom Romane abweichende Ende der Handlung, nennt einzelne Scenen »hervor- 
ragend»; eine Scene fei, wenn fie auch nicht recht in das Ganze paffe, doch fehr kräftig und thue eine treffliche Wirkung. — Das Stück erfchien unter 
der Bezeichnung als »rührendes Luftfpiel- und mit dem Vermerk »aufgeführt auf der k. k. priv. Schaubühne in Wien, im J. 1766« bei Ghelen und war 
vom Autor dem Fürften Kaunitz, feinem »gnädigften Herrn«, gewidmet. Die Widmungsworte gaben dem Fürften den von ihm felbft wohl nie 
ufurpirten Ruhm eines Protectors der deutfchen Schaubühne: »Ew. Durchlaucht haben den durch Dero erhabenfte Eigenfchaften erworbenen Ruhm 
noch durch denjenigen eines Befchützers der Wiffenfchaften und Künfte vermehrt. Befonders kann fich unfere Mu tterfprache und die 
deutfche Schaubühne mit Dero Gewogenheit fchmeichein. Ich fchätze mich daher unendlich glücklich. Dero erlauchten Namen diefem 
Verfuche eines regelmäßigen Schaufpiels vorfetzen zu dürfen. Diefes neue Merkmal der großen Güte wird alle meine Bemühungen beleben, 
Dero hohe Gnade zu verdienen . . .« 



124 

Glanz zu geben fleh beftrebte«. Im Auguft folgte »Die bürgerliche Heirat«, befetzt mit den »drei 
JaquetTchen Mädchen« im Alter von dreizehn, acht und fechs Jahren, zwei jungen Kopfmüller's und 
dem fünfjährigen Ludwig Meyer, der als »Stutzer« das Publicum zur Bewunderung hinrifs. 

Die Herren Jaquet und Müller waren die Dreffeure diefer Kinderfchaar. Ob folche Spielereien 
wirklich, wie der Berichterftatter meint, den Dichter eines Glückwunfehes der Öffentlichkeit und einer 
fchünen Wiener Zukunft werth machten, ift zu bezweifeln. Um einen innigeren Zufammenhang mit dem 
»Reiche« zu gewinnen, erwirkte fich Klemm von Hil verding den Auftrag, in Leipzig neue Stücke und 
neue Darfteller zu fuchen. Reich war die Ausbeute diefer Miffion nicht, obwohl Klemm fo weit gehen 
durfte, für ein grofses Stück 100 fl., für ein kleines 50 fl. zu bezahlen. Prof. Clodius fchrieb auf Grund 
der Aufforderung Klemms den »Medon«; Weiffe, welcher poetifche Waare ftets vorräthig hatte, 
händigte dem Wiener Sendboten rafch zwei Dramen ein, welche aber in W T ien verfchwanden und 
fpäter vergebens in Hilverding's Nachlafs gefucht wurden ; Michaelis, Brunner u. A. verfprachen 
dichterifche Gaben, ohne das Verfprechen zu halten. Neue Bühnenkräfte führte Klemm aus dem »Reiche« 
nicht mit fich; neu ift uns im Hilverding'fchen Pachtungsjahre überhaupt nur das Ehepaar Starke, 
das aber feinen guten Ruf in Wien nicht bewährte, oder wenn man will, den Wiener Gefchmack nicht 
traf. Nun wehklagte man um die verlorene Mecour, Henfel u. f. w. und bejubelte den wackeren Weis- 
kern, als er am 1. November nach längerer Krankheit wieder auf der Bühne erfchien und von 
dem alten Prehaufer feierlich begrüfst wurde. Einige Monate fpäter wurde die Aufführung von 
Heufeld's »Der Bauer aus dem Gebirge« (nach »Arlequin sauvage« von de l'Isle) zu einer ebenfolchen 
Demonftration für Prehaufer, dem man die Novität als Benefiz zur Bezahlung feiner Schulden über- 
laffen hatte, »dahero auch ein gewaltiger zulauft' gewefen, und da er zum Schlufs der piece feine 
Dankfagung gemacht, bezeigte alles feine Freud mit wiederholtem Händeklatfchen«. 1 Solche Familien- 
feenen zeigten, dafs die Wiener am innigften doch noch immer mit den alten Extemporanten verwachfen 
waren. Die Männer der Reform mufsten zu ganz gewaltfamen Mitteln greifen, um ihnen die feinere 
Kofi beizubringen. Am 21. April 1766 z. B. wurde »der junge Gelehrte in der Einbildung, aus Leffings 
Schriften entlehnt, mit vielem Vergnügen der Zufchauer aufgeführt«; aber man hatte für gut befunden, 
ftatt des Anton den Jackerl zu fubfiituiren. Wie mufste Klemm, einem ehrlichen Propheten Leffings, 
den er fchon im »Patrioten« den Wienern nähergerückt hatte, das Herz bluten, dafs er folche Attentate 
nicht zu verhindern vermochte ! 

Umfo merkwürdiger ift es, dafs zu derfelben Zeit ein junger öfterreichifcher Autor von aus- 
gefprochen ernfter Richtung, Cornelius von Ayrenhoff, Gnade vor dem Publicum fand und unter den 
günftigften Aufpizien in die literarifche Laufbahn treten konnte. Mit einigem Lächeln hörte man allerdings 
davon, dafs »ein gewiffer Hauptmann des löbl. hier in Befatzung liegenden Fürft Poniatowsky'fchen 
Regiments« mit einem Römerdrama »Aurelius« oder »Der Wettftreit römifcher Grofsmuth« im 
Kärntnerthor-Theater debutiren werde. Der Quiftorp'fche »Aurelius« war den Wienern fchon bekannt; 
Ayrenhoff hatte fich aber von dem 1742 erfchienenen Stücke fo vollkommen emaneipirt und den Stoff fo 
frei und wirkfam bearbeitet, dafs man den Dichter mit Begeifterung begrüfste und zu den Bahnbrechern 
der »fchönen Wiffenfchaften und der dramatifchenPoefie« inDeutfchland und fpeciell den öfterreichifchen 
Landen zählte. Die kaiferliche Armee ftand der Wiffenfchaft und Kunft in therefianifcher Zeit überhaupt 
lehr nahe; man geht wohl nicht fehl, wenn man glaubt, dafs die Erfahrungen, welche fich gebildete 
Officiere in den Feldzügen im »Reiche« erwerben, belebend auf ihre geiftige Richtung eingewirkt, fie in 
Berührung mit literarifchen Kreifen gebracht und mit poetifchen Werken zeitgenöffifcher Dichter bekannt 
gemacht hatten. Klemm felbft dankte einem kaiferlichen General die Befferung feiner Glücksumftände. 
Bekannt ift, in welch' herzlichen Verkehr zwei der feltenften und fchweigfamften Männer, Geliert und 
Loudon, 1763 als Carlsbader Curgäfte traten. Es war ein einziges Schaufpiel, früh Morgens Geliert auf 

i Khevenhüllers Tagebuch, 2. Mai 1767. 




LAMP1 PX? 



PHOTO GRAVÜRE VR PAULUS SEK. WIEN 



JOSEPH VON SONNENFELS 



lag der Gesellschaft f. vervielf K • 



. 



125 

feinem zahmen Gaule und Loudon auf dem Kriegsroffe von Hochkirch traurig nebeneinander in die 
herrliche Landfchaft hinausreiten zu fehen; fie fuchten die Einfamkeit, denn fie fchämten fich ihrer — 
Verdienfte. Ayrenhoff (geb. 28. Mai 1733 zu Wien) hatte auch fchon den fiebenj ährigen Krieg tapfer 
durchgekämpft, war zweimal (1758 und 1762) in Gefangenfchaft gewefen, in Schlachten und Gefechten 
hatte er die Fahne feines Kaifers, in friedlichen Stunden feine Kunftideale hochgehalten. Er war 
ein glühender Verehrer der Alten; fein Streben war vor Allem auf Würde der Charaktere und Reinheit 
der Sprache in feinen Stücken gerichtet. In feinem Style wurzelte er noch tief und beharrlich in der 
franzöfifchen Zeit; er konnte fich von diefer Bafis auch dann nicht losreifsen, als eine neue Zeit 
gekommen, Shakespeare in feiner Urkraft erkannt, Goethe zu feiner Titanengröfse emporgewachfen 
war. »Hr. v. Ayrenhoff«, fchreibt wohl allzuhart Gervinus, »trieb es am fyftematifcheften, den 
Racine'fchen Gefchmack herzuflellen. Ihm war Shakespeare ein Ungeheuer, Götz von Berlichingen ein 
Greuel; er fchien es für ein Leichtes zu nehmen, den Kampf gegen die heuen Genialitäten mit den 
verrofteten Waffen der Corneille und Racine zu führen, und er fuchte Wieland noch fpät in der 
Widmung feines Antonius für fich zu gewinnen.« 

Ayrenhoff war eben ein ftarkes dramatifches Talent, aber felbft keine »dramatifche Genialität«; er 
avancirte in der Armee zum Feldmarfchall-Lieutenant und in der' zeitgenöffifchen Literatur beinahe zum 
General. Von den öfierreichifchen Bühnendichtern feiner Zeit war er jedenfalls eine« der bedeutendften 
und der Erfte, welcher ohne fonderliche Mühe auch auf den Bühnen des »Reiches« Eroberungen 
machte. Sein Luftfpiel »Der Poftzug« war lange Zeit eines der beliebteften Repertoireftücke und wurde 
von dem, in deutfchen Literaturfragen allerdings nicht mafsgebenden, Preufsenkönig Friedrich II. 
für das befie deutfche Luftfpiel gehalten. Die Werke Ayrenhoff's füllten, obwohl fie — bei feiner nie 
unterbrochenen und gewiffenhaften militärifchen Dienfileiftung — nur das Producl feiner freien Stunden 
waren, bald ftarke Bände; 1 fie zeigen von hoher Bildung, vornehmer Gefinnung und einer gewiffen 
Meiflerfchaft in der Form. Den Theaterdirecloren und dem Perfonal war der chevalereske Dichter und 
Officier auch deshalb fehr fympathifch, weil er die Geldfrage ganz bei Seite ftellte und die dem Dichter 
zufiehende »Einnahme« der dritten Aufführung jedes Stückes einem Schaufpieler überliefs .... 

So hatte man denn einen echten Dichter für die Wiener Bühne gewonnen, und ein echter Kunft- 
kritiker ftand ebenfalls bereit, mit gefällter Feder der vcrftärkten Literatenfchaar entgegenzutreten. 
Die Aera Hilverding ift ja auch denkwürdig durch das Auftreten Jofeph von Sonnenfels'. Es 
war gleichbedeutend mit einer Revolution in dem Wiener Theaterftaate, der ohnehin nicht feftgefügt 
war. Diefe Revolution aber ftrebte eine Zertrümmerung des Morfchen und Unhaltbaren und die Auf- 
richtung eines neuen, mächtigen, künftlerifch vornehmen Kunftreiches in der Kaiferftadt an. Sonnenfels 
wollte der Baumeifter fein; ob gerade er die rechten fchöpferifchen Qualitäten für ein folches Werk 
befafs, muffen wir erft unterfuchen. Sonnenfels hatte, als er mit flammendem Schwerte unter die 
Wiener Extemporanten und Regulären trat und den Weg in das ideale Paradies eines vollkommen 
»gereinigten Theaters« wies, bereits einen hohen Gipfel feiner merkwürdigen Laufbahn erklommen. 
Der arme Sohn des Nikolsburger Juden Perlin Lippmann war zu einem mächtigen Faclor in dem Wiener 
Geiftesleben geworden, das in der Jofephinifchen Aera in neue, unerhörte Bahnen lenkte. Kaum 

• 1768 erfchien »Hermanns Tod«, Trauerfpiel in 5 Acten; 1771 das vielaufgeführte Luftfpiel »Die grofse Batterie«, 1772 »Antiope«, Trauerfpiel 
in Verfen und zugleich die erfte Sammlung feiner Werke unter dem Titel »Unterhaltungen eines k. k. Officiers«; 1774 »Thumelicus oder Hermanns 
Räch»«, Trauerfpiel mit Chören; 1776 »Die gelehrte Frau«, Luftfpiel in 5 Aaen; 1780 »Alte Liebe rottet wohl«, Luftfpiel; 1782 »Die Freundfchaft der 
Weiber nach der Mode«, Sittengemälde in 2 Acten ; 1781 »Irene«, Skizze eines Trauerfpiels in 3 Acten. Wieland's Aufruf im deutfchen Mercur, ein 
Trauerfpiel in gereimten Verfen zu liefern, das auch in diefer fchwierigen Form die Kunftwerke der Ausländer erreiche, bewog Ayrenhoff zu feinem 
Trauerfpiel in fechsfüfsigen Jamben »Antonius und Cleopatra«, das Wieland gewidmet war und grofse Erfolge hatte. 1785 erfchien »Erziehung macht 
den Menfchen«, Luftfpiel in 5 Acten; 1790 »Virginia«, Trauerfpiel in fünffüfsigen Jamben. Überdies findet man in den 6 Bänden feiner Schriften ein 
Luftfpiel »Alcefte« aus dem Griechifchen, eine Poffe »Maskeraden oder der neugriechifche Theatertanz«, Gedichte und Erzählungen, Effays über 
Theaterwefen, Ballet, Literatur, Kritik u. f. w. — Ayrenhoff wurde 1769 Major, 1776 Oberft, 1783 Generalmajor, 1794 Feldmarfchall-Lieutenant und 
ftarb in Wien 15. Auguft 1819. 

32 



12(3 

30 Jahre alt (1733 geboren), hatte Jofef Sonnenfels — fo nannte er fich feit feiner im zarten Knabenalter 
empfangenen Taufe — ein bewegtes Leben hinter fich. Mit 16 Jahren war er Musketier im 
kaiferüchen Regimente Hoch- und Deutfchmeifter geworden; doch eben die fünf Jahre des Musketen- 
tragens waren wohlthätig und entfcheidend für feine Zukunft; 1 von franzöfifchen und italienifchen 
Deferteuren erlernte er deren Sprachen, jedes Buch verfchlang er mit Wifsbegier, und die Wiener Garnifon 
trieb ihn ganz der Wiffenfchaft und Literatur in die Arme. Durch Verwendung der Fürftin Trautfon und 
des Grafen Johann Carl Dietrichftein wurde er von dem Kriegsdienfte losgelöft, die wiffenfchaftliche 
Laufbahn für ihn geebnet. Dem Auslande zu zeigen, dafs auch ein Öfterreicher einen tadellofen Styl zu 
fchreiben verftehe, war fein vornehmftes Ziel; er fuchte den Verkehr mit der Wiener Literatengemeinde, 
der »deutfchen Gefellfchaft«, erregte Aufmerkfamkeit, mufste aber glücklich fein, als Rechnungsführer 
bei der Arcieren-Leibgarde unterzukommen, um fich das tägliche Brot zu fichern. Und doch war es 
wieder diefe militärifche Stellung, die ihm Heil brachte. General von Petrafch, damals Garde-Lieutenant 
der Arcierengarde, und Staatsrath von Borie lernten ihn kennen und fein Wiffen fchätzen; Borie 
beantragte die Ernennung des gewefenen Corporals zum — Lehrer der Staatswiffenfchaften an der Wiener 
Hochfchule, und fie erfolgte in der That. Nun trat Sonnenfels, ein Mann von gewinnender Erfcheinung 
und beftrickendem Vortrage, in die volle, bewegte Öffentlichkeit und erhob das Wort im Sinne feiner 
Ideen von Fortfehritt und Aufklärung im ftaatlichen, gefellfchaftlichen und literarifchen Leben. AlsPublicift 
begann Sonnenfels, nachdem er in der »Welt« und dem »Patrioten« leife präludirt hatte, 1766 mit feiner 
Wochenfchrift »Der Mann ohne Vorurtheil«, dem 1767 die »Briefe über die Wienerifche Schau- 
bühne« folgten. Wenn fich der Mann ohne Vorurtheil dem ganzen öffentlichem Leben mit klarfchauendem 
Blicke und mit der fcharftreffenden Geifsel feiner Kritik entgegenftellte, fo verweilte er doch mit 
befonderer Vorliebe bei dem literarifchen und künftlerifchen Leben, und bald betrachtete er die Geifsel 
feiner Kritik auch als das Scepter unbefchränkter Herrfchaft in diefem Reiche. Er begnügte fich nicht 
damit, dort anzuknüpfen, wo Klemm aufgehört hatte, fondern liefs auch jenen, ihm felbft an Schärfe und 
Gewandtheit der Feder weit unterlegenen Kampfgenoffen feine Macht empfinden. Er war ein Bahnbrecher 
der grofsen Reform und verlegte ihr dennoch nicht feiten den Weg, indem er mit gefchwungener Waffe 
diejenigen einfehüchterte, die das grofse Ziel mit anderen Mitteln und auf anderem Wege als er felbft 
zu erreichen ftrebten. 

Er wollte feine Souveränetät auf dem Gebiete des »guten Gefchmacks« erhalten; diefer Ehrgeiz 
verleitete ihn zu jenen Fehlern, welche fein Charakterbild verdüftern. Vielleicht machte ihn auch die 
Ohnmacht, felbft zu fchaffen, was er als das Ideal des guten, gefitteten Schaufpiels proclamirte, hart 
gegen andere thätige Männer. Als er mit feiner kritifchen Gewalt auf den Plan trat, hatte er nur eine 
fchwächliche und. halbe dramatifche Arbeit hinter fich, bei der ihm felbft der Athem ausgegangen 
war." Allerdings bedeutete fie den »regelmäfsigen« Gegenfatz zu der rührenden Komödie von der 
»Krönung Xerxes oder der herrfchfüchtigen Statira mit Hanswurft dem Königsmörder«, welche 

i >. .. .Ich bezeige diefe Hochtung hiemit öffentlich dem Soldatenftande«, fchreibt Sonnenfels im »Mann ohne Vorurtheil«, >indem ich geftehe, 
dafs ich meinem Triebe nicht widerflehen konnte, diefen Stand zu ergreifen und fünf meiner jugendlichften Jahre darunter zuzubringen, deren ich mich 

noch immer mit reger Freude erinnere In diefem Stande habe ich den Grund zu denjenigen Kenntniffen gelegt, denen ich meine Beförderung 

verdanke, und ich fchmeichle mir, es gereiche auch ihm nicht zur Unehre, etwas zu meiner Bildung beigetragen zu haben < 

- »Xerxes der Friedfame«, ein heroifches Schaufpiel in 5 Aclen, bei der Feierlichkeit der Krönung Seiner kaiserlich königlichen Majeftät 
Joseph II. den 23. April 1764 aufgeführt. Zu finden in dem Kraußifchen Buchladen nächft der k. k. Burg (erfchien in der »Deutfchen Schaubühne«, 
13. Theil). In der Vorrede erzählt Profeffor Franz Jofef Bob die Gefchichte des Stückes: Sonnenfels hatte den ausführlichen Plan entworfen, den Stoff 
aus dem Juftinus entlehnt. Das Schaufpiel behandelt »die Eintracht der Brüder Xerxes und Artemenes bei dem Kronfolgeftreite«. Sonnenfels hatte, wie 
Bob fagt, »die ganze Bewegung des Dramas durch felbfterfundene Triebfedern zuwege zu bringen gewufst.« Beinahe lag der 1. Aufzug ganz und viele 
Auftritte des 2. und 3. Aufzuges in feinen Papieren vor, als ihm »Berufsarbeiten und andere Hindernisse« nicht mehr gematteten, die Ausarbeitung zu 
vollenden. Das Stück wurde dem Theater unvollendet übergeben. C. A. Rofchmann und nach deffen Abreife F. J. Bob vollendeten es; der letztere in 
14 Tagen, fodafs feine flehentliche Bitte um Entfchuldigung der Schleuderarbeit recht begreiflich erfcheint. Die Befetzung des Stückes war: Xerxes, 
Prinz des Darius, Königs in Perfien — Herr Chrift. Gottl. Stephanie; Artemenes. Bruder des Xerxes — Herr Joh. Heinr. Müller; Endone, Gemahlin 
des Letzteren — Frau Chrift. Fried. Huberin; Ataphernes, Bruder des Darius — Herr F. \V. Weiskern; Oxatres, Befehlshaber beim perfifchen Heere — 
Herr Ant. Jac. Brenner; Cophes, Gefandter des Königs Cambaya — Herr C. Gottl. Hey drich; Ein Officier — Herr Ignatius Preinfalk. 



127 

vor 20 Jahren in Wien aufgeführt worden war. Der brave Salzburger Hanswurft hatte darin den 
Perferkönig fchmählich vergiftet — folche Anachronismen kamen in dem von drei regelrechten Autoren 
verfertigten »Xerxes« nicht vor. Aber die Leute fanden, jener hanswurftifche Mörder habe feine Sache 
viel beffer gemacht als die drei Profefforen, welche das langweilige und fchlechtgefügte Krönungs-Feftfpiel 
mühevoll gedichtet hatten. Und Sonnenfels konnte nicht hindern, dafs ihm die von feinen Peitfchen- 
hieben Getroffenen gelegentlich feinen »friedfamen Xerxes« vorwarfen; es half ihm wenig, dafs er das 
Schaufpiel mit graufamer Selbftironie als »eine von der Geburt verwahrlofte Mifsgeftalt« brandmarkte. 
Wir erkennen übrigens die hauptfächliche Bedeutung Sonnenfels' für das Wiener Theater nicht fo fehr 
in feinen dramaturgifchen Lehren und Lehrfätzen, als in den markigen Schlachtrufen, welche er ertönen 
liefs, um der guten Gefellfchaft den Werth und die Notwendigkeit einer mit Weisheit und Gefchmack 
geleiteten Schaubühne zum Bewufstfein zu bringen: 

»Das Mifsfallen der Grofsen und des Adels ifl allein im Stande, die fchändlichen Mifsgeburten von der Schaubühne zu verdrängen Das 

Interim mufs angewendet werden, eigene Nationaldichter zu bilden. Diele Wohlthat mufs aber aus den Händen des Adels empfangen werden. 
Fordern Sie keine Goldbörfen, keine brillantenen Ringe für Ihre Nationaldichter zur Belohnung. . . . ein einziges Wort zum Lobe des Dichters aus dem 

Munde eines Kaunitz, ein Lächeln der Grazie Liechtenftein mufs mehr Sporn, mehr Belohnung fein als alles Gold der Welt Dem Adel ift die 

Ehre vorbehalten, uns — wie wir in Anfehen der Kunflerzeugniffe von fremden Reichen unabhängig zu werden anfangen — auch in Erzeugniffen des 
Geiftes und Witzes von der bisherigen Sclaverei freizumachen ♦ 

Das waren Mahnworte an Öfterreichs glänzenden, kunftfreundlichen Adel, die nicht ganz verhallten. 
Und wie Recht hatte Sonnenfels, wenn er die bisherige tiefe Stufe der öfterreichifchen dramatifchen 
Production wie der Darfteilung im gewiffen Sinne durch die Ausfchliefsung des Dichters und Schau- 
fpielers aus den Salons der Vornehmen erklärte! Öffnet dem Genius, rief er, die Pforten Eurer Paläfte, 
gebet dem Dichter, dem Schaufpieler Gelegenheit, vornehme Sitte und Manier, edles Wefen kennen zu 
lernen, und Ihr werdet ein Schaufpiel haben wie die Franzofen! Seid felbft das Publicum der deutfchen 
Bühne, und fie wird Euer würdig werden. Das waren zeitgemäfse Schlagworte in den Tagen, da es die 
Erhebung der vaterländifchen Literatur und Kunft und des Schaufpielerftandes galt, der ja noch immer 
zu den verachteten, verworfenen zählte, dem die Beliebtheit, das Anfehen des Einzelnen gar keinen 
Yortheil gebracht hatte. Wie fehr hatte Sonnenfels zu kämpfen, um einer an Zahl kleinen, aber ftetig 
wachfenden Gemeinde die Frage klar zu machen: »Ift die Forderung, die Schaubühne zu einer 
Sittenfchule zu machen, eine Grille?« Noch galt ja das von dem Reformator felbft citirte Wort: 
»Leute, die in allen Ausfchweifungen erfoffen find, die endlich nichts anzufangen wiffen, fuchen oft bei 
der Schaubühne ihre letzte Zuflucht.« Das mufste anders werden in der Sache und in ihren Vertretern: 

»Wenn fie den guten Sitten nicht hinderlich fein will, fo darf die Theaterunternehmung ihren Vortheil nicht auf Koften der Sittlichkeit fuchen. 
Wenn ein verderbtes Volk den feinen Streichen des Lafters, den künftlichen Hinterführungen eines Ehemannes,.... dem unfere ganze Stadt 
beleidigenden Wienerfrüchtel immer feinen Beifall zuruft, wenn ein fchamlofes Volk eine Zote mit rafendem Händeklopfen aufnimmt, wenn ein grobes 
Volk unfläthigen Anfpielungen noch fo fehr zulacht, diefe fchändlichen Stücke dürfen nie wieder zum Vorfchein kommen: es war das erftemal zuviel. 
Eine gefittete Schaubühne ift für die Unternehmung keine Grille.« 

Und ebenfo wenig, lehrte Sonnenfels, darf fie eine Grille für den Schaufpieler, die Schaufpielerin, 
den Zufchauer und den Staat fein, dem der Reformator die »Oberaufficht über die Schaubühne« 
zuerkennt. Die ftaatliche Cenfur darf kein Stück erlauben, das auf einen unfittlichen Satz hinauslauft: 
ein Trauerfpiel, das den Sieg des Lafters über die Tugend darftellt, zählt ihm zu diefer Gattung. Muffen 
denn eben Heidenfiücke, fragt er, immer Trauerftücke fein? Ift ein gütiger Titus nicht ebenfo intereffant 
wie ein blutiger Nero? . . . Die eindeutige Unfittlichkeit hat die Cenfur zu vernichten. Warum, fragt 
Sonnenfels, hält der Cenfor das Buch des Gelehrten fo ftreng unter feiner Scheere und geftattet dagegen 
dem Extemporanten auf offener Bühne die gröbften Zoten, Anfpielungen auf rechtfehaffene Bürger? 
Hier ift fein Platz. Neben dem Ergötzlichen mufs das Unterrichtende der Schaubühne zur Geltung 
kommen, und diefes ift — behauptet Sonnenfels mit Recht — für Manche von ftärkerem Eindrucke und 
Nutzen als ein moralifches Buch oder eine Predigt. Er wollte die Worte Corneille's wahrmachen: Der 
Unterricht der Schaubühne mufs, wie er der auffallendfte ift, auch der heilfamfte fein. 

32* 



12S 



. . . Das war die Stimme des Rufers in der Wüfte. Die Xobleffe, welche fie erreichen und rühren 
füllte, lächelte überlegen dazu, die Schaufpieler der Burleske desgleichen; die »regulären« und ihre 
Dichter waren nicht begeiftert, weil ihnen diefer Herr Profeffor der Staatswiffenfchaften nicht zünftig 
genug war und fich gar zu weife-docirend, zu allwiffend gab; das Publicum fpöttelte und dachte an den 
»friedfamen«, langweiligen Xerxes des Sonnenfels und an feinen eigenen lieben, kurzweiligen Hanswurft. 
Der Impreffarius v. Hilverding hatte den beften Willen, die fchönen Lehren des Herrn Profeffors zu nützen, 
aber er war im Herbft 1766 bereits mit feiner eigenen praktifchen Weisheit, mit feinem kleinen Vermögen, 
zu Ende, und feine Rechtsnachfolger, die Herren v. Häring, Kurländer und Schwarzleutner, hatten 
wichtigere Dinge zu thun, als fich mit literarifchen Spitzfindigkeiten und kritifchem Hader abzugeben. 
Sie witterten fehr richtig neue franzöfifche Theaterprojecle und beeilten fich, ihnen durch Engage- 
ments zuvorzukommen, welche dem Gefchmacke der Xobleffe entfprachen und diefelbe von neuen, die 
HilverdingTche Pachtung ruinirenden Unternehmungen zurückhalten konnten. Diefe Wirkung erhofften fie 
von den Xoverre'fchen Balleten und von der neu creirten Opera buffa, welche wenig zu wünfchen übrig 



liefs und in einem genialen Öfter- 
reicher, Leopold Florian Gafsmann, 
einen ausgezeichneten Tondichter 
und Dirigenten gewonnen hatte. 
Der deutfchen Schaubühne führten 
Klemm und Heufeld neue Geiftes- 
producle zu, gerade auf diefe aber 
fauften nun die Geifselhiebe des ver- 
ftimmten Sonnenfels am unbarm- 
herzigften nieder. Wollte der ftrenge 
Richter durch diefe Graufamkeit die 
deutfchen Autoren und Komödianten 
noch mehr befeuern und zu den 
höchften Leifiungen anfpornen, um 
dem Adel den Grund zu gering- 
fehätzendem Achfelzucken oder zu 
neuen franzöfifchen Theaterplänen 
zu benehmen? Genug, er ging dem 



£>er 
auf bett <Parita§ toerfe|jte 

grüne W u f, 

<£in Sufrfpid 

in brep Stufjügen. 

2|ufg,tfüfjrt auf brm ß. Ä. pricileg. fytättt, 




m ' t n, 
<m Oabcn i 7 6 j. 



3u finben 

&«9 bem SLogeameifjer. 



fleifsigen Heufeld, der im December 
1766 feine »Julie« und das drei- 
aclige Luftfpiel »Der Geburtstag« er- 
fcheinen liefs, kräftig zu Leibe. Die 
Angefallenen wehrten fich. Klemm 
that noch mehr; er fühlte fich, durch 
die Selbftheniichkeit Sonnenfels' im 
Reiche des guten Gefchmacks ver- 
ftimmt und gereizt, dazu gedrängt, 
die von ihm felbft feit Jahren ver- 
flochtenen Ideale zu verleugnen und 
den Grofsmeifter der gefitteten Bühne 
durch eine Verherrlichung des Hans- 
wurftthums und Verhöhnung des 
Hanswurft-Tödters dem öffentlichen 
Spotte und Unwillen preiszugeben. 
»Der aufdenParnafs verfetzte grüne 
Hut. Ein Luftfpiel in drey Aufzügen« 



betitelte fich das Klemm'fche Attentat, das für eine »Parodie« eigentlich viel zu ernft angelegt war und 
die Sache Prehaufer's mit fcharfen Waffen verfocht. 

Die Handlung beginnt auf dem Parnafs. Thalia klagt Apoll ihr Leid: »Man will mein Reich zerftören, Munterkeit und Scherz verjagen, man 
hat aus Mangel eigener Talente die fchwärzefte Verfchwörung wider mich gemacht«. — Apollo erwiedert verftändnifsvoll: »Ich weifs, wen deine 
Klage betrifft; mit taufend Freuden will ich dir Recht fchaffen. O, wer hätte fich vorgeflellet, dafs diefes anfangs fo liebenswürdige Mädchen, die 
Kritik, das das befte Herz von der Welt hatte, das nie ein niedriger, elender Neid zerfieifehte, das ohne alle Bosheit war, in eine fo fchreckliche Furie 
ausarten follte!« — Thalia fchreibt dies dem böfen Einfluffe des Mannes zu, mit dem fie fogar gegen Apoll confpirire, um ihn aus dem Parnafs zu 
vertreiben, ihn und fich auf feine Stelle zu fetzen. — Die Kritik erfcheint, fehr tapfer und unverfchämt gegen Apoll, der fie energifch zurückweift und 
ihre Verirrungen tadelt. »Deine Schüler«, ruft er, »denen der Beifall in der Seele wehthut, verfchreien jedes neue, über die pedantifche Wiffenfchaft 

erhabene Stück, fie führen ftatt Federn Schlangen « Die Kritik ift gar nicht gerührt und lacht fich ins Fäuftchen, wie Mercur erfcheint und eine 

Verfchwörung gegen den »grünen Hut« und deffen beabfichtigte Verjagung aus Thaliens Tempel anzeigt. Apoll foll entfeheiden, ob diefer Plan gelingen 
darf. Er befchliefst, mit feinem Gefolge zu den Sterblichen herabzufleigen und felbft eine Komödie mit Hanswurft zu fpielen — da werde er fehen, wer 
Recht habe. Der zweite Aufzug bringt diefe Komödie in der Komödie. Apoll erfcheint als Leander, Thalia als Ifabelle, Mercur als Clitander. Mercur 
findet Prehaufer in bürgerlicher Person gerade mit Sonnenfels »Wochenblättel« befchäftigt und fehr verwundert, dafs man ihn trotz der böfen 
Kritik darin zu einer Vorftellung einlade. Da er aber keinem Menfchen ein Vergnügen abfchlagenkann, nimmt er die Einladung an, ebenfoOdoardo-Weiskern, 
diefer Liebling Thaliens. Nun gibt es ein luftiges Zwifchenfpiel, das Prehaufer-Hanswurft in einer Reihe meifterhafter Maskeraden zeigt. Verftändnisinnig 
begrüfst man ihn in der Maske des »Gelehrten«. — »Sonnenfels, Sonnenfels«, murmelt es freudig im Publicum. Und jedes Wort Hanswurfis beftätigt 
diefe fcharffinnige Entdeckung. Der »Gelehrte« erzählt freudig, er habe es fchon fo weit gebracht, dafs der grüne Hut nicht mehr gefalle; denn er fei 
gegen den guten Gefchmack. »Ja was ift denn der guteGefchmack?« fragt der Partner. — Hanswurft- Sonnen fei s: »Was ich davor ausgebe. Nichts 
Luftiges, aber lange moralifche Abhandlungen, wobei man ruhig ausfehreiben kann, ohne dafs man fich weiter weh zu thun braucht und wodurch man 



129 

mit Bequemlichkeit die Leute einfchläfert « Schliefslich hält Leander eine auf Julius Möfer (»Harlekin-- oder »Vertheidigung des Grotesk-Komifchen«) 

bafirte Lobrede auf Hanswurft, die Kritik kehrt fich von dem böfen Sonnenfels ab und will Hanswurft-Prehaufer auf den Parnafs erheben. Er flräubt fich 
wegen des verpönten »grünen Huts«, der die Kritiker ficherlich veranlaffen würde, den Himmel zu ftürmen; aber Thalia befteht auf feiner Himmelfahrt 
im Hanswurft-Coftüme : »In diefem Hut, in diefcr Kleidung haben Sie rechtfchaffenen Leuten fo viel Vergnügen gemacht, Ihre Carricaturenmalerei würde 
ihre Stärke in taufend Gemälden verlieren, die fcheinbare Dummheit, mit der Sie das Lächerliche oft fo glücklich aufdecken, würde das Vergnügen nicht 
mehr erwecken. Laffen Sie mich ihren Hut auffetzen und verlachen Sie Ihre thörichten Feinde!« — Und gerührt declamirt Leander-Huber als 
Apoll, indem er feine Gälte gnädig entläfst: »Mein Prehaufer, das Entzücken durchdringt meine ganze Seele. Schon feit 44 Jahren vergnügen Sie 
einen Allerhüchften Hof, einen höchften Adel und ein erleuchtetes Publicum. Das mufs Ihnen der kräftigfte Troft und Beruhigung fein.... Fahren 
Sie fort, unfer Reich zu erweitern und rechtfchaffene Leute zu vergnügen«. Prehaufer: »Ja, das will ich thun, folange mein grauer Kopf noch 
Gedanken fammeln kann, folange diefer alte Körper noch aufrecht fleht, folange werde ich all meine Kräfte anwenden, dem gröfsten Hofe Europas und 
der beften Nation meine komifchen Vorftellungen zu widmen.« 

Sonnenfels hatte nichts unverfucht gelaffen, das Attentat zu verhüten oder zu pariren; denn es 
war feiner ftadtbekannten Eitelkeit durchaus nicht gleichgiltig, öffentlich verhöhnt zu werden. Er zeigte 
den Anfchlag der Polizei und Cenfur an, aber fie verhütete ihn nicht, fie gab der Perfiflage ihr 
Imprimatur; dagegen verbot fie die von Sonnenfels gefchriebene Selbftvertheidigung, welche aller- 
dings in einer Perfiflage der Perfiflage beftand. Das Publicum ging mit fichtbarer und lauter Freude 
auf die Verhöhnung des Herrn Profeffors und »Wochenblättlers« ein, der ihm fo manche unange- 
nehme Wahrheiten und Weisheitsfprüchlein gelagt hatte und die ganze Wiener Welt auf feine 
Weife umwälzen wollte. 1 Diefer gute Erfolg der Sonnenfels-Perfiflage ermuthigte Heufeld zu einer 
ähnlichen Rachethat, als Sonnenfels feinen »Geburtstag« verdammte. Dieses Stück war ein fogenanntes 
»Luftfpiel«, das die Abgefchmacktheit gewiffer conventioneller, bombaftifcher, wienerifcher Artigkeiten, 
die heillofe Plauderhaftigkeit der Weiber, das Schmarotzerthum u. f. w. etwas weitfchweifig und 
abgefchmackt geifseln wollte. Die Gefchichte war nicht fo fchrecklich und vor Allem nicht »unanftändig«, 
aber Sonnenfels war eben gewohnt, mit Kanonenkugeln Spatzen zu fchiefsen, und er that es auch 
diesmal. Flugs fetzte fleh Heufeld an den Schreibtifch und fabrizirte ein neues einaktiges Luftfpiel 
»Kritik über den Geburtstag«, in welchem fich Sonnenfels, genannt »Herr Jungwitz«, in einem 
Disput über die gefchmähte Komödie felbft ad abfurdum führen foll und allerlei Grobheiten einfteckt. 
Er, der Verfechter des »Knotens«, den er an allen Heufeld'fchen Stücken vermifst, wird wegen diefes 
Knotens und feiner gelehrten Anfpielungen tüchtig gehänfelt. Diefer Menfch, meint der gefunde Wiener 
Menfchenverftand, kommt mit allen griechifchen und römifchen Regeln auf den armen Heufeld 
losgefahren — ja, ift denn nicht die Hauptregel: zu gefallen? Bei der Sonnenfels'fchen Kritik aber 

lchläft die Gefellfchaft ein, das Publicum lacht dazu und der Dichter ift gerächt Man hat diefe 

Attentate gegen die Herrlichkeit Sonnenfels' fchwer und theilweife mit Recht verdammt; w r er aber die 
Objecle feiner Kritik wirklich mit dem vorurtheilslofen Auge der Gegenwart lieft, kann fich für feine 
Art kritifcher Gerechtigkeit nicht begeiftern. »War das der Ort, die Zeit für eine fo ftrenge Kritik bei 
einem Theater, das noch nicht einmal in der Kindheit war, das fich erft anfangen mufste, von dem 
Wulfe loszuwinden?«, fagte ganz richtig die NicolaiTche Bibliothek in Berlin. Sonnenfels verlor fich 
wegen gut gemeinter und nicht »unanftändiger« Verbuche in einen ewigen, kleinlichen Hader. Denn 
Heufeld's »Kritik über den Geburtstag« liefs er felbft »Gedanken eines Philofophen von dem Luftfpiele: 
Die Kritik über den Geburtstag« folgen. Heufeld replicirte in einer Schrift »Gedanken eines unpar- 
teiifchen Mannes über die Gedanken eines Philofophen«; Sonnenfels aber war fo fchwach, den Druck 
diefer Replik zu verhindern und dennoch felbft eine Gegenfchrift »Schreiben des Philofophen an den 
unparteilichen Mann« zu verfaffen. Man mufs fich wirklich alle guten Eigenfchaften Sonnenfels' 
gegenwärtig halten, wenn man ein hartes Urtheil über diefe hartnäckige Zankfucht, diefe Kampfluft 

1 Der alte Khevenhüller notirte nicht ohne Vergnügen: »26. Feb. wurde auf dem Theatre beym Kärntner Thor eine neue Oper von 
einem ficheren Hr. Giern (Klemm, Anmerkung: er wurde einige Zeit hernach, nachdem er fich zu unferem Glauben bekehret, bey mir secretari) 
verfertigte Komödie, »Die Apologie des grünen Hutes« benannt, aufgeführet, welche in der That zur Verthätigung des Preh aufer und deffen 
comifchen Cara£ters als Hannswurft componiret worden, nachdem der profeffor v. Sonnenfels in feinen wöchentlich herausgegebenen blätteln dife 
altdeutfehe Perfonnage fowohl als überhaupt unfere hiefige deutfehe Schaubühne immer critifiret, und zwar mit gutter Abficht, aber auf eine gar 
zu fehr übertriebene art attaquiret hatte.« 

33 



130 

gegen einfüge Freunde und Gefinnungsgenoffen unterdrücken foll. Thatiache ift es, dafs die Sonnen- 
fels'fche Reform durch diefes Losfehlagen auf kleinere Männer, die ihr dienftbar gemacht werden 
konnten und nun zum Widerfpruche gereizt wurden, nichts gewonnen hatte. Sonnenfels war eben 
Ich-Menfch durch und durch; er war nicht nur eine Zeit lang der kritifche Oberrichter Wiens, er 
fühlte (ich auch als folcher, als der »Horatius Codes der Wiener Bühne«, wie er fich felbft mit Liebe 

nennt. Kein Zweiter durfte retten und reformiren, kein Zweiter fo viel bedeuten als er felbft In 

feiner Erbitterung gegen alles »Regelmäfsige« fchofs er oft weit über das Ziel. Wie ereiferte er fich. 
als im Frühling 1768 eine italienifche Schaufpielertruppe Goldoni's »Cavaliere di bon gusto« im Burg- 
theater aufführte! Das Stück war ihm ein »Flickwerk von kaltem, müfsigem Gefchwätze, die Charaktere 
fchiel oder monotonifch und unthätig, die Sprache jene des Pöbels,« der Gang des Stückes einfach 
chronologifch; diefen Stoff, meinte er, hätte ein ganz anderer Dichter, nicht diefer, deffen Werke, um mit 
dem Römer zu fprechen, nach dem Weinhäffen riechen, fchreiben follen! Die wälfehen Komödianten 
aber züchtigte der fouveräne Wiener Kritiker geradezu mit Scorpionen. Das war feine ftets zu dem 
Extremen, zu dem blutigften Ernfte neigende Natur. 

Im »Wiener Diarium« vom 7. Heumonat 1768 hatte Sonnenfels das Ärgfte an Tadel für diefe 
kritifchen Hiebe zu erfahren. Da hielt ihm ein Herr M. v. J. vor, dafs er mit fchriftftellerifcher Wuth 
Männer zerfleifche, auf welche andere Nationen ftolz feien (liehe Goldoni), und welche er fich felbft 
zum Müller nehmen follte, wenn er überhaupt einmal feine Vaterftadt mit einem fchon längft vergeblich 
erwarteten Theaterftücke eigener Mache beglücken follte. Man hielt ihm vor, dafs er die Schaufpieler 
mit »häfslichen Beftien und Wunderthieren in Marktbuden« vergleiche und ertheilte dem Theater- 
director (damals Hr. v. Afflifio) den guten, nachmals oft praclicirten Rath, dem böfen Tadler den freien 
Eintritt zu entziehen oder ihn zur Ablieferung eines Gewinnftantheils aus feinern Wochenblatt an die 
Theaterdirection zu verhalten. 

>Wenigftens die Befcheidenheit — heifst es weiter — follte denjenigen abhalten, zur Verkleinerung des Unternehmens fein Talent anzuftrengen, 
der aus Gefälligkeit desfelben die S chaubühn e ohne Einlafsgeld befuchet. Laffen Sie Sich diefen kleinen Verdrufs einmal zur War- 
nung fein, dafs ein Mann, deffen herrfchende Sucht ift, alle Gattungen der Stände und Perfonen zu befchimpfen und mit Bitterkeit anzutaften, den 
gegen fich erregten Abfcheu und die allgemeine Verachtung defto mehr vergröfsern muffe, je weniger das Flitteranfehen einer Wichtigkeit, in welches 

er fich einzuhüllen bemüht ift, hindert, an ihm taufend lächerliche und geringfügige Eigenfchaften, zu entdecken Sie weifen uns die Über- 

fetzungen der franzöfifchen, der englifchen Stücke an. Diefer Rath ift abgenützt. Wer weifs nicht, dafs folche fchon mehrere Jahre zu Hülfe gerufen 
wurden? Den Übersetzungen des wälfehen und fpanifchen Theaters find fie zu gram, um folche für unfere Bühne anzurathen. Dem ehrlichen Goldoni 
bezeichnen Sie feinen Standort unter den Theatraldichtern, »für den Gefchmack des Haufens«. Diefes Urtheil befchimpft ihn weniger als Sie. Aber es 
ift ihnen fchon öfters widerfahren, dafs Sie, wie jener Maler (die Fabel ift Ihnen bekannt) Flecken an Gemälden zu erblicken glaubten, die nur in Ihren 
eigenen Augen (lacken. . .« 

Das waren böfe Worte und nicht ganz unverdient. Die Verbitterung eines Fanatikers der regulären 
Theaterfitte läfst fich aber begreifen, wenn man refumirte, was in den Jahren 1766 und 1767 für diefe 
»Nationalliteratur« auf der deutfehen Bühne Wiens gethan worden war. Wie gering war die Ausbeute 
an wirklicher dramatifcher Dichtung! Die rohe Burleske, die Perfiflage und Parodie deckte fich mit der 
vielmifsbrauchten Bezeichnung »Luftfpiel«, und fie herrichte. 1 Das Schau- und Trauerfpiel war in den 
beiden Jahren überhaupt nur durch Ayrenhoffs »Aurelius«, Crebillons »Rhadamiste und Zenobia« 
(überfetzt von Gries), die bekannte »Chriftin Gabinie«, das fünfaclige Trauerfpiel »Mifs Fanny«, welches 
Brandes nach des Abbe Prevoft »L'hiftoire du Chevalier des Grieux et de Manon Lescaut« gearbeitet 
und Starke »verkürzt« hatte, und die von Stephanie dem Älteren nach dem Englifchen bearbeitete 

i Als »Luftfpiele« führt das Repertoire an: Heufeld's »Liebhaber nach der Mode«, »Julie«, »Geburtstag« und »Kritik des Geburtstags«, »Bauer 
aus dem Gebirge« und »Tom Jones« (nach Fielding); Hafner's »Megära« 1. und 2. Theil; Klemms »Jagd«, »Der auf den Parnafs verfetzte grüne 
Hut«, »Heirath wider die Mode«, »J. E. Schlegels »Der Geheimnifsvolle« ; die Bearbeitungen nach Goldoni »Der Cavalier und die Dame« (von 
Schwabe), »Die verfte.lte Kranke« von Laudes; ferner »Die unvermuthete Wiederkunft« nach Regnard, »Die Wirkung der Rechtfchaffenheit« (nach 
St. Foix »Le Financier« von Weiskern), »Der beftrafte Geck« (nach Comte de Pont de Veile »Le Fax puni« von Laudes). »Der Spieler« nach Regnard 
von Bergobzoom. »Lisouart und Dariolette« oder »Die Frage und die Antwort« mit Arien im 2. Adle, nach G. Chancer's »The Tale of the Wife of Bath< 
und Voltaire's »Ce qui plait aux Dames« von Schieble, »Der Fafchingsftreich«, Luftfpiel in 1 Act nebft Ballet nach d'Allainval von Herrl ; »Die doppelte 
Verwandlung« nach Sedaine von Weiskern, endlich Klemm's Kinderkomödien. 



131 

Tragödie »Georg Barnwell« oder »der Kaufmann von London« vertreten. Und doch war man gerade 
damals in einer glücklichen Lage, welche dem deutfchen Schaufpiel fchon lange nicht befchieden war. 
Das franzöfifche Schaufpiel war nicht vorhanden, das deutfche theilte fich mit der italienifchen Oper 
und dem Ballet in die Herrfchaft, es war das einzige recitirende Schaufpiel in Wien! Nun, meinte 
Sonnenfels, hätte man nichts verfäumen dürfen, es dem Publicum angenehm und intereffant zu machen! 
In der italienifchen Oper fand man die höchfte Aneiferung; fie bedeutete gerade in jenen Tagen 
den Triumph des deutfchen Genius, ja auch deutfcher Künftler in der Kaiferftadt. Hatte die Opera 
buffa in Gafsmann einen berufenen Meifter, ein fchöpferifches Genie gefunden, 1 fo fchenkte Gluck der 
ernften Oper im December 1767 feine »Alceste«, und eine deutfche Sängerin, eine Wienerin, Madame 
Bernasconi, verkörperte die Titelrolle des Meifterwerkes mit einer mufikalifchen und dramatifchen 
Vollendung, welche der Sage von der Inferiorität deutfcher Kunft und deutfchen Talents überzeugend 
widerfprach. Wohl ftand ein Theil des Theaterpublicums diefer neuen Offenbarung kühl und »ennuyirt« 
gegenüber. Diefe Oper war gar zu ernft und traurig! Verdriefslich notirte der alte Oberfthofmeifter Graf 
Khevenhüller in fein Tagebuch : 

»Am 26. December wurden die Speclacles gewöhnlichermafsen (nach den Feftvorftellungen aus Anlafs der Vermälung der Erzherzogin Jofepha 
mit dem König von Neapel) wiedereröffnet und auf dem Theater bey Hof eine neue Opera, »Alceste« genannt, von derCompofition des Cav. Gluck 
produciret, wozu der Herr Calzabigi das Libretto gemacht, fo über die Mafsen abermahls pathetique und lugubre ausgefallen; par bonheur wäre 
zum Schlufs ein ballet de Mr. de Noverre dans le goüt grotesque, das einen ungemeinen Applaus gefunden«. 

ein -wälfches Gedicht ohne 
Schwulft und Flitterwitz — 
mit diefem dreyfachem Wun- 
derwerke ift die Schaubühne 
nächft der Burg wieder 
eröffnet worden. Noch wohl 
ein viertes habe ich Luft 
hinzuzufetzen, und es ift viel- 
leicht nicht eben das kleinfte: 
die erfte Sängerin eine ge- 
borene Deutfche! . . .« In der 
Sprache Calzabigi's fieht er 



Nun aber griff Sonnenfels 




*Dcr Kranke in der Einbildung«. 



zum kritifchen Schwerte, liefs 
es zuerft mit Begeifterung 
im Sonnenglanze des neuen 
Opernhimmels funkeln und 
dann auf alle Gelangweilten 
und Theilnahmslofen nieder- 
laufen: »Ich befinde mich in 
dem Lande der Wunder- 
werke«, rief er. »Ein ernft- 
haftesSingfpielohneCaftraten, 
eine Mufik ohne Solfeggiren, 
»die ungekünflelte Sprache der Empfindung, eine Quelle, die keinen anderen Lauf hält, als nach dem 
fanften Hange des Erdreichs, worüber fie wegfliefst und nur da ein wenig auffchäumt, wo fie an einen 
in den Weg geftürzten Stein ftöfst«. Die Mufik erkennt er »in den Händen eines Mannes, der die 
Tonkunft nicht blofs in einer ftudirten Reihe von Accorden und Auflöfungen beftehen läfst, fondern die 
Accente der Leidenfchaft und der Seele aufzufinden und dadurch den Gefang ausdrucksvoll und redend 
zu machen weifs«. Wenn wir — klagt er — zu unferen Zeiten von den erftaunlichen Wirkungen der 
Tonkunft nicht eben die Begriffe haben, fo kommt es daher, dafs unfere Empfindungen, wie unfere 
Leiber zu Weichlingen ausgeartet, dafs uns Wälfchland mit feinen entmannten Sängern auch feine 
kraftlofe Mufik aufgedrungen, und dafs wir nur eine Mufik für das Ohr, keine für das Herz haben. . . .« 
Madame Bernasconi ift Sonnenfels das Ideal der dramatifchen Sängerin. »Sie ift eine Deutfche, 
eine Wienerin«, ruft er freudig aus, »die Nation thut auf fie ein bifschen ftolz, und die Wälfchen 
beifsen fich über die Lobfprüche, die man gegen fie verfchwendet, fiillfchweigend in die Lippen. Die 
Wiener Schaubühne war die zweite, auf welcher fie auftrat; fie kam alfo fo, wie fie war, aus den Händen 
der Natur. Aufser der Bühne beinahe klein, wuchs fie auf dem Theater zu anfehnlicher Gröfse empor. 
Ihre Bewegungen waren »eines raphaelifchen Pinfels würdig«. Sie war nicht, wenn fie ihre Arie gelungen 

1 Mit Gafsmanns Opera buffa »L'amore artiggiano« war das Burgtheater am 26. April 1767 nach den Faften »mit vielen Applaus« wieJer- 
eröffnet worden. 



33* 



132 

hatte, theilnahmslos, fie war immer mit ganzer Seele bei der Handlung, und jede ihrer Geberden 
harmonirte mit dem Gefühl, das fie auszudrücken hatte. Auch der Darfteller desAdmet, Tibaldi, »einft 
eine der fchönften Tenorftimmen Wälfchlands«, aber auf der Schaubühne ohne Seele, wurde an diefem 
Abende als dramatifcher Sänger entdeckt. Sonnenfels erklärt diefe Wandlung geradezu als Ereignifs. Und 
nun fällt er feinen vernichtenden Richterfpruch über das Publicum, das einem folchen Werke kalt gegen- 
überftand: 

»L'nausftehlich ift die Alcefte in der Aufführung!? Nein, der Haufe d er Zufchauer, und daher die Theatralunternehmung in Wien das 
undankbarfte Gefchäft von der Welt. Was für eine Ermunterung für den Dichter, den Tonkünftler, den Schaufpieler, Leuten ohne Ohren, ohne 
Gefchmack, ohne Seele, ohne das geringfte Gefühl des Schönen, zu fchreiben, zu fetzen, zu fpielen? Leuten, die nur das grobe 
Vergnügen, zu lachen, nicht die feinere Wolluft einer niedlichen Schwermüthigkeit, einer fanften Thräne zu empfinden fähig find .... >Gewifs. das ift 
erbaulich; neun Tage ohne Schaufpiele, und am 10. eine Seele nmeffe. Wie? ich denke gar, hier ift's auf Thränen abgefehen- Es kann fein, dafs ich 

welche vergieße — aus langer Weile Nein, das heißt feine zween Gulden wegwerfen! Eine vortreffliche Ergötzung: eine Närrin, die für 

ihren Mann ftirbt « Wo ungefähr, glauben Sie, dafs ich Sie hingebracht habe — auf den Paradies-tZehnkreuzer^Platz' Sie hätten recht, nach dem 
Gefpräche alfo zu denken, aber Sie fitzen mitten auf dem adeligen Parterre . . . Und nun ruft der kritifche Kämpe dem Auditorium feine 
Hanswurft- und Bernardon-Sünden in 's Gedächtnis zurück. Da gab es Beifall . . . »Worauf? Auf läppifche Einfälle, ekelhafte, fchmutzige, fittenlofe 
Zweideutigkeiten, auf ein Geheul in Noten gefetzt, wozu er den fchändlichen Text in elenden Knittelverfen abdrucken zu laffen die Unverfchämtheit 
befafs und wovon die Polizei des Schaufpiels, dem öffentlichen Argerniffe vorzubauen, einige Strophen zu unterdrücken für nothwendig hielt. Aber 
was nicht gedruckt werden durfte, warum hatte der Poffenreißer das öffentlich auf den Brettern gelungen? Mich verdriefst die fichtbare Gering- 
fehätzung, mit welcher folche elende Gefchöpfe einer ganzen liebenswürdigen Nation, bei welcher die Morgenröthe des Gefchmacks fich wirklich 
ankündiget, begegnet, und was ich nicht begreife, ift diefes: wie man diefelben, wann fie erfcheinen, nicht mit einem Steinhagel empfängt und von der 
Bühne hinabwirft . . . .< 

.Man denke fich die Wirkung einer fo energifchen, rückfichtslofen Kritik des Publicums! Sonnenfels 
ward ein vielgehafster Mann, und freudig begrüfsten dieBetroffenen Jeden, der diefen graufamen Kämpfer 
anzugreifen wagte. Vielleicht übertrieb er auch in diefem Falle ein wenig, denn der Bericht des »Wiener 
Diarium« 1 über die Alcefte-Aufführung läfst an fchuldiger Ehrfurcht für das Werk nichts zu wünfehen 
übrig. Aber Sonnenfels wollte den Drachen des niedrigen Gefchmacks gründlich tödten und ergriff jede 
Gelegenheit, diefes rühmliche und allmälig erfolgreiche Werk fortzufetzen. Die Aufführung von Ayren- 
hoffs »Hermann und Thusnelda« 2 (18. Jänner 176S) bot ihm einen neuen Anlafs dazu. Die erfte 
Yorftellung des Stückes, das ja einen in der Wiener Gefellfchaft angefehenen, vornehmen Stabsofficier 
zum Verfaffer hatte, war ftark befucht, der Beifall grofs; die zweite Yorftellung fand bei leerem Haufe 
ftatt. Es war eben kein Hanswurft dabei, rief fpottend Sonnenfels, und Verfe, wie fie diefer Herr von 
Ayrenhoff fprechen liefs, machten auf das durch Poffenfpiele verdorbene Publicum wenig Eindruck: 

Soll Deutfchland glücklich fein, fo fei es tugendhaft — Durch Sitten heb' es fich, durch Kunft und Wiffenfchaft, 
Nicht durch Eroberung, die ihm nie Mufse gönnen — Den belferen Gebrauch der Menfchheit zu erkennen. 

Sonderbare Yerfe allerdings aus der Feder eines Obriftlieutenants und Zukunfts-Feldmarfchall- 
lieutenants! Während aber Sonnenfels gegen die Apathie des Publicums donnert, ertheilt der fanftere 
Chronift des Diariums diefem Publicum einen fchrankenlofen Lobfpruch. 3 Ayrenhoff-Hermann's Mahnruf: 

i Das »Wiener Diarium« berichtet: Samftag den 16.December und die folgenden Tage wurde in dem Theater n.d. Burg das neueSingfpiel, »Alcefie« 
genannt, aufgeführt und mit der Gegenwart fowohl Sr. Majeftät des Kaifers, als Einiger der kgl. Hoheiten beehrt. Wir können diefen Artikel unmöglich 
fchliefsen, ohne von dem italienifchen Trauerfpiel unferen Lefern nähere Kenntnifs zu geben und zugleich der jetzigen Theaterdirection das wohl- 
verdiente Lob beizulegen: dafs man es von Seiten derfelben an nichts fehlen liefs, das hiefige Publicum mit Schaufpielen zu unterhalten, welche die 

allgemeine Bewunderung und den Beifali der Kenner billigermalsen erwarben Wir würden zu weitläufig werden, wenn wir hier das gerechte 

Lob in feinem wahren Licht zeigen wollten, welches Herr von Calzabigi in der glücklichen Bearbeitung diefes Stoffes fowohl, als Herr Chevalier 
Gluc k in dem Satze der Mufik billig verdient; wir wollen blofs melden, dafs beide, jener in der Poefie, diefer in der Mufik alle darin vorkommenden 
Leidenfchaften fo glücklich und künftlich ausgedrückt haben, dafs man nicht zweifelt, diefes Singfpiel werde von allen Kennern, ja von der Nachwelt 
für ein Meifterwerk gehalten werden. 

- »Hermann und Thusnelde«, ein Trauerfpiel in Verfen vom Verfaffer des »Aurelius«. 

5 »Montag (18. Jänner) wurde auf der deutfehen Schaubühne ein teutfehes Trauerfpiel in Verfen, Herman und Thusnelde genannt, zum erftenmale 
aufgeführet; der allgemeine Beyfall, den diefes Stück bey der Vorftellung erhalten, ift zugleich eine Lobrede für den Verfaffer, welcher in der, diefem 
Trauerfpiel vorgedruckten Erinnerung fagt, dafs er aus keiner anderen, als patriotifchen Abficht die müfsigen Stunden, die ihm feine wichtigeren Berufs- 
gefchäfte übrig ließen, der tragifchen Dichtkunft gewidmet hat. Ich bin für meine Mühe (fagt er beym Schlufs gedacht feiner Erinnerung) belohnt, 
reichlich belohnt, wenn ich, ein Grenadier, etwas in diefer Gattung geliefert habe, das als ein kleiner Beytrag zu unferer Nationalfchaubühne den 
Beyfall der Kenner verdienet. Er kann fich auch über den Beyfall des Publikums, deffen Urtheil freylich zuweilen eine gefährliche Klippe für die Dichter 
und Schaufpieler ift, mit allem Rechte Glück wünfehen, da er einmüthig ohne Signal und Cabale ertheilt wurde, und alle Zuhörer nur einen Sinn zu 



133 

»Ihr Deutfchen, fei d einig unter Euch!« wirkten wohl auf das franzöfelnde Parket des gröfsten 
deutfchen Theaters nicht mit jener packenden Gewalt, wie fie einige Jahrzehnte fpäter gewirkt hätten, 
aber ganz entzog man fich ihrem Eindrucke dennoch nicht. Mehr Eindruck machte offenbar »Barnwell«, 
den die deutfchen Schaufpieler im Burgtheater gaben, während das Kärntnerthortheater für eine 
italienifche Burleske freigemacht war, und als deutfches Schaufpiel-Ereignifs begrüfste Sonnenfels die 
von Weiskern »verkürzte« Minna von Barnhelm Leffings. Der Riccaut de la Marliniere war ganz 
geftrichen, da fich kein Wiener Schaufpieler genug Kenntnifs des Franzöfifchen zutraute, um ihn zu 
fpielen. Der Kritiker ftimmt der Eliminirung diefer »angeflickten Schelle« unbedenklich zu. Umfo freudiger 
erkennt er die erfte Wiener Minna, Mad. Huber, den ausgezeichneten Teilheim-Stephanie, den Juft- 
Stark und Jaquet als Werner an — der Letztere war, wie Sonnenfels ausrief, Werner felbft; »fo einen 
Wachtmeifter mufste fich Leffing bei feiner Minna gefucht haben!« 

Und das Luftfpiel felbft empfindet Sonnenfels fofort als eine bahnbrechende Schöpfung deutfchen 
Geiftes. Wohl bedenkt er fich eine Weile, ob er es nicht »nur obenhin mit einem Lobfpruche abthun folle, 
damit der Verfaffer diefes Stückes, einer der vortrefflichften deutfchen Kunftrichter, wenn ihm einft feine 
(Sonnenfels') Briefe zu Gefichte kommen, gegen ihn gleiche Gefälligkeit ausübe«; aber der Mann — 
entfcheidet er — verdient ein wenig mehr als einen obenhinfahrenden Lobfpruch. Die deutfchen Theatral- 
dichter möchten lieber feine Minna als die Wiener franzöfifchen Stücke ftudiren. Sonnenfels findet 
an »Minna« Kleinigkeiten zu tadeln, fein Lob aber trifft das Rechte. Er bewundert »nicht etwan nur die 
Moliere'fche Manier im Dialogifiren, fondern die grofse Manier der Alten, denen Moliere die feinige 
abgefehen hat: die Gefchicklichkeit, die Unterredung ungezwungen herbeizuführen, die einfichtsvolle 
Vertheilung des Stoffes« und vor Allem die von Leffing geradezu gefchaffene deutfche Theater- 
fprache. Noch kein deutfcher Dichter vor Leffing wufste fie fo zutreffen, hatte es doch in Deutfchland 
eigentlich gar keine Sprache der grofsen Gefellfchaft, des Umgangs, gegeben. Die befferen Kreife conver- 
firten franzöfifch, der deutfche Witz und Plauderton gedieh immer plump und ungefchlacht, weil der 
Dichter in zu engem Kreife lebte und dielen Ton felbft nicht kannte. Leffing erfcheint dem Wiener 
Reformator als »der Einzige, der im weiten Umkreife athmet, die feine Sprache des Weltmanns kennt, 
der feinen Ausdruck nicht äfthetifch zergliedert, fondern zufrieden, den Gedanken halb gefagt zu haben, 
die andere Hälfte errathen läfst, aus Zuverficht, dafs er mit Leuten fpricht, die ihn errathen 
werden « 

Der Wiener Reformator beneidete diefen Mann nicht nur um den Genius, den er felbft nicht befals, 
fondern nur erf äffen konnte; er beneidete ihn auch um feine gelungenen Hamburger Reformthaten, er 
beneidete Hamburg um die deutfche Nationalbühne, welche Wien wohl ebenfo leicht hätte begründen 
können, als es die Bürgerfchaft Hamburgs gethan. Wir verzeichnen diefe Begeifterung Sonnenfels' für den 
Dichter der »Minna« umfo lieber, als wir Grund haben, an der fpäteren Loyalität des Wiener Reformators 
gegen Leffing zu zweifeln ... In Wien bedeutete »Minna von Barnhelm« (zuerft am 14. November 1767) 
in der That das erfte Morgenroth nicht nur für die deutfche Bühne, fondern auch für die deutfchen 
Künftler. Stephanie der Altere hatte als Teilheim bewielen, dafs es deutfche Schaufpieler gab, welche 
fich nicht blofs durch Berufsfreudigkeit und Berufsftolz, fondern auch durch Bildung und vornehmes 
Wefen auf der Bühne wie im Leben Geltung zu verfchaffen wufsten und keineswegs verdienten, »in 

haben fchienen. Man mufs es den Schaufpielern zum Ruhme nachfagen, dafs fie fich alle Mühe gegeben haben, diefes Stück gut vorzuftellen. Wir fagen 
Mühe gegeben, denn eine Zeitung hat nichts mit der Critick gemein, als daß hier der Ort wäre, wo man erzehlungsweife bekannt machen 
follte, welchen unter ihnen diefe Mühe geglückt, und welchen fie mifslungen ift, ob nicht manches Bravo dem Schaufpieler zu Theil wurde, das nur 
den Verfaffer angieng, und ob nicht mancher im Gegentheil doppelt verdiente, der es nur einfach bekam. Man mufs auch der Theatraldiredtion die 
Gerechtigkeit widerfahren laffen, dafs fie diefes ftück mit aller dazu erforderlichen Pracht hat aufführen laffen. Der zahlreiche Zufpruch, der Beyfall 
und die für ein deutfches Schau fpiel ungewöhnliche Stille und Aufmerkfamkeit der Zufchauer gibt die für den guten Gefchmack fo 
vortheilhafte Hoffnung von fich, dafs nicht die natürlichen Gaben, fondern Unterftützung fehlt, um unfere Bühne eben der Vollkommenheit zuzuführen, 
zu der fich die franzöfifchen und andere emporgefchwungen haben.« 

34 



134 

den Wirbel der allgemeinen Verachtung gezogen zu werden«. Noch war die Stellung des ganzen 
Standes in Wien demüthigend genug: 

»Dem deutfchen Schaufpieler« — fchreibt Sonnenfels — »weiden zwar in Wien auf dem Sterbelager die Sacramente nicht verfagt, aber es find 
auch nur wenige Häufer, die fich über das Vorurtheil hinwegfetzen und ihm den Eintritt zu gönnen das Herz haben. Wo es ja gefchieht, da ift es auf 
dem Fufse eines Luftigmachers und Hausfchalken, welche Rolle einem ehrlichen Manne lehr fauer werden mufs. Die Geringfehätzung der (d e u tfeh en) 
Xationalfchaufpieler fällt delto fichtbarer in die Augen, weil man die franzöfifch e Truppe beinahe auf eine läppifche Art vergöttert. Da, wo der 
deutfehe Schaufpieler in der Ecke des Vorgemachs, mit der Livrey vermengt, in demüthiger Stellung wartet, bis er das Glück haben kann, den ihn 
überfehenden Vornehmen im Vorbeigehen den Saum des Kleides zu küffen, da wird der Franzofe unangemeldet eintreten und mit einer Umarmung 
empfangen werden. Der fremde Schaufpieler kleidet fich zum Schaufpiele bei einem Wachs lichte an; der deutfehe mag mit einem übelriechenden 
Talglichte (L'nfchlitt) zufrieden fein — eine Kleinigkeit, für fich betrachtet, aber nicht mehr eine Kleinigkeit, fobald es die Kennzeichen der Gering- 
fehätzung gegen den Schaufpieler vermehret .... Unleugbar kann fich der Adel über diefes fein Verfahren nur zu fehr rechtfertigen. Es ift nicht 
möglich, einen Mcnfchen den Mittag an die Tafel des Herrn zu ziehen, der Abends in einem Bierhaufe mit dem Kutfcher eine Wette trinkt < 

Ja, der ganze Stand mufste mithelfen, wenn leine Emancipation, wenn die Reform der deutfchen 
Schaubühne in Wien gelingen füllte. Sonnenfels war, wie fehr er auch feine Kraft und fein Anfehen 
durch überflüffige Seitenhiebe fchädigte, ein energifcher Rufer und Kämpfer im Streite um die gereinigte 
deutfehe Bühne der Kaiferftadt. Xoch galt es einen grofsen, gewaltigen Kampf; denn ein neuer, fremder 
Herr war bereits in die Wiener Mufenhäufer eingezogen: das »Schaufpiel der Xobleffe«, die franzöfifche 
Bühne erhob fich abermals — auf fchwacher Bafis allerdings — zu imponirender Höhe. Noch einmal 
fchärften alle Parteien die Waffen zum wechfelvollen und entfeheidenden Gange. Sonnenfels follte 
mächtige Gegner vor fich finden; mächtigere Männer als er mufsten vollenden, was er felbft als das 
Ideal der »Nation« verkündigt hatte. 









GIUSEPPE D'AFFLISIO 

ALS THEATER- SOUVERÄN IM REICHE DER MENSCHEN 

UND THIERE. 

KAUN1TZ UND AFFLISIO - BENDER 
UND HEUFELD. 





IR erinnern uns der grofsen Pläne und Entwürfe, mit denen fich die 
Wiener »Xobleffe« vor Eröffnung der HilverdingTchen Direclion getragen 
hatte, um der Wiener Bühne das drei- oder eigentlich vierfache 
»Speclakel« — deutfchesSchaufpiel, Theätre francais, Opera buffa italiana 
und Ballet — zu erhalten. Die neue Direktion hatte alle diefe Theater- 
baupläne, Gefellfchaftsverträge u. f. w. vertagt, aber nicht begraben. Man 
glaubte nur an ein Proviforium und projeclirte weiter, was die Lage des 
amtirenden Pächters und Direktors recht unbehaglich machte. Zu Ende 1766 
oder zu Beginn des Jahres 1767 tauchte der Plan eines neuen Theater- 
baues durch den Adel abermals auf. 1 Man bezog fich diesmal ausdrücklich 
auf die verhängnifsvolle Hilyerding'fche Yertragsclaufel, wonach diefer 
Pächter feine Rechte abtreten müfste, fobald fich eine Gefellfchaft zur Wiedereröffnung des franzöfifchen 
Schaufpiels bereit fände. Eine folche Gefellfchaft war nun bereit, ein neues Schaufpielhaus im Koften- 
preife von 150.000 bis 180.000 fl., die nach den bekannten Principien des Logenankaufs aufgebracht 
werden follten, zu erbauen. 

Diefes »Neue Theater« kam jedoch ebenfo wenig zu Stande, als das einige Monate früher geplante 
neue Affociations-Theater; trotzdem ruhten die Proje6te noch immer nicht, und als es fich im März 1767 
darum handelte, die Zukunft der HilverdingTchen Imprefa fefizuftellen, trat die Forderung einer 
Neubelebung des franzöfifchen Schaufpiels mit unabweisbarer Dringlichkeit an die Societäre heran. Sie 
ftellten die breiteften Rechenexempel an, um die Fruchtbarkeit der franzöfifchen Komödie zu erproben; 
es half nichts, lie kamen ftets zu dem Refultate, dafs man damit eben nicht profperiren könne. Aber 
i\e wufsten, dafs fie auf die Unterftützung des Hofes gänzlich verzichten müfsten, wenn fie dem 
entfehiedenen Wunfche Kaunitz' widerftreben würden. In ihrem Intereffe arbeitete denn Graf Zinzen- 
dorf einen Plan aus, 2 der allen finanziellen Momenten und Bedenken Rechnung tragen follte. 
Zinzendorf, einer der erften Finanzmänner feiner Zeit und als Präfident der Hof-Rechnungskammer von 
mafsgebendem Einflufse auf den Staatshaushalt, geht bei feinem finanziellen Theatercalcul von einer 
fehr lehrreichen Betrachtung aus, welche darin gipfelt: 

»dafs unter allen drey Vorftellungen die franzüfifche in dem Erträgnifs fowohl, als in der Auslage den geringften Nutzen verfchaffe, folgfam, 
dafs das franzöfi fche Spectakel nicht ohne einigen Schaden der Herren Impreffarien und aufserordentl ichen Beitrag 
des Publici gegeben werden könne; es fcheinet aber der allerhö chften Gefinnung gemäfs zu fein und es erheifchet die Billigkeit, dafs man alle 

' Projet pour balir un nouveau theätre dans la Ville de Vienne et pour former un fond permanent pour y donner des beaux speclacles. 
(Gen. Int. d. k. k. Hofth. 

- Dem Plane liegt im Wr. Gen. Int. Arch. folgende Note Zinzendorf's an Kaunitz bei: »Durch das betrügliche und verfängliche 
Einreden haben Ew. fürftl. Gnaden nicht können meinen Plan gelaffen einfehen; ich habe daher die Ehre, denfelben Dero erlauchten Einficht mit der 
Erinnerung zu übergeben, dafs noch heute das Duplicat an die gen. Impreffarii wird erlaffen werden. 30. März 1767.« 



136 

thunlichen Wege ergreife, einem Theil des Adels und dem ausländifchen Ministerio diefe Beluftigung zu verfchaffen; es lieget auch denen Herren 
Impreffariis Vieles daran, dafs diefe Idee bewerkstelliget werde, theils. damit ein anfehnlicher Theil des allhiefigen Publici denenfelben zur Beförderung 
deren übrigen Speftaclen günfliger werde, theils aber, damit die Herren Impreffarii beruhiget werden, dafs fie nicht durch eine neue Societät verdrungen 
werden. Man traget ihnen demnach an, dafs eine refpectable Affociation ihrer Societät beitreten wolle, um das franzöfifche 
Spe eta cl e zu geben und das auf eine billige Art mit dem müglichft geringen Rifico.« 

Jede »Societät« hätte ihr Theater zu führen: gewiffe Auslagen aber, für Verwaltung, Scenarium, 
Garderobe, Orchefter und Ballet, wären gemeinfehaftlich zu tragen, doch fo, dafs die »franzöfifche« 
Societät nur ein Fünftel, die deutfehe vier Fünftel der gemeinfamen Koften aufbringe, weil die 
erftere die »fchädlichfte Hälfte«, das franzöfifche Speciakel, und daher ungleich höhere Ausgaben 
bei bedeutend kleineren Einnahmen beftreiten müfste. Auch zieht Zinzendorf einen Hofbeitrag von 
16.000 fl. in Betracht. Auf Grund diefes Planes überreichten die Theilnehmer der Hilverding'fchen 
Direktion dem Fürlien Kaunitz eine Erklärung, worin fie fich zur Abhaltung von drei franzöfifchen 
Yorftellungen in jeder Woche bereitfanden, in wohlberechneter Klugheit den Fürften geradezu 
zu ihrem Protector auserkoren 1 und feiner erleuchteten Weisheit vor Allem den unbegrenzten 
Einflufs auf die Organifation der neuen franzöfifchen Gefellfchaft übertrugen. In dem Vertrauen auf 
feine werkthätige Hilfe hatten fie fich nicht getäufcht. Der Kanzler nahm fich der Sache in der 
That perfonlich an und erftattete am 4. April 1867 der Kaiferin folgenden intereffanten, die ganze 
Situation erhellenden Vortrag: 

Sacree Majeste! Depuis que Votre Majeste a daigne m'assurer qu'Elle etoit determinee a aecorder la somme de 4000 Ducats par an au cas 
que de ce secours, ä ajouter a ceux, que l'on pourroit trouver d'ailleurs dans le Public de cette Ville, il put en resulter le Retablissement des 
Spectacles sur un meil leu r pied et sur tout celui d'une Troupe Francaise, on a discute la matiere avec le plus grand soin. Le Souvenir, qu'il en 
a coute eidevant beaueoup au delä de 100 m fl. par an ä Votre Majeste pour faire aller les Spectacles sur le pied oü ils etoient, et sur lequel a l'Opera 
Italien Serieux pres on se propose de les remettre : et la perte demontree de pres de 40 m fl. par an que doit entrainer necessairement l'Execution de 
ce plan, a d*abord effraye et du faire regarder comme chimerique la possibilite de trouver des moyens proportionnes a ceux que l'on avoit eu par le 
passe. On ne s'est point laisse rebuter cependant par la consideration de difficultes, toutes insurmontables qu'elles parussent etre; et il en est arrive, 
qu'il me semble que l'on a trouve un plan par lequel au moyen du produit d'abbonations que l'on compte proposer au Public, ajoute aux 4000 Ducats 
par an que Votre Majeste veut bien aecorder par un effet de Sa Clemence ordinaire, on compte que l'on sera en etat de pouvoir donner a l'avenir 
dans cette Ville pendant toute l'annee, sans pouvoir y gagner ä la verite, mais avec la probabilite de n'y point perdre: Le Spectacle Allemand. 
Le Spectacle Francois, et unSpectacleltalienenmusique. Et chaeun dans son espece sur le meilleur pied possible, avec de tres beaux 
Ballets et tout le reste de ce qu'il faut en decorations, habillements, Orquestres et Illuminations, ä l'avenant. Tout ce Plan cependant depend 
absolument du Succes de l'abonnation en question, et il est fonde sur la supposition de deux The ätres, sur lesquels on puisse compter six fois par 
Semaine et au moins pour trois ans qui seront vraisemblablement le terme de la pluspart des Engagements des personnages d'un Merite distingue et 
que l'on est bien aise de ne pas etre continuellement en risque de se voir debauches par d'autres Theätres. 

Jusqu'ä ce qu'on n'en soit assure, on ne peut naturellement aller en avant sur rien, et je dois moyennant cela supplier tres humblement Votre 
Majeste d'avoir la Clemence de daigner faire assurer ä l'En trep reneur actuel Hilferding et ses associes, lesquels M. se chargent de 
l'Execution de tout cet arrangement, soit par un Decret soit autrement, qu'Elle Leurs aecorde pour tout le tems qu'il y aura comedie franeoise, l'usage 
du Theätre pres de la Cour pour tous les jours de la Semaine auxquels ce Speftacle est permis au Thcatre pres de la Porte d'Italie. Si Votre 
Majeste aecorde cette grace, desque l'on en sera assure on travaillera ä faire reussir le Projet de l'Abonnement; et suppose qu'il reussisse des le 
mois de Septembre prochain on pourroit deja avoir dans Vienne la Comedie Franeoise, et les deux autres Spectacles sur un pied digne de la Cour, qui 
les honore de sa Presence et d'un Public aussi distingue que l'est celui de cette Ville. Cest parceque je n'ignore pas, que les hautes lumieres de Votre 
Majeste Lui fönt envisager des Spectacles convenables ä une grande Ville comme pouvant meriter l'attention d'un sage Gouverne- 
ment, que je prens la Liberte de l'entretenir sur ce sujet. J'espere moyennant cela qu'Elle daignera ne pas le trouver mauvais, et dans cette confiance, 
en attendant les Ordres qu'il Lui plaira me donner a cet egard, je me mets tres humblement ä ses pieds. Kaunit z-Rittberg. 2 

' Die intereffante Erklärung lautet: »Um den a. h. Gefinnungen Vollzug zu leiflen, dem aus- und inländifchen Adel Genüge zu verfchaffen, 
hauptfächlich aber Ew. HochfiirfH. Gnaden unfere Ehrfurcht zu bezeugen, fo erklären wir uns bereit, die franzöfifche Comoedie 3mal in der 
Woche in dem franzöfifchenTheatro zu geben. Da wir aber frey eingesehen muffen, dafs wir nicht die hinlänglichen Kenntniffe befitzen, um 
die Auswahl deren Acleurs zu treffen, und um taugliche Vorftellungen aufzuführen, fo werden wir uns hierinfalls fügen, was unter der Ober-E in ficht 
Ew. hochfürfil. Gnaden wird anbefohlen werden: und da wir verfichert find, dafs auf diefe Art die Annehmlichkeit diefes Spedtacles mit der beften 
Wirthfchaft vereinbart werden wird, fo erklären wir uns auch allenfalls, aber auch nicht mehr als 30.000 fl. jäh rl. dazu anzuwenden, damit die 
Acteurs und was mit folchen den Zufammenhang haben dürfte, herbeigefchaffet werden können. Die vielfältigen Calculationen, fo Ew. hochfürftl. Gnaden 
vorgelegt worden, werden hochdiefelben überzeuget haben, dafs das franzöfifche Spectacle zu Verlufl zu rechnen feye, folgfam, dafs wir 
werden vordenken muffen, durch hinlängliche Abonnirung uns einen ficheren Fonds zuwege zu bringen.. Das Publicum dahin zu bewegen, wird nicht 
fchwerlich feyn, wenn Ew. hochfürftl. Gnaden uns Ihre Protection angedeihen zu laffen geruhen und uns die Art der Publication an die Hand geben, 
wodurch folches beygeleitet werden könne. Wäre der a. h. Hof zu bewegen, etwas Mehreres beizutragen, fo würde unfer Schaden vermindert 
werden, in Entflehung aber wollen wir uns mit der a. h. Freygebigkei t der 16.000 fl. begnügen.« 

• Da es unmöglich ift, alle aus den Therefianifchen Zeiten flammenden franzöfifchen Actenftücke orthographifch richtigzuftellen, geben 
wir — wie hier wiederholt bemerkt fei — diefelben orthographifch wie flyliftifch unverändert wieder. 



137 

Die Hilverding'fche Impresa ihrerfeits verfafste eine »neue Abonnement-Publication«, in 
welcher fie ihren Standpunkt darlegt, als befonderes Lockmittel die Verbefferung der »deutfchenNational- 
Schaubühne« und die Ankunft des Noverre'fchen Ballets ankündigt und von dem ihr aufgedrungenen 
franzöfifchen Schaufpiel mit füfs-fauren Worten Meldung thut. 1 * Die Unternehmer rechneten — wie aus 
all' diefen Verhandlungen und Ankündigungen klar hervorgeht — mit Sicherheit darauf, das Theater- 
wefen in ihren Händen zu erhalten; fie kündigten in den Faften des Jahres 1767 die Eröffnung der 
Vorftellungen für den zweiten Oftertag an und luden das Publicum Wiens durch das übliche 
»Avertiffement« 2 zum zahlreichen Befuche derfelben ein. Aber die Hoffnungen der Societäre, mit Hilfe 
der Ariftokratie, und namentlich einer regelmäfsigen kaiferlichen Subvention die Ausgeftaltung des 
Wiener Theaters nach den Anfprüchen der »Nobleffe« zu bewirken, erfüllten fich nicht. Die kaiferliche 
Subvention blieb aus, infolge deffen konnte man fich auch nicht zur »Retablirung« der franzöfifchen 
Komödie entfchliefsen und acceptirte den Antrag eines kühnen Mannes, der nichts zu verlieren hatte, 
die Rechte und Pflichten der Hilverding'fchen Unternehmung auf fein eigenes Rifico zu übernehmen. 
Diefer Mann war Giufeppe d' Afflisio, kaiferlicher Oberftlieutenant, ein Italiener, der auf die Unter- 
ftützung ariftokratifcher Freunde baute und mit deren Gelde muthig in die Brefche trat.** Auf 
eine Subvention vom Hofe verzichtete er. Der Mitregent Kaifer Jofeph II. hatte fich über Befragen 
feiner kaiferlichen Mutter entfchieden dagegen erklärt; das Theater entfprach, fo wie es war und fein 
follte, mit dem dominirenden »ausländischen Speclakel« und der halbgereinigten deutfchen Komödie, 
feinem Kunftideal durchaus nicht — man follte es, meinte er, fich felbft überlaffen und fich 
weder mit Geld, noch fonderlichen Befchränkungen dareinmifchen. 3 Die Kaiferin, welche von der 
ganzen Sache fo wenig als möglich wiffen wollte und fich um das Theater nur fo viel kümmerte, als 
unbedingt nöthig war,*** acceptirte die Anficht ihres Mitregenten und verlangte nur erneute Fürforge für 
Anftand und gute Sitte im Angefichte der wieder heranziehenden franzöfifchen Schaufpielerinnen. 

>Ich bin äufserft beflürzt über die Theater-Angelegenheit«, fchreibt fie an Kaunitz, >Sie allein können mir helfen. Machen Sie mir einen 
Artikel, wie Sie mir vorgeftern Tagten, dafs der Vertrag nichtig fein foll, wenn er nicht alle Decenz fowohl hinfichtlich der Vorftellungen als der dabei 
verwendeten Perfonen beobachtet, für die er mir verantwortlich ift. Es gibt aber noch ein anderes Bedenken, welches Sie allein zu befeitigen vermögen : 
das ift, dafs Sie mir verfichern, keine diefer Frauen und Mädchen jemals zu befuchen oder bei Sich zu empfangen. Ihrer bin ich wohl ficher, aber 
diefes Beifpiel ermuthigt die Anderen, welche nicht fo anftändig find, wie Sie. Ich verlange diefes Opfer für meine Ruhe, und dafs Afflisio (die Kaiferin 
fchreibt ihn »affliggio«) nie als Direttor (bei Hofe?) erfcheine und n iemals dem Kaifer fich nähere. Dann unterfchreibe ich, wenn auch zitternd, den 
Contraft.« 

Kaunitz beruhigte die Kaiferin durch eine Verfchärfung der Vertragsclaufel über die ordentliche 
Aufführung der »Theatral-Perfonen«. Die Oberaufficht über das Theaterwefen verblieb dem Grafen 
Wenzel Sporck als Hofmufikcavalier; die Wünfche des Adels, den Fürften Kaunitz felbft an der 
Spitze des Theaters als höchften Protektor desfelben zu fehen, begegneten damals wie fpäter dem 
entfchiedenen Widerftreben der Kaiferin, gewifs nicht zur Freude des Fürften, dem die Theaterluft 
aufserordentlich zufagte und felbft die weibliche Theaterwelt nicht fo ganz verabfcheuungswürdig erfchien. 
»Ich will nicht, dafs Sie an der Spitze der Schaufpiele flehen«, fchrieb Maria Therefia an Kaunitz. »Ich will 
einen anftändigen Mann von hier haben, welcher mich über diefe böfe Brut zu beruhigen vermag, aber 
niemals, dafs dies unter Ihrem oder Starhemberg's Namen gefchehe; Ihre Namen find mir zu achtbar und 
zu theuer, um fie mit dem zu vermengen, was zu dem Verworfen ften in der Monarchie gehört.« 4 

* Die Ziffern, deren Reihe hier beginnt, weifen auf Anmerkungen hin, welche der Lefer im Nachhange zum 1. Halbbande diefer Burgtheater- 
Gefchichte findet. 

** Die Aera Hilverding und Compagnie und Afflisio der Wiener Theatergefchichte war in den älteren Chroniken des Wiener Theaterwefens nur 
in der dürftigften und ungenaueften Weife angedeutet. Wir haben auf Grund archivalifcher Quellen diefe ganze Periode neu conftruirt. 

*** Bei diefer Gelegenheit möchten wir einen allgemein nacherzählten Irrthum berichtigen. Kaiferin Maria Th er efi a, fo heifst es, blieb nach 
dem Tode ihres geliebten Ehegemals viele Jahre den Theatervorftellungen vollkommen ferne und betrat das Burgtheater erft im Mai 1775 bei Gelegen- 
heit der Anwefenheit Leffings in Wien und zwar bei einer Vorftellung von Diderot's »Hausvater«. Dies ift irrig. Das »Wiener Diarium« vom 
16. Hornung 1768 berichtet: »Ihre k. k. Majeftät hat den erfreulichen Anlafs (Entbindung der Grofsherzogin von Toscana am 12.) genommen, bei 
dem gelte rn auf dem Theater nächft der Burg aufgeführten Singfpiele, welchem die k. k. Familie mit zufah, felbft ganz unvermuthet, indem 
während Ihrer Maj. Wittibftand kein Schaufpiel mit a. h. Gegenwart beehrt worden, zu er fch einen«. 

35 



138 

Kaunitz blieb alfo der Sache äufseiiich fern, Sporck fchlofs den Vertrag mit Afflisio ab, thatfächlich 
aber blieb der allmächtige Kanzler doch der höchfte Protektor und Controlor der Theater und verfäumte 
nie, feinen Einflufs geltend zu machen, wenn irgend eine Affaire an feine Appellationsinftanz gerieth 
oder fein Eingreifen forderte. 

Giufeppe d'Afflisio war Italiener, kaiferlicher Obriftlieutenant und, wie es fich nur zu bald zeigen 
follte, ein kühner Speculant. Er tauchte plötzlich empor, gerade fo wie 20 Jahre vorher fein Landsmann, 
Kriegskamerad und mittelbarer Vorgänger Lo Presti, aber er ftand tief unter Lo Prefti und noch tiefer 
unter Durazzo in der Kenntnifs des Theaterwefens, in der Eignung zur Leitung der Wiener Bühnen. 
Dafs fein Charakter an Schönheit fehr viel zu wünfchen übrig liefs, werden wir noch fehen. Es fcheint 
in der That, dafs es in diefem Falle einem Abenteurer und Glücksjäger fchlimmer Sorte gelungen war, 
felbft den grofsen Kaunitz zu dupiren. Später fah dies der Kanzler zu feinem Leidwefen ein. Nach 
einer — allerdings wenig verläfslichen, aber intereffanten — Quelle, den Memoiren Cafanova's, 
hätte Afflisio nach einer fehr verdächtigen Vergangenheit in Wien Stellung und Geltung gewonnen. 
Cafanova hatte den Mann, der nun Afflifio hiefs, bereits in Spanien, Venedig und Lyon gekannt; damals 
hiefs er Guifeppe Marcati. In Wien fand er ihn im Gafthof zum »Krebs« als »Grafen Afflifio« wieder. 
Marcati-Afflifio machte Bank und gewann, liefs fich widerftandslos ein Spiel Karten ins Angefleht werfen 
und fpielte weiter. Durch den Gatten der berühmten Sängerin Tefi-Tramontini dem F. Z. M. Prinzen zu 
Sachfen-Hildburghaufen vorgeftellt, errang er deffen Gunft und Protection und trat nun feine Glücks- 
laufbahn an, die ihn bald zum kaiferlichen Stabsofficier und Befitzer von 100.000 fl. Vermögen machte. 

So fchildert Casanova den Mann, der nun zum Haupte der Wiener Theaterwelt, zum Gebieter über 
Menfchen und Thiere im Reiche der Kunft erwählt war. Glücksritter, Falfchfpieler und — Kunftmäcen! 
Dafs Casanova mit feinen wenig fchmeichelhaften Andeutungen keineswegs Unrecht hatte, geht aus den 
Acren des Reichskriegsminifteriums hervor, welche wir über den fonderbaren Obriftlieutenant und 
Theaterdireclor zu Rathe gezogen haben. Auch feine militärifche Carriere war ja die eines Abenteurers, 
auch feine militärifche Perfönlichkeit macht den Eindruck einer dunklen Exiftenz. Als Volontär des 
Regiments d'Arberg kauft er fich 1 754 nach kurzer Dienstzeit die Charge eines Capitänlieutenants, 
verbringt aber feine Zeit auf ftets verlängerten Urlauben, bis ihm die Kaiferin zwei Jahre fpäter »auf 
fehnfüchtiges Verlangen« feines getreuen Protektors, des Prinzen von Hildburghaufen, den Titel eines 
Obriftlieutenants mit dem ausdrücklichen Verzicht auf jede Anftellung im acliven Dienfte verleiht. Im 
April 1756 tritt er alfo als Titular-Obriftlieutenant, nachdem er zwei Chargen ganz überfprungen, aus 
der Activität und befchäftigt die Militärbehörde nur noch einmal in der ehrenvollen Eigenfchaft als — 
Entführer einer Dame. Diefe unter einem falfchen Namen vollführte Frevelthat trug ihm und feinem 
Leporello die Bekanntfchaft des Stockhaufes ein, aus welchem er gegen das Verfprechen, die 
Beziehungen zu der Dame abzubrechen und feinem Diener den rückftändigen Lohn zu bezahlen, frei- 
gelaffen wurde . . . 5 Und diefer faubere Herr wurde 12 Jahre fpäter unumfehränkter Theaterdireclor 
in Wien! Die Protection mächtiger Freunde und Afflisio's Verfprechen, die Direction ohne jeden Zufchufs 
zu führen, von dem Erträgnifs allein die Koften zu beftreiten, hatte eben jedes Bedenken überwunden. Der 
Vertrag, den er am 16. Mai 1767 abfchlofs, bot ihm allerdings eine Fülle von Vortheilen; er lief eigentlich 
erft vom Beginn des Jahres 1768 und lautete bis Ende des Fafchings 1779, doch übernahm d'Afflisio die 
Bühnenleitung fchon im Frühling 1767 aus den Händen und im Namen der Hilverding'fchen Societäre, 
mit denen er gleichzeitig ein Sonderabkommen traf; die Summe, welche Afflisio jährlich an Hilverding 
oder deffen Rechtsnachfolger abzuliefern hatte, bildete nachgerade das einzige Aciivum der Hilver- 
ding'fchen Maffa. 

Der Oberftlieutenant verpflichtete fich, >die ihm übergebenen zwei Theater mit guten teutfehen, franzöfifchen und mufikalifchen wälfehen 
Spe&akeln angetragenermafsen zu verfehen« und, unbefchadet feines Rechtes der freien Wahl des Perfonals, die bisher engagirten und nicht gekündigten 
Individuen bis zum Ablauf ihrer Verträge, die Compofitoren Gafsmann und Starzer, die Huberin, Prehaufer, Weiskern und Heydrich, fowie den 



L 



>ritrdia 



wcttouioti dlucrjL e jeatruzLiuori dl Cütta 






eÜarro 
yiiigiut 



/twc/ii QittfautL* 



Csfyirät/ 

SL-iCapmo 



veaüt> aJ {eopoüstndt il 



<yh>ri/i> 



C-Uar?o 



GvriSceZBt 



eJCcnjUCU£/ 



JotZuzs 



/ 



JeaZ/v a eJtaiia. J~l(Uff 
i/ (forty netto 



— ■ 



dAjettätoli jonftiai 



•-ffojLW IjtäZZ üürottö a/cuno 



Z 12 S 
lifo 

I 1 1 o 



7 6 
3 ff g 

9 ' r - 

y o / 



'99 



">S 



i I 7 

1 r 
t 



1 i 

ic 



/ 



je 



~7 



fits 



2<?gi 



<i7i 



1 öS 



zs s 



i s 



zo 



i t $ s s. 4 g 

UjJcrv<niont. i cAc ntWUnutä-JOtto /a^airüa> 
äeJComlcOa vi i ItL-oartHajüI Xt2f— 
Lxyäjti. af Cotcnttio cMfffijLo jtnqa. cAlj 
aj?pajxjca-j& quejü/oiriwto oa/'fiüJu *j 

;Jicar e> die ici6a, cwci&ü-dUo Jiunutiuo. 



Vrcitcu 



'770 









*3hocM Orttfinafc^ 



yü^gtio 



fr 



uigno 



tjrtprUt, 



*Matlo 



yütgn 



e/le/uiui/e, 



Jata/xU 



Convbdttö 



/ 



< SeätJ-o aJ ' ■Uo/jolä/tädt 
Ifagaa ajl ' C.xOort/ 



t/cät/'o a. cJiaria.f/ül/t 



-r 



tLnxtiacoü jorcjti&i 



ßaüs/lauJ 



3 o 

i I t s 

S 7 
3 t 



1 7 Q 
f." ' 



i 6 



I -2 



' I i 



& 



(jfrtCLo 



jesi£ra/e> 



htvO^cCtoü ~JL fsss.ig 



1 i$*6 



s> 



«j»; 



2 4 



i' 



-?L 



1 2 



1 1 A 



100 



37 



*>i 



h 



\S S 7 2. kfi 



Cx)nuncu-Lo jeniraltdeU LnlroUcL cd vrafru dtU(V GusOL jcatraU da/mejc di eJtcuxp <^ ~fctöQ bi 



tup/10 /77o-^ 



bntrcdtis 



9<ccadatua bvtnjLtlta, , 

Optra- c/trt/i 

Övcra. Jdu^a. 



t-4^6o/ta^£ofti a/S%utej7V 
JßcUta 



Ccrr.tallC _ 



Owoctti. Qrttfyiak . 



t&cdtro a/ \ha>otä/Zadt. 
t>fiellacotijbrijb'az 




O/fcrua^ioni 



y 



o\+ ia/ /TIim A- ftup>u> tffa J»to a ptztto p&rtä, c l>** t^tie^u^vx-uti Qa» littst 
ütZi'ux itmjutfljiia/jloHiaHi rytorTaU £*pa. *k%, tu/ JtOAtfta {ur» t H.-f'n (VJft 
Sxytxß» nan-pua n&ueuji Jt, U ßa/ifiM tA* nttiMa t*ts t auaOt v Jxjiltfä /Hui itr-t- 

SU» /{als J*fXtMMVamMJttl,C*mfit'\*£t» t fit/t. /t^ytlAttHT* 

'JTi«/tpastÜLiCiZ,xtla.4</fi„bt> %uutj* <» swo ?~r7e7X. p* „„ ,e*, u ,r** i'atbo* 

■ H»Ot* «//' <X nfotx. ia/l'Cjjfrala 2J.'£a£r a tf^ujjc kx*tM*Ji 4t4arn t/SC-(» Al&iD 
?T/?ö7/._ üt2i ia> $\r$J*a/ ttuätjutu* ??Zi£e Än'u^^</« < /^^ Ai/^Vzra«^ 
aä*-*am/nit,M. 9T'tt7f£,f,.-1rJ&,pi*/i.nJrareiie,i}iQ/tfi/c/i*pets ,n^*mntx tu/.vlotlx, 
dfi/ÄÄJb Sä&tx^A' ti*?t ovaie, Jjftn/tanjHJ * c/t i ß? '/Sit f £o&tej/la (nst'tfifv 
tmiJZo ttißio oc&tutro apo'rjiigesri ciÜ:' a/jtv.J/.'itt äeJ 'jeaftv %2*tö eJ allem, tiffpon 
$i*tt> okjc&vMer tasfm/äi.'Zi fatti' ufenuffStity^uivia»*. !*&*•**■& tu/ JfctO. 
« /Ü Jpe*. A/ {l^AmtTß ut e. /isyat&U. *y?'tttS—cAe>st.fe&txuzäJt,aa£.t. not 
ttxtm sito*„ün iajoattlt* lutytf oJ u/iyjt^arttaiat» <ut/*..aa Jrf// «isZ' Je/Xe 



yt* . 



J/ütc CavUälTkX- 




Z)tu)tQ'uenü. 

yitOj-dta.;lL/iLii-ü aU*CUawtiA 

O/iSte/Zra 
VcUtauto 

Jöa/Ye/vU 

Car/v^ 

cßesc Mrxufr^üiajt <l> 
<$tläoUo 

<yffyia£ aJ&arv 

CJ7ccoi^ot/»t dt Cltn£a/ö 
JPtßtwu. hi Ctuas 

&/utciujQ' 

<ÄaäQ 

CotnSa/Co 
t/Zot/u Qrtift^ 

a cMaria,fi*if/f. 
Ci^'tf/Q-iou ybtuiimi 
Jia/Z/.'uOJ 



J<istretCo be/ierale/ 




<j\ritX<>- 



139 

Mafchiniften Rizzini »auf befiändig« und den Theatralpoeten Coltellini auf Vertragsdauer beizubehalten und dem Ingenieur Quaglio lebenslänglich feine 
100 Speciesducaten auszuzahlen. Das niedrige Theaterperlbnal, Officianten, Handwerker u. f. w. war für immer beizubehalten. Geftattet wurde 
d'Afflisio insbefondere noch, »zur Fafchingszeit in den gewöhnlichen Redoutenfälen für die appartements- und redoutenmäfsigen Perfonen und das 
ganze Jahr hindurch (Normatage ausgenommen) im Kärntnerthor-Theater für die im vorhergegangenen Fafching zugelaffenen Perfonen Bälle »in ehr- 
baren Kleidungen oder Masquen, jedoch ohne Larven« zu geben; an jenen Xormatagen, da vorher mufikalifche Akademien erlaubt waren, füllten fie 
auch künftig, jedoch nicht im Theater, fondern im Redouten- oder einem anderen Saale und »ohne theatralifche Kleidung, Action oder eigentliche 
Vorftellung« geftattet fein. Zu den Benefizien des Direktors zählten die im Theater erlaubten Commercefpiele, fowie das Recht, dabei Erfrifchungen, bei 
den Bällen auch Soupers zu verabreichen; ferner die Benützung aller Gemächer der Theatergebäude, ein Honorar von 50 Speciesducaten nebft Fuhren 
und Kofigeld für Separatvorfiellungen in Laxenburg und Schönbrunn und Erfatz der dreiwöchentlichen Gagen im Falle einer längeren Unter- 
brechung der Vorftellungen. Für befondere Hoffefte in den Theatern waren eigene Vereinbarungen zu treffen, eventuell mufsten das Burgtheater auf 
vier Wochen, die Redoutenfäle auf vier Tage dem Hofe unentgeltlich überlaffen werden. Alle Zahlungen der bisherigen Pachtungsfocietät waren, foweit 
fie das deutfche Theater betrafen, künftig von Afflisio zu entrichten, »da der Hof fich vorbehielt, unter keinem Titel oder Vorwand etwas zu bezahlen 
oder für irgend einen Zufall Entfchädigung zu leifien.« Freier Eintritt war nur für die zwei von der niederöfierreichifchen Regierung zur Aufrecht- 
erhaltung der Ordnung ernannten Commiffäre, eine Loge für den Regierungscommiffär refervirt. Die Officiere der Garnifon zahlten im Parterre noble 
und auf der Galerie den halben Preis, auf Bällen 1 fi. 

In puncto Cenfur blieb es bei den Bertimmungen des Hilverding'fchen Vertrages, ebenfo hinüchtlich 
der Befugniffe des Mufikcavaliers. Dem Pächter war in einem, der Kaiferin befonders werthvollen 
»Articul« nahegelegt, »auf feine Untergebenen ein obachtfames Aug zu tragen und keineswegs unter 
a. h. Ungnad und Verluft diefes Contracls, auch ohne die minderte Schadloshaltung ihnen einen 
unerlaubten Lebenswandel zu gertatten«, widrigenfalls der Muükcavalier energifch einzufchreiten hätte. 
Die Caution des Pächters, welche fofort baar oder in Bancopapieren zu erlegen war, wurde auf 
48.000 fl. fertgefetzt. Afflisio felbft fcheint zu diefer Summe nicht einen Gulden beigetragen, fondern 
ausfchliefslich mit dem Gelde der adeligen Societäre, welche er für fich gewonnen hatte, operirt zu haben. 
Es irt auch in mehreren Adtenrtücken rtets von ihm und »feinen Pachtungs-Affociirten« die Rede. Als 
Speculant, Querulant und Supplicant war diefer merkwürdige Mann überhaupt unübertrefflich. So fetzte 
er es wenige Monate nach Abfchlufs feines Theatervertrages durch, dafs ihm gleichzeitig ein weiteres, 
äufserrt einträgliches Privilegium, das Privilegium für die Wiener Thierhetze, übertragen wurde. 6 

Afflisio war nun alleiniger Capo der gefammten Wiener Speciakel-Pachtung. Er gebot über eine 
Künrtlerfchaar, wie fie niemals vor und niemals nach ihm unter Einem Haupte vereinigt worden war. 
Deutfche und franzöfifche Komödianten, italienifche Sänger der Opera buffa und seria, ein riefiges Ballet- 
corps, wilde und fremde — Thiere, Feuerhunde und andere hetzfähige Lebewefen unterrtanden feinen 
Befehlen, und fie alle umfafste der zum Feldmarfchall im Künrtlerreiche avancirte Oberftlieutenant mit 
wechfelnder Liebe, je nachdem er fie feiner rtets nothleidenden Börfe mehr oder weniger zuträglich 
hielt. Er war in diefer Hinficht vorurtheilslos. Am wohlrten fühlte er fich im »Amphitheater«, deffen 
vierfüfsige Künrtler in ihren Gageanforderungen nicht mafslos und in ihren Leirtungen grofsartig waren. 
Als fich eines Tages zwei für diefes intereffante Schaufpiel gewonnene »Ochfenfänger« im fiegreichen 
Kampfe mit einem wilden ungarifchen Stier producirten, rief er begeirtert aus: »Sehen Sie, diefe zwei 
Hunde find mir lieber als Aufresne und Neuville!« Das waren feine berten franzöfifchen Schaufpieler! 
Die deutfche Sprache beherrfchte d'Afflisio kaum fo weit, als es zum militärifchen Dienrtgebrauche 
nöthig war, und das langte ebenfalls kaum für den theatralifchen Hausgebrauch aus. Mit künftlerifchen 
Ideen gab er fich überhaupt nicht ab, weder hinfichtlich des deutfchen Schaufpiels, noch hinfichtlich des 
franzöfifchen. Das deutfche Schaufpiel war ihm an und für fich gleichgiltig, aber infofern lieber, da es 
fich beffer rentirte; er verfuchte nur, auf welchem Wege die Caffa beffer gedeihen konnte. Hätte er bei 
dem vornehmen, gefitteten Schaufpiel, das Sonnenfels fo eifrig verfocht, feinen Vortheil gefehen, er 
wäre gewifs der getreue Executor der Sonnenfels'fchen Ideen gewefen. Da ihm aber die Extemporanten 
vorläufig noch einträglicher fchienen, waren fie ihm auch erträglicher. Zunächft liefs er alfo die Sache, 
wie fie war, und nahm die Caffenrapporte der deutfchen Schaubühne, die ihm zumeirt in der italienifchen 
Theateramtsfprache überreicht wurden, mit Vergnügen zur Kenntnifs. In den Wiener Theaterfagen, 
welche bisher die hartnäckig fertgehaltene Bafis für die Theatergefchichte gebildet haben, irt Afflisio als 
gefchworener Feind der Deutfchen dargertellt. Das war er nicht — im Gegentheile, er hafste die 

35* 



140 

Franz ofen, weil fie ungeheuer viel kofteten und ungeheuer wenig »Caffa machten«, und nur von 
demfelben Gefchäftsftandpunkte aus ftand er auch im Gegenfatz zu Sonnenfels und deffen derzeit noch 
fo unrentablen Idealen. 

Schon in den erften Monaten feiner Unternehmung kämpfte der neue Imprefario mit unvorher- 
gefehenen Schwierigkeiten. Kaum war fein Contraci unterfchrieben, fein vierfaches »Speftakel« 
in der Organifation begriffen, fo unterband die Todeskrankheit der Kaiferin Jofepha, welche 
am 21. Mai begann, alles öffentliche Leben und Vergnügen in Wien. Bald war Kaiferin Maria 
Therefia felbft, welche ihre blatternkranke Schwiegertochter umarmt hatte, von derfelben Krankheit 
ergriffen, ebenfo Erzherzogin Maria Chriftina. Ganz Wien ftand unter dem tiefen Eindrucke des 
Unheils, das über die Kaiferburg hereingebrochen war. Alle Schaufpielhäufer wurden gefchloffen, 
die Kirchen waren überfüllt mit frommen Betern. Am 28. Mai ftarb die unglückliche Gemahlin Jofephs IL, 
am 30. Mai trug man fie zur ewigen Ruhe in die Capuzinergruft. Am 1. Juni lief eine neue Schreckens- 
nachricht durch die Stadt. Kaiferin Maria Therefia hatte die Sterbefacramente empfangen und Abfchied 
von ihren Theueren genommen. Zum Heile ihrer Völker genas fie ebenfo wie ihre Tochter Maria Chriftine; 
erft am 15. Juni aber konnte das Kärntnerthortheater feine Pforten wieder öffnen; das Burg- 
theater blieb noch gefperrt, da es Afflisio, feinem Vertrage gemäfs, für die bevorftehenden Feftlichkeiten 
aus Anlafs der Vermählung der Erzherzogin Jofepha mit dem König von Neapel zur Verfügung des 
Hofes ftellen mufste. Die Opera buffa, fchon in den letzten Monaten der Hilverding'fchen Imprefa der 
glänzendfte Beftandtheil der Wiener »Spectakel«, war zu der eigentlichen Galavorftellung erkoren 
worden, über welche Khevenhüller berichtet: 

»Am 9. September als den 2. Galatag, wurde auf dem Theater nächft der Burg eine neue von dem Abbe Metastasio compon. Opera 
»Partenope« genannt, wozu der alte berühmte fächf. Capellm. K. Hasse die music verfertiget, in gegenwart fämmtlichen Hofes aufser der Kayferin, 
welche zwar fich entfchlofsen, pour obliger le public, der öffentlichen Tafel aber fonften keinen Speftacle beyzuwohnen und zwar infoweit sur l'ancien 
pied aufgeführet, das die Herrfchaft in die Loge ging, mithin denen Bottfchafftern und gefandten wie auch denen diftinguirteften des Hofes dergleichen 
angewiefen, und das parterre für das appartementmäfsige perfonale aufbehalten wurde, allein, um doch wieder was zu renoviren, mufste generalement 
allen geheimen Räthen und Cammerern angefagt werden, wo vor difem bey folchen occasionen, wann der Hof nur in mezzo publico gegangen, ledig- 
lich die Hofämter und einige Dienft-Cämmerer zum leuchten mit begleitet hatten.« 

Am 12. September gab man auf dem von der Kaiferin mit 40.000 fl. Koften renovirten Schön- 
brunner Schlofstheater die Buffo-Oper »II marchese Villano« von Balth. Galuppi und ein neues pantomi- 
mifches Ballet »Armida«; im Kärntnerthortheater war Freikomoedie. Am 5. Oclober führte man im 
Burgtheater die Oper »Pfyche« von Coltellini, Mufik von Gafsmann in Anwefenheit des Kaifers auf; 
Gafsmann's Mufik gefiel mehr als jene Haffe's; dagegen wurde das Ballet »Orpheus und Eurydike« 
allzu traurig befunden. Man betrachtete es geradezu als böfes Omen, da man dasfelbe duftere 
Sujet auch damals zu einer Feftvorftellung gewählt hatte, als die erfte Gemahlin des Kaifers fchwer 
krank wurde. Afflisio empfand übrigens diefe langandauernde Benützung des Burgtheaters durch den 
Hof fehr fchmerzlich, da die normalen Theatervorftellungen umfo ärmlicher ausfielen, und richtete 
fchon am 31. Oclober 1767 eine zwifchen Demuth und Bitterkeit fchwankende Eingabe an den Grafen 
Spore k, welche eine Fülle von Befchwerden gegen den Hof enthält und eine fcharfe Zurück weifung 
erfuhr. 7 

Giuseppe d'Affiisio aber war ein hartnäckiger Querulant. Im November verfuchte er fein Glück mit 
einem Majeftätsgefuche, worin er nichts Geringeres verlangte, als von der Abhaltung der fran- 
zöfifchen Schaufpiele enthoben zu werden. 8 Das Verlangen war umfo verblüffender, als ja gerade 
Afflisio's Bereitwilligkeit zur Wiedereinführung der franzöfifchen Schaubühne die Zuwendung des Theater- 
pachtes an feine Perfon entfehieden hatte. Nun beanfpruchte er das, was der Imprefa Hilverding bewilligt, 
aber verübelt worden war, geradezu für fich. Die Antwort, welche Kaunitz dem zudringlichen 
Herrn durch das Hofdecret vom 2. December 1767 zukommen liefs, war der feltfamen Zumuthung 
gegenüber äufserft liebenswürdig, wenn auch ablehnend. Man liefs Afflisio's bisherigen Leiftungen 



10 



141 

Gerechtigkeit widerfahren, dispenfirte ihn von den franzöfifchen Schaufpielen folange, bis er fich 
finanziell erholt haben würde, alfo auf unbeftimmte Zeit, aber keineswegs für die ganze Dauer feines 
Vertrags und mit dem ausdrücklichen Vorbehalt, dafs diefe Conceffion ohne jede Einwirkung auf die 
zwifchen Afflisio und den HilverdingTchen Societären getroffenen Vereinbarungen bleibe. So begnügte 
fich denn Afflisio vorläufig mit der deutfchen Komödie, der italienifchen Oper und dem Noverre'fchen 
Ballet, welche drei Kunftgattungen ihm fozufagen als Erbfchaft der HilverdingTchen Unternehmung 
zugefallen waren. Man mufs jedoch zugeftehen, dafs erft er fie mit verfchwenderifchen Geldopfern zum 
vollften Glänze entfaltet hat. Das NoverreTche Ballet erreichte unter ihm den Gipfelpunkt feiner Leiftungen ; 
er citirte die beften italienifchen Theatermaler und Decorationskünftler nach Wien, — was Wunder, wenn 
fich feine Geldverhältniffe nicht beffern wollten, zumal er die HilverdingTchen Societäre zu entfchädigen 
und den von ihnen übernommenen, nichts weniger als grofsartigen Fundus mit fechs Perzent zu verzinfen 
hatte! Im Frühling des Jahres 1768 fchritt er auch zur Organifirung des franzöfifchen Schaufpiels. 
Als »Agent« fungirte diesmal der bewährte Schaufpieler Soulle, der eine ganze Lifte von 
Künftlern vorlegte, welche er für geeignet hielt »pour servir ä former une bonne troupe de comediens 
francais pour Vienne«. 9 In einem Begleitfchreiben wies er auf die Notwendigkeit eines nach dem 
Gelammtrepertoire aller Parifer Schaufpielhäufer feftzuftellenden Spielplanes und eines feften Reglements 
zur Hintanhaltung der bei dem früheren Wiener Theatre francais beobachteten Disciplinlofigkeit hin 
Ein anerkanntes Haupt muffe fie leiten. Thatfächlich fand fich in Wien eine Truppe zufammen, welche 
ihre Vorgängerin aus Durazzo's Tagen an Zahl, Güte und Koftfpieligkeit weitaus überflügelte.* Unter 
den neuen Franzofen waren Künfiler und Künftlerinnen, welche die höchften Erwartungen noch über- 
trafen. Dies erkannte Niemand klarer und mit gröfserem Mifsvergnügen als Sonnenfels; denn jetzt 
hielt er die deutfche Xationalbühne für fchwer bedroht. »Nun denn«, rief er aus, »man hat fich die 
glückliche Zeit entwifchen laffen, da die deutfche Bühne ohne Nebenbuhler war, wo es leichter war, 
den Zufchauer anzuziehen und zu befriedigen. Das ift vorbei; aber man braucht nicht zu verzweifeln, 
vielleicht gewinnt fogar der deutfche Zufchauer dadurch, wenn er durch den beftändigen Anblick 
regelmäfsiger Schönheiten feines bisherigen unedlen Vergnügens an oftadifchen Schilderungen 
entwöhnt und dadurch das Reich der Poffe vernichtet wird?«** Sonnenfels betrachtet die Vorfiellung 
von Voltaire's »Adelheid von Guesclin«, mit der fich die Franzofen am glücklichften einführten. 
Hingeriffen ift er von Aufresne, Neuville und Madame Sainville: 

»Warum hatte ich doch das ganze Schaufpiel durch nicht einen jungen Schaufpieler auf der einen, und eine junge Schaufpielerin auf der anderen 
Seite, um mit ihnen über die Aufführung des Stückes meine Beobachtungen zu machen? Verlieren Sie, mein junger Freund, hätte ich zu ihm gefprochen, 
kein Wort, keinen Blick von Herrn Aufrins (Aufresne) Spiele! Sie können fich in der Recitation kein vortrefflicheres Mufter wählen: da ift Gröfse 
ohne Prahlerei, Natur ohne Niedrigkeit, Adel ohne Stolz .... Meine junge Schaufpielerin würde ohne Zweifel durch die Würde, mit welcher Madame 
Sainville Adelheiden vorgeftellt, gerührt worden fein. Meine Freundin, hätte ich ihr zugerufen, bemerken Sie es wohl: die fanfte Stimme diefer 
ausgezeichneten Schaufpielerin fchwächt ihren Ausdruck nicht, ihre Reden find darum nicht minder mit dem eigentlichen, nachdrücklichen Tone der 
ihrer Gröfse fich bewufsten Tugend gefprochen, weil die Stimme nicht bis zum Überfchnappen erhoben war. Solche Stellen find der Prüfftein von der 
Einficht einer Theatralperfon, vor Allem aber drücken Sie fich den Adel ihrer Geberde und jede ihrer reizvollen Zeichnungen ein; es find fo viele 
Gemälde nach den ftrengften Regeln der Kunft und des Gefchmacks . . . .« 

* Es bezogen die Herren: Aufresne 10.000 Fr. Gage, 300 Fr. Reifegeld; Bursay 6000 Fr. Gage, 3000 Fr. Vorfchufs, 500 Fr. Reifegeld; 
St. Quentin 4500 Fr. Gage, 500 Fr. extra, 2400 Fr. Vorfchufs, 500 Fr. Reifegeld; Crux 3750 Fr. Gage, 1000 Fr. Vorfchufs, 300 Fr. Reifegeld; 
D e s m a r e z 6000 Fr. Gage, 500 Fr. extra, 3000 Fr. Vorfchufs, 500 Fr. Reifegeld ; D e v i 1 1 e 6000 Fr. Gage, 3000 Fr. Vorfchufs, 500 Fr. Reifegeld ; S e r v i 1 1 e 
6000 Fr. Gage, 2000 Fr. Vorfchufs, 500 Fr. Reifegeld; Montfoucon 6000 Fr. Gage, 500 Fr. Reifegeld; Beaubourg 5000 Fr. Gage, 1500 Fr. Vorfchufs, 
500 Fr. Reifegeld; Deslandres 2500 Fr. Gage, 600 Fr. Vorfchufs, 500 Fr. Reifegeld; Sainville 2500 Fr. Gage, 500 Fr. Vorfchufs. — Die Damen 
Dorcay 6000 Francs Gage, 2000 Fr. Jahres-Gratification, 2400 Fr. Honorar, 1400 Fr. Vorfchufs, 1000 Fr. Reifegeld ; Clairval 6000 Fr. Gage, 500 Fr. 
Reifegeld Beaubourg 5000 Fr. Gage, 1500 Fr. Vorfchufs, 500 Fr. Reifegeld; Henriette Prin 3750 Fr. Gage, 1500 Fr. Vorfchufs, 200 Fr. Reifegeld; 
Aufresne 5000 Fr. Gage, 300 Fr. Reifegeld; Suzette 6000 Fr. Gage, 1000 Fr. extra, 3000 Fr. Vorfchufs, 500 Fr. Reifegeld; Nonan court 4500 Fr. 
Gage, 800 Fr. Vorfchufs, 500 Fr. Reifegeld; Varigny 3000 Fr. Gage, 800 Fr. Vorfchufs, 500 Fr. Reifegeld; — Opera comique: Guignes 6000 Fr. 
Gage, 1000 Fr. Gratification, 1000 Fr. extra, 3000 Fr. Vorfchufs, 500 Fr. Reifegeld; Chevalier 6000 Fr. Gage, 1200 Fr. Vorfchufs, 500 Fr. Reifegeld; 
Clairval 6000 Fr. Gage, 500 Fr. Reifegeld; Louife Prin et Sablon 8000 Fr. Gage, 1200 Fr. extra, 3000 Fr. Vorfchufs, 800 Fr. Reifegeld. Souffleur 
1500 Francs Gage. Summa 157.400 Fr. = 62.960 fl. (Gen.-Int.-Archiv.) 

** »B riefe über die Wienerifche Schaubühne«, 22. Schreiben, 7. Mai 1768. 

36 



142 

Ebenfo rühmte man Neuville, die reizende Soubrette Suzette, welche für das ganze Fach in 
Wien typifch wurde und auch perfönlich eine gewiffe Bedeutung in der Refidenz gewann, fowie 
Mdlle. Beaubourg, die mit der Sainville »in den erften jungen Rollen« abwechfelte und das feltene 
Experiment wagte, ihre Glanzrolle, die Eugenie des Beaumarchais, auch in deutfcher Sprache zu 
fpielen. Sonnenfels findet, fie habe zwar diefe Sprache nicht vollkommen beherrfcht, dafür aber auch 
keine dialektifchen Unarten gezeigt. Anftand, Wärme, Empfindung und Würde des Spiels, ein beredtes 
Auge und Anmuth der Erfcheinung rühmt er als ihre Vorzüge — dem deutfchen Publicum fei fie 
allerdings noch zu früh und deshalb zu fein erfchienen .... Das Theater blieb von der Creme der 
Gefellfchaft befetzt, das heifst, es war halbleer, und fchon im Juni 1768 hatte d'Afflisio abermals keine 
gröfsere Gnade bei dem Kaifer zu erbitten als die Enthebung von derkoftfpieligen franzöfifchen Komödie, 
welche allein die Hälfte feiner Einnahme verfchlinge. Der Mufik-Cavalier lehnte im Namen des Kaifers 
die Zumuthung ab. Afflifio verfuchte es nun mit einer gewiffen Preffion auf die Ariftokratie; er verlangte 
einen Jahreszufchufs von 24.000 fl. Schleunigft that fich eine Anzahl von Cavalieren zufammen, um 
das Geld aufzubringen. * Nun aber fand der Herr Oberftlieutenant, dafs auch jene 24.000 fl. (die 
übrigens nicht zufammenkamen) nicht genügen dürften, und trat mit neuen Forderungen hervor, 
welche den lebhaften Unwillen Kaunitz' und jene Verbitterung des Staatskanzlers gegen den Theater- 
unternehmer wachriefen, welche nun bis zum Sturze desfelben anhielt. Seine neuen Anfprüche brachte 
Afflisio durch Vermittlung Calzabigis, des Librettiften Gluck's, zu Kaunitz' Ohren. Der Kanzler fand 
fie einfach unverfchämt 11 und griff nun energifch in die Sache ein. Er prüfte perfönlich und fchr genau 
die Lage des franzöfifchen Theaters, den Gagenetat und die Vertragsbefiimmungen der einzelnen 
Mitglieder, 12 und Afflisio verzichtete auf die Auflöfung der Gefellfchaft, deren Exiftenzmöglichkeit durch 
eine Adels-Subvention von 16.000 fl. (ftatt 24.000 fl.) mäfsig garantirt und von fo mächtiger Seite gehütet 
wurde. Die finanzielle Lage d'Afflisio's aber wurde eher fchlimmer als beffer. Die deutfche Komödie 
verfiel, fich felbft überladen und von dem nackten Caffenfiandpunkte aus geleitet, immer fichtbarer. Diefer 
Standpunkt forderte die Pflege der Burleske, und gerade diefe verlor Ende 1768 und zu Beginn des 
Jahres 1769 die Säulen ihres von den erftarkenden Ideen des Fortfehritts erfchütterten Gebäudes. 

Am 29. December ftarb Weiskern, tief betrauert nicht nur von feinen Parteigängern, fondern 
von Allen, welche feine vielfachen Talente vorurtheilslos erkannten. In ihm trug man wirklich 
»einen der beften Schaufpieler Deutfchlands«, einen Autodidakten auf mannigfaltigen Gebieten der 
Wiffenfchaft, zu Grabe, zugleich aber auch das eigentliche Haupt der deutfchen Komödie in Wien, 
welche noch immer in der Burleske wurzelte. »Unfer Odoardo hat's überftanden«, feufzte Gottfried 
Prehaufer, als er am Sylveftertage feinem vieljährigen treuen Genoffen Weiskern das letzte Geleite 
gab, »ich werde ihm bald folgen, denn er wird dort oben nicht ohne Bedienten fein wollen.« Und am 
27. Jänner 1769, gerade einen Monat fpäter, legte auch der grofse Hanswurfi fein müdes Haupt zur 
ewigen Ruhe nieder. Er felbft fühlte fich als ein dem Tode geweihtes Kind der dem Untergange nahen 
alten Zeit. Ein 7 7jähriger Greis, liefs er, wie es alte Sitte oder Unfitte war, feinen letzten Xeujahrsgrufs 
drucken und austragen; aber es war keine von jenen hanswurftifchen Schnurren, wie fie der Nachwelt 
aufbewahrt worden find, fondern ein ernftes, von Todesahnungen durchwehtes Gedicht, das fein College 
Müller gereimt hatte. In ernften Verfen brachte er zum letzten Male dem Hofe, dem Adel und Publicum 

* In den Kreifen der »Nobleffe« circulirte damals folgendes >Memoire«: »Der Theaterunternehmer kann das franzöfifche Theater nach deffen 
Retabliffement nicht weiterführen ohne einen jährlichen Zufchufs von 24.000 fl. Es hat lieh alfo eine Gefellfchaft von Cavalieren vereinigt, diefe Summe 
durch eine Subfcription von Aflien ä 25 Ducaten aufzubringen. Die auf der Lifte I gezeichneten Herren laden dringend die auf Lifte II verzeichneten ein, 
an diefer Aclion für Erhaltung diefes angenehmen, für Männer von Geift und Gefchmack beftimmten Schaufpiels theilzunehmen. Die Subfcription gilt für 
die Jahre 1769 und 1770 und foll möglichft befchleunigt werden, damit in den Reengagements der Truppe keine Verzögerung eintrete«. — Unter den 
Mitgliedern jener I. Gefellfchaft lefen wir Kaunitz, Feldmarfchall Lacy, die meiften Botfchafler fammt dem Nuntius, faft alle in Wien domicilirenden 
Glieder der Familien Liechtenftein, Schwarzenberg, Trauttmansdorff, Starhemberg, de Ligne, Eszterhäzy, Hohenlohe, Poniatowski, Khevenhüller, 
Windifch-Graetz, Sternberg, Lamberg, Karoly, Kohary, Breuner, Batthiäny, Keglevich, Sporck, Zinzendorf, Hatzfeld, Herberftein, Wrbna, Los Rios 
Pergen, Degenfeld, Queftenberg, den Baron und die Baronin van Swieten, den Banquier Bender u. a. 



143 

jenes Wien, das ihm »die Geburt und auch ein Herz gegeben, das ftets den Trieb genährt, nur ihm 
allein zu leben«, feine Segenswünfche dar. Seine Ahnungen trogen ihn nicht; bald folgte dem alten 
Odoardo der treue Diener Hanswurft in's Grab. Nicht ohne Bedeutung war das Hinfeheiden Prehaufers 
gerade in diefer Zeit. Mit ihm fenkte man gewiffermafsen die alte Zeit in's Grab — und nicht ohne 
Wehmuth; denn der Hanswurft war doch allen Wienern an's Herz gewachfen, und eben, da man ihn 
verlor, erkannte man, was er den Wienern gewefen : ein nimmermüder, ehrlicher Luftigmacher und ein 
genialer Schaufpieler, der auch ohne die hanswurftifche Jacke feinen Mann auf der Bühne zu ftellen 
vermochte. 13 Prehaufer übertrieb nie ohne eine gewiffe mildernde Mäfsigung; er nahm felbft feinen 
zahllofen Parodien die fchärfften Spitzen. Dabei war er ein Mufter der Pflichttreue; gern fügte er fich 
trotz feiner hiftorifchen Ausnahmsftellung dem Theatergefetze und legte willig Jacke, Hut und Pritfche ab, 
wenn es eine »regelmafsige« Rolle galt. Nun waren fie Alle dahin: Leinhas, Schröter, Huber, die Xuthin, 
Weiskern und Prehaufer — Burlin und Jackerle repräfentirten die alte Zeit, aber fie hatten nicht die 
originelle Kraft, wie Jene zu wirken. Rathlos tappte Afflisio, der Stütze Weiskerns beraubt, mit einem 
theilweife fchon modernen Perfonal auf den alten, abgetretenen Pfaden weiter; die Deutfchen verftand 
er nicht, die Franzofen konnte er nicht bezahlen. Und weil er die neue Lage nicht erfafste, drängte fich 
Jedermann an ihn heran, um ihn zu berathen: die guten und die böfen Geifter. 

Noch zu Ende des Jahres 1768 nahm Sonnen fels das Wort, um dem Oberftlieutenant — und 
zwar in auffallend liebenswürdigem, wohlwollendem Tone — feine Rathfchläge zu ertheilen.* Er nannte 
ihn einen »Mann, der es fich fo angelegen fein läfst, die Nation zu vergnügen, der beinahe das Schlacht- 
opfer feiner Bereitwilligkeit wird«. Er rieth ihm, die überflüffigen Leute zu entlaffen, die für acht Gulden 
Wochenlohn fchlecht genug fpielen, und fie durch einige tüchtige Kräfte zu erfetzen. Nun fand 
Sonnenfels den feiigen Weiskern, »diefes Kleinod für die Schaubühne,« unerfetzlich, Prehaufer erfchien 
ihm als der befte niedrig-komifche Vater. Neben der Huberin, einer trefflichen Semiramis, Clorinde, 
Cleopatra, Merope, Marwood und Elifabeth, fehle eine Irton, Sarah Sampfon u. f. w. Man habe dem Director 
die Kaffenfchädlichkeit und Dürftigkeit des regelmäfsigen Schaufpiels nahegelegt: nun, er verfuche es 
nur und gebe die gute Komödie auch an guten Komödientagen — dann werde fie ebenfo viel und mehr 
tragen als die Burleske! Stücke gebe es genug. »Greifen Sie nur zu« — ruft Sonnenfels — »Geliert, 
Schlegel, Cronegk, Leffing, Brawe, 14 Weiffe, Krüger, Romanus, Löwen, Brandes geben zufammen gewifs 
40 Stücke — die anderen aber feuern Sie durch Preife zu produciiver Thätigkeit an!« So ungefähr 
apoftrophirte der Reformator den Oberftlieutenant, der das Theater commandirte. Sofort aber fprengte 
der linke Ritter heran — es war der fchon einmal erwähnte Herr M. v. J. in dem fonft fo unfchuldigen 
Wienerifchen Diarium** — und warnte den Direclor vor dem anmafsenden Herrn v. Sonnenfels, der fich 
durch jene ungebetenen Rathfchläge die verdoppelte Verachtung des Publicums zugezogen habe. 
Habe doch Herr v. Afflisio Anfangs felbft diefem weifen Rathe gelaufcht; was fei die Folge? Die traurige 
Einfamkeit, welche in dem deutfchen Schaufpiele fo oft herrfche. Nie feien fo viele regelmafsige 
Stücke gegeben worden als nun, nie fei die franzöfifche Bühne, nie das Ballet beffer gewefen. Und 
warum find die deutfchen Schaufpiele fchlecht befucht? Weil fie fchlecht gefpielt werden! . . . .« Diefer 
Angriff reizte die deutfchen Komödianten zur Gegenwehr: die Huberin wurde Sonnenfels' Kämpe. 

»Ich und alle von unferer Bühne«, ruft fie im »Wienerifchen Diarium« aus, »entbrechen uns nicht, den Franzofen Gerechtigkeit widerfahren zu 
laffen. Wir find es, die wir mehr als ein Hr. M. v. J. die wahre Gröfse eines Aufrein (Aufresnel, das Edle und Rührende eines Neufviels (Neuville), 
das Naive einer Sainviel (Sainville), das Regelmafsige im hohen Komifchen eines Beaubourg zu fchätzen wiffen; aber wir können auch urtheilen, 
wie fehr es ihnen an den Rollen einer Semiramis, Phädra, Merope, wie fehr es an dem verliebten Philofophen, an dem Zerftreuten, und wohl noch 
mehreren anderen gebreche, welche auf unferer Nationalbühne auch von feinften Kennern find bewundert worden, in denen aber auf jener faft täglich 
die übertriebene Vertraulichkeit, ermüdende und gegen die Charaktere verftofsende Einförmigkeit, zu vervielfältigte Gebärden, zu frühzeitiges Ächzen 
getadelt und mit Unwillen bemerket wird .... Aber diefer Unwille mufs unterdrücket werden, und die äufsere Miene mufs Bewunderung lügen, fonft 
wäre der gute Ton verletzt 

* Nicht Hilverding, wie einige Sonnenfels-Forfcher annehmen. Hilverding war zu diefer Zeit längft abgethan. 

** Wienenfches Diarium, Nr. 60, Mittwochs-Anhang den 27. Heumonats 1768, und Nr. 61. Schreiben an den Verfaffer der Briefe über die 
Wienerifche Schaubühne. 

36* 



144 



Der arme d'Afflisio verftand nicht viel von all' diefem gelehrten und ungelehrten Zanke; er wufste 
nur, dafs feine »regelmäfsigen« deutfchen Schaufpiele auf die Caffa äufserft erfchöpfend wirkten und 
dafs die fchönften franzöfifchen Abende an derfelben Caffenkrankheit litten. Es war hohe Zeit, dafs ein 
Retter in der Xoth erfchien, und wenige Wochen nach jenen öffentlichen Discuffionen, wenige Tage 
nach Prehaufers Tode, fand ihn Afflisio wirklich. Im Jänner 1769 gelang es ihm nämlich, mit dem 
Bankhaufe Bender & Compagnie, das fich feiner finanziellen Zerrüttung fchon im Herbft angenommen 
hatte, ein Abkommen über die Theater-Unternehmung zu treffen, das feiner ganzen Verlegenheit ein 
Ende machen konnte. 

Haus Bender & Co. als Unternehmer, Franz Heufeld als Director des deutfchen Theaters. 

Die Wiener Theater-Fabeln — Laube immer dabei* — fprechen mitConfequenz von einem »Director 
Freiherrn v. Bender«, deffen patriotifche und literarifche Rettungsthat mit Emphafe gepriefen wird. 
Wir muffen die Sache, bei aller Anerkennung der Bender'fchen Opferwilligkeit, etwas nüchterner 



betrachten. Die Convention, 
welche am 26. Jänner 1769 
abgefchloffen wurde, bezeichnet 
als Parteien nicht den Baron, 
fondern das Haus Bender (»la 
maifon de Banque de Monsieur 
de Bender«) und den Oberfi- 
lieutenant d'Afflisio und bedeutet 
keineswegs eine vollkommene 
Loslöfung der deutfchen Schau- 
bühne von der Afflisio'fchen 
Pachtung. Das war fchon deshalb 
unmöglich, weil auf den Oberfi- 
lieutenant alle Verpflichtungen 
Hilverdings übergegangen waren 
und weil er der eigentliche Privi- 
legiumsinhaber blieb. Aus dem 
intereffanten Abkommen geht 
hervor, dafs Afflisio fchon im 
November 1768 die ganze Füh- 




u.ia-&annt2l 2?lß?i und fJrnr eiyiznd . 



M 



rung der Theatercaffa und die 
Vertretung all' feiner finanziellen 
Angelegenheiten dem Haufe 
Bender überlaffen hatte, wogegen 
der Banquier dem bedrängten 
Theaterdireclor die Summe von 
50.000 fl. zur Erhaltung feiner 
Entreprife flüfsig machte. Das 
half nicht; nun griff man zu 
einer Erweiterung diefes Ver- 
hältniffes. In der richtigen An- 
nahme, dafs die Leitung des 
ganzen, vielverzweigten Wiener 
Theaterapparats für Ein Haupt 
zu viel fei, befchloffen Afflisio 
und Bender, die Unternehmung 
derart zu theilen, dafs Afflisio 
für fich felbft, auf eigenen Gewinn 
und Verluft, das Burgtheater 
mit der Comedie francaise, der 



Opera buffa und seria, den Akademien, den Bällen in den Redoutenfälen und überdies die Thierhetzen 
behalte, während das Haus Bender auf feine Rechnung das Kärntnerthortheater (Le Theätre ä la 
porte d'Italie) mit der deutfchen Schaufpielertruppe übernehme und zwar derart, dafs es auch in den 
Vorftädten deutfche Vorfiellungen und im deutfchen Theater felbft »Bälle mit und ohne Contretanz, 
fowie andere fefiins« geben könne. Zur Erhöhung der Rentabilität der Oper waren aber wöchentlich 
zwei Afflisio'fche Opernvorftellungen im Bender'fchen Kärntnerthortheater und die Opern-Premieren 
abwechfelnd in beiden Häufern abzuhalten. Für die Bälle im deutfchen Theater hatte Afflisio den 
nothwendigen Theil des Ballets gegen entfprechenden Antheil an der Einnahme zu disponiren. Betreffs 
aller anderen Schaufpiele war der Gewinn in zwei gleiche Theile zu theilen, für Hoffefie galten 
Separat-Verrechnungen mit der Hofbehörde. Sollte eines der beiden Theater aus irgend einem Grunde 

* Die Angaben Laube's über die Epochen Durazzo, Hilverding, Afflisio, Bender und Kohäiy find faft durchwegs falfch und immer ungenau; fie 
find nichts als die Umfchreibung alter Wiener Theater-Legenden, welche vor der einfachften chronologifchen Wahrheit nicht beftehen können. Dasfelbe 
gilt von der Behandlung diefer Wiener Gefchichtsperioden in Devrient's »Gefchichte der deutfchen Schaufpielkunft«, welche Laube befonders benutzt hat. 



145 

gefperrt fein, fo hatte der Betroffene das Recht, im Ballhaufe zu fpielen oder in dem offen bleibenden 
Theater mit der anderen Partei abzuwechfeln. Die Penfionen oder fonftigen Benefizien, welche der 
Hof der Witwe v. Hilverding, den Herren Starzer, Gafsmann, Coltellini, Quaglio u. A. zugefprochen 
hatte, waren von beiden Unternehmern gleichmäfsig zu beftreiten; bei neuen Preisregulirungen hatten 
Beide im Einverftändnifs vorzugehen, und keiner war berechtigt, feine Vertragsrechte einem Dritten 
zu übertragen. Das Haus Bender übernahm gegen eine entfprechende Entfchädigung Decorationen, 
Coftüme u. f. w., welche für das deutfche Theater nöthig waren, ftellte Afflisio abermals eine Summe 
zur Fortführung feiner Unternehmung zur Verfügung, wogegen er dem Bankhaufe mit all' feinem 
Hab und Gut als General-Hypothek und feinem Fundus als Special-Hypothek garantirte. Die Dauer 
des Vertrages war für die ganze Dauer des von Hilverding auf Afflisio übertragenen Contracls 
mit dem Hofe angefetzt. Sollte aber inzwifchen die franzöfifche Komödie aus irgend einem Grunde 



aufgeloft werden, fo 
follte abermals eine 
neue, gerechte Thei- 
lung der Unterneh- 
mung eintreten. *Eine 



des deutfchen Thea- 
/K« &t\ ters wurde vom Haufe 

Bender der Theater- 
■ dichter Franz Heu- 

■jjk. feld beftimmt, wel- 

befondere Vertrags- «^ ^3aE k cner auch die vom 

beftimmung fagte, j '^^r ^^m^ Hofe betätigte Con- 

dafsfich keine wefent- w äPr % vention vom 26. Jän- 

liche Änderung in der jl^fc» 1 '^W ner * 769 nebft d'Affli- 

Theaterführung ein- fnea ""^"^f sio und Bender & Co. 

feitig, ohne Einver- ff WÄ" ^*%. jffb unterzeichnete. Nun 

an der Unternehmung JMeL ,^J[ i^^^^fek Bande zufammenge- 

betheiligten Parteien, M *i '^MmSs^s^^^W^-T^ haltene Theater, ein 

in die Direktion des $F^$mt '{^^^^^^^^^^^^ ' fches. DemBurgthe- 

deutfchen Theaters rß) ^^^^^ß^K^^v^ ■'■ ater war ^ermals 

nicht einzumifchen . .'■ i ';ß$4i#? r ; r die Rolle des »fremd- 

"v 3c*</ 

habe. Als artiftifcher /*' ': ländifchen Speclakel- 

Leiter und bevoll- „ , _, . haufes« zugefallen; 

Conrad Steigentefch. ° 

mächtigter Direcfor die deutfche Bühne 

hatte im Kärntnerthortheater ihr Heim, und fie hatte Raum genug, fich darin zu entfalten. 
Franz Heufeld, welchen Sonnenfels überflüffiigerweife zu den Extemporanten-Dichtern geworfen 
und mit kritifchen Geifselhieben bedacht hatte, fafste feine Aufgabe mit einem heiligen Ernfte an, an 
welchem der Reformator feine Freude haben konnte. Er wollte die Bühne wirklich im »nationalen« 
Sinne führen, das Perfonal und den Spielplan im Geifte des Fortfehritts erneuern. Davon fprach 
überzeugend feine feierliche »Nachricht an das Publicum«, welche am 25. Februar 1769 das 
Programm der neuen deutfchen Bühnenleitung erläuterte. Das Theater follte der Kaiferftadt würdig, 
allen Ständen lieb und theuer werden; das »Xationaltheater«, das deutsche Schaufpiel, wurde zur 

* . . . . >Que le fond d'Entreprise de chaque partie soit evalue par une estimation juste et que ces deux fonds soient reduits en parties egales, 
ou par payement en argent comptant ou par decompte des dettes peut-etre existents encore. Que tous les gens engages pour le Service deTheätre 
franijois soient d'abord congedies et ne reengages qu'avec aecord commun. On en excepte pourtant ceux, qui ont ete donnes par ordre de la Cour et 
ceux, qui auraient des Contrats enterieures avec Mr. d'Afflisio de plus longue duree. C'est pourquoi Mr. d'Afflisio s'oblige, de n'arreter dorenavant aueun 
contrat, dont la dure ne soit proportione ä cet arrangement contracte . . . .♦ (Convention Bender-Afflisio — General-Intendanz-Archiv.) 



37 



146 




Hauptfache erhoben; neben dem »rührenden«, dem typifchen 
Drama der Zeit, follte das Komifche nicht untergehen, aber 
dem Localton fo feiten als möglich ein Opfer gebracht 
werden. Dichter wurden durch »hohe« Honorare — 100 und 
mehr Gulden für ein Stück — angelockt, durch gerechte 
Prüfung und gute Aufführung belohnt. 10 

Das ift in der That ein ganzes Programm, es ift aber- 
mals einer jener ernften und ausgefprochenen Anläufe zur 
Gründung eines »Xationaltheaters«, wie fie uns wieder- 
holt vor der wirklichen Gründung desfelben begegnen. Man 
fpricht das Wort mit befonderem Nachdrucke aus, will 
Dichter und Künftler in Wien fchaaren, einen Mittelpunkt 
des künftlerifch-literarifchen Lebens in der Refidenz der 
römifch-deutfchen Kaifer fchaffen. Das Bankhaus Bender 
gab das Geld, Heufeld den Geift und vor Allem den Unter- 
nehmungsgeift. Alles ging im grofsen Style, wie man es im 
»deutfchen Theater« gar nicht gewohnt war. Sogar ein 
neuer Vorhang »von dem Herrn v. Hohenberg, zwar von 
allegorifcher, aber von keiner Oeferifchen Erfindung, noch 
viel weniger Ausführung,« wurde angefchafft; Coftüme und 
Decorationen waren nicht mehr von den franzöfifchen Herr- 
fchaften abgelegt, fondern deutfches Eigenthum. Noverre's 
Ballette verherrlichten die deutfchen Aufführungen, und 
neue deutfche Schaufpielkräfte, in deren Verträgen die 

bedeutfame Claufel: »nur zu ftudirten Stücken« vorkam, erfetzten die verftorbenen Extemporanten. 
Herr v. Bender ermächtigte Heufeld, diefes grofse Experiment zu wagen, ohne Rückficht auf die 
unausbleiblichen leeren Häufer und die noch unausweichlicheren Mehrkoften. Der Zuwachs, den das 
Perfonal erfuhr, war intereffant, nicht nur durch den künftlerifchen Werth, fondern auch durch die 
Herkunft der meiften neuen Mitglieder. Steigentefch, Gottlieb Stephanie (junior) und Maria Anna 
Teutfcher waren aus gut-bürgerlichen Kreifen dem Theater zugeeilt. Conrad Steigentefch 
(geboren zu Conftanz 1744) war Mediciner in Wien, als die Bühnenleidenfchaft in ihm erwachte. 
Als Siegmund in Heufelds »Julie« debutirte er, und bald zeigte fich feine befondere Begabung für das 
Charakterfach, an das er feinen fcharfen Geift und fein emfiges Studium wandte; Gecken und Cavaliere 
ftellte er mit der ihm eigenen Eleganz dar. Die Natur hatte ihn übrigens ftiefmütterlich behandelt; fein 
rauhes Organ mufste erft durch die forgfältigfte Behandlung modulationsfähig und erträglich gemacht 
werden, feine kleine Figur war vielen feiner Rollen nachtheilig, denn auch Helden und Liebhaber lagen nicht 
aufserhalb feines Rollenkreifes. Ein Reifender meint, er habe ihn lieber bei fich in feinem Salon, als auf 
der Bühne gefehen. Die Collegen fürchteten diefen Mann, der auch mit der Feder gut umzugehen 
wufste und mafslos in feinem Künftlerneide gewefen fein foll. 16 Noch gröfsere Autorität errang fich 
Gottlieb Stephanie der Jüngere, der den Kriegsdienft mit dem Dienfte der Mufen vertaufcht hatte 
und ebenbürtig neben feinen Bruder trat. Zu Breslau am 19. Februar 1741 geboren, hatte er das dortige 
Elifabethinifche Gymnafium ftudirt und follte eben Jurift zu Halle werden, als man ihn im Kriegsjahre 1757 
in das preufsifche Hufarenregiment Malachowski fleckte. Bei Landshut (1760) gerieth er mit dem ganzen 
preufsifchen Corps Fouque in öflerreichifche Kriegsgefangenfchaft, trat als Cadet in das öfterreichifche 
Infanterie-Regiment Botta (Nr. 12), brachte es zum Oberlieutenant, verliefs aber 1769 die Armee, 
verfuchte fich in einem Liebhabertheater als Comthur in Diderots »Hausvater« und wurde nach dem 



147 

glücklichen Ausfalle diefes Debüts zum Probefpiel als Storenfels in » Graf Olsbach « im Kärntner- 
thortheater zugelaffen. Der charakteriftifche Zug feiner künftlerifchen Individualität war ein rauhes, 
martialifches Wefen, das an feine Soldatenzeit gemahnte; er war fozufagen der geborene Darfteller 
bärbeifsiger Officiere, alter Poltrons, fcharfer Tyrannen. An feine militärifche Vergangenheit gemahnte 
er vielfach auch in feiner fruchtbaren fchriftftellerifchen Thätigkeit, von welcher wir noch reden werden; 
das Soldatenftück, das in Leffings »Minna« feine claffifche Verkörperung gefunden hatte, war Stephanie's 
befondere Domäne. Seine dramatifchen Werke füllen viele Bände; zu der Bildung des regelmäfsigen 
deutfchen Repertoires in Wien hat er, wenigftens quantitativ, aufserordentlich viel beigetragen. Schon 
in die erften Jahre feines Wiener Engagements fielen einige feiner vielgefpielten Stücke: »Die Werber«, 
»Die abgedankten Officiere«, »Die Wirthfchafterin« oder »Der Tambour bezahlt Alles«, »Die Kriegs- 
gefangenen« und das beliebtefte: »Der Deferteur aus Kindesliebe« — ein nach einer wahren Begebenheit 
verfertigtes Luftfpiel von der »rührenden Gattung«. Stephanie war kein grofser, aber ein praktifcher 
Dichter, der auf den Theatereffecr. und das Rollenbedürfnifs der Schaufpieler hinzuarbeiten wufste. 
Für feine Zeit war er eine Wohlthat; darum ift er mit vornehmem literarifchem Achfelzucken nicht 
abzuthun. Die Rollen, die der jüngere Stephanie, nicht immer im Einklänge mit feinem älteren 
Bruder, in der Wiener Bühnen-Reform-Aera fpielte, werden noch befonders zu beleuchten fein. 

Waren die Stephanie's, Müller und Steigentefch fogenannte literarifche Schaufpieler, welche nicht 
nur auf der Bühne, fondern auch mit der Feder für die Emancipation ihres Standes praktifch eintraten, fo 
gefeilte fich ihnen in Marie Anne Teutfcher auch eine neue Species von Frauen, die literarifche 
Schaufpielerin, zu. Eine Aclrice, welche man in ihrem Boudoir mit Pinfel und Palette umgehen, auf 
Porzellan malen oder in einer impofanten Bücherei ftudiren und fchreiben fah, das war eine in Wien 
neue Erfcheinung! Die Teutfcherin, eine Wienerin (geboren 13. Juni 1752), war nicht nur eine tadellofe, 
fondern auch eine geiftvolle Frau. Mit fiebzehn Jahren betrat fie, an demfelben 1. April 1769 wie 
Stephanie junior, als Gräfin Olsbach die Bühne und wuchs bald zur erften Heldin und Liebhaberin 
heran, welche eine Zeitlang typifch für diefes Fach in Wien erfchien. In der Beurtheilung ihres Könnens 
gehen die zeitgenöffifchen Kritiker ftark auseinander. Sie wurzelte jedenfalls ganz in der älteren, 
pathetifchen, gezierten Manier einer halb-überwundenen Vergangenheit; ihre Vorbilder für die fentimen- 
talen Liebhaberinnen und jugendlich-tragifchen Heldinnen waren wohl die franzöfifchen Aclricen der 
Schablone, denn man tadelt ihren weinerlichen, heulenden Ton, ihr affeciirtes Wefen. Ihre Stärke war 
die vornehme Auffaffung und das ernfte Studium. In der »Galerie der deutfchen Schaufpieler und 
Schaufpielerinnen der älteren und neuen Zeit« (Wien, 1783), heifst es von der Teutfcherin: »Ihr 
fingender Ton, das Ziehen der Worte bei zärtlichen Stellen, ihre zur Unzeit angebrachten Geften mifs- 
fallen fehr. Im Porzellanmalen befitzt fie viel Fähigkeiten; fie hat eine auserlefene Bibliothek und ift 
eine grofse Freundin der Leetüre«. Ihre Perfönlichkeit wurde den Wienern noch intereffanter, als fie 
im Jahre 1773 mit einem, nach einem Roman bearbeiteten Einacler, »Fanny« oder »Die glückliche 
Wiedervereinigung«, hervortrat.* Es blieb allerdings das einzige Werk, mit dem fie die deutfehe 
Bühne befchenkt hat. Wir werden die Teutfcherin in wechfelnderGröfse in dem organifirten Burgtheater 
wiederfinden, welchem fie bis zu ihrer Vermählung (1780) angehörte. Als »Frau Gorini« fpielte fie 
nur mehr kurze Zeit und ftarb 1784 in jungen Jahren. — Als Anfängerin begrüfste man in den Tagen 
Afflisio's Madame Therefia Brockmann, die Gattin des berühmten Franz Carl Brockmann, der feine 
erften, äufserft flüchtigen Wiener Debüts bereits hinter fich hatte. Er hatte jener, Ungarn und Sieben- 
bürgen durchwandernden Truppe angehört, welche Principal Bodenburg, der Vater feiner Refi, befehligte. 
Seine Frau war 1740 in Ödenburg geboren und hatte alle Wonnen des fchaufpielerifchen Nomaden- 
thums durchgekoftet, als fie 1766 zum erften Male mit dem jungen Gatten in Wien erfchien. Brockmanns 

* Das Stück ift 1773 zu Wien und in der zu Budapeft erfchienenen Sammlung >Neue, auf dem Wiener Theater aufgeführte Schaufpiele« 
erfchienen. Auch an dem von F. Juftus Riedel herausgegebenen »Einfiedler« wirkte fie als Mitarbeiterin. 



148 




Künftlerftolz war tief gekränkt, als man ihm die Rolle des Feldjägers 
in »Minna von Barnhelm« zumuthete; er ging zu Kurtz-Bernardon nach 
Mainz, woher Madame Brockmannin 1769 allein nach Wien zurück- 
kehrte. »Sie war von fanftem Charakter und ein würdiges Mitglied 
unferer Bühne« — weil's man von ihr zu melden, — »komifche und 
bäuerliche Mütter, ftolze, carrikirte und gefchwätzige Damen Hellte fie 
mit treffender Wahrheit dar.« Ihre Vereinigung mit dem grofsge wordenen 
Gatten follte erft nach geraumen Jahren erfolgen. Zu den »Neuen« von 
Dauer und Werth zählten auch Demoifelle Kummers berg, eine gute 
Naive und Soubrette (debutirte in der Titelrolle der »neuen Agnefe«, 
einem einactigen Luftfpiele von Löwen) und Herr Weiner; Herr und 
Madame Abt empfahlen fich nach kurzer Zeit — fie gefielen nicht, 
obgleich Madame Abt zu Deutfchlands hervorragendften Schaufpielerinnen 
zählte, 1769 von Jena rührenden Abfchied genommen hatte und als 
»Deutfchlands Stolz, Thaliens Priefterin« befungen wurde.* Ebenfo rafch 
fchieden die Herren Reichard und Regel. 

Neuen und blühenden Zuwachs erhielt das Theater durch die Spröfslinge des Ehepaares Jaquet; 
vier von den fechzehn Kindern, welche der glücklichen Ehe diefes Künftlerpaares entfproffen waren, fah 
man in früher Jugend auf der Bühne; zwei offenbarten aufserordentliche Talente. Zwei Töchter trugen 
merkwürdigerweife den gleichen Namen »Maria Anna«; die ältere »Nanny« (geb. 1752) war die berühmtefte 
der jungen Jaquets, jene »Mademoifelle Jaquet, die Ältere«, welche fchon in ihrem 16. Lebensjahre 
als echte, unverfälfchte Naive glänzte. Die zweite Nanny (geb. in München und nach ihrer hohen Pathin, 
der Kurfürftin Maria Anna, gleichfalls fo benannt), wirkte noch mit den »Jaquet'fchen Theater- 
kindern«, zog fich aber früh von der gewiffermafsen ererbten W irkfamkeit zurück. Wir finden unter 
den im Jahre 1771 engagirten Mitgliedern der Familie Jaquet aufser dem Familienhaupte, welches 
Väter- und andere alte, zuweilen auch niedrigkomifche Rollen fpielte, eine »Mdlle Jaquet« (jedenfalls 
die ältere Marie Anna) für »muntere, zuweilen zärtliche, doch mehrentheils naive Rollen«, dann die 
jüngere Maria Anna, Katharina und Franz in Kinderrollen verzeichnet. Nanny ftand damals in ihrem 
19. Lebensjahre und entzückte durch den Liebreiz ihrer Erfcheinung, die vollendete Grazie ihres Wefens, 
ihren natürlichen, innigen Herzenston, ihre ungekünftelte geniale Darfteilung. Die Angabe Hormayrs 
und Collins, dafs fie zuerft tragifche und erft dann naive Rollen fpielte, wird wohl durch die Rollen- 
bezeichnung vom Jahre 1771 hinfällig. Ihre Schwefter Katharina ftand in der Zeit, von welcher wir 
fprechen, noch in zarten Jugendjahren (geb. 1760); auch fie feffelte durch den Glanz ihrer Erfcheinung, 
durch ihre blendende, aber ftrengere Schönheit. Auch ihr Entwicklungsgang war nicht fo glatt und rafch, 
fie erkämpfte fich den Weg zu den lichten Höhen der Kunft und verlofch, als fie — ein ftrahlender 
Stern — jene Höhe erreicht hatte . . . 

Die Mutter diefer blühenden hoffnungsvollen Kinder, Madame Therefe Jaquet (geb. Weber), fchied 
am 27. Juni 1771 im Alter von 43 Jahren aus dem Leben. Sie hatte, wie uns Arneth vonderUrgrofsmutter 
pietätvoll erzählt, ihren Gatten fchon erwählt, als derfelbe noch Unterofficier war; er diente eine Zeit lang 
fogar bei Trenck's wilden Panduren. Nur dadurch, dafs fich beide der Theaterlaufbahn widmeten, fchufen 
fie fich die Mittel zur dauernden Verbindung; beide, der »fchöne Carl« (fo nannte man Jaquet felbft dann 
noch, als ihm eine Explofion das Geficht übel zugerichtet hatte) und die kreuzbrave, begabte Therefia, 
hatten den Beifall des Publicums und, durch ihre faft fpiefsbürgerliche Häuslichkeit beim »goldenen Pfau« 
in der Kärntnerftrafse, fogar die Achtung aller Leute erworben. Madame Therefe war eine mufterhafte 



* Der Gotha'fche Theaterkalender auf das Jahr 1780 bringt das Bild der Madame Abt, ihre poetifche Abfchiedsrede in Jena und eine poetifche 
Huldigung für ihre Künftlerfchaft. 



149 

Frau, die Mutter von 16 Kindern. Ihr tadellofes Familienleben hatte ihr felbft die Gunft derKaiferin Maria 
Therefia, welche »Aclricen« durchaus nicht gewogen war, gewonnen. Als fie einft mit allen Kindern 
und — felbft in Erwartung eines neuen Sproffen — in Schönbrunn promenirte, fragte die Kaiferin, das 
wievielte wohl das neue Kindlein würde. »Das Zwölfte«, antwortete demüthig die Künftlerin. »Nun, fo 
foll fie«, fagte die Kaiferin, »weil fie eine fo brave Frau ift, künftighin aus meinem Kammerbeutel 200 fl. 
zu beziehen haben.« Das war Gnade und Ehre zugleich für eine Schaufpielerin jener Zeit. 

...Mit diefem Perfonal und den anfcheinend unerfchöpflichen Mitteln Bender's hofften die Freunde 
der literarifchen und künftlerifchen Reform das Höchfte. Sonnenfels triumphirte und befchlofs, feine 
kritifche Feder niederzulegen, da es nichts mehr zu kritifiren gebe. Die Recken der Burleske waren 
dahin, ein Retter der edlen Bühne war gefunden. »Er ift geftorben, der grofse Pan (Prehaufer)«, jubelte 
er, nicht eben zartfühlend, »verkündigt es den Infein, ihr Wälder, und ihr, hallet es dem feften Lande 
wieder zu: die Stütze der Burleske ift gefallen, ihr Reich ift zerftört. Welch' ein Vergnügen für mich, 
da ich mich gewiffermafsen als den Urheber diefer Revolution anfehen kann, die auf den Gefchmack die 
glücklichften Folgen haben mufs!« Begeiftert pries er den »edeldenkenden Patrioten« Bender; freudig 
verzieh er dem verachteten Heufeld, wenn er nur die Göttinnen des Gefchmacks verföhnen und reinen 
Weihrauch auf ihrem Altare dampfen laffen würde. Heufeld gab fich alle Mühe, diefes literarifche 
Hohepriefierthum auszuüben, aber die erwarteten Dichter ftrömten ebenfowenig in Schaaren herbei als 
das Volk. »Ganz Deutfchland kennet die Gährung der Wiener Schaubühne«, fchrieb der Chronift der 
Öfterr. Literaturbibliothek; 17 »Entfpricht der Erfolg der Abficht und den Mafsregeln, die die Unter- 
nehmung mit wahrem patriotifchem Eifer ergreift, fo dürfte daraus eine wichtige Epoche in der 
Gefchichte der öfterreichifch-deutfchen Schaubühne dereinft entftehen.« Diefe Prophezeiung 
war verfrüht, aber man glaubte daran. Das Ayrenhoff fche Luftfpiel »Der Poftzug« war vielleicht der 
gröfste Gewinn heimatlicher Produclion in diefer Bender-Heufeld'fchen Periode; es vererbte fich noch 
dem eigentlichen Burgtheater. 

Sonft war der Stofsfeufzer eines ernften literarifchen Zufchauers fehr berechtigt: »Wir leben in 
einem Zuftande, wo jedermann, jeder Jüngling Kunftrichter zu fein fordert und kein Autor hervortritt.« 
Unbedeutende Leute, wie Laudes, galten als dramatifche Dichter; man rechnete ihm genau nach, dafs 
er in feinen dramatifchen Arbeiten die eigene Gedankenarmuth durch — 3052 Gedankenpaufen 
(»Strichelchen«) bezeichnet hatte. Er, der felbft die deutfche Sprache nicht in feiner Gewalt hatte, war 
ein bevorzugter »Theatral-Überfetzer«. Was half es da, dafs ein »grofsmüthiger Wiener« einen Preis 
von 100 Ducaten für eine deutfche Zaire-Übertragung ausfetzte, dafs Sonnenfels feinem literarifchen 
Freunde Klotz mit Emphafe verficherte, die Fratzenfpiele hätten ausgelebt, die regelmäfsigen Stücke aber 
erzielten ftets volleHörfäle. »Das Gericht Apollos oder das beftrafteVorurtheil Vindobona's«, fo hatte fich 
das allegorifche Feftfpiel betitelt, mit dem man die Aera Bender einleitete; das Vorurtheil w r ar aber noch 
immer fo grofs, dafs Herr von Bender binnen lechs Monaten 25.000 11. zufetzte und endlich fein 
Experiment ganz aufgab. Er hielt feine Million für verunglückt, löfte feinen Vertrag mit Afflisio auf 
und verreifte ins Ausland. Die erträumte Herrlichkeit der Wiener-Theater-Reform war abermals zu 
Ende, ficher ein neuer, tiefer Rückfall in jenen Zuftand, den man fchon fo vollkommen überwunden 
meinte. Das Haus Bender & Compagnie hatte das deutfche Nationaltheater in Wien nicht gerettet. 




33 





[EICHER an Schulden, ärmer an Hoffnungen, rath- und hilflos, blickte Giufeppe 
d'Afflisio in die Zukunft, als fein finanzieller Nothanker Bender & Compagnie 
geriffen war. Das fchwankende Schifflein feines Glücks trieb, dem Untergange 
nahe, auf den Wellen. Wer follte ihm jetzt Rettung aus dem Schiffbruche bieten? 
Unwillkürlich dachte er zunächft an die »Xobleffe«, anKaunitz. Aber je zufriedener 
die national und fortfchrittlich gefinnten Befucher des deutfchen Theaters 
während der BenderTchen Epifode gewefen waren, defto unzufriedener zeigte 
fich der Adel im Theatre francais des Burgtheaters. Dort hatte d'Afflisio 
die neue Aera am 27. März mit Voltaire's »L' Olympiade« eröffnet. In der 
Ankündigung 18 wurden franzöfifche Schaufpiele, italienifche Opern und Ballete verfprochen; eben 
die letzteren aber waren der Anftofs zum Mifsvergnügen der Ariftokratie. Xoverre gehörte dem 
Kärntnerthortheater an; er war von Bender befoldet, um die deutfchen Vorftellungen zu beleben. Was 
waren aber Ballete ohne Xoverre! Schon im Sommer fammelte die Xobleffe Gelder, um fich für den 
nächften Carneval Vorftellungen nach ihrem Wunfche zu fichern. Das hatte keinen praktifchen Erfolg. 
Im Ocfober 1769, nach dem Abbruche der Epifode Bender & Compagnie, erklärte fich Afflisio aufser 
Stande, die Unternehmung in dem bisherigen Umfange, mit deutfchem und franzöfifchem Schaufpiel, 
italienifcher Oper und Ballet, weiterzuführen. Zwei Theater in Wien gleichzeitig offenzuhalten 
fei überhaupt unmöglich; deshalb fchlug er dem Fürften Kaunitz vor: im Kärntnerthortheater 
wöchentlich je zwei deutfche und franzöfifche Komödien und wälfche Opern und zu allen Vorftellungen 
gute Ballete zu geben. Die Reduclion aller drei Schaufpiele in ein Theater werde die gröfste 
Abwechslung und einen erhöhten Glanz der Ausftattung ermöglichen. Dagegen hoffe die Dire6tion von 
der Societe de la Xobleffe: dafs fie im Kärntnerthortheater diefelbe Anzahl von Logen wie bisher im 
Burgtheater abonniren und der Direktion 16.000 fl. übergeben werde. An den für das franzöfifche Schau- 
fpiel refervirten Tagen folle es der Unternehmung freiftehen, diefes »Specfakel« im Theater nächft der 
Burg abzuhalten. 

Diefe Propofitionen gefielen der Xobleffe nicht; fie ftellte neue Bedingungen, und Kaunitz war 
es, der als ihr ausgefprochener Repräfentant in allen Theaterangelegenheiten handelte. In einem 
Memoire, welches Graf Sinzendorff am 27. Oclober 1769 an den mächtigen Kanzler richtete,* fchlug 
er die Bildung einer aus höchftens fechs Perfonen beftehenden ariftokratifchen Gefellfchaft vor, welche 



* Acten d. Gen. Int. d. k. k. Hoftheater. 



151 

alle drei Schaufpiel-Gattungen nach den von Kaunitz gehegten Intentionen erhalten und durch einen 
befonders beftellten Commiffär — er nannte als taugliche Candidaten dafür die Herren von Häring oder 
Strolendorf — verwalten würde. Conditio sine qua non fei, dafs Kaunitz den Societären angehören muffe, 
weil diefelben dann keinen anderen Wunfeh haben könnten als ihn (den Kanzler) zu befriedigen und weil 
Alles nach Ordre des grofsen Mannes dirigirt werden würde, »qui reunit avec le goüt fait la base des toutes 
les Operations humaines«, dies wäre auch das einzige Mittel, die »clameurs et critiques ridicules« zum 
Schweigen zu bringen, und endlich würde diefe gute Sache Kaunitz felbft in den Augenblicken der 
Mufse angenehm befchäftigen. 

Wurden auch diefe von Ehrfurcht für Kaunitz dielirten Vorfchläge nicht wörtlich realifirt, 
fo fehen wir doch den Fürften von nun an als den führenden Geift bei den mannigfaltigen 
Yerfuchen, der vornehmen Gefellfchaft ihr Lieblingsfchaufpiel zu erhalten. Liebe zu dem deutfehen 
»Nationaltheater« drückt fein thatkräftiges Handeln in diefem Sinne keineswegs aus; diefes exiftirt in 
feinen Augen nur nebenbei, er hängt mit ganzer Seele an dem bedrohten theätre francais, er bedenkt 
fich keinen Augenblick, das ganze Gewicht feiner Perfönlichkeit für dasfelbe einzufetzen. Diefer Kampf 
des Kanzlers für das vom Adel bevorzugte Schaufpiel geht nun parallel mit dem Kampfe der deutfehen 
Reformatoren für das immer wieder in den Schlamm verfinkende deutfehe Theater. Aus dem Kampfe 
der A6ten hörte man aber fchon leife und immer lauter den Willen des Kaifers heraus, der mit den 
Paffionen des Kanzlers durchaus nicht zu verwechfeln war. Jofeph IL liefs Kaunitz zunächft gewähren; 
er ftellte fich auf den einfachen Rechtsftandpunkt, auch in Sachen der franzöfifchen Bühne, ohne fich 
dafür zu erwärmen — dabei aber kam er immer deutlicher auf jenes Thema zurück, das Kaunitz 
äufserft nebenfächlich fchien: auf die Lage der deutfehen Bühne. Dem Kanzler war das deutfehe 
Schaufpiel nichts als ein nothwendiges Übel, an dem nicht viel zu verbeffern fchien; es galt ihm gleich, 
wie oft und in welcher Geftalt es auf der Bühne wiederkehrte. Dem Kaifer war es kein inferiores 
»Speftakel«, fondern eine bedeutfame nationale Sache, eine Ehrenfache des grofsen Volkes, deffen 
Oberhaupt er nicht blofs heifsen, fondern auch fein wollte. Er beurtheilte den Theaterleiter nach dem 
Stande diefes Schaufpiels, Kaunitz aber fragte nur darnach, wie fich feine zärtlich geliebten Franzofen 
befänden, wie das »Speclakel der Nobleffe« gediehe — das war der Unterfchied in der Theaterpolitik 
des Kaifers und feines Kanzlers. Kaiferin Maria Therefia felbft war froh, von diefer ganzen Sache, die 
ihr herzlich antipathifch war, fo wenig als möglich zu hören, und wies die endlichen Entscheidungen, 
welche Kaunitz anrief, mit Freude ihrem Sohne und Mit-Regenten zu. 

Der Gegenfatz zwifchen Jofeph IL und Kaunitz verlor wohl nur deshalb feine Schärfe, weil in der 
fpäteren Periode Afflisio's die Verhältniffe des deutfehen wie des franzöfifchen Schaufpiels gleich 
viel zu wünfehen übrig liefsen und beide Gewalten von ihren verfchiedenen Standpunkten aus 
den triftigften Grund zur Unzufriedenheit hatten. Zunächft handelte es fich um Sein oder Nichtfein der 
Franzofen. Kaunitz und die Nobleffe beftanden darauf, das Burgtheater als Theätre francais zu 
erhalten, Noverre demfelben zuzugefellen und nur drei Tage der Woche für die italienifche Oper oder 
das deutfehe Schaufpiel zu referviren. Um dies zu ermöglichen und fich felbft zu erhalten, fuchte und 
fand Afflisio zwei neue Opfer feiner Affociirungstendenzen. Es waren Francesco Lo Presti, ein 
Sohn des emeritirten Oberften und Theaterdire&ors Rocco, der fich felbft (von dem Mifstrauen der 
Kaiferin verfolgt) forgfältig hinter den Couliffen verbarg, aber für feinen Sohn garantirte, und kein 
Geringerer als — Chriftoph Willibald Ritter von Gluck. Es war wohl das unglücklichfte Debüt, das 
der grofse Meifter der Töne diesmal wagte; feine Biographen haben es der Welt auch nur ganz leife 
angedeutet. Sein Lebensbild bleibt aber unausgeführt, wenn man den grofsen Reformator im Reiche der 
Mufik nicht ein wenig als — Adminiftrator und Mitdirector der Wiener Theater betrachtet, und 
diefes Amt bekleidete, wie wir der Welt verrathen muffen, während einiger fchwerer und koftfpieliger 
Monate der Ritter Gluck. Sein »Affociationsvertrag« mit Afflisio datirt vom 11. 06tober 1769 und 

38" 



152 

fichert ihm wie Lo Prefti ein Viertel des Gewinnes gegen die Verpflichtung zu, Alles dazu beizutragen, 
um die Speclakel ehrenvoll und erfolgreich fortzuführen (con decenza e avantaggio li prefenti fpeclacoli). 
Von dem aus einer »ottima direzione« refultirenden Nutzen wäre die Schuld Afflisios an das Haus 
Bender (82.000 fl.) abzutragen; die Particularfchuld an das Haus Friesz & Co. (25.000 fl.) übernahmen 
Gluck und Lo Prefti auf ihr Conto. Dies war der Laften genug, denn Afflisio war thatfächlich um das 
Hab und Gut gekommen, das er vielleicht befeffen hatte, und in Schulden gerathen, die er gewifs nie 
bezahlen konnte. In feiner grenzenlofen Verlegenheit hatte er fogar der Ariftokratie angeboten, all' 
feine Rechte und Pflichten gegen eine geringe Zahlung zu übernehmen — der Antrag war abgelehnt 
worden. Ihm war es alfo ziemlich gleichgiltig, was nun gefchah; er ging nach Italien, um neue Reffourcen 
undKräfte zu fuchen, und liefs Gluck als Adminiftrator der Wiener Bühnen zurück. Das war wieder für 
diefen eine Laft, die er nicht zu tragen vermochte. Gluck's Auge blieb auf die italienifche Oper gerichtet. 
Das franzöfifche Schaufpiel hielt er aus fchuldigem Refpecl gegen Kaunitz und die »Nobleffe« in Ehren, 
die deutfche Komödie intereffirte ihn ebenfowenig als Afflisio. Daher kommt es, dafs fie während 
feiner Adminiftration völlig verfiel. Wir muffen fogar, um der Gerechtigkeit willen, einen feit einem 
Jahrhundert auf Afflisio laftenden Fluch auf Gluck's Haupt wälzen, das uns ja noch immer ehrwürdig 
genug bleibt, wenn es auch nicht das Haupt eines guten deutfchen Theaterleiters war. Niemand Anderer 
als der grofse Meifter der Töne war es nämlich, der im Oclober 1769 dem regelmäfsigen deutfchen 
Schaufpiel den Todesftofs zu verfetzen plante; Gluck und nicht Afflisio war es, der die Auflöfung 
der in den Monaten der Bender-Heufeld'fchen Herrfchaft wohlgefügten deutfchen Truppe durch- 
zuführen bereit war.* Die beiden kaiferlichen Theater hätten, wenn diefer Plan realifirt worden wäre, keine 
flehende deutfche Gefellfchaft mehr gehabt; man hätte nur fremde Burlesken-Compagnien gafliren laffen. 
Die erfte diefer Truppen follte die fogenannte »Badener« unter Führung des Principals Menninger fein, 
welche im Leopoldflädter Theater das Publicum »durch die unanftändigfle Poffenreifsung vergnügte«. 
Schon war Alles vorbereitet, der Tag des erflen Auftretens der Extemporanten im Kärntnerthortheater 
beftimmt, als Stephanie sen. in einem »allerunterthänigflen Promemoria« unmittelbar von dem 
Monarchen Hilfe und Schonung für die mühfam gefchaffene regelmäfsige Bühne erbat. In diefem 
Promemoria 19 ifl ausdrücklich Gluck als derjenige bezeichnet, welcher als Theateradminiflrator auf 
Anregung Lo Prefti 's diefen Rückfall in die traurige Poffenzeit verbrechen wollte. Im Namen fämmt- 
licher deutfcher Acleurs proteflirt Stephanie dagegen und befchwort den Monarchen, diefes allen 
kaiferlichen Verordnungen gegen Zote und Unfinn widerfprechende Attentat zu verhüten, die Ehre der 
Nation zu wahren, den der Wienerfladt drohenden Schimpf abzuwenden und dem gefunden Menfchen- 
verflande wenigflens eine Bühne in Wien, das Kärntnerthortheater, zu erhalten. Es fpricht echtes 
künftlerifches Bewufstfein aus diefer Denkfchrift, ebenfo aber auch die berechtigte Angfl aller Regulären, 
durch das Gluck-Lo Prefli'fche Projecl gänzlich aus Wien vertrieben zu werden. In ihrem Vertrauen 
auf den Kaifer hatten fie fich nicht getäufcht; der Monarch liefs die Unternehmung wiffen, dafs er das 
Kärntnerthortheater jedenfalls an vier Tagen der Woche geöffnet und drei Abende der (regelmäfsigen) 
deutfchen Komödie gewahrt wiffen wolle. 

So war der beabflchtigte Schlag gegen die deutfche Komödie abgewehrt; nun galt es, auch die 
franzöfifche gegen die bekannten Verfuche der Unternehmer, fie abzufchütteln, dauernd zu fichern. 
Um in die Theaterleitung während der Abwefenheit Afflisio's eine gewiffe Einheitlichkeit und finanzielle 
Ordnung zu bringen, hatten die »Affocies« eine fogenannte ökonomifche Direction gebildet. Diefe 
verficherte am 3. November den Fürften Kaunitz als Repräfentanten des Adels ihres beflen Willens, die 
franzöfifche Komödie zu erhalten, wenngleich dies nur mit umfo gröfserem Verlufle gefchehen 
könne, da auch die deutfche Truppe beibehalten werden müfste. Man entfchliefse fleh alfo zur 
Aufrechterhaltung des franzöfifchen Schaufpiels, wenn der Adel feine Subfcription von 16.000 fl. und 

* Die Hauptgewährsmänner der meiften Burgtheater-Chroniften, Oehler und Müller, haben Afflisio diefe That zugefchrieben. 




J S DUPLESSIS PXT 



PHOTO GRAVÜRE R EAUUXSSEN.WIEN 



GLUCK. 



Schaft f \-ervielf Kunst in 



Vervielfältigung vorbehalten 



153 

fein Logenabonnement garantiren und wenn fich der franzöfifche Regiffeur Herr Burfay verpflichten 
wollte, nicht mehr als acht hervorragende Mitglieder, feine eigene Perfon inbegriffen, mit einem Etat 
von 26.000 fl. zu engagiren. 20 Zwar habe der adminiftrative Direclor, Chevalier de Gluck, gegen 
feine Inftructionen, bereits 27.000 fl., fammt Reifekoften für neue Künftler gezeichnet, doch fchade 
dies nichts, da Gluck dafür mit feinem eigenen Gelde aufkommen muffe. Die ökonomifche Direclion 
empfahl diefen Vorfchlag, der ihre äufserfte Conceffion bedeutete, der befonderen Gnade des Staats- 
kanzlers, der ja der Proteclor des Theaters fei. 21 Eine Vereinbarung auf diefer Bafis fchien wahrfcheinlich, 
der Vertrag mit Burfay war unterzeichnet; da erhoben fich neue Schwierigkeiten von Seite der franzö- 
fifchen Schaufpieler, welche entweder höhere Gageforderungen flehten oder fich mit Berufung auf 
Gefundheitsverhältniffe dem Engagement überhaupt entzogen. Die Direclion fah nun wirklich kaum 
einen anderen Ausweg vor fich, als all' ihre Rechte und Pflichten dem Adel zu übertragen. Schon am 
13. November erging eine fcharfe Note an die Theaterunternehmung, worin diefe aufgefordert wurde, 
binnen 24 Stunden dem Kaifer ihre letzten Entfchliefsungen bekanntzugeben. Der Monarch liefs ihr 
noch eine Wahl: die franzöfifchen Vorftellungen ohne Ballet dreimal wöchentlich im Burgtheater zu 
geben — im Gegenfalle würde der Hof, um das Publicum nicht diefes Vergnügens zu berauben, alle 
Privilegien der Afflisio'fchen Unternehmung zurückziehen und die Theater anderweitig vergeben. 

Die Unternehmung ftand vor einer Kataftrophe, und ihre binnen Tag und Nacht abverlangte Ent- 
fchliefsung war umfo fchwerer zu treffen, als Afflisio, der eigentliche »Pächter«, abwefend war. Nun 
war es Gluck, welcher in deffen Namen zur Feder griff und in einem von demfelben 13. November 
8 Uhr Abends datirten Briefe die ganze Entwicklung der Tragödie »Afflisio« darlegte und Auffchub 
wenigftens folange erbat, bis der unglückfelige Oberftlieutenant heimgekehrt fein würde. 22 Aber die 
Dinge duldeten keinen Auffchub mehr; Kaunitz verlangte entfchiedene und bindende Erklärungen von 
der Affociation Gluck-Lo Prefti, und diefe wendete fich mit einer umfangreichen, abermals von Gluck 
gezeichneten Denk- und Rechtfertigungsfchrift an den Kaifer. Diefes Memoire gab eine ganz 
eingehende Darftellung des finanziellen Elends, dem Afflisio und feine Genoffen verfallen waren, fuchte 
aber auch nach triftigen Gründen für diefen Lauf der Dinge und fand fie namentlich in den unnach- 
fichtigen, dabei inconfequenten und mit der finanziellen Beitragsleiftung in keinem Verhältniffe flehenden 
Anfprüchen der Ariftokratie. Man fagt — rief Gluck — die Nobleffe wolle das franzöfifche Schaufpiel. 
Warum blieb dann das Haus bei den fchönften Vorftellungen mit den prächtigften Balleten leer, und 
warum fanden fleh nicht einmal 30 Perfonen, welche je 100 Ducaten jährlich für ein ihnen angeblich 
fo werth volles Vergnügen geopfert hätten? 

Wie könnte es die Unternehmung nun wagen, franzöfifche Vorftellungen ohne die Ballete zu geben, 
nachdem fie fchon 40.000 fl. an Gage für Tänzer und Tänzerinnen pro 1770 ausgegeben habe? 
Und wie könne ein Unternehmer beftehen, den man gerade zum Engagement beftimmter Acleure 
und Aclricen verpflichte? Sollte fich wirklich Jemand finden, der all' diefen Anfprüchen zu genügen 
und gleichzeitig die Unternehmung Afflisio's für all' ihre Verlufte zu entfehädigen vermöchte, fo würde 
man ihm gern alle Rechte und Pflichten abtreten und Adel und Publicum dazu beglückwünfehen .... 

Kaunitz war über diefe Erklärung geradezu empört und kargte in einem noch an demfelben Tage 
niedergefchriebenen Handbillet an Wenzel Sporck nicht mit den fchärfften Ausdrücken für den 
»Galimathias, diefe Sophismen und falfchen Syllogismen« in der Gluck'fchen Erklärung und für die 
Afflisio'fche Entreprife überhaupt, diefe »Fourberie des mannoeuvres archi-italiennes«, diefes »Gebäude 
von Intriguen« von Seite der Gefellfchafter, welche die Ariftokratie nur dupiren wollten. Im Anfchlufs 
an diefes, an Schärfe kaum zu überbietende Billet 23 fandte der Fürft dem Grafen Sporck den Entwurf 
eines ebenfo fcharfen Decrets, das der Graf dem Kaifer zur Unterfchrift vorzulegen hätte, um von 
der Theaterunternehmung (weil »periculum in mora«) die fchleunigfte Entfcheidung, »entweder — 
oder«, zu fordern. Von diefem Decret ging der Kanzler zwar wieder ab; der Notenwechsel und die 

39 



154 

Mafsregelung der Direktion nahm aber ununterbrochen ihren Lauf. Kaunitz treibt Afflisio immer 
mehr in die Enge. Er erwirkt ein Hofdecret vom 18. November, worin dem Unternehmer bedeutet 
wird, man ftelle (ich nunmehr — da Afflisio die ihm in Sachen der franzöfifchen Komödie gewährten 
Begünftigungen nicht als befondere Gnade, fondern als Privilegium betrachte — auf den einfachen 
Standpunkt des Vertrages vom 16. Mai 1767, wonach die Pachtung verpflichtet fei. im Burgtheater 
franzüfifche Vorftellungen mit den beftmöglichen Kräften zu geben. Den finanziellen Jeremiaden 
d'Afflisio's hielt Kaunitz den nach den Büchern verificirten Theater-Etat pro 1769 entgegen, welcher 
eine Gefammt-Einnahme von 205.000 fl. und für das Jahr 1770 ein Ausgaben-Präliminare von 
165.720 fl.* ergab. Kaunitz fühlte ja feine eigene Perfon bei der ganzen Affaire ftark engagirt und 
compromittirt, er wollte und mufste die böfe Gefchichte endlich erledigen. Am 4. December erging 
abermals ein ebenfo knappes als fchneidiges Decret an Afflisio, der offenbar aus Italien herbeigeeilt war, 
um feine Sache nun felbft zu führen, man ihm die genaueren Ausweifungen über feine Vorkehrungen 
für das nächfle Jahr abforderte und rief ihm neuerdings die bindenden Vertragsverpflichtungen 
vom Jahre 1767 ins Gedächtnifs zurück. Derart in die Enge getrieben, wandte fich Afflisio am 
7. December mit einer Immediat-Eingabe an den Kaifer. Bitter klagt er darin, dafs er fich beim befien 
AVillen und mit Aufopferung all' feines Gutes nur Feinde gemacht habe und genöthigt fei, diefe 
ruinöfe Pachtung abzutreten, da er fich aufser Stande fühle, die Beltimmungen des Vertrages vom 
Jahre 1767 einzuhalten, wenn man ihn nun des kaiferlichen »Privilegiums« betreffs der Einftellung 
der franzöfifchen Vorftellungen berauben wolle. Nur auf diefes kaiferliche Wort bauend, habe er feinen 
Vertrag mit den Affocies abgefchloffen. Er verlange nichts als die Rückgabe feines Depots, Beibehaltung 
aller Contracle mit den Mitgliedern und Einfetzung einer Commiffion zur Ordnung feiner Angelegen- 
heiten. »La justice de Votre Majeste«, ruft er aus, »ne me refusera pas. II est question de validite de 
contrat, de foi publique, d'interet particulier, de propriete, droits, credit, biens et subsistance de citoyens. 
Y-a-t-il quelque chose de plus sainte pour la religion des Rois et pour la Surete des Sujets?« Afflisio 
will nicht die Richter nennen, die er felbft anerkennen möchte; aber die Fürften Starhemberg, Wenzel 
Liechtenftein, Schwarzenberg und Auersperg, die Grafen Ferdinand Harrach, Hatzfeld, Althann, 
Chotek, Firmian, Breuner, Baron van Swieten und Koch, fie feien ehrenwerthe Männer und unerfchütter- 
liche Verfechter von Recht und Gerechtigkeit, fie könnten feine betten Richter fein. Wenn er die 
Trümmer feiner Habe zufammenzähle, fo könne er wohl dazu kommen, feine Schulden zu bezahlen 
und feine Angelegenheiten ehrenhaft zu ordnen. Die Perfon oder die Gefellfchaft, die an feine Stelle 
träte, würde vielleicht mit mehr Intelligenz und Erfolg die Mittel finden, ihre Intereffen mit den 
Anfprüchen des Adels in Einklang zu bringen. Für fich felbft erbitte er nichts als die Fortdauer der 
kaiferlichen Gnade und die Vergünftigung, fich bei dem Publicum gegen die verleumderifchen Anklagen 
vertheidigen zu dürfen, die gegen ihn vorgebracht worden feien. Die Entfcheidung des Kaifers 
findet fich in knapper Kürze in einer handfchriftlichen Refolution: 

»Afflisio doit se determiner positivement, si il veut abandonner l'Entreprise des Spedtacles de ranger tout pour Ie Depot et les effets avec 
le Comte Spork et ensuite cherche, in via juris, ce qu'il demande.« 

Kaunitz liefs diefer Refolution ein weiteres Entweder-Oder mit Androhung der Concursaus- 
fchreibung folgen, und da die Antwort abermals unbefriedigend ausfiel, trug er dem Kaifer fehr energifch 
die ganze bösartige Angelegenheit vor, da fie nachgerade von öffentlicher Bedeutung geworden fei, das 
Publicum zum »Opfer der gottlofeften Betrügereien« zu machen drohe und den Hof felbft beleidige 
und compromittire. 24 Es fei offenbar, dafs Afflilio nur Zeit gewinnen wolle, ohne fich zu etwas zu ver- 
pflichten; er wage es, die Geduld des Hofes, der Stadt und der Schaufpieler hinzuhalten, um fchliefslich 

' Burgtheater-Abonnement 42.000 fl., Eintrittsgelder dort 45.000, Deutfehes (Kärntnerthor-) Theater 82.000, Bälle in den Redoutenfälen 8000, 
im deutfehen Theater 7000, .Mufik-Akademien 3000, Deutfche Theater in den Yorfiädten 4000, fremde Vorftellungen während des Jahres 4000 fl., 
Hetz 10.000 fl. 



155 

doch mit allen Vortheilen und ohne Erfüllung feiner Verpflichtungen zu bleiben. Argliftig gebe er fich das 
Air eines Menfchen, der fich aus gutem Willen ruinirt habe, und rufe das Mitleid Aller wach, die fein ver- 
fchmitztes Manöver nicht durchfchaut haben. Gegen ihn gebe es jetzt nur Ein Mittel, und dies fei ein 
Decret, das er (Kaunitz) dem Monarchen vorlege. Damit allein werde man diefe odiofe Affaire aus der 
Welt fchaffen, welche nun fchon anfange, unanftändig zu werden. Wenn diefer Vorfchlag nicht ange- 
nommen werde, fo werde es Afflisio gelingen, mit der Hofdireclion, welche vor Allem Se. Majeftät felbft 
repräfentire, feinen Spott zu treiben und fie zur traurigen Figur in den Augen des zum Opfer der 
fchändlichften Manöver gewordenen Publicums zu machen. Das von Kaunitz verfafste Decret an Afflisio 
entfprach diefem Memoire. Die Hofdireclion (Sporck) fordert ihn auf, binnen 24 Stunden das Engagement 
der franzöfifchen Schaufpielkräfte Dlles. Dorsay, Sainville und Suzette, der Herren Demarets, Bursay, 
Deville und Montfoulon anzuzeigen, fowie fich zu verpflichten, die beftmöglichen Speclakel zu geben 
und fofort jene Perfonen zu engagiren, welche auf eine vollftändige, dreimal wöchentlich fpielende 
Truppe fehlen. Thue er dies nicht, fo werde feine Unternehmung als erlofchen erklärt und ein Concurs 
für die nächften Oftern ausgefchrieben werden. Sein (Afflifios) Contracl fei fein einziges Recht, jede 
andere Begünftigung des Hofes fei durch das Decret vom 18. November widerrufen und nie wieder 
zu erwähnen. 

Wenn man glaubt, dafs Oberftlieutenant d'Afflisio nunmehr, niedergefchmettert, fein Pater peccavi 
gefprochen oder fein Ränzlein gefchnürt habe, fo irrt man. Der tapfere Krieger wich nicht von feinem 
Poften; er verleugnete nach wie vor die Rechtmäfsigkeit des Hofdecretes vom 18. November, das 
die gnadenweife, zeitweilige Enthebung von der franzöfifchen Komödie widerrufen hatte. Er könne 
unmöglich — fchrieb er noch an demfelbenTage (19. December) an den Grafen Sporck — das Intereffe 
feiner generöfen Freunde (Gluck, Lo Prefti u. f. w.) aufopfern, welche nur im Vertrauen auf das geheiligte 
Wort Sr. Majeftät ihr Vermögen für ihn eingefetzt hätten. Auch erkenne er die Hofdireclion in diefer 
Sache als »eine Partei, nicht als feinen Richter« an. Er renuncire alfo feinen Vertrag nicht und glaube, 
alle feine Verpflichtungen zu erfüllen, auch ohne franzöfifche Komödie. Das fei der Streitpunkt, den 
die Gerichte zu entfcheiden hätten. Würde ihn aber die Hofdireclion vor diefer Entfcheidung zum 
Engagement einer franzöfifchen Truppe verpflichten, fo würde er dagegen proteftiren und die Hof- 
direclion für allen daraus erwachsenden Schaden verantwortlich machen. Er werde feine Mafsnahmen 
treffen, um für die nächfte Saifon eine gute franzöfifche Truppe laut Contracl zu engagiren; binnen 
24 Stunden aber das Engagement einer folchen Truppe bei einer Entfernung von 320 Meilen von Paris, 
200 Meilen von Frankreich vorzulegen, dies werde Se. Excellenz und die kaiferliche Gerechtigkeit als 
unmöglich erkennen. Er proteftire alfo gegen das Decret der Hofdireclion und vertraue auf die Ent- 
fcheidung der Gerichte und die Gerechtigkeit des Monarchen. Kaunitz war wüthend und theilte 
Afflisio's Antwort noch an demfelben Tage dem Kaifer gleichzeitig mit dem Entwürfe einer neuen 
Note an Afflisio mit. An den Kaifer fchrieb Kaunitz: 

»Sire! Je ne puis pas m'empecher de donner ä V. M. encore une fois l'ennui de la ledure d'un papier sur cette miserable affaire des 
Theatres. J'espere cependant que ce sera le dernier, et moyennant cela, je La supplie de vouloir bien excuser la liberte, que je prends avec la 
plus profonde soumission . . . .« 

Und nun entwickelt der Fürft dem Kaifer die ganze Sachlage. »II n'y a pas une seule proposition dans 
toute la lettre du Sr. Afflisio adressee au comte de Sporck le 19. du courant« — fchreibt der Kanzler — 
»qui ne soit fausse, insoutenable et contraire au respecl, qui est du ä Sa Majefte et ä la Direclion 
des Speclacles de la cour qui est l'organe de ses volontes dans tout ce qui a rapport ä l'Entreprise des 
Theatres . . . .« Nichts könne unverfchämter fein, als das Wagnifs, einem Souverain zu fagen, dafs 
er eine Gnade nicht widerrufen könne, die er einmal gewährt hatte. Nun trete die im Decrete ausge- 
fprochene Drohung, einen Concurs für die neue Pachtung auszufchreiben, der Verwirklichung näher. »Si 

39* 



156 

Sa Majeste« — fchliefst Kaunitz — »m'ordonne de faire le projet de ravertissement, qui en resulte, je 
le ferai, le plutöt possible: si non, il en sera, comme de raison, tout ce que Sa Majeste ordonnera.« .... 
Wie fehr man das Bedürfnifs nach einer endlichen Regelung diefer peinlichen Theaterkrifis empfand, geht 
aus gewiffen Vorfchlägen hervor, welche während diefes Noten- und Decreten-Hagels mitunterliefen. So 
verfuchte es am 17. December der an der Affociation betheiligte Coltellini mit einem Vermittlungs- 
vorfchlage, wonach die Unternehmung dem Adel das Burgtheater für drei Abende der Woche behufs 
Abhaltung franzöfifcher Yorftellungen ohne Ballet auf eigenes Rifico anbot. Dann lief bei der Hofdireclion 
das Projecl einer Lotterie ein, aus deren Erträgnifs die zur Erhaltung der franzöfifchen Komödie 
nöthige Summe von 6000 Ducaten pro 1770 aufgebracht werden follte. Auch der Kaifer war für eine 
Applanirung der Sache; er theilte offenbar den Feuereifer des Staatskanzlers nicht, zumal ihm die 
Erhaltung der franzöfifchen Komödie nicht als das höchfte und idealfte Ziel einer guten Theaterleitung 
erfchien. Defshalb fiel die Mafsregelung Afflisio's bei weitem milder aus, als Kaunitz forderte. Obwohl 
man die Antwort des Unternehmers durchaus nicht befriedigend fand, gab man fich doch mit der 
Verficherung zufrieden, dafs er 1770 eine gute franzöfifche Komödie vertragsgemäfs herftellen wolle. 
Konnte d'Afflisio eine sanftere Erledigung feiner verwickelten Affaire erwarten? Kaum. Und trotzdem 
hatte er immer neue Subventions-Schmerzen, trotzdem trat er mit immer neuen Proje£ten an 
Kaunitz und den Adel heran, dem er am liebften das ganze Burgtheater und die comedie francaife 
überlaffen hätte. 

Waren die bisherigen Schwierigkeiten und Verdriefslichkeiten Afflisio's hauptfächlich wegen der 
franzöfifchen Komödie entftanden, deren Bevorzugung ihm die Theater-Fabuliften von Oehler bis 
Laube zum unbegründeten Vorwurfe gemacht haben, fo mehrten fich nun auch die kritifchen, unhalt- 
baren Zuftände im deutfchen Schaufpiel, welches dem Oberftlieutenant an und für fich vollkommen 
gleichgiltig war. Man kann fich denken, mit welchen Beforgniffen Gebier, Sonnenfels und die anderen 
Reformatoren der Zukunft der »gereinigten« deutfchen Bühne unter folch' k raufen Verhältniffen 
entgegenfahen. Afflisio hatte nur einen Gedanken, und das war die Befchaffung von Geld. Wie er 
dazu kam, das war ihm höchft nebenfächlich. Da er nun die praktifche Erfahrung gemacht hatte, dafs die 
extemporirte Burleske der Caffa noch immer fehr wohl bekomme, und da man ihn an die glanzvollen 
Zeiten des grofsen Bernardon erinnerte, der nur auf das Signal zur Rückkehr wartete, entfchlofs er fich, 
diefe herrliche Zeit um jeden Preis zurückzuzaubern. Diefem Entfchluffe ftand allerdings das kaiferliche 
Verbot aller Bernardoniaden und zotenhaften Burlesken und die Einfchränkung des deutfchen 
Repertoires auf ftudirte Stücke im Wege; aber auch dafür gab es eine Hilfe. Giuseppe d'Afflisio reichte 
am 16. December 1769 bei dem Kaifer ein allerunterthänigftes »Promemoria« ein, welches in über- 
zeugender Weife die Unmöglichkeit, bei diefem »regelmäfsigen« Repertoire auszuhalten, die fittliche Unge- 
fährlichkeit der Burleske und deren finanzielle Notwendigkeit darthun follte. Afflisio bittet geradezu um 
die Erlaubnifs zur Pflege des extemporirten Stückes und ift bereit, dasfelbe durch einen beftellten Cenfor 
überwachen zu laffen. Er citirt das ganze deutfche Theater-Repertoire, insgefammt 34 Stücke, darunter 
6 gänzlich, 9 halbdurchgefallene, 10 Cberfetzungen aus dem franzöfifchen — bleiben 19 brauchbare Stücke 
und 6 halbwegs entfprechende kurze Nachfpiele. »Ausländifche« deutfche Stücke feien in Öfterreich 
zumeift unwillkommen, da fie den »hiefigen Sitten nicht entfprechen« und die öfterreichifchen feien nicht 
zahlreich genug. Für rafche Abwechslung lernen die Schaufpieler zu langfam, und fpielen beliebte 
Acleurs nicht, fo riskiren ihre Vertreter das Auspfeifen: bei Repetitionen aber gebe es leere Häufer. 
Auf diefem etwas gewundenen Wege kam Afflifio zu dem Schlufse, dafs das extemporirte Stück 
derzeit noch unentbehrlich fei: es könne ja ebenfo »gefittet« als das ftudirte fein; auch werde die 
Direction die allergröfste Sorge dafür tragen, dafs auch nicht eine unanftändige Silbe gefagt werde. 
Deshalb bitte fie um Aufftellung eines Cenfors, welcher den Generalproben und Yorftellungen bei- 
wohnen und dann am beften über alles Rechenfchaft geben könnte. 2 ' 1 



157 

Man wird in diefer Vorftellung des Theaterpächters vergebens grofse künftlerifche Gefichtspunkte 
fuchen. Afflisio ftellte fich einfach auf den Standpunkt des praktifchen Theatergefchäftsmannes, der die 
fchlechtere Waare weiterführen wollte, weil fie gröfseren Gewinn verfprach. Aber es gab in Wien 
bereits Männer, denen die deutfche Schaubühne mehr war, als das Gefchäft eines fremdländifchen 
Speculanten. Tobias Philipp Freiherr von Gebier, k. k. wirklicher Staatsrathund Ritter des königl. ungar. 
Stephansordens, trat nun entfcheidend in die Aclion und gab fein fchwerwiegendes Votum gegen die 
Bitte Afflisio's ab. Gebier ftand damals noch nicht auf dem Gipfel feiner Macht und feines Einfluffes; er 
war auch noch nicht mit feinen bedeutenderen dramatifchen Werken hervorgetreten, aber als Mitglied 
des Staatsraths für die innere Verwaltung der Monarchie und als Vertrauensmann des Kaifers hatte er 
einen ftarken Einflufs und wufste ihn in Angelegenheiten des Theaters* auszuüben. Er erklärte in 
einem dem Hofe erftatteten Gutachten die Bedeutung eines guten, »gereinigten« Theaters für den Staat, 
die Moralität und Ehre des Vaterlandes. Die Folge davon war eine vom 15. März datirte kaiferliche 
Verordnung, wodurch der Theatercenfur nicht blofs eine Macht gegen alle der Religion, dem Staate und 



den Sitten fchädlichen Vergehen, 
fondernauchgegen den »Theater- 
Unfinn«gegebenund,genaunach 
dem Wunfche Afflisio's, ein 
Cenfor — es war, wie wir noch 
erfahren werden, Jofeph von 
Sonnenfels — beauftragt wurde, 
den Burlesken-Vorftellungen bei- 
zuwohnen, fie genau zu be- 
obachten und gegen das Ex- 
temporiren einzufchreiten. 

Bald zeigte es fich, warum 
Oberftlieutenant d'Afflisio fo- 
viel Eifer und Eile entwickelte, 
der extemporirten Komödie ein 
verlängertes und leichteres 
Leben zu erwirken. Er hatte 
wirklich den zweiten Vater der 
Burleske, den noch immer that- 
kräftigen Bernardon - Kurtz, 
zum Retter feiner darbenden Caffa 




erkoren, und für das Ereignifs 
diefes Wiederauftretens follte 
Stimmung gemacht werden. Das 
war allerdings fehr nothwendig, 
denn jünger war weder Papa 
Bernardon noch feine Kunft in 
den Jahren feiner Abwefenheit 
von Wien geworden ; die neuere 
Generation kannte weder ihn, 
noch feinen Ruhm. Den Alten 
allerdings wurde es gar wohl 
um das Herz, als fie fich der 
Vorahnung fo lang entbehrter 
Poffen-Genüffe hingeben durften. 
Bald fah man fein intereffantes 
Haupt, in Kupfer geftochen, 
boshafter Weife als Pendant zu 
dem bekannten Sonnenfels- 
Kopfe ausgeftellt; man erkannte 
ihn freudig wieder, den Cavalier 
unter den »Poffenreiffern«, den 



vornehmen Herrn Baron, der nach Prehaufers Tode wohl als der Altvater der Wiener Burleske gelten 
mufste. Der neuen Vorfchrift gemäfs, forderte man fein Repertoire vor den Richterftuhl derCenfur; 
Bernardon fchüttelte zwar unwillig das Haupt, aber gehorchte — fühlte er fich doch als Dichter nicht 
geringer als alle die kleinen Geifter, welche den böfen Geift der Cenfur heraufbefchworen hatten. Die 
Fanatiker der gereinigten Komödie waren für ein unbedingtes Verbot der Bernardoniade, welche die 
Kaiferin felbft vor 17 Jahren fo unzweideutig verdammt hatte, aber die Cenfur war barmherziger 

* Tobias Philipp Freiherr von Gebier war zu Zeulenroda im Reufsifchen am 2. November 1726 geboren und flammte aus altadeligem 
Gel'chlechte. Er felbft ftudirte in Jena, Göttingen und Halle die Rechte, unternahm gröfsere Reifen, wurde 1748 holländifcher Legationsfecretär am 
preufsifchen Hofe, trat 1753 in öfterreichifche Dienfte als Hoffecretär bei dem Ober-Commerzcollegium in Wien, nahm den römifch-katholifchen 
Glauben an und erleichterte dadurch feine Carriere. 1759 wurde er Rath und wirklicher Referent in Münz- und Bergwerks-Sachen, 1762 Hofrath bei 
der böhmifchen und öfterreichifchen Hofkanzlei, 176S Mitglied des Staatsraths für die innere Verwaltung der Monarchie, 17S2 wirklicher Geheimer 
Rath und Vicekanzler der böhmifch-öfterreichischen Hofkanzlei. 1763 wurde er in den Ritterftand erhoben, erhielt 1765 das böhmifch-mährifch- 
fchlefifche Indigenat, wurde den tirolifchen, niederöfterreichifchen, kärntnerifchen und krainifchen Ständen einverleibt, 1768 durch den Freiherrn- 
ftand und den St. Stephansorden ausgezeichnet. Er ftarb zu Wien 9. Odtober 1786. 



40 



158 

oder — wie man nachträglich meinte — boshafter, indem fie ihr zwar den Zutritt in die heiligen 
Hallen des Mufenhaufes nicht wehrte, aber dem Dichter die Flügel befchnitt, auf denen er fich vordem 
fo kühn durch alle Lüfte und Fabelreiche gefchwungen hatte. Man »reinigte« die Bernardoniade von 
allen Unfauberkeiten, entzog ihnen die Würze der groben Satvre, welche fie fo fchmackhaft gemacht 
hatte, und fetzte fie als fchales Gericht dem fpannungsvoll harrenden Publico vor. Wieder fah man die 
berühmte »Serva Padrona, die grofse Weiber- und Bubenbataille«, und die armen »Regulären« mufsten 
fich fo tief erniedrigen, die Tollheiten mitzumachen. Joh. Heinr. Friedr. Müller galoppirte auf einem 
Fafsreif, an welchem ein cachirter Pferdekopf und eine gemalte Chabraque befeftigt war, auf der Bühne 
herum; die vornehme Weidnerin fpielte die bekannte Jungfer Ifabell, Thränen der Wuth in den fchönen 
Augen, und Vater Bernardon gab fich alle Mühe, fo jung und komifch zu fein wie in feinen fchönften 
Tagen. Aber er mufste fich eben Mühe geben, das zu fcheinen, was er nicht mehr war; man fand manierirt, 
gezwungen und albern, was ehedem fo ftürmifch belacht worden war; die gröfsten Bernardon-Enthufiaften 
verloren den Glauben an ihr Kunftideal, das fich fo fchmerzlich verändert hatte. Kurtz, mit welchem 
auch feine Gattin als Schaufpielerin und Sängerin zurückgekommen war, fpielte nicht oft; die 
»Judenhochzeit«, eine feiner fchlimmften Farcen, brachte ihm ein völliges Fiasco; er gab feine Sache 
und den Kunfifinn der Wiener verloren und empfahl fich von der undankbaren Vaterftadt .... 

Afflifio's letzte Hoffnungen auf Genefung feiner fterbenskranken Theatercaffe waren erlofchen; er 
war mit Bernardon verloren. Der Glücksritter beeilte fich nun, ebenfalls fo rafch als möglich den Schau- 
platz der Ereigniffe zu verlassen, von Niemand beklagt als von feinen Affocies, die ganz anftändige 
Summen bei diefer unglücklichen Theaterfpeculation eingebüfst hatten. Gluck insbefonders klagt in 
einem Briefe an Kaunitz, dafs er und feine Gattin faft ihr ganzes Vermögen dabei »zugebrockt«, die arme 
Frau allbereits auch ihre Gefundheit verloren habe. Das letzte Opfer des unglücklichen Theaterfpeculanten, 
das ihm einen anftändigen Rückzug ermöglichen follte, war ein kunftfinniger ungarifcher Cavalier, der 
in Venedig die verhängnifsvolle Bekanntfchaft Afflifio's gemacht hatte. Es war Johann Graf Kohäry, der 
Sprofs eines Gefchlechtes, das zu den vornehmften und reichfien Ungarns zählte und der Kunft 
befonders wohlwollte. Aufser diefem idealen Momente waren gewifs noch andere Beweggründe mafs- 
gebend für den Grafen, fein Vermögen einem fo fchwankenden, discreditirten Gefchäfte zu widmen 
und fchliefslich fogar Theaterunternehmer zu werden. In einer Eingabe an Kaunitz vom 
20. Mai 1770 lernen wir fie annähernd kennen. Oberftlieutenant d'Affiisio hatte Kohäry, als 
fich derfelbe einer Krankheit wegen in Venedig aufhielt, befchworen, ihn aus der grenzenlofen 
Verlegenheit, in welche er gerathen war, zu erlöfen. Der Graf befreundete fich, wie er eingefteht, mit 
diefer befremdlichen Zumuthung befonders aus dem Grunde, weil er den Hof von den demfelben äufserft 
mifsliebigen Affocies Afflisio's (d. h. alfo Gluck und Lo Prefti) erlöfen wollte. Indem er einen A6t der 
Humanität gegen den verzweifelten Theater-Oberftlieutenant übte, hoffte er zugleich, »die Affociation 
zu brechen, welche dem Hofe mifsfiel und dem Publikum läftig war«. Dies theilte er dem Kaifer mit, 
und der hochherzige Fürft nahm fein Vorhaben nicht nur gnädig auf, fondern gab auch feinem Wunfche 
Ausdruck, die ganze Entreprife fozufagen unter den Augen des Hofes, niemals ohne Wiffen desfelben, 
wirken zu fehen. So ein Wink war für Kohäry Befehl. Zuerft begnügte er fich damit, dem Oberft- 
lieutenant jene ftattliche Summe (110.000 fl.) zur Verfügung zu ftellen, welche ihn aus der Abhän- 
gigkeit von den Affocies befreite. Dies gefchah durch ein Privatabkommen mit Afflisio und durch 
einen ganz klar formulirten Vertrag mit den Affocies, unter denen diesmal ftatt des Freiherrn 
Francesco Lo Prefti offen deffen Geldgeber und Vater, der uns wohlbekannte Oberft Rocco Freiherr 
von Lo Prefti, genannt ift. 26 

So dachte fich Kohäry Anfangs fein Opfer für das Wiener Theater. Je mehr er fich aber mit 
Afflisio's Verhältniffen befafste, deftomehr erfchrak er über die verhängnifsvolle Bedeutung feines 
Schrittes. Nicht genug, dafs aufser den 110.000 fl., welche des Oberftlieutenants Hauptfchuld aus- 



/^c aif / t^c 



3 



y* 



/£) Q\j^S. — ^kj^JL, -£■ MJb KKJb Y^*- 



s****** 









^— * V — o 



*: ci^T«^ *.^rt.^^fz± 



W tf/. <x? 



t<v ö 







v> ■ 



£-«ff#£H 



s& 



. 



■ -■ ^ ■- 



*\#% 



wüPb 






cm*. 



A< 



3&: 



*+>:■■■*; ^- 



■c^aiin 






«iE 



mw 



159 

machten, immer wieder neue Nebenfchulden zum Vorfcheine kamen, die zu tilgen waren, befand fich 
das Theater nachgerade in dem Zuftande greulichfter Verwirrung. »Ich fand einen Mangel an Ordnung.« 
fchreibt Kohäry an Kaunitz, »an Subordination, unnütze oder vielleicht fimulirte Ausgaben, eine Art 
von Strafsenräuberei (une sorte de brigandage), eine aufserordentliche Confufion, mit einem Worte, 
es war Alles zu befürchten, wenn man nicht auf Abhilfe dachte. Ich kannte kein anderes Mittel, um 
mein Capital zu retten, als mich felbft an die Spitze der Entreprife zu (teilen und Alles zu dirigiren, 
mit Ausfchlufs des Afflisio.« In diefer Erkenntnifs warf er fich nun vertrauensvoll in die Arme Kaunitz', 
flehte den Kanzler an, ihm mit feiner hohen Protection, feiner erleuchteten Weisheit beizuftehen, damit 
fich der unabwendbare Syftemwechfel in der Theaterleitung in der von ihm angeftrebten Weife voll- 
ziehe. Kohäry unterbreitete dem Staatskanzler ein fertiges Projecl hiefür: er glaubte, da er mit der 
Würde eines k. k. Kämmerers ausgezeichnet fei, nicht felbft der Dire6tion feinen Namen geben zu 
dürfen, fondern einen anderen fubftituiren zu muffen. Auch meinte er, ein einziger Mann könne nicht 
alle drei Kunftgebiete beherrfchen; es follten alfo fpecielle Dire6toren für die deutfche und franzöfifche 
Komödie und für das Ballet ernannt und diefen Triumvirn einige Männer von Geift und Gefchmack 
beigefeilt werden, welche gemeinfam ein Comite zur Überwachung der ökonomifchen Wirthfchaft, zur 
Hintanhaltung jedes Betruges und zur Befprechung der aufzuführenden Stücke zu bilden hätten. Man 
wage es zwar nicht, Kaunitz zu bitten, dafs er feinen Geift ebenfalls diefem Comite widme, aber man 
bitte ihn, die tauglichen Perfonen hiefür zu ernennen. So hoffte man das Theater würdig der Unter- 
ftützung des Hofes und der Fürforge des Fürften und gleichzeitig entfprechend den Erwartungen des 
Publicums zu machen. Kohäry liefs zum Schlufs des merkwürdigen Planes feinen eigenen Herzens- 
wunfch einfliefsen, der dahinging, anftatt des auf einen anderen Poften zu erhebenden Grafen Sporck 
mit der Würde eines Mufik-Cavaliers ausgezeichnet zu werden, eine Stelle, die er fich fchmeichle, 
ausfüllen zu können, »da er einige mufikalifche Kenntniffe befitze«.* 

Genau fo dachte zwar Fürft Kaunitz keineswegs über die Sache; aber die Nothwendigkeit eines 
vollkommenen Syftem- und Perfonenwechfels in der Bühnenleitung war ihm vollkommen klar, und 
die Perfon des Grafen Johann Kohäry fchien ihm nicht ungeeignet für den neuen Theater-Gebieter, 
zumal der Graf fo offen und demüthig die Souveränetät des Staatskanzlers in Theaterangelegenheiten 
anerkannte. Auf den Titel eines Mufikcavaliers mufste der Graf freilich verzichten; auch erfchien feine 
Kämmererswürde dem Fürften Kaunitz durchaus als kein Hindernifs für die öffentliche und nominelle 
Übernahme der Bühnenleitung. Am 31. Mai 1770 kam die formelle Ceffion der Gefammt-Theater- und 
Hetz-Dire6tion von Afflisio an Kohäry zu Stande, worüber der Oberftlieutenant eine bindende Erklärung 
ausdeute. Er trat dem Grafen feine fämmtlichen Privilegien und Rechte ab und bürdete demfelben 
dafür all' feine zahlreichen finanziellen Verpflichtungen auf; Kohäry übernahm fogar »par une pure 
generosite« gewiffe Wechfelfchulden Afflisio's und deffen Verbindlichkeiten gegen Kaufleute, die fo 
unvorfichtig gewefen waren, dem Theaterunternehmer zu creditiren. Das Verfprechen, Kohäry nie mehr 
zu beläftigen, kam gewifs nicht überflüffiger Weife in der Ceffionsurkunde vor. 27 

Der neapolitanifche Abenteurer Afflisio verfchwindet mit diefem 31. Mai 1770 vom Schauplatze der 
Wiener Theater-Ereigniffe und allmälig auch aus den Wiener Theater- und Polizei-A6ten. Er verfchwand 
und blieb unauffindbar. 28 Seine traurige Rolle war ausgefpielt; er mufste fich einen anderen Wirkungs- 
kreis für feine vielfeitigen Künfte fuchen. Ein »Brigant« und Falfchfpieler, der fich durch allerlei Schliche 
in die kaiferliche Uniform und an die Spitze des Wiener Theaterreichs gefchwindelt hatte: kann es eine 
merkwürdigere, traurigere Figur in der Wiener Theatergefchichte geben? Was aus diefem »sujet«, das 
felbft den alten Fuchs Kaunitz geprellt, die ganze Wiener Ariftokratie dupirt hatte, in der Folge geworden 
ift, fcheint nicht ganz ficher. Hat er wirklich, wie man erzählt und wie Cafanova andeutet, als Galeere n- 
fträfling geendet? Nach der Sprache der Wiener Theateraclen wäre diefes Schickfal immerhin möglich 

* A6len d. Gen. Int. Archivs. 

40* 



160 

gewefen. Dem Wiener Theater hat er viel Unheil, aber — feien wir gerecht — auch manche Errungen- 
fchaft gebracht. Er endete mit einem vollftändigen Bankerott, aber er hinterliefs fo viel künftlerifches 
Material, dafs fein Nachfolger nur energifch zu reformiren und zu regeneriren brauchte, um das Theater 
zu retten. . . . 



So war denn ein ungarifcher Magnat, ein echter und vornehmer Cavalier mit ftolzem Titel,* 
»Entrepreneur« der Wiener Theater, oder, wie es in dem Vertrage mit Afflisio wörtlich heifst, 
»Administrateur et Regisseur absolu« der Wiener Theater geworden. Mit idealem Schwurige und 
hochfliegendem Ehrgeize ging er an die neue, ungewöhnliche Aufgabe, für welche er im übrigen wohl 
nicht mehr als den beften Willen, ziemlich viel Geld und einige ganz dilettantifche Theaterkenntniffe 
mitbrachte. Aber das genügte ja, nach den uns bekannten Principien der Wiener Theaterverfaffung, für 
einen ariftokratifchen Direclor, wenn er fich nur mit einem Stabe wirklich Sachverftändiger für alle 
Specialzweige des Unternehmens zu umgeben verftand. Man mufs fich gegenwärtig halten, dafs es 
nicht die Leitung einer einzelnen Bühne, des Burg- oder Kärntnerthor-Theaters, fondern die Direktion 
und Verwaltung faft des gefammten Wiener Theaterwefens war, welche inKohärys fchwache Hand gelegt 
worden war. Die Herrfchaft über beide Schaufpielhäufer mit deutfchem und franzöfifchem Schau- und 
Singfpiel, italienifcher Oper, Ballet gröfsten Styls und Hetz-Amphitheater hätte einen ganzen Mann mit 
eiferner Hand gefordert — nicht einen liebenswürdigen Cavalier, deffen elegante Hand ängftlich umher- 
taftete, um fich irgendwo anzuklammern, um kräftige Stützen und verftändige Gehilfen zu gewinnen. 
Auf vollkommen fefter, künftlerifcher Balis, unter einem Herrfcher von unbezweifelter Güte, fand Kohary 
eigentlich nur das Ballet Xoverre's, das wir fchon kennen und achten gelernt haben. Die bedeut- 
famen Wandlungen, welche das deutfche Schaufpiel in der Aera Kohary durchzumachen hatte, 
werden wir in einem befonderen Abfchnitte unferer Gefchichte behandeln. Diefe Wandlungen leiteten 
ja zu jenem grofsen Ereigniffe hinüber, das der alten Wiener Theaterzeit ihr Ende bereitete. Die Opern- 
Thaten Kohärvs, welche von dem Xamen Gafsmann's unzertrennlich find, bleiben unferer Gefchichte 
der Wiener Oper vorbehalten. Hier betrachten wir zunächft jenen Theil feiner Entreprife, welcher als 
das »vornehmfte Speclakel«, als das »Schaufpiel der Xobleffe«, feine unmittelbare und perfönliche 
Einwirkung verlangte und gerade deshalb zuerft feine Ohnmacht offenbarte: das franzöfifche Theater. 

Die mächtige Stütze, auf welche er für diefen Zweig feiner Unternehmung ganz befonders vertraute, 
war der Staatskanzler Fürft Kaunitz. Hatte es Afflisio nicht verftanden, dieWünfche diefes Gewaltigen 
zu errathen und zu erfüllen, fo verfäumte Kohary nichts, die fichtbare Schwäche des Fürften für das 
Theater, feinen Ehrgeiz nach der leitenden Rolle auch auf diefem öffentlichen Gebiete zu befriedigen. 
Wir lernen Kaunitz als Ober-Leiter der Wiener Theater kennen; er begnügt fich nicht mehr 
damit, als Göttlicher in unnahbarer Höhe zu walten, fondern fteigt mitten unter das Theatervolk 
herab, um zu »engagiren, dirigiren, reprimandiren, juftificiren«, wie es Zeit und Gelegenheit verlangt. 
Um feine geliebte franzöfifche Komödie völlig zu retten und feinen Idealen entfprechend zu geftalten, 
fetzt er einen ganzen diplomatifchen Apparat in Thätigkeit. Der öfterreichifche Gefandte in Paris, Graf 
Mercy d'Argenteau, hat zu feinen fonftigen Agenden eine ganz artige Theater-Agentur für die 
franzöfifche Bühne in Wien zu beforgen. Kaunitz ift in höchfteigener Perfon um jedes einzelne 
Engagement bemüht; er bedenkt fich nicht, felbft die Dauphin e von Frankreich, Maria Antoinette, 
von deren Anhänglichkeit an die Heimat er überzeugt fein darf, und den Herzog von Choiseul für 
all' feine Theater-Sorgen zu intereffiren und wegen eines Künftlers oder einer Künftlerin, deren Gewinn 

* Der neue Entrepreneur wird folgendermaffen titulirt: >Der hoch- und wohlgeborene Herr Joh. Xep. Graf Kohary von Csabiag und Szymia, 
Erbherr zu Murany, Fulek, Baloquar, Derencseny. Kecskemet, Ebenthal und Walterskirchen, Herr der Herrfchaften Csabiag, Szytnya. Visk und Mende, 
Ihrer k. k. Apoftolifchen Majeftät wirklicher Kämmerer und des löblichen Horthenfer Comitats im Königreiche Ungarn erblicher Obergefpan.« 




;■ PxT. 



J SCHtlUTZf.R SCT. 



NZEL ANTON GRAF VON K AUNIT Z -RIETBERG. 



.'erlaq der Gesellscha Kunst laWSen- 



Photo (Sravure E Paulussea.'Wen. 



161 

für das Wiener Burgtheater ihm befonders werthvoll fchien, ihre Intervention anzurufen. Schon im 
Mai 1770 beginnt diefe rege Thätigkeit des Fürften zu Gunften des Wiener Theätre francais, deffen 
Enfemble ihm nicht minder am Herzen liegt, als die Erledigung der wichtigften Staatsgefchäfte. Befonders 
eifrig bemüht fich Kaunitz, 29 den in Wien unvergeffenen und vor Allen gefchätzten Aufresne, der in 
Strafsburg gebunden war, loszulöfen und für das Jahr 1771 an das Burgtheater zu ziehen. Er ift Feuer 
und Flamme für diefe Perfonal-Angelegenheit und führt eine umfangreiche Correfpondenz wegen diefes 
Einen Künftlers, welcher in der That der Befte der Franzofen in Wien gewefen war. Er fetzt fogar den 
Marfchall Contades, den Commandirenden in Strafsburg, in Contribution, um diefe Sache zu fördern, 
und erinnert den Marfchall an die beiderfeitigen guten Beziehungen in den letzten vier Jahren des Krieges 
in den Niederlanden vor dem Aachener Frieden, 30 um diefe neue Inanfpruchnahme feiner guten Dienfte 
zu rechtfertigen. Die Strafsburger Direclion verlangte nämlich ein Reugeld für Aufresne, und darauf 
wollte Kaunitz nicht eingehen, erftens um nicht den Schein zu erwecken, als locke er franzöfifche 
Künftler aus ihrer Heimat weg, zweitens um der Wiener Unternehmung nicht allzugrofse Laften 
aufzubürden, und drittens um fich nicht des Vergnügens zu berauben, diefes Engagement der Güte des 
Marfchalls zu danken. Kaunitz erfcheint immer mehr als Theaterdirector von Temperament, Energie, 
Sachkenntnis und einem Gefchäftsgeift, der von einem Berufs-Entrepreneur kaum überboten werden 
konnte. Seine Theater-Correfpondenz zeigt uns diefen feltenen Mann von einer neuen, bisher wenig 
oder gar nicht gekannten Seite. Von dem eigentlichen EntrepreneurGrafKohäry ift kaum mehr die Rede; 
Kaunitz macht Alles und gibt fich gar nicht die Mühe, diefe direkte Theaterthätigkeit zu verfchleiern. 
Wie weit fein Ehrgeiz in diefer Hinficht geht, erfahren wir aus einem Gefuche Kohäry's bei dem 
Kaifer, den Staatskanzler zum »Protector der Theater von Wien« zu ernennen. Die befondere 
Pikanterie der Sache aber befteht darin, dafs das Concept des betreffenden Gefuches (aufbewahrt im 
Wiener General-Intendanz-Archiv) den Vermerk tragt: »diele par son Altesse Elle meme« — der Fürft- 
Staatskanzler hatte alfo das intereffante Gefuch um die Verleihung der höchften Wiener Theaterwürde 
an feine eigene Perlon dem Theaterunternehmer felbft in die Feder dictirt!* 

Einen klareren Beweis für den Theaterehrgeiz des Fürften kann es nicht geben. Der A6t beweifi. 
aber auch, wie gleichberechtigt Kaunitz das Theater mit anderen künftlerifch-wiffenfchaftlichen 
Inftituten im Staate hielt, dafs der erfte Staatsmann fich nicht zu erniedrigen glaubte, wenn er zu der 
höchften Theaterwürde erhoben würde. Wir kennen die Erledigung des merkwürdigen Gefuches 
nicht; die Thätigkeit des Kanzlers auf theatergefchäftlichem und künftlerifchem Gebiete blieb aber 
unverändert rege. Gleich zu Beginn diefer Thätigkeit war eine noch von dem unfeligen Afflisio 
gefchaffene Schwierigkeit zu überwinden. Diefer hatte am 13. Mai 1770, alfo fchon während feines 
eigenen Wiener Schiffbruchs, in feiner pompöfen Würde als »Entrepreneur et Directeur general pour le 
Cour de tous les Spectacles de la ville de Vienne« dem Chevalier de Brea in Paris eine General- 
Vollmacht ausgeftellt, »d'engager au Service des Theatres priviliges de la dite ville tous les sujets, 
qu'il jugera necessaires pour former une bonne et complette troupe et comedie francaise«, mit der 
Verpflichtung, jeden von Brea abgefchloffenen Contracl zu ratificiren. Nun legte der Parifer Agent eine 
Reihe folcher Verträge vor, und Kaunitz griff perfönlich in die Sache ein, um Ordnung zu machen. Er 
motivirte den etwas befremdenden Umftand, dafs er (der Staatskanzler) felbft ftatt des Theater- 
unternehmers antworte, mit dem »Intereffe, dafs er an dem Grafen Kohary nehme und das ihn 

* Sacree Majeste: Je sens, que pour avoir le bonheur de pouvoir reussir dans l'intention oü je suis, de faire servir les Theatres de cette ville 
du mieux qu'il me sera possible, j'ai indispensablement besoin d'un guide eclaire et propre a en imposer ä tous les individus qui sont employes aux 
Theatres. Ces qualites se trouvent reunies dans la personne de Son Altesse Monsieur Le Prince de Kaunitz, qui a bien voulu avoir la generosite 
de m'aider jusqu'ici de ses conseils. Mais comme ce Seigneur ne veut point paroitre se meler des Theatres ä moins qu'il n'y soit autorise par Votre 
Sacree Majeste, et que le poids de son Nom, dont moyennant cela je ne puis me prevaloir, est une circonstance des plus importantes; j'ose supplie. 
V. Sacree Maj. avec la plus profonde Soumission, de daigner Le nommer Protecteur des Spectacles, ainsi, et de la meme facon, qu'il l'est dejä 
de l'Academie des Graveurs et des Ciseleurs. Je me flatte, que V. M. daignera m'aecorder cette grace, qui est pour moi tres importante et je prens la 
respeftueuse liberte de la lui demander par cette raison avec la Soumission la plus profonde. (Dictee par son Altesse Elle meme.) Gen-Int. -Archiv. 

-11 



162 

beftimme, fich mehr und gründlicher in die Schaufpiele einzumifchen, als er es bisher gethan«. Mit 
Erftaunen fehe er, dafs der Chevalier eine ganz neue Truppe für Wien engagire, obwohl man eigentlich 
nur einen Erfatz für Neuville fuche. Er mache Herrn de Brea nun aufmerkfam, dafs Afflisio zur Zeit, 
als er ihm die Generalvollmacht ausftellte, nicht mehr ohne Einvernehmen mit Kohäry handeln durfte. 
Trotzdem wolle er fich mit Brea's Vorfchlägen ernfter befaffen und unterfuchen, wie weit fie zu berück- 
fichtigen feien. Der grofse Kanzler vertieft fich nun in eine fehr umfiändliche Beurtheilung jedes 
einzelnen der vorgefchlagenen Künftler, und fein Urtheil ift nie ohne charakteriftifche Schärfe. 
Mr. Beaudot fei »zu bös in feinem Ton und Spiele und mit einem höchft mittelmäfsigen, für Wien 
unbrauchbaren Weibe« befchwert; Mr. Lange fei mit feiner Taille und feinem Fratzengeficht (marmouset) 
ebenfowenig zu gebrauchen; bezüglich des Herrn Senepart bitte er, ihn (Kaunitz) zu informiren über 
Alter, Taille, Figur, Organ, Talent und Sitten, »en un mot, de me faire son portrait, et d'en user de 
meine ä favenir ä l'egard, de touts sujets quelconque homme ou femme, dont vous serez dans le cas de 

me parier, parceque le nom seul des gens ne nous apprend rien « Diefe Informationen habe er 

direcl an ihn (Kaunitz) oder Kohäry zu richten, da Befehl gegeben worden fei, dafs fich kein Anderer 
in Theaterangelegenheiten zu mengen habe. Bezüglich einiger Kräfte hatte fich de Brea ins Einver- 
nehmen mit dem Botfehafter Graf Mercy d'Argenteau zu fetzen, da diefer feinerfeits auch fchon 
Engagements (z. B. das des Lamery in Lyon mit 8000 Francs) abgefchloffen hatte. In einem Briefe an 
Aufresne in Strafsburg (vom 14. Juli 1770) erklärt der Kanzler ausdrücklich, dafs er befchloffen habe, 
»fich von nun an direcl: mit Allem, was die Wiener Theater und vor Allem das franzöfifche Schaufpiel 
betreffe, derart zu befaffen, dafs nichts, was gegenwärtig oder künftig in diefer Hinficht gethan werde, 
ohne feine Ordre gefchehe«, und in einem Poftfcriptum zu demfelben Briefe bemerkt der Kanzler, 
Aufresne könne diefes und fein vorhergegangenes Schreiben als formelles Engagement betrachten. 31 Der 
Vertragsentwurf für Aufresne ift von Kaunitz felbft am 9. Juli 1770 entworfen; 32 der Fürft fcheut eben 
vor keinem theatralifchen Detail zurück; Kohäry wird hinfichtlich der franzöfifchen Komödie das einfach 
vollziehende Organ des Staatskanzlers. Das fagen uns alle Aclen. Am 13. Juli fendet er dem Grafen die 
von ihm entworfenen Verträge mit Aufresne, Demarets, Deville, Mdlle. Suzette, mit dem Auftrage, fie 
durch den Advocaten ausfertigen zu laffen und fie ihm (Kaunitz) dann abermals zu übermitteln. Er 
coneipirt für den Grafen die ganze Correfpondenz mit den franzöfifchen Schaufpielern und fendet ihm 
u. A. auch den Entwurf zu einem Billet an die reizende Suzette, welche feine befondere Sympathie 
gewonnen hatte, mit der Bewilligung der beanfpruchten artigen Gage von 700 Ducaten. Als Ober- 
regiffeur oder »Direcleur« der franzöfifchen Komödie war Mr. Gonthier gewonnen worden. Sein 
Verhältnifs zu Kaunitz und Kohäry, die innigen Beziehungen zwifchen dem unmittelbaren Leiter des 
franzöfifchen Burgtheaters und dem Fürfien Kaunitz, erhellen am beften aus einer »Note«, welche 
Gonthier am 24. Juni an den fürfilichen Generalproteclor der Wiener Bühnen richtet. Er erklärt darin, 
dafs er nur aus »Attachement« an Kohäry, der des Kanzlers Güte würdig fcheine, fich mit der Direktion 
der franzöfifchen Komödie belaftet habe; er habe blofs das Wohl des Ganzen im Auge und erwarte alle 
Weifungen vom Fürfien, insbesondere was die Aufführung oder Bearbeitung neuer Stücke betreffe. In Paris 
hoffe er fogar noch nirgends aufgeführte Stücke zu gewinnen. Gonthier übernimmt, wie er Kaunitz 
erklärt, die Correfpondenz mit Acleurs und Aclricen, die Ankündigungen, Ballet-Programme u. f. w.. 
auch die Bearbeitung von Stoffen, welche fich für den Bühnentanz eignen — Alles aber unter Approbation 
des Fürfien und im Einvernehmen mit Xoverre, mit einem Worte, er will nichts unterlaffen, was zum 
Befien des franzöfifchen Theaters gereichen könnte, folange fich Kaunitz dafür intereffiren werde. 
Er bitte den Fürfien nur, ihm ab und zu einige Minuten entweder in feinem Palafte oder in der Loge des 
Theaters zu gewähren, damit er ihm über jeden Umftand Bericht erftatten und Informationen einholen 
könnte. Thatfächlich fanden regelmäfsige und zahlreiche Theaterconferenzen bei Kaunitz ftatt, der im 
Drange weltbewegender Gefchäfte feiner geliebten Komödien-Angelegenheiten nie vergafs. Gefleht er 



•»V 










►•3 



«SU 






i'i-2 






5 3 i l 



:> 



2 o 



4j^ 

•2 •> 

E 

03 



o 






£ 











Ha 

v-JkA-r , HL 



ÜB 



«f 



■^■1 



>v 



— 



»! 



163 

doch mit einer gewiffen Wehmuth, dafs das Theater »derzeit feine einzige Reflburce in der guten 
Stadt Wien fei«. 33 Diefem Lieblingsvergnügen widmet er all' feine freie Zeit, führt diplomatifche Verhand- 
lungen mit dem franzöfifchen Hofe, appellirt an den öfterreichifchen Generalgouverneur in Brüffel, 
Prinzen Carl von Lothringen, um Theaterperfonen, welche für Wien erwünscht find, aus Brüffel 
loszulöfen, und vergifst felbft bei wichtigen und hochpolitifchen Correfpondenzen nicht die Obforge für 
feine geliebte comedie francaise de Vienne. Einem von der Warte der hohen Politik durch Special- 
courier abgefandten Schreiben an den Grafen Mercy d'Argenteau, welches den Botfehafter über die 
Ereigniffe und die Bedeutung der Entrevue zwifchen Kaifer Jofeph IL und König Friedrich II. von 
Preufsen zu orientiren hat, legt er ein befonderes Paket für Herrn de Brea bei, das die Autori- 
fation zum Abfchluffe einer Reihe von Schaufpieler-Engagements und eine ebenfo grofse Reihe minu- 
tiöfer Verhaltungsmafsregeln für den theatralifchen Agenten in Paris hinfichtlich der fchwebenden Ver- 
handlungen mit franzöfifchen Schaufpielkräften enthält. 34 

Wegen Dufresne's wurden Unterhandlungen mit Brüffel angeknüpft, ebenfo hinfichtlich Duga- 
zon's und Teissier's, von dem, wie Kaunitz in einem Briefe an Brea malitiös bemerkt, alle, welche 
ihn in Brüffel fpielen gefehen, verficherten, »er fei un comique de Garnison du plus mauvais ton, dont le 
jeu ne conviendrait pas du tout ä Vienne;« Madame Verteuil, die man als erfte weibliche Kraft und 
namentlich als die fchwer entbehrte Königin-Darftellerin ins Auge gefafst hatte, follte durch Vermittlung 
des Marfchalls Colloredo zur Raifon gebracht und zur Minderung ihrer übertriebenen Anfprüche bewogen 
werden. Kaunitz bietet ihr »als letztes Wort« 10.000 Francs mit dem — wie man fieht, alten — 
Theaterkniffe, dafs fie im Engagement nur von 8.000 Fr. reden dürfe, während ihr über die redlichen 
2.000 Fr. ein Separat-Ac~t ausgeftellt würde, wegen des böfen Beifpiels, das die Bewilligung einer fo 
grofsen Summe den Anderen geben würde. Das Engagement des Mr. Tierville pere lehnt Kaunitz ab, 
weil derfelbe »de la vieille cuisine« fei und deshalb von dem Refte der Truppe allzuftark abftechen 
würde. Gar oft fafs der grofse Kanzler mit dem Bleiflift in der Hand vor feinen Papieren und berechnete 
den Gagen-Etat mit nicht geringerer Bekümmernifs und Sorge wie das Staatsbudget. Von feiner Hand 
rührt der »Precis des Etats de la Depenfe des Theätre de Vienne pour les Annees 1770 et 1771« und 
eine Berechnung der für Hoffefte verfügbaren Plätze her, die das Intendanz-Archiv bewahrt.* 
Dann wieder fordern fatale Zwifchenfälle und Ereigniffe der chronique scandaleuse, welche die Auf- 
merkfamkeit der Kaiferin in fehr unangenehmer Weife feinem Lieblings-Schaufpiel zugezogen haben, 
fein energifches Einfehreiten. Er ift in folchen Fällen fozufagen die oberfte Juftizftelle des 
Theaters. Am 19. Juli 1770 richtet er eine fcharfe Note an Gonthier, welche die Widerfpenftigkeit 
und Fahrläfsigkeit einiger franzöfifcher Mitglieder rügt und den Oberregiffeur auffordert, das 
Mifsfallen des Kanzlers dem verfammelten Perfonal kundzugeben und die ftrengften Mafsnahmen 
für den Wiederholungsfall anzukündigen. 33 Ein andermal ift der Kanzler genöthigt, fein Auge 
gewiffen bedenklichen Erfcheinungen zuzuwenden, welche den von feiner kaiferlichen Herrin 
fehr ftreng gehüteten Gefetzen der Moral und des öffentlichen Anftandes widerfprechen. Er erfährt, 
dafs Mr. Desmarets und Mlle. Dorsay im gemeinfamen Haushalte leben und eine »conduite indecente« 
zeigen. Dies hält er dem Grafen Kohäry mit entfprechendem Bedauern vor und beauftragt ihn, dem 
lockeren Paare die Sitten des Landes in Erinnerung zu bringen, in welchem fie fleh befinden, fowie 
einen Wohnungswechfel des einen Theiles zu veranlaffen. 36 Ein andermal mufs Kaunitz den Grafen 
Kohäry zum Einfehreiten gegen den SchaufpielerBeaubourg veranlaffen, damit derfelbe feine Einwilligung 
zur unverweilten Heirat feiner Tochter mit Mr. Bridelle gebe, fonft komme es zu einem hierzulande 
unmöglichen Scandal. Auch in diefem Falle ermächtigt der Kanzler den Theaterunternehmer, dem 

* Precis des Etats de la Depense des Theätres de Vienne pour les annees 1770 et 1771 : Etat 1770. Totale 169.644 II. 37 kr. Sans compter les 
decorations, l'illumination et il Vestiario 15.000 fl., Somme 184.644 fl. 37 kr. — Etat 1771. Totale sans les trois articles susdits 179.781 fl. 43 kr., 
avec ces articles susdits 15.000 fl., 194.781 fl. 45 kr. — Comedie francaise en 1770 33.990 fl., en 1771 43.680 fl., Difference 9690 fl. 

41* 



164 

Schaufpieler feine fürftliche Autorität zu Gemüthe zu führen, und gibt ihm die befondere Erlaubnifs, dem 
harten und unklugen Vater Beaubourg feinen (Kaunitz') energifchen Brief zu publiciren. 37 

Der Kanzler wufste fehr gut, dafs Maria Therefia in folchen Dingen keinen Spafs verftehe und das 
Theatervolk ftreng im Auge behalte. Arneth theilt einen Brief der Kaiferin an den Statthalter Graf 
Seilern mit, worin fie ihn auffordert, die Wahrheit über das Gerücht zu eruiren, dafs Graf Palm »eine 
gewiffe Weifsin, Sängerin am deutfchen Theater« durch fehr grofse Verfprechungen für fie und ihren 
Mann zu verführen gefucht habe. »Schrecklich wäre fo etwas von Palm, der den Heuchler fpielt, aber 
es wäre auch fchrecklich, wenn man ihn fo verleumdete«! Die Nachricht, dafs die Sängerinnen Poggi 
und Baglioni »in den Parterre noble gehen», veranlafst die Kaiferin zu dem Auftrage an Seilern, er 
möge Gonthier befehlen, »dafs keine acteurs noch tantzer jemals in disen (vornehmen) Platz 
kommen.« Solchen Grundfätzen der Kaiferin mufste Kaunitz Rechnung tragen, wenn er auch felbft 
weniger ftreng über diefe »Vergehen« denkt. Streng ift er in der Aufrechterhaltung der Disciplin. 
Er dictirt felbft Geldftrafen für Acle der Disciplinlofigkeit oder der »Impertinenz«, und immer wird der 
Theaterunternehmer ermächtigt, durch Verlefung der betreffenden Briefe des Kanzlers feinen eigenen 
Verweifen ftärkeren Nachdruck zu verleihen. 38 Es war in der That fo, wie Kaunitz in einem Briefe an 
feinen theueren Aufresne fagte: dafs »nichts in Sachen des Theaters gefchehen könne ohne feine Ordre«, 
dafs alfo die Künftler, welche ausfchliefslich mit ihm unterhandelten, gegen alle künftigen Eventualitäten 
gefichert feien. 39 Er geftand befondere »Präfente«, Tabatieren u. dgl. zu, wenn es einen Künftler zu 
belohnen oder zu entfchädigen galt — kurz, er war der ausgefprochene General-Protecfor und der 
unausgefprochene, aber thatfächliche Leiter der franzöfifchen Schaufpiele in Wien. Das zeigen alle 
diefes Thema behandelnde Correfpondenzen des Kanzlers, welche uns erhalten find und einen tiefen 
Einblick in das Getriebe jener merkwürdigen Zeit gewähren, in welcher es der Lenker der politifchen 
Angelegenheiten der habsburg'fchen Lande, der erfte Staatsmann Europa's, nicht unter feiner Würde 
fand, fich in die intimften Theatergefchäfte einzumifchen, wegen des Engagements und der Gage eines 
einzelnen Mitgliedes der Bühne einen langwierigen Briefwechfel zu pflegen und fleh wegen der 
geringften Theateraffaire nicht weniger aufzuregen als wegen eines europäifchen Conflicts. Im Jahre 
1770 oder 1771 entftanden auch befondere »Ordonnances pour la comedie francaise«, welche die ftrengfte 
Ordnung unter dem Perfonal, ftete Abwechslung im Repertoire und unbedingte Unterordnung jedes 
Künftlers unter die Regie und die Lebensbedürfniffe des Theaters verbürgen follten. 40 Den Bemühungen 
des Fürften hatte man es wohl in erfter Linie zu danken, dafs man im Jahre 1771 eine ganz aus- 
gezeichnete franzöfifche Gefellfchaft mit einem Repertoire bewundern durfte, das alle Wirkungsfphären 
der einzelnen Parifer Theater in fich zu vereinigen fchien. Müller's »Genaue Nachrichten von beyden 
k. k. Schaubühnen und andern öffentlichen Ergötzlichkeiten in Wien« geben das Perfonal der franzöfifchen 
Schaubühne im Burgtheater folgendermafsen an: 

Schaufpieler. Herr Beaugrand, Vater, beforgt die Regie und fpielt Raifonr.eurs, im Trauerfpiele die dritten. Gage* 1200 fl. — Herr 
Aufresne. Könige und edle Väter. Paris hat diefen Schaufpieler in die Claffe derer gefetzt, die ein feltenes Talent befitzen. Wien hat diefen Beifall 
betätiget. Seine feinen Sprachtheile, die glücklichen Veränderungen feiner Stimme, die der Sprache angemeffenen wechfelfeitigen, heftigen und beweg- 
lichen Ausdrücke, feine richtige, einfache und rührende Art zu reden, dies feffelt den vernünftigen Liebhaber, der ihn hört, fo dafs er feiten wahr- 
nehmen wird, was diefem Manne zur gänzlichen Vollkommenheit in feiner Kunft noch fehlt. (4000 fl.) — Herr Dufreny (Dufresne) und Herr Bursa y 
fpielen die erften Rollen in beyden Gattungen. Einer von diefen Schaufpielern erwirbt fich öfters Beyfall in lebhaft rührenden Stellen mit einem wahr- 
haft tragifchen Ausdruck. Der Andere hat verfchiedene Male durch ein feineres Spiel gefallen. Öfterer Mifsbrauch der Mittel beym erften und manchmal 
Mangel derfelben bey dem letzteren find von verfiändigenKunftrichtern bemerkt worden. (Dufresne bezog 2800, Bursay3200 fl. Gage.) Herr Beaugrand 
Sohn, fpielt die jungen 1. und 2. Rollen. Das Publicum fieht ihn mit Vergnügen in empfindfamen Rollen, worin die Anmuth feiner Jugend den Schimmer 
hervorbringt, den man im Schaufpiel fucht. (2000 fl.) — Herr Senepart fpielt die Pachter, Rollen ä manteaux, Bauern und 1. Vertraute. Bei diefer 
Verfchiedenheit der Rollen beweift er einen unermüdeten Eifer, welchen das Publicum erkennt und ihn öfters durch feinen Beyfall belohnt. (1600 fl.) — 
Herr Deville und Tessier fpielen in allen komifchen Rollen. Einer von ihnen ift dem Publicum allzeit werth; er gefällt in allen leichten komifchen 
Rollen, welche fich durch Feinheit und Munterkeit bezeichnen. Der Andere fpielt zur Beluftigung des Publicums die gleichgültigen, fchelmifchen und 
liftigen Bedienten. (Gagen 2800, refpeclive 2400 fl.) — Herr Lange hat in verfchiedenen zweiten Rollen fich beliebt gemacht und fpielet die Neben- 
rollen mit einem Fleifs, welchen das Publicum erkennt und belohnt (800 fl.). — Herr Sainville widmete fich dem Theater, um den Tenor in der Opera 

* Die Gagenangaben nach den >Depenses Generales des deux Theätres de Vienne pour l'annee 1771.« (Intendanz-Archiv.) 



165 

bouffon zu fingen. Ob ihm gleich hier die Gelegenheit mangelt, fich in feiner eigenen Beflimmung zu zeigen, fcheint er doch auch in den übrigen 
Rollen, welche er itzt fpielt, kein Fremdling zu feyn. (1200 fl.) • — Herr Villeneuve fpielt mit gröfstem Fleifs die Väter- und Nebenrollen, (fammt 
Tochter 1200 fl.) 

Schaufpielerinnen: Mad. Sainville. 1. Rollen jeder Gattung; feit vier Jahren befitzt Wien diefe mit befonderen Talenten begabte Schau- 
fpielerin. Sie gefiel, fobald fie erfchien und täglich gelallt fie mehr. Eine einnehmende Bildung, eine rührende, wohlklingende Stimme, Empfindung und 
Feinheit bezeichnen ihren Werth. Gewiffe Rollen fpielt fie, dafs man es nicht beffer wünfchen konnte. Ihr Fleifs und die Anftrengung ihrer Kunlt lafst 
vermuthen, dafs fie mit der Zeit auch die übrigen ebenfo vollkommen fpielen wird. (3600 fl.) — Mlle. Fleury fpielt Königinnen und edle Mütter. 
Diefer Schaufpielerin hilft ihre vortheilhafte Geftalt und guter Anftand ungemein. Der Beyfall von Paris machte ihr bei ihrem erften Schritt in die 
theatralifche Laufbahn einigen Muth; man prophezeite ihr glücklichen Erfolg und man glaubt, fie wird diefe Prophezeiung erfüllen. (2400 fl.) — 
Mdlle. Teiffier fpielt die jugendlichen und 2. Rollen der Verliebten. Das Publicum fieht mit Zufriedenheit diefe junge Schaufpielerin fich bilden, und 
täglich entwickelt fich Adel und Einficht mehr bei ihr. — Mdlle. Suzette fpielt die Kammerjungfern, die grofsen komifchen Rollen und die Vertrauten 
im Trauerfpiele. Die Verfchiedenheit diefer Rollen hindert das Spiel nicht. Sie geht ohne Mühe von der angenehmen Lebhaftigkeit einer Kammerjungfer 
zum ernften Ton des Trauerfpiels über. (2800 fl.) — Mad. Aufresne fpielt die Charakterrollen. Das Publicum liebt diefe Schaufpielerin als fein eigenes 
Werk. Unter feinem Auge, aufgemuntert von feinem Beifall, machte fie den erften Verfuch mit dem gröfsten Theile derer Rollen, worin man fie nun mit 
Vergnügen fieht. (2000 fl.) — Mad. St. Mau rice (Gattin Dufresne*s). Sprachtheile, Bildung und Geftalt kann diefe Schaufpielerin fich nicht beffer 
wünfchen. Mit diefen Vortheilen begabt, hat fie fich die Rollen der Königin gewählt. Das Publicum hat ihren Verfuch in einer fchweren Gattung gelobt, 
wo der Erfolg nur der Preis ihrer Mühe fein konnte. (1200 fl.) — Mdlle. R ofalie Pit rot. Ein junges, nützliches Mitglied, welches nach dem 
Bedürfnifs der Stücke bald Liebhaberinnen, bald Kammermädchen fpielt. (1600 fl.) — Aufserdem Le Durand, Einfager (500 fl.). — Herr Beaumont 
beforgt die Anfchlagzettel ; ein Comparfe und ein Anfager. 

Den Etat des franzöfifchen 
Schaufpiels beziffern die »Ge- 
nauen Nachrichten« mit 41.894, 
die Gagetabellen in den Theater- 
Rechnungen mit 43.680 fl.; das 
heifst etwa doppelt fo hoch als 
denEtat des deutfchen Schau- 
fpiels, welcher 2 1 .344 fl. betrug. 
Die Unterfchiede in den An- 
gaben erklären fich aus den 
Veränderungen, welche das 
franzöfifche Perfonal fchon in 
den erften Monaten derKaunitz- 
KoharyTchen Leitung erfuhr. 
Auf unferer Tabelle vermiffen 
wir z. B. die fammt Desmarets 
in Sittlichkeitsconfliöte ge- 
rathene Mlle. Dorsay (Dorcey ?), 
welche fchon drei Jahre in 
Wien als Königin-Darftellerin 
gewirkt und auch als Verfafferin 
des im Burgtheater aufgeführten 
zweiacligen Schaufpiels »Niza 
et Betkir« Auffehen gemacht 



hatte; erft nach der erfolgreichen 
Aufführung erfuhr man den 
Namen der intereffanten Ver- 
fafferin. Schon nach zwei 
Monaten verfchwand Mad. 
Pitrot-Verteuil, welche für 
erfte tragifche Rollen mit der 
höchften Gage (4000 fl.) enga- 
girt war und als Künftlerin von 
grofsem Verftändnifs, »richti- 
gem Ausdruck und ununter- 
brochener Theilnehmung« ge- 
rühmt wurde. Ebenfo fehlen 
1771 noch mehrere Mitglieder 
des Perfonals, welche man ein 
Jahr vorher in den Liften führt. 
In fefter Gage ftand der Parifer 
Agent oder Commiffionär de 
Brea, deffen Dienftleiftung bei 
der Ungeduld des Fürften- 
Staatskanzlers nicht allzu an- 
genehm war. Seine Thätigkeit 
war von jener Favart's, der fich 
vorwiegend als agent litteraire 
fühlte, allerdings infofern verfchieden, dafs er weniger in literarifchen, als in Perfonal-Angelegenheiten 
bemüht wurde. Das Repertoire ftand ja fo ziemlich feft. 41 Wien nährte fich von dem Spielplane 
der Parifer Theater und trat feiten mit einer felbftändigen franzöfifchen Neuigkeit hervor; war dies 
aber der Fall, fo war fie zumeift ein literarifcher Verfuch eines Mitgliedes der Truppe. Als Ereigniffe 
rühmt man die Aufführungen von Pierre Corneille's »Horace« und Crebillon's »Elektra«, welche feit 
Wiederherftellung des franzöfifchen Theaters in Wien nicht gefehen worden waren. »Die beiden 
Freunde« oder »Der Handelsmann von Lyon« von Beaumarchais begeifterte den deutfchen Schrift- 
fteller und Schaufpieler Müller derart, dafs »er die Stimme der Kritik fchweigen liefs«. Im Cabinet 




(Jresb und CUectrcu. 



42 



166 

bei fliller Betrachtung, meint er, finde der Lefer zwar manche unwahrfcheinliche Situationen und 
Unrichtigkeiten in den Charakteren, aber er erinnere fich, dafs er Thränen vergoffen, an der Unruhe 
und dem Glücke rechtfchaffener Leute, welche der Verfaffer abbilde, Antheil genommen habe, und bei 
diefer Erinnerung überfehe er die beobachteten Fehler gern. Als Pauline glänzten in dem Stücke die 
Damen Verteuil und Sainville. Dem »Deferteur« von Mercier rühmt Müller eine mehr »finftere und 
widrige« Wirkung nach. Für das Jahr 1772 bereitete man u. A. »Sertorius« von Corneille, eine nach 
Metafiafio's Oper »Artaxerxes« bearbeitete Tragödie, und eine Novität »von dem berühmten Rouffeau 
von Geneve (Das lyrifche Selbftgefpräch des Pygmalion) mit Mufik von Afpelmayer bei der Zwifchen- 
handlung« vor. Als befondere Vorfälle des Jahres 1771 verzeichnen Müllers »Genaue Nachrichten« eine 
Berufung der franzöfifchen Schaufpieler nach Laxenburg, wo fie am 19. und 25. Juni »Cinna« mit dem 
»Mündel« als Nachfpiel, dann »Der Philofoph, ohne es zu wiffen« vor den Majeftäten aufführten. Die 
Schaufpieler wurden fämmtlich von der Kaiferin befchenkt . . . Wie heftig auch der nationale Kampf 
gegen die vom Adel bevorzugte Bühne geführt wurde, der wohlthätigen Einwirkung diefer Franzofen 
auf die emporftrebende deutfche Schaubühne blieb fich der vorurtheilslofe deutfche Acieur und Literat 
dennoch bewufst. 

»Glücklich war auch zum Beifpiele und zur Nacheiferung ein vortreffliches franzöfifches Theater vorhanden« — erzählt der berühmte Hof- 
fchaufpieler Jofeph Lange in feiner Selbftbiographie — »bei welchem fich fehr vorzügliche Künftler und Künftlerinnen: Aufresne, Neuville, Mad. Sain- 
ville, Dorcay, Beaubourg befanden. Die Direktion benützte diefe Gelegenheit fehr wohl zur Erweckung einer rühmlichen Nacheiferung und liefs gleich 
darauf, als die Franzofen ein neues intereffantes Werk gaben, von uns (der deutfchen Truppe) dasfelbe in der Überfetzung darftellen. Befonders Hellten 
die Franzofen ihre I.uftfpiele, und darunter wieder jene vom feinen Weltton unübertrefflich dar; diefes Zufammen fpielen, Eintreffen, Feuer 
und Leben imEnfemble wird man wohl nirgends mehr fofinden. Es gedieh der Gefellfchaft zum Ruhme, dafs unter ihr keine Feindfchaft, 
kein Neid, keine Eiferfucht ftatthatte, wenigftens nicht bemerkt wurde. Ein gewiffer Adel, eine gewiffe Lebhaftigkeit, Leichtigkeit und Zartheit des Spieles, 
ein gefpanntes Streben, fich im Ganzen zu erhalten und im Ganzen zu wirken, ein erhebender Glanz und Firnifs der Farben, möchte ich fagen, find 
die Merkmale diefes vorhergegangenen Studiums. Wahr ift es aber auch, dafs im Trauerfpiele die franzöfifchen Schaufpieler aus dem Kreife der 
Natur heraustraten und übertrieben, gleichfam als wollten fie durch die Darfteliung den Mangel an Leben und Feuer vergüten, an welchem franzöfifche 
Dichtungen im Gegenhalte zu englifchen leiden. Aber das Feuer, die Würde ihrer Darfteilung konnte auch hier dem Deutfchen ein Vorbild 
werden, den feine kältere, minder lebhafte Natur vor Übertreibung ohnehin bewahret und der doch immer mehr ruckweife und mittelft eines Anlaufs, 
als eine ganze Rolle durch, fich auf den Cothurn fetzt und ins Feuer geräth . . . .♦ 

Dafs das franzöfifche Burgtheater diefen hohen Standpunkt erreicht hatte, dankte man wohl in 
erfter Linie dem General-Proteclor der Speclakel, dem eigentlichen geifiigen Leiter der franzöfifchen 
Bühne, dem Fürfien Kaunitz. Wohlgefällig ruhte fein Auge auf dem Erreichten; aber nicht lange war 
es ihm vergönnt, fich an feiner Lieblings-Schöpfung zu erfreuen. Noch war das erfie Jahr der Kohäry'fchen 
Unternehmung nicht abgelaufen, und fchon wiederholte fich dasfelbe, was den Fürfien in den Tagen 
Afflifio's fo mächtig empört hatte: der Unternehmer bat um Erlöfung von der Lafi des franzöfifchen 
Theaters. 

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf zu Anfang December 1770 den Fürfien ein wunderliches 
•Memoire« Kohäry's, worin er ganz im Style Afflisio's erklärte, jeder Wiener Theaterdireclor fei 
verloren, der fich zu den im Contra6te enthaltenen Verpflichtungen gegen Hof und Xobleffe verfiehe. 
Er werde denfelben Weg wandeln, obwohl — oder vielleicht — weil er damit angefangen habe, 
200.000 fl. zu opfern. Und doch habe er geglaubt, dem Hofe ein befonderes Vergnügen zu bereiten, 
indem er ihn von Afflisio erlöfie. Das habe ihm auch der Kaifer felbft gelagt und ihn gleichzeitig feiner 
Förderung verfichert. In ebenfo liebenswürdigen Ausdrücken habe Herr von Gebier zu ihm gefprochen. 
Die Charge eines Mufikcavaliers, welche allerdings mehr ehrenvoll als einträglich fei, habe er trotzdem 
nicht erhalten. Bleibe ihm aber das Werthvollfte, die Protection des Fürfien (Kaunitz), fo hoffe er noch 
auf Rettung. Man könne fie ihm auf zweierlei Art bieten: entweder in Form einer jährlichen Theater- 
Subvention oder in der die kaiferlichen Caffen weniger belafienden Form der Überlaffung eines M o n o p o 1 s. 
Der Graf hatte fich auch fein befonderes Monopol ausgedacht und das beliebtefie Luxus- und Mode- 
Getränk, den — Kaffee, dazu auserwählt. 42 Die Charge des privilegirten Kaffee- en gros-Händlers 
in Öfterreich fchien ihm nun weit begehrenswerther als die ehedem fo erfehnte Mufikcavalierfchaft. 



N5*r* 



& 



H 



■ 



<*• 



■ ' ( i»j * 






■ 



Exn 



■ ■-''■' 



B9I 



H 




167 

Kaunitz gab fich nicht die geringfte Mühe, feiner grenzenlofen Verwunderung und Indignation über 
diefes Schriftftück des Grafen, der ihn plötzlich mit fo abenteuerlichen und verzweifelten Proje6ten 
und Wünfchen überfiel, kräftigen Ausdruck zu geben. Er erinnerte den etwas vergefslichen Mäcen 
daran, dafs er fich vor fehr kurzer Zeit nach genauer Prüfung der Afflisio'fchen Bücher von der Theater- 
unternehmung einen Gewinn, die Deckung all' feiner anfehnlichen Vorausgaben verfprochen habe. Er 
fcheine fich alfo gründlich verrechnet zu haben, obwohl die Einnahmen jetzt keineswegs geringer als 
zur Zeit feines italienifchen Vorgängers feien. 43 Auf die abfurden Kaffee-Pläne des Grafen liefs fich der 
Fürft überhaupt nicht ein; fie erfchienen ihm allzu naiv. Kohäry beeilte fich, die bei aller Deutlichkeit 
fehr rückfichtsvolle Epiftel feines mächtigen Proteclors demuthsvoll zu erwidern. Er erkannte an, dafs 
der Fürft wie ein Vater zum Sohne gefprochen; leider kämen feine guten und wahren Worte zu fpät, 
denn er (Kohäry) fei bereits ein Opfer feiner Kurzfichtigkeit geworden. Seine Bücher würden den 
unwiderleglichen Beweis liefern, dafs er ohne Hilfe des Hofes die Unternehmung auf dem bisherigen 
Fufse nicht fortzuführen, noch weniger fie auf einen befferen Fufs zu fetzen vermöge. Die franzöfifche 
Truppe habe um 25.000 fl. mehr, als präliminirt war, gekoftet. Wohl könnte er fich mittelft einer 
Reducf ion helfen, aber dazu habe er nicht das Herz, da fein Wunfeh dahingehe, alle Welt zu befriedigen. 
Nur der Hof könne ihn retten. Nicht die Gerechtigkeit, nein, das Herz Kaunitz' rufe er an. Gute Schaufpiele 
feien in einer Hauptftadt nöthig; fie machen ihr Ehre und ziehen Fremde an. Da nun aber der Hof kein 
Geld dafür widmen wolle, eben deshalb formulire er feine Vorfchläge, betreffend die Übertragung eines 
Monopols u. f. w. Und abermals legte der Graf feine bekannten fonderbaren Ideen in einem eingehenden 
Memoire nieder. Nun aber (21. December) brach der Fürft-Kanzler los. Nicht mit Keulen fchlug er den 
armen Theater-Grafen, aber mit Nadeln und Speeren verwundete er ihn. 44 Hätte er (Kaunitz) geahnt, 
dafs er fchon nach wenigen Monaten der Kohäry'fchen Unternehmung von dem neuen Theaterleiter 
genau die Sprache Afflifio's vernehmen würde, dann hätte er fich gewifs in gar keiner Weife in Kohärv's 
Angelegenheiten eingemengt. In fehr energifcher Weife macht der Staatskanzler den Grafen auf die 
Widerfprüche in feinen früheren und nunmehrigen Behauptungen aufmerkfam und führt ihm die Un- 
möglichkeit zu Gemüthe, feine abfurden Forderungen bei Hofe zu vertreten. Seine Gewohnheit fei es 
nicht, mit Phantomen zu kämpfen; mit all' der Offenheit, welche feine Charaktereigenfchaft fei, fordere 
er von Kohäry volle Wahrheit über den Stand feiner Angelegenheiten und deshalb auch genauen 
Einblick in deffen Bücher. Es langweile ihn, immer in der Finfternifs zu wandeln; er verlange Klarheit. 45 

Nicht fo offen, als Kaunitz verlangte und erwartete, war die Antwort des Grafen. Ausweichend 
erwiderte er auf die Einforderung feiner und der Bücher Afflifios; die letzteren feien in Unordnung, 
deshalb werde er noch die Rangirung feiner Verhältniffe durch mögliche Erfolge der Winterfaifon 
abwarten. Doch verhehlt er nicht, dafs der Befuch der franzöfifchen Vorftellungen immer mehr abnehme, 
angefichts der Wenigen, welche diefes erleuchteten Gefchmacks feien. Das war abermals Afflifio'fche 
Melodie, und fehr unangenehm klang fie in Kaunitz' Ohren. Mufste der allergetreuefte General-Protector 
der franzöfifchen Komödie in Wien es doch erleben, dafs fich nun — kaum ein Jahr nach dem unrühm- 
lichen Abfchiede des übelbeleumundeten Afflifio — ein Cavalier tadellofen Rufes Punkt für Punkt von 
derfelben franzöfifchen Komödie loszufchälen verbuchte, welche Afflifio von dem böfen Caffenftandpunkte 
aus fo perfid bekämpft hatte! Kaum glaubte Kaunitz alle die böfen Geifter befchworen, welche »feinem« 
geliebten Speclakel den Untergang drohten, fo begann der Sturmlauf gegen diefe fo kunftvoll erhaltene 
Vefte von Neuem und mit doppelter Vehemenz. Kaum hatte er feinem Lieblingsfchaufpiele mit Einfetzung 
feiner eigenen koftbaren geiftigen Kraft eine neue Organifation, eine feftere Balis gegeben, fo 
follte er fich davon trennen und die Vernichtung feines eigenen Werkes erleben! Dies konnte und 
durfte ein Kaunitz nicht ohne weiteres, nicht ohne energifchen Widerftand ertragen. So mächtig fein 
politifcher Einflufs war — feinen Einflufs und feine Macht auf dem Gebiete der Kunft fühlte er bedroht. 
Kohäry, fein Schützling, felbft war auf dem beften Wege, feine Ideen ad absurdum zu führen, das 

42* 



168 

franzöfifche Schaufpiel zu zerftören. Schmerzerfüllt empfing Kaunitz am 9. Februar 1771 ein wehmuths- 
volles Majeftätsgefuch des Grafen, das der Kaiferin die traurige Gefchichte feiner Theaterdireclion 
erzählte und die »Rettung« des vor dem Ruin flehenden Theaterunternehmens, d. h. die Auflöfung der 
franzöfifchen Komödie, anheimftellte. 46 In einer befonderen Audienz hatte Graf Kohary der Herrfcherin 
feine traurige Lage gefchildert, ohne damit befonderen Effect zu erzielen. Maria Therefia war keine 
Freundin von Ariftokraten, welche perfönlich zu dem Theater-Gefchäft herabgeftiegen und die Laufbahn 
eines Theaterdire&ors einer anderen »nützlichen Befchäftigung« vorzogen. Das hatte fie Kohary 
unumwunden gefagt, und mit entfprechender Zerknirfchung hatte der Graf die herben Worte vernommen. 
Nun nahm er fchriftlich das Wort und appellirte in herzbewegender Weife an die Grofsmuth der Kaiferin, 
da er Afflifio gegenüber nur das Schlachtopfer feines guten Herzens gewefen fei und ein zweifaches 
Schaufpiel unmöglich bezahlen könne. Sein Augenmerk fei auf »die Reinigung und Vervollkommnung 
der deutfchen Nationalbühne« gerichtet, das andere (franzöfifche) Theater, in dem gewöhnlich Leere 
herrfche, muffe er aufgeben. Der Graf führt der Kaiferin das »Wehklagen feines Weibes und das 
Winfeln feiner unfchuldigen Kinder« zu Gemüthe und erklärt fich bereit, eine eigene Commiffion zur 
Controle anzunehmen, um die Richtigkeit feiner Argumente und feiner Lage feftftellen zu laffen. 
Er fei ferner bereit, fich mit der Rückzahlung feiner beträchtlichen Auslagen, feiner für die Theater- 
direclion gebrachten Opfer zu begnügen. Dies wäre ihm um fo erwünfchter, als er dann in feinem noch 
jungen Lebensalter feine Talente anderweitig verwenden und, in die Fufstapfen feiner Voreltern tretend, 
fich um den Thron und Staat in anderer Weife verdient machen könnte. Damit würde er auch zeigen, 
welch' tiefen Eindruck bei feiner letzten Audienz auf ihn die Äufserung der Kaiferin gemacht habe, 
»diefelbe hätte gewünfcht, dafs er (der Graf) fich zu einer anderweit nützlicheren Befchäftigung hätte 
verwenden laffen.« »Sollten aber Ew. Majeftät« — fo fchlofs der Graf — »zufrieden mit dem Beftreben, 
die Bühne der Nation emporzubringen, meine Direktion a. h. genehm halten, fo habe ich zu der 
Gnade der Fürftin die allerunterthänigfte Zuverficht, a. h. diefelben werden einen Bürger und Unterthan, 
der unbedingt gehorcht, allergnädigft zu unterftützen und ihn dem nicht fehr entfernten Untergange zu 
entreifsen geruhen «. 

An den Fürften Kaunitz richtete Kohary am 9. Februar gleichzeitig mit diefer Eingabe, deren 
Vorlage an die Monarchin er erbat, einen ebenfo herzbewegenden Brief in franzöfifcher Sprache, 
worin er erklärte, er fei aufser Stande, die ihn bedrängenden Kaufleute und Gläubiger zu befriedigen, 
und muffe, wenn ihm keine Hilfe käme, in der erften Faftenwoche Bankerott machen. Nach dem Tode 
feines Bruders feien alle Gläubiger über ihn hergefallen, mit einem Schlage ftürze Alles um ihn 
zufammen und fogar auf feine Ländereien wolle man Befchlag legen. »Monseigneur«, fchliefst er, »c'est 
dans vous seul, que je cherche mon appui, sauvez moi de la ruine; vous m'avez toujours promis 
votre puissante protection, je l'implore donc autant que possible, je ne me trouve pas assez de tete 
pour pouvoir me conseiller, j'espere donc le remede de la bonte et sagesse de Votre Altesse . . . .«. 
Der Fürft nahm diefe Epiftcl und das in feine Hände gelegte Majeftätsgefuch mit unheimlicher Ruhe 
auf und verficherte dem Grafen, er werde Alles thun, was er mit feinen Pflichten vereinbaren könnte; 
nichts in der Welt aber würde ihn dazu bewegen, etwas zu veranlaffen oder zu beantragen, was 
ihm nicht als gerecht erfchiene. Gleichzeitig unterbreitete er die ganze fatale Theaterangelegenheit 
dem Kaifer und Mitregenten mit einer genauen Darlegung alles deffen, was er felbft bisher in diefer 
Sache gethan. 47 

Aber Kohary ruhte nicht, die Rettungsthat in Flufs zu bringen, welche er vom Hofe erwartete. In 
einer Audienz bei der Kaiferin bat er ausdrücklich um Aufhebung der franzöfifchen Komödie, und in 
einem zweiten Majeftätsgefuche (vom 27. Februar) fpricht er bereits von einer Erlaubnifs zu diefem 
bedeutfamen Schritte und von dem äufserft lobenswerthen Vorfatze, durch ein doppelt gutes deutfches 
Schaufpiel diefen Ausfall zu erfetzen. 48 



169 

So eilig, -wie Kohäry meinte, ging die Sache aber doch nicht; er hatte jedenfalls in der Deutung der 
bei feiner Audienz gefprochenen Kaiferworte einen ausfchweifenden Optimismus gehegt. Von einer 
augenblicklichen Auflöfung des franzöfifchen Theaters war gar keine Rede, und die mafsgebenden 
Fa&oren (Kaunitz und Sporck) unterbreiteten der Monarchin den Entwurf eines Decrets als 
Antwort auf die »proposition absurde« Kohäry's, worin unbedingte Einhaltung des Vertrages, auch in 
Hinficht des franzöfifchen Spectakeis, gefordert und im äufserften Falle nur auf das Zugeftändnifs 
eingerathen wird, dafs man Kohäry »mit Beibehaltung der teutfchen Schaubühne von der davon 
unzertrennlichen Verbindlichkeit des vollkommenften franzöfifchen Schaufpiels dispenfiren könne 
und werde«. Von einer fofortigen Auflaffung oder »Abtrettung« der franzöfifchen Komödie könne über- 
haupt nicht die Rede fein, da kein Ceffionär vorhanden und alle Contracle für das Jahr 1771/72 fchon 
abgefchloffen feien. Die Entfcheidung der Kaiferin, welche dem Kaifer Jofeph als Mitregenten überlaffen 
worden war, fiel milder aus und entledigte Kohäry wenigftens vom Jahre 1772 ab der drückenden 
Laft eines feiner koftfpieligen Schaufpiele. 49 

Man follte meinen, dafs der Graf fo viel Milde und Entgegenkommen dankbar erkannt hätte — aber 
gerade das Gegentheil war die Wirkung des Hofdecrets. Kohäry hatte eben die Erlaubnifs zur augen- 
blicklichen Auflaffung des franzöfifchen Schaufpiels erwartet. Es ereignete fich fogar der ungeheuer- 
liche Fall, dafs der Theater-Graf die Annahme des Decrets verweigerte und dasfelbe dem Fürften 
Kaunitz zurückfandte. Der Brief, in welchem er dem Kanzler diefen verzweifelten Entfchlufs mittheilt, 
macht, wie ein zweites kleineres Billet, den Eindruck völliger Rathlofigkeit; der Graf fpart nicht mit den 
grellften Schilderungen feines Elends. Er fühlt fich als »verlorener Mann«; ein glückliches und ruhiges 
Leben habe er vor fich gehabt vor diefer unglückfeligen Unternehmung, und nun büfse fein Weib mit 
drei unfchuldigen Kindern feinen Fehler. »Diefe unglücklichen Kinder — ruft er — mögen den Souverän 
bewegen, gerecht gegen mich zu fein. Diefer Souverän, der mir (Kohäry) wie aller Welt gegenüber feine 
vollkommene Gleichgiltigkeit gegen das fremde (franzöfifche) Spe£takel erklärt hatte, das am wenigften 
von der Nation goutirt wird und den Ruin aller Unternehmer herbeigeführt hat, kann und wird mich 
nicht abweifen, wenn Durchlaucht Ihr Vergnügen an einem von allen anderen Höfen bereits aufgelaffenen 
Schaufpiele dem Wohle einer ruinirten Familie opfern! Ein Wort von Ihnen kann mich retten; fprechen 
Sie es, wenn Sie wirklich mein Proteclor find, wie Sie ftets verfprochen!« Kohäry muthmafst fogar, der 
franzöfifche Hof könnte durch die Aufhebung des franzöfifchen Hoftheaters in Wien beleidigt fein und 
erklärt fich bereit, dem Botfehafter fein und feiner jammernden Familie Elend zu fchildern, auch will er in 
den öffentlichen Blättern fein Unvermögen, diefe Komödie weiterzuführen, darlegen. An Kaunitz liege es, 
entweder der Schöpfer feines Ruins oder feines Glücks zu werden. Wenn man fein Gefuch ablehne, werde 
er auf Alles verzichten und in der Welt umherwandern, nur den Jammer feiner von ihm ruinirten Familie 
beweinend. Der Graf erzählt umftändlich feine finanziellen Arrangements, u. A., dafs er die Caution 
von Gluck und Lo Prefti auf fich genommen und insgefammt 377.000 fl. von eigenem Gelde und dem 
Gelde feines Bruders für das Theater ausgegeben habe. Das Opfer fei feine Familie; denn ohne Fonds 
werde fich das Theater nie erhalten und einen folchen Fonds werde es nie geben. 

Nun ergrimmte Kaunitz ernftlich und erklärte kurz und bündig, nach einer Zufchrift 
folchen Tones werde er fich überhaupt nicht mehr in Kohäry's Angelegenheiten einmengen; 
das retournirte kaiferliche Decret ging an den Grafen zurück. 50 Mit einer unbegrenzten 
Abbitte 01 warf fich der Graf dem Kanzler zu Füfsen und erflehte die Fortdauer feiner väterlichen 
Fürforge für die bedrohte Familie Kohäry. Diefe demüthige Abbitte konnte Kaunitz umfoweniger 
verföhnen, als fie wohl reich an Verficherungen des Jammers und des Refpecls war, aber mit keiner 
Silbe den bisherigen Standpunkt Kohäry's verrückte. Der Graf wollte die franzöfifche Komödie fofort 
los werden, Kaunitz aber zitterte für das Schickfal diefes Lieblings-Schaufpiels umfomehr, als er an 
der Gleichgiltigkeit des Kaifers gegen feine theueren Franzofen keineswegs zweifeln durfte. So nahm 

43 



170 

er wohl die Rechnunglegung des Grafen zur genauen Prüfung noch einmal entgegen, hörte jedoch bald 
wieder von einer neuen genialen Idee Kohäry's, von der (ich der Graf Hilfe im Elend verfprach. Diesmal 
war es eine Lotterie, durch welche er 8000 Ducaten zu gewinnen hoffte: 6000 davon füllten der 
Subfcription auf die franzöfifchen Vorftellungen zu Gute kommen, 2000 auf drei Preife vertheilt, die 
Abnahme von Lofen mit der Abnahme von Theaterbillets zu erhöhten Preifen cumulirt werden.* 
Realifirbar war die Idee ebenfowenig, wie das confufe ProjecL das Kaffee-Monopol dem Theaterdireclor 
zur Rettung feiner »Entreprife« zu übertragen. Bald mufste Kaunitz mit gefteigertem Grimm 
erfahren, dafs Kohäry abermals mit einer Immediateingabe an den Kaifer herangetreten war. Darin 
bezeichnete derGraf ganz klar das franzöfifche Schaufpiel als jenes fremde Spectakel, deffen Auf laffung 
er erbitte, da man damit oft kaum die Releuchtungskoften hereinbringe. Gehe er (Kohäry) fammt 
feiner fchuldlofen Familie zu Grunde, fo werde ficher jeder andere Theaterunternehmer abgefchreckt 
werden, fich nach Wien zu wagen. Defshalb erbitte er fufsfällig die Erlaubnifs zur Entlaffung der 
franzöfifchen Truppe, wogegen er dem »Nationalfchaufpiel« die gröfste Aufmerkfamkeit zuwenden 
wolle. Man fleht, der arme Graf war klüger, als er in feiner Correfpondenz mit Kaunitz that; er wufste, 
in welcher Weife der Kaifer zu captiviren war, und fpielte mit befonderem Eifer auf die »Emporbringung 
des (deutfehen) Nationalfchaufpiels« an, die Jofeph IL bereits fehr am Herzen lag. Seine »unbegrenzte« 
Devotion gegen den Kanzler ging alfo nicht fo weit, dafs er die offenkundige Differenz in den national- 
künftlerifchen Anflehten von Kaifer und Kanzler nicht fpeculativ zu feinen Gunften verwerthet hätte. 
Vorläufig erreichte er damit allerdings nur, dafs ihm der Kaifer neuerdings die freie Wahl des aufzulöfenden 
fremden Spektakels überliefs, 52 aber von einer augenblicklichen Auflöfung kein Wort fagte. Kohäry 
fuchte neue Mittel und Wege, um fich aus feiner verzweifelten Lage zu befreien; er dachte an eine 
allgemeine Preiserhöhung und endlich an eine Änderung der Theater-Verfaffung, an das Engagement 
eines Mannes, welchem er die »Haupt-Direclion« oder die »Theatral-Adminiftration« zu übertragen 
bereit war. 

Diefe Idee und die aus ihrer etwas dürftigen Verwirklichung entfpringenden Neuerungen im 
Theaterwefen Wiens leiten uns auf die Betrachtung des deutfehen Schaufpiels zurück, wie es sich 
feit der Befeitigung Afflisio's und dem Beginn der Kohäry'fchen Unternehmung geftaltet hatte. Der 
Untergang der Franzofen in Wien war im Sommer 1771 befiegelt, wenn auch ihr Abfchied von Wien 
noch hinausgefchoben war. Bald nach dem letzten kaiferlichen Decrete vom 6. Juni wurde den Mitgliedern 
des franzöfifchen Schaufpiels die betrübende Mittheilung von ihrer bevorftehenden Entlaffung gemacht, 
und nicht ohne begreifliche Protefte vernahmen diefe Leute, welche ja keineswegs »hergelaufen«, fondern 
mitunter auf geradezu diplomatifchem Wege, unter grofsen Verfprechungen von der mafsgebendften 
Seite nach Wien berufen worden waren, diefe unvorhergefehene Wendung ihres Schickfals. 53 Das Minderte, 
was fie verlangen durften und auch verlangten, war eine angemeffene Entfchädigung. Thatfächlich 
mufste Kohäry 15.500 fl. Reugeld an die einzelnen Mitglieder der aufgelöften Truppe zahlen. Es fehlte 
auch nicht an Plänen, mit deren Durchführung man der Kataftrophe vorzubeugen hoffte. So lancirte der 
in Wiener Theaterangelegenheiten immer gefchäftige Mr. Soulle auf dem Wege durch den Prinzen 
Louis Rohan den Plan, von Oftern 1772 ab eine andere franzöfifche Truppe unter ganz unabhängiger 
Direclion gegen feftes Abonnement und Vertheilung der Einnahmen nach den Talenten der einzelnen 
Mitglieder zu berufen. An Stelle der Ballete wollte man komifche Opern fetzen. Der franzöfifche Director 
follte unter der unmittelbaren Protection des Fürften Kaunitz ftehen. Trotz diefer fehr deutlichen 
Anfpielung und trotz des Hinweifes Soulle's auf feine Wiener Beliebtheit wurde aus feiner Idee nichts. 
Das Ende der franzöfifchen Komödie war befiegelt. Am Fafchingdienftag (27. Februar 1772) empfahlen 
fich die Franzofen vom Burgtheater. Man gab Goldoni's »Bourru bienfaisant« und Bursault's 

* »Note sur un projet d'une nouvelle regie theatrale en forme de lotterie« ; von Kohäry am 12. März 1771 an Kaunitz eingereicht. — »La Lotterie 
merveilleuse ou tout le monde gagne et personne ne perd« heifst es in der Detaillirung des Lotterie-Plans. 



171 

»Mercure galant«, und manche Abfchiedsthräne flofs um die der bellen Gefellfchaft noch immer theueren 
Franzofen und Franzöfinnen. Dafs man in diefen Kreifen den Gedanken an ein endgiltiges Begräbnifs des 
franzöfifchen Hofichaufpiels nicht faffen konnte, beweift die Thatfache, dafs gerade drei Jahre fpäter 
(10. Februar 1775), als bereits eine ftarke Umwandlung des Wiener Theaterwefens erfolgt war und der 
volle Triumph des deutfchen National-Schaufpiels nahe bevorftand, abermals ein franzöfifches Theater- 
Projecl auftauchte. Wieder hörte man den Ruhm jener Komödie, deren Verluft ein anfehnlicher Theil 
des Wiener Publicums bedauere, jener Komödie, welche Anziehungspunkt für die Fremden und das 
wefentlichfte Bildungsmittel für das fortfchreitende deutfche Schaufpiel fei. Wir werden von diefem 
Projecle noch hören. Obwohl Kaunitz das Anerbieten mit Freuden ergriff, zerflofs es in nichts, da bereits 
eine ftärkere Gewalt in das Wiener Theatergetriebe eingegriffen hatte. 

Sehr gefehlt aber wäre es, in dem Tone der »nationalen Patrioten« den Untergang des franzöfifchen 
Schaufpiels zu feiern. Vielen unter jenen Patrioten allerdings, welche die Entfaltung der verachteten und 
zurückgedrängten deutfchen Bühne als Programm erwählt hatten, war das franzöfifche Theater 
ein gefährlicher Feind, gefährlich, weil fie feine Bedeutung erkannten ; fie wollten ihn vernichten, weil fie fich 
ftark genug fühlten, ihn im literarifchen und künftlerifchen Leben Wiens zu erfetzen. Erleuchtete Männer 
aber hatten bei all' ihrem Xationalgefühle nicht das Verftändnifs für die aufserordentliche Einwirkung 
des von der »Xobleffe« berufenen und geftützten, von dem erften Staatsmanne Öfterreichs favorifirten 
»fremden Speclakeis« auf das heimifche deutfche Schaufpiel verloren. Sie erkannten, dafs der Einzug der 
Franzofen entfcheidend für die Befferung des Gefchmacks des Publicums, wie der vaterländifchen Schau- 
fpieler gewefen war. Man lächelte wohl über die Manierirtheit der franzöfifchen Acleurs und Aclricen, 
aber man lernte doch eigentlich erft von ihnen einen edleren Ausdruck der Empfindung, den leichten Ton 
der Converfation und des feinen Scherzes; der deutfche Spielplan bereicherte fich an dem Repertoir der 
Franzofen, und der deutfche Schaufpielerftand endlich gewann an Achtung durch das vielbeneidete 
Anfehen, das die »Fremden« in den höchften Kreifen der Wiener Gefellfchaft genofsen. Vielleicht waren 
die Franzofen bereits überflüffig, ihre Miffion erfüllt, als man fie entliefs; das deutfche Idiom war ja nicht 
mehr auf die ungebildete Maffe des Volkes befchränkt, es hatte fich Geltung errungen und in Folge deffen 
auch den Kreis des deutfchen Theaterpublicums in demfelben Mafse erweitert, als fich jener des 
franzöfifchen verengt hatte. Die Franzofen hatten ihre Schuldigkeit gethan — fie konnten gehen; aber 
fie gingen nicht ohne das Bewufstfein, ihre Rolle in Wien mit Anftand und Erfolg gefpielt zu haben. Als 
die bevorzugten Infaffen des Theaters an der Kaiferburg waren fie nachgerade ein Hemmnifs für das 
deutfche Schaufpiel geworden, welches mit Recht diefen Ehrenplatz in der deutfchen Kaiferftadt keiner 
fremdfprachigen Truppe überlaffen wollte, und diefes Hemmnifs mufste befeitigt werden. Eine dankbare 
und ehrende Erinnerung jedoch verdienten die abziehenden Franzofen, einen Ehrenplatz in der Gefchichte 
des Burgtheaters verdiente fich das alte, vielgeliebte und vielumftrittene »theätre francais pres de la cour«. 








*&«*-*■■ ^i-'- " 



43' 





SONNENFELS, GEBLER UND LESSING, 

UND DIE BEGRÜNDÜNG DES NATIONALTHEATERS 



DURCH 



KAISER JOSEPH 





T^E.xSg 



ING. 



nur' 



L S Graf Johann Kohary aus den bedenklich befleckten Händen Afflisio's 
das grofse Wiener Theatergefchäft übernahm, fchlugen ihm mancherlei 
Herzen hoffnungsvoll entgegen. Die Xobleffe aus dem getreuen Gefolge 
Kaunitz' hoffte auf eine neue Glanzperiode der von Afflisio fo fchnöde 
behandelten franzöfifchen Bühne, die Mufikfreunde hofften auf eine 
Wiederherftellung der Lo Prefti'fchen Opernpracht, und die »deutfchen 
Patrioten« und vaterländifchen Literaten begrüfsten in dem ungarifchen 
Magnaten einen Erlöfer des noch immer um feinen gebührenden Platz 
ringenden deutfchen Schaufpiels. Sehr gefchmeichelt, verbeugte fich der 
Theater-Graf nach allen Richtungen und nahm fich vor, allen Herren zu 
dienen. Nach einem alten Weisheitsfpruche trifft aber kein Menfchenkind 
diefe vielfeitige Kunft; wir haben auch bereits erfahren, wie wenig Kohary es getroffen hatte, die aus- 
fchweifenden Hoffnungen der Franzofen zu erfüllen. Faft fchien es, als follte ermitdem»Xationalfchaufpiel« 
glücklicher fein. Mit derfelben Begeifterung, mit welcher Herr v. Sonnenfels kurz vorher die Bender'fche 
Rettungsthat begrüfst hatte, grüfste er nun die Ära Kohary. Und der Graf war empfänglich für diefen Grufs 
und für die Rathfchläge, welche ihm der grofse Prophet der Gefchmacksverbefferung im reichften Mafse ent- 
gegentrug. In dem Comite, »compose des direcleurs de chaque speclacle et des gens de goüt«, welchem 
er die Unterftützung feiner eigenen unfelbftändigen Perfon in der artiftifchen Leitung des umfangreichen 
Theaterapparats anvertraute, nahm Sonnen fei s den gröfsten Raum ein, gröfser beinahe, als er dem 
General-Prote&or des Grafen, dem Fürften Kaunitz, für das franzöfifche Theater eingeräumt war. Nun 
fand Sonnenfels, was er fo lange gefucht hatte: den unmittelbaren, ftarken Einflufs auf das deutfche 
Theater, die Gelegenheit, feine kritifchen Gedanken in fchöpferifche Thaten umzufetzen; er fand einen 
Theaterunternehmer, der nicht den leifeften Verfuch machte, feinen äfthetifchen Lehren und Mahnungen 
YViderftand zu leiften. Das heifst alfo: er fand feine erträumten Ideale in einem vielleicht gar nicht 
erträumten Mafse verwirklicht. Seine wohltönenden Worte fielen auf einen fruchtbaren Theaterboden, 
fie erreichten das Ohr eines Monarchen, welcher dem Schaufpiele der Nation nicht mit kalter Gleich- 
giltigkeit, fondern mit wachfendem Intereffe gegenüberftand und mit Entfchiedenheit für die Ideen der 




INBEK.WN I EK MEISTER. 



W. HECHT DEL. * bC. 



KAISER JOSEPH II. 



VERLAG DER GESELLSCHAFT FÜR VKRVIEI.F. KUNST IN WIEN. 



DRUCK DER K. K. HOF- UND STA ATSDRl'C KEPEl IN \\ IE». 



VERVIELFÄLTIGUNG VORBEHALTEN. 



173 

Reform eintrat. Das hatte man gefehen, als Sonncnfels mit feiner Schrift Ȇber die Notwendigkeit, das 
Extemporiren abzuftellen« an Jofeph II. herantrat. Sie wiederholte feine bekannten Argumente gegen die 
halbtodte Burleske nur in einem noch energifcheren, ftolzeren Tone, mit noch handgreillicheren Vorwürfen: 

> . . . . Die Ausländer müfsten llaunen, wenn ihnen die Namen derjenigen bekannt wären, welche, uneingedenk des Ranges, den fie bekleiden, 
gar nicht geheim fich an die Spitze der Poffenreifser-Rotte ftellen und durch ihren Namen, den fie zur Beförderung des Gefchmacks herzuleihen lieh 
nie erbitten liefsen, die Partei der Unfitt lieh ke it anfehnlich und mächtig machen. Jedermann wird bei einer nicht allzugrofsen Anftrengung etwas 
Unzufammenhängendes darin finden muffen, dafs der hohe Adel fich für das franzöfifche Schaufpiel fo viel Mühe gibt, indeffen das Nationalfchaufpiel 
gleichfam nur als ein zufälliger Theil angefehen und fich felbft überlaffen wird . . . Die Gründe, welche für das franzöfifche Schaufpiel angeführt werden, 
beliehen hauptfächlich darin: 1. Hof und Adel müfsten ein Schaufpiel haben, das ihrer würdig fei; 2. die Fremden, deren Zufammenflufs fehr grofs, müfsten 
hier ein anfländiges Schaufpiel finden; 3. die franzöfifche Bühne muffe als ein Mufter, nach welchem fich die deutfehe bilden foll, erhalten werden. Hat man 
in Frankreich und England fich eher angelegen fein laffen, das fremde Theater auf guten Fufs zu fetzen, oder hat man vor Allem darauf gedacht, das 
Nationaltheater zuverbeffern? Soll denn derdeutfcheSchaufpieler ewig auf die Ehre verzichten, feinem Fürften, dem edleren Th eile der Bürger ein Vergnügen 
zu verfchaffen? Soll Deutfchlandewig verurtheilt fein, ohne anfländiges Schaufpielhaus zu bleiben? Wien a Hein k ann fich die fenRuhmer werben; 
alle Umftände find hiezu vorzüglich günftig, und da wir ohnehin an den übrigen Seiten der Verfeinerung des Gefchmacks einen fo geringen Antheil 
haben, da wir uns an den Beiträgen zu der BelTerung desfelben von jeder kleineren Provinz haben übertreffen laffen, follten wir nicht begierig nach 
dem einzigen Mittel greifen, welches nun noch übrig ift, in der Gefchichte Deutfchlands einen Platz zu verdienen ? . . . Ich will meiner Freimüthigkeit 
keinen Einhalt thun. Ift der Regent, ift der grofse Adel der einzige Gegenftand der öffentlichen Aufmerkfamkeit? Verdient der Bürger, welcher 
zu dem allgemeinen Wohle nicht minder beiträgt, dafs man feiner gar nicht gedenke? .... Der Mann aus der mittleren Claffe bedarf es fogar weit 
mehr, dafs der Staat ihm eine anftändige Ergötzung zu verfchaffen fuche, als der Adel; diefem kann es bei feinem grofsen Vermögen an Ergötzlich- 
keiten nicht fehlen, indeffen der eingefchränkte Aufwand, den die unteren Claffen zu machen fähig find, fie auf die Schaubühne hauptfächlich 
herabfetzt, und wenn man fie diefer Ergötzung beraubt, auf lblche zu verfallen verleitet, die den Sitten nachtheilig find . . . .« 

Das war in der That ein nicht mifszuverftehender Wink für den Kaifer und die Ariftokratie, endlich 
fich für die deutfehe Nationaltheater-Frage kräftiger zu intereffiren. Im Verein mit Gebier, der fich damals 
mit Sonnenfels noch auf erträglich gutem Fufse befand und in diefer Sache ganz feiner Anficht 
war, fetzte man bekanntlich die Mafsregelung oder Abfchaffung der Extemporanten durch, und auch die 
letzte Epifode Bernardons änderte nichts an deren nicht zu verhinderndem Untergange. Als nun Kohary 
fein grofses Opfer für die Kunft brachte, war man die böfe Feindin Burleske fchon losgeworden; der 
Kampf galt jetzt den Franzofen, und die Hiebe des Propheten Sonnenfels fielen hageldicht nach diefer 
»würdigeren« Seite. Kohary vertraute der Autorität des rede- und fchriftgewandten, ftets im Vorder- 
grunde des literarifchen Kampfplatzes fechtenden Profeffors fo fefi, dafs er gar nicht die bedenkliche 
Lage bedachte, in welche er felbft durch dielen Vorkämpfer der geplanten Reform des »Nationalfchau- 
fpiels« gerieth. Bald fehen wir den armen Grafen angftvoll zwifchen feinen zwei Protektoren herum- 
fchwanken; zog ihn Sonnenfels mit der mächtigen Schwungkraft feiner Rede nach der deutfehen Seite 
hin, fo rifs ihn bald eine fpitze Epiftel des »General-Protectors« Kaunitz zu den Franzofen zurück, und 
das koftfpielige Ballet nebft den fingenden Italienern hing fich erfchöpfend an feine Tafchen. Er war ja 
in Einer Perfon Herr über vier Kunftgebiete ■ — denen man noch die Thierhetze zurechnen konnte — 
über drei Schaufpielhäufer (Burg-, Kärntnerthor- und Hetz-Amphi-Theater), und diefe vier Gebiete und 
drei Häufer kannten nahezu keinen anderen Zufammenhang als die gemeinfehaftliche Inanfpruchnahme 
feiner Caffa. Das war viel für einen Mann ohne felbftändigen Willen, ohne ftarke künftlerifche Über- 
zeugung, der nur durch einen unglücklichen Zufall in das Theatergefchäft hineingerathen war und es tag- 
täglich mehr bedauerte, dafs er fich von dem viel bequemeren platonifchen oder galanten Mäcenatenthum 
zum Direciions-Dilettantismus hatte hinüberleiten laffen! Sonnenfels war gerade vor Beginn der Ära 
Kohary in ganz officielle, dienfiliche Beziehungen zum Theater getreten: er w r ar zum »Cenfor des 
deutfehen Theaters« ernannt worden. Über den Zeitpunkt diefer Ernennung fchwanken die Angaben; 
»Die allgemeine deutfehe Biographie« nennt im »gelehrten Oefterreich« den 15. März 1770, doch ift 
ihre Verläfslichkeit nicht allzubewährt, zumal diefelbe Ouelle auch von dem »Eintritte Sonnenfels' in die 
artiftifche Leitung der Bühne« zu berichten weifs, was durchaus nicht w r örtlich zu nehmen ift.* Sonnenfels 

* »Als Cenfor« — heifst es in der »allg. deutfehen Biogr.« Bd. 34, S. 631 — »trat er bald auch in die artiftifche Leitung der Bühne ein. In dem- 
felben Jahre 1770 wurde er durch den Leibarzt der Kaiferin, Gerhard van Swieten, in die Büchercenfurcommiffion berufen; ihm wurde die Cenfur aller 
politifchen Schriften, ferner die fämmtlicher englifcher Bücher und der deutfehen Gedichte, Romane, Wochenfchriften und hiftorifchen Werke übertragen; 
eine ausgedehnte und undankbare Arbeit, von der er nach van Swietens Tode im Auguft 1772 wieder entbunden wurde.« Auch Willibald Müller, 
aeeeptirt in feinem » Sonnenfels« jenen 15. März 1770. 

44 



174 

ift niemals (was mehrfach behauptet wird) der Leiter, aber er ift kurze Zeit hindurch die Seele, die 
treibende geiftige Kraft der Wiener Theaterleitung gewefen, und aus dem vereinigten Einfluffe des 
Theatercenlbrs und des Freundes Kohäry's ergab fich von felbft eine Machtfphäre, welche nicht officiell 
ausgefprochen, nicht (ichtbar begrenzt und doch bedeutend war. Er war mehr als der Cenfor — 
er war, wenn wir in modernen Ausdrücken lprechen wollen, artiftifcher Beirath der deutfchen 
Schaubühne, der eifrige Berather Kohäry's für dielen Zweig feiner vielfeitigen Theater-Unternehmung, 
Lehrer für Anftand und gute Künftlerfitte bei den Mitgliedern der Bühne. Er übte unmittelbaren Ein- 
flufs nicht blofs auf die Erwerbung neuer Stücke und die ganze Geftaltung des Repertoires, fondern auch 
auf Neuengagements und Rollenbefetzung. Wohl hatte Kohary auch einen literarifchen »Theatral- 
Secretär« angeftellt: Moriz Ritter v. Brahm, »k. k. Bankgefällsinfpeclorats- zweiten Adjuncten« zu König- 
gratz, einen geborenen Rheinländer (geb. 1. Oclober 1744 zu Ehrenbreitftein), der, wie fo viele Deutfche 
aus dem Reiche, in dem etwas von oben betrachteten Öfterreich Glück und Ehren geflieht hatte. Aber 
Herr v. Brahm fpielte keine erfte Rolle in der Theaterleitung; er hatte in Würzburg die Weltweisheit 
und die Rechte, in Mainz die »fchönen Wiffenfchaften« ftudirt und that (Ich literarifch durch Über- 
fetzungen dramatifcher Werke und einige mäfsig gute, aber freundlich aufgenommene Originalftücke 
hervor, blieb aber nur ein ausführendes Organ der Sonnenfels'fchen Ideen. Der klarfte Beweis fin- 
den unmittelbaren Einflufs, welchen Sonnenfels auf die neue Direclion nahm oder beanfpruchte, ift 
die Thatfache, dafs das Programm derfelben, das in ganz neuartiger Weife pomphaft verkündigt wurde, 
von Sonnenfels ausgearbeitet war und feinen Styl, feine Ausdrucksweife unverkennbar zur Schau 
trägt. Er fordert darin die erfte und vollfte Aufmerkfamkeit für das deutfche, das heifst das »Schaufpiel 
der Nation«. Jetzt fcheint ihm die Zeit zur Emporhebung desfelben gekommen. Der Kailer felbft hält 
»diefen Theil der öffentlichen Ergötzungen« nicht zu gering für feine Herrfcher-Sorgfalt; man wird 
Talente in der Heimath felbft finden, meint der Reformator, weil man die Schaufpieler nicht mehr als 
»Tag-Miethlinge« fondern wirklich als Leute von Talent behandeln und in die gute Gefellfchaft einführen 
wolle. »Die Schaufpielerin wird dann an der Dame, der Schaufpieler im Kreife der Cavaliere die 
Urbilder zu dem freien, edlen Anftande, zu der Ungezwungenheit und Leichtigkeit des Umgangs, zu 
der »feinen Höflichkeit« der franzöfifchen Schaufpieler finden. Die Proclamation kündigt ftete Abwechs- 
lung der Stücke, fcherzhafte Luftfpiele und rührende Schaufpiele, letztere fparfam untermengt, an; »wie 
fich das Schaufpiel manchmal zum wichtigften, feinften Scherze erheben werde, fo follte auch das 
Scherzhafte manchmal bis an die Grenze der Wohlanftändigkeit finken,« wagte Sonnenfels zu fagen. 
Man verfprach Honorare, 100 fl. für ein vollwerthiges Luft- oder Trauerlpiel, 50 fl. für kleinere Stücke, 
ein Drittheil für Nachfpiele, ftets die Hälfte für Überfetzungen. Befonders erfolgreiche Stücke hätten 
noch auf eine befondere Dankbarkeit zu rechnen. Dichtern, welche freies Entree ins Theater vorzögen, 
wurde einjährige Entree-Freiheit für ein ganzes Original, halbjähriges für ein kleineres Stück oder eine 
Überfetzung zugefichert. Ausländifche Dichter wurden vor ausgedehnten »Gefprächen« (Converfationen) 
in ihren Stücken gewarnt, weil man in Wien Zeit für Ballete refervieren muffe. Nebenbei bemerkt wurden 
auch die »nicht-deutfehen« Schaufpiele, das heifst das franzöfifche Schaufpiel und die Opera buffa. 04 

Diele vom 14. Auguft 1770 datirte Ankündigung war in der That ein ziemlich weitläufiges 
Programm, das aber von einem ernfien und ausgefprochenen Willen durchweht war, von dem Willen, 
die deutfche Bühne zur herrfchenden in Wien zu machen. Das erkannte Niemand mit gröfserem Mifs- 
vergnügen als Kaunitz, zumal die Perfon des Kaifers hier ganz offen in den Kampf theatralifcher 
Parteien hineingezerrt und an das deutfche Nationalgefühl des Hochadels mit einer fchlecht verhüllten 
Ironie und Dringlichkeit appellirt wurde, welche dem Staatsmanne äufserft undelicat vorkam und äufserft 
unbequem war. Er fäumte auch nicht, dem Grafen Kohary von feinem Schlofse zu Aufierlitz aus 
feine Indignation bekanntzugeben; fie war umfo ftärker, als der Graf ihm, feinem erkorenen Prote£tor, 
kein Sterbenswörtchen von der geplanten »Nachricht an das Publicum« gefagt hatte. Auch fand 



175 

Kaunitz diele Parallel-Proteclion des Herrn von Sonnenfels, den er ja in manchen Dingen fchätzte, 
geradezu beleidigend. Mit feiner verurtheilenden Kritik diefer »belle piece d'Eloquence de Mr. de 
Sonnenfels« 55 hatte übrigens der Fürft in manchen Stücken vollkommen Recht. Wozu verfprach man dem 
Publicum foviel, ohne zu wiffen, ob man es halten würde? Und wie feltfam war es, wenn eine Direction, 
welche drei oder vier Schaufpielgattungen pflegen mufste, eine gegen die andere emporhob und aus- 
fpielte! Kaunitz fühlte die Stiche, die ihn perfönlich angingen, recht gut, und darum hielt er mit einem 
verdammenden Endurtheil über diefes »tissu de choses inutiles, mechants et prejudiciables« nicht 
zurück und erklärte dem zerknirschten Kohary, dafs er fich überhaupt nicht mehr in feine Theater- 
angelegenheiten einmifchen werde, wenn der Graf noch einmal etwas ohne feine Theilnahme unter- 
nehmen follte. Jedenfalls war Kaunitz durch die Publication der Direclion Sonnenfels, genannt Kohary, 
jeder Verantwortung für das Schickfal der deutfchen Bühne enthoben; defto verantwortlicher wurde 
Sonnenfels dafür. Schon feine Cenfurinftru6tion, alfo feine officielle Amtsfphäre, war weitgehend 
genug. Es war »alles Extemporiren verboten, den Schaufpielern alles gefliffentliche Zufetzen, 
Abändern oder aus dem Stegreife an das Publicum Hellende Anreden auf das Schärffte und mit 
Bedrohung durch die Regierung« unterfagt; im Übertretungsfalle war der fchuldige Acleur oder die 
fchuldige Aclrice fofort nach der Vorftellung in Arreft zu fetzen, beim zweiten Übertretungsfalle aber 
aus dem Theater abzufchaffen. Ferner follte der Cenfor »entweder felbft oder durch Andere, für 
die er gutzuftehen hat, infonderheit auf die A6tion der Stücke die genauefte Aufficht tragen, damit 
die Sittfamkeit ebenfo wenig durch Geberden und Gebrauchung unanftändiger, in dem zur Cenfur 
gegebenen Auffatz nicht bemerkter, fogenannter Requifiten oder Attribute nicht verletzet werde, als 
worauf die nemliche Strafe wie auf das Extemporiren gefetzt ift.« Der Cenfor hatte nichts zu geftatten, 
was gegen Religion und Staat oder die gute Sitte war; »offenbarer Unfinn«, der des hauptftädtifchen 
Theaters unwürdig gewefen wäre, verfiel der Vernichtung; alle Stücke, auch die bereits aufgeführten, 
waren feiner Prüfung unterworfen. Diefe Machtfülle hat wohl auch zu dem von der »Chronologie 
des deutfchen Theaters« verzeichneten und von ungezählten Theaterchroniften nachgedruckten 
Märchen geführt, die Wiener Schaufpieler hätten Sonnenfels zu ihrem Direclor erwählt. Gewifs, er 
trat ihnen nunmehr näher, als vormals in feiner Kampfftellung als Kritiker. Sie hatten auch Urfache, 
diefen Mann, der die Erhebung ihres Standes fo beredt und ausdauernd predigte, zu refpeciiren, wenn- 
gleich er ihnen andererfeits mit feinen ebenfo beredten Anftandspredigten unbequem wurde. Er, der 
gelehrte Profeffor und geftrenge niederöfterreichifche Regierungsrath, liefs fich zu dem Komödianten- 
völkchen herab, wohnte den Proben bei — wozu ihn feine Cenfor-Macht wohl ebenfo ermächtigte, wie 
das hoffnungsvolle Vertrauen Kohäry's in feine weifen Rathfchläge — und trat werkthätig für Talente 
ein, die er entdeckte und zu bilden befchlofs. Davon erzählt uns z. B. Jofeph Lange in feiner Selbst- 
biographie.* Diefer Mann, der ein Menfchenalter hindurch dem Burgtheater zur Zierde gereicht hat, 
ift von Sonnenfels entdeckt worden, als er in deffen Haufe bei einer Privatvorftellung mitwirkte. Er und 
fein noch bedeutenderer Bruder Michael, der nach kaum einjähriger künftlerifcher Wirkfamkeit im 
jugendlichen Alter ftarb,** empfingen aus dem Munde diefes Meifters der Rede die erften Lehren der Kunft, 
und fie liefsen fich von ihm für den Beruf begeiftern, den er zum edelften erhoben wiffen wollte. Sein 
Haus war den Mitgliedern des deutfchen Schaufpiels ftets geöffnet, und bald beobachtete man auch in 
weiteren Kreifen die zunehmende Emancipation des deutfchen Schaufpielerftandes in Wien. »Die 
Emporhebung des Theaters«, fchreibt Lange, »wurde von den Grofsen und Edlen des Staates damals 
mit Enthufiasmus betrachtet. Ihre Häufer und Gefellfchaftsfäle ftanden dem Schaufpieler offen. Hier 
ftudirte er die Sitten und den Ton der grofsen Welt, der, weil er auf Connivenz und fubtile Verhältniffe 

* Biographie des Jofeph Lange, k. k. Hoffchaul'pielers. Wien 1808. 
** Michael Lange war zu Würzburg 1752 geboren und trat am 20. Auguft 1770 als Martius in Brawe's »Brutus« zum erftenmale auf. »Einficht, 
Feuer, Anftand und Empfindung« zeichneten ihn aus; als feine beften Rollen bezeichnete man die »heroifchen Chara6tere« des franzöfifchenTrauerfpiels. 
Leider ftarb er fchon am 29. Juli 1771 im 19. Lebensjahre, nachdem er noch 14 Tage vorher den Obrift in den »unähnlichen Brüdern« gefpielt hatte. 

44- 



176 

fich gründet, nur in derfclben gelernt werden kann. Hier, und das ift das Wichtigfte, wurde er 
gezwungen, ihn fogleich felbft anzunehmen. Das Abgemeffenere, Feierlichere, Beftimmtere des damaligen 
Tons war ihm gleichfalls möglich. Er lernte bald, fich in unbequemerer Kleidung leicht und würdig 

bewegen und aufmerkfam fein auf jede Kleinigkeit, weil jeder kleine Verftofs belächelt wurde « 

Das war es ja, was Sonnenfels immer gewollt, wonach er, unter wehmüthigen Vergleichen der 
Behandlung deutfcher und franzöfifcher Komödianten, fo oft gefeufzt hatte! Er triumphirte und arbeitete 
fieberhaft, das wahrzumachen, was er ebenfo oft als feierlich verfprochen hatte. Die erfehnte Ver- 
fammlung aller fchriftftellerifchen und fchaufpielerifchen Talente um das Wiener Theater vollzog fich 
nicht rafch genug; er erliefs neue Proclamationen, um fie zu befchleunigen.* 

Befonders intereffante Vorftellungen fuchte er durch Befprechungen in Flugblättern zur gröfseren 
Kenntnifs des Publicums zu bringen. Er fühlte die Verantwortlichkeit, welche gerade er mit leinen 
pompöfen, weitgehenden Ankündigungen übernommen; er ahnte die Bedeutung des Moments, welcher 
entfcheiden mufste, ob er nur ein grofser, beredter Kritiker oder auch eine fchöpferifche Kraft zu 
fein vermochte. Aber der Kritiker war ftärker in ihm als der Organifator; er war gröfser und glücklicher 
im Kampfe als im Siege und an der politiven Arbeit. Seiner Thätigkeit fehlte der grofse Zug, der klare 
Blick, die energifche Hand; er war — das zeigte fich immer mehr — doch in erfter Linie der Meifter der 
Phrafe, der äfthetifchen Pofe. Er verlor fich gern in das Kleine und Kleinliche und war vor Allem darum 
beforgt, feine eigene Perfon im Mittelpunkte der Ereigniffe zu erhalten. Von feiner zweifellofen Bedeutung 
für die Gefchmacksveredlung und die Reinigung der Bühne in Wien, von feinem Ruhme und feiner 
Gröfse hat fich niemals fo viel verloren, als in den wenigen Monaten feiner Theatral-Allmacht. 

Und es gab Männer von Gewicht und Anfehen in Wien und aufserhalb Wiens, welche den Heros Sonnen- 
fels nur zu bald feiner blinkenden Rüftung entkleideten, zur Herzensfreude der ungezählten Gegner, welche 
er fich durch feine fchonungslofen Angriffe auf Adel, Clerus und «Geschmacklofe» erworben hatte. Die zwei 
intereffanteften Widerfacher Sonnenfels' wurden Tobias Philipp Freiherr von Gebier und Gotthold Ephraim 
Leffing. Diefe zwei Männer, welche mangewifs nicht zu den »Obscuranten« zählen darf, finden wir von 
dem Augenblicke an, da Sonnenfels den Gipfel feiner erträumten Macht im Wiener Theaterreiche erklimmt, 
nicht in den Reihen feiner Feinde, aber auf einem für ihn viel gefährlicheren Porten: in der Stellung kalt- 
kritifcher, ironifcher Beobachter. Gebier war »Aufklärer« wie Sonnenfels, gewifs um keine Nuance 
weniger liberal, weniger fortfchrittlich gefinnt wie diefer. Er war einer von jenen Reichsdeutfchen, die nach 
Wien gekommen waren, um Carriere zu machen; er hatte auch die Converfion zum Katholicismus nicht 
verfchmäht, um diefesZiel zu fördern, war aber gerade fo wie Sonnenfels, der Sohn des jüdifchenConver- 
titen Perlin Lippmann, ftets auf Seite jener »Jofephiner« zu finden, welche thatfächliche oder vermeintliche 
Schwächen des katholifchen Öfterreich leidenfchaftlich bekämpften. Beide ftrebten nach Macht und 
Einflufs nicht nur in der Literatur, fondern auch im Staate, und Beide durften auf namhafte Erfolge 
hinweifen. Dabei war Sonnenfels der auffälligere, vernehmlichere, Gebier der kräftigere. Die Mafs- 
regelung und Tödtung der Burleske hat in Wirklichkeit Gebier — gewifs nicht ohne tiefen Eindruck der 
Sonnenfels'fchen Worte — durch feine kernigen Vorträge an den Kaifer herbeigeführt. De Luca wufste 

* Am 25. Aug. 1770 erging folgende »Nachricht«: >Die k. k. privilegirte Theaterdireclion hat vernommen, dafs verfchiedene, welche ihre 
Mufse zu Theatralarbeiten verwenden, doch aber ihre Namen aus befonderen Ablichten nicht entdecken mochten, eine Auskunft zu haben verlangen, 
wie fie, ohne bekannt zu werden, die für jede folcher Arbeiten angefetzte Erkenntlichkeit erheben können. Mit Vergnügen erkläret diefelbe hiemit, dafs 
die Herrn Verfaßter diefer Art, ftatt ihres Namens, nur fonft ein willkührliches Zeichen in die mit einzufetzenden Zettel zu fchreiben belieben, gegen 
deffen Vorzeigung das beftimmte Honorarium ausgezahlt werden foll. Stolz auf die Genies diefer Stadt, fieht die neue Thcaterdirection dem Eifer für 
die Nationalbühne freudig entgegen und hält fich für alle ihre Bemühungen reichlichft bezahlt, wenn das hiefige Publikum die fchönen Früchte in 
diefem Felde der Moral und des Witzes nach feinem Gefchmacke findet. Eben diefe Direction machet hiemit bekannt, fie fey gefinnet, ihrTheaterperfonale 
mit einer Frauensperfon zu jungen, hohen komifchen und tragifchen Rollen zu vermehren. Woferne alfo irgend eine, von der Natur mit dem Wuchfe 
und Geftalt, fo diefe Rollen fodern und mit dem nöthigen Talente verfehen, fich der Schaubühne widmen wollte, die hätte fich bei dem Hrn. v. Brahm, 
Secretär in der Schenkenftrafse im Gr. Bathianifchen Haufe, zu melden. Man wird derjenigen, welche die gefliehten Eigenfchaften befitzt, gewifs fehr 
anftändige Bedingniffe fetzen; jedoch fodert die Direktion ihrer Seite, nach ihrer in der Nachricht an Tag gelegter Abficht, dafs eine folche Perfon 
Erziehung habe, und von einer anftändigen Aufführung glaubwürdige Beweife beybringen könne«. 




:cs?:ph v.'C-lf ?jj 



CARL PFEIFFER SC? 



JOSEPH LANGE 
als Albrecht in A£nes Bernaueriim. 



■ 



T^otogravure v.R Paulussen.Ttöeiu 



177 

von diefem »Patrioten und Menfchenfreunde« zu rühmen, »dafs er zum Grundfatze habe, fich nicht blofs 
mit fleifsigen Verrichtungen der gewöhnlichen Amtsgefchäfte zu begnügen, fondern ftets auf Ver- 
befferungen und Abfiellungen eingefchlichener Gebrechen beeifert zu fein, daher keine gemeinnützige 
Unternehmung, kein patriotifcher Vorfchlag, der nicht von Gebier unterftützt würde.« Das Polizei- und 
Cameralftudium und die Schul-Organifation hatten ihm viel zu danken. Er war auch — im Vergleiche 
mit Sonnenfels — das ftärkere fchöpferifche Talent, nicht von bahnbrechender, erfchütternder Gewalt, 
aber von achtbarer Mittel-Güte; er wufste bühnenfähige Stücke von gewandter Form, correcler, wenn 
auch nicht claffifcher Sprache und warmer Empfindung zu fchreiben, in denen vor Allem der Ton 
der grofsen Welt, der von Sonnenfels fo hartnäckig begehrte »Anftand« beffer als von folchen Dichtern 
getroffen war, welche diefen Ton nicht kannten.* Er hob die Achtung vor literarifcher Thätigkeit und 
belebte fie, indem er — der hohe Staatsbeamte — fich mitten in das literarifche Leben ftellte. Dabei 
blieb er von einer wohlthuenden Befcheidenheit, welche auch wieder zu fatalen Vergleichen mit feinem 
Kampfgenoffen auf ftaatlichem, äfthetifchem und dramaturgifchem Gebiete herausforderte. Er fchätzte 
fich durchaus nicht höher, als ihn wohlwollende Freunde fchätzten, wenn er auch den begreiflichen 
Ehrgeiz hatte, feinen Werken Anerkennung und Geltung zu erringen. In Wien war dies dem Staatsrathe 
und Stephansordens-Ritter Baron Gebier leicht erreichbar; feine Blicke aber richteten fich verlangend 
nach dem deutfchen Norden, und in Einem Punkte begegnete er fich da wieder einmal mit Sonnenfels, 
in der Sehnfucht, von den norddeutfchen Autoritäten und gelehrten Zeitfchriften gelobt zu werden 
— ihm mufste daraus noch die Ehre norddeutfcher Aufführungen erwachfen. Mochte fich das öfterreichifche 
Selbfigefühl in diefen echten oder Adoptiv-Öfterreichern noch fo kräftig regen, konnten fie mit noch fo 
grofser Befriedigung auf die Errungenfchaften ihrer fortfchrittlich-literarifchen Minir- und Pionnier-Arbeit 
im Vaterlande hinweifen, fo felbfigefällig waren fie doch nicht, die Überlegenheit der literarifchen Bewegung, 
der literarifchen Errungenfchaften des deutfchen Nordens zu leugnen; im Gegentheile, wir fehen diele 
Männer von Rang und Titel im Staube vor den kritifchen Potentaten Norddeutfchlands liegen und um 
jede Gunftbezeigung, jedes lobende Wörtlein feufzen. Die »Grofsen« im Reiche der Kritik nahmen diefes 
devote Betteln um ihre Gunft mit entfprechender Herablaffung entgegen, zumal es ihnen fchmeichelte, 
einen k. k. öfierreichifchen Staats- oder Regierungsrath als Anbeter oder Supplicanten zu ihren Füfsen 
zu fehen, während im deutfchen Norden die Geifies-Arifiokraten vor den Mächtigen diefer Erde noch 
recht fleifsig antichambriren mufsten. Sie liefsen fich wohl ein Lobeswörtlein in Briefen und Zeitungen 
entfchlüpfen, um in vertrauten Kreifen oder in anderen Epifteln die öfierreichifchen Schriftfieller defio 
fpöttifcher abzuthun. So hielten es Leffing, Nicolai u. A. mit dem arglofen Gebier und mit dem 
prätentiöfer auftretenden Sonnenfels. Wir werden es noch erfahren. 

Und verdiente es diefes arme Öfterreich wirklich, von den norddeutfchen Geifiesfürfien fo arg 
verhöhnt und zerzauft zu werden? War es nicht gerade empfänglicher für literarifches Leben und 
Streben, als die deutfchen Staaten, in denen jene Poeten ihren oft recht ärmlichen Hof hielten? 
Der von Deutfchlands Barden vielbefungene nationale Held, Friedrich IL von Preufsen, trug 
den huldigenden Dichtern ein nichts weniger als empfängliches Herz entgegen. Und hier im öfier- 
reichifchen Süden harrte ein deutfchfühlender Monarch, der die Kaiferwürde des heiligen römifchen 
Reiches neubeleben, der die ganze deutfche Nation mit feiner Herrfcherliebe umfaffen wollte, noch 
immer vergebens der rechten Kämpfer für feine grofse, deutfche Idee! Gegenliebe aus dem deutfchen 

* Gebl ers Stücke füllen Bände. Wir nennen als fein Hauptwerk das Drama »Der Minifter« (1771), von Baron Todesohi ins Italienifche überfetzt, 
ferner »Das Prädicat oder der Adelsbrief« (Luftfpiel nach Merville), »Die Kabala oder das Lottoglück«, »Das Bindband oder die fünf Therefen«, »Die 
Freunde des Alten oder Ehedem waren gute Zeiten« (Luftfpiel), »Clementine oder das Teftament« (Drama, 1771), »Die Osmonde oder die beiden 
Statthalter« ('Drama), »Thamos, König von Egypten« (Drama, 1772, ins Franzöfifche überfetzt), »Die Witwe-« (Luftfpiel, ebenfalls ins Franzöfifche 
überfetzt), »Die Verformung« (Luftfpiel), »Leichtfinn und gutes Herz« (Luftfpiel), »Der Stammbaum oder der Familienftreit« (Luftfpiel, 1775), fowie eine 
Reihe von Überfetzungen und Bearbeitungen. Die vielfeitige Thätigkeit Geblers im Dienfte des Staates in Rechts-, Klofter- und Kirchenangelegen- 
heiten hat Dr. C. Gloffy im Feuilleton der »N. Fr. Preffe« vom 13. 06t. 1886 gefchildert. Gebier wohnte in der Kärntnerftrafse, Orient. Nr. 3, fpäter 
Goldfeh miedgaffe. 

45 



178 

Norden war für den katholifchen, habsburg'fchen Süden fchwer zu gewinnen. Leffing felbft zuckte 
mitleidig die Achfeln und lächelte darüber, wenn öfterreichifche Deutfche (z. B. Sonnenfels) Wien als 
die »Hauptftadt Deutfchlands« priefen. Ein wohlwollend-mitleidiger Blick, eine mühfam conftruirte 
Anerkennung für diefes fecundär-deutfche Volk war Alles, was die Meiften der norddeutfchen Geiftes- 
fürften ihrem Selbftgefühle abringen konnten. Eine Zeitlang allerdings fchien es, als würde das 
gelehrte Xorddeutfchland auf die Liebeswerbungen Öfterreichs reagiren. Kein Geringerer als Klopft ock 
wandte feinen verklärten Dichterblick gen Wien, auf den Kaifer, und erhoffte von ihm die Gründung eines 
geiftigen Mittelpunktes für All-Deutfchland, einer Akademie zur Regierung der Literatur, zurEntfcheidung 
über literarifche Leiftungen, Belohnung und Ermunterung literarifcher Talente, die Gründung eines kaifer- 
lichen Nationaltheaters, welches ohne Rücklicht auf das Belieben des Publicums den Gefchmack 
bilden und in Leffing und Gerftenberg zwei Dramaturgen von zweifellofer Autorität erhalten follte. Die 
Widmung der »Hermannsfchlacht« und deren überaus verbindliche Annahme durch den Kaifer, die Über- 
fendung einer goldenen, brillanten-befetzten Medaille mit Jofephs Bildnifs an den Altmeifter deutfcher 
Dichtung fchienen in der That Symptome einer epochalen Annäherung des Kaiferhofes an die deutfche 
Gelehrten- und Dichterrepublik. Leffing felbft, der bisher allen Hoffnungen auf Wien fkeptifch gegen- 
über geftanden war, richtete feine Aufmerkfamkeit dahin. 

»Wien, mag es fein, wie es will,« fchrieb er de dato Hamburg, 25. Auguft 1769, »der deuifchen Literatur verfpreche ich doch immer mehr 
Glück als in Eurem franzöfirten Berlin. Wenn der Phädon (Mendelsfohn's) in Wien confiscirt ift, fo mufs es blofs gefchehen fein, weil er in 
Berlin gedruckt worden und man fich nicht einbilden könne, dafs man in Berlin für die Unfterblichkeit der Seele fchreibe. Sonft fagen Sie mir von 
Ihrer Berlinifchen Freiheit zu denken und zu fchreiben ja nichts. Sie reducirt fich einzig auf die Freiheit, gegen die Religion fo viel Sottifen auf 
den Markt zu bringen, als man will. Und diefer Freiheit mufs fich der rechtliche Mann bald fchämen. Laffen Sie es doch aber einmal in Berlin 

verfuchen, über andere Dinge fo frei zu fchreiben, als Sonnenfels in Wien gefchrieben hat und Sie werden bald die Erfahrung haben, welches 

Land bis auf den heutigen Tag das fclavifchefte von Europa ift « 

Leffing follte es ja deutlich erfahren, dafs die Erwartungen, welche Klopftock in feinem »Fragment 
aus einem Gefchichtsfchreiber des XIX. Jahrhunderts« angedeutet hatte, nicht ausfichtslos, nicht Hirn- 
gefpinnfte der Dichter-Phantafie waren. Er hat thatfächlich im Frühling 1769, d. h. in den Tagen der 
Bender'fchen Theater-Rettung, einen »Privatantrag« aus Wien erhalten, »feine Kraft für ein fehr bedeu- 
tendes Gehalt einer wienerifchen Xationalbühne zu vermiethen, und wenn nicht an Ort und Stelle, fo 
doch aus der Ferne jährlich zwei Stücke einzuliefern«.* Der ihm durch Bode vermittelte Antrag ftellte 
ihm ein Jahresgehalt von 3000 fl. in Ausficht;** das war eine Summe, die der über und über ver- 
fchuldete Dichter fehr wohl hätte brauchen können. Trotz feiner Theatermüdigkeit war er eine Zeitlang 
nicht abgeneigt, zu verhandeln; dann aber zerfchlug fich die Sache aus fchwer zu erklärenden Gründen. 
Gewifs war fie im Juli 1769 noch nicht entfchieden; dann aber kam die Bender'fche Unternehmung 
ins Schwanken, und im Herbft nahm Leffing die Bibliothekarftelle in Wolfenbüttel an. Wien war 
abgethan. Hätte er aber nicht gerade in Wien jene Vorbedingungen für ein pofitives, machtvolles 
Schaffen gefunden, die er im Norden Deutfchlands vermifste? Der Mann nun, welcher unermüdlich für 
ihn wirkte und wahrfcheinlich fchon 1769 der Urheber des erften Antrages an Leffing gewefen war, war 
kein Anderer als Gebier, der glühendfte Verehrer des Leffing'fchen Genius in Wien. Er ermafs fehr genau 
den Unterfchied zwifchen dem »Wienerifchen Leffing Sonnenfels« und dem Original, und fein Ideal war 
es, das Wiener Nationaltheater unter der Leitung diefes echten Dichters und fcharffinnigen Dramaturgen 

* »Leffing, Gefchichte feines Lebens und feiner Schriften.* Von Dr. Erich Schmidt. 2. Bd. 1892. — »Noch mufs ich Ihnen fagen«. 
fchreibt Leffing am 13. April 1767 an Nicolai, »dafs mir von Wien aus fehr anfehnliche Vorfchläge gemacht werden. Sie werden aber leicht errathen. 
dafs fie das Theater betreffen, um das ich mich nicht mehr bekümmern mag. Wenn ich alfo wenigftens meinen italienifchen Plan mit diefen Vorfchlägen 
auf eine oder die andere Weife nicht verbinden kann, fo dürfte ich fie wohl gänzlich von mir weifen.« (G. E. Leffing's Briefwechfel mit Ramler, Efchen- 
burg und Nicolai. 1794.) 

" Am 12. April fchreibt Bode an Gleim (in Danzel's Papieren) über Leffing: »Er hat den Plan gemacht, im Mai nachCaffel zu gehen, dafelbft 
feinen Laokoon zu vollenden und dann geraden Wegs nach Italien zu gehen. Ich denke aber, diefer Plan foll ausgeftrichen werden. Denn ich bin fo 
glücklich gewefen, eine entfernte Veranlagung zu geben, dafs ihm vorige Woche von Wien aus jährlich 3000 fl. angeboten find, wenn er an der 
dafigen Einrichtung des Theaters durch guten Rath theilnehmen und jährlich zwei Stücke liefern will. Er hat feine Bedingungen zurückgemeldet, und 
ich hoffe, das Ding wird zu Stande kommen.« 



179 

zu fehen. So mag er bei dem Aufflammen der Nationaltheater-Begeifterung in den Frühlingstagen der 
Aera Bender den Verfuch infpirirt haben, den Original-Leffing nach Wien zu ziehen. Sonnen fels war 
ganz unfchuldig andiefem lobenswürdigen Verfuche; er war viel zu zärtlich mit dem bekannteften Wider- 
licher Leffings, mit dem Halle'fchen Profeffor Klotz, befchäftigt, um fleh gerade in den Tagen der heftigften 
Fehde zwifchen diefen beiden Männern für den ihm fernerftehenden Dichter der »Minna« zu erhitzen, die 
er allerdings mit viel Yerftändnifs gelobt hatte. Der geheime Ehrgeiz, in feinen »Briefen über die 
wienerifche Schaubühne« ein würdiges Gegenftück zu der hamburgifchen Dramaturgie Leffing's zu 
fchaffen, hätte Sonnenfels zu einer Citirung des norddeutfehen Dramaturgen wohl noch weniger 
begeiftert. Die Entfremdung zwifchen Sonnenfels und Leffing aber vergröfserte fleh in demfelben Mafse, 
als fich Gebier dem in der Wolfenbütteler Bibliothek verdroffen arbeitenden Leffing näherte. Die 
Annäherung gefchah von Seiten des Wiener Herrn Staatsraths, bei all' feiner aufrichtigen Leffing- 
Verehrung, gewifs nicht ohne Eigennutz. Genau fo, wie fich Sonnenfels, um in Halle und Leipzig 
gelobt zu werden, Klotz an den Hals geworfen hatte, fo huldigte Gebier den Machthabern Nicolai und 
Leffing und war glückfelig, wenn fie für ihn ein von refpeclvollem Wohlwollen getragenes Lobeswort 
übrig hatten. Nicht überall in Deutfchland refpectirte man ja in dem Dichter feine ftaatliche Würde; die 
Frankfurter »Gelehrten Anzeigen« fprachen von den »elenden Produ6tionen des Herrn Staatsrathes von 
Gebier« und zählten den Mann, an dem fie vielleicht gerade wegen feiner Würde mit Vorliebe ihr 
Müthchen kühlten, zu »der grofsen Anzahl von unbekannten, unbedeutenden Leuten, die man nicht 
oder kaum kenne«. Wie wohl thaten da die — wenn auch mit vorfichtiger Kühle gefprochenen — 
achtungsvollen Worte Nicolai's oder gar Leffing's! In der Fehde Leffing-Klotz fleht Gebier feurig zu 
Erfterem; Sonnenfels compromittirt fich durch die verlegene Treue, mit der er an feinem Lobredner Klotz 
fefthält. Er bedauert den Streit und den Bruch zwifchen den beiden Parteien, denn Anfehen, Geift und 
Feuer fei auf beiden Seiten; in feinem Briefe an Klotz vom 24. Juli 1767 aber läfst er denn doch feine 
Sympathie für diefen durchblicken, der ihm als der »verdientefte Mann« erfchien. »Sie haben einen 
Ruhm zu verlieren«, ruft er freundfehaftlich mahnend, »und das haben Ihre Gegner nicht. Leffing allein 
ift ein Mann, der um die Literatur verdient ift, aber Leffing hat nicht den Ruhm, der noch 
wefentlicher ift, den Ruhm eines fo guten Mannes.« Diefe Worte waren gewifs nicht fo übel 
gemeint, als fie klangen; es liegt fogar eine gewiffe Charakterftärke darin, dafs Sonnenfels in einer 
Streitfache, die ihm felbft fehr bedenklich für Klotz erfchien, den jammervoll zugerichteten Freund nicht 
im Stiche liefs. Eine Zeitlang wenigftens, denn fobald Sonnenfels fah, dafs er felbft wegen des Klotz- 
Leffing'fchen Streites Unannehmlichkeiten erfahren und weniger gelobt werden könnte, lenkte er fichtbar 
ins Leffing'fche Lager ein. Es war zu fpät. Die lofe Verbindung, welche zwifchen den beiden 
Männern beftand, war ohnehin fchon bedenklich gelockert. Leffing hatte nie ein befonderes Gefallen an 
der pathetifchen, überfchwenglichen und hofmeifternden Schreibeweife Sonnenfels' gefunden, und fehr 
fkeptifch begrüfste er die Mittheilung, dafs der Wiener Herr College das ganze Theater in die Hand 
bekommen habe und von Grund aus reformiren werde. 

>Das Wenige, was Sie mir von dem Wiener Theater melden,* fchreibt er ironifch an feine Braut Eva König, die fich eben 1770 in 
dringenden Gefchäftsangelegenheiten in Wien niedergelaffen hatte,* «würde meine Neugierde eben nicht fehr reizen, wenn ich nicht kürzlich in 
verfchiedenen Zeitungen gelefen hätte, dafs nun bald das deutfehe Theater in Wien allen Theatern in der Welt trotzen würde, nachdem der Herr 
von Sonnenfels die Aufficht darüber erhalten. Befuchen Sie es doch alfo ja fleifsig und verfchweigen Sie mir keines von den Wundern, die darauf 
erfcheinen. Es foll mich freuen, wenn Sonnenfels in Wien mehr Gutes ftiftet, als mir in Hamburg zu ftiften gelingen wollen. Aber ich forge, es wird 
auch dort zu nichts kommen. Schon des Herrn v. Sonnenfels allzuftrenger Eifer gegen das Burleske ift gar nicht der rechte Weg, das 
Publicum zu gewinnen. Wenn er indefs Ihnen, meine liebe Freundin, nur recht viel Freundfchaft in Wien erweift, fo will ich ihm vom Herzen alle 
Fehler verzeihen, die er in feiner Theaterverwaltung machen dürfte.« 

* Eva König hatte als Witwe nach einem aus Norddeutschland nach Wien verpflanzten Fabrikanten in Wien die dort befindlichen, fchlecht 
gehenden zwei Fabriken ihres Mannes, eine Seiden- und eine Tapetenfabrik, befuchen muffen. Von Wien aus fiand fie im regen Briefwechfel 
mit Leffing. Ihr Mann Engelbert König hatte 1767, von Hamburg kommend, der Kaiferin ein Promemoria wegen Errichtung einer Seiden- und Sammt- 
fabrik überreicht, worauf ihm eröffnet wurde, dafs die Kaiferin fich entfchloffen habe, die Reifekoften für die Arbeiter zu beftreiten und die mauthfreie 
Einfuhr von Hamburger Sammt zu geflatten. Die Fabrik war im Benko'fchen Haufe auf der Wieden etablirt. 

45* 



180 




Eva König. 



Und daran liefs es Sonnenfels in der That nicht fehlen. 
Er hatte vielleicht kein ganz reines Gewiffen gegenüber dem 
Hamburger Dramaturgen, den er bei einer nicht genau feftzu- 
ftellenden Gelegenheit feine Cenfur- Allmacht hatte fühlen laffen. 
Darauf deutet wenigftens Leffings Brief an Gebier vom 
25. Oc/tober 1772 hin, als man die »Emilia Galotti« in Wien 
ankündigte. 

»Nur Eines möchte ich in Betreff der EmiHe von Ew. Hochw. noch wiffen: ob und 
mit was für Veränderungen man fie aufführt? Denn dafs man ein Stück von mir in Wien ohne 
Veränderungen aufführen werde, das habe ich nach dem, was meine Stücke beftändig 
dafelbft erfahren, gar nicht zu erwarten. Selbfl aus dem einen Theaterkalender habe ich 
gefehen, dafs man noch kein einziges aufgeführt, ohne dafs es nicht diefer oder jener Herr 
entweder überarbeitet oder verkürzt oder für das dafige Theater eingerichtet hätte. 
Ich erinnere mich, dafs ich vor einigen Jahren, als ich einmal die Ehre hatte, dem Herrn 
v. Sonnenfels zu antworten, mich nicht entbrechen konnte, ihm meine Empfindlichkeit 
über ein folches Verfahren zu bezeigen, dem auf keinem anderen Theater auch nicht 
der geringfte Stümper ausgefetzt ift, ja auch diefer felbft nicht auf dem Wiener Theater. 
Doch der Herr v. Sonnenfels fand für gut, lieber feine Correfpondenz ganz auf- 
zugeben, als mir hieraufzu antworten.» 



War Sonnenfels der Schuldige oder nicht — ganz rein fühlte er fich jedenfalls nicht, fonft hätte er 
eine Antwort für Leffing gehabt. Das Stück, auf welches fich die Befürchtungen des Dichters beziehen, 
kann nur »Mifs Sarah Sampfon« oder »Der Myfogyne« (der Weiberfeind) gewefen fein. Letzteren gab 
man am 10. April 1769 »nach der neueften Auflage«, erfiere am 20. Juli 1771 in einer »Abkürzung« 
von Stephanie.* Bei dem »Schatz«, der gleich am 21. Juli folgte, ift keinerlei Veränderung bemerkt. 
Diderot's »Hausvater« in der Leffing'fchen Überfetzung kehrte 1771 mehrmals im Repertoire wieder. 
Als nun Eva König im Frühherbfte 1770 nach Wien kam, um während eines vorausfichtlich längeren 
Aufenthaltes den Verkauf der von ihrem Gatten ererbten Fabriken zu betreiben, beeiferte fich Sonnen- 
fels geradefo wie Gebier, der Braut des hochmögenden Herrn Leffing behilflich zu fein. 

Sie kam gerade zu einer Zeit, da die Sonne Sonnenfels im Sinken war. Rafch war er von feinem 
Herrfcherthron im Theaterreiche herabgeftürzt worden: die Cenfur war ihm kaum, dafs er feine 
Macht fo recht gebraucht hatte, wieder abgenommen worden. »Der Herr v. Sonnenfels hat die 
Cenfur verloren«, fchreibt Mad. König gleich in einem ihrer erften Briefe (IL Oclober 1770), »und von 
der Kaiferin den Befehl erhalten, fich bei Verluft feines Dienftes weiter nicht in Theatralfachen zu 
mengen. Es foll ihm gefteckt worden fein, und er deswegen ein Memorial überreicht haben, worin er 
gebeten, man möchte ihm die Cenfur abnehmen. Diefes hat er aber verfiegelt zurückerhalten, nebft dem 
Befehle der Kaiferin . . . .« Eva König war ziemlich gut unterrichtet. Die Enthebung Sonnenfels vom 
Cenfur-Amte fcheint kurz vorher erfolgt zu fein. Dies fagt ein Votum der Studienhofcommiffion, 
abgegeben, als Sonnenfels von den »Vorlefungen in denen Akademien« dispenfirt zu werden wünfchte. 
Die Commiffion fand nämlich, dafs, »nachdem Ew. Maj. erfi jüngfiens anbefohlen haben, den Profeffor 
v. Sonnenfels von der Theatralcenfur auszufchliefsen, andurch die von ihm angeführte Haupt- 
urfache, worin derfelbe von Haltung der Vorlefungen in denen Akademien dispenfiret zu werden 
verlanget hat, gänzlich entfalle.« Und Maria Therefia refolvirte ganz kurz auf diefes vom 13. Oclober 
datirte Votum: »Begnehmige das vereinigte Einrathen.« Was den unmittelbaren Anlafs zu dem 

* Der »Theaterkalender von Wien für das Jahr 1772«, auf welchen Leffing offenbar anfpielt, berichtet : »Den 19. Juli (1771) Leffing's 
»Sarah Sampfon« zum erftenmale. Diefes bürgerliche Trauerfpiel ift feit langer Zeit auf allen Bühnen Deutfchlands mit dem gröfsten Beifall gefpielet 
worden. Es gefällt auch hier. Nur der fünfte Ait ermüdet. Warum läfst aber auch der Dichter die Sarah den ganzen Act hindurch fterben? Warum läfst 
er Mellefonten fo viel predigen, ehe er Hand ans Werk leget und feiner Sarah in die Ewigkeit nachfolget? Mad. Huberin zeigt ihre ganze Kunft in 
Marwoods Rolle. Mdlle. Teutfcherin lockte als Sarah fanfte Thränen ab und Herr Stephanie d. A. fpielte Mellefonten mit feiner ganzen Stärke. Es 
wurde den 21. wiederholet.« 



181 

auffehenerregenden Sturze des allmächtigen Cenfors gegeben hat, ift nicht ganz aufzuklären. Mad. 
König bezeichnet Leffing gegenüber die Aufführung von »Soliman II.« und fpeciell die anftöfsige Scene, 
da der Sultan Roxelane das Schnupftuch zuwirft, als Urfache, nimmt aber diefe Vermuthung bald wieder 
zurück, da man das Stück ganz ruhig weiter gab. Leffing begrüfste die intereffante Nachricht mit fchlecht- 
verhüllter Schadenfreude. »Als ich Ihren vorletzten Brief erhielt,« fchreibt er fpottend*, »hatte ich eben in 
der Erfurter »Gelehrten-Zeitung«, welche die Pofaune des Herrn v. Sonnenfels ift, eine fehr prächtige 
Ankündigung gelefen, was man fich unter feiner Aufficht nunmehr alles für Wunder von dem Wiener 
Theater zu verfprechen habe. Ich weifs nicht, wo ich mehr lachte oder mich mehr ärgerte, als ich aus 
Ihrem Briefe erfah, dafs feine Aufficht fo gefchwind feine Endfchaft erreicht habe. Doch will ich hoffen, 

dafs er darum feine Hand nicht ganz abziehen wird « Und fo wie es Leffing erging, erging es 

einem beträchtlichen Theile von Wien: man freute fich königlich, dafs der grofse »Tyrann des 
Gefchmackes« geftürzt war. »Ich komme nicht leicht in Yerfuchung, mich über den Schaden meines 
Xächften zu freuen, aber hier gewifs, fo gewifs, wie fich die ganze Stadt Wien freut, wenn der Herr 
von Sonnenfels gekränkt wird« — fchreibt Frau Eva — »Sie können nicht glauben, was der Mann für 
Feinde hat. Eben feine Feinde und nicht die Roxelane haben ihn fo heruntergebracht ... Je näher ich den 
Mann kennen lerne, je weniger wundere ich mich, dafs er fobald von feiner Höhe heruntergefunken. Sein 
Stolz und feine Eigenliebe überfchreiten alle Grenzen.« Die kluge Frau hatte in einem Punkte gewifs recht: 
nicht ein einzelner Fehler, fondern das übergrofse Behagen an feiner kritifchen Selbftheniichkeit und das 
Ignoriren fremder Verdienfte hatten Sonnenfels aller Welt Feindfchaft und den Sturz von der Höhe der 
Cenfurmacht zugezogen. Kaunitz und Gebier waren gewifs nicht unbetheiligt an diefer Entthronung, 
der Letztere fchon deshalb, weil Sonnenfels das grofse Wort als Aufklärer und Reformator führte, 
während thatfächlich Gebier »den meiften Antheil an dem in Wien aufgehenden Lichte hatte«,** obwohl 
er nicht viel Wefens aus feinem ftill und ficher geübten Einfluffe machte. So kam es, dafs Sonnenfels unter 
der freudigen Zuftimmung Wiens fiel; Wenige bedauerten ihn, weil er fo karg mit der eigenen Rücklicht 
auf Andere gewefen war. Als die durch Sonnenfels' Freundfchaftsdienft etwas umgeftimmte Mad. König 
den fchwachen Verfuch machte, ihren Bräutigam durch den Hinweis auf die aufrichtige Freundfchaft 
und Gönnerfchaft des Herrn Regierungsraths milder zu ftimmen, antwortete der Dichter verdriefslich: 

>Dafs der Herr v. Sonnenfels mein guter Freund und Gönner fein will, mufs ich mir gefallen laffen. Er hat es durch feine unerträg- 
lichen Grofsfprech ereien von feiner vermeinten Hauptftadt des deutfchen Reiches und durch feine Freunde, die Herren Klotz, Riedel und Seh.. 
ziemlich bei mir verdorben. Wer fich an folche elende Leute hängen kann, der mufs um ein bischen Lob fehr verlegen fein. Es kann ihm gar nicht 
fchaden, wenn man ihn in Wien ein wenig demüthigt « 

Zur Liebe konnte Frau Eva, wie man fieht, ihren Bräutigam nicht zwingen, wie lebhaft fie ihm auch 
die freundliche Aufnahme fchilderte, welche fie in Sonnenfels' Haufe und namentlich bei feinen Damen 
gefunden. Jedenfalls ift es fehr unwahrfcheinlich, dafs Leffing bei diefer Gefinnung gegen Sonnenfels 
deffen Intervention zur Erlangung einer Wiener Stellung angenommen hätte, wie hie und da*** angedeutet 
wird. Zum Proteclor eignete fich Sonnenfels gerade im Herbft 1770 und noch eine ganze Weile fpäter 
durchaus nicht; er blieb (trotz all' feiner fonftigen Ämter und Würden) auf dem Gebiete des Theaters 
und der Literatur eine gefallene Grofse. Alles hieb auf ihn los, der früher Alle gegeifselt hatte. Sogar 
der Theatral-Almanach pro 1772 von Bianchi wagte es, dem Publicum zu fagen, dafs »nicht durch die 
bis zur gröfsten Unanftändigkeit getriebenen Grobheiten einer Afterkritik, fondern durch Benders' 
patriotifche Aufopferung eines grofsen Capitals der Hanswurft verbannt worden fei, und dafs die Ein- 
führung der auch auf den Unfinn fich erftreckenden Theatralcenfur die Frucht anderweitiger, fehr 

* Wolfenbüttel, 29. November 1770. — Sonnenfels' »Briefwechfel zwifchen Leffing und feiner Frau«. Neu herausgegeben von Dr. A. Schöne, 
Leipzig 1885. 

** Bretfchneider an Nicolai, 11. April 1775. 
*** Z. B. Wilibald Müller, »Jof. v. Sonnenfels«, Wien 1882. 

46 



182 

fchwerer Bemühungen gewefen fei; denn die Sache felbft haben alle vernünftigen Leute von zwanzig 
Jahren her gewünfcht und dafür fchriftlich geeifert«. Gebier erzählt* nicht ohne Schadenfreude, wie fehr 
fich Sonnenfels über diefen Ausfall geärgert habe; er habe fogar in der Prager »Gelehrten-Zeitung« eine 
fehr fcharfe Kritik wider den verhafsten Almanach drucken laffen. »Ewig fchadc ift es,« ruft dann der 
Herr Staatsrath, »dafs ein Mann von fo grofsen Talenten gar Niemanden neben fich leiden will, 
und, wenn es möglich wäre, auch einem Denis und Mastalier ihren Ruhm gern raubte!«** Wenn fchon 
Gebier fo dachte und Ichrieb, wie thaten es erft die Anderen! Es gingen Pasquille auf Sonnenfels in der 
Stadt herum, und die Hanswurft-Zeit, da man ihn auf offener Bühne perfiflirte, fchien wieder neu zu 
werden. Im Leopoldftädter Theater gab man eine Perfiflage, die den Titel führen follte: »Der gelehrte 
Narr«, wofür jedoch dieCenfur ebenfo fchonungsvoll als langathmig fetzte: »Der Gefchmack der Komödie 
ift noch nicht beftimmt.« Es gab nichts Schlechtes, was man ihm nicht zumuthete; fogar der Urheberfchaft 
an einem Theaterfcandal gegen einen Acteur befchuldigte man ihn, fo dafs Eva König mitleidig ausruft: 
»Am Ende mufs der arme Mann doch mehr über fich ergehen laffen, als er verdient!« Und am 
22. April 1772: ». . . . Ich finde ihn fehr verändert, viel befcheidener. Endlich wird er einfehen, dafs man 
gar nicht weife handelt, wenn man fich gar zu wenig um das Urtheil der Welt bekümmert. Wie ich höre, 
foll er fowohl beim Kaifer als der Kaiferin jetzt übler angefchrieben fein, als er jemals gewefen. Es follihm 
neuerdings anbefohlen fein, fich um weiter nichts zu bekümmern, als in fein Amt fchlüge.« Im Auguft 17 72 
wurde Sonnenfels auch noch der Büchercenfur entbunden, wie er glaubte, auf Gebler's Betreiben; 
fein Einflufs fank immer mehr. Leffing vernahm das Alles nicht eben mit Mifsvergnügen; nur die 
ausnehmende Liebenswürdigkeit Sonnenfels' und feiner Damen gegen Eva hielten ihn vor den 
allerbösartigften Urtheilen zurück. Er hatte die »Emilia« nach Wien gefchickt und war begierig, »was 
befonders der allweife Herr von Sonnenfels geruhen wird, darüber zu äufsern. Da er fie fo freund- 
fchaftlich aufgenommen hat«, fügte er hinzu, »fo kann ich auf ihn nicht ganz fo böfe fein, als ich fonft 
von Grund der Seele wollte. Denn nach Allem, was ich fonft von ihm höre, mufs es der unerträglichfte 
Narr auf Gottes Erdboden fein«. 

Und fo dachte Leffing vor der Veröffentlichung der Sonnenfels'fchen Briefe an Klotz. ImDecember 1772 
brach diefePublication wie eine Kataftrophe über den fchon genug gedemüthigten Reiniger des Gefchmackes 
herein. Zuerft gab es nur zwei Exemplare der Correfpondenz in Wien: Das eine las die Kaiferin, um das 
andere ftritt man fich, wie um einen kofibaren Schatz. Sonnenfels erfuhr die böfe Gefchichte durch Gebier 
und deffen Freundin, die Teutfcherin, die er in einem Briefe an Klotz geradezu verhöhnt hatte.*** 
Gebier zeigte ihr das Haarfiräubende, das Sonnenfeis über fie gefchrieben; fie ftürzt zu diefem, und er 
(ohne Kenntnifs von der bereits erfolgten Publication) leugnet Alles; ja Frau von Sonnenfels erklärt, fie 
müfste ihren Mann verabfcheuen, wenn er wirklich fo etwas gefchrieben hätte. Die Actrice entfernt fich, 
fcheinbar befänftigt, fendet aber nach einer Stunde Sonnenfels das — Buch mit dem gedruckten Briefe. 
Nun zog das Entfetzen in des geftürzten Cenfors Haus ein. Wer noch nicht fein Feind gewefen war, 
wurde es; denn Alles war von ihm angegriffen. Eva König bedauert nicht ihn, deffen »unerträglicher 
Charakter und böfes Herz« Alles verfchuldet, fondern feine arme Frau. Leffing ift wüthend, wird 
aber milder unter dem Eindrucke des Sturmes, der fich von allen Seiten gegen Sonnenfels erhob. 

" >Aus dem Jofefinifchen Wien. Gebler's u. Nicolai's Briefwechfel a. d. J. 1771 — 1786, herausgeg. u. erläutert von Dr. Rieh. M. Werner, 
Berlin 1888. 

'* Ähnlich fchreibt Eva König, nachdem fie Sonnenfels' Urtheil über Ayrenhoff, den er doch öffentlich fo ftark gelobt hatte, eingeholl 
hatte: »Ich habe mehrmals gemerkt, dafs man über keinen, der fich anmafst, Schriftfteller zu fein, Sonnenfels' Urtheil einholen mufs; denn die find 
ihm alle ein Dorn im Auge, und das Unheil das er über fie fällt, ift allzeit trüglich.« 

*** »Diefe Teutfcherin«, fchreibt Sonnenfels am 3. September 1769 an Klotz, »ift gleichfalls ein Mädchen, die nie eine Bühne betreten hat, 
mit der unangenehmften und unverftändlichften Stimme von der Welt, einer unverständlichen Ausfprache, ohne Einficht, mit gezwungenen Geberden, 
welche fie von N'overren gelernt hat, der eine Tänzerin ganz wohl unterrichten wird, aber die Geberde der Schaufpielerin ift von jener fehr 
unterfchieden. Ihr Gefühl mufs wenigftens fich fehr unglücklich ausdrücken, denn im Schmerze fcheint fie zu lachen, im Fifchbeinrocke kann fie 
nicht gehen.« 



183 

»Sie kommen doch von Zeit zu Zeit zu Herrn v. Sonnenfels?« fchreibt er, »fagen Sie ihm doch, dafs feine Correfpondenz mit Klotz gedruckt 
werde und dafs ich es ihm melden liefse, wenn er es etwa noch nicht wüfste. Vielleicht verfteht er, was ich damit fagen will. Sie können noch hinzu- 
fügen, dafs ich mir über eine gewiffe Stelle eine öffentliche Erläuterung mit nächftem von ihm ausbitten würde. Doch warum will ich Ihnen diefen 
Auftrag machen? Der falfche und niederträchtige Mann könnte leicht Ihnen felbft darüber Feind werden.« . . . Und fpäter (8. Jänner 1773) : 
»Sie werden die Stellen hoffentlich nicht fo ganz gleichgültig überhäuft haben, worin der eitle Narr meiner gedenkt. Ich bin befonders über eine nicht 
wenig aufgebracht gewefen, nämlich über die, wo er fagt, dafs ich den Ruhm eines guten Mannes weniger habe als Klotz, und nicht undeutlich zu 
verftehen gibt, dafs ihm, ich weifs nicht, was für Schandflecke meines moralifchen Charakters bekannt wären. Ich war eben im Begriff, einen fehr 
empfindlichen Brief diesfalls an ihn zu fchreiben, ja gar diefen Brief drucken zu laffen, als ich den Ihrigen erhielt. Sie haben mich mitleidig gemacht, 
ohne es zu wollen. Auf wen Alle zufchlagen, der hat vor mir Friede . . . Das habe ich mir allerdings noch vorbehalten, fobald er den 
Kopf wieder zu hoch trägt . . . ihm fodann es doppelt empfinden zu laffen, wen er auf eine fo nichtswürdige Art beleidigt hat.« 

Eva König hielt mit ihren Vorwürfen gegen Sonnenfels nicht zurück, hatte übrigens ihrem 
Bräutigam genug des Unangenehmen zu berichten, das dem Verbrecher widerfahren. Eine Zeitlang war 
die Klotz'fche Correfpondenz in Wien verboten; als fie wieder freigegeben war, ging der Sturm von 
Neuem los. Der holländifche Legationsprediger machte fich auf einem Maskenball über^onnenfels luftig, 
indem er als Briefträger mit einer Tafche erfchien, die auf einer Seite die Auffchrift: »Briefe auswärtiger 
Gelehrten an Klotz« und auf der anderen: »Briefe von Sonnenfels an Klotz« trug. Am 6. Februar 1773 
gab man im Burgtheater ein neues Stück von Stephanie jun., den Sonnenfels ebenfalls arg zerzauft hatte: 
»Der Tadler nach der Mode« oder »Ich weifs es beffer«, deffen trauriger Held der Verhafste war. 
Stephanie ftellte ihn als einen ungerechter Weife protegirten Allerweltstadler hin, der fchliefslich in feiner 
ganzen Bösartigkeit entlarvt wird : er hatte nämlich auch feinen gröfsten Wohlthäter heimtückifch getadelt. 
In den Epifoden des Stückes waren faft alle Stände angedeutet, welche »Herr Hader« (das war Sonnenfels) 
reformiren wollte. Sonnenfels liefs Stephanie vor den Statthalter fordern; der Schaufpieler leugnete 
aber, ihn im Auge gehabt zu haben. Der Unfriede zog fogar in Sonnenfels' Haus, das ihm fonft eine 
angebetete Gattin verfchönte. »Er ift der abfcheulichfte Menfch, der nur auf der Welt ift,« fchreibt 
Eva König, welcher Frau v. Sonnenfels ihr Leid klagte. »Sie fieht elend aus und das, wie mir die Schwefter 
erzählt, aus lauter Verdrufs, fo er ihr gemacht.« Ein Troft für Sonnenfels mochte es fein, dafs ihn gerade 
in diefen böfen Tagen die Kaiferin nicht noch tiefer fallen liefs, fondern äufserlich auszeichnete, indem 
fie ihn zur »Frequentirung der Regierung« einberief und feine Dienfte noch oft in Anfpruch nahm. Er 
war es ja auch, welcher mit der diplomatifchen Miffion betraut wurde, im Jahre 1774 mit Beaumarchais 
in Verkehr zu treten, als diefer auf feiner abenteuerlichen Fahrt nach Wien durch die angebliche 
Verhütung eines Pasquills auf Maria Antoinette den Hof zu prellen fuchte.* Es ift nicht unfere Sache, 
Sonnenfels' Wirken auf all' den öffentlichen Gebieten zu verfolgen, die ihm auch jetzt noch zu einer 
eifrigen Thätigkeit offenftanden; feine unmittelbaren Beziehungen zum Wiener Theater waren abgethan. 
Wir dürfen ihrer mit jener eingefchränkten Anerkennung gedenken, welche eine genauere und objeelive 
Betrachtung der Dinge fordert; wir können aber auch die fchweren Schatten nicht überfehen, welche 
über dem Bilde des vielverklärten Mannes lagern. In der erften Reihe derer, die in Wien der literarifchen 
und Theater-Reform die Bahn gebrochen haben, verdient jedenfalls auch er feinen immerwährenden Platz. 

Einer derfchwerftenjenerSchatten auf demLebensbilde Sonnenfels' ift derjenige, denfeine Beziehungen 
zu Leffing darüber gebreitet; von einem Vorwurfe aber können wir ihn fo ziemlich freifprechen: von 
dem Vorwurfe, die Gewinnung Leffing's für Wien verhindert zu haben. Er hat fie nicht gefördert, 
wahrfcheinlich fogar unter der Hand dagegen Stimmung gemacht, zur Verhinderung aber fehlte ihm 
wohl weniger der Wille als die Macht. In all' die Phafen des peinlichen Verhältniffes der beiden Männer 
zu einander fpielt nämlich der zweite Wiener Antrag für Leffing, und wiederholt fehen wir, dafs 
Sonnenfels entweder nichts von der Sache weifs oder in diefelbe nicht eingreift. Seit Leffing wufste, 
dafs Eva König bei der fchwierigen Abwicklung ihrer Gefchäfte von Wien nicht fo leicht loskommen 
würde, befreundete er fich abermals mit der Idee einer Überfiedlung in die wenig geliebte Kaiferftadt. 
Am 15. November 1771 fchreibt er der Braut: »man habe durch Profeffor Sulzer und den jungen 

* Arneth, Beaumarchais und Sonnenfels, Wien 1868. 

46* 



184 

Baron van Swieten, kaiferlichen Gefandten in Berlin, bei ihm angefragt, ob er »wohl geneigt wäre, unter 
vortheilhaften Bedingungen nach Wien zu kommen«. Er antwortet, man könne auf ihn rechnen, »wenn 
der Vorfchlag nicht das Theater beträfe; nur mit dem Theater möchte er nichts zu thun haben, 
wenigftens folange nicht, als es unter einem Imprefario ftehe und nicht unmittelbar vom Hofe 
abhänge«.* Befonders fehnt er lieh nicht nach Wien; es ift ihm der »gleichgültigfte Ort, den er unter 
den allervortheilhafteften Bedingungen von der Welt nicht mit Wolfenbüttel vertaufchen wollte, wenn 
Eva nichts weiter in Wien zu fuchen hätte«. Eva animirt ihn einmal, dann mahnt fie von der Sache ab, 
je nachdem fie fich gerade wohl oder unwohl in Wien fühlt. Sie findet zunächft, er könnte felbft eine 
Theaterfiellung riskiren, müfste fich ja nur ausbedingen, unmittelbar vom Hofe abzuhängen. Er würde 
mit »ungleich mehr Agreement in Wien leben, wo man fchon fo fehr von ihm eingenommen fei, als 
in Wolfenbüttel, wo er nichts als eine Bibliothek zu verlieren habe.« Das beruhigt Leffing, zumal er 
erfährt, dafs die Sache nicht das Theater, fondern die vom Kaifer proje£tirte Akademie der Wiffen- 
fchaften betreffe, und dafs er fich auf 2000 Thaler Rechnung machen könnte, was doch gewifs fo 
viel fei, als 600 — 800 Thaler in Wolfenbüttel. Er äufsert alfo zu feinen Vermittlern, »dafs er fich die 
Veränderung wolle gefallen laffen«. Es verdriefst ihn aber, dafs man den Profeffor Riedel aus Erfurt, 
»einen fehr fchlechten Mann«, auch nach Wien berufen hatte und dafs man nun die Anfrage an 
ihn felbft ftellen liefs, ob er nicht geneigt wäre, »auf Koften des Kaifers, auch nur zum Befuche vors 
Erfte, nach Wien zu kommen, um fich felbft feine Bedingungen zu machen und Verfchiedenes einrichten 
zu helfen«. Darüber ift er übermäfsig empört und will fogar, wenn er Eva auf der Rückreife von 
Hamburg geleiten follte, diefe nur »bis vor die Thore von Wien bringen, denn ganz herein zu 
kommen, würde mit feiner letzten Erklärung, die er dahin habe fchreiben laffen, nicht beftehen«. Die 
zweite Berufung nach Wien ift alfo abgethan, aber die Sache geht Leffing doch nicht aus dem 
Kopfe. Er fürchtet, das Verhandeln mit ihm möchte lauter Leuten, die ihn lieber nicht in Wien haben 
wollten, übertragen worden fein, fonft wäre es weiter damit gekommen; aus purem Eigenfinn habe er 
gewifs nicht abgelehnt. Wenn Leffing bei folchen Vermuthungen Sonnenfels und Gebier im Auge hat, 
fo irrt er in Beiden. Wir wiffen, was Sonnenfels als gefallene Gröfse gerade in jener kritifchen 
Zeit bedeutete; es mochte ihm ja, wie Eva fagt, »bei feinem Charakter faft unmöglich fein, einen Leffing 
an feiner Seite zu wünfehen«, aber er hätte deffen Berufung nie zu verhüten vermocht; Gebier 
hingegen war aufrichtiger gegen Leffing als der Dichter der »Emilia Galotti« wider ihn. 

Leffing war ja nicht blofs in vertrauten Briefen, fondern offenkundig unartig gegen Gebier. »Der 
Staatsrath v. Gebier«, fchreibt er einmal, »hat mir feine neue Tragödie nicht gefchickt und vermuthlich 
wird er fie mir auch nicht fchicken, weil ich ihm auf folche Gefchenke den Dank fchuldig zu bleiben 
pflege.« Und ein andermal (17. September 1773): »....Ich hoffte, dafs feine Stücke beffer werden 
füllten, aber fie werden immer fchlechter und kälter. Wenn nichts als folcher Bettel in Wien 
gefpielt wird, haben Sie fehr recht, das Theater nicht zu befuchen.« So dachte Leffing über den Mann, 
der fein eifrigfter Verfechter in Wien war und nicht ruhen wollte, ehe er ihn an die Spitze des Wiener 
Theaterwefens gefetzt hätte!! 

Und es kam die Zeit, wo diefe Lieblingsidee Gebier' s beinahe zur Verwirklichung gelangt wäre. 
Die Wiener Theaterverhältniffe hatten einen bedeutenden Wandel erfahren. Schon in jener Herbftzeit 
des Jahres 1770, da Sonnenfels von der Leitung der Cenfur enthoben wurde, hatte die Kohäry'fche 
Theaterunternehmung zu wanken begonnen. Wir haben diefen allmähligen, aber nicht langfamen Verfall 
der gräflichen Entreprife an der franzöfifchen Bühne beobachtet. Das deutfehe Schaufpiel fchien dem 

* Ebenfo an C. G. Leffing: >. . . Ein Vorfchlag von Wien? Was kann das für einer fein? Wenn er das Theater betrifft, fo mag ich gar nichts 
davon wiffen. Das Theater wird mir überhaupt von Tag zu Tag gleichgültiger, und mit dem Wiener Theater, welches unter einem 
eigennützigen Impreffario fleht, möchte ich vollends nichts zu thun haben. Die fchönften Verfprechungen, die bündigften Verabredungen, die ich dort 
fordern und verabreden könnte, würden doch nur Verabredungen von und mit einem Particulier fein, und man müfste es mir hier fehr verdenken, 
wenn ich eine gewiffe, dauerhafte Verforgung ungewiffen Ausfichten aufopfern wollte . . .« 



185 

Grafen der lebenskräftigere, hoffnungsvolle Theil feines grofsartigen Theatergefchäftes; er fuchte es 
zu ftärken, indem er fich des franzöfifchen Zweiges entledigte. Aber auch das Vertrauen und die 
Liebe zum deutfchen Theater hatte Graf Kohäry rafch verloren. Die Entfernung Sonnenfels' von der 
Cenfur bedeutete ihm die Entfernung eines Berathers, deffen Autorität er unbedingt anerkannt hatte. 
Einer felbftändigen Leitung des Theaters fühlte er fich »fowohl in Anfehung feines Standes als auch 
nicht genugfamer Erfahrung und befonders feines allzugütigen Gemüthes wegen« nicht gewachfen; 
deshalb fafste er den Entfchlufs, die ganze artiftifche Leitung oder die »Hauptdirection« einem 
praktifchen Theatermanne zu übertragen und erkor dazu den uns fchon bekannten k. k. wirkl. Hof- 
fecretär und Superintendenten des unirt-k. k. fpanifchen National-Krankenhaufes und heiligen Dreifaltig- 
keits-Spitales, fowie Referenten bei der milden Stiftungs-Hofcommiffion« Franz Anton v. Häring. In 
einem »Memorial« an die Kaiferin 56 fuchte er um die Erlaubnifs zu diefer Übertragung an, und am 
11. März 1771 kam eine fogenannte Verbindlichkeit zwifchen Beiden »wegen Übernahme der Theatral- 
adminiftration« 07 zu Stande, welche das ganze Wiener Theaterwefen abermals auf eine neue 
Verfaffungsgrundlage ftellte. Denn thatfächlich hörte nun Kohäry auf, Wiener Bühnenleiter zu fein; 
Häring durfte während der ganzen noch übrigen Zeit der Kohäry'fchen Pachtung »frei und eigenwillig 
fchalten und walten«, bekam fogar von 1772 ab einen Percentfatz der Einnahmen, mufste aber Kohäry 
Einficht in alle wichtigeren, namentlich finanziellen Mafsnahmen gewähren. Ein eigener Oberauffeher, 
Herr Anton v. Pröbftl, nahm die ökonomifchen Intereffen wahr und fungirte zugleich als Executivorgan 
der Direclion. Es war nicht geradezu eine »Vereinfachung« der Organifation, welche fich damit vollzogen 
hatte; es gab nun nicht weniger als fechs Inftanzen in der Leitung und Verwaltung der Bühne. Über 
den Gewäffern fchwebte der Geift des Staatskanzlers Fürfien Kaunitz, der fich aber oft genug zu den 
gewöhnlichen Theaterfterblichen niederliefs. Unter ihm ftand als »Präfes der Theatraldireclion über 
beyde Theater und übrigen öffentlichen Ergötzungen« Graf Johann Wenzel von Sporck, Geheimer 
Rath, Kämmerer, General-Speclakel- und Mufik-Direclor; er hatte das Ohr der Kaiferin, des Kaifers und 
»Corregenten« und des Kanzlers und war die officiell-höchfte Theater-Inftanz. Ihm zunächft ftand als 
»Entrepreneur« Graf Kohäry, erft nach diefem rangirte der Direktor v. Häring mit dem Oberauffeher 
v. Pröbftl, und eine allen anderen Inftanzen lehr fühlbare Behörde war nicht in letzter Linie der 
neue Cenfor Franz Carl v. Hagel in, mit deffen Perfönlichkeit und Amtsthätigkeit wir uns noch befaffen 
werden. Diefem Manne, der den Rang eines k. k. wirklichen niederöfterreichifchen Regierungsrathes 
bekleidete, war die Erbfchaft Sonnenfels' und mit Allerhöchfter Entfchliefsung vom 2. November 1771 
auch die »Cenfur überhaupt über alle fowohl den hiefigen Zeitungen einzuverleibende Theatralartikel, 
als auch fonft das hiefige Xationaltheater und die auf demfelben aufzuführenden Stücke betreffende, 
hier oder anderwärts herauskommende Schriften oder einzelne Blätter« übertragen worden. Aufser 
ihm fungirte noch ein zweiter Cenfor, Regierungsrath Freiherr v. Wöber, für die franzöfifchen Schau- 
fpiele, fo lange fie beftanden. Und die Functionen der Cenforen nehmen eine beträchtliche Zeit in 
Anfpruch und bedingten einen ftarken Einflufs auf das Theater, da kein Stück, felbft wenn es von der 
»Hauptcenfur« erlaubt war, ohne nochmalige fcharfe Durchficht der eigentlichen Theatralcenfur auf die 
Bühne kam; dort wurde es vorwiegend auf politifche undmoralifche Anftöfsigkeitgelefen, hierbefchäftigte 
man fich auch mit der äfthetifchen Kritik, der Cenfor war gleichzeitig eine artiftifche, dramaturgifche 
Amtsperfon für die Bühne. Deshalb und damit »bei vorfallenden dringenden Berufsgefchäften die 
Sorgfalt über die Sittlichkeit des Theaters fowohl in Anfehung der Stücke als des Spieles nie unter- 
brochen werde«, gab man den einfügen artiftifchen Direclor Bender's, den Dichter Heufeld, dem 
Regierungsrath v. Hägelin als Affiftenten bei. Ängftlich bedacht war man, jedem Vorwurf der Partei- 
lichkeit bei Annahme und Ablehnung von Stücken zu begegnen. Deshalb fagte Punkt 6 einer am 
30. März 1771 publicirten »Erinnerung« der Theaterdire<5tion an das Publicum (Wiener Diarium), welche 
im Übrigen nur gewiffe räumliche Veränderungen im Kärntnerthortheater behandelt, die »Theatral- 

47 



186 

direcf ion habe fich entfchloffen, kein anderes Stück anzunehmen, als wo der Author gänzlich derfelben 
unbekannt feye«. Man erfucht die Gönner der deutfchen Schaubühne, welche »die Direclion mit neuen 
Stücken beehren wollen, den Verfafler verborgen zu halten und nur einen Ort anzuweifen, wohin man 
die Nachricht bringen könne, ob das Stück angenommen worden feye, in welchem Falle d. i. wenn das 
Stück angenommen wird, der Author dann fowohl in Bücheln als in der Affiche nach Verlangen bekannt 
gemacht werden wird«. Mit der Remuneration blieb es beim Alten; befonders willkommen fand die 
Direclion »Stücke, wo natürliche luftige Handlungen mit Witze angebracht find, desgleichen folche, 
wozu eine geringere Anzahl der Perfonen zur Ausführung erfordert wird«. Alles war voll Lobes über 
Befcheidenheit, Einficht und Unparteilichkeit, mit welcher die Cenfur nun ihres Amtes waltete; Sonnen- 
fels war bald und gründlich verfchmerzt. 

Nicht genug an diefen zahlreichen Gliedern der Theaterleitung, welche leider zumeift den Fehler 
hatten, dafs ihnen ihre »Berufsgefchäfte« die Theaterangelegenheiten zur Nebenfache machten! Als 
Kohary das eigentliche Direcfionsfcepter niederlegte und fich auf die »Entreprife« zurückzog, gab 
er doch nicht feine Beziehungen zu Acleurs und Acfricen auf, die ihm ja Lebenselement geworden 
waren. Er fetzte fich gewiffermafsen als conftitutioneller Monarch an die Spitze des Theaterreiches und 
berief aufser feinem Minifterpräfidenten, dem »Direktor«, alle vier Wochen ein von allen Schaufpielern 
befchicktes Theaterparlament ein. Acht Tage vorher hatten die »Erften von der Gefellfchaft«, die 
hervorragendften Mitglieder, fchriftlich ihre Referate über die ihnen zur Beurtheilung übergebenen Stücke 
und einen Repertoire-Entwurf für den nächften Monat einzureichen. Die Direclion wählte nun aus dem 
Vorgefchlagenen aus, was ihr zutreffend fchien, und die Austheilung der Stücke und Rollen wurde in 
Gegenwart des ganzen Theaterparlaments vorgenommen. Man mufs zugeben: eine complicirtere 
Yerfaffung konnte dem Wiener Theater nicht gegeben werden, und das Wunderbarfte ift, dafs wir fie 
einige Jahre fpäter, in einer neuen Periode unferer Theatergefchichte, ziemlich getreu copirt wieder- 
finden werden .... Vorläufig gährte es noch in dem Parlamente und in dem Theatercabinet; Jedermann 
empfand es, dafs man fich in einem wirren Proviforium befand. Herr v. Häring prüfte nach feinem 
Amtsantritt die Sachlage und hatte keine Freude daran. Schon im Juni 1771 fand er fich veranlafst, in 
einer »Allergehorfamften Vorftellung« dem Hofe einen Plan zu unterbreiten, »nach welchem die 
Wienerifchen Schaufpiele auf einem fefien und dauerhaften Fufse eingerichtet werden könnten.« Den 
bisherigen »Fufs«, auf welchem Afflifio und Kohary gewirthfchaftet hatten, fand Häring »übereilt und 
übertrieben, zum ficheren Verfall führend«. Er fuchte nach einem idealen Zuftande, in welchem 
alle Gattungen der bisherigen Schaufpiele, alfo auch die franzöfifchen, erhalten werden könnten. Nach 
dem letzten Etat* ftanden der Ausgabeziffer von 152.000 fl. nur 119.000 fl. Einnahme gegenüber, was 
32.500 fl. ficheres Deficit ergab. Um Kohary, der über 100.000 fl. zugefetzt habe, wenigftens 10.000 fl. 
jährlich zu erfetzen, müfste man in demfelben Zeiträume 30.000 fl. erfparen. Dies gehe — meint Häring — 
durch eine radicale Mafsnahme. Die Aufhebung der deutfchen Komödie oder eine Erfparnifs dabei fei 
unmöglich, »mafsen zur Ehre der Nation und zur Zierde der kaiferlichen Refidenz die heften Perfonen 
dabei angeftellt werden muffen, deren Befoldungen ohnehin in Gegenhaltung der Fremden fehr niedrig 
find«. Die Auflaffung der »fo fitten- und lehrreichen« franzöfifchen Komödie hält Häring, obwohl fie 
finanziell ganz erfpriefslich wäre (fie koftete mehr als 41.000 fl. im Jahre 1770), fehr bedenklich in einer 
»fo fürnehmen und von fo vielen Fremden befuchten Refidenzfiadt«. Seine Vorfchläge gipfeln vor Allem 
in der Befchränkung der täglichen Theatervorftellungen auf ein Theatergebäude. Er verweift dabei 
auf das Beifpiel von Paris, London und der gröfseren italienifchen Städte. Elftere feien viel volkreicher 
als Wien und könnten leicht zwei Theater erhalten, in den grofsen italienifchen Städten aber würden 
nur zu gewiffen Jahreszeiten Opern oder Komödien gegeben, wofür alle, Hoch und Niedrig, ihr Geld 
zufammenfparen. Daraus folgert Häring eigentlich die Auflaffung des Burgtheaters, denn er meint: 

" A«3en der General-Intendanz. 



187 

»Nachdem das hiefige Theater bey dem Kärntnerthore genug grofs und geräumig ift, auch das etwan noch Mangelhafte verbeffert werden kann, 
fo fchmeichelt man fich mit der Hoffnung, dafs der A. h. Hof allermildeft nachfehen wird, dafs ordentlicherweifs nur auf diefer Schaubühne die 
Fürftellungen des National- und fremden Schaufpieles gegeben werden dürften, auf dafs fowohl an Orchefter als Officianten und Handlangern ein 
Erfparnifs von 5000 bis 6000 fl. gemacht werden könnte. Indefs könnten diefeSchaufpiele aufdemTheaternächftd er Burg fo oft gegeben werden, 
als es der A. h. Hof bef ehlete. Öderes könnten in einem Tag etwelche Mahlen die Wochen auf beeden Theatern die Schaufpiele gegeben werden, 
aber mit der Einfchränkung, dafs nur in einem das Ballet wäre und zwar wechfelweifs, bald bey diefem, bald bey jenem Schaufpiele . . . « 

Der radicalfte Yorfchlag Haring's ging dahin, den Liebling Wiens, den göttlichen Noverre, zu 
entlaffen und das Balletcorps auf eine befcheidene, dem deutfchen und franzöfifchen Theater gemeinfame 
Truppe zu reftringiren. Er ift einer der wenigen Sterblichen, welcher meinte, Noverre's Ballete fänden eher 
»Mils- als Beifall« in Wien; er findet die Gage von 7.425 fl. für einen in keiner Vorftellung mitwirkenden 
Balletmeifter zu hoch, feinen »Hang zur Koftbarkeit« verhängnifsvoll und feine Entlaffung weniger 
empfindlich für ihn, »nachdem er fchon durch einige Jahre eine beträchtliche Menge Geldes hier 
erworben«. Würde der Hof auf alle diefe Punkte eingehen und die Nobleffe wenigftcns 40 Logen mit 
30.000 fl. Bezahlung abonniren, fo wäre die Zukunft des Theaters gefichert, ja fogar die Möglichkeit 
gegeben, die franzöfifche Komödie beizubehalten. Die allergehorfamfte Vorftellung erfchien jedoch weder 
dem Hofe, noch den zu Rathe gezogenen Theaterkennern erfolgverfprechend. Herr v. Häring genofs 
überhaupt, genau fo wie anno 1766/67, nur kurze Zeit das zweifelhafte Vergnügen, an der Wiener 
Theaterdireclion theilzunehmen, denn fchon 1772 hatten die Vermögensumftände des »Entrepreneurs« 
Grafen Kohäry einen fo bedrohlichen Charakter angenommen, dafs die ganze Unternehmung vor einer 
Kataftrophe ftand. Die »Adminiftration« Haring's hatte, wie wir aus den (leider gerade aus jener Zeit 
fpärlich erhaltenen) Acten erfehen, wahrfcheinlich fchon in der erften Hälfte des Jahres (Müller's 
»Theatralneuigkeiten« fagen »gleich nach Oftern«) ihr Ende erreicht; jedenfalls war fie im Hochfommer 
fchon eine vollkommen überwundene Sache, und der Direclor v. Häring ftand bereits, nebft einer 
unüberfehbaren Anzahl von Gläubigern, im Proceffe mit dem Grafen; an die Spitze der Bühnenleitung 
aber wurde mit 1. October 1771 ein Italiener, Signor Varefe (Varefi?), gefetzt und am 12. 06tober dem 
Perfonal feierlich vorgeftellt. 

Man war wieder auf dem Punkte angelangt, wie in der Blüthezeit der Afflisio'fchen Verlegen- 
heiten. Im Auguft hatte der General-Spectakel-Direclor Graf Sporck dem Hofe das Anfuchen 
Kohäry's um Betätigung des mit feinen Gläubigern getroffenen Übereinkommens vorzulegen. Nun 
ergab fich dabei die grofse Schwierigkeit, dafs der Graf den im Vergleiche genannten Gläubigern 
»Alles, was nur immer zum Theater gehörig,« zu übergeben hätte, und doch war diefer Theaterfonds 
mit niederöfterreichifchem Regierungserlafs vom 12. Juli dem im Vergleiche nicht unterfchriebenen 
Häring »zum Unterpfande« zugefprochen worden, ja Häring hatte auf das ganze Scenarium, 
Veftiarium und fogar die Caffa durch Regierungsfpruch bereits einen Sequefter erreicht. Mit kaifer- 
licher Refolution vom 28. Auguft 1772 wurde nun die Ceffion des Kohäry'fchen Theater- 
privilegiums mit all' feinen Vortheilen und all' feinen Schuldigkeiten an das Gläubiger- 
Confortium genehmigt, und zwar »salvo jure, damit Niemandem durch folche Betätigung ein 
Recht befchränket werde«. Kohäry glaubte, auf diefe Weife und unter der befferen Adminiftration 
des Varefi allmählig die 70.072 fl. 30 kr. abzuzahlen, auf welche er feine »Theatralfchulden« 
fchätzte. Er begab fich »all' feiner Direciion in dem Theaterwefen mit alleinigem Vorbehalt der 
Miteinficht für fich und feinen Curatorem Grafen Keglevich«. Unter den Begünftigungen, welche 
fich von ihm auf feine Nachfolger vererbten, war auch die Erlaubnifs, nur viermal in der Woche 
zu lpielen, die der Hof fchweren Herzens ertheilt hatte, weil Gebier fie unabweisbar vom Standpunkte 
der Unternehmung erklärt hatte. Überhaupt hatte der Kaifer, bei feiner einmal ausgefprochenen 
Anficht, »dafs fich ex officio in das Theatralwefen nicht eingemifchet werden folle,« diefe ganz 
verdriefsliche Gefchichte mit Mifsvergnügen zur Kenntnifs genommen, und diefes Mifsvergnügen 
erhöhte fich, als auch im nächften Jahre die Sache Kohäry's nicht günftiger ftand. Graf Keglevich fand 



183 

lieh vielmehr im Jahre 1773 veranlagst, um die Ausdehnung der Curatel, welche über Kohäry hin- 
fichtlich feiner ungarifchen Güter verhängt worden war, auf feine Theaterunternehmung anzufuchen, 
da in diefem Punkte neue Schulden aufgelaufen und neue unpraktifche Mafsnahmen getroffen worden 
waren. Er felbft (Keglevich) wollte die Direction des Theaters nicht übernehmen, weil er fich die 
nöthigen Kenntniffe nicht zutraute, dagegen fchlug er den Marquis de Manci als verantwortlichen 
Theaterleiter vor. Die Ausdehnung der Curatel auf Öfterreich wurde bald genehmigt, Jedermann 
gewarnt, dem Grafen Kohäry zu creditiren oder einen Vertrag mit ihm abzufchliefsen — ausgenommen 
Theatercontracte, welche jedoch der Curator mitzuunterfertigen hatte. Zur »ftandesgemäfsen« Alimen- 
tation des Grafen blieben mit Rückficht darauf, dafs feine Familie zahlreich fei und feinen Kindern 
Lehrmeifter gehalten werden müfsten, 4.270 fl. jährlich ausgeworfen.* 

Die Ernennung des Marquis Manci zum Theaterleiter fcheint befondere Bedenken wachgerufen zu 
haben; denn fchon 1773/74 finden wir den unverwüstlichen Heufeld in Gemeinfchaft mit dem nieder- 
öfterreichifchen Regierungsrath v. Piftrich mit der Theaterleitung betraut. An der finanziellen Lage 
änderte das nichts, und lebhaft betonte man bei Gelegenheit des jüngften Ausgleiches die Unhaltbarkeit 
der bisherigen, über und über verfchuldeten Theaterunternehmung; mit Sehnfucht verlangte man nach 
einer leiftungsfähigen »Compagnie«, welche das Theater von diefem verwickelten Kohäry'fchen 
Schuldenwefen zu fepariren vermöchte . . . 

In diefer Situation fehen wir das Wiener Theater im Jahre 1775, als fich der Xame Leffing 
neuerdings all' denen, die einer Befferung zuftrebten, auf die Lippen drängte. Leffing hatte fich, wie wir 
wiffen, nicht fonderlich lebhaft für das Wiener Theater intereffirt; all' feine Äufserungen darüber durch- 
zieht eine gewiffe Ironie, ein verächtliches Mitleid, wie er es für Sonnenfels und bis zu einem 
gewiffen Grade für Gebier empfand. Und war — trotz all' dem Überfluffe an wechfelnden Imprefarios, 
Direcloren und Cenforen — feit 1770 wirklich nichts in der Wiener Bühnenwelt gefchehen, was des 
grofsen Dichters und Dramaturgen Aufmerkfamkeit verdiente? War nicht gerade die felbftthätige 
Theilnahme hervorragender Männer des Staates und Heeres an der künftlerifchen Reformbewegung 
ein deutliches Symptom der Stärke und Verbreitung diefer Bewegung in den weiteften Kreifen Öfterreichs ? 
Etwas überfchwenglich in dem Extemporanten-Hafs, fonft aber gewifs nicht übertreibend fchildert das 
»Salzburger Theaterwochenblatt«, eine zu jener Zeit inhaltreiche und angefehene Zeitfchrift, 
in dem Stück vom 18. bis 25. November 1775 diefes intenfive künftlerifche Leben in der Kaiferfiadt: 

>Das Theater befchäftigt feit einigen Jahren faft alle denkenden Köpfe. Jeder, er fey der Sache gewachfen oder nicht, fucht fein Scherflein zur 

Verbefferung und Ausbreitung des richtigen Gefchmackes beyzutragen Die Schaubühne blüht jetzt, vom Monarchen und Unter- 

thanen gefchützt und geehrt, die Schaubühne, welche noch vor Kurzem ein Sammelplatz von Zoten und Ungereimtheiten war, deffen Mitglieder 
Leute von der niedrigften Denkungsart, von rohen Sitten, leeren Köpfen, fich's zur Pflicht machten, an dem Verderben der Sitten und des Verftandes 
ihrer Nebenmenfchen zu karren. Bald wird die von unferen Vorfahren fchon gewünfehte Zeit kommen, wo man die fürchterlichen Namen: Hannswurft, 
Bernardon, Kafperl, Lippeil oder wie diefs all' heifst, nur dem Namen nach kennen und fie anwenden wird, Kinder damit zu fchrecken. Es war einmal 
eine Zeit, wird das Mütterchen in warnender Stimme erzählen, wo folche Leute ein ganzes Hausvoll . . . o pfuy über diefe Zeit! fagt die reizende 
Kleine, davon mag ich nichts hören. Sagen Sie mir lieber, wer waren die lieben Leute, die die Zeiten in die Geftalt, in der wir fie itzt fehen, umzu- 
fchmelzen gutes Herz und Gefchicklichkeit genug hatten? . . .« 

Wir kennen die achtbare Künftlerfchaar, welche fich zu Ende des fechften Jahrzehnts in den 
Wiener Bühnen zufammengefunden hatte; im Jahre 1772 war fie bis auf Darfteller zweiter Rollen faft 
unverändert; 58 neu hinzugekommen waren nur wenige Kräfte. Rafch fchied Sternfchütz (debutirte 
17. Februar 1770 als Ödip, j 4. Auguft 1772), der fich auch als Überfetzer von Beaumarchais' »Les 
deux amis« und als Dichter einer fünfactigen Tragödie »Carl V. in Afrika« bemerkbar machte, von der 
Bühne und diefem Leben. Mit grofsen Hoffnungen hatte man die Brüder Lang begrüfst. Als Cajus 
Martius und erfter Tribun in Brawe's frauenlofer Tragödie »Brutus« hatten Beide ihre Laufbahn 
begonnen; »Die Weiberfeinde« nannte man fie fcherzhaft diefes intereffanten Anfanges wegen. Mit 
demofthenifchem Fleifse machte Jofeph, nachdem er nachfichtig begrüfst worden war, fein fprödes. 

* Haus-, Hof- und Staatsarchivsacten 1097 vom Jahre 1773 L. 



189 




tiefes Organ den Anforderungen des Liebhaberfaches gefügig und beugte es, wie er felbft erzählt, »zum 
reinen Ausklange fanfter und fchmelzender Töne«. Aus den Werken der Claffiker und nach den 
Beifpielen der Franzofen bildete er fich, und als Barnwell im »Kaufmann von London«, einem Rühr- 
ftücke, dem man fogar die praktifche Befferung verirrter Kaufmannsföhne zufchrieb, feierte er einen 
grofsen Triumph: der Bruder felbft gab ihm zum Danke den Weihekufs. Und damals galt Michael Lang 
als der befte Schaufpieler Wiens! Maria Therefia fogar entfchlofs fich, wie uns abermals der jüngere 
Bruder erzählt, eine Vorftellung von Diderot's »Hausvater« (1771) zu befuchen, um ihn als St. Albin 
zu fehen, und an diefem Abende, welcher das Kärntnerthortheater mit einem überaus zahlreichen, 
feftlich geftimmten Publicum gefüllt hatte, erklärte fie dem geheimen Cabinetsfecretär v. Pifirich, Michel 
Lang habe recht daran gethan, feinen Beamtenpofien beim »k. k. ungarifchen Taxamte« aufzugeben 
und Schaufpieler zu werden. Den Schaufpielern widmete die Monarchin 100 Souveraind'ors. Nach dem 
am 29. Juli 1771 erfolgten Tode Michels wurde Jofef der Erbe feiner Popularität. Als Maler von Talent 
und Beruf hatte er auch ein befonderes Talent, künftlerifche Harmonie in all' feine Leiftungen zu bringen. 
»Malerifch war fein Gang, feine Haltung, fein Anzug, fein ganzes Benehmen, ohne je in das Gezierte zu 
verfallen«, fagt F. L. W. Meyer von ihm. Er war es auch, der für die hiftorifche Treue des Coftüms auf 
der Bühne bahnbrechend eintrat. Er wagte es, den Malcolm in Stephanie's »Macbeth« in einem zeitge- 
rechten Harnifch und mit natürlichem Haar, nicht mit »aufgelöften, reich mit eingeknoteten Locken 
verfehenen, mit Bändern durchflochtenen Haaren und einem mit diefem Kopfputze harmonirenden 
Trödelanzuge« zu fpielen. Doch Lang oder »Lange« wird uns noch manchmal befchäftigen; er war noch 
im XIX. Jahrhundert ein Stern des Burgtheaters. 

Viel flüchtiger leuchtete diefer Bühne das Doppelgeftirn Carl Wahr's und der Madame Körner, 
eines für Öfterreichs Bühnengefchichte intereffanten Paares. Wahr (geboren 1745 in Petersburg) hatte 
in jungen Jahren zum Banner des grofsen Bernardon gefchworen, war aber fchon zur regulären Komödie 
nach Wien gekommen. Er empfahl fich bald wieder und war wenige Jahre fpäter einer der angefehenften 
Provinztheaterleiter, der namentlich als Dire6tor in Prefsburg und Esterhäz der Mufe Haydn's zahl- 
reiche Anregungen gab und im fürfterzbifchöflichen Hoftheater zu Salzburg als Bühnenleiter und 
Darfteller Triumphe feierte. Sein Effex und Tellheim wurden bewundert; ein verzückter Kritiker des 
»Salzburger Theaterwochenblatt« fand fogar, dafs diefer Tellheim eigentlich doch eine zu kleine Rolle für 
den grofsen Wahr fei, und pries Eckhof als würdigen Schüler diefes Meilters. In einem von der »Berliner 

48 



190 

Theater- und Literaturzeitung« veröffentlichten »Verzeichnifs einiger im Öfterreichifchen lebenden 
Schaufpieler« wird Wahr als der erfte und einzige öfterreichifche Theaterdireclor gefeiert, der nie eine 
Burleske gegeben. Man zählte ihn neben Schröder, Borchers, Wäfer zu den heften Hamlet-Darftellern 
feiner Zeit, und diefe Pofition hatte er fich mühfam erobert, da er fpät genug das R in feine Gewalt 
bekommen hatte. Wahr hat fpäter in einer alten Mofchee Ofens der deutfchen Mufe einen würdigen Tempel 
errichtet, in Prag als Direclor des alten Kotzen- und des neuerrichteten Xoftiz'fchen (heute Deutfchen 
Landes-) Theaters gewirkt; er follte auch in Wien noch zeitweilig eine Rolle fpielen. Auffallend ift 
es, dafs feine erfte weibliche Schaufpielkraft in Salzburg und Prag, die in weiteren Kreifen berühmte 
Körnerin, fein Schickfal in Wien theilte und keinen Boden in der Refidenz gewinnen konnte. Sophie 
Körner war in Bayreuth 1751 geboren, hatte 1766 in Prag debutirt und nachmals auch dort den Schau- 
fpieler Körner geheiratet. In Wien verfuchte fie als Roxelane ihr Glück, ohne es zu finden. Sie dürfte jene 
Roxelane gewefen fein, welche als unfchuldige Urfache des Sturzes Sonnenfels' vermuthet worden war. 
Was fie in Wien nicht fand, das wurde ihr in Salzburg und Prag reichlich zu Theil: eine geradezu 
enthufiaftifche Bewunderung. »Ein Wieland« — rief begeiftert ein Localpoet der Erzbifchofsftadt — »follte 
Dich fo fehen, als Königin, — Freund Gleim, der follte Dich fo fehen als Bäuerin, und Leffing feine 
Minna fehen, — Wie Du fie fpielft, wie er fie dacht' — Ja wohl, dann könnt' es leicht gefchehen — Dafs 
Dich ihr Lied unfterblich macht'!« Als fterbende Sarah Sampfon ftellte man fie Deutfchlands erften 
Actricen gleich, als Königin in Richard III. begeifterte fie einen Kritiker zu der Frage, ob fie dem Stücke 
oder das Stück ihr Ehre mache. Und ein verzückter Dichter läfst die Götter Apoll zur Erde nieder- 
fenden, damit er diefes Wunderweib fehe und ihnen das rechte Bild davon beibringe!! Als Mufter des 
natürlichen Spieles hielt man nur Wahr ihr ebenbürtig. Und diefes »Wunderweib« gefiel nicht in Wien! 
Hatte da Leffing ein Recht, über die Wiener und ihre Anfpruchslofigkeit zu fpötteln? Sogar Madame 
Henfel, welche am 11. Jänner 1772 abermals (und zwar als Baroneffe im »poetifchen Dorfjunker«) in 
Wien debutirte, theilte das Schickfal der Körnerin, und doch war ihre Autorität in Deutfchland anerkannt! 
Oder war es eben der mangelhafte Gefchmack der Wiener, der fie diefe Perle verfchmähen liefs, vielleicht 
gar Intriguen gegen jede Neue, welche die feftgefchloffene Gruppe der Alten zu ftören wagte? 
Leffing vermuthet in feiner alten Liebe, der fchönen Huberin-Lorenzin, ungalant die intriguante 
Nebenbuhlerin der Henfelin, die ihm hervorragender als jene fchien. Ob nicht die etwas 
compromittirende Begleitung Seyler's der Henfelin in dem therefianifchen Wien mehr gefchadet hat, als 
ihre Kunft, laffen wir dahingeftellt. 59 

Vielleicht änderte fich auch Leffing's Meinung, als ihm Eva ihren durchaus nicht erbaulichen 
Bericht über die Wiener Aufführung der »Emilia Galotti« zugehen liefs, welche — nach diefem 
Bericht — die Tragödie zur Poffe herabwürdigte und die einzige Huberin als Claudia hoch über Alle 
ftellte. Man lefe und ftaune, was Eva am 15. Juli 1772 über diefes Ereignifs fchreibt: 

>Ihr neues Stück ifl vorige Woche drei Tage nacheinander aufgeführet worden, und zwar mit allgemeinem und aufserordentlichem Beyfall. Der 
Kaifer hat es zweymal gefehen und es gegen G(ebler) fehr gelobt.« >Das mufs ich aber auch geliehen,« hat er gefagt, >dafs ich in meinem Leben 
in keiner Tragoedie fo viel gelacht habe.« Und ich kann fagen : dafs ich in meinem Leben in keiner Tragoedie fo viel habe lachen hören; 
zuweilen bei Stellen, wo, meiner Meinung nach, eher hätte follen geweinet als gelacht werden. Die Vorftellung ift fehr mittelmäfsig aus- 
gefallen. Nur allein die Huberin, die die Rolle der Mutter machte, hat, meines Erachtens, in der gröfsten Vollkommenheit gefpielt. Wenigftens 
habe ich in meinem Leben keine Rolle fo ausführen fehen und bey keiner das empfunden, was ich be}' der empfand. Den Prinzen machte 
Stephanie d. A.. ich möchte faft fagen, fo fchlecht wie möglich. Die fchöne Scene mit dem Mahler, die verliert hier ihren ganzen Werth. Denn die fpielt 
der Prinz und der Mahler, beyde zugleich fo abgefchmackt, dafs man fie möchte mit N'afenftübern vom Theater fchicken. Stephanie wird täglich 
affeclirter und unerträglicher, befonders in feinem ftummen Spiele. Was thut er zuletzt in Ihrem Stücke? Er reifst fein ohnedem grofse s Maul 
bis an die Ohren auf, ftreckt die Zunge langmächtig aus dem Hälfe und leckt das Blut von dem Dolche, womit Emilia erftochen ift. Was mag 
er damit wollen? Ekel erregen? Wenn das ift, hat er feinen Endzweck erreich*.« 

Man kann fich denken, wie Leffing diefen Bericht aufnahm. Er hätte, meint er, den Wienern am 
liebften die ganze Aufführung gefchenkt, da fie ja abfcheulich gewefen fein muffe. »Der abfcheuliche 
Kerl, der Stephanie«! raifonnirt er. »Und das Alles laffen fich die Wiener fo gefallen? Zwar die Wiener 
Zufchauer find mir fchon längft ebenfo verdächtig, als die Acleurs. Dafs fie indefs hie und da in meinem 



191 

Stücke gelacht haben, ob es gleich eine Tragödie feyn foll, verdriefst mich nun wohl nicht: aber 
freilich, wenn die Acleurs alles ihrige dazu beitragen, dafs die Zufchauer da lachen muffen, wo fie 
ficherlich hier bey uns nicht gelacht haben, fo hat es der Kaifer wohl kaum zum Lobe des Stückes 
gefagt, dafs er in keiner Tragödie mehr gelacht habe, als in diefer . . . .« 

War Stephanie der Ältere wirklich fo geworden, wie ihn Frau Eva keineswegs liebenswürdig fchildert, 
oder fetzte fie die grellften Lichter auf, um die Inferiorität der Wiener Schule gegenüber der Hamburger 
darzuthun? Im Jahre 1773 erhielt die Wiener Bühne einen vortrefflichen Gewinn an Jofef Weidmann, 
einem geborenen Wiener, der nach mancherlei Fährlichkeiten den Weg in die Heimat zurückgefunden 
hatte.* Als Chevalier Ernold in der »Pamela« debutirte er am 31. März 1773 und eröffnete nun die 
Reihe jener Meifterfchöpfungen auf dem Gebiete der feineren Komik, welche ihn zu den Säulen des 
neuerftehenden Wiener Xationaltheaters machten. »Offkiere, verfchmitzte Bediente, ehrliche Bürger« 
fpielte er unnachahmlich. Er war der einzige Schaufpieler, dem der Kaifer das Extemporiren geftattete, 
weil er verfichert war, dafs dies nur mit Witz und Gefchmack gefchehen würde. »Alle feine Dar- 
fiellungen« — fo heifst es in Öfterreichs Pantheon — »trugen den Stempel der Natur und Wahrheit an 
fich, jede Miene und Gefte athmete Laune und Heiterkeit, jeder Zug war aus dem Spiegel des menfch- 
lichen Herzens abgelaufcht, deffen Studium fein ftetes Augenmerk ausmachte . . .« Wenn Weidmann 
fo war, wie ihn feine begeifterten Bewunderer fchildern, fo war ein College, der 1774 auf die Wiener 
Bühne zurückkehrte, das fchrofffie Gegentheil feiner künftlerifchen Perfon. Das war der grofse »Berg- 
opzoomer«, den man in weiten Gauen Öfterreichs und Deutfchlands kannte. Johann Baptift Berg- 
opzoom war am 9. September 1742 in Wien geboren, hatte als Waife bei feiner Tante Eva Maria Schild, 
Buchdruckereibefitzerin in Wien, die Setzerei gelernt und war nach einem foldatifchen Ausfluge in 
den fiebenjährigen Krieg wieder zum Setzkaften zurückgekehrt, bis ihn Weiskern der Kunft Gutenberg's 
abtrünnig machte und der Schaufpielkunft gewann. Als Neptun in den »Beftraften Rebellen« betrat er 
am 2. Oktober 1764 zum erften Male die Wiener Bühne, überging aber bald (1765) zur Truppe 
Bernardon's in München und folgte nun mehrere Jahre hindurch der Fahne jenes Theaterregenten, 
wirkte zeitweife in Innsbruck felbftändig und privatifirte dann in Wien als eifriger Hörer der Sonnen- 
fels'fchen Vorlefungen. 1771 entführte ihn der Prager Principal Fr. v. Brunian dorthin, und Bergopzoom, 
ehedem ein gefürchteter »Tyrannenagent« der Bernardoniade, wurde nun der Hauptvorkämpfer der 
regulären Bühne, der artiftifche Leiter und zugleich das vielfeitigfte Mitglied derfelben, indem er 
Tyrannen, Helden, gefetzte Liebhaber, zärtliche Alte und hochkomifche Charaktere fpielte. Ruhte er 
ehedem nicht, bis man ihm Erbfen in die Stiefel that, damit fein Richard III. natürlich hinke, that er 
einft Seife in den Mund, um im höchften Grade der Tyrannenwuth natürlich zu »fchäumen«, fo wurde 
er nun zahm und ftudirt, und fo wunderbar gut, dafs ihm — wie man fchwärmte — alle Rollen gelangen. 
Ein effektvoller Schaufpieler ift Bergopzoom jedenfalls gewefen, denn als er 1 774 in feiner Glanzrolle, eben 
dem fürchterlichen Richard, zum erften Male wieder die Wiener Bühne betrat, wurde ihm die aufserordent- 
liche Ehre zu Theil, die nur Xoverre vor ihm widerfahren war: er wurde hervorgerufen. Das macht 
ihn zu einer hiftorifchen Perfon, und der Bericht der »Realzeitung« über diefes Ereignifs verdient für 
alle nach ihm »Hervorgerufenen« notirt zu werden: 

* Jofef Weidmann, geb. 1740, 1742 oder 1743 zu Wien als Sohn eines aus Würzburg flammenden Bedienten, ftudirte bei den Jefuiten und 
offenbarte bei den Aufführungen derfelben zuerft fein Talent. Am 14. Juli 1757 entfloh der Knabe, weil ihn derVater zum Lakaien machen wollte nach 
Brunn, wurde Figurant (Tänzer) bei der Brunian'fchen Gefellfchaft, fprang, als er bei einem Streit Herrn v. Brunian eine Ohrfeige gegeben hatte und 
mit Ar.-eft bedroht war, aus dem Fenfter, wanderte nach Wien zurück, erlangte, nachdem er fich eine Zeitlang vor den Nachftellungen des Vaters und 
der Polizei verborgen, die Ausföhnung mit dem Vater und wurde Statift am Theater mit 7 kr. Abendlohn. Als eines Abends Prehaufer die als Theil- 
nehmer eines medicinifchen Consiliums verwendeten Statuten fcherzweife um ihre Meinung frug, fprach Weidmann: >Um 7 kr. fa<n man keine 
Meinung.« Sofort entlaffen, zog Weidmann nach Salzburg und wurde feiner martialifchen Phyfiognomie wegen zum Tyrannenfpieler erklärt. 
1765 ging er nach Prag zu Buftelli und entdeckte dort fein Komikerherz. In einer felbftverfafsten Farce: »Lipperl, der verliebte Laternbube« trat er 
auf und gefiel, fpielte 1767 in Linz die Bernardon-Rollen, 1770 — 72 in Graz und kehrte von dort wegen eines Conflicts mit feiner Geliebtennach 
Wien zurück. 

48* 



192 

»Bergopzoomer, ein Wiener«, verkündigte der Anfchlagzettel am 4. Brachmonat 1774, »welcher auf verfchiedenen Bühnen Deutfchlands mit 
Beyfall gefpielt, hat heut die Ehre, in der Rolle Richard des Dritten aufzutreten. Nichts wird ihm zu wünfchen übrig bleiben, wenn er fo glücklich ift, 
auch den Beyfall des hiefigen, einfichtsvollen Publicums zu verdienen . . »Das Publicum erwartete viel von ihm, doch übertraf er alle Hoffnungen. Er 
wurde herausgerufen und fprach : Ift jemals ein Beyfall für mich fchmeichelhaft gewefen, fo ift es gewifs der heutige: der Beyfall von Kennern. Wenn 
ich je anderwärts Beyfall erhielt, fo ift mir immer der Seufzer entfchlüpft: es ift doch nicht der Beyfall meiner Vaterftadt! Von Euch, gnädigen Gönnern, 
hängt es ab, ob ich meine künftige Lebenszeit hier befchliefsen foll. Euere Huld wird meinen Fehlern, deren vielleicht unnennbar viele find, nachftehen, 
mein Eifer, mein Fleifs wird fie zu verbeffern fuchen. Mein Dank ift ftumm — ich kann ihn nicht weiter ausdrücken ! Nur Nachficht! (Hier fchlug eine 
Freudenthräne die andere, die Zufchauer weinten mit ihm, und faft ohnmächtig taumelte er wieder in die Scene hinein.)« 

Bergopzoom verftand den Effect, das fagt uns diefe rührende Scene; wir glauben nun wirklich 
an feine bösartigften Tyrannen-Effecte. Die Wiener Laufbahn Bergopzooms entfprach übrigens keines- 
wegs diefem intereffanten Beginn. Er gehörte dem Burgtheater mit einer Unterbrechung viele Jahre 
an; eine führende Rolle aber, wie er fie in Salzburg und Prag befeffen, ift ihm hier nie zu Theil geworden. 

Als Theaterfchriftfteller gefeilte Bergopzoom fich jener Gruppe dichtender Künftler zu, welche damals 
den literarifchen Hausbedarf für die Wiener Bühne verforgte. Wenige Theaterftädte Deutfchlands w r aren fo 
reich an folchen Doppel-Talenten wie die Kaiferftadt, und weil fie die literarifche Arbeit zumeift fabriks- 
mäfsig und fchablonenhaft betrieben, dabei aber einen ftattlichen Theil des Repertoires in Anfpruch 
nahmen und ihre praktifche Thätigkeit auch auf das unheilvolle »Verbeffern« deutfcher Dichter 
ausdehnten, erweckten fie unferer Bühne manch böfes Vorurtheil. Stephanie's des Jüngeren Soldaten- 
ftücke ftanden in voller Blüthe, und ihre rührenden Helden hatten die befondere Sympathie des Publicums 
gewonnen. »Der Deferteur aus Kindesliebe«, welcher das Spiefsruthenlaufen nicht fcheut, um als 
eingebrachter Deferteur feinem verarmten Oheim die Ergreifer-Prämie zuzuwenden, hat den Zeitgenoffen 
manch' heifse Thräne entlockt. Und feine Mufe ruhte nicht, fie bedachte das Theater alljährlich mit 
neuen Werken. Stephanie der Ältere raftete ebenfowenig. Diefe beiden Brüder waren die unbeftrittenen 
Herrfcher im Repertoire der deutfchen Schaubühne Wiens; der fruchtbarere blieb immer der Jüngere. 
Verfagten die »Original«-Ideen, fo bearbeiteten fie Deutfche, Franzofen, Engländer, Italiener, »verbefferten« 
Bearbeitungen oder bearbeiteten fchliefslich ihre eigenen Stücke neu, um abermals eine Premiere zu 
ermöglichen. Nimmt man dazu den überaus fleifsigen Müller,* Sternfchütz, Bergopzoom, fo war 
es wahrhaftig genug der literarifchen Schaufpieler. Zu den Hausdichtern des Theaters zählen die 
»genauen Nachrichten« aufserdem Gebier, Ayrenhoff, den preufsifchen Gefandtfchaftsfecretär 
Jefter,** den gräflich Cobenzl'fchen Secretär Jofef Pelzel, der fchon damals mit feinem fünfaciigen 
Drama »Die bedrängten Waifen« und mit dem einaktigen Trauerfpiel »Yarriko« feine Erfolge hatte, 
den kaiferlichen Hofconcipiften Chriftoph von Kefsler (geb. in Mantua 1739), der feit 1757 in kaifer- 
lichen Dienften ftand und ein erfolgreiches fünfactiges Drama »Hannchen« gefchrieben hatte, den bereits 
nach Schweden überfiedelten, abgedankten Theatralfecretär v. Brahm und felbftverftändlich auch den 
k. k. Rechnungs-Officier und Cenfors-Subftituten Heufeld, der fich nun auf einen intereffanten Zweig 
dramaturgifcher Thätigkeit geworfen hatte: die Bearbeitung einiger, in der Wieland'fchen Überfetzung 
bekannter gewordenen Shakefpeare'fchen Dramen. Zur Auffrifchung des in fteifen Überfetzungen 
und Bearbeitungen der Franzofen, wie im deutfchen Rührftück erftarrenden Repertoires waren die 
Gefchichts-Dramen und die grotesk-phantaftifch angehauchten Komödien Shakefpeare's fehr will- 
kommen, wenn fie nur vorher feinfäuberlich präparirt und alles »wild-genialifchen« Charakters 
entkleidet waren. Von Goethe wufste man in Wien fehr wenig, als fein Name fchon durch »Götz von 
Berlichingen« in die grofse Welt getragen wurde; den Wiffenden galt er als der gew r altigfte 
Vertreter des Shakefpeare'fchen Styls in Deutfchland.*** Die Wiener Autoren waren unberührt 

* 1771 verzeichnet man von ihm: »Der Ball oder der verfetzte Schmuck«, Gelegenheitsfarce in 2 A6ten, »Stirbt der Fuchs, fo gilt der Balg«, länd- 
liches Gemälde in 1 A6t; »Die unähnlichen Brüder«, Luftfpiel in 5 Aclen; »Gräfin Tarnow,« Drama in 5 Aflen. 

** »Das Duell oder das junge Ehepaar«, 1 A6t; »Vier Narren in einer Perfon«, Parodie. 

* Das »Salzburger Theaterwochenblatt« von 1775 führt unter den Autoren des deutfchen Theaters Goe the folgendermafsen an: »Goethe, 
deffen Namen wir mit der gröfsten Ehrfurcht nennen, zog jetzt die Augen von ganz Deuifchland auf fich. Er fchrieb »Götz von Berlichingen«, und 
alle Kenner, alle Kunftrichter reichten ihm in Demuth den unfterblichen Lorbeer, und welches Lob kann wohl gröfser fein! — fie nannten ihn den 
würdigen Sohn des Shakefpeare. Er beftätigte feinen Ruhm durch das Trauerfpiel »Clavigo« « 



Richard 



<JCam6ct.GctVjc.Xi. 



193 

von dem Hauche des ShakefpeareTchen Genius, wenn fie fich 
diefem mit kühnem Muthe nahten und den Grofsen zu »ver- 
beffern« bemühten. Es ging ihnen noch übler als dem frucht- 
baren Shakefpeare-Nachdichter Weiffe, der auch im Wiener 
Spielplane ftark vertreten war. Gab es in Wien fo wenig oder 
gar keine »Originalgeifter«, fo liefsen die Wiener dafür kein 
fremdes »Original« unverfehrt. Dafür forgte die Cenfur ebenfo 
wie die artiftifche Leitung, und wenn fich der Cenfor gleich- 
zeitig als dramaturgifche Autorität fühlte, fo war nichts natür- 
licher, als eine fofortige »Verbefferung« des eingereichten 
Originals. Das nahm man in der Theaterwelt fchon gewiffer- 
mafsen als berechtigte Wiener Eigenthümlichkeit hin, und die 
Provinz hielt fich nach den Wiener »Einrichtungen« oder 
verbefferte tapfer weiter. Man findet es fogar fehr natürlich, 
dafs gekürzt wird, wenn der Autor zu viel »Verzierung, 
Blendung, Perfonen und Gefolg in fein Stück einfchiebt; jedes 
von diefen Dingern ift ja eine Maulfchelle auf die Hauptperfon 
und Handlung, wäre fie auch noch fo fubtil«. Wie der arme, 
volkreiche Shakefpeare dabei wegkam, der fo viele Maulfchellen 
diefer Art austheilt, kann man fich denken. Nach der 
Heufeld'fchen Bearbeitung führte man am 16. Jänner 1773 
den »Hamlet« auf. Das Perfonenverzeichnifs deutet bereits 
an, wie graufam der Bearbeiter mit dem Original umging. Es 
lautet: 

Der König von Dänemark — Herr Steigentefch; Hamlet — Herr Lange; Olden- 
holm, Minifter des Königs — Herr Stephanie der Jüngere; Guftav, Freund des Hamlet — 
Herr Jautz; Güldenftern, ein Höfling — Herr Schmid; Bernfild, Ellrich, Frenzow 
(Officiers von der Garde) — Herren Weiner, Preinfalk und Reichard; der Geift von 
Hamlets Vater — Herr Jacquet; die Königin, Hamlets Mutter — Madame Huberir.; 
Ophelia, Oldenholms Tochter — Mademoifelle Teutfcher; ein Schaufpieler — Herr 
Heydrich. — Im kleinen Stücke des vierten A'cts der Herzog von Gonzaga — 
Herr Preinfalk; die Herzogin — Mademoifelle Kummersberg, Lucian — Herr Weiner. In 
derPantomine: Der Herzog, die Herzogin und ein Giftmifcher werden von Tänzern vor- 
geftellt. — Heufeld hat, wie wir fehen, die Perfon des Laertes vollkommen weggelaffen, 
und fchon daraus ergibt fich eine Fülle von willkürlichen Änderungen an der Scenen- 
führung und dem Gange der Handlung: den erften A6t theilt er in zwei Aufzüge, und mit 
dem Ende des dritten Aftes trennt er fich vollkommen von dem Gange der Shake- 
fpeareTchen Handlung. Sein König reicht Hamlet vor der Abreife nach England zum Ab- 
fchiedstrunk den Becher mit vergiftetem Wein; in diefem Augenblicke kommt ahnungs- 
los die Königin dazu, trinkt Hamlet aus demfelben Becher, den er verweigert hat, zu und 
vergiftet fich felbft auf diefe Weife. Die Unruhe des Königs und einige ihm in der 
»Gift« entdecken Hamlet die fchändliche Abficht des Oheims; in feiner grenzenlofen Wuth erfticht er den zweifachen 
Mörder, rächt dadurch feinen Vater und betrauert feine Mutter, welche wider feinen Willen als Opfer der Rache feines Vaters an Gift ftirbt. 

Heufeld war aber ein pietätvoller Shakefpeare-Bearbeiter gegenüber Stephanie dem Jüngeren, 
der fich in geradezu barbarifcher Weife an »Macbeth« vergriff. Und er war ftolz auf diefes Verbrechen, 
er läugnete es keinen Augenblick, ebenfowenig als die Abficht, jede Spur Shakefpeares fo gründlich als 
möglich zu vertilgen: 

>Macbeth? Das braucht ja nur aus dem Shakefpeare abgefchrieben zu werden« — fagt er in der Vorrede zu dem »Macbeth«, den er ftolz ein 
Trauerfpiel von Stephanie dem Jüngeren nennt. — »So? Sie erzeigen mir viel Ehre, wenn Sie mein ganzes Stück als abgefchrieben annehmen. Aber itzt 
nehmen Sie hurtig den Shakfpeare zur Hand, halten ihn gegen mein Stück und finden: dafs ich nur einige Scenen, fo wie fie dort liegen, genutzt. . . . 
Der Stoff diefes Trauerfpiels fchien mir fo vorzüglich, dafs ich es wagte, einen Plan darüber zu entwerfen, um es vor das Theater brauchbar zu 
machen. Ich nahm Buchanans Hiftorie von Schottland zu Hilfe und fand, dafs Shakefpeare in feinem Macbeth derfelben fo getreu gefolget, dafs diefes 




Angft entfallene Worte von 



49 



194 

Stück einen Zeitraum von 17 Jahren erfordert. Ich glaubte nicht anders anfangen zu können, als wenn ich Malcolm mit dem englifchen Heere fchon in 
Schottland angelangt fein liefs und den Zeitpunkt vor Macbeths letzten Tagen zu meiner Bearbeitung wählte. Ich mufste alfo hierin von der Hiftorie 
abgehen, da ich die Unterredung zwifchen Macduf und Malcolm in Schottland vorgehen laffe, die nach der Gefchichte in England erfolgt. Nicht minder, 
da Macduf nach der Gefchichte gar keine Kinder übrig behalten, in meinem Stück aber ein Sohn und eine Tochter am Leben bleiben; die follte mir 
dazu dienen, um den wilden Charakter des Macbeths beffer auszuzeichnen; der Sohn, um die naive Scene, die er im Shakefpeare mit feiner Mutter hat, 
zu nutzen, die fonft hätte ausbleiben muffen. Der Traum von den drey Hexen mufste nach meinem Plane auch ausbleiben; die Prophezeiung der 
Hexen von Banquo's Nachkommen aber wollte ich nicht wagen, um dem Publikum mit Hexentänzen nicht befchwerlich zu fallen. Der Tod 
Macbeths und der Ausgang meines Stücks fchien mir theatralifcher, als wenn ich der Gefchichte gefolgt wäre . . . .« Diefer Ausgang war allerdings 
ganz frei von Shakefpeare 'fchen Anklängen. Stephanie läfst Macbeth von der Hand feiner — Lady fallen. Sie erfcheint im Wahnwitz mit zwei 
Dolchen, fpricht unheimlich-dunkle Worte und gibt Macbeth, der ihr eines der Mordwerkzeuge entreifsen will, den tödtlichen Stich. Während er blu- 
tend auf dem Bette liegt und ftöhnt, hört er Malcolms fiegreiche Krieger kommen. Er fleht die >zur Vernunft gekommene« und verzweifelnde Lady um 
einen zweiten, um den Todesftofs an — fie gibt den erlöfenden Dolchftofs und wird felbft von den Flammen, welche das Schlofs Dunfinan erfafst 
haben, auf Macbeths Leiche verbrannt. Der Geift Duncans, der im vierten A£te aus feinem Standbilde fürchterlich gefprochen hat, erfcheint mit einem 
Lorbeerkranze geziert, hält feine Hände gegen den Sieger Malcolm und ruft: »Ich bin gerächet, herrfche, fei Freund, Vater, Richter, König!« 



So bearbeitete Stephanie 
Shakefpeare. Er fühlte fich als 
Souverän gegenüber demtodten 
Briten, und wenn er auch 
fchliefslich das Publicum be- 
fcheiden um Vergebung bittet, 
dafs er fich »an Shakefpeare 
herangewagt«, fo ift er doch 
tapfer genug gewefen, um den 
Dichter gründlich zu corrigiren. 
Der Diebftahl an Shakefpeare 
und die willkürlichen Ver- 
arbeitungen feiner Stücke wur- 
den in dem Jahrzehnt 1770 — 
1780 geradezu epidemifch. In 
einem herzlich unbedeutenden 
»Fafchingsftücke mit Verände- 
rungen und Chören«, das den 
Titel »Die ländlichenHochzeits- 
fefte« trägt (aufgeführt 20. Fe- 
bruar 1773), hatte Ch. H. Moll* 
den »Sommernachtstraum« und 
namentlich die Rüpel-Scenen 
ganz willkürlich und witzlos 




verarbeitet; die Poefie ift mit 
rauher Hand abgeftreift, und 
geblieben ift ein plumpes, alber- 
nes deutfches Dorffiück. Aus 
den »Luftigen Weibern von 
Windfor« fabricirte Pelzel feine 
»Luftigen Abenteuer an der 
Wien«; dann zog man die 
Weiffe'fchen Shakefpeare -Be- 
arbeitungen heran, und mit alle- 
dem fchien der »grofse Brite« 
hinlänglich verkleinert, um dem 
Publicum geniefsbar zu werden. 
Noch ftärker finden wir, nament- 
lich feit Auf laffung der ftändigen 
franzöfifchen Bühne, die Fran- 
zofen im »deutfchen« Spielplane 
vertreten. Sie zu überfetzen 
und zu bearbeiten, fühlte fich 
Jeder berufen und auserwählt. 
Neben Ayrenhoff, Gebier, Müller, 
den Stephanies u. A. fchufen 
die Herren Brahm, Kepner, 
Rautenftrauch, Laudes, Baron 



Otterwolf, v. Rauersbach, Bergopzoomer und Andere zahlreiche »Bearbeitungen« nach franzöfifchen 
Originalen oder deutfchen Überfetzungen Anderer; Engländer überfetzte man nach den franzöfifchen 
Bearbeitungen, Spanier und Italiener, in welcher Form und Sprache man fich ihrer bemächtigen 
konnte. Welch' fchlichte Rolle fpielten da die deutfchen Originale im Repertoire! Die meiften Wiener 
Autoren waren ja doch eingeftandenermafsen oder thatfächlich Nachdichter; neben Gebler's in der 
»vornehmen« oder politifchen Welt fpielenden Rühr-Dramen oder fentimentalen Luftfpielen und 
Stephanie's Soldatenftücken kam nur feiten ein neues Talent zu Worte, und auch diefes war feiten 
wirklich originell. Die meiften Dichter waren in den verfchiedenartigften Kanzleien der Wiener Beamten- 
fchaft befchäftigt und weihten, nach dem erhabenen Beifpiele des Staatsraths v. Gebier, ihre freien 
Stunden der Dichtkunft. Viele kennen wir fchon als Überfetzer oder Bearbeiter; wir nennen noch 



* Chriftian Hieronymus Moll, Inhaber des Prefsburger Theaters, geb. 1753 zu Wien, verfafste auch ein Trauerfpiel »Donna Inez« (Wien 17721. 



195 

befonders Paul Weidmann, den Bruder des Schaufpielers Jofef Weidmann, Kanzliften in der geheimen 
Ziffernkanzlei, Johann Rautenftrauch (geboren 10. Jänner 1746 zu Erlangen, k. k. Hofagenten), deffen 
bekannteres Stück »Jurift und Bauer«, ein zweiacliges Original-Luftfpiel, Eingang auf die meiften Bühnen 
Deutfchlands gefunden hat, Friedrich Kepner, Secretär beim Grafen Colloredo (geboren im Fürftenthume 
Anspach 1745, feit 1769 in Öfterreich), der die deutfche, lateinifche, griechifche, englifche, franzöfifche und 
czechifche Sprache beherrfchte und neben zahlreichen Überfetzungen das Trauerfpiel »Die Abbafiden« 
und das Luftfpiel »Die Schriftfteller« geliefert hat, Johann Andreas v. Wieland, brandenburgifch- 
anspach'fchen Regierungsrath und Refidenten in Wien, deffen bekannteres Stück, »Der Tuchmacher 
von London,« dem Franzöfifchen des Falbaire entlehnt war, u.A. Viele von den »Wiener« Autoren waren, 
wie man fleht, Ausländer, welche ihr Beruf oder der Drang, Carriere zu machen, in die »k. k. Erblande« 
geführt hatte. Deshalb war der Stolz fehr problematifch, mit dem man fich wiederholt auf die verhält- 
nifsmäfsig grofse Zahl der »Original«-Dramen berief, welche das Wiener Repertoire zierten. Für das 
Jahr 1773 z. B. berechnete man 7 »urfprünglich deutfche« Trauerfpiele, 56 ebenfolche Luftfpiele; nach 
dem Franzöfifchen waren eingeftandenermafsen 2 Trauerfpiele und 27 Luftfpiele, nach dem Englifchen 
3 Trauer- und 3 Luftfpiele, nach dem Italienifchen 7 Luftfpiele verfafst. Den Charakter des Wiener 
Spielplans in den Jahren der Kohäry'fchen Unternehmung bis 1776 erkennen wir aus den uns erhaltenen 
Repertoire-Verzeichniffen. 60 

Hell leuchteten aus diefem Spielplane die mehr oder minder unverfälfchten Stücke Leffing's hervor, 
begreiflich machten fie das nie ruhende Verlangen, diefen Dichter, deffen dramaturgifche Weisheit 
ebenfo offenkundig war, doch noch für Wien zu gewinnen, zur Reinigung der mit Überfetzungen und 
Bearbeitu ngen überhäuften, durch den üblen Gefchmack fchaufpielerifcher und literarifcher Routiniers 
verdorbenen Wiener Bühne! Und gerade zu einer Zeit, da man in Wien rathlos zwifchen den mannig- 
faltigften Theater-Rettungsprojeclen fchwankte, erfchien der Schöpfer der »Minna« und »Emilia Galotti« 
wirklich in Wien! Im März 1775 erhielt Eva König die frohe Kunde, dafs der geliebte Mann nahe; 
reich ausgeftattet mit Empfehlungsbriefen van Swieten's in Berlin, kam er in der Kaiferftadt an, flieg im 
»goldenen Ochfen« ab und wurde nicht allein durch die Liebe feiner Eva, fondern auch durch die 
geradezu begeifterte Begrüfsung weiter und angefehener Kreife erfreut. Am 5. April verkündete das 
Diarium den Lefern die am 31. März erfolgte Ankunft des Dichters mit folgenden Zeilen: »Der berühmte 
Herr Leffing, herzogl. Braunfchweigifcher Rath und Bibliothekar, deffen »Emilia Galotti«, »Minna v. 
Barnhelm« und »Sara Sampfon« auch Wien fo oft entzücket haben und deffen Name den Begriff des 
Litterators, Alterthümerkenners, Dramaturgiften und zugleich Meifters der dramatifchen Kunft mit fich 
führet, ift vor einigen Tagen hier angekommen.« Solch' eine Notiz, einem Fremden gewidmet, bedeutete 
damals mehr, als heutzutage gefüllte Zeitungsfpalten bedeuten würden. Alles, Adel, Beamtenfchaft, 
Schriftfteller und Schaufpieler, beeiferten fich, diefem Fremden zu huldigen. Welchen Umfang die 
Huldigungen annahmen, davon erzählt Gebier, welcher immer der Erfte in dem Ehrengefolge Leffing's 
war, in einem Briefe an Nicolai (15. Juli 1775) nach der Abreife des Dichters. 61 

Auch Nicolai erkannte die volle Bedeutung diefer Ehrungen. »Die fehr vorzügliche Aufnahme, 
welche Herr Leffing in Wien genoffen hat,« fchreibt er, »freuet mich, weil er mein vertrauterer Freund 
ift, und weil eine folche Aufnahme eines deutfchen Gelehrten die Hofleute anderer Höfe wenigftens auf 

den Gedanken bringen kann, ein deutfcher Gelehrter fei nicht gerade verachtungswürdig « 

Thatfächlich empfing nicht allein Jofeph IL, der mit Begeifterung deutfche Kaifer, fondern auch 
Maria Therefia, der man fo viel Voreingenommenheit gegen proteftantifche Gelehrte nachfagt, Leffing 
fchon in den erften Tagen feiner Anwefenheit mit befonderer Auszeichnung; die Kaiferin fragte ihn, wie 
er mit Wien und deffen öffentlichen Anftalten, insbefondere mit dem Theater, zufrieden fei, und er zog 
fich — um feine nicht gerade fchmeichelhafte Anficht darüber zu verbergen — mit allgemeinen Redens- 
arten aus der Affaire. »Ich glaube, Ihn zu verftehen«, bemerkte die Herrfcherin, »Ich weifs wohl, dafs 

49* 



196 

es mit dem guten Gefchmacke nicht recht fort will. Sage er mir doch, woran die Schuld liegt? Ich habe 
Alles gethan, was meine Einrichten und Kräfte erlaubten, aber oft denke ich, ich fei nur ein Frauen- 
zimmer, und eine Frau kann in folchen Dingen nicht viel ausrichten.« »Einen eigenthümlichen Eindruck 
macht es«, fchreibt Adolf Stahr, »den Dichter der Minna und Emilia, den ein Friedrich der Grofse 
jahrelang in feiner Nähe gehabt hatte, ohne von ihm jemals Notiz zu nehmen, fo gefeiert, eine Maria 
Therefia fich mit ihm über Wiffenfchaft und Kunft unterhalten und ihn über den Stand der Bildung und 
des Gefchmacks, der Gelehrfamkeit und Literatur, der öffentlichen Anftalten und des Theaters befragen 
zu fehen.« In dem altehrwürdigen prunkvollen Stifte der Auguftiner-Chorherren zu Klofterneuburg, das 
er in Gefellfchaft eines Schaufpielers (Müller) befuchte, mag Leffing felbft manch' feftgewurzeltes 
norddeutfehes Vorurtheil gegen »Mönche« eingebüfst, in der koftbaren Bücherei und Handfchriften- 
fammlung diefes Klofters, die ihm der Dechant Floridus und Bibliothekar Benediclus mit Freude 
wiefen, mag er fogar erfahren haben, dafs fich diefe Stiftsherren der wiffenfehaftlichen Forfchung 
niemals verfchloffen, fondern diefelbe im Gegentheile mächtig gefördert haben. Das Theater 
fetzte dem berühmten Gafte zu Ehren »Minna«, »Emilia« und Diderots »Hausvater« (in Leffing'fcher 
Bearbeitung) auf das Repertoire, und wenn Maria Therefia die letztere Vorftellung perfönlich befuchte, 
fo war das zwar nicht (wie man fo oft erzählt) ihr erfter Theaterbefuch feit dem Tode ihres kaiferlichen 
Gemals, aber jedenfalls eine grofse Auszeichnung für den deutfehen Dichter.* Freude hatte er an der 
Aufführung nicht. »Pomphaft und tönend in der Sprache, anftändig in ruhiger Stellung, übertreibend in 
Bewegung, in Ausdruck und in Gefticulation, ohne feine Einficht in den Verftand der Charaktere, und 
fogar oft nachläffig in Bezeichnung des gemeinen Sinnes der Worte« — fo wenig fchmeichelhaft 
charakterifirt Leffing die Wiener Darfteller in ihrer Spielweife. Als Leffing von der italienifchen Reife, 
die er mit dem Prinzen von Braunfchweig- Wolfenbüttel abfolvirte, zurückkam, hatte er den feften 
Vorfatz, »nur wenige Tage in Wien zu bleiben, und um gewiffe Fragen und Ausholungen zu 
vermeiden, zu niemanden von dem grofsen Gefchmeifse zu kommen, fondern fich lediglich auf die 
Bekannten Seinesgleichen zu befchränken«. Hat er diefen in fo unhöfliche Worte gekleideten Vorfatz 
gehalten? Und welche »Fragen und Ausholungen« hatte er zu vermeiden? Das ift nicht ganz geklärt. 
Gebier bejaht die erftere Frage in einem Briefe an Nicolai vom 15. Mai 1776: ». . . . Zu kurz war fein 
zweiter hiefiger Aufenthalt und zu fparfam für mich die Gelegenheit, daraus Nutzen zu ziehen, obfehon 
unfer Freund diesmal nur gar zu fehr das Incognito gehalten und, um Einladungen der Grofsen aus- 
zuweichen, fogar feine Abreife befchleuniget hat . . .« Dies ftimmt nicht ganz zu den Berichten von 
dem Befuche, welchen Leffing über Veranlaffung van Swieten's dem Fürften Kaunitz abgeftattet haben 
foll. Gehen wir aber ganz fehl, wenn wir die von Leffing fo ängftlich vermiedenen Fragen und Aus- 
holungen auf ein denkwürdiges Projekt zurückführen, das in einem, vermuthlich im Jahre 1775 dem 
Fürften, refpeclive dem Kaifer unterbreiteten »Allerunterthänigften Vorfchlage zur Verbefferung 
der National- Schaubühne und des Theaters überhaupt« niedergelegt ift? Diefes »von einem 
Patrioten« gearbeitete Schriftftück, deffen Urheberfchaft man zweifellos auf Gebier zurückzuführen 
hat, fchlägt unter Darlegung der theatralifchen Mifswirthfchaft der letzten Jahre direcl die Berufung 
Leffing s zur Wiener Theaterleitung vor. Es ift bedeutfam genug, dafs es hier in feinem Wortlaute 
Platz finde: 

>Der Menfch, der mit der Laß feiner Subftanz fchon beladen, kann den Gefchäften nicht beftändig obliegen; fein Leib würde bald entkräftet, 
feine Seele voll Unmuths werden, wenn er nicht bisweilen durch den Genufs der Ruhe und des Vergnügens geftärket und ermuntert würde. Nun ift 
kein heilfameres Mittel, das letztere zugleich lehrreich zu machen, als eine gereinigte, gelittete Schaubühne, deren Vervollkommnung ich als einen 
Theil des Nationalruhms betrachte. Alle Wiffenfchaften und die meiften bildenden Künfte entdecken nach dem Maafse, wie fie zunehmen, Wege, 
welche fie zur Verbefferung leiten, doch werden fie nie eine glänzende Höhe erreichen, wenn fie nicht erhabene Befchützer finden, die durch ihre 

* Die »Realzeitung« vom 11. Mai 1775 fchreibt: »Am Oftermontag wurde im Burgtheater zum erftenmale »Merope« nach Voltaire mit grofsem 
Beifalle gegeben. Die Vorftellung ift durch die Anwefenheit des gröfsten dramatifchen Dichters und Kunftrichters, des Herrn Leffing, der fich ein paar 
Wochen hier aufhält, merkwürdig geworden. Ihm zu Ehren ift auch zwei Tage darauf feine »Emilia Galotti« und am nächftfolgenden Tage »Der Haus- 
vater« von Diderot, deffen vortreffliche Überfetzung wir ihm gleichfalls zu danken haben, aufgeführt worden« 



197 

erwärmende Huld allen Hinderniffen ihres Fortganges einen undurchdringlichen Damm entgegenfetzen. Seit zehn Jahren hängen die öffentlichen 
Ergötzlichkeiten von verfchiedenen Unternehmern ab, die in ihren Entwürfen und Grundfätzen ebenfo verfchieden waren. Diefer (Kohäry) fuchte blofs 
aus Sinnlichkeit und lächerlichem Ehrgeize an der Spitze eines Corps zu flehen, das feinem Winke unterworfen war; ihm fehlte Kenntnifs und Einficht. 
Jener (Afflifio) zog die Zufriedenheit des Publicums nie in Betrachtung und folgte in feinem Plane nur einer gierigen Gewinnfucht. Kurz, jeder hatte ein 
befonderes Syftem, das, indem es nicht überdacht war, von keiner Dauer fein konnte. So gnädige und reichliche Beyträge der Allerhöchfte Hof der 
Unternehmung nach und nach zufliefsen liefs (durch die Hetze, das Feuerwerk, Entlaffung der franzöfifchen Bühne und der maskirten Bälle), fo wenig 
dachte doch diefe an eine glänzendere und würdigere Verbefferung. Sie entfernte vielmehr unter dem Vorwande einer ungegründeten Ökonomie die 
brauchbarften, beliebteften, verdienftvollften Künftler (Noverre, Poggi und mehrere). Sie erfetzte felbe ohne Erfparung mit SubjeiSten, die den 
Zufchauer mit Mifsvergnügen erfüllten, und zog fich dadurch gerechten Widerwillen, Abneigung des Publicums und folglich auch ihren Verfall zu. 

>Ich fchliefsä alfo aus den verfchiedenenAbwechfelungen, denen dasTheater feit zehn Jahren unterworfen war, dafs alle bisherigen Unternehmer 
der Anordnung öffentlicher Unterhaltungen theils aus Eigenfinn, theils wegen Mangel an Kenntniffen nicht gewachfen waren, und dafs fie umfoweniger 
den wahren Zweck unferer AI lerdurchl auchtigften Monarchen in Abficht der Ergötzlichkeiten in gehörige Betrachtung zogen. Und diefer 
Zweck follte der vorzüglichfte Gegenftand eines Vorftehers der öffentlichen Ergötzlichkeiten fein. Doch hiezu gehört ein Mann, der, entfernet vom 
Eigennutze, ohne Überrechnung feines Gewinnes, mit einem philofophifchen Auge das Verhältnifs des Beherrfchers mit feinem Volke betrachtet. 
Jeder Unterthan, der abwechfelnd Freude und Vergnügen fpenden darf, wird beim Muthe erhalten und erträgt Arbeit und Unfälle geduldig. Öffentliche 
Tanzplätze, Concerte, Spaziergänge, befonders gute Schaufpiele find die Mittel, das Volk aufgeräumt zu machen. Derjenige, der fich nun beftrebt, 
feine Mitbürger bei guter Laune zu erhalten, erleichtert dem Regenten die Regierungslaft, denn es wird leichter fein, feine Unterthanen in diefer 
Gemüthsverfaffung zu beherrfchen, als wenn fie unzufrieden wären. Wie wichtig ift alfo das Amt eines Vorftehers der öffentlichen Ergötzlichkeiten ! 
Das fühllofe Betragen, die geringe Achtung der Unternehmung gegen das Publicum hat gegenwärtig eine allgemeine Gährung entzündet. Die 
Leere der Schaufpielhäufer ift ein Beweis der Unzufriedenheit der Zufchauer. Nie würde der hiefige glänzende Adel feine beträchtlichen Beiträge 
zurückgezogen, nie auf fremde Schaufpieler fo heftig gedrungen haben, und Wien könnte bereits wie London und Paris eine unübertreffliche National- 
bühne befitzen, wenn die Unternehmungen mit mehrerer Wärme für die Unterhaltung der Zufchauer geforgt hätten. Da nun das Mifsvergnügen gegen 
diefelbe allgemein und auch keine Verbefferung zu hoffen ift, fo bleibt dem Patrioten nichts übrig, als der Wunfeh, dafs die Weisheit unferes 
menfehenfreundlichen Monarchen die verwahrlofte Schaubühne, diefen vorzüglichften Theil der öffentlichen Ergötzungen, nicht unter Seiner 
Sorgfalt halte.* 

»Es ift nicht zu hoffen, dafs ein Unternehmer, er fei auch wer er fei, dem Sitze des deutfehen Kaifers dauerhafte, würdige Schaufpiele 
geben könne, denn jeder wird Parteien wider fich haben. Nur die gefetzgebende Macht drängt alle Hinderniffe aus dem Wege, vor ihrem Blicke 
verfchwindet das Vorurtheil, der Parteigeift, und durch ihre ermunternde Huld kann dem Volke ein reineres, ein glänzenderes Vergnügen gewähret 
werden. Da das Theater im phyfifchen Verftande gut, und aus politifchen Gründen einer fo volkreichen Hauptftadt unentbehrlich ift, fo ift es nöthig, 
auf die Sittlichkeit desfelben ein vorzügliches Augenmerk zu werfen. Niemand als der Monarch hat die Kraft, die Verbreitung der guten Gefühle, 
die die Schaubühne erregen kann, zu befördern und die dabei beforglichen unfittlichen Gefühle durch eine nähere Berichtigung derfelben zu hindern; 
diefes gefchieht durch die Berufung eines Mannes, der die Stelle eines öffentlichen Lehrers vertreten kann.** 

»Setzt der Regent mit landesherrlicher Autorität einen öffentlichen Lehrer der dramatifchen Moral und Dichtkunft ein, fo werden unfähige Männer 
zurückbeben und fich anderen Arbeiten widmen, die mafchinenmäfsig behandelt werden können und weder Gelehrfamkeit noch Nachdenken fordern. 
Ein Leffing, der in feinen dramaturgifchen Werken unfere witzigen Nachbarn gründlich zergliedert, ihre Schönheiten und Fehler aufgedecket und 
felbft die beften Beiträge zur vaterländifchen Bühne geliefert hat, ift der einzige, dem die Anordnung der Schaufpiele anvertraut werden 
könnte. Seine gründliche Gelehrfamkeit, fein Alterthumsfhidium, feine Kenntniffe der Welt und des menfehlichen Herzens, feine überdachte Kritik, 
feine bekannte Rechtfchaffenheit machen ihn diefer Würde fähig. Auf den Ruf eines Pachters, der ihm für die Zukunft keine Gewähr leiften kann, wird 
fich diefer verdienftvolle Mann, der mit taufend Thalern der Wolfenbüttlifchen Bibliothek vorgefetzt ift und dort alle Bequemlichkeiten geniefit, freilich 
nicht hieher begeben. Da er, aus mehr als einem Gefichtspunkte betrachtet, der Bühne und auch dem Staate nützliche Dienfte leiften wird, fo ift er meines 
Erachtens hier eines ficheren doppelten Gehaltes werth. So fehr die gegenwärtige Theatralpachtung ökonomifirt, fo gibt fie doch jährlich gegen 7000 fl. 
Befoldungen an unfähige und unnütze Leute. Könnte nicht die Hälfte davon an einen Mann verwendet werden, der unferer Literatur Ehre machen 
würde ? Diefem Mann, der lediglich von den Be fehlen des Hofes abhängen mufs, kann erftlich die Cenfur der aufzuführenden Stücke ohne 
alle Beforgnifs übertragen werden, da er für die Güte derfelben forgen und nichts den Sitten, dem Staate und der Religion Nachtheiliges vor die Augen 
des Publicums bringen wird. Ihn der gegenwärtigen Cenfur unterzuordnen, hiefse dem Mann feinen Verftand abfprechen und 
würde feinen Geift niederfchlagen. Um des Vertrauens würdig zu fein, das man auf feine Fähigkeiten fetzt, wird er erftlich nichts überfehen, was 
wider die Gefetze und Pflicht der Cenfur läuft. Zweitens kann er mit einem Federzuge fchlüpfrige Gedanken eines fonft vortrefflichen Schaufpiels, 
welches die dermalige Cenfur verwirft und vielleicht nicht Kenntnifs und Fleifs genug hat, abzuändern, felbft verbeffern. Drittens würden die 
Neuheiten, die er auf die Bühne zu bringen gedenkt, nicht vorher verfchrieen, wie es bisher zum Nachtheile der Caffe gefchehen, da man oft noch vor 
der Vorftellung ganze Parteien wider Dichter und Schaufpiele erregt hat. Er, der nicht allein für die Anordnung, fondern auch für die Sittlichkeit der 

* Dazu bemerkt eine Note von anderer Hand: Die gegenwärtige Unternehmung handelt nach dem Dünkel eines Menfchen, der, mit anderen 
Gefchäften beladen, das Theater als eine Nebenfache betrachtet, einen fehr einfeitigen, fchiefen Gefchmack hat, Parteien unter Dichtern, Schaufpielern, 
Zufehern und Intereffenten erregt, fich zum Nachtheil des Guten zahlreiche Anhänger durch feines Bruders Gaftfreiheit erwirbt, Schaufpiele nach Gunft 
und widerfinnig befetzt, die Cenfur, der er zugleich in Theatralfachen beigeordnet ift, nach feinen Abfichten ftimmet, die Sitten durch fchlechte 
Überfetzungen modeln will, mit einem Worte, der einem fo wichtigen Amte nicht gewachfen ift. Diefer Mann und fein Untergeordneter, der den Namen 
eines Directors führt und der vaterländifchen Sprache nicht einmal mächtig ift, machen jährlich unverdient eine Lücke von 1800 fl. in der Caffa der 
kurzfichtigen Unternehmung. 

** Note von anderer Hand: Wir haben hier eine beträchtliche Menge kritifcher Müfsiggänger, auch eine grofse Anzahl junger Leute, die noch 
an keine Gefchäfte gebunden find, nicht weniger würde diefer Lehrftuhl verfchiedene fremde junge Dichter hieher ziehen; diefen könnten Vorlefungen, 
die einen fo grofsen Einflufs in die fchönen Wiffenfchaften und Künfte haben, nützlich und heilfam fein. Jeder, der folchen beywohnen will, foll gehalten 
feyn, ein gerin ges Eintrittsgeld zu erlegen, das zur Verbefferung des Theaters oder zum Fond einer Pe nfionscaffa für entkräftete Mitglieder 
der Bühne verwendet werden kann. 

50 



198 



j 

■ 



Bühne zu wachen halte, foll nun jeden 
Freytag felbftdasTheatjer betretten 
und abwechfelnd über die bellen drama- 
tifchen Werke der Alten und Neueren Vor- 
lefungcn halten, auch aus einem oder 
einigen in voriger Woche vorgeftelleten 
Stücke das verwickelte fittliche Gute oder 
Böfe, desfelben erfte Anfänge, Wachsthum, 
Reife, Folgen und Ende bis zum Gefühle 
entwickeln. Man habe denn Acht auf die 
Schaufpieler felbft und auf Zuhörer, denen 
der Eintritt in diefe öffentlichen Vor- 
lefungen geftattet würde und gewifs, 
man wird bei beiden Begriffe und Gefühle 
vom Theater herab in kurzer Zeit gar fehr 
vcrbeffert und endlich ganz berichtigt 
finden. Werden nun diefe und alle meine 
angeführten Bemerkungen theils gehoben 
und theils ausgeführt, fo lernt der Zu- 
fchauer das Theater fchätzen, der Schau- 
fpieler feinen Beruf näher kennen, und 
dann kann auf diefen Grund ein Syftem 
gefetzt werden, das alle vorhergehenden 
übertrifft und, im Ganzen betrachtet, einzig 
und allein gut ift. 

>So wie fich Leffing unter dem 
Präfidio des itzt zu Berlin ftehenden van 
Swieten oder eines anderen vorfitzenden, 
würdigen Cavaliers um die Aufnahme und 
die Ehre der Nationalbühne beeifern würde, 
fo viel könnte ein verdienftvoller Gluck 
zur Verbefferun g der Oper und der 
Mufik überhaupt beitragen. Diefe beiden 
Speclakel, dann mit Balleten von Nov erre 
begleitet, werden die Zufriedenheit des 
Publicums fattfam befördern, welches feinen 
Beytrag nicht, wie bisher mit Widerwillen, 
fondern mit Freude dazu hergeben wird. 
Ich theile die Privatunternehmer in 
drei Claffen, aufser welchen es keine gibt. 
Ein gewinnfüchtiger Unternehmer will 
diefen Vorfchlag nicht befolgen. Ein mit 

Schulden Beladeter kann ihn nicht befolgen. Ein Gefchmacklofer wird ihn nicht befolgen. Jedem Unternehmer diefer Art fehlt die gröfste, die 
Haupttriebfeder aller Unternehmungen: die allgemeine Liebe des Volkes. Wenn die öffentlichen Ergötzlichkeiten auf Befehl des Monarchen 
durch ein einfichtsvoll kayferliches Directorium verbeffert werden, wenn die gegenwärtige Verfaffung in eine dem fittlichen Vergnügen 
gewidmete Academie verwandelt wird, wenn der Bürger des Staates fieht, unfer Kayfer gewährt uns, nebft anderen unzähligen Wohlthaten, auch 
vollkommenere und würdigere Schaufpiele, welche Heiterkeit wird fich dann unter dem Volke verbreiten! Und wie viele Ausländer wird diefe wichtige 
Verbefferung hieherführen! Es könnte fcheinen, als erforderten diefe Vorfchläge einen beträchtlichen Zufchufs, allein nebft einer vorhergegangenen 
inneren, guten Oekonomie weifs der Verfaffer Wege zu aufserordentlichen Einnahmen anzuzeigen und wird in feinem Plane, den er auf allerhöchften 
Wink auszuarbeiten bereit ift, beweifen, wie allem Verlufte vorzubeugen wäre.« 

Das ift in der That ein gewaltiger und bedeutfamer Reform vorfchlag, deffen Realifirung eine 
Umwälzung der ganzen Wiener Theaterverhältniffe bedingt hätte. Gebier (wir nennen ohne weiteren 
Zweifel feinen Namen) will das Theater zum kaiferlichen Nationalinftitut, zu einer grofsen 
»Akademie« erklärt wiffen, dem ein durch Geburt und geiftige Qualitäten ausgezeichneter Cavalier 
präfidiren und drei Männer von ganz hervorragender Bedeutung als nahezu unumfchränkte Directoren 
vorgefetzt würden: Leffing als Direclor der Schaufpiele, zugleich als oberfter Cenfor, Dramaturg und 
Profeffor der Äfthetik und Dramaturgie, Gluck als Direclor der Oper, Noverre als Leiter der Ballete, 
alle drei unabhängig von finanziellen und ökonomifchen Sorgen, nur dem Hofe oder deffen Vertrauens- 
manne unterftellt, nur dem Hofe verantwortlich. Hätte man fich einen idealeren Zuftand denken können? 




CHR.F.VEIDNER 

als Königin Eli$abefh 
in,Gunct dej VCxv^zö,'. 



H.L. 



*. 



ü 



"uA*^ Juwirvrd' loJ bort ts Pjd ^».nvi/WV^ 7/Uto «r<?vW »wivvV/-«^ YKtSo OamtWc^ 

M\V . irstH-^^^^^ *v*J>J+S JTuPrl-S fcSu 9 yJ $T (fWIr^, **s 



1 trH -i fl ^ L i r»^ 



y<<7 -t n ?cr 



toi/viwt/ ^-ue^jfMß 







199 

So nahe das Wiener Schaufpiel einer Umwälzung im idealeren Sinne war, fo viel war vorläufig doch 
nicht zu erreichen. Leffing fpricht wohl in einem von Mailand 7. Mai 1775 datirten Briefe an feinen Bruder 
von »Ausrichten« in Wien; doch fagt er fchon in einem Briefe an Eva König (ddo. Venedig 2. Juni), 
mittelmäfsige Umftände in Wolfenbüttel würden für fie Beide vortheilhafter fein als noch fo glänzende 
in Wien. Nur auf dem bisherigen Fufse möchte er in Wolfenbüttel nicht bleiben, und deshalb will er 
»nicht Alles gar fo weit von fleh werfen, was man ihm in Wien antragen möchte.« Anbieten werde 
er fich gewifs nicht, »fondern in allen Stücken fich dafelbft fo zu betragen fortfahren, als er einmal 
angefangen«.* Ob fich Kaunitz befonders für das Leffing-Projecl erwärmt hat — wie die Leffing- 
Biographen zumeift annehmen — wagen wir zu bezweifeln. Der Kanzler war von der Notwendigkeit 
einer dominirenden deutfehen Bühne 1775 noch gar nicht überzeugt; gerade damals befchäftigte 
er fich abermals mit mannigfaltigen, mitunter recht fonderbaren Plänen, die franzöfifche Komödie, 
welche man fchon aufgegeben glaubte, neu zu beleben. Schon im December 1774 hatte Prinz Carl 
Liechtenftein im Namen einer nicht näher bezeichneten Societät dem Hofe einen merkwürdigen 
Vorfchlag über eine neue Theaterorganifation überreicht, und parallel mit diefem lief ein anderes Projecl, 
das auf eine gewaltfame Auflöfung der ganzen Kohäry'fchen Unternehmung abzweckte. Kaunitz war für 
diefe Gewaltmafsregeln nicht zu erwärmen und liels fich deshalb auf eine weitere Verfolgung der Sache 
nicht ein. Am 10. Februar 1775 aber wurde dem Grafen Kegle v ich ein anonymes »Memoire« über- 
reicht, welches die Rathfamkeit einer Neubelebung der zu früh entfchlafenen franzöfifchen Komödie 
darlegte. Die zwei Steine des Anftofses, an denen die Franzofen in Wien bisher fcheiterten, waren das 
gleichzeitige tägliche Spielen in zwei Schaufpielhäufern, was doppeltes Orchefter, technifches 
Perfonal u. f. w. bedingte, und dann das allzu koftfpielige Ballet, deffen Jahreskoften auf 65.000 fl. 
beziffert wurden. Dies werde — fo meinte der Anonymus — ungeachtet der Entlaffung Noverre's, auf 
Koften der anderen »Spec~takel« in feiner theuren Verfaffung erhalten und mache noch immer einen 
jährlichen Schaden von 45.000 fl. aus. Zur Rettung der Entreprife fchlug der Autor des Memoires 
dem Grafen Keglevich eine Reihe von Punkten vor, welche in der Befchränkung des deutfehen 
Schaufpiels auf das Kärntnerthortheater und Überlaffung des Theaters nächft der Burg für einige Tage 
der Woche an die »Societät der Abonnenten» gipfelten. 62 

Graf Keglevich antwortete zunächft mit einer Gegenfchrift vom 16. Februar, welche alle Vorzüge 
der Franzofen anerkannte, aber auch die fattfam bekannten Gründe betonte, die zu ihrer Verbannung 
geführt hatten. Den Vorfchlag, die franzöfifchen Vorftellungen entweder ganz einer »Societät« zu über- 
laffen oder gegen 35.000 fl. Jahresabonnement felbft zu übernehmen, wies er zunächft zurück, vertröftete 
aber auf einen neuen Entfchlufs, fobald er auf Grund genauer Rechnungen fein Calcul gemacht haben 
würde. Dann — am 25. April 1775 — überreichte er dem Fürften Kaunitz direel ein Promemoria, 
welches auf Grund des aufgehellten Rechenexempels die Unmöglichkeit darlegte, franzöfifche Schau- 
fpiele felbft zu unterhalten oder gegen jenen Abonnementsbetrag zu übernehmen, dagegen wolle er der 
Societät wöchentlich vier Tage im Hof-(Burg-)Theater zur Abhaltung folcher Vorftellungen auf deren 
eigene Koften und Gefahr überlaffen, unter der Bedingung, dafs der Unternehmung alle bisherigen 
Benefizien verbleiben, dafs fie nur ein Ballet, ein Orchefter und nur die für ein Theater nothwendigen 
Bedienfteten zu erhalten habe und alle Überflüffigen abdanken dürfe. Das neue Abkommen follte mit 
Oftern 1776 in Kraft treten und für die noch übrigen drei Pachtjahre der Kohäry'fchen Unternehmung in 
Kraft bleiben. 

Diefe Idee befchäftigte Kaunitz und feine Gefinnungsgenoffen einige Monate hindurch. In den 
Aclen der General-Intendanz findet fich ein mit Bleiftift gefchriebener Entwurf eines Plebiscits an Wiens 
Bürgerfchaft, »d'un citoyen de cette Ville, qui s'est toujours fait un plaisir de se rendre utile ä ses 
concitoyens«. Diefer Bürger fragt kalten Bluts »toutes les personnes du public, qui savent le francais«,ob 

* G. E. Leffing's rämmtliche Schriften, herausgegeben von C. Lachmann, XII. Band 1840. 

50* 



200 

und wie es möglich fei, Wien ein franzöfifches Theater wiederzugeben. Kaunitz findet nichts, was 
nicht gerecht und vernünftig in diefem Plebiscit fei. Man falle viermal der Woche mit einer fahr guten 
Truppe fpielen. Herren und Damen müfsten fo gut fein, wie man fie nirgends, aufser in Paris, finde. Sie 
müfsten alle Tragödien und Komödien, Einige auch komifche Opern fpielen können. So eine Gefell- 
fchaft würde 45.000 fl., Orchefter, Decorationen u. f. w. 1.500 fl. koften. All' diefe Calculs verflogen 
fchliefslich; die ftändige franzöfifche Bühne in Wien war nicht mehr zu erneuern, des Burgtheaters 
harrten andere Beftimmungen. Dafs aber Kaunitz abermals fo angelegentlich auf feine franzöfifchen 
Lieblingsprojecle zurückkam, fpricht wenig für die Annahme, dafs er fich für den Leffing-Plan Gebler's 
fonderlich erwärmt hätte, d. h. für einen Plan, in welchem neben Leffing, Gluck und Noverre kein 
Repräfentant der Franzofen genannt war. Befonders ermuthigend war auch Leffing' s Verhalten in Wien 
für die fchönen Vorfätze jener Männer nicht, die von ihm die endgiltige Reform unferer Bühne erhofften. 
Beinahe ängftlich lehnte er die nähere Berührung mit den mafsgebenden Perfönlichkeiten, auch eine 
Diner-Einladung des Fürften ab, reifte am 5. Jänner 1776 ab und liefs — wie Gebier klagt — lange 
Zeit feine Wiener Freunde gar nichts mehr von fich hören. Höflich war dies gerade nicht, befonders dem 
armen Staatsrath gegenüber, der in Demuth und Begeifterung für ihn keine Grenzen kannte und feine 
Ergebenheit fo oft durch Thaten bewiefen hatte. Wenn Leffing nicht der erfte Direclor des reformirten 
Burgtheaters geworden ift, fo war es wohl in erfter Linie feine Schuld: an Liebeswerbungen und 
herzlichem Entgegenkommen hat es wahrhaftig nicht gefehlt. 

Die Umwälzung der Theaterverhältniffe im Sinne einer grofsen Reform war trotzdem zur Zeit der 
Abreife Leffings nahe, genau fo nahe wie der Zufammenbruch der von Keglevich adminiftrirten 
Kohäry'fchen Unternehmung. Graf Keglevich fachte im Februar um die Enthebung von feiner fahr 
undankbaren und fahwierigen Function als Curator der Kohäry'fchen Theatralpachtung an und 
begründete dies Anfachen damit, dafs »die Ausgaben für das verfloffene Jahr (1775) noch mit 14.01 1 fl. 
unbedeckt feien, er diefe Summe nicht aufzubringen vermöge, die Hypothekar-Gläubiger aber einen 
weiteren Vorfchufs verweigerten. Es bleibe ihm deshalb nichts Anderes übrig, als über das Kohäry'fche 
Theatralvermögen den ordentlichen Concurs anzuordnen und die Theater von den mit dem 
Personali aufhabenden Contracten zu entledigen«; der Hof werde dann auf die Fortfetzung der 
mufikalifchen Akademien (in den Faften) und der Theatervorftellungen nach Oftern bedacht fein 
muffen, eine förmliche Licitation für die Übernahme des Theaters auf die noch übrigen drei 
Kohäry'fchen Pachtjahre ausfchreiben, der Kohäry'fchen Mafia die Caution von 36.303 fl. 54 kr. 
zurückftellen, und endlich das Vefiiarium und die übrigen Effecten abzulöfen haben. Der Fall war 
äufserft dringend. Wohl fiel die Kataftrophe gerade in die Faftenzeit, in welcher nur die fagenannten 
»mufikalifchen Akademien« eine Stockung erleiden konnten; aber vom 9. März, jenem Tage, von 
welchem der Vertrag der ofterreichifchen Juftizfielle über das Keglevich'fche Gefach datirt, waren 
nur mehr vier Wochen bis zu der nothwendigen Wiedereröffnung der Wiener Theater. Sollte man 
den Scandal zulaffen, dafs die Refidenz überhaupt ohne Theater wäre? Die Juftizfielle erklärte im 
Einklänge mit der niederöfterreichifchen Regierung die Theaterunternehmung für rechtlich erledigt; fie 
liefs die Frage unerörtert, durch weffen Schuld die Kataftrophe eingetreten fei, erklärte aber den Hof als 
durchaus berechtigt, das Theaterwefen durch eine für den Pächter aufzuftellende Adminiftration beforgen 
zu laffen und fich entweder zur eigenen Übernahme oder anderweiten Verpachtung zu entfchliefsen. 
»Ich begnehmige das Einrathen«, refolvirte Kaifer Jofeph II., »jedoch dergeftalten, dafs die 
Theatral-Entreprife fchriftlich auf alle möglichen Anfprüche oder Forderungen ex capite 
sui contractus förmlich entfage.« 

Diefe Entfagung erfolgte alsbald; und mit 22. März 1776 erflofs die kaiferliche Genehmigung des 
Vorfchlags der oberften Juftizftelle und die denkwürdige Verfügung des Monarchen über die Zukunft 
des Burgtheaters. 




i 
S 






CO 

v 

< 
- 

X 

— 

M 

q 

O 

i — i 

CO 



£ 

2 

£ 



201 
Die Refolution lautet: 

»Der Contract ift eingerathene rmafsen für erlofchen zu halten, mithin von nun an der gänzliche Abfchnitt zu machen, gehalten 
der Hof einige Adminiftration zu übernehmen oder fonflen einige Verbindlichkeit aus diefem ContraSt, wen es immer betreffen möge, mehr ftattzugeben 
keineswegs gedenket. Was hiernach die Übernahme fowie die Cridae-Behandlung anbelanget, wird die Oberfte Juftizftelle das Weitere der rechtlichen 
Ordnung nach zu verfügen wiffen. Wie es fodann mit den hiefigen Spectakeln nach geendigten Faften gehalten werden folle, darüber habe 
unmittelbar Meine Befehle dem Ob erftho fmeifteramte und der Regierung ertheilet.« 

Der Kaifer hat, wie wir aus diefer Refolution erkennen, feine Willensmeinung über die Wandlung 
der Wiener Theaterverhältniffe direcl und perfönlich jenen Behörden mitgetheilt, welche feine Befehle 
durchzuführen berufen waren. Das Oberfthofmeifteramt war in diefer Hinficht an die Stelle der Behörde 
getreten, welche wir als die Generalfpecrakel-Direction oder Mufikcavalierfchaft kennen gelernt haben. 
Graf Wenzel Sporck, der letzte Inhaber diefer Würde, hatte fie nach feiner Ernennung zum Statthalter 
Galiziens am 13. April 1775 in die Hände des Elften Oberfthofmeifters Fürft Johann Jofeph zu Kheven- 
hüller niedergelegt; diefer alfo war dazu erkoren, die bedeutfamen, ganz perfönlichen und fpontanen 
Entfchliefsungen des Regenten entgegenzunehmen und als Oberauffeher der Theaterangelegenheiten 
durchführen zu helfen. Das Markante in diefen kaiferlichen Entfchliefsungen ift, dafs fie zum erftenmale 
dem deutfchen Schaufpiel die Alleinherrfchaft in jenem Haufe vindicirten, welches zur Kaiferburg 
gehörte und bisher das bevorzugte Heim der »fremden Spectakel« gewefen war. Die hiftorifche 
»deutfche Schaubühne« Wiens, das Kärntnerthortheater, intereffirte Jofeph IL weniger; diefes Haus 
follte beliebigen Unternehmern zu beliebigen Vorftellungen gewidmet bleiben. 

Mit dem Syftem der alten Theater-Privilegirung wurde gebrochen; es wurde »allgemeine 
Spectakelfreiheit« proclamirt. Das Burgtheater trat in die unmittelbare Hofregie, das Kärntnerthor- 
theater wurde gratis, ja nach Mafsgabe der Würdigkeit fogar mit »Beifchüffen«, an annehmbare Truppen 
vergeben. Im Burgtheater follte die nationale Truppe ihr Heim haben; es follte fortan das National- 
theater der Kaiferftadt fein. Eine Zeitlang fchwankte man, ob man es wirklich wagen dürfte, dem 
deutfchen Schaufpiel die Gefellfchaft des Ballets zu entziehen; noch in den allerletzten Tagen der 
Kohäry'fchen Pachtung war Keglevich nahe daran, den zwei Jahre vorher nicht eben zum Vortheile 
des Gefchäfts entlaffenen Xoverre neuerdings zu engagiren, und das Wiedererfcheinen des »Göttlichen«, 
die Begeifterung der Wiener für ihn, legte diefes Engagement der Theaterleitung befonders nahe. Aber 
die Deutfchen follten ganz deutfch, fie füllten unabhängig von jeder fremden Beigabe werden, wenn 
man auch felbft in gut »national« gefinnten Kreifen an die Möglichkeit einer folchen dauernden 
Unabhängigkeit nicht glaubte. Ebenfo fchwankte der Kaifer, ob er den deutfchen Schaufpielern das 
Burgtheater zur eigenen, felbftändigen Verwaltung überlaffen oder fie dem Hofe unterftellen follte. 
Schliefslich wurden fie zu »k. k. National-Hoffchaufpielern« erklärt und als folche in des Kaifers 
Dienfte genommen. Wann diefe Erklärung erfolgt ift, der denkwürdige Tag der »Proclamirung«, ift 
leider nicht klar feftzuftellen. Die kaiferliche Refolution auf den Vertrag betreffs der Übernahme 
der erledigten Theater datirt, wie wir gefehen, vom 22. März; fchon am 17. Februar 1776 aber wurde 
— wie der Schaufpieler J. H. F. Müller, ein perfönlicher Theilnehmer der Scene, erzählt — die 
ganze deutfche Schaufpielergefellfchaft zum Erften Oberfthofmeifter Fürften Khevenhüller befchieden. 
Dort las der Hoffecretär v. Mercier den Verfammelten ein Schriftftück vor, wornach 

»Se. Maj. der Kaifer geruheten, das Theater nächft der Burg zum Hof- und National theater zu erheben; von nun an müfsten nichts 
als gute, regelmäfsige Originale und wohlgerathene Überfetzungen aus anderen Sprachen darin aufgeführt werden, in der Wahl der Stücke follte man 
nicht auf die Menge, fondern auf die Güte derfelben Bedacht nehmen; die Schaufpieler müfsten fich freimüthig erklären, wie oft fie wöchentlich fpielen 
könnten, da Se. Maj. wohl einfehe, dafs das Auswendiglernen Zeit und Mühe brauche.« 

Hierauftrat Madame Weidner, welche als fchöne Lorenzin gewiffermafsen die erfte reguläre Actrice 
in Wien gewefen war, vor und erklärte als Senior der Truppe: »Ich glaube feft, jeder von uns wird die 
Allerhöchfte Huld mit allerunterthänigfter Dankbarkeit erkennen. Wir wurden unter manchen bisherigen 
Pächtern bitter gekränkt und fpielten doch mit Ausnahme des Freitags alle Wochen fechsmal. Sollten 



202 

wir jetzt, da uns unfer allergnädigfter Monarch in feinen Schutz nimmt, wenigerarbeiten?« — Und alle 
riefen begeiftert: »Wir fpielen fechsmal!« Fürft Khevenhüller brachte diefe Bereitwilligkeit zur Kenntnifs 
des Kaifers, den die Arbeitsfreudigkeit der neuen k. k. Hof- und National-Schaufpieler fehr befriedigte. 
Das war, wenn Müller das Gedächtnifs für diefe Vorgänge nicht ebenfo getäufcht hat, wie feine fehr 
ungenauen Leffing-Erinnerungen, die feierliche Aufnahme der deutfchen Schaufpieler in des Kaifers 
Dienft. Am 8. April (Oftermontag) des Jahres 1776, nach der, einer ftrengen künftlerifchen Vorbereitung 
gewidmeten Faftenzeit, öffneten fich die Pforten des Burgtheaters zum erftenmale in diefer neuen, 
kaiferlichen Zeit dem Publicum; das Burgtheater war »neugeboren«. Vorbei waren die Jahre häfslicher 
Wirren im Schoofse fpeculativer oder unfähiger Unternehmungen, die böfen Kämpfe um das tägliche 
Brot des Theaters, überwunden waren die offenen und geheimen Feinde des deutfchen Schaufpiels in 
der Kaiferftadt, der Monarch felbft hatte das Machtwort gefprochen, welches die Widerfacher desfelben 
verftummen machte. »Jeder Patriot mufs fich darüber freuen«, fchrieb Gebier fröhlich an Nicolai, dafs 
unfer deutfcher Jofeph die Xationalfchaubühne zu feinem Hoftheater erklärt hat. Er wird gewifs 
fo lange keine Franzofen in feinen Sold nehmen, als nicht auch zu Versailles deutfche Schaufpiele 
aufgeführt werden . . . .« Ja, es war eine grofse künftlerifche, aber auch eine bedeutfame nationale 
That, welche der Kaifer vollbracht hatte. Deutfche Sprache, deutfche Sitte und deutfcher Gefchmack 
follten fich an diefem Inftitute bilden, darin Läuterung und Stärkung finden. Wien, die Stadt der 
HabsburgTchen Träger der römifch-deutfchen Kaiferkrone, follte auch das Centrum des Strebens und 
Schaffens auf dem Gebiete der dramatifchen Dichtkunft und der deutfchen Schaufpielkunft werden. 
Wie das Burgtheater die Miffion begonnen und vollführt hat, das werden wir nun zu erzählen haben. 
Noch ift die Epoche des Ringens nicht völlig überwunden, noch gibt es fchwere Arbeit zu vollbringen, 
um das erneute Burgtheater über mannigfache Unklarheiten und Mängel feiner Organifation, über 
literarifche Kinderkrankheiten und die Gefahren einer engherzigen Perfonalpolitik einzelner führender 
Künftler hinauszuheben; aber der verheerende und verzehrende Kampf um die Exiftenz war befchworen, 
die deutfche Schaubühne in Wien war aus dem Schlamme, in welchem fie unberufene Leiter verfinken 
zu laffen drohten, emporgehoben, fie war auf eine neue, fefie Grundlage und unter den unmittelbaren 
Schutz des Kaifers geftellt, in dem Haufe diefes Monarchen fefshaft geworden. Nun hatte fie fich 
würdig zu zeigen des grofsen Namens und Ranges, den ihr Jofeph II. gegeben; das deutfche Schaufpiel 
Wiens mufste beweifen, dafs es feinem Doppel-Namen gerecht zu werden vermochte: es war in der 
kaiferlichen Burg ein deutfches Nationaltheater. 




ANHANG 



ZUM ERSTEN HALBBANDE. 



ANMERKUNGEN. 



II! 

i >Die Theatralimprefa ift ihrer Schuldigkeit gemäfs befehäftiget, das refpectable allhiefige Publicum mit betten Spectaclen von allerley Gattung 
zu bedienen; vor allem Anderen aber verdienet die National-Schaubühne allen Vorzug, dahero auch nebft denen dermal habenden bekannten guten 
Acteurs zwey Fremde, welche fich einen ganz befonderen Ruhm erworben haben, bereits angekommen find. Man hat auch die günftigen L'mftände 
nicht verfäumt, um in Stand gefetzet zu werden, die dem Publico jederzeit fehr angenehm gewefte Opera buffa auf den beften Fufs zu fetzen und 
dahero die fehr befchwehrlichen Koften nicht geachtet, man hat auch die gegründete Hoffnung, den berühmten Ballet-Compofitorem Herrn N'overre zu 
überkommen, folgfam kein Zweifel fürwalten kann, dafs die Ballets ohnverbefferlich ausfallen werden. Ein kleinerer, jedoch fehr anfehnlicher Theil 
des ausländifch und inländifchen Publici hat jederzeit ein befonderes Verlangen gezeiget, auf der Schaubühne franzöfifche Spectacles aufgeführt 
zu fehen, das ift in Tragifch- und Comifchen Vorftellungen und Operen comiquen. Obwohlen bekanntermafsen das franzöfifche Spectakel in Betreff des 
Gewinns vor die Imprefa als eine Laft angefehen werden kann, fo hat man fich jedoch aus Ehrerbietigkeit auch diefem Anwurff mit grofsen Freuden 
geluget, folchergettalten, dafs fich die Imprefa fchmeichelt, den allgemeinen Beifall zu erhalten und dafs das refpectable Publicum das ihrige beitragen 
wird, damit man in Stand gefetzet werde, die Bürde fortzutragen. Damit aber das Publicum fowohl durch fehr billige Abonnirung feinen Vortheil 
finden könne, als um den Rifico der Imprefa zu vermindern, fo wird von folcher dem Publico folgende Art geziemend vorgefchlagen : Die abonnirten 
Logen in beiden Theatris werden um 150 fl. jährlich erhöhet; dieweilen aber die verfchiedenen Vorftellungen wechfelweifs in beeden Theatris werden 
aufgeführet werden, fo wird Jeder, fo die Logen verpachtet hat, ein Billet auf feine Perfon bekommen in alle Parterre und auf alle Balls. Wenn aber 
mehrere, wie es dann und wann gefchiehet, ein Logie in Societät abonniren, fo wird fich die Imprefa in Betref des neuen zugeftandenen 
Vortheils allem fügen, fo man ihr an Hand lafsen wird, wenn nur allezeit eine und nicht mehrere Perfonen zur nemlichen Zeit fich derfelben bedienen. 
Diefe geringe Erhöhung kann demnach nicht als ein neuer Laft, fondern als eine Begünftigung angefehen werden. Es wird weiterhin eine Abonnirung 
von 55 Perfonen eröffnet, welche gegen Erlegung von jährlich 104 Duc ; , das ift, mit quartalligen 26 Duc. antieipato folgende Vorzüglichkeiten zu 
geniefsen haben werden: 1. Dafs die Abonnirung nicht auf die Perfon, fondern auf die Billets befchiehet, dahero 2. denen Theilnehmenden, fo viel als 
Spectacles und Ball in einem Tag gegeben werden, freye Billets, von welchen ein jeder nach Belieben disponiren kann, übernommen wird. 3. Dafs in 
Hinkunft in dem Theatro bey der kayf. Burg nicht mehr gefperrte Seffel feyn werden als die Zahl der Abonnirten ausmachen wird. 4. Damit aber alle 
Bevortheilung und Partheilichkeit vermieden werde, fo wird die Auswahl der Logen fowohl, als der Plätze jenen überlaffen werden, fo fich die erftere 
zur Abonnirung unterfchreiben werden . . . Jeder männiglich wird den Unterfchied diefer Abonnirung von felbften einfehen, indem in vorigen Zeiten 
eine Perfon in dem Theatro bey der Burg vor feine Perfon allein 56 Duc. bezahlt hat und folches dermalen auf Billets vor alle Spectacles befchiehet. 
Nachdem nun die Imprefa mit grofsem Rifico die anne hmlichtte Vorfiellungen auf den beften Fufs fetz et, fo verfehet fich diefelbe, dafs die 
Eigenthümer der Logen fowohl als alle übrigen Liebhabern nicht allein Antheil nehmen werden, fondern dafs man in Hinkunft nicht Urfach haben 
wird, zum gröfsten Schaden der Imprefa ohnen tgeltlich die Spectacles zu befuchen.« 

2 »Die bey der kaiferl. königl. privilegirten von Hil verdingifchen Theat ralimprefa fich befindliche Direktion macht dem Publikum kund, 
dafs fie fich auf das äußerfle befireben wird, bey den Schaufpielen, welche den zweyten Oftertag wieder ihren Anfang nehmen, alle Sorgfalt zu tragen, 
felbe auf alle nur mögliche Art abwechfeln zu machen, und die Veränderungen darinn dergeftalten zu beobachten, dafs das Vergnügen des Publikums 
nach eines Jeden Gefchmacke immer erneuert, und vervielfältiget werde. Die Zahlung des Eintritts und die Abtheilung der Plätze ift auf 
folgende Art: 1. Der Preiß auf dem Noble Parterre wie bishero 1 fl. 25 kr., auf dem andern Parterre wie bishero 24 kr., im dritten Stock wie 
bishero 40 kr., im vierten Stock wie bishero 20 kr., im fünften Stock wie bishero 10 kr. Der Eingang zu den Etagen ift allein rechter Hand über die 
Schneckenfliegen, worüber niemand ohne Aufzeigung eines Billets paffiert werden wird, die Abgabe des Billets aber gefchieht auf dem Eingange des 
bezahlten Platzes. 2. Der Preifs der Logen und derfelben Abbonirung bleibt wie bishero, und ift befferer Bequemlichkeit halber die äußere Stiegen 
linker Hand, um dahin zu kommen, gewidmet. 3. Auf dem Noble Parterre werden Abonnirungen angenommen und bezahlen diejenigen, die fich 
auf das ganze Jahr abonniren, 150 fl. in halbjährigen Ratis vorhinein, die eine Helfte zu Ofiern, die andere zu Michaeli. Diejenigen hingegen, die fich 
nur monatweife abonniren, bezahlen vorhinein monatlich 20 fl. Sollte fich jemand, der fchon eine Loge abbonirt hat, auch auf dem Noble Parterre 
abonniren wollen, fo werden in folchem Falle jährlich 75 fl. erleget. 4. Alle diefe abonnirte Perfonen haben aber bey der Caffe die Eintrittsbillete 
abzunehmen, und folche dem Billeteinnehmer einzuhändigen. 5. Bey dem Theater nächft der Burg wird keine Abonnirung angenommen, 
fondern der Eintritt ift wie im Kärnthnerthortheater täglich zu bezahlen.« 

5 In diefem Sinne lautet folgende von Kaunitz eigenhändig mit Bleiftift copirte Aufzeichnung des Kai fers (in Arneth >Maria Therefia« 
Band 9 mitgetheilt): »Pour les spectacles je ne puis me reiterer que je crois de toute facon glorieux et convenable de dire, que l'Etat les regardant 
comme des vetilles et les Souverains n'en faisant pas fete et ne les frequentant que comme un pis-aller, que l'on ne contribuera en aueune facon que 
par les theätres et agremens dejä aecordes aux entrepreneurs, joints aux obligations qui y sont attachees, ä tout speetacle qui subsistera dans cette 
capitale, laissant aux entrepreneurs, ä la noblesse et aux amateurs la pleine liberte de tenir speetacle quelconque qui soit dans les bornes de la bonne 
police, sans faire d'exception depuis Polichinel jusque aux pieces dramatiques de Grecs, et la liberte de la langue comme de la musique, et qu'il sera 
egal que Vestris se presente ou qu'un Marano? saute . . . Enfin, aueune gene; que la Police et les conditions qu'ont ä cette heure pour bien des baga- 
telles les entrepreneurs avec aueune retribuition quelconque, en acquit, ni Privileges portant prejudice ä quelque autre arrangement, on gagne paix.« 
— Maria Therefi a fandte das Billet an Kaunitz mit den Worten: »vous me r'enverois tout de suite ce billiet; c'est une reponse ä ma demande 
pour le speetacle Francois«. 

* »Pour vous seule. On m'at montre votre papier hier soir. On at donne une reponse ce matin, que je n'ais pas vue; qu'on m'at dit de vous charger 
de finir avec equite et agrement avec affligio. Tout ce qui en arrivera, je ne voudrois pas que vous soyez ä la tete des spectacles. Un honet hommc 
d'ici je voudrois avoir qui pourroit me r'assurer sur cette mauvaise engence, mais jamais que cela passe sous votre nom ou celui de Staremberg; vos 
noms sont trop respektables et cheres pour les confondre avec ce qu'il y a des plus vil dans la monarchie.« 

■■> Nach den von dem Vorftande des k. u. k. Kriegsarchivs Feldmarfchall-Lieutenant von Wetzer über meine Bitte angeordneten Erhebungen 
hatte Giufeppe d'Afflisio noch keine lange Dienftzeit hinter fich, als er am 4. Februar 1754 als einfacher Volontär »in Anbetracht einiger Zeit her 
geleifieter treuer und eifriger Kriegsdienfte« die Capitänlieutenants-Charge im Tiroler Feld- und Land-Regiment (heute Infanterie-Regiment Nr. 46) vom 
Grafen Edling um 4000 fl. erkaufen durfte. Dem Grafen war die Bewilligung ertheilt worden, Charge und Stelle zu veräufsern, wenn er hiefür ein 
tüchtiges Subjectum namhaft machen könnte, und d'Afflisio hatte nebft diefer Charge noch die Zuficherung der nächft vacant werdenden Compagnie 
im Regimente erhalten. Das Anfuchen d' Afflisio's um Verlängerung feines Urlaubs wurde nicht bewilligt; er mufste (Hofkriegsrathsprot. 1755, Prot, in 
Fol. 307, Febr.) fofort einrücken. Trotzdem ging er im Auguft auf Urlaub und erhielt eine Prolongation desfelben bis Juni 1755. Vor Auguft 175.5 
Scheint er, wie die Acten befagen, beim Regiment aufgetaucht zu fein, ging aber bald wieder mit Urlaub nach Frankreich und mufste im Februar 1756 



nach vergeblichen Yerfuchen. weitere Urlaubsverlängerungen zu erhalten, einrücken. Nun bat er um den Obrifllieutenant-Charakter mit der Uniform 
des Tiroler Regiments, wogegen er fich bereit erklärte, auf feine Capitänlieutenants-Charge und die Compagnie-Anwartfchaft zu verzichten. Diefes 
:-.lich unterfertigte, in den Acten erliegende Gefuch Afflisios, in welchem er verfichert, auf eigene Koften in den öfterreichifchen Landen zu ver- 
n, bis die Kaiferin-Königin feiner Dienfte benöthigen würde, wurde durch den Prinzen von Hildburghaufen wärmftens unterftützt und auf des 
Prinzen »fehnfüchtiges Verlangen« bewilligt. Der fchriftliche Revers, auf jedes weitere Verlangen und jede adive Anftellung zu verzichten, wurde von 
der Kaifenn nachgefehen, aber mündlich mufste diefes Verfprechen gegeben und in den A6ten vorgemerkt werden, »damit künftighin d'Afflisio allezeit 
auf dieses abgewiefen werde«. Hildburghaufen und Afflisio mufsten die Giltigkeit diefes protokollarifchen Vermerks bekräftigen. Damit trat d'Afflisio, 
welchen die Kaiferin in dem Befehl vom 30. April als geborenen Neapolitaner bezeichnet, endgiltig aus kaiferlichen Dienften, erfcheint jedoch im 
O&ober 1756 nochmals, in den Hofkriegsraths-Protokollen. Unter einem falfchen Namen nach Wien gekommen, hatte er eine Frau von Zehe zu 
entführen verfucht und war, um dies zu verhindern, am 13. 06tober in Haft genommen und in das Stockhaus gebracht worden. Mit ihm zugleich 
waren fein Diener Cafpar Lins und das Stubenmädchen der Frau von Zehe, Chriftine Vogl, arretirt worden. Ende November wurde d'Afflisio unter der 
Bedingung wieder freigelaffen, dafs er fich jedes Umganges mit Frau von Zehe enthalte und feinem Diener den rückftändigen Lohn bezahle. Nun 
verfchwindet Afflisio aus den Hofkriegsacte n, um 11 oder 12 Jahre fpäter in den Th eater-Act e n wieder aufzutauchen. 

6 Schon als der »Jude Abraham Lopez Dias« als Pächter des von Anton Galli-Bibiena und Corradini erbauten Hetz-Amphitheaters unter den 
Weifsgärbern eintrat (1738), hatten die Theaterunternehmer Borofini und Selliers über Beeinträchtigung durch die »Hätz« geklagt, die dann zu einer 
jährlichen Abfuhr von 1200 fl. an das Theater verhalten wurde. Nun aber war am 25. Jänner 1768 der langjährige Hetzpächter Franz de Fraine 
geftorben und die gute Gelegenheit gekommen, das ganze Amphitheater mit dem wirklichen Theater zu vereinigen. Wohl lag ein Gefuch der Witwe 
Magdalena de Fraine um Übertragung des Privilegiums auf ihre Person vor, flugs aber war auch Giufeppe d'Affiifio zur Hand. »Graf Chotek!« — fchrieb 
Kaifer Jofeph II. am 4. Februar 1768 an den Kanzler Grafen Chotek — »Eine Auskunft. Afflifio begehret es auch.« Chotek wufste nun allerdings wenig 
Schmeichelhaftes von de Fraine's Wittib zu fagen, welche durch Confifiorialfpruch von diefem gequälten Mann gefchieden und auch aller Alimen- 
tationsrechte losgefprochen worden fei. Da nun die Supplicantin fich gegen ihren Mann derart boshaft und unruhig betragen habe, dafs er wegen ihrer 
Raferei und üblen Wirthfchaft mehr als einmal dem Verderben nahe gewefen und nicht mehr zum Cohabitiren mit ihr zu vermögen gewefen fei — fo 
wäre es fchon ex causa publica nicht gerathen, einem fo bösen Weibe die Hetzdire&ion zu übertragen.« Dagegen fei der Theaterdire&or vermöge 
feines Contraftes befugt, nebft allen Gattungen von Speclakeln auch die Hetzen abzuhalten; es wäre alfo fein Gefuch zu berückfichtigen; der Kaifer 
fchrieb fofort fein Placet auf Chotek's Referat und am 12. Februar 1768 wurde Afflifio das nicht unintereffante Privilegium für das Hetz-Amphi- 
theater ausgeftellt. Das Privilegium hat folgenden Wortlaut: »Wir Jofeph der Änderte u. f. w. bekenne öffentlich mit diefem Brief u. thue kund 
Jedermänniglich, wafsgeftalten Uns Unfer Obriftlieut. u. Lieber Getreuer Jofef d'Afflis io als dermaliger Pachtinhaber der hiefigen Theatralfchaufpiele 
in aller Untertänigkeit gebeten habe, womit Wir als Mitregent der gefammten Erbkönigreiche und Landen, das den Carl Defraine geweft allhiefigen 
Hetzhalter unterm 20. Jäner des 1766. Jahrs und unter Unferer höchft eigenhändiger Unterzeichnung gnädigft ertheilte Hetz-Privilegium nach deffen 
jüngft erfolgtem Ableben nunmehr Ihme d'Afflisio allermildeft zu verwilligen und zu übertragen geruhen möchten. Wann wir nun folch des Supplicanten 
allergn. Vorftellung und Bith gnädiglich angefehen, als haben Wir mit wohlbedachtem Muthe, gutem Rathe und rechtem Wiffen Ihme Jof. d'Afflisio und 
feinen vorgedachten Theatral-Pachtungs-Affociirten die befondere Gnade gethan und denfelben das vorhin von dem Carl Defraine innegehabte, mit deffen 
Tod aber erlofchene Privilegium gnädigft ertheilet und übertragen, dergeftalten, dafs Er d'Afflisio und feine bemeldete Affociirte durch diejenige Zeit, fo 
lang Sie in dem Befitz und Genufs des dermaligenTheatral-Pachtungs-Contraits fich befinden werden, allein und Niemand anbey allerh and wi ld e und 
fremde Thiere zu hetzen befuegt fein follen, mit der ausdrücklichen Bedingung und Verfehung jedoch, dafs Erftens Er d'Afflisio und die Theatral- 
Pachtungs-Affociirten das von dem abgelebten Defraine unter den Weifsgärbern errichtete ganze Hetzgebäude, mit den vorhandenen Thieren und 
Hunden auch die fämmtlichen Hetzgeräthfchaften denDefrainifchen Erben um die unpartheyifche gerichtliche Schätzung baar abzukaufen und abzulölen, 
mithin die künftigen Hetzen an eben diefem Orte und fonft nirgends anderswo abzuhalten, hiernächft aber das forgfältigfte Augenmerk dahin zu tragen 
haben werden, auf dafs fovvohl die Gaden und Gallerie des Amphitheaters, als auch die Behältniffe der wilden Thiere auf das ftandhaftefte verfichert, 
folgends die Zufchauer aufser Gefahr und Schaden gefetzet werden mögen. — Zweitens wird zwar ihme d'Afflisio und feinen Theatral-Pachtungs- 
Affociirten freiftehen, fo viele Hetzen des Jahrs hindurch abzuhalten, als Er für dienlich findet, doch folle hievon die grofsen Hauptfeiertage ausgenommen 
feyn, an den übrigen Sonn- und Fe\ r ertagen aber die Hetzftunden alfo eingerichtet werden, dafs die Andachten in der Kirche nicht geflört werden. — 
Drittens habe d'Afflisio und Affociirte für folch in unbefchränkter Anzahl abhalten mögende Hetzen alljährlich ein Paufc hquantum von 300 fl. 
in das allhief. Zucht- und Arbeitshaus richtig abzuführen und endlichen Viertens alle mögliche Sorge unter eigener Dafürhaftung zu tragen, dafs bei 
A brichtung der Feuerhunde oder in anderem Wege den benachbarten Inwohnern durch das Feuer kein Schaden zugefüget, überhaupt aber 
bey den Thiergefechten nichts vorgeftellet werde, wodurch die Wohlanftändigkeit, Zucht- und Ehrbarkeit des Publici beleidiget werden könnte. Wie fich 
dann hiebei von felbft verliehet, dafs durch die HundekeinRofs oder Efelgehetzt werden folle, damit Sie nicht andurch Reit- od er Wagenpferde 
anzufallen die Begierde überkäme. — Gebieten darauf allen und Jeden Unfern nachgefetzt geiftl. und weltl. Obrigkeiten, jetzig und künftigen Statthaltern, 
Landmarfchallen, Prälaten, Grafen, Freyen, Herren, Rittern, Knechten, Hauptleuten, Vögten, Pflegern, Burggrafen. Landrichtern, Bürgermeifiern, Richtern, 
Räthen, Bürgern, Gemeinden und fonft allen anderen Unfern Unterthanen und Getreuen fo gnädiglich und ernftlich und wollen, dafs Sie mehrernannten 
Jofeph d'Afflisio und Affociirten bey diefer Unferer ihm auf die Zeit des mit demfelben dauernden Theater-Pachtungs-Contrafts ertheilten Gnaden und 
Freiheiten ruhiglich und ungeftört bleiben laffen, dabei, wie verflehet, kräftigft fchützen, fchirmen und handhaben, darüber nicht befchwären noch dafs 
jemand anderen zu thun geftattet und in keiner Weis und Wegs als Lieb einem Jeden fei, unfere fchwere Ungnade und Strafe zu vermeiden, dafs meynen 
Wir ernft mit urkund dies Briefs, befiegelt mit Unferem k. k. und erzh. anhangenden gröfseren Infiegel, der gegeben ifl in Unferer Relid. Stadt Wien den 
12. Monatstag Februarii im 1768. Unferer Reiche im 4. Jahr. Jofeph. (Aften d. Min. d. Inn.) 

7 Der Direktor beklagt fich darüber, dafs aus den vier ftipulirten Wochen, für welche Zeit er das franzöfifche Theater (Burgtheater) zu 
Dispofition des Hofes halten follte, 57 Tage geworden feien; dadurch habe er 20 Spieltage verloren. Die ftipulirten zwei Bälle im deutfehen (Kärntner- 
thor-) Theater habe er an zwei aufeinanderfolgenden Tagen, alfo mit Verluft geben muffen. Das Ballet, das er, um des Hofes Glanz zu erhöhen, auf 
den koftfpieligflen Fufs gefetzt und durch das Engagement (Noverre's) des beften Balletmeifters Europas, Mr. Simonet, feines würdigen Schülers, Mr. 
Pick, fowie der Mdlle. Biretti und das Hrn. Trancard vermehrt habe, habe er folange dem Hofe zur Verfügung ftellen muffen, dafs er für das Publicum 
nur in einem einzigenTheater elende (de tres miserables) Ballets geben konnte. Ebenfo habe er bei derOper durch die Hoffefte effektiven Schaden erlitten. 
Er erwarte von der Gerechtigkeit des Hofes Entfchädigung und Hilfe, fonft gehe er feinem Ruin entgegen. — Graf Sporck antwortete umgehend und fcharf. 
Der Hof, erklärte er, habe d'Afflisio für die Schönbrunner Vorftellungen und das Freitheater reich entfehädigt und ihm die ganze, dafür angefchaffte 



Ausftattung gefchenkt. An dem fchlechten Zuftande der Ballele fei der Hof unfchuldig; das beweife die Fortdauer diefes Zuftandes. Der Direktor möge 
nur dafür forgen, dafs er für die übrige Vertragszeit gute- Schaufpiele, namentlich eine gute franzöfifche Truppe habe. Die Ausgabe von mehr als 
40.000 fl. per Jahr und die geringe Erhöhung der Einnahmen werde allein den Mafsftab für das bieten, was der Hof für die Unternehmung thun werde. 
Er werde deren Unklugheit entfchuldigen und ihren guten Willen anerkennen. Würde aber die Unternehmung dies nicht als eine befondere Gnade des 
Hofes anerkennen, fo würde die Juftizftelle die Rechtspunkte fixiren, und diefes Departement würde dann die Direktion zur Klarftellung ihrer 
Forderungen zwingen. 

8 Das Gefuch lautet: »Sacree Majeste Imperiale! Le Lieut. Col. d'A. a l'honneur de representer ä V. M. J. Que V. S. M. par un effet de 
sa Clemence a bien voulu accorder au Sr. Hilverding de Vewen, l'Entrepr. des Speäacles de cette Capitale, dont le Supliant est le Gerant l'exemption 
pour 2 ans de la comedie Fan9aise, qu'il s'etait oblige de donner sur le theätre pres de la Cour, pendant toute la Duree de son bail. Que 
les malheurs redoubles, qui lui sont arrives, au commencement de son Entreprise, lui ayant fait essuyer des pertes considerables, il se trouve dans le 
cas, de ne pouvoir pas se soutenir, sans encourir sa ruine, qui seroit d'autant plus promte et assuree s'il etoit oblige de faire les fraix immenses, que 
le Speclacle francais traine avec lui. Que dans de si facheuses circonstances il a recours ä la bonte et a la Clemence de V. M. J. le supliant tres 
inftamment de daigner etendre l'exemption susdite ä toute la Duree de son bail.« (General-Intendanz-Archiv.) 

9 Die Lifte nennt folgende Kräfte, unter fteter Angabe der Bezugsquelle und befonderer Qualitäten: 1. Röles: Du Fresny, le meilleur de la 
province ä Bordeaux. Mdmes. Camely (Lyon), Derrones (Toulouse), Mdlle. Monrose (Bordeaux), Mdlle. Grossier (Bordeaux). — 2. Röles: Crux 
(Mannheim), Jargeffe (Besancon — chante joliment), Menville fils (Grenoble), Lamery (Lyon), Baron fils (Montpellier — chante joliment), Durcet 
(Orleans). Mdlles. Beaubourg (Munich), Chapuisseau (Besan9on — chante), Itus (Lyon), Honorine (Marseille) et Baron (Montpellier — chantent bien) 
Derrones (Toulouse) et Beaubourg (Orleans — chante joliment). — 3. Röles: Rois, peres nobles, financiers, princes, manteaux, paysans. Hommes 
Belval, Chevalier et Valeville (Ratisbonne — mediocre), Chapuisseau pere (Besan90n), Camely (Lyon), Dericourt (Marseille), Donis (Toulouse). — 
Femmes: Reines, confidentes, carafteres Mdme. Chapuisseau (Besan90n), Baron (Montpellier), Beaubourg (Orleans). — Premiers comiques 
Hommes : Soule (Varsovie), Mouval ä Besancon (chante les röles de Caillot), Deville (Lyon). — Femmes: premieres soubrettes: Mdmes. Ricquit (?) 
Beauplan (Besan90n), Restier (Bordeaux), Brunet (Marseille). NB. En fait premiere Soubrette on a pris un engagement avec Mdme. Noverre, qu'on dit 
excellente. — 2. comiques. Hommes: Caron (Strassbourg), Scablon (Besan9on — chante les röles de la Ruette), Gouville (Lyon), Henry (Marseille). 
Romainville (Bordeaux), Deu(?) (Bordeaux — chante passablement). Utilites: Hommes: Lächere (Ratisbonne), Le Sage, Goyon, Girard (chantent). — 
Mdlles.: Martin (Strassbourg) et Chapuisseau cadette ä Besan9on. 

io »Pour avoir ensuite une bonne comedie, il faut etablir des bons reglements pour les repetitions, qu'il faut exiger frequentes, et bien 
suivies. Autrement avec une bonne troupe on a une mauvaise comedie, teile qu'elle a toujours ete ä Vienne, faute de reglements et de subordinat. 
J'oserai raeme dire, faute d'intelligence, ou si on veut d'attention; car les acleurs se conduissaient ä leur propre volonte, et dans tous les cas ou il 
falloit l'autorite, on ne s'occupoit que des accomodements pour contenter tout le monde; car on s'etoit lie les mains dans les combats — inconvenient 
ä eviter a tel prix que ce soit. Tout ce que je viens de dire ne suffit point encore pour avoir la bonne comedie; il faut un travail continuel et une 
assistence sans relache. Sans quoi peu a peu les desordres s'etablissent, et les remedes sont inutiles. Les acleurs s'assemblent tous les matins au 
theätre ä Paris. Ils repetent, ils concertent les situations dans la scene; ils le fönt d'eux memes sans y etre excites; car le Theätre est pour leur 
compte. II faut ä Vienne un Superieur, qui Les y contraigne et qui ne Les indispense jamais; et sa presence ä ces assemblees est surtout 
necessaire.« (Gen. -Int. -Archiv.) 

ii Am 9. Auguft 1768 richtet Kaunitz folgendes Billet an Calzabigi: »J'ai lu, mon eher C, le tres absurde billet du Mr. Afflisio, qui croit 
apparement que du galimathias peut m'en imponer. Je vous avoue que je ne suis pas assez fin pour comprendre le sublime de sa manaeuvre; mais ce 
que je vois en echange, sans avoir besoin de lunettes, c'est qu'il me parait bien hardi, pour ne pas dire insolent, qu'apres nous avoir laisse ouvrir une 
souscription et nous avoir temoigne qu'au moyen de secours considerable de 24 m fl. il garderoit, ainsi que de raison, sans difficulte la comedie 
fran9oise, il ose declarer dans son Billet, que meme avec cette somme il ne pouvoit ni ne vouloit s'en charger, et vous charger de me faire savoir, que 
c'est lä son dernier mot. Basta, il me suffit de le savoir, et je prendrai desormais d l'egard de tout ce qui a rapport ä cette matiere des Theätres, les 
partis qui me paroitront les plus convenables, et les plus appropries ä la justice, et au Bien public. Je suis tout ä Vous, Mons. Calzabigi etc. 

12 Davon zeigt folgendes Billet Kaunitz' an Afflifio vom 23. Auguft 1768: >Mr., Vous ferez convoquer au plutöt tous les sujets des deux 
sexes dont est composee la Trouppe des Comediens fran9ois, qui est afluellement en cette Ville, et Vous leurs direz de ma part: Que dans 48 
heures, au plus tard, un chaeun d'eux me remettra sans faute le Repertoire detaille de son emploi, aux termes de son Engagement, et par lui 
signe. Je compte, que personne n'y manquera, et je Vous prie de ne pas differer l'Execution de cet Ordre, afin que je puisse, sans autres delai, prendre 
des mesures en consequence. Je suis, Mons., Votre tres humble Serviteur-K. 

is Das »Wiener Diarium« verzeichnet feinen Tod einfach: »HerrGottfried Prehaufer, A£teur im teutfehen Theater im Kärntnerthortheater, Stein- 
metzhaus alt 70 Jahre.« Und in Nummer 9 vom Jahre 1769 fagt es: »Am 29. Jänner ift allhier verdorben Herr Gottfried Prehaufer. Der Verluft diefes 
rechtfehaffenen Mannes wird umfomehr allgemein bedauert, als er in feiner Art der einzige war; er hat durch 46 Jahre unfere teutfehe Schaubühne faft 
täglich in der luftigen Rolle betreten und durch eine fo lange Zeit mit fo viel Eifer, Abwechslung und Munterkeit gefpielet, dafs er fich dadurch den 
vollkommenften Beyfall von dem Allerhöchften Hofe, dem hohen Adel und dem ganzen Publikum mit Recht erworben hat. Man ift feiner niemalen 
müde geworden, fondern, da er unfere deutfehen Schaufpiele allezeit belebet, hat man ihn täglich mit gröfstem Vergnügen und Freude die Schau- 
bühne betreten gefehen, ja fogar die Fremden, die unferer Sprache nicht kundig find, haben ihn mit gröfstem Beyfall bewundert. Wir muffen daher 
feinen Verluft umfomehr bedauern, als unfere deutfehe Schaubühne durch ihn ein un erfetzliches Mitglied, das gemeine Wefen aber 
einen rechtfehaffenen und ehrlichen Mitbürger verloren hat.« 

i* Das »Wiener Diarium« fchreibt am 27. September 1766: »Joach. Wilh. von Brawe haben wir in der Blüthe feiner Jugend verloren. »Der 
Freigeift«, ein bürgerliches Trauerfpiel, das er im 18. Jahre feines Alters verfertigt hat und das in die Bibliothek der fchönen Wiffenfchaften, 2. Stück, 
2. Band eingerückt ift, ift Alles, was wir von ihm haben. Ohngeachtet feiner Fehler entdecket man Schönheiten, die uns was Grofses von ihm hoffen 
liefsen. Man verfichert, dafs er noch ein ausgearbeitetes Trauerfpiel »Brutus« hinterlaffen habe.« Auch diefer »Brutus« kam fpäter zur Aufführung. 

is Nachricht an dasPublicum 25. Februar 1769. »Das angenehmfte, das lehrreichfte, das unfchuldigfte Vergnügen für die 
Bürger eines Staates ift unftreitig eine wohl eingerichtete Schaubühne. Ift diefe Bühne national, macht fie die herrfchenden Lafter 
und Thorheiten verächtlich und lächerlich, fo wird diefes Vergnügen um defto mehr erhöhet, und auch der niedrigfte Bürger lernt das wahre Gute und 
Schöne kennen, der gute Gefchmack verbreitet fich auf die ganze Nation. Die Direction des deutfehen Theaters erkläret hiemit dem gefammten 



VI 

Publicum, dafs fie fich aus allen Kräften beftreben wird, diefen Endzweck in feinem ganzen Umfange zu erreichen, das N ationa! th eat er zu einer 
Höhe emporzuheben, der es nur nach der Lage der Umftände fähig feyn kann, und es des Sitzes der Kaifer, eines erleuchteten Adels, eines 
empfindungsvollen Publicums, und der Hauptftadt Deu tfchlands würdig zu machen. Sie wird alfo weder .Mühe noch Kulten fparen, die gefchick- 
teften Schaufpieler und Schaufpielerinnen nach Wien zu ziehen und vorzüglich hier eine Pflanzfchule zu errichten. Aufser den braven Leuten, die 
lie bereits befitzet, ift fie fchon fo glücklich gewefen, gefetzte, gefittete Männer von Talenten und Wiffenfchaften zu erhalten, die fich aus Berufe, aus Lull 
und Neigung dem Theater gewidmet haben. Nicht dem Gelehrten allein, man ift auch dem geringften Bürgerein Vergnügen nach feiner Art fchuldig, 
jeder Mcnfch will fich nach derfelben ergötzen. Es muffen alfo alle Gattungen dramatifcher Stücke auf der Bühne herrfchen, von der heroifchen 
Tragödie an bis auf das Niedrigkomifche; eine beftändige Abwechslung ift die Würze der menfehlichen Vergnügungen. Vorzüglich wird man fich beftreben, 
den Gefchmack in Abficht auf das Nationaltheater auszubilden, und dabey das wahre Komifche, das fich unter dem unferem eigenen Jahrhunderte Hang 
zum Rührenden beynahe in allen Nationen zu verlieren feheint, aufrecht zu erhalten. Man wird Sorge tragen, deutfehe Originale, gute Überfetzungen 
derbeflen ausländifchen Dramen, alles auf deutfehem Boden gepfianzet, auf unfere Bühne zubringen. Und nicht allein gute Stücke, auch vortrefflich e 
Balle te werden das Vergnügen des Publicums vollkommen machen, da ein Noverre es mit Tänzen unterhalten wird, mit Tänzen, die mit allen, 
diefem Meifter ganz eigenen Schönheiten prangen werden. »Diefes grofse Unternehmen, ein N ational theate r zu gründen, und dadurch 
die Nation zu verherrlichen, erfodert den Beyftand dramatifcher Schriftfteller und die Aufmunterung von unferer Seite. Die Belohnungen follen keine 
Preife auf das befte Stück feyn. Die Leipziger, und fowie uns dünkt, auch die Hamburger hatten einstmals Preife ausgefetzet. Die erften erhielten 
einmal einen Freygeift, einen Codrus; endlich ftritten Barbaruffa und gar Gafforio um den Preis. Eines müfste man krönen, und wenn es auch ein 
fchlechtes unter andern fchlechtern wäre; wer wollte fich nun mit den Autoren und Kunftrichtern in einen fo wenig rühmlichen und oft ewigen Streit 
einladen, wenn fie, jeder nach feinem eigenen Gefchmacke, Vorurtheile oder Eigenliebe ein Stück für vortrefflich hielten oder in Schutz genommen 
hätten, das man nicht krönen könnte, weil man das Vergnügen des Publicums dabey zu Rathe ziehen müfste! Dafs man noch jedem Autor fein Stück, 
wenn es nicht gekrönet wird, zurückgeben mufs, fobald er es fordert, ift ein neuer Grund wider die Ausfetzung der Preife, und ein neues Hindernifs 
zur Erreichung unferer Ablichten. Da man alfo auf diefe Art feinen Zweck ficher verfehlen würde, hat man für gut befunden, einen andern Weg 
einzufchlagen. Man lädt nämlich auswärtige und vorzüglich einheimifche Autoren auf das feyerlichfte ein, an dem deutfehen Ruhme zu arbeiten 
und ihre Bey träge an den Director Franz Heufelden einzufenden. Man erbiethet fich zu einer, dem Werthe des Stückes angemeffenen 
Belohnung, hundert und mehr Gulden für ein Stück, zu geben, fobald man es auf die Bühne bringet. Findet man diefe cingefendeten Stücke 
der öffentlichen Vorftellung nicht würdig, fo wird man in dem neuen Theatralblatte, das bis Oftern erfcheinen wird, die Urfachen davon anzeigen, 
oder den Autoren auch, wie fie es verlangen, Privatnachrichten ertheilen. Man wird fich bey dem Durchlefen diefer Stücke gänzlich dem Eindrucke 
überladen, den fie auf uns haben und den fie auf das Publicum machen können, weit entfernt von allem Stolze, von aller Eigenliebe, von aller 
Partheylichkeit, von allem einfeitigen Gefchmacke. Man preifet den dramatifchen Dichtern am allernachdrücklichften Handlung, immer ein wenig 
viel Handlung, gut ausgearbeitete Charaktere, eine jedem Charakter angemeffene gute Sprache an, und bittet fie, das Lokale, fo viel als möglich, zu 
vermeiden, wenn es nicht vorzüglich auf die Sitten Wiens anfpielet . . . Endlich erfucht man das Publicum, da wir erft noch einen geringen Weg in 
diefer Laufbahn zurückgelegt haben, diefes Jahr nur als eine Vorbereitung zur Ausführung diefes weitläufigen Plans und künftiger Unter- 
nehmungen anzufehen. Man wiederholet blofs noch einmal, dafs man nichts in der Welt unterlaffen wird, was zur Aufnahme des Nationaltheaters 
etwas beytragen kann. Wien den 25. Hornung 1769. — Die Direction des deutfehen Theaters. 

16 Nach der Erzählung des Hoffchaufpielers Lange foll Steigente fch einft mit fcharfgefchliffenem Dolche einen Collegen in ernfter Abficht 
derart geftochen haben, dafs er fchwer verwundet ward. Bei der gerichtlichen Unterfuchung erklärte Steigentefch die Sache durch eine Verwechslung 
der Dolche. Eine vielerzählte Anekdote (auch Wurzbach theilt fie mit) befagt, Steigentefch habe feinen Collegen Weiner derart gequält, dafs diefer 
einft den Ausfpruch that: >Diefer Menfch wird mich felbft im Tode nicht in Ruhe laffen.« Thatfächlich ftarben Beide 1779 an einem Tage und wurden 
gleichzeitig in ihren Särgen zur Einfegnung in die Barnabitenkirche (St. Michael) gebracht. Dabei glitt der höher flehende Sarg Steigentefch' herab 
und fiel erfchütternd auf jenen Weiner's nieder .... Steigentefch hat mehrere Luftfpiele aus dem Franzöfifchen überfetzt. Der Sohn Steigentefch', 
Andreas, wurde geadelt und war churmainzifcher Directorialgefandter in Regensburg; deffen Sohn war der bekannte dramatifche Dichter, Generalmajor 
Auguft Freiherr von Steigentefch. 

■' »Bibl. der oft. Lit. I. Band, Wien, Trattnern 1769. — Das Repertoire, das diefelbe Bibliothek aus den Monaten März und April mittheilt, 
zeigt als erfte Vorftellung der neuen Epoche, nach Ausmerzung der extemporirten Burleske, das Krüger'fche Luftfpiel >Der blinde Ehemann«, als 
Novitäten das fünfailige Luftfpiel >Der Graf von Olsbach« von Brandes mit den bekannten Debüts (1. April), »Die junge Indianerin-, Luftfpiel in 1 Act 
von Champfort und »Der geprügelte Teufel« oder »Die übelgerathene Verkleidung«, mit Arien in 2 Acten von Krüger (6. April), »Der Herzog Michel« 
von Krüger (dasfelbe Stück, das Goethe als Student in Leipzig im Schönkopf'fchen Haufe aufführte, er als Herzog Michel, Käthchen als Hannchen) und 
vorher »Der Misogyn oder die verfpottete Weiberfeindfchaft« von Leffing (10. April), Voltaires »Nannine« (17. April), »Die Trauer«, Luftfpiel in 1 Act 
und vorher »Der fehende Blinde«, Luftfpiel in 2 Acten von Le Grand (24. April), »Crispus«, ein deutfehes Original-Trauerfpiel von dem berühmten Herrn 
Weifl'e (4. Mai). — Sonft fah man noch in diefer Zeit »Julie« von Heufeld. Voltaires »Alzire« (mit Frau Abt in der Titelrolle) und »Zayre«, Leffings 
»Minna von Barnhelm«, Destouches »Der poetifche Landedelmann«, Goldoni s »Pamela als Frau« u. A. — Aus den folgenden Monaten führt man 
an: Klemm's »Die Wohlthaten unter Anverwandten«, Weiffe's Singfpiel »Lottchen am Hofe«, Einrichtung von Heufeld; »Das Duell«, Luftfpiel von 
Jefter; »Das neugierige Frauenzimmer«, Luftfpiel von Goldoni; »Der verlorene Sohn» nach Voltaire von Zimmermann; »Rhynsolt und Saphirä«, 
Schaufpiel von Martini; »Der Triumph der guten Frauen«, Luftfpiel von J. E. Schlegel; »Trau, fchau, wem« Luftfpiel von Brandes, »Das Mündel«, 
Luftfpiel von Fagan ; »Der politifche Wagnermeifter«, Luftfpiel nach Holberg von Heufeld; »Eraft oder der ehrliche Strafsenräuber«, Schaufpiel von 
Gefsner; »Die neue Agnese«, Luftfpiel von Löwen; »Der Poftzug« oder »Die noblen Paffionen« von Ayrenhoff. 

"> Nachricht: Die Schaufpieldirection von dem Theater nächft der Burg glaubt dem Publicum den Vorgefchmack geben zu muffen, dafs Her- 
rn ontags, den 27. lauffenden Märzens die Schaufpiele, wie im vorigen Jahre ihren Anfang nehmen werden, mit dem alleinigen Unterfchied, daß 
anftatt der fonlt gewöhnlichen deutfehen Schaufpiele, jedesmal, wenn kein franzöfifches gegeben wird, mit einer wälfehen Opera wird abgewechfelt 
werden. Die Gefellfchaften der Franzöfifchen und Italienif chen Schaufpieler beliehen noch aus den nämlichen Gegenftänden, die im ver- 
floffenen Jahre dem Publicum alles Genügen zu leiden fchienen, welche man auch aus eben diefer Urfache beyzubehalten für gut befunden; ja man 
hat diefe Gefellfchaften mit neuen Gliedern, die man als die beften überall ausgeftochen, dergeftalten vermehret, dafs man alle Urfache hat, von ihrer 
Gefchicklichkeit das Befte zu hoffen. In Betreff der Balle te glaubte man, dafs fie mehr abwechslend feyn würden, wenn für die verfchiedenen Gattungen 
derfelben auch verfchiedene Erfinder beftellet wären; zu dem Ende wird Hr. Regina die Ausführungen der comifchen, Hr. Pitrot, deffen Fähigkeiten 



VII 

hier fchon bekannt find, die Erfindung der heroifchen oder ernfthaften auf fich haben, und man fchmeichlet (Ich auch (wenigftens auf eine Zeitlang) 
auch den Hrn. Boucqueton, berühmten churpfälzifchen Balletmeifier, hier zu geniefsen. Mit einem Wort, die Direktion, die bisher, fowohlin Anfehung 
der Menge und Eigenfchaft der Tänzer, als in Anfehung des Gefchmackes der Kleider und Auszierungen, nichts vernachläfsiget hat, wird auch in 
Hinkunft ihre Sorgfalt in diefem Falle verdoppeln, um den Beyfall des Publicums zu verdienen. Die Abbonirungen bleiben wie im vorigen Jahr, 
weswegen man die Güte haben wird, an den Logenmeifter fich zu wenden. Montags, den 27. März 1769. 

»9 All erun terth änigftes Pro Memoria : Es ift unnothwendig, den grofsenEinflufs umftändlich vor Augen zu legen, den die Schaubühne auf 
die Sitten, auf die Denkungsart, den Gefchmack, und, wir dürfen hinzufetzen, auch den Ruhm einer Nation hat. Die allerhöchfte Zufriedenheit, womit 
das Beftreben, die deutfche Bühne von dem fittenlofen Wuft und den unanftändigen Poffenfpielen zu reinigen, belohnet worden, mufs jedermann zum 
Beweife dienen, dafs Eure May. diefen Theil der öffentlichen Ergützung der Aufmerkfamk e i t eines Regenten nicht unwürdig fchätzen. 
Es war mit Rechte, dafs Deutfchland über die Unanftändigkeit unfrer Schaufpiele das Haupt fchüttclte, zu einer Zeit, wo platte Einfälle ftatt wahren 
Witzes und Zweideutigkeiten ftatt feiner Gedanken beklatfchet wurden. Die fogenannten extemporirten Stücke konnten keine andere Waare auf die 
Bretter bringen. Bender hatte patriotifchen Eifer genug, die Verbefferung unferer Schaubühne auf feine Koften zu unternehmen, und wir Schaufpieler 
fämtlich boten willig zu einem Vorhaben die Hände, wobey wir unfern Stand in eine Achtung einfetzen konnten, die ihm ftets gebühret haben würden 
wenn Poffenreifser, die man mit Schaufpielern in eine Claffe warf, ihn nicht erniedrigt hätten. Die grofse Mühe, fo viele Stücke einzuftudiren, ward uns 
durch den Beyfall rechtfchaffener Männer und den Gedanken, dafs wir den Sitten und dem Gefchmack einigen Dienft erwiefen, erleichtert; es gelang 
uns, unfere Mitbürger von Oftern an bis itzt mit regelmäfsigen Stücken zu unterhalten und das Vergnügen derfelben mit dem Anftande und Witze zu 
vereinigen. Aber ein unglücklicher Umftand fcheint nun unferer Bühne den traurigften Rückfall zu drohen, da Gluck, welcher in 
Abwefenheit Affligios die Leitung der Theater übernommen, darauf verfallen, die wandernde Truppe, welche bis jetzt in der Leopoldftadt 
durch die unanftändigfte Poffenreifserey den Pöbel angelockt, auf dem Theater nächft dem Kärnthnerthor ihre Fratzen, wie es verlautet, fchon diefen 
Dienftag vorftellen zu laffen. Wir wollen nicht erft erwähnen, dafs diefes Unternehmen der allerhöchften Verordnung Ihrer May., Schmutz und Unfinn 
der extemporirten Stücke von der Bühne ewig zu bannen, entgegen fey; aber wodurch immer kann Gluck diefes fein Vorhaben bemänteln? Wenn 
durch Eurer May. preifswürdige Sorgfalt für die Ergötzung der Nation bey einer künftigen Aenderung vier deutfche Stücke wöchentlich 
aufgeführt werden füllen: fo werden wir Schaufpieler, der Ehre der Nation und dem Gefchmack zum Beften, diefe Mühe gern über